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Full text of "Vorlesungen uber Pathologie"

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Vorlesungen 


über 


PATHOLOGIE 


▼on 


RUDOLF  VIRCHOW. 


Brsttr  Bai4t 

Die  Cellolar- Pathologie  in  ihrer  Begrflndnng  auf  physiologische 

und  pathologische  Gewebelehre. 


Tiefte  Aifltge. 


Berlin,  1871. 

Verlag  von  Angast  Hiröchwald. 


Unter  dco  Maden  No.  68. 


Die 


CELLULARPATHOLOGIE 


in  ihrer  BegründuDg  aaf 


physiologische  iind  pathologische  Gewebelehre, 


dargestellt 


▼on 


RUDOLF  VIRCHOW, 

ord.  off.  Profetsttr  der  patbologiacbcD  Anatomie ,  der  allgemeioeo  Pathologie  and  Therapie 
an  der  UniTertität,  Director  de^„^«ttallBflUchen  loetitut«  nod  dirigirendem  Arste 


■t 


▼ierte,  nen  bearbeitete  atia  stark  ▼ermehrte  Auflage. 


Mit  157  Holzschnitten. 


Berlin,  187L 

Verlag  von  Angnst  Hirschwald. 


Unter  den  Linden  No,  68. 


Der  Verfaiser  behalt  »ich  dm-*  Recht  <!cr  Uebertetiuag  lo  fremd«  Spraehui,  besondert  la'f 

Englische  und  Franzötiecbe  vor. 


Vorrede  zur  ersten  Auflage. 


Die  Vorlesungen,  welche  ich  hiermit  dem  weiteren  ärztlichen 
Pnbliknm  vorlege,  wurden  im  Anfange  dieses  Jahres  vor  einem 
grösseren  Kreise  von  Collegen,  zumeist  praktischen  Äerzten  Ber- 
lin's,  in  dem  neuen  pathologischen  Institute  der  Universität  ge- 
halten. Sie  verfolgten  hauptsächlich  den  Zw^eck,  im  Anschlüsse 
an  eine  möglichst  ausgedehnte  Reihe  von  mikroskopischen  De- 
monstrationen eine  zusammenhängende  Erläuterung  derjenigen  Er- 
fahrungen zu  geben,  auf  welchen  gegenwärtig  nach  meiner  Auf- 
fassung die  biologische  Doctrin  zu  begründen  und  aus  welchen 
auch  die  pathologische  Theorie  zu  gestalten  ist.  Sie  sollten  ins- 
besondere in  einer  mehr  geordneten  Weise,  als  dies  bisher  ge- 
schehen war,  eine  Anschauung  von  der  cellularen  Natur  aller 
Lebensvorgänge,  der  physiologischen  und  pathologischen,  der  thie- 
rischen  und  pflanzlichen  zu  liefern  versuchen,  um  gegenüber  den 
einseitigen  humoralen  und  neuristischen  (solidaren)  Neigungen, 
welche  sich  aus  den  Mythen  des  Alterthums  bis  in  unsere  Zeit 
fortgepflanzt  haben,  die  Einheit  des  Lebens  in  allem  Organischen 
wieder  dem  Bewusstsein  näher  zu  bringen,  und  zugleich  den 
ebenso  einseitigen  Deutungen  einer  grob  mechanischen  und  che- 
mischen Richtung  die  feinere  Mechanik  und  Chemie  der  Zelle  ent- 
gegen zu  halten. 

Bei  den  grossen  Fortschritten  des  Einzelwissens  ist  es  für 
die  Mehrzahl  der  praktischen  Aerzte  immer  schwieriger  geworden, 


VI  Vorrede  zur  ersten  Auflag«. 

sieh  dasjenige  Haass  der  eigenen  Anschannng  zn  gewinnen,  wel- 
ches allein  eine  gewisse  Sicherheit  des  Drtheils  verbürgt.  Täglich 
entschwindet  die  Möglichkeit  nicht  bloss  einer  Prüfung,  sondern 
selbst  eines  Verständnisses  der  neueren  Schriften  denjenigen 
mehr,  welche  in  den  oft  so  mühseligen  nnd  erschöpfenden  Wegen 
der  Praxis  ihre  beste  Kraft  verbrauchen  müssen.  Denn  selbst 
die  Sprache  der  Medicin  nimmt  nach  und  nach  ein  anderes  Aus- 
sehen an.  Bekannte  Vorgänge,  welche  das  herrschende  System 
seinem  Gedankenkreise  an  einem  bestimmten  Orte  eingereiht  hatte, 
wechseln  mit  der  Auflösung  des  Systems  die  Stellung  und  die 
Bezeichnung.  Indem  eine  gewisse  Thätigkeit  von  dem  Nerven, 
dem  Blute  oder  d-jm  Gefässe  auf  das  Gewebe  verlegt,  ein  passiver 
Vorgang  als  ein  activer,  ein  Exsudat  als  eine  Wucherung  erkannt 
wird,  ist  auch  die  Sprache  genöthigt,  andere  Ausdrücke  für  diese 
Thätigkeiten ,  Vorgänge  und  Erzeugnisse  zu  wählen,  und  je  voll- 
kommener die  Kenntnies  des  feineren  Geschehens  der  Lebensvor- 
gänge wird,  um  so  mehr  müssen  sich  auch  die  neueren  Bezeich- 
nungen an  diese  feineren  Grundlagen  der  Erkenntniss  anschliessen. 

Nicht  leicht  kann  Jemand  mit  mehr  Schonung  des  Ueberlie- 
ferten  die  nothwendige  Reform  der  Anschauungen  durchzuführen 
versuchen,  als  ich  es  mir  zur  Aufgabe  gestellt  habe.  Allein  die 
eigene  Erfahrung  hat  mich  gelehrt,  dass  es  hier  eine  gewisse 
Grenze  gibt.  Zu  grosse  Schonung  ist  ein  wirklicher  Fehler,  denn 
sie  begünstigt  die  Verwirrung:  ein  neuer,  zweckmässig  gewählter 
Ausdruck  macht  dem  allgemeinen  Verständnisse  etwas  sofort  zu- 
gänglich, was  ohne  ihn  jahrelange  Bemühungen  höchstens  für  Ein- 
zelne aufzuklären  vermochten.  Ich  erinnere  an  die  parenchymatöse 
Entzündung,  an  Thrombose  und  Embolie,  an  Leukämie  und 
Ichorrhämie,  an  osteoides  und  Schleimgewebe,  an  käsige  und 
amyloide  Metamorphose,  an  die  Substitution  der  Gewebe.  Neue 
Namen  sind  nicht  zu  vermeiden,  wo  es  sich  um  thatsächliche  Be- 
reicherungen des  erfahrungsmässigen  Wissens  handelt. 

Auf  der  anderen  Seite  hat  man  es  mir  schon  öfters  zum 
Vorwurfe  gemacht,  dass  ich  die  moderne  Anschauung  auf  veraltete 
Standpunkte  zurückzuschrauben  bemüht  sei.  Hier  kann  ich  wohl 
mit  gutem  Gewissen  sagen,  dass  ich  eben  so  wenig  die  Tendenz 


Vorrede  zur  ersten  Aufla|Te.  VII 

habe,  den  Galen  oder  den  Paracelsus  zu  rehabilitiren,  als  ich 
mich  davor  schone,  das,  was  in  ihren  Anschauungen  und  Erfah- 
rungen wahr  ist,  offen  anzuerkennen.  In  der  That  finde  ich  nicht 
bloss,  dass  im  Alterthum  und  im  Mittelalter  die  Sinne  der  Aerzte 
nicht  überall  durch  überlieferte  Vorurtheile  gefesselt  wurden,  son- 
dern noch  mehr,  dass  der  gesunde  Menschenverstand  im  Volke 
an  gewissen  Wahrheiten  festgehalten  hat,  trotzdem  dass  die  ge- 
lehrte Kritik  sie  für  überwunden  erklärte.  Was  sollte  mich  ab- 
halten, zu  gestehen,  dass  die  gelehrte  Kritik  nicht  immer  wahr, 
das  System  nicht  immer  Natur  gewesen  ist,  dass  die  falsche  Deu- 
tung nicht  die  Richtigkeit  der  Beobachtung  beeinträchtigt?  warum 
sollte  ich  nicht  gute  Ausdrücke  erhalten  oder  wiederherstellen, 
trotzdem  dass  man  falsche  Vorstellungen  daran  geknüpft  hat? 
Meine  Erfahrungen  uöthigen  mich,  die  Bezeichnung  der  Wallung 
(Fluxion)  für  be»äer  zu  halten,  als  die  der  Congestion;  ich  kann 
nicht  umhin,  die  Entzündung  als  eine  bestimmte  Erscheinungs- 
form pathologischer  Vorgänge  zuzulassen,  obwohl  ich  sie  als  on- 
tologischen  Begriff  auflöse;  ich  muss  trotz  des  entschiedenen 
Widerspruchs  vieler  Forscher  den  Tuberkel  als  miliares  Korn,  das 
Epitheliom  als  heteroplastische,  maligne  Neubildung  (Cancroid) 
festhalten. 

Vielleicht  ist  es  in  heutiger  Zeit  ein  Verdienst,  das  histo- 
rische Recht  anzuerkennen,  denn  es  ist  in  der  That  erstaunlich, 
mit  w^elchem  Leichtsinn  gerade  diejenigen,  welche  jede  Kleinigkeit, 
die  sie  gefunden  haben,  als  eine  Entdeckung  preisen,  über  die 
Vorfahren  aburtheilen.  Ich  halte  auf  mein  Recht,  und  darum 
erkenne  ich  auch  das  Recht  der  Anderen  an.  Das  ist  mein  Stand- 
punkt im  Leben,  in  der  Politik,  in  der  Wissenschaft.  Wir  sind 
es  uns  schuldig,  unser  Recht  zu  vertlieidigen,  denn  es  ist  die  ein- 
zige Bürgschaft  unserer  individuellen  Entwickelung  und  unseres 
Einflusses  auf  das  Allgemeine.  Eine  solche  Vertlieidigung  ist  keine 
That  eitlen  Ehrgeizes,  kein  Aufgeben  des  rein  wissenschaftlichen 
Streben».  Denn  wenn  wir  der  Wissenschaft  dienen  wollen,  so 
müssen  wir  sie  auch  ausbreiten,  nicht  bloss  in  unserem  eigenen 
Wissen,  sondern  auch  in  der  Schätzung  der  Anderen.  Diese 
Schätzung  aber  beruht  zum  grossen  Theile  auf  der  Anerkennung, 


VIII  Vorrede  zur  ersten  Auflage. 

die  unser  Recht,  auf  dem  Vertrauen,  das  unsere  Forschung  bei 
den  Anderen  findet,  und  das  ist  der  Grund,  warum  ich  auf  mein 
Recht  halte. 

In  einer  so  unmittelbar  praktischen  Wissenschaft,  wie  die 
Hedicin,  in  einer  Zeit  so  schnellen  Wachsens  der  Erfahrungen, 
wie  die  unsrige,  haben  wir  doppelt  die  Verpflichtung,  unsere  Eennt- 
niss  der  Gesammtheit  der  Fachgenossen  zugänglich  zu  machen. 
Wir  wollen  die  Reform,  und  nicht  die  Revolution.  Wir  woUen  das 
Alte  conserviren  und  das  Neue  hinzufügen.  Aber  den  Zeitge- 
nossen trübt  sich  das  Bild  dieser  Thätigkeit.  Denn  nur  zu  leicht 
gewinnt  es  den  Anschein,  als  würde  eben  nur  ein  buntes  Durch- 
einander Yon  Altem  und  Neuem  gewonnen,  und  die  Nothwendig- 
keit,  die  falschen  oder  ausschliessenden  Lehren  der  Neueren  mehr 
als  die  der  Alten  zu  bekämpfen,  erzeugt  den  Eindruck  einer  mehr 
revolutionären,  als  reformatorischen  Einwirkung.  Es  ist  freilich 
bequemer,  sich  auf  die  Forschung  und  die  Wiedergabe  des  Ge- 
fundenen zu  beschränken  und  Anderen  die  „Verwerthung^  zu 
überlassen,  aber  die  Erfahrung  lehrt,  dass  dies  überaus  gefährlich 
ist  und  zuletzt  nur  denjenigen  zum  Vortheil  ausschlägt,  deren 
Gewissen  am  wenigsten  zartfühlend  ist.  Uebernehmen  wir  daher 
jeder  selbst  die  Vermittelung  zwischen  der  Erfahrung  und  der 
Lehre. 

Die  Vorlesungen,  welche  ich  hier  mit  der  Absicht  einer  sol- 
chen Vermittelung  veröffentliche,  haben  so  ausdauernde  Zuhörer 
gefunden,  dass  sie  vielleicht  auch  nachsichtige  Leser  erwarten 
dürfen.  Wie  sehr  sie  der  Nachsicht  bedürfen,  fühle  ich  selbst  sehr 
lebhaft.  Jede  Art  von  freiem  Vortrage  kann  nur  dem  wirklichen 
Zuhörer  genügen.  Zumal  dann,  wenn  der  Vortrag  wesentlich  dar- 
auf berechnet  ist,  als  Erläuterung  iür  Tafel-Zeichnungen  und  De- 
monstrationen zu  dienen,  muss  er  nothwendig  dem  Leser  un- 
gleichmässig  und  lückenhaft  erscheinen.  Die  Absicht,  eine  ge- 
drängte Debersicht  zu  liefern,  schliesst  an  sich  eine  speciellere, 
durch  ausreichende  Gitate  unterstützte  Beweisführung  mehr  oder 
weniger  aus  und  die  Person  des  Vortragenden  wird  mehr  in  den 
Vordeiptind  treten,  da  er  die  Aufgabe  hat,  gerade  seinen  Stand- 
punkt deutlich  zu  machen. 


Vorrede  zur  ersten  Auflage.  IX 

Möge  man  daher  das  Gegebene  für  nicht  mehr  nehmen,  als 
es  sein  soll.  Diejenigen,  welche  Mnsse  genag  gefanden  haben, 
sich  in  der  laufenden  Eenntniss  der  neueren  Arbeiten  zu  erhalten, 
werden  wenig  Neues  darin  finden.  Die  Anderen  werden  durch 
das  Lesen  nicht  der  Mühe  überhoben  sein,  in  den  histologischen, 
physiologischen  und  pathologischen  Specialwerken  die  hier  nur 
ganz  kurz  behandelten  Gegenstände  genauer  studiren  zu  müssen. 
Aber  sie  werden  wenigstens  eine  Uebersicht  der  für  die  cellulare 
Theorie  wichtigsten  Entdeckungen  gewinnen  und  mit  Leichtigkeit 
das  genauere  Studium  des  Einzelnen  an  die  hier  im  Zusammen- 
hange gegebene  Darstellung  anknüpfen  können.  Vielleicht  wird 
gerade  diese  Darstellung  einen  unmittelbaren  Anreiz  für  ein  sol- 
ches genaueres  Studium  abgeben,  und  schon  dann  wird  sie  genug 
geleistet  haben. 

Meine  Zeit  reicht  nicht  aus,  um  mir  die  schriftliche  Ausar- 
beitung eines  solchen  Werkes  möglich  zu  machen.  Ich  habe  mich 
deshalb  genöthigt  gesehen,  die  Vorlesungen,  wie  sie  gehalten 
wurden,  stenographireu  zu  lassen  und  mit  leichten  Aenderungen 
zu  redigiren.  Herr  Cand.  med.  Langenhaun  hat  mit  grosser 
Sorgfalt  die  stenographische  Arbeit  besorgt.  Soweit  es  sich  bei 
der  Kürze  der  Zeit  thun  liess,  und  soweit  der  Text  ohne  diesel- 
ben für  Ungeübte  nicht  verständlich  sein  würde,  habe  ich  nach 
den  Tafel  -  Zeichnungen  und  besonders  nach  den  vorgelegten  Prä- 
paraten Holzschnitte  anfertigen  lassen.  Vollständigkeit  liess  sich 
in  dieser  Beziehung  nicht  erreichen,  da  schon  so  diej Veröffentli- 
chung durch  die  Anfertigung  der  Holzschnitte  um  Monate  verzö- 
gert worden  ist. 

Misdroy,  am  20.  August  1858. 


Vorrede  zur  zweiten  Auflage. 


JJer  vorliegende  Versuch,  meine  von  den  hergebrachten  abwei- 
chenden Erfahrungen  dem  grösseren  Kreise  der  Aerzte  im  Zusam- 
menhange vorzufuhren,  hat  einen  unerwarteten  Erfolg  gehabt:  er 
hat  viele  Freunde  und  lebhafte  Gegner  gefunden.  Beides  ist  ge- 
wiss sehr  erwünscht,  denn  die  Freunde  werden  in  diesem  Buche 
keinen  Abschluss,  kein  System,  kein  Dogma  finden,  und  die 
Gegner  werden  genöthigt  sein,  endlich  einmal  die  Phrasen  aufzu- 
geben und  sich  an  die  Sachen  selbst  zu  machen.  Beides  kann 
nur  zur  Bewegung,  zum  Fortschritt  der  Wissenschaft  beitragen. 

Allein  Beides  hat  doch  auch  seine  niederschlagende  Seite. 
Wenn  man  ein  Decennium  hindurch  mit  allem  Eifer  gearbeitet  und 
die  Ergebnisse  seiner  Forschungen  dem  ürtheile  der  Mitwelt  vor- 
gelegt hat,  so  stellt  man  sich  nur  zu  leicht  vor,  dass  mehr  davon, 
dass  vielleicht  der  grössere  und  wesentliche  Theil  allgemeiner  be- 
kannt sein  könne.  Dies  war,  wie  die  Erfahrung  gelehrt  hat,  bei 
meinen  Arbeiten  nicht  der  Fall.  Einer  meiner  Kritiker  erklärt  es 
aus  der  Breite  meiner  Beweisführungen.  Mag  es  sein,  allein  dann 
hätte  ich  vielleicht  erwarten  dürfen,  dass  andere  Kritiker  die  Be- 
weise, welche  sie  hier  nicht  in  ausreichender  Weise  fanden,  in 
den  Originalarbeiten  aufgesucht  hätten.  Denn  ausdrücklich  hatte 
ich  schon  das  erste  Mal  hervorgehoben,  dass  diejenigen,  welche 
sich  in  der  laufenden  Kenntniss  der  neueren  Arbeiten  erhalten 
hätten,  hier  wenig  Neues  finden  würden. 

In  der  neuen  Ausgabe  habe  ich  mich  darauf  beschränkt,  den 
Ausdruck  zu  verbessern,  Missverständliches  schärfer  zu  fassen, 
Wiederholungen  zu  unterdrücken.  Gewiss  bleibt  auch  so  noch  sehr 
Vieles  der  Verbesserung  bedürftig,  aber  es  schien  mir,  dass  dem 
Ganzen  der  frischere  Eindruck  der  mündlichen  Rede  und  des  freien 
Gedankenganges  möglichst  erhalten  bleiben  müsse,  wenn  es  noch 
weiterhin   als    ein  wirksames  Ferment   für  die  an  sich  so  ver- 


Vorrede  zur  zweiten  Auflage.  XI 

schiedenartigen  Richtungen  des  medicinischen  Lebens  und  Wirkens 
dienen  sollte.  Denn  das  Buch  wird  seinen  Zweck  erfüllt  haben, 
wenn  es  Propaganda,  nicht  für  die  Cellular- Pathologie,  sondern 
nur  überhaupt  für  unabhängiges  Denken  und  Forschen  in  grossen 
Kreisen  machen  hilft. 

Berlin,  am  7.  Juni  1859. 


Vorrede  zur  dritten  Auflage. 


Uie  neue  Auflage,  welche  hiermit  vor  das  Publikum  tritt,  hat 
wesentliche  Umgestaltungen  erfahren  müssen.  Der  Verfasser  hat 
sich  genöthigt  gesehen,  die  Form  der  Vorlesungen  ganz  aufzu- 
geben, weil  sie  ihn  hinderte,  wesentliche  Veränderungen,  insbe- 
sondere Neuerungen  in  den  Text  zu  bringen.  Solche  Aenderungen 
waren  aber  vielfach  noth wendig.  Denn  die  Wissenschaft,  insbe- 
sondere die  deutsche,  ist  in  den  drei  Jahren  seit  dem  Erscheinen 
der  ersten  Auflage  rüstig  vorwärts  geschritten,  und  wenn  sie  auch 
an  den  Grundanschauungen  und  Hauptlehrsätzen,  welche  hier  dar- 
gelegt wurden,  nichts  geändert  hat,  so  gestattete  sie  doch  an 
vielen  Punkten  ein  ungleich  tieferes  Eingehen. 

Aber  die  weitere  Entfernung  von  dem  Ausgangspunkte  ge- 
stattet auch  eine  freiere  üebersicht.  Vieles  hatte,  wie  es  bei  freien 
Vorträgen  nur  zu  leicht  geschieht,  nur  losen  Zusammenhang; 
Anderes  war,  wie  es  die  Demonstration  bestimmter  Präparate  mit 
sich  brachte,  geradezu  zerrissen.  Dies  ist  dem  Verfasser  insbe- 
sondere bei  der  Durchsicht  der  inzwischen  erschienenen  englischen 
and  französischen  Uebersetzungen  entgegen  getreten,  und  er  hat 
sich  daher  bemüht,  durch  schärferen  Ausdruck,  durch  Umstellung 
des  alten  und  Hinzufügung  neuen  Stoffes  das  Verständniss  zu 
sichern.  Deswegen  sind  auch  noch  einige  neue  Holzschnitte  bei- 
gegeben. 


XII  Vorrede  zur  dritten  Auflage. 

Freilieb  war  es  nicht  möglich,  überall  das  Einzelne  der  Be- 
weisführung zu  liefern.  Früher  hatte  der  Verfasser  daranf  hinge- 
wiesen, dass  diese  Beweisführung  in  seinen  Specialarbeiten  zu 
suchen  sei,  aber  Wenige  haben  darauf  gehört,  im  Gegentheil  haben 
Manche  Frioritäts -Anklagen  gegen  den  Verfasser  erhoben,  gleich 
als  ob  er  seine  Lehrsätze  in  diesem  Werke  zum  ersten  Male  auf- 
gestellt hätte.  Es  ist  daher  nöthig  geworden,  an  den  betreffenden 
Stellen  die  Citate  der  früheren  Arbeiten  anzugeben.  Wenn  der 
Verfasser  sich  dabei  darauf  beschränkt  hat,  fast  nur  seine  eigenen 
Arbeiten  zu  citiren,  so  glaubt  er  sich  damit  verantworten  zu 
können,  dass  es  ganz  unmöglich  gewesen  sein  würde,  alle  Beleg- 
stellen oder  Werke  zu  citiren,  auf  welche  sich  seine  Anschauungen 
stützen,  dass  aber  diejenigen  Leser,  welche  die  citirten  Stellen 
nachsehen  wollen,  an  denselben  in  der  Regel  die  einschlagenden 
Leistungen  auch  der  anderen  Untersucher  gewissenhaft  vorgetragen 
finden  werden. 

Bei  dem  Zusammenstellen  dieser  Citate  ist  der  Verfasser 
noch  mehr,  als  er  dies  schon  früher  hervorhob,  von  der  Thatsache 
durchdrungen  worden,  dass  der  grosse  Erfolg  des  vorliegenden 
Werkes  nur  der  leichten  Form  und  nicht  dem  Inhalte  zu  danken 
ist.  Denn  in  der  That  findet  sich  alles  Wesentliche  schon  in  seinen 
früheren  Arbeiten  ausgesprochen,  ja  es  ist  dort  zum  Theil  weit 
klarer  und  schärfer  ausgedrückt.  Aber  nur  Wenige  haben  davon 
Kenntniss  genommen,  und  Mancher  nur  zu  dem  Zweck,  um  es 
als  sein  Eigenthum  zu  verwerthen.  Das  kurzgefasste  Büchlein 
aber  ist  in  der  kürzesten  Frist  in  fünf  Sprachen  übersetzt  worden ; 
es  hat  einer  grossen  Zahl  von  Lesern,  wie  ich  aus  dem  Munde 
Vieler  weiss,  eine  dauernde  Anregung  gegeben,  und  so  möge  in 
der  Freude  darüber  der  Schmerz  vergessen  sein,  dass  eine  stren- 
gere Form  der  Darstellung  noch  jetzt  eine  so  geringe  Theilnahme 
findet.  Hoffentlich  wird  dieser  Mangel  durch  die  jetzige  Auflage 
nicht  befördert  werden. 

Dfirkheim,  am  26.  September  1861. 

Rud.  Yirchow. 


Uebersicht  der  Holzschnitte. 


Seite 

Fig.     1.     Pflanzenzellen  aus  einem  jungen  Triebe  von  Solanum   tuberosum  5 

2.  Rindenschicht  eines  Knollens  von  Solanum  tuberosum 7 

3.  Knorpelzellen  vom  Ossificationsrande  wachsender  Knorpel    ...  8 

4.  Verschiedene  Arten  von  Zellen  und  Zellgebilden,  a  Leberzellen, 
6  Bindegewebskörperchen,  c  Capillargefäss,  d  Sternzelle  aus  einer 
Lymphdrüse,  e  Ganglienzellen  aus  dem  Kleinhirn 10 

5.  Freie  Pflanzenzellenbildung  nach  Schieiden LI 

6.  Pigmentzelle  (Auge),  glatte  Muskclzelle  (Darm),  Stuck  einer  dop- 
peltcontourirten  Nervenfaser 14 

7.  Junge  Eierstockseier  vom  Frosch 15 

8.  Zellen  aus  katarrhalischem  Sputum  (Eiter-  und  Schleimkörperchen, 
Pigmentzelle) 15 

^      9.    Epiphysenknorpel  vom  Oberarm  eines  Kindes 18 

-     10.     Zellenterritorien 19 

«     11.    Schema  der  Globulartheorie 23 

.,     12.    Schema  der  Umböllungs-  (Klümpchen-)  Theorie 23 

.,     13.    Längsschnitt  durch  einen  jungen  Trieb  von  Syringa  ■ 25 

.     14.     Pathologische  Knorpel  Wucherung  aus  Rippenknorpel . 26 

.,     15.    Cylinderepitliel  der  Gallenblase 30 

.     16.     Uebergangsepithel  der  Harnblase 30 

.,     17.    Senkrechter  Schnitt  durch  die  Oberfläche  der  Haut  der  Zehe  (Epi- 
dermis, Rete  Malpighii,  Papillen)     32 

,     18.     Schematische   Darstellung   eines   Längsdurchschnittes  vom  Nagel 

unter  normalen  und  pathologischen  Verhältnissen 35 

.,     19.     ^   Entwickelung  der  Schweissdrüsen.     B  Stück  eines  Schweiss- 

dräsenkanals 38 

.     20.     A  Bündel  des  gewöhnlichen  Bindegewebes.     B  Bindegewebs-Ent- 
wickelung  nach  dem   Schema  von   Schwann.     C  Bindegewebs- 

Entwickelung  nach  dem  Schema  von  Henle 40 

,     21.    Junges  Bindegewebe  vom  Schweinsembryo 42 

^     22.     Schema  der  Bindegewebs-Entwickelung ...  43 

^     23.     Durchschnitt  durch  den  wachsenden  Knorpel  der  Patella 45 

.     24.     Knochenkürperchen  aus  einem  pathologischen  Knochen  der  Dura 

matcr  cerebralis 48 


XIV  Uebersicht  der  Holzschnitte. 

8vit« 

Yifl.  25.    Muskel primitivbündel  unter  verschiedenen  Verhältnisben 51 

.     26.     Muskelelenaente  aus  dem  Herzfleische  einer  Puerpera 54 

.     27.     Glatte  Munkeln  aus  der  Harnblase 50 

.     28.     Kleinere  Arterie  aus  der  Basis  des  Grossbirns HO 

.     29-     Schematische  Darstellung  von  Leberzellen.    A  Physiologrische  An- 
ordnung.    H  Hypertrophie.    C  Hyperplasie 90 

.     30.    Grosse  Spindelzellen  (fibroplastische  Körper)  aus  einem  Sarcoma 

fusocellulare  der  Rückenmarkshäuta 94 

.     31.    Durchschnitt  aus  einer  Epulis  sarcomatosa  des  Unterkiefers  ...  95 
.     32.     Stück  von  der  Peripheiie  der  Leber  eines  Kaninchens,   die  Ge- 

fasse  injicirt 103 

.     33.     Injection  der  Capillarcn  der  Rinde  der  Niere  nach  Beer  ...  .  105 

•     34.    Injection  der  Gefasse  der  Rinde  des  Kleinhirns 106 

..     35.    Natürliche   Injection    der   Gefasse    des    Corpus    striatum    eines 

Geisteskranken 107 

.     36.    Injectionspräparat  von  der  Muskelhaut  des  Magens 108 

.    37.    Geßisse  des  Calcaneus-Knorpels  vom  Neugebomen 109 

..     38.    Knochenschliff  aus  der  compacten  Substanz  des  Femur 110 

.     39.    Knochenschliff  (Querschnitt) 111 

»     40.    Knochenschliff  (Längsschnitt)  aus  der  Rinde  einer  sklerotischen 

Tibia 113 

.     41.    Schliff  aus  einem  neugebildeten  Knochen  (Osteom)  der  Arach- 

noides  cerebraiis 116 

.,     42.    Zahnschliff  mit  Dentin  und  Schmelz 117 

.    43.    Längs-  und  Querschnitt  aus  der  halbmondförmigen  Bandscheibe 

des  Kniegelenkes  vom  Kinde 119 

.     44.    Querschnitt  aus  der  Achillessehne  des  Erwachsenen 121 

«     45.    Querschnitt   aus   dem  Innern   der   Achillessehne   eines   Neuge- 
bomen    122 

.     46     Längsschnitt   aus   dem  Innern  der  Achillessehne  eines  Neuge- 
bomen      123 

.     47.    Senkrechter  Durchschnitt  der  Hornhaut  des  Ochsen  nach  Uis.  .  126 

.     48.     Flächenschnitt  der  Hornhaut  parallel  der  Oberfläche  nach  His  .  127 
«     49.    Das  abdominale  Ende  des  Nabelstranges  eines  fast  ausgetragenen 

Kindes,  injicirt 128 

.     50.     Querdurchschnitt  durch  einen  Theil  des  Nabelstranges 129 

.     51.    Querdurchschnitt  vom  Schleimgewebe  des  Nabelstranges 131 

..     52.     Elastische   Netze   und    Fasern    aus    dem   Unterhautgewebe    des 

Bauches 133 

.     53.     Injection  der  Hautgefasse,  senkrechter  Durchschnitt 137 

,     54.     Schnitt  aus  der  Tunica  dartos 138 

.     '):).     A   Epithel    von   der    Cruralarterie-       H  Epithel    von    grösseren 

Venen 144 

.     56.     Kleinere  Arterie  aus  der  Sehnenscheide  der  Extensoren 145 

.     57.    Epithel  der  Nierengefässe.    A.  Flache  Spindelzellen  vom  Neuge- 
bomen.    B  Bandartige  Epithelplatte  vom  Erwachsenen 148 


Uebersicbt  der  Holzscbuiite.  XV 

Sute 

V'iff.  58.     nngleicbixiä.ssigc    Zusammenziehung    kleiner    Gefasse    aus    der 
Schwimmhaut  des  Fros<hes   nach   Reizung  (Copie  nach  Whar- 

tonJones) 152 

^     59.    Geronnenes  Fibrin  aus  menschlichem  Blute 168 

.     60.     Kernhaltige  rotbe  Blutkörperchen  von  einem  sechs  Wochen  alten 

menschlichen  Fötus 171 

..     61.    Rothe  Blutkorpereben  des  Erwachsenen 172 

-  62.     Hämatoidin-Krystalle 177 

.     63.     Pigment  aus  einer  apoplectiscbeu  Narbe  des  Gehirns 178 

.     G4.     Uämitikrystalle  aus  iBenscblichem  Blute 179 

.     Gfy.     Farblose  Blutkörperchen 182 

.     66.    Farblose  Blutkörperchen  bei  variolöser  Leukocytose 183 

.  67.  Fibriogerinnsel  aus  der  Lungenarterie  und  ein  Korn,  aus  dicht- 
gedrängten farblosen  Blutkörperchen  bestehend,  bei  Leukocytose  184 

•  GS.    Capillarstrom  in  der  Froschschwimmbaut 185 

.     69.     Schema  eines  Aderlassgef&sses  mit  geronrenem  hyperinotischem 

Blute 187 

.     70.     Durchschnitte  durch  die  Rinde  menschlicher  Gekrösdrüsen .  .  .  .  208 

.     71.    Lymphkörperchen  aus  dem  Innern  der  Lymphdrüsen-Follikel  .  .  211 

«     72.     Kiterkörperchen  und  Kerne  derselben  bei  Gonorrhoe 219 

.     73.    Eingedickter  käsiger  Eiter 220 

•  74.     Eingedickter,  zum  Theil  in  Auflösung  begriffener,  hämorrhagischer 

Eiter  aus  Empyem 221 

•  75.    In  der  Fettmetamorphose  begriffener  Eiter 222 

..     76.    Durchschnitt  durch  die  Rinde  einer  Axillardruse  bei  Tättowirung 

der  Haut  des  Arms 224 

.     77.    Das  mit  Zinnober,  nach  Tättowirung  des  Arms,  gefüllte  Reticu- 

lum  aus  einer  Axillardrüse 225 

^     78.    Valvuläre  Thrombose  der  Vena  saphena 236 

^  79.  Puriforme  Detritusmassen  aus  erweichten  Thromben.  A  Körner 
des  zerfallenden  Fibrins.  B  Die  freiwerdenden,  zum  Theil  in  der 
Rückbildung   begriffenen  Blutkörperchen.     C  In  der  Entfärbung 

begriffene  uud  zerfallende  Blutkörperchen 238 

.     80.    Autochthone  und  fortgesetzte  Thromben  der  Cruralvenen-Aeste  .  243 

.     81.     Embolie  der  Lungenarterie 245 

..     82.     Ulceröse  Endocarditis  mitralis  \on  einer  Puerpera 246 

.  83 — 84.  Capillarembolie  in  den  Penicilli  der  Milzarterie  nach  Endo- 
carditis     247 

.     85.     Melanämie.    Blut  aus  dem  rechten  Ilerzen 264 

.     86      Querschnitt  durch  einen  Xervenstamm  des  Plexus  brachialis  ...  273 

-  87.     Graue  und  weisse  Nerrenfascni 274 

.     88.     Markige  Hypertrophie  des  Opticus  innerhalb  des  Auges 276 

.     89.     Tropfen  von  Markstoff:    A  aus  der  Markscheide  von  Himnerveu 

nach  Aufquellung  durch  Wasser.  H  ans  zerfallendem  Epithel  der 

Gallenblase 277 


XVI  Uebersicht  der  Holzschnitte. 

Seit« 

Fig.  90.    Breite  und  schmale  Nervenfasern  mit  unrcgclroäiisi}i:er  Aufquellung 

des  Markstoffes 279 

..  91.  Vater' sches  oder  Pacini^sches  Körperchen  aus  dem  Unterhautge- 
webe der  Fingerspitze 281 

.  1)2.  Nerren-  und  Gefasspapillen  der  Haut  der  Fingerspitze.  Tast- 
körperchen       283 

,     93.     Grundstock   eines   spitzen  Condyloms  vom  Penis  mit  Papillär- 

Wucherung 287 

^     94.     A   Verticaldurchschnitt    durch    die     ganze    Dicke    der    Retina. 

B,  C  (nach  H.  Müller)  Isolirte  Radiärfasem 290 

.     95.    Theilung  einer  PrimitiT-Nenrenfaser 295 

.,     96.    Nervenplexus  aus  der  Submucosa  des  Darmes  vom  Kinde    .  .  .     297 

^     97.    Elemente  (Ganglienzellen  und  Nervenfasern)  aus  dem  Ganglion 

Gasseri 301 

.     98.     Ganglienzellen   aus    den   Centralorganen.     J,   B^    0  Aus   dem 

Räckenmarke.    D  Aus  der  Gehirnrinde 304 

•  99.  Die  Hälfte  eines  Querschnittes  aus  dem  Halstheile  des  Rücken- 
markes        310 

..  100.    Schematische  Darstellung  des  Nervenverhaltens  in  der  Rinde  des 

Kleinhirns  nach  Gerlach 312 

..  101.    Querdurchschnitt     durch     das     Rockenmark     von     Petromyzon 

fluviatilis 314 

n  102.     Blasse  Fasern  aus  dem  Rückenmarke  des  Petromyzon  fluviatilis    315 

103.  Ependyma  ventriculorum  mit  Neuroglia.    ca  Corpora  amylacea  .    318 

104.  Zellige  Elemente  der  Neuroglia 321 

105.  Schematischer    Durchschnitt    des    Rückenmarkes    bei    partieller 
grauer  Atrophie 324 

^  106.    Schema  des  Zustandes  der  Nerven -Molekeln,    A  im  ruhenden, 

B  im  elektrotonischen  Zustande  nach  Ludwig 339 

^  107|  I.    Automatische    Zellen    aus    der    Flüssigkeit    einer    Hydrocele 

lymphatica 354 

«  107,  II.     Automatische  Zellen  aus  Enchondrom 355 

^   107,  III.    Dieselben  Zellen  mit  stärkerer  Verästelung  der  Fortsätze  .  .    356 
..  107,  IV.    Bewegliche   Eiterkörperchen   des  Frosches   nach    v.  Reck- 
linghausen      357 

.  107.     Gewundenes  Hamkanälchen  aus  der  Rinde  der  Niere  bei  Morbus 

Brightii 372 

-  108.     Parenchymatöse  Keratitis 377 

..  109.     Parenchymatöse  Keratitis 379 

,  HO.     Kemtheilung  in  den  Elementen   einer  melanoti^chen  Geschwulst 

der  Parotis »>82 

.   111.    Markzellen  des  Knochens  nach  Kolli ker     383 

.  112.     Kemtheilung  in  Muskel primitivbüodeln  im  Umfan^re  einer  Krebs- 

gesv*hwulst 3S5 

-  113.  Wucherung  (Proliferation)  de»  wachsenden  Diaphysenknorpels  von 
der  Tibia  eines  Kindes  (Länfrs.>chriitt) 387 


«* 


f 


Uebersicht  der  Holzschnitte.  XVII 

Seite 

Fig.  113,11.     Proliferation  eines  Myxosarkoms  des  Oberkiefers 3S9 

.     114     Fettzellgewebe  aus  dem  Panniculus.    ^4  Das  gewohnliche  Unter- 
hautgewebe mit  Fettzellen.     B  Atrophisches  Fett 406 

.     115.     Interstitielle  Fettwucherung  der  Uuskeln 407 

•  116.    Darmzotteo  und  Fettresorption.  A  Normale  Darmzotten,  li  Zotten 

im  Zustande  der  Contraction.     C  Menschliche  Darmzotten  wäh- 
rend der  Chylusresorption,  />  bei  Ghylusretention 410 

•  117.    Die  aneinanderstossenden  Hälften  zweier  Lebe racini  (Zonen  der 

Fett-,  Amyloid-  und  Pigmentinfiltration) 415 

«     118.    Haarbalg  mit  Talgdrüsen  von  der  äusseren  Haut 418 

^     119.    Milchdrüse  in  der  Lactation,  Milch,  Colostrum 419 

,.     120.    Corpus  luteum  aus  dem  menschlichen  Eierstock 424 

,  121.  Fettmetamorphose  des  Herzfleisches  in  verschiedenen  Stadien  .  427 
r     122.    Fettige  Degeneration  an  Himarterien.    A  Fettmetamorphose  der 

Muskelzellen  in  der  Ringfaserhaut    B  Bildung  von  Fettkomchen- 

zellen  in  den  Bindegewebskörperchen  der  Intima 429 

^  123.  Geschichtete  amylacische  Körper  der  Prostata  (Concretionen)  .  436 
^     124.    Amyloide  Degeneration  einer  kleinen  Arterie  aus  der  Submucosa 

des  Dünndarms 441 

•  125     Amyloide  Degeneration  einer  Lymphdrüse 448 

^     126.    Corpora  amyloidea  aus  einer  erkrankten  Lymphdrüse 448 

«     127.    Verkalkung  der  Gelenkknorpel  alter  Leute 454 

-     128.    Yerticalschnitt   durch   die  Aortenwand    an    einer   sklerotischen, 

zur  Bildung  eines  Atheroms  fortschreitenden  Stelle 404 

.  129.  Der  atheromatose  Brei  aus  einem  Aortenheerde.  aa*  Flüssiges 
Fett,  b  Amorphe  kömig  -  faltige  Schollen,  cc*  Cholestearin- 
krystalle 466 

^     130.     Verticaler  Durchschnitt  aus  einer  sklerotischen,  sich  fettig  me- 

tamorphosirenden  Platte  der  Aorta  (innere  Haut) 467 

.,     131.     Condylomatöse  Excrescenzen  der  Valvula  mitralis 471 

»     132.     Intracapsuläre  Zellenvermebrung  in  der  mittleren  Substanz  der 

Intervertebralknorpel 487 

133.     Endogene  Neubildung,  blasentragende  Zellen  (Physaliphoren). 

A  Aus  der  Thymusdrüse  eines  Neugebomen.   B  C  Krebszellen    489 

r     134.     Yerticalschnitt   durch    den  Ossificationsrand    eines    wachsenden 

Astragalus  (pathologische  Reizung) 501 

r     135 — 36.     Horizontalschnitte  durch  den  wachsenden  Diaphysenknorpel 

der  Tibia,  menschlicher  Fötus  von  7  Monaten     504 

r  137 — 38.  Rachitische  Diaphysenknorpel:  markige  und  osteoide  Um- 
bildung, Verkalkung  und  Verknöcbemng 507—9 

•  139.    Periostwachsthum  der  Schädelknochen  (Os  parietale,  Kind) .     .    513 

^     140 — 41.    Osteoidchondrom  vom  Kiefer  einer  Ziege 515—16 

.     142.    In  der  Heilung  begriffene  Fractur  des  Oberarms,  Callusbildung  .     519 

143.     Demarkationsrand  eines  nekrotischen  Knochenstückes  bei  Paedar- 

throcace,  Knochenterritorien 521 

•  144.     Interstitielle  Eiterbildung  bei  puerperaler  Mnskelentzündung  .  .     530 


XVIII  rebersicht  der  Holzschnitte. 

Seite 

Fi^.  145.     Eiteri(;e  Granulation  aus  dem  Unterhautgewebe  des  Kaninchens, 

im  Umfange  eines  Ligaturfadens 536 

^     146.    Entwickelung    von    Krebs    aus    Bindegewebe    bei    Carcinoma 

mammae 539 

,     147.     Beginnendes  ßlumenkohlge wachs  (Cancroid)  des  Collum  uteri  .  554 

.     148.    Entwickelung  Ton  Tuberkel  aus  Bindegewebe  in  der  Pleura  .  .  559 

•     149.     Krebszellen 566 

,     150.     Cancroidzapfen  aus   einer  Geschwulst  der  Unterlippe  mit  Epi- 
dermis Perlen 568 

«     151.     Cancroid  der  Orbita 569 

^     152.    Sarcoma  mammae 572 


Erstes  Capitel. 

Die  Zelle  nnd  die  cellalare  Theorie. 


Einleitttog  uDd  Aofgsbe.  Badoatang  der  SDStomUeheo  Entdeck ongeo  in  dtr  QeMhlehte  der 
UedteiD.    Geringer  Einflaee  der  Zellentheorie  saf  die  Pethologie. 

Di«  Zelle  alt  leUlet  wirkendes  Element  de«  lebenden  Korper«.  Genauere  Beetlmmang  der  Zelle 
tMe  Pflansenzelie :  Membran,  Inhalt  (Protoplaama)^  Kern.  Die  thieriaebe  Zelle:  die  eiiiK«- 
kapeelte  (Knorpel)  und  die  einfache.  Der  Zellenkern  (Nucleue).  Daa  Kernkorperchen 
(Naeleolua).  Die  Theorie  der  Zellenbildung  'aua  freiem  Cytoblaatem.  Constans  des  Kerns 
und  Bedentang  desselben  für  die  Erhaltung  der  lebenden  Elemente.  Der  Zellk5rp«r  und  dss 
Protoplnsma.  Verschiedenartigkeit  des  Zellenlnhalts  nnd  Bedeutung  desselben  für  die  Function 
df'r  Tbeile.  Die  Zellen  als  TiUle  Einheiten  (ElemenUrorganismen).  Der  KSrper  als  sociale 
Einrichtung.    Die  Intercalluiarsubstans  und  die  Zellenterritorien. 

Die  Ceilularpatlioiogie  Im  Gegeusatse  anr  Unmoral-  und  Solidarpatbologie. 

Falsch«  Elementartheile:  Fasern,  K&gelehen  (ElementarkSrncheu).  Entstehung  der  Zellen.  Um- 
hnllongatheorie.  Generatio  aeqnivoca  der  Zellen.  Das  Gesiet»  von  der  eonllnuirlichen  Ent- 
«ickelung  (Omnls  eellnla  e  cellula).    Pflanaen-  und  Knorpel  waehsthum. 


Wir  befinden  uns  inmitten  einer  grossen  Reform  derMedicin.  Zum 
ersten  Haie  seit  Jahrtausenden  ist  in  unserer  Zeit  das  gesammte 
Gebiet  dieser  so  umfangreichen  Wissenschaft  der  naturwissenschaft- 
lichen Forschung  unterworfen  worden.  Lehrsätze,  welche  zu  den 
ältesten  Ueberlieferungen  der  Menschheit  gehören,  werden  der  Feuer- 
probe nicht  bloss  der  Erfahrung,  sondern  noch  mehr  des  Versuches 
ausgesetzt.  Für  die  Erfahrung  werden  Beweise,  für  den  Versuch 
zuverlässige  Methoden  gefordert.  Ueberall  dringt  die  Forschung  auf 
die  feinsten,  den  menschlichen  Sinnen  zugänglichen  Verhältnisse; 
die  Erkenntniss  geht  in  zahllose  Einzelheiten  ans  einander,  welche 
das  Bewusstsein  von  der  einheitlichen  Natur  des  menschlichen 
Wesens  stören  und  welche  Vielen  mehr  geeignet  zu  sein  schei- 
nen, eiuen  Schmuck  des  Wissens,  als  eine  Handhabe  des  Han* 
delns  darzustellen.  Am  meisten  wird  der  ausübende  Arzt  be- 
drängt. Er,  dem  die  Praxis  kaum  die  Müsse  des  Lesens  ver- 
gönnt, dem  sowohl  die  ausreichenden  literarischen  Hülfsmittel,  als 

Virehow,  CeilularPathol.    4.  Aufl.  1 


2  Erstes  Gapitel. 

die  Anschauung  der  neneren  Erfahrungen  nur  zu  oft  abgehen,  er 
findet  sich  verwirrt  in  einem  Chaos,  in  welchem  die  Trümmer  des 
Alten  mit  den  Bausteinen  des  Neuen  bunt  durch  einander  geworfen 
zu  sein  scheinen. 

Und  doch  ist  das  Chaos  nur  scheinbar.  Es  besteht  nur  für 
den,  welcher  die  Thatsachen  nicht  beherrscht,  auf  welchen  die 
neue  Anschauung  sich  begründet.  Für  den  Eingeweihten  lä^t  sich 
wohl  eine  Ordnung  herstellen,  welche  sowohl  dem  praktischen,  als 
dem  wissenschaftlichen  Bedürfiiisse  genügt,  eine  Ordnung,  welche 
freilich  weit  davon  entfernt  ist,  ein  in  sich  abgeschlossenes  System 
zu  bilden,  welche  aber  von  einem  allgemeinen  biologischen  Prin- 
cipe aus  die  Einzelerfahrungen  nach  ihrem  besonderen  Werthe  und 
nach  ihren  Beziehungen  unter  einander  in  einen  wissenschaftlichen 
Zusanmienhang  zu  setzen  vermag.  Diess  ist  das  cellulare  Prin- 
cip,  welches  in  seiner  Anwendung  auf  den  zusammengesetzten, 
lebenden  Körper  uns  zu  einer  Cellular-Physiologie  und  zu 
einer  Cellular-Pathologie  führt,  welches  aber  in  jeder  dieser 
beiden  Richtungen  zunächst  auf  einer  Anatomie  des  feinsten  Ein- 
zelnen, auf  der  Histologie  beruht. 

In  der  That  ist  die  gegenwärtige  Reform  wesentlich  ausge- 
gangen von  neuen  anatomischen  Erfahrungen.  Freilich  waren  es 
zumeist  Erfahrungen  der  pathologischen  Anatomie,  welche  die  alten 
Lehrgebäude  erschütterten,  und  noch  jetzt  scheint  es  Vielen,  als 
sei  damit  genug  gethan  und  als  habe  die  Histologie  nur  die  Be- 
deutung einer  Luxuswissenschaft.  Jeder  Blick  in  die  Vergangenheit 
zeigt  uns  aber,  wie  unrichtig  es  ist,  wenn  man  glauben  kann,  der 
Einfluss  der  Anatomie  auf  die  Medicin  sei  nur  ein  äusserlicher,  ihr 
Werth  ein  mehr  relativer.  Die  Geschichte  der  Medicin  lehrt  uns 
ja,  wenn  wir  nur  einen  einigermaassen  grösseren  Ueberblick  neh- 
men, dass  zu  allen  Zeiten  die  bleibenden  Fortschritte  bezeichnet 
worden  sind  durch  anatomische  Neuerungen,  dass  jede  grössere 
Epoche  zunächst  eingeleitet  wurde  durch  eine  Reihe  bedeutender 
Entdeckungen  über  den  Bau  und  die  Einrichtung  des  Körpers.  So 
ist  es  in  der  alten  Zeit  gewesen,  als  die  Erfahrungen  der  Ale- 
xandriner, zum  ersten  Male  von  der  Anatomie  des  Menschen  aus- 
gehend, das  galenische  System  vorbereiteten;  so  im  Mittelalter, 
als  Vesal  die  moderne  Anatomie  begründete  und  damit  die  Beform 
der  Medicin  begann ;  so  endlich  im  Anfange  unseres  Jahrhunderts, 
als  Bichat  die  Grundsätze  der  allgemeinen  Anatomie  entwickelte. 


Bedeutung  der  Histologie.  3 

Wenn  man  den  ansserordentlichen  Einfluss  erwägt,  welchen 
seiner  Zeit  Bichat  anf  die  Gestaltung  der  ärztlichen  Anschauungen 
ausgeübt  hat,  so  ist  es  in  der  That  erstaunlich  zu  sehen,  dass 
eine  verhältnissmässig  so  lange  Zeit  vergangen  ist,  seitdem 
Schwann  seine  grossen  Entdeckungen  in  der  Histologie  machte, 
ohne  dass  man  die  eigentliche  Breite  der  neuen  Thatsachen  wür- 
digte. Es  hat  dies  allerdings  zum  Theil  trotz  dieser  Entdeckungen 
daran  gelegen,  dass  immer  noch  eine  grosse  Unsicherheit  unserer 
Kenntnisse  über  die  feinere  Einrichtung  vieler  Gewebe  fortbe- 
standen hat,  ja,  wie  wir  leider  zugestehen  müssen,  in  manchen 
Theilen  der  Histologie  selbst  jetzt  noch  in  solchem  Maasse  herrscht, 
dass  Mancher  kaum  weiss,  für  welche  Ansicht  er  sich  entscheiden 
soll.  Jeder  Tag  bringt  neue  Aufschlüsse,  aber  auch  neue  Zweifel 
über  die  Zuverlässigkeit  eben  erst  veröffentlichter  Entdeckungen. 
Ist  denn  überhaupt,  fragt  Mancher,  in  der  Histologie  etwas  sicher? 
Giebt  es  einen  Punkt,  in  dem  Alle  übereinstinmien ?  Vielleicht 
nicht.  Aber  gerade  um  deswegen  habe  ich  in  den  Vorträgen  im 
Anfange  des  Jahres  1858,  welche  vor  einem  grossen  Kreise  von 
Gollegen,  zunächst  als  Erläuterung  unmittelbarer  Demonstrationen, 
als  Erklärung  bestimmter,  für  die  Ceberzeugung  der  Einzelnen 
durch  eigene  Anschauung  und  Prüfung  eingerichteter  Beweisstücke 
gehalten  wurden  und  welche  der  gegenwärtigen  Darstellung  zu 
Grunde  liegen,  mich  für  verpflichtet  erachtet,  eine  kurze  und  leicht 
fassliche  üebersicht  desjenigen,  was  ich  durch  langjährige,  ge- 
wissenhafte Untersuchung  für  wahr  zu  halten  mich  berechtigt 
glaubte,  auch  dem  weiteren  Kreise  der  Aerzte  zugänglich  zu  machen. 
Manches  Einzelne  ist  seitdem  berichtigt,  manches  Andere  neu  ent- 
deckt worden;  die  gegenwärtige  Bearbeitung  wird  davon  Zeugniss 
ablegen.  Aber  das  Princip  der  Anschauung,  welches  ich  für  das 
gesammte  Gebiet  der  Physiologie  und  Pathologie  zu  benutzen 
gelehrt  habe  und  dessen  erste  schüchterne  Ausführung  in  einer 
Arbeit  des  Jahres  1852*)  niedergelegt  ist,  darf  gegenwärtig  als 
gesichert  angesehen  werden,  und  für  denjenigen,  welcher  daran 
festhält,  wird  es  auch  künftig  nicht  schwer  werden,  neue  Ergeb- 
nisse des  Forschens  an  der  richtigen  Stelle  aufzunehmen,  oline 
dass   er  deshalb  genöthigt  wäre,  die  obersten  Sätze  aufzugeben. 


*)  Ernäbrungseinheiten  und  Krankheitshcerde.    Archiv  für  patbol.  Anatomie, 
Phys.  u.  klin.  Med.  Bd.  IV.  S.  375. 


4  Erstes  Capitel 

welche  hier  über  die  allgemeinen  Grandlagen  der  Lebensthätig- 
keiten  aufgestellt  werden. 

Alle  Versuche  der  froheren  Zeit,  ein  solches  einheitliches 
Princip  zu  finden,  sind  daran  gescheitert,  dass  man  zu  keiner 
Klarheit  darüber  zu  gelangen  wusste,  von  welchen  Theilen  des 
lebenden  Körpers  eigentlich  die  Action  ausgehe  und  was  das 
Thätige  sei.  Dieses  ist  die  Gardinalfrage  aller  Physiologie  und 
Pathologie.  Ich  habe  sie  beantwortet  durch  den  Hinweis  auf  die 
Zelle  als  auf  die  wahrhafte  organische  Einheit.  In- 
dem ich  daher  die  Histologie,  als  die  Lehre  von  der  Zelle  und 
den  daraus  hervorgehenden  Geweben,  in  eine  unauflösliche  Ver- 
bindung mit  der  Physiologie  und  Pathologie  setzte,  forderte  ich  vor 
Allem  die  Anerkennung,  dass  die  Zelle  wirklich  das  letzte 
Form-Element  aller  lebendigen  Erscheinung  sowohl 
im  Gesunden,  als  im  Kranken  sei,  von  welcher  alle  Thä- 
tigkeit  des  Lebens  ausgehe.  Manchem  erscheint  es  viel- 
leicht nicht  gerechtfertigt,  wenn  in  dieser  Weise  das  Leben  als 
etwas  ganz  Besonderes  anerkannt  wird,  ja,  es  wird  vielleii^ht 
Vielen  wie  eine  Art  biologischer  Mystik  vorkommen,  wenn  das 
Leben  überhaupt  aus  dem  grossen  Ganzen  der  Naturvorgänge  ge- 
trennt und  nicht  sofort  ganz  und  gar  in  Chemie  und  Physik  auf- 
gelöst wird.  In  der  Folge  dieser  Vorträge  wird  sich  jedermann 
davon  überzeugen,  dass  man  kaum  mehr  mechanisch  denken  kann, 
als  ich  es  zu  thun  pflege,  wo  es  sich  darum  handelt,  die  Vor- 
gänge innerhalb  der  letzten  Formelemente  zu  deuten.  Aber  wie 
viel  auch  von  dem  Stoifverkehr,  der  innerhalb  der  Zelle  geschieht, 
nur  an  einzelne  Bestandtheile  derselben  geknüpft  sein  mag,  immer- 
hin ist  die  Zelle  der  Sitz  der  Thätigkeit,  das  Elementar- 
gebiet, von  welchem  die  Art  der  Thätigkeit  abhängt,  und  sie  be- 
hält nur  so  lange  ihre  Bedeutung  als  lebendes  Element,  als  sie 
wirklich  ein  unversehrtes  Ganzes  darstellt. 

Nicht  am  seltensten  ist  gegen  diese  Auffassung  der  Einwand 
erhoben  worden,  man  sei  nicht  einmal  einig  darüber,  was  eigent- 
lich unter  einer  Zelle  zu  verstehen  sei.  Dieser  Einwand  ist  in- 
sofern unerheblich,  als  der  Streit  nicht  um  die  Existenz  der 
Zellen,  sondern  nur  um  ihre  Deutung  geführt  wird.  Im  Wesent- 
lichen weiss  jedermann,  welche  thatsächlich  existirenden  Körper 
gemeint  sind;  ob  der  Eine  sie  so,  der  Andere  sie  anders  inter- 
pretirt,  ist  eine  Frage  zweiter  Ordnung,  deren  Beantwortung  den 


Die  Pflanzenzelle.  5 

Werth  des  Prineips  nicht  berührt.  Um  so  grössere  Bedeutung 
hat  sie  für  die  Erörterung  der  Einzelvorgäuge,  und  es  ist  gewiss 
zu  bedauern,  dass  nicht  schon  lange  eine  Einigung  erzielt  ist. 
Die  Schwierigkeiten,  auf  welche  wir  hier  stossen,  datiren  unmit- 
telbar von  der  ersten  Begründung  der  Zellenlehre.  Schwann, 
der  auf  den  Schultern  des  Botanikers  Schieiden  stand,  deutete 
seine  Beobachtungen  nach  botanischen  Mustern,  und  so  kam  es, 
dass  alle  Lehrsätze  der  Pflanzen- Physiologie  mehr  oder  weniger 
entscheidend  wurden  für  die  Physiologie  der  thierischen  Körper. 
Die  Pflanzenzelle  in  dem  Sinne,  wie  man  sie  zu  jener  Zelt  ganz 
allgemein  fasste  und  wie  sie  auch  gegenwärtig  häufig  noch  ge- 
fasst  wird,  ist  aber  ein  Gebilde,  dessen  Identität  mit  dem,  was 
wir  thierische  Zelle  nennen,  nicht  ohne  weiteres  zugestanden 
werden  kann. 

Wenn  man  von  gewöhnlichem  Pflanzenzellgewebe  spricht, 
80  meint  man  in  der  Regel  damit  ein  Gewebe,  das  in  seiner 
einfachsten  und  regelmässigsten  Form  auf  einem  Durchschnitt 
aus  lauter  vier-  oder  sechseckigen,  wenn  es  etwas  loser  ist, 
aus  rundlichen  oder  polygonalen  Körpern  zusammengesetzt  er- 
scheint. An  jedem  dieser  Körper  (Fig. 
1.  a.)  unterscheidet  man  eine  ziemlich  dicke 
und  derbe  Wand  (Membran)  und  eine 
innere  Höhlung.  In  der  Höhlung  können 
je  nach  Umständen,  insbesondere  je  nach 
der  Natur  der  einzelnen  Zellen,  sehr  ver- 
schiedene StoiFe  abgelagert  sein,  z.  B.  Fett, 
Stärke,  Pigment,  Eiweiss  (Z  e  1 1  eninhal  t). 

Aber  auch  ganz  abgesehen  von  diesen  örtlichen  Verschiedenheiten 
des  Inhaltes,  ist  die  chemische  Untersuchmig  im  Stande,  an  jeder 
Pflanzenzelle  mehrere  verschiedene  StoiFe  nachzuweisen. 


Fig.  l.  Pflanzenzellen  aus  dem  Centrum  des  jun^^en  Triebes  eines 
Knollens  Ton  Solanum  tuberosum,  n.  Die  |^e wohnliche  Erscheinung  des  regel- 
missig  polygonalen,  dickwandigen  Zellengewehes.  6.  Eine  isolirte  Zelle  mit  fein- 
körnigem Aussehen  der  Höhlung,  in  der  ein  Kern  mit  Kernkorperchen  zu  sehen 
ist.  r.  Dieselbe  Zelle,  nach  Einwirkung  von  Wasser;  der  Inhalt  (Protoplasma) 
hat  sich  von  der  Wand  (Membran,  Capsel)  zurückgezogen.  An  seinem  Umfange 
ist  eine  besondere  feine  Haut  (Primordialschlaucb)  zum  Vorschein  gekommen. 
t/.  Dieselbe  Zelle  bei  längerer  Einwirkung  von  Wasser;  die  innere  Zelle  (Proto- 
plasma mit  Primordialschlaucb  und  Kern)  hat  sich  ganz  zusammengezogen  und 
ist  nur  durch  feine,  zum  Theil  ästige  Fäden  mit  der  Zellhaut  (Capsel)  in  Ver- 
bindung geblieben. 


6  Erstes  Capitel. 

Die  Substanz,  welche  die  äussere  Membran  bildet,  die  so- 
genannte C  e  1 1  n  1 0  s  c ,  ist  stickstoiFlos ,  und  charactcrisirt  sich 
durch  die  eigenthümliche,  schön  blaue  Färbung,  welche  sie  bei 
Einwirkung  von  Jod  und  Schwefelsäure  annimmt.  (Jod  allein 
giebt  keine  Färbung,  Schwefelsaure  für  sich  verkohlt.)  Dasjenige, 
was  in  der  von  der  Cellulose  -  Haut  umschlossenen  üöhle  liegt, 
wird  nicht  blau,  es  müsste  denn  zußlllig  Stärke  (Amylon)  vor- 
handen sein,  welche  schon  durch  Jod  allein  blau  gefärbt  wird, 
[st  die  Pflanzonzelle  recht  einfach,  so  erscheint  vielmehr  nach  der 
Einwirkung  von  Jod  und  Schwefelsäure  eine  bräunliche  oder  gelb- 
liche Hasse,  die  sich  als  besonderer  Körper  im  Innern  des  Zellen- 
raumes isolirt  und  an  der  sich  häufig  eine  besondere  faltige,  häufig 
geschrumpfte  Umhüllungs-Haut  erkennen  lässt  (Fig.  I,  c).  Hugo 
v.  Mohl,  der  zuerst  (1844 — 46)  diese  innere  Einrichtung  genauer 
beschrieben  hat,  nannte  jene  Hasse  das  Protoplasma,  die  Um- 
hüllnngs  -  Haut  den  Primordial  schlauch  (Utriculus  primor- 
dialis).  Auch  die  gröbere  chemische  Analyse  zeigt  an  den  ein- 
fachsten Zellen  nebeu  der  stickstoiFlosen  äusseren  Substanz  eine 
stickstoffhaltige  innere  Hasse,  und  es  lag  daher  nahe,  zu  schliessen, 
dass  das  eigentliche  Wesen  einer  Pflanzenzelle  darin  beruhe,  dass 
innerhalb  einer  stickstoflflosen  Hembran  ein  von  ihr  differenter 
stickstoffhaltiger  Inhalt  vorhanden  sei. 

Hau  wnsste  freilich  schon  seit  längerer  Zeit,  dass  noch  an- 
dere Dinge  sich  im  Innern  der  Zellen  befinden.  Insbesondere  war 
es  eine  der  am  meisten  folgenreichen  Entdeckungen,  als  Rob. 
Brown  den  Kern  (Nucleus)  innerhalb  der  Pflanzenzelle  entdeckte 
(Fig.  1,  A  u.  r.).  Unglücklicherweise  legte  man  diesem  Gebilde 
eine  grössere  Bedeutung  für  die  Bildung,  als  für  die  Erhaltung 
der  Zellen  bei,  weil  in  sehr  vielen  älteren  Pflanzenzellen  der  Kern 
äusserst  undeutlich  wird,  in  vielen  ganz  verschwindet,  während 
die  Form  der  Zelle  doch  erhalten  bleibt. 

Objecte  zu  gewinnen,  welche  das  vollkommene  Bild  der 
Pflanzenzelle  darbieten,  ist  nicht  schwierig.  Hau  nehme  z.  B.  einen 
Kartoffelknollen  und  untersuche  ihn  da,  wo  er  anfängt,  einen 
neuen  Schoss  zu  treiben,  wo  also  die  Wahrscheinlichkeit  besteht, 
dass  man  junge  Zellen  finden  wird,  vorausgesetzt,  dass  Knospung 
überhaupt  in  der  Bildung  neuer  Zellen  besteht.  Im  Innern  des 
Knollens  sind  alle  Zellen  mit  Amylonkömem  vollgestopft;  andern 
jungen  Schoss  dagegen  wird  in  dem  Haasse,  als  er  wächst,  das 


Vergleich  der  Pflanzen*  und  Thierzelle.  ^ 

Amylou  aufgelöst  und  verbpiucbt,  und  die  Zelle  zeigt  sich  wieder 
in  ihrer  einfacheren  Gestalt.  Auf  einem  Querschnitte  durch  einen 
jungen  Scbössling  nahe  an  seinem  Austritte  aus  dem  Knollen 
unterscheidet  man  etwa  vier  verschiedene  Lagen:  die  Rinden- 
schicht, dann  eine  Schicht  grösserer  Zellen,  dann  eine  Schicht 
kleinerer  Zellen,  und  zu  innerst  wieder  eine  Lage  von  grösseren. 
In  dieser  letzteren  sieht  man  lauter  regelmässige  Gebilde;  dicke 
Kapseln  von  sechseckiger  Gestalt  und  im  In-  ^ig.  2. 

nem  derselben  einen  oder  ein  Paar  Kerne  ^  .  |^;==g^ 
(Fig.  1.).  Gegen  die  Rinde  (Korkschicht)  und  "  L^^^-^J-^:: — r^ 
ihre  Matrix  (Gambium)  hin  sind  die  Zellen  vier- 
eckig und  je  weiter  nach  aussen,  um  so  platter, 
aber  auch  in  ihnen  erkennt  man  bestimmt 
Kerne  (Fig.  2,  a.).  Ueberall,  wo  die  sogenannten 
Zellen  zusammenstossen,  ist  zwischen  ihnen 
eine  Grenze  zu  erkennen ;  dann  kommt  die  dicke  Celluloseschicht, 
in  welcher  häufig  feine  Streifen  (Ablagerungsschichten)  zu  be- 
merken sind,  und  im  Innern  der  Höhle  eine  zusammengesetzte 
Masse,  in  welcher  leicht  ein  Kern  mit  Kemkörperchen  zu  unter- 
scheiden ist,  und  an  der  nach  Anwendung  von  Reagentien  auch 
der  Primordialschlauch  (Utriculus)  als  eine  gefaltete,  runzlige  Haut 
zum  Vorschein  kommt.  Es  ist  dies  die  vollendete,  aber  einfache 
Form  der  Pflanzenzelle.  In  den  benachbarten  Zellen  liegen  ein- 
zelne grössere,  matt  glänzende,  geschichtete  Körper:  die  Reste 
von  Stärkemehl  (Fig.  2,  c). 

Mit  solchen  Erfahrungen  kam  man  an  die  thierischen  Ge- 
webe, deren  Uebereinstimmung  mit  den  pflanzlichen  Schwann 
nachzuweisen  suchte.  Die  eben  besprochene  Deutung  der  ge- 
wöhnlichen pflanzlichen  Zellenformen,  wobei  man  jedoch  den  von 
Vielen  geleugneten  Primordialschlauch  ganz  unberücksichtigt  zu 
lassen  pflegte,  diente  als  Ausgangspunkt  Dies  ist  aber,  wie  die 
Erfahrung  gezeigt  hat,  in  gewissem  Sinne  irrig  gewesen.  Man 
kann  die  pflanzliche  Zelle  in  ihrer  Totalität  nicht  mit  jeder  thie- 
rischen zusaumienstellen.    Wir  kennen  an  thierischen  Zellen  keine 


Fig.  2.  Aus  der  Rindenschicht  eines  Knollens  von  Solanum  tuberosum 
nach  Behandlung  mit  Jod  und  Schwefelsäure,  a,  Platte  Rindenzellen,  umgeben 
Ton  der  Kapsel  (Zellhaut,  Membran),  ö.  Grössere,  viereckige  Zellen  derselben 
Art  aus  dem  Cambium;  die  geschrumpfte  und  gerunzelte  eigentliche  Zelle  mit 
dem  Primordialschlauch  innerhalb  der  Kapsel,  c.  Zelle  mit  Amylonkürnern, 
welche  innerhalb  des  Primordialschlauches  liegen. 


3  Erstes  Capitel. 

soU'ben  Ujiterschieilc  zwischen  stickstoiThaltigen  und  fttickstolflosen 
Schichten;  in  allen  wesentlichen,  die  Zelle  constituirenden  Theilen 
kommen  auch  stickstoffhaltige  Stoffe  vor.  Aber  es  giebt  aller- 
dings gewisse  Forraelemente  im  thierischen  Leibe,  welche  an  diese 
pflanzlichen  Zellen  unmittelbar  erinnern;  die  am  meisten  charak- 
teristischen unter  ihnen  sind  die  Zellen  im  Knorpel,  der  seiner 
ganzen  Erscheinung  nach  von  den  übrigen  Geweben  des  thierischen 
Leibes  so  sehr  abweicht,  und  der  schon  durch  seine  Gefässlosig- 

keit  eine  ganz  besondere  Stellung  ein- 
nimmt. Der  Knorpel  schliesst  sich  in 
jeder  Beziehung  am  nächsten  an  die  Ge- 
webe der  Pflanze  an.  An  einer  recht  ent- 
wickelten Knorpelzelle  erkennen  wir  eine 
5^^  ^  verhältnissmässig  dicke  äussere  Schicht,  in- 

nerhalb welcher,  wenn  wir  recht  genau 
zusehen,  wiederum  eine  zarte  Haut,  ein  Inhalt  und  ein  Kern  zu 
finden  sind.  Hier  haben  wir  also  ein  Gebilde,  das  der  Pflanzen- 
zelle durchaus  entspricht. 

Man  hat  daher  auch  lange  Zeit  hindurch,  wenn  man  den 
Knorpel  schilderte,  das  ganze  eben  beschriebene  Gebilde  (Fig.  3, 
a  —  r/.)  ein  KnorpelkOrperchen  genannt.  Indem  man  dasselbe  aber 
den  Zellen  anderer  thierischer  Theile  coordinirte,  stiess  man  auf 
Schwierigkeiten,  welche  die  Kenntniss  des  wahren  Sachverhält- 
nissps  ungemein  störten.  Das  KnorpelkOrperchen  ist  nehmlich 
nicht  als  Ganzes  eine  Zelle,  sondern  die  äussere  Schicht,  die  von 
mir  sogenannte  Capsel*),  ist  das  Produkt  einer  späteren  Ent- 
wickelnng  (Absonderung,  Ausscheidung).  Im  jungen  oder  wenig 
entwickelten  Knorpel  ist  sie  sehr  dünn,  während  auch  die  Zelle 
kleiner  zu  sein  pflegt.  Geben  wir  noch  weiter  in  der  Entwicke- 
lung  zurück,  so  treffen  wir  auch  im  Knorpel  nichts  als  eine  ein- 
fache Zelle,  welche  jene  äussere  Absonderungsschicht  noch  nicht 
besitzt,  dasselbe  Gebilde,  welches  auch  sonst  in  thierischen  Ge- 
weben vorkommt. 

Die  Vergleichung  zwischen  thierischen  und  pflanzlichen  Zellen, 


Fig.  3.  Knorpelzcllen,  wie  sie  am  OssiBcationRrande  wachsender  Knorpel 
vorkommeD,  ganz  den  Pflanzenzellen  analog  (vgl.  die  Erklärung  zu  Fig.  1). 
rt — f.  entwickeltere,  <i,  jüngere  Form. 

*)  Archiv  f.  path.  Anat  u.  Phjsiol.  1853.    Bd.  V.  S.  419,  Note. 


Die  Thier/.elle.  9 

die  wir  allerdings  machen  müssen,  ist  demnach  insofern  zu  be- 
schranken, als  in  den  meisten  thierischen  Geweben  keine  Formelc- 
mente  gefunden  werden,  die  als  Aequivaleute  der  Pflanzenzelle  in 
der  alten  Bedeutung  dieses  Wortes  betrachtet  werden  können.  Ins- 
besondere entspricht  die  Cellulose-Membran  der  Pflanzenzelle  nicht 
der  thierischen  Zellhaut.  Aber  bei  einer  anderen  Deutung  der  Pflan- 
zcnzelle  trifft  die  Vergleichung  allerdings  zu,  nur  muss  man  sofort 
davon  abgehen,  dass  die  thierische  Zellhaut  als  stickstoffhaltig 
eine  typische  Verschiedenheit  von  der  pflanzlichen  als  stickstoff'- 
loser  darbiete.  Vielmehr  treffen  wir  in  beiden  Fällen  eine  stick- 
stoiThaltige  Bildung  von  im  Grossen  übereinstimmender  Zusammen- 
setzung. Wenn  auch  die  sogenannte  Membran  (Capsel)  der  Pflan- 
zenzelle in  der  Gapsei  der  Enorpelzellen  ein  Analogen  findet,  so 
entspricht  doch  vielmehr  die  gewöhnliche  Membran  der 
Thierzelle  dem  Primordialschlauch  der  (inneren)  Pflan- 
ze nzelle,  wie  ich  schon  1847  hervorgehoben  habe*).  Erst 
wenn  man  diesen  Standpunkt  festhält,  wenn  man  von  der  Zelle 
Alles  ablöst,  was  durch  eine  spätere  Entwickelung  äusserlich 
hinzugekommen  ist,  so  gewinnt  man  das  einfache,  gleichartige, 
scheinbar  monotone  Gebilde,  welches  sich  in  allen  lebendigen 
Organismen  wiederholt.  Aber  gerade  diese  Constanz  ist  das  beste 
Kriterium  dafür,  das  wir  in  ihm  das  wirklich  Elementare  haben, 
dasjenige  Gebilde,  welches  alles  Lebendige  charakterisirt,  ohne 
dessen  Präexistenz  keine  neuen  lebendigen  Formen  entstehen  und 
an  welches  Fortgang  und  Erhaltung  des  Lebens  gebunden  sind. 
Erst  seitdem  der  Begriff"  der  Zelle  diese  strenge  Form  bekommen 
hat,  und  ich  bilde  mir  etwas  darauf  ein,  trotz  des  Vorwurfes  der 
Pedanterie  stets  daran  festgehalten  zu  haben,  erst  seit  dieser  Zeit 
kann  man  sagen,  dass  eine  einfache  Form  gewonnen  ist,  die  wir 
überall  wieder  aufsuchen  können,  und  die,  wenn  auch  in  Grösse, 
Gestalt  und  Ausstattung  verschieden,  doch  in  ihren  wesentlichen 
Bestandtheilen  immer  gleichartig  angelegt  ist. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  der  Ausdruck  „Zelle**,  welcher 
von  den  Cellulose-Capseln  der  Pflanzenzellen  hergenommen  ist, 
ein  beträchtliches  Stück  seiner  wirklichen  Bedeutung  verloren  hat, 
seitdem  er  auf  die  mit  zarten  Primordialschläuchen  oder  Mem- 
branen umkleideten  Körper  übertragen  ist,  weh'he  die  neue  Wissen- 


•)  Archiv  1847.    Bd.  I.  S.  218. 


10  Erstes  Gapitel. 

Schaft  im  Auge  hat.  Denn  hier  handelt  es  sich  nicht  sowohl  am 
hohle  Bläschen,  bei  denen  die  Membran  gewissennassen  die  Haupt- 
sache ist,  sondern  nm,  wenn  auch  weiche,  so  doch  solide  Körper, 
deren  äussere  Begrenzungsschicht  eine  grössere  Dichtigkeit  besitzt, 
als  das  Innere,  ja  bei  denen  es  fraglich  ist,  ob  überhaupt  diese 
Begrenzungsschicht  ein  nothwendiges  Zubehör  ist.  Bevor  wir  je- 
doch diese  Frage  erörtern,  wird  es  zweckmässig  sein,  die  anderen 
Bestand theile  der  Zelle  zu  betrachten. 

Zuerst  erwarten  wir,  dass  innerhalb  der  Zelle  ein  Kern  sei. 
Von  diesem  Kerne,  der  in  der  Regel  eine  ovale  oder  runde  Ge- 
stalt hat,  wissen  wir,  dass  er,  zumal  in  jungen  Elementen,  eine 
grössere  Resistenz  gegen  chemische  Einwirkungen  besitzt,  als 
die  äussereren  Theile  der  Zelle,  und  dass  er  trotz  der  grössten 

Flg.  4. 


Variabilität  in  der  äusseren  Gestalt  der  Zelle  seine  Gestalt  im 
Allgemeinen  behauptet.  Der  Kern  ist  demnach  derjenige  Theil  der 
Zelle,  der  mit  grösster  Constanz  in  allen  Formen  fast  unverändert 
wiederkehrt  Freilich  giebt  es  einzelne  Fälle,  sowohl  in  der  ver- 
gleichenden, als  auch  in  der  pathologischen  Anatomie,  wo  auch 
der  Kern  zackig  oder  eckig  erscheint,  aber  dies  sind  ganz  seltene 
Ausnahmen,  gebunden  an  besondere  Veränderungen,  welche  das 
Element  eingegangen  ist.  Im  Allgemeinen  kann  man  sagen,  dass, 
so  lange  es  noch  zu  keinem  Abschlüsse  des  Zellenlebens  gekommen 
ist,  so  lange  die  Zellen  sich  als  lebenskräftige  Elemente  ver- 
halten, die  Kerne  eine  nahezu  constante  Form  besitzen.  Nur  in 
den  niedersten  Pflanzen  z.  B.  in  den  niedersten  Pilzformen,  ist 
es  nicht  möglich,  einen  Kern  nachzuweisen. 

Der   Kern   seinerseits    enthält   bei    entwickelten    Elementen 
wiederum  mit  grosser  Beständigkeit  ein  anderes  Gebilde  in  sich, 

Fig.  4.  a,  Leberzelle.  A.  Spindelzelle  des  Biodcgcwebes.  r.  Capillarge> 
fäss.  </.  Grössere  Sternzelle  aus  einer  Lymphdrüse,  e.  Ganglienzelle  aus  dem 
Kleinhirn.    Die  Kerne  überall  gleichartig. 


•  Cytoblastem  und  Gjtoblast.  11 

das  sogenannte  Kernkörperchen  (Nncleolus).  Man  kann  je- 
doch von  demselben  nicht  sagen,  dass  es  als  ein  nothwendiges 
Desiderat  der  vitalen  Form  erseheine;  in  einer  erheblichen  Zahl 
von  jungen  Elementen  ist  es  noch  nicht  gelungen,  es  zu  sehen. 
Dagegen  treffen  wir  es  bei  gut  entwickelten,  älteren  Formen, 
regelmässig,  und  es  scheint  daher  eine  höhere  Ausbildung  des 
Elementes  anzuzeigen. 

Nach  der  Aufstellung,  welche  ursprünglich  von  Schieiden 
gemacht  und  von  Schwann  acceptirt  wurde,  dachte  man  sich 
lange  Zeit  das  Yerhältniss  der  drei  genannten  Zellentheile  (Mem- 
bran, Kern  und  Kernkörperchen)  so,  dass  der  Nucleolus  bei  der 
Bildung  der  Gewebe  als  das  Erste  aufträte,  indem  ör  sich  aus 
einer  Bildungsflüssigkeit  (Blastem,  Gytoblastem)  ausscheide, 
dass  er  schnell  eine  gewisse  Grösse  erreiche,  und  dass  sich  dann 
um  ihn  kleine  Kömchen  aus  dem  Blastem  ^*^'  '^' 

niederschlügen,  um  die  sich  wiederum  eine  «.;;;.  ?....:  c 

Membran  verdichte.  Damit  wäre  ein  Nuc-  -©.'Vlit:®'. 

leus  fertig,  um  den  sich  allmählich  wiederum  -  '••'  '  -  •"'^-• 
neue  Masse  ansammele  und,  zuerst  an  einer 
Seite  des  Nucleus,  eine  feine  Membran  er- 
zeuge (die  berühmte  Uhrglasform  der  Zellenmembran.  Fig.  5.  (V). 
Diese  Darstellung  der  Bildung  von  Zellen  aus  freiem  Blastem, 
wonach  der  Kern  der  Zelle  voraufgehen  und  als  eigentlicher  ZcUeu- 
bildner  (Cytoblast)  auftreten  sollte,  ist  es,  welche  man  ge- 
wöhnlich unter  dem  Namen  der  Zellen theorie  (genauer  Theorie 
der  freien  Zellenbildung)  zusammenzufassen  pflegte,  —  eine 
Theorie,  welche  gegenwärtig  vollständig  verlassen  ist,  und  für 
deren  Richtigkeit  keine  Thatsache  beigebracht  werden  kann. 

Wir  werden  späterhin  eine  Reihe  von  Thatsachen  der  physio- 
logischen und  pathologischen  Entwickelungsgeschichte  besprechen, 
welche  es  in  hohem  Grade  wahrscheinlich  machen,  dass  der  Kern 


ä:^^ 


Fig.  5.  Freie  Zellenbildunf^  nach  Schieiden,  Gnindzuge  der  wiss.  Bo- 
Unik.  I.  Fig.  1.  „Inhalt  des  Embryosackes  von  Vicia  faba  bald  nach  der  Be- 
fruchtung. In  der  hellen,  aus  Gummi  und  Zucker  bestehenden  Flüssigkeit 
schwimmen  Kornchen  von  Proteinverbindungen  Ca.),  unter  denen  sich  einzelne 
grössere  auffallend  auszeichnen.  Um  diese  letzteren  sieht  man  dann  die  ersteren 
zu  einer  kleinen  Scheibe  zusammengeballt  (b,  c)  Um  andere  Scheiben  erkennt 
man  einen  hellen,  scharf  begrenzten  Saum,  der  sich  allmählich  weiter  von  der 
Scheibe  (dem  Cytoblasten)  entfernt  und  endlich  deutlich  als  junge  Zelle  (d,  e,) 
erkannt  wird.** 


12  Erstes  Capitel. 

allerdings  eine  aosäürordeutlii-h  wichtige  Rolle  innerhalb  der  Zeile 
spielt,  eine  Rolle,  die,  wie  ich  gleich  hervorheben  will,  weniger 
anf  die  Fonction,  die  speciGsche  Leistung  der  Elemente  sich  be- 
zieht, als  vielmehr  anf  die  Erhaltung  und  Vermehrung  der  Ele- 
mente als  lebendiger  Theile.  Die  speciösche  (im  engeren  Sinne 
animalische)  Function  zeigt  sich  am  deutlichsten  am  Muskel,  am 
Nerven,  an  der  Drüsenzelle,  aber  die  besonderen  Thätigkeiten  der 
Contraction,  der  Sensation,  der  Secretion  scheinen  in  keiner  Weise 
unmittelbar  mit  den  Kernen  etwas  zu  thun  zu  haben.  Dass  da- 
gegen inmitten  aller  Function  das  Element  ein  Element  bleibt, 
dass  es  nicht  vernichtet  wird  und  zu  Grunde  geht  unter  der  fort- 
dauernden Thätigkeit,  dies  scheint  wesentlich  an  die  Existenz 
des  Kerns  gebunden  zu  sein.  Alle  diejenigen  zelligen  Bildungen, 
welche  ihren  Kern  verlieren,  sind  hinfällig,  sie  gehen  zu  Grunde, 
sie  verschwinden,  sterben  ab,  lösen  sich  auf.  Ein  menschliches 
Blutkörperchen  z.  B.  ist  eine  Zelle  ohne  Kern;  es  besitzt  höch- 
stens eine  äussere  Membran  und  einen  rothen  Inhalt,  aber  damit 
ist  seine  Zusammensetzung,  soweit  man  sie  erkennen  kann,  er- 
schöpft, und  was  man  vom  Blutkörperchen -Kern  beim  Menschen 
erzählt  hat,  bezieht  sich  auf  Täuschungen,  welche  allerdings  sehr 
leicht  und  häufig  hervorgebracht  werden  dadurch,  dass  kleine  Un- 
ebenheiten an  der  Oberfläche  entstehen  (Fig.  61).  Man  wurde 
daher  nicht  einmal  behaupten  können,  dass  Blutkörperchen  Zellen 
seien,  wenn  man  nicht  wüsste,  dass  eine  gewisse  Zeit  existirt, 
wo  auch  die  menschlichen  Blutkörperchen  Kerne  haben,  nehmlich 
die  Zeit  innerhalb  der  ersten  Monate  des  intrauterinen  Lebens. 
Hier  circuliren  auch  beim  Menschen  kernhaltige  Blutkörperchen, 
wie  man  sie  bei  Fröschen,  Vögeln,  Fischen  das  ganze  Leben  hin- 
durch sieht.  Das  ist  bei  Säugethieren  auf  eine  gewisse  Zeit  der 
Entwickelung  beschränkt;  in  der  späteren  Zeit  besitzen  die  rothen 
Blutkörperchen  nicht  mehr  die  volle  Zellennatur,  vielmehr  haben 
sie  einen  wichtigen  Bestandtheil  ihrer  Zusammensetzung  einge- 
busst.  Aber  Alle  sind  auch  darüber  einig,  dass  gerade  das  Blut 
einer  von  jenen  wechselnden  Bestandtheilen  des  Körpers  ist,  deren 
Elemente  keine  Dauerhaftigkeit  besitzen,  vielmehr  fort  und  fort 
zu  Grunde  gehen  und  ersetzt  werden  durch  neue,  die  wiederum 
der  Vernichtung  bestimmt  sind.  Wie  die  obersten  Epidermis- 
zellen,  in  welchen  wir  auch  keine  Kerne  finden,  sobald  sie  sich 
abschilfern,  haben  die  ersten  Blutkörperchen  schon  ein  Stadium 


Zellenlnhalt    ProtoplaBma.  13 

ihrer  Entwickelang  erreicht,  wo  sie  nicht  mehr  jener  Danerhartig- 
keit  der  innereD  ZtisaniDienBetziiDg  bedürfen,  als  deren  BGrgen 
wir  den  Kern  betrachten  müSBen. 

Dagegen  kennen  wir,  so  vielfach  auch  gegenwärtig  die  Ge- 
webe nntersncbt  sind,  keinen  Tbeil,  der  wächst,  der  eich  ver- 
mehrt, Bei  es  physiologiscb ,  sei  es  pathologisch,  wo  nicht  kern- 
haltige Elemente  als  die  Ausgangspunkte  der  inneren  Verände- 
rung nachweisbar  wfiren,  und  wo  nicht  die  ersten  erkennbaren 
VerÄnderUDgen,  welche  auftreten,  den  Kern  selbst  betreffen,  so 
dasB  wir  aas  seinem  Verhalten  oft  bestimmen  können,  was  mög- 
licher Weise  aus  den  Elementen  geworden  sein  wQrde,  wenn  der 
Vorgang  weiter  fortgeschritten  wäre. 

Längere  Zeit  hindurch  verhtngte  man  für  die  Definition  einer 
Zelle  nicbt  viel  mehr,  als  die  Membran,  mochte  sie  nan  rond 
oder  zackig  oder  sternförmig  sein,  und  den  Kern,  welcher  von 
vom  herein  eine  andere  chemische  BeschafTenbeit  besitzt,  als  diu 
Membran.  Es  ist  indess  damit  lange  nicht  alles  Wesentliche  er- 
schöpft. Denn  die  Zelle  ist  ausser  dem  Kern  gefüllt  mit  einer 
verii&ltoissm&ssig  grösseren  oder  kleineren  Menge  von  Inhatts- 
masse,  und  ebenso  in  der  Regel  der  Kern  seinerseits,  in  der 
Art,  dass  der  Inhalt  des  Eems  wieder  verschieden  zu  sein  pflegt 
von  dem  Inhalte  der  Zelle.     Innerhalb  mancher  ^ 

Zellen  sehen  wir  Pigment,  ohne  dasa  der  Kern 
davon  etwas  enthielte  (Fig.  6,  c).  Innerhalb  einer 
Maskelzelle  wird  conttactile  Substanz  abgelagert, 
die  Trägerin  der  Contraclions-Eraft;   der  Kern       -i^bv 
bleibt  Kern  (Fig.  6,  b.).  Eine  Nervenfaser  kann       ^| 
um  den  Axencylinder  Mark  ausscheiden,  aber  der         o 
Eem  bleibt  ausserhalb,  der  Axencylinder  inner- 
halb des  Markes  unversehrt  (Fig.  6,  c).    In  der 
Mehrzahl  der  thierischen  Zellen  nimmt  der  soge- 
nannte labalt  den  verhältnissmässig  grössten  Raum 
ein;    er  ist  wenigstens  quantitativ  nnzweifetbaft 
der  Hanptbestandtheil  dessen,  was  ich  deuZell- 
kürper  nenne.    Allein  schon  Mobl  schrieb  dem 


Fig;.  G.  1.  I^Kioenlzelle  aus  der  Chorioides  oculi.  b.  Glatte  HuBkelzelle 
au  dem  Darm.  r.  Stack  einer  doppcllconlourirten  Nervenfaser  mit  AxencylindFr, 
Marksrheide  und  «andfll&ndifrem,  niirlenlirtem  Kfm  in  der  äusseren  Scheid?. 


14  Erstes  Capitel. 

Inhalte  der  Pflanzenzellen  auch  qualitativ  eine  bedeutende  Rolle  zu, 
indem  er  darin  eine  besondere,  eiweisshaltige  Flüssigkeit  von  grossem 
functionellen  Werthe,  das  von  ihm  sogenannte  Protoplasma,  an- 
nahm. In  neuerer  Zeit  hat  diese  Auffassung  auch  bei  den  Unter- 
suchen! der  thierischen  Zellen  immer  mehr  Anklang  gefunden,  so 
dass  gegenwärtig  von  Vielen  das  Protoplasma  oder  was  man 
früher  allgemein  den  Zelleninhalt  nannte,  als  der  wichtigste  und 
gewissermaassen  essentielle  Theil  des  ganzen  Gebietes  angesehen 
wird.  Es  stellt  nach  dieser  Auffassung  eine  in  allen  Zellen,  we- 
nigstens allen  noch  lebenskräftigen,  vorkommende  Grundsubstanz 
dar,  in  welcher  ausser  dem  Kern  je  nach  besonderen  Entwicke- 
lungsverhältnissen  noch  eine  grössere  Menge  meist  in  kömiger 
Form  abgeschiedener  Stoffe  (Fett,  Pigment,  Glykogen  u.  s.  w.) 
eingeschlossen  sein  können. 

Sieht  man  davon  ab,  dass  nicht  wenige  Zellen  um  sich  herum 
allerlei  äussere  Stoffe  (Intercellular-  oder  Extracellular- 
substanz)  anhäufen,  beziehungsweise  abscheiden,  so  wird  man 
nicht  bezweifeln  können,  dass  die  besonderen  (specifi sehen) 
Eigenthümlichkeiten,  welche  einzelne  Zellen  oder  Zellengruppen 
an  bestimmten  Orten  und  unter  besonderen  Bedingungen  erreichen, 
zu  einem  grossen  Theile  gebunden  sind  an  wechselnde  Eigenschaf- 
ten des  Zelleninhalts  (Intracellularsubstanz)  und  dass  haupt- 
sächlich von  diesen  die  functionelle  (physiologische)  Verschiedenheit 
der  Gewebe  abhängig  ist.  Diess  darf  uns  jedoch  nicht  abhalten, 
daran  festzuhalten,  dass  innerhalb  der  verschiedensten  Gewebe  jene 
Bestandtheile,  welche  die  Zelle  gewissermaassen  in  ihrer  abstracten 
Form  darstellen.  Kern  und  Zellkörper,  mit  grosser  Regelmässig- 
keit wiederkehren,  und  dass  durch  ihre  Zusammenfugung  ein  ein- 
faches Element  gewonnen  wird,  welches  durch  die  grosse  Reihe 
der  lebendigen  pflanzlichen  und  thierischen  Gestaltungen,  so  äusser- 
lich  verschieden  sie  auch  sein  mögen,  so  sehr  die  innere  Zusam- 
mensetzung dem  Wechsel  unterworfen  sein  mag,  eine  ganz  beson- 
dere Formbildung  als  bestimmte  Grundlage  der  Lebenserscheinun- 
gen erkennen  lässt. 

Betrachtet  man  z.  B.  die  jüngsten  Eierstockseier  des  Frosches, 
bevor  die  Abscheidung  der  Dotterkömer  begonnen  hat,  so  wird 
man  nicht  daran  zweifeln  können,  dass  man  es  mit  wirklichen  Zellen 
zu  thun  hat,  wenngleich  sie  durch  allmähliches  Wachsthum  eine 
colossale  Grösse  zu  erreichen  vermögen. 


Eizelle  und  katarrhal  isdie  Zollen. 


Im  GegflDsatze  daza  nehme  man  ein  gewöhnliches  klinisches 
Object:  Zellen  von  einem  frischen  katarrhalischen  Spntnm.     Es 
Bind  hier  im  VerhftltnisB  sehr  kleine  Elemente,  die  eich  bei  stär- 
kerer VergrOBserong  als  vollkommen  kugelige  Gebilde      ^^    ^ 
darstellen,  oud  an  denen  man  erst  nach  Einwirkang         ^i 
von    Wasser  and    anderen   Reagentien    dentlich   eine    A  r<^\ 
Hembran,  Kerne  nod  einen  im  frischen  Zustande  trü-    .^2  ^ 
ben  Inhalt  onterscheidet.    Die  meisten  von  den  klei-   ^  ^P 
nen  Elementen  gehören  nach  der  gehrftnchlichen  Ter-  ' 

minologie  in  die  Reibe  der  Eiterkßrpercben;  die  grösseren,  als 
Schleimkörpercben  oder  katarrhalische  Zellen  zn  bezeichnen,  ent- 
halten znm  Theil  Fett  oder  granschwarzes  Pigment  in  Form  von 
KOmem.  Aber  so  klein  sie  sind,  so  besitzen  sie  doch  die  ganze 
typische  Eigenthümlichkeit  der  grossen  Zellen;  alte  wesentlichen 
Charaktere  der  grossen  finden  sich  an  ihnen  wieder.  Das  ist 
aber  meines  Erachtens  das  Entscheidende,  dass,  wir  mögen  nnn  die 


Fig.  7.  Jonge  Eieretockseler  vom  Froscb.  A.  Eine  gani  junge  Eizelle. 
R.  Eine  gröatere.  C.  Eine  noch  grössere  mit  beginnender  Äbscheidvng  brauner 
Körnchen  an  dem  einen  Pol  (t.)  und  mit  iusserer  Einfaltung  der  Zellmembran 
durch  Eindringen  TOn  Wasser,  u.  Membran  des  Graafscben  Follikels,  t.  Zell- 
nembran.    c  Eemmembran.    </.  Kern  körpereben.    S.  Bierstock.     Vergrüss.  150. 

Fig.  8.  Zellen  aua  frischem  katarrhalischem  Sputum.  A.  Eiterkörpereben. 
lt.  gmni  frisch.  6.  nach  Behandlung  mit  Essigsäure:  innerhalb  der  Hembran  ist 
der  Inhalt  aufgeklärt  und  man  sieht  drei  kleine  Kerne.      R,  SchleimkörpercheD. 

'  '    '         h.  mit  Pigmentkömchen.    Vorgr.  300. 


16  Erates  Capitel. 

grossen  oder  die  kleinen,  die  pathologischen  oder  die  physiologischen 
Zellen  zusammenhalten ,  dies  Uebereinstimmende  sich  immer 
wiederfindet. 

Es  darf  nicht  überraschen,  dass  der  Werth  der  einzelnen, 
die  vollendete  Zelle  zusammensetzenden  Theile  vielfacher  Deutung 
ausgesetzt  ist  und  dass  die  Definition  der  Zelle  immer  neue 
Formulirungen  erhält,  trotzdem  dass  man  immer  dasselbe  Gebilde 
oder  wenigstens  denselben  Körper  meint.  Seitdem  die  sogenannte 
Membran  der  Pflanzenzelle  als  ein  secundäres  Abscheidun^spro- 
duct,  als  blosse  Gapsei  erkannt  ist,  hat  natürlich  der  frühere 
Zelleninhalt,  das  Protoplasma,  eine  grössere  Bedeutung  erlangt. 
Der  Kern  ist  mehr  in  den  Hintergrund  getreten,  nachdem  man 
ihm  nicht  mehr  die  Präexistenz  und  die  Rolle  des  Gytoblasten 
beilegt.  Noch  ungünstiger  liegt  die  Frage,  ob  die  Membran  ein 
nothwendiges  Erforderniss  der  Zelle  ist,  und  nicht  bloss  unter 
den  Botanikern,  sondern  auch  unter  den  Zoologen  (Max  Schnitze) 
giebt  es  nicht  wenige  und  ausgezeichnete  Forscher,  welche  die 
Zelle  als  vollkommen  constituirt  betrachten,  sobald  ein  Kern  mit 
dem  dazu  gehörigen  Protoplasma  vorhanden  ist.  Erst  auf  einer 
gewissen  Entwickelungshöhe  würde  sich  dieses  Protoplasma  mit 
einer  Membran  bekleiden  und  zum  Zelleninhalt  werden,  wie  man 
es  bei  der  Furchung  des  Eies  und  der  Bildung  der  Primordial- 
Zellen  so  lange  angenommen  hat.  Glücklicherweise  hat  diese 
schwierige  Frage  für  die  Pathologie  keine  principielle  Bedeutung. 
Abgesehen  davon,  dass  bei  fast  allen  physiologischen  und  patho- 
logischen Zellen  von  einiger  Bedeutung  Membranen  isolirbar  sind, 
wird  doch  auch  vom  Standpunkte  derjenigen,  welche  die  Membran- 
losigkeit  vieler  Zellen  behaupten,  weder  die  Existenz,  noch  der 
entscheidende  Werth  der  Zellen  in  Frage  gestellt.  Ob  eine  Zelle 
im  alten  Sinne  des  Wortes  ein  Bläschen  oder  im  neuen  ein  solides 
Körperchen  ist,  ist  daher  eine  Detailfrage,  welche  das  cellulare 
Princip  nicht  berührt. 

Dieses  Princip  aber  ist  meiner  AuflTassung  nach  der  einzig 
mögliehe  Ausgangspunkt  aller  biologischen  Doctrin.  Wenn  eine 
wirkliche  Uebereinstimmung  der  elementaren  Formen  durch  die 
ganze  Reihe  alles  Lebendigen  hindurchgeht,  wenn  man  vergeblich 
in  dieser  grossen  Reihe  nach  irgend  etwas  Anderem  sucht,  was 
als  organisches  Element  an  die  Stelle  der  Zelle  gesetzt  wer- 
den könnte,  so  muss  man  nothwendig  auch  jede  höhere  Ausbil- 


Sociale  Einrichtung  der  Organismen.  17 

dung,  sei  es  einer  Pflanze,  sei  es  eines  Thieres,  betrachten  als 
eine  fortschreitende  Summimng  grösserer  oder  kleinerer  Zahlen 
von  Zellen.  Wie  ein  Banm  eine  in  einer  bestimmten  Weise  za- 
sammengeordnete  Masse  darstellt,  in  welcher  als  letzte  Elemente 
an  jedem  einzelnen  Theile,  am  Blatt  wie  an  der  Wnrzel,  am 
Stamm  wie  an  der  Blüthe,  zellige  Elemente  erscheinen,  so  ist  es 
auch  mit  den  thierischen  Gestalten.  Jedes  Thier  erscheint 
als  eine  Snmme  vitaler  Einheiten,  von  denen  jede  den  vollen 
Charakter  des  Lebens  an  sich  trägt.  Der  Charakter  nnd  die 
Einheit  des  Lebens  kann  nicht  an  einem  bestimmten  einzelnen 
Punkte  einer  höheren  Organisation  gefunden  werden,  z.  B.  im 
Gehirn  des  Menschen,  sondern  nur  in  der  bestimmten,  constant 
wiederkehrenden  Einrichtung,  welche  jedes  einzelne  Element  an 
sich  trägt.  Daraus  geht  hervor,  dass  die  Zusammensetzung  eines 
grösseren  Körpers,  des  sogenannten  Individuums,  immer  auf  eine 
Art  von  gesellschaftlicher  Einrichtung  herauskommt,  einen  Or- 
ganismus socialer  Art  darstellt,  wo  eine  Masse  von  einzelnen 
Existenzen  auf  einander  angewiesen  ist,  jedoch  so,  dass  jedes 
Element  (Zelle  oder,  wie  Brücke  sehr  gut  sagt,  Elementar- 
Organismus)  für  sich  eine  besondere  Thätigkeit  hat,  und  dass 
jedes,  wenn  es  auch  die  Anregung  zu  seiner  Thätigkeit  von  an- 
deren Theilen  her  empfängt,  doch  die  eigentliche  Leistung  von  sich 
selbst  ausgehen  lässt. 

Ich  habe  es  deshalb  für  nothwendig  erachtet,  den  Gesammt- 
Organismus  oder  das  Individuum  nicht  bloss  in  seine  Organe  und 
diese  in  ihre  Gewebe,  sondern  auch  noch  die  Gewebe  zu  zerlegen 
in  Zellenterritorien.  Ich  habe  gesagt  Territorien,  weil  wir  in 
der  thierischen  Organisation  eine  Eigenthümlichkeit  finden,  welche 
in  der  Pflanze  fast  gar  nicht  oder  doch  nur  in  sehr  unvollkom- 
mener Weise  zur  Anschauung  kommt,  nehmlich  die  Entwickelung 
grosser  Massen  sogenannten  intercellularen  Stoffes.  W^ährend 
die  Pflanzenzellen  in  der  Regel  mit  ihren  äusseren  Absonderungs- 
schichten, den  vorher  erwähnten  Capseln,  unmittelbar  aneinander 
stossen,  so  jedoch,  dass  man  immer  noch  die  alten  Grenzen 
unterscheiden  kann,  so  finden  wir  bei  den  thierischen  Geweben, 
dass  diese  Art  der  Anordnung  die  seltnere  ist.  In  der  oft  sehr 
reichlichen  Masse,  welche  zwischen  den  Zellen  liegt  (Zwischen- 
oder Grundsubstanz,  Intercellularsubstanz),  können  wir 
selten  von  vornherein  fibersehen,  inwieweit  ein  bestimmter  Theil 

VIrehov,  CelluUr-PathoI.    4.  Aafl.  2 


davoD  der  einen,  ein  anderer  der  anderen  Zelle  angehöre;  sie  er- 
Rcheint  als  ein  gleichmässigcr  ZwischeDstoff. 


Nach  der  Ansiebt  Schwann'a  war  die  Intercellalarsubstaaz 
Gytoblastem,  fär  die  Ent-wlckelnng  neuer  Zellen  bestimmt.  Dies 
halte  ich  nicht  für  richtig,  vielmehr  bin  ich  dnrch  eine  Reihe 
von  ErfahroDgen  za  dem  Schlüsse  gekommen,  dass  die  Inter- 
cellularsabstanz,  wie  sie  von  den  Zellen  gebildet  (abgeschieden) 
wird,  so  auch  in  einer  bestimmten  Abhängigkeit  von  ibneo  bleibt, 
in  der  Art,  dass  man  aach  in  ihr  Grenzen  ziehen  kann,  and  das 
gewisse  Bezirke  von  ihr  der  einen,  gewisse  der  anderen  Zelle  an- 
gehören.' Darob  pathologische  Vergälle  werden  diese  Grenzen 
scharf  bezeichnet,  nnd  es  läs&t  sich  direct  zeigen,  wie  jedesmal  ein 
bestimmtes  Gebiet  von  Zwischensnbstanz  beherrscht  wird  von  dem 
zelligen  Elemente,  welches  in  seiner  Mitt«  gelegen  ist. 

Es  wird  jetzt  deatlich  sein,  wie  ich  mir  die  Zellen-Territorien 
denke:  Es  gibt  einfache  Gewebe,  welche  ganz  ans  Zellen  bestehen, 
Zelle  an  Zelle  gelagert  (Fig.  10,.^.).  Hier  kann  über  die  Grenze 
der  einzelnen  Zelle  keine  Meinongsverschiedenheit  bestehen,  aber 
es  ist  ndthig,  hervorzuheben,  dass  mch  in  diesem  Falle  jede  ein- 
zelne Zelle  ihre  besonderen  Wege  gehen,  ihre  besonderen  VerSode- 
rungen  erfahren  kann,  ohne  dass  mit  Nothwendigkeit  das  Geschick 
der  zunächst  liegenden  Zellen  daran  geknüpft  ist.  In  andern  Ge- 
weben dagegen,  wo  wir  Zwischenmassen  haben  (Ftg.  10,  it.),  ver- 
sorgt die  Zelle  ausser  ihrem  eigenen  Inhalt   noch  eine  gewisse 

Fie.  9  Epipb;seDkDorp«1  tod)  Oberanne  «ia«g  Kindes,  ta  der  Ellenbenge. 
Dm  Oliject  war  zuerst  mit  cbromaBurem  Kall  nnd  dann  mit  Bsaii^lufe  behao- 
delL  In  der  homof;enen  Grandsubstanz  (Intercellularsubitanz)  sieht  man  bei 
1.  Knorpel hüfalen  mit  noch  dünner  Wand  (Capael),  in  welchen  die  Knorp«lzellen, 
mit  Kern  und  Kemkörpercben  veraeben,  sich  deutlich  abgrenzen.  6.  Capselu 
(Ilüblen)  mit  zwei ,  durch  TbeJIung  der  früher  einfachen  entstandeneB  Zellen- 
'-  Tbniluni;  der  CapHi-ln  nach  TheilooK  der  Zellen-  d.  Ansei nanderröcken  der 
l^tbi-ilten  C'ap!>«ln  iliirrh  ZwiMbeDlaeerunj;  vnn  liitercellularaubstanz.  —  Knor- 
pel wnchnt  hu  in. 


Zellenterritorien. 


19 


Menge  von  äusserer  Substanz,  die  an  ihren  Veränderungen  Theil 
nimmt,  ja  sogar  häufig  frühzeitiger  afficirt  wird,  als  das  Innere 
der  Zelle,   welches  durch  seine  Lagerung  mehr  gesichert  ist,  als 


Fig.  10. 


J 


die  äussere  Zwissenmasse.  Endlich  gibt  es  eine  dritte  Reihe  von 
Geweben  (Fig.  10,  C),  deren  Elemente  unter  einander  in  cngeien 
Verbindungen  stehen.  Es  kann  z.  B.  eine  Zelle  mit  anderen  zu- 
sammenhängen und  dadurch  eine  reihen-  oder  flächenrormige 
Anordnung  entstehen,  ähnlich  der  bei  den  Gapillaren  und  anderen 
analogen  Gebilden.  In  diesem  Falle  könnte  man  glauben,  dass 
die  ganze  Reibe  beherrscht  werde  von  irgend  Etwas,  was  wer 
weis  wie  weit  entfernt  liegt,  indessen  bei  genauerem  Studium  er- 
gibt sich,  dass  selbst  in  diesen  ketten-  oder  hautartigen  Einrich- 
tungen eine  gewisse  Unabhängigkeit  der  einzelnen  Glieder  besteht, 
und  dass  diese  Unabhängigkeit  sich  äussert,  indem  unter  gewissen 
äosseren  oder  inneren  Einwirkungen  das  Element  nur  innerhalb 
seiner  Grenzen  gewisse  Veränderungen  erfährt,  ohne  dass  die 
nächsten  Elemente  dabei  betheiligt  sind.*) 


Fig.  10.  Schematische  Darstellung  der  Zelleoterritorien.  A.  Einfaches  Zel- 
lengewebe (Epidermis).  B.  Gewebe  mit  Intercellularsubstanz  (Knorpel),  in  wel- 
chem nach  nnten  hin  die  Zellenterritorien  abgegrenzt  sind.  (/.  Kernhaltiges, 
scheinbar  homogenes  Gewebe  (Capillargcfäss),  in  welchem  die  Territorien  durch 
ponktirte  Linien  angedeutet  sind. 

*)  Lange,  nachdem  dieses  geschrieben  war,  haben  die  Untersuchungen  von 
Heidenhain  fär  die  Knorpel,  von  Auerbach  und  Eberth  für  die  Capillaren 
auch  die  physiologische  Realität  der  Zellcnterritorien  erwiesen. 

2' 


20  Erstes  Gapitel. 

Das  Angeführte  wird  zunächst  genügen,  am  za  zeigen,  in 
welcher  Weise  ich  es  für  nothwendig  erachte,  die  pathologischen 
Vorgänge  zu  localisiren,  sie  auf  bekannte  histologische  Elemente 
zurückzuführen,  warum  es  mir  z.  B.  nicht  genügt,  von  einer 
Thätigkeit  der  Gefässe  oder  von  einer  Thätigkeit  der  Nerven  zu 
sprechen,  sondern  warum  ich  es  für  nothwendig  erachte,  neben 
Gefässen  und  Nerven  die  grosse  Zahl  von  kleinen  Tbeilen  ins 
Auge  zu  fassen,  welche  thatsächlich  die  Hauptmasse  der  Körper- 
substanz ausmachen.  Es  ist  nicht  genug,  dass  man,  wie  es  seit 
langer  Zeit  geschieht,  die  Muskeln  als  thätige  Elemente  daraus 
ablöst;  innerhalb  des  grossen  Restes,  der  gewöhnlich  als  träge 
Masse  betrachtet  wird,  findet  sich  noch  eine  ungeheure  Zahl  wirk- 
samer Theile. 

In  der  Entwickelung,  welche  die  Medicin  bis  in  die  letzten 
Tage  genommen  hat,  finden  wir  den  Streit  zwischen  den  humo- 
ralen und  solidaren  Schulen  der  alten  Zeit  immer  noch  erhalten. 
Die  humoralen  Schulen  haben  im  Allgemeinen  das  meiste  Glück 
gehabt,  weil  sie  die  bequemste  Erklärung  und  in  der  That  die 
plausibelste  Deutung  der  Erankheitsvorgänge  gebracht  haben.  Man 
kann  sagen,  dass  fast  alle  glücklichen  Praktiker  und  bedeutenden 
Kliniker  mehr  oder  weniger  humoralpathologische  Tendenzen  ge- 
habt haben;  ja  diese  sind  so  populär  geworden,  dass  es  jedem 
Arzte  äusserst  schwer  wird,  sich  aus  ihnen  zu  befreien.  Die 
solidarpathologischen  Ansichten  sind  mehr  eine  Liebhaberei  specu- 
lativer  Forscher  gewesen;  sie  sind  nicht  sowohl  aus  dem  unmittel- 
baren pathologischen  Bedürfnisse,  als  vielmehr  aus  physiologischen 
und  philosophischen,  selbst  aus  religiösen  Erwägungen  hervor- 
gegangen. Sie  haben  den  Thatsachen  Gewalt  anthun  müssen,  so- 
wohl in  der  Anatomie,  als  in  der  Physiologie,  und  haben  daher 
niemals  eine  ausgedehnte  Verbreitung  gefunden.  Meiner  Auf- 
fassung nach  ist  der  Standpunkt  beider  ein  unvollständiger;  ich 
sage  nicht  ein  falscher,  weil  er  eben  nur  falsch  ist  in  seiner  £x- 
clusivität;  er  muss  zurückgeführt  werden  auf  gewisse  Grenzen,  und 
man  muss  sich  erinnern,  dass  neben  Gefässen  und  Blut,  neben 
Nerven  und  Centralapparaten  noch  andere  Dinge  existiren,  die 
nicht  ein  blosses  Substrat  der  Einwirkung  von  Nerven  und  Blut 
sind,  auf  welchem  diese  ihr  Wesen  treiben. 

Wenn  man  nun  fordert,  dass  die  medicinischen  Anschauungen 
auch  auf  dieses  Gebiet  sich  übertragen  sollen,  wenn  man  anderer- 


Die  Cellularpathologie.  21 

8eit8  verlangt,  da^s  auch  innerhalb  der  homoral-  nnd  nenropatho- 
logischen  Vorstellungen  man  sich  schliesslich  erinnern  soll,  dass 
das  Blut  ans  vielen  einzelnen  für  sich  bestehenden  nnd  wirkenden 
Theilen  besteht,  dass  das  Nervensystem  aus  vielen  thätigen  Sonder- 
Bestandtheilen  zusammengesetzt  ist,  so  ist  dies  eine  Forderung, 
die  freilich  auf  den  ersten  Blick  manche  Schwierigkeiten  bietet. 
Aber  wenn  man  sich  erinnert,  dass  man  Jahre  lang  nicht  bloss 
in  den  Vorlesungen,  sondern  auch  am  Krankenbette  von  der 
Tbätigkeit  der  Capillaren  gesprochen  hat,  einer  Thätigkeit,  die 
Niemand  gesehen  hat,  die  eben  nur  auf  bestimmte  Doctrinen  hin 
angenonmien  worden  ist,  so  wird  man  es  nicht  unbillig  finden, 
dass  Dinge,  die  wirklich  zu  sehen  sind,  ja  die,  wenn  man  sich 
übt,  selbst  dem  unbewafTneten  Auge  nicht  selten  zugängig  sind, 
gleichfalls  in  den  Kreis  des  ärztlichen  Wissens  und  Denkens  auf- 
genonmien  werden.  Von  Nerven  hat  man  nicht  nur  gesprochen, 
wo  sie  nicht  dargestellt  waren;  man  hat  sie  einfach  supponirt, 
selbst  in  Theilen,  wo  bei  den  sorgfältigsten  Untersuchungen  sich 
nichts  von  ihnen  hat  nachweisen  lassen;  man  hat  sie  wirksam 
sein  lassen  an  Punkten,  wohin  sie  überhaupt  gar  nicht  vordringen. 
So  ist  es  denn  gewiss  keine  unbillige  Forderung,  dass  dem  grös- 
seren, wirklich  existirenden  Theile  des  Körpers,  dem  „dritten 
Stande^,  auch  eine  gewisse  Anerkennung  werde,  und  wenn  diese 
Anerkennung  zugestanden  wird,  dass  man  sich  nicht  mehr  mit 
der  blossen  Ansicht  der  Nerven  als  ganzer  Theile,  als  eines  zu- 
sammenhängenden einfachen  Apparates,  oder  des  Blutes  als  eines 
bloss  flüssigen  Stoffes  begnüge,  sondern  dass  man  auch  innerhalb 
des  Blutes  nnd  des  Nervenapparates  die  ungeheure  Masse  kleiner 
wirksamer  Centren  zulasse.  Dann  wird  sich  nicht  nur  ein  neues, 
grosses  Gebiet,  das  der  zelligen  Gewebselemente,  in  die  ärztliche 
Betrachtung  einfügen,  sondern  es  wird  möglich  sein,  auch  Blut 
nnd  Nerven  von  dem  Standpunkte  der  Cellularphysiologie  aus  zu 
würdigen,  und  so  den  alten  Streit  dei  Humoral-  und  Solidar- 
pathologie  in  einer  einigen  Cellularpathologie  zu  versöhnen. 

Die  wesentlichen  Hindernisse,  welche  bis  in  die  letzte  Zeit 
in  dieser  Richtung  bestanden,  waren  nicht  so  sehr  pathologische. 
Ich  bin  überzeugt,  man  würde  mit  den  pathologischen  Verhält- 
nissen ungleich  leichter  fertig  geworden  sein,  wenn  es  nicht  bis 
vor  Kurzem  unter  die  Unmöglichkeiten  gehört  hätte,  die  wirklichen 
Elementartheile  des  thierischen  Leibes  zu  ermitteln  und  eine 


22  Kriite«  Gapitel. 

einfache  UeberHicht  der  physiologischen  Gewebe  zu  liefern.  Die 
alten  Anschauungen,  welche  zum  Theil  noch  aus  dem  vorigen 
Jahrhundert  überkommen  waren,  haben  gerade  in  demjenigen 
Gebiete,  welches  pathologisch  am  häufigsten  in  Betracht  kommt, 
nämlich  in  dem  des  Bindegewebes,  so  sehr  vorgewaltet,  dass  noch 
jetzt  eine  allgemeine  Einigung  nicht  gewonnen  ist,  und  dass  jeder- 
mann genöthigt  ist,  sich  durch  die  Anschauung  der  Objecle  selbst 
ein  Urtheil  darüber  zu  bilden. 

Noch  in  den  Elementa  physiologiae  von  Hall  er  findet  man 
an  die  Spitze  des  ganzen  Werkes,  wo  von  den  Elementen  des 
Körpers  gehandelt  wird,  die  Faser  gestellt.  Halle r  gebraucht 
dabei  den  sehr  characteristischen  Ausdruk,  dass  die  Faser  (fibra) 
für  den  Physiologen  sei,  was  die  Linie  für  den  Geometer. 

Diese  Auffassung  ist  bald  weiter  ausgedehnt  worden,  und  die 
Lehre,  dass.  für  fast  alle  Theile  des  Körpers  die  Faser  als  Grund- 
lage diene,  dass  die  Zusammensetzung  der  allermannichfachsten 
Gewebe  in  letzter  Instanz  auf  die  Faser  zurückführe,  ist  nament- 
lich bei  dem  Gew^ebe,  welches,  wie  sich  ergeben  hat,  pathologisch 
die  grösste  Wichtigkeit  hat,  bei  dem  sogeuannten  Zellgewebe  am 
längsten  festgehalten  worden. 

Im  Laufe  des  letzten  Jahrzehnts  vom  vorigen  Jahrhundert 
begann  indess  schon  eine  gewisse  Reactiou  gegen  diese  Faser- 
lehre, und  in  der  Schule  der  Naturphilosophen  kam  frühzeitig 
ein  anderes  Element  zu  Ehren,  das  aber  in  einer  viel  mehr  spe- 
culativen  Weise  begründet  wurde,  nämlich  das  Kügelchen. 
Während  die  Einen  inmier  noch  an  der  Faser  festhielten,  so 
glaubten  Andere,  wie  in  der  späteren  Zeit  noch  Milne  Ed- 
wards, so  weit  gehen  zu  dürfen,  auch  die  Faser  wieder  aus 
linear  aufgereihten  Kügelchen  zusammengesetzt  zu  denken.  Diese 
Auffassung  ist  zum  Theil  hervorgegangen  aus  optischen  Täuschun- 
gen bei  der  mikroskopischen  Beobachtung.  Die  schlechte  Me- 
thode, welche  während  des  ganzen  vorigen  Jahrhunderts  und  eines 
Theiles  des  gegenwärtigen  bestand,  dass  man  mit  massigen  In- 
strumenten im  vollen  Sonnenlicht  beobachtete,  brachte  fast  in 
alle  mikroskopischen  Objecto  eine  gewisse  Dispersion  des  Lichtes, 
und  der  Beobachter  bekam  den  Eindruck,  als  sähe  er  weiter 
nichts,  als  Kügelchen.  Andererseits  entsprach  aber  auch  diese 
Anschauung  den  naturphilosophischen  Vorstellungen  von  der  ersten 
Entstehung  alles  Geformten. 


Die  E lernen tarfaser  und  das  Elemeniarkägelchen.  23 

Diese  Kügelchen  (Körnchen,  Granula,  Moleküle)  haben  sich 
sonderbarer  Weise  bis  in  die  moderne  Histologie  hinein  erhalten, 
nnd  es  gab  bis  vor  Kurzem  wenige  histologische  Werke,  welche 
nicht  mit  den  Elementarkörnchen  anfingen.  Hier  und  da  sind 
noch  vor  nicht  langer  Zeit  diese  Ansichten  von  der  Eugelnatur 
der  Elementartheile  so  überwiegend  gewesen,  dass  auf  sie  die 
Zusammensetzung,  sowohl  der  ersten  Gewebe  im  Embryo,  als 
auch  der  späteren  begründet  wurde.  Man  dachte  sich,  dass  eine 
Zelle  in  der  Weise  entstände,  dass  die  Kügelchen  sich 
sphärisch  zur  Membran  ordneten,  innerhalb  deren  sich  ^'*  " 
andere  Kügelchen  als  Inhalt  erhielten.  Noch  von  «  ^ 
Baumgärtner  und  Arnold  ist  in  diesem  Sinne 
gegen  die  Zellentheorie  gekämpft  worden. 

In  einer  gewissen  Weise  hat  diese  Auffassung  in 
der  Entwickelungsgescbichte  eine  Stütze  gefnnden;  in 
der  sogenannten  ümhüllungstheorie,  —  einer  Lehre,  die  eine 
Zeit  lang  stark  in  den  Vordergrund  getreten  war  (Henle).  Da- 
nach dachte  man  sich,  dass,  während  ursprünglich  eine  Menge  von 
Elementarkügelchen  zerstreut  vorhanden  wäre,  diese  sich  unter 
bestimmten  Verhältnissen  zusammenlagerten,  nicht  in  Form  sphä- 
rischer Membranen,  sondern  zu  einem  compacten  Haufen,  einer 
Kugel  (Klümpchen),  und  dass  diese  Kugel 
der  Ausgangspunkt   der  weiteren  Bildung  ^'ß^^ 

werde,    indem    durch    Differenzirung    der        ^ 
Masse,    durch  Apposition  oder  Intussusce- 
ption  aussen  eine  Membran,  innen  ein  Kern      '^'^^ 
entstehe. 

Gegenwärtig  kann  man  weder  die  Faser  noch  das  Kügel- 
chen oder  das  Elementarkörnchen  als  einen  histologischen  Aus- 
gangspunkt betrachten.  So  lange  als  man  sich  die  Entstehung 
von  lebendigen  Elementen  aus  vorher  nicht  geformten  Theilen, 
also  aus  Bildungsflüssigkeiten  oder  Bildangsstoßen  (plastischer 
Materie,  Blastem,  Gytoblastem)  hervorgebend  dachte,    so 


Fig.  II.  Schema  der  Globulartheorie.  n.  Faser  aus  linear  aufgereihten 
Elementarkömchen  (Molekularkömchen).  6.  Zelle  mit  Kern  und  sphärisch  ge- 
ordneten Kömchen. 

Fig.  12.  Schema  der  UmhuUungs-  (Klümpchen-)  Theorie.  *i»  Getrennte 
iilementarkömchen.  6.  Kornchenhaufen  (Klümpchen).  c,  Kornchenzelle  mit 
Membran  und  Kern. 


24  Erste»  Capitel. 

lange  konnte  irgend  eine  dieser  Auffassungen  allerdings  Platz 
finden,  aber  gerade  hier  ist  der  Umschwung,  welchen  die  alier* 
letzten  Jahre  gebracht  haben,  am  meisten  durchgreifend  gewe- 
sen. Die  Bildungsstoife  finden  sich  wesentlich  innerhalb  der 
Zellen  (Endoblastem).  Auch  in  der  Pathologie  können  wir 
gegenwärtig  so  weit  gehen,  als  allgemeines  Princip  hinzustellen, 
dass  überhaupt  keine  Entwickelung  de  novo  beginnt, 
dsss  wir  also  auch  in  der  Entwickelungsgeschichte 
der  einzelnen  Theile,  gerade  wie  in  der  Entwickelung 
ganzer  Organismen,  die  Generatio  aequivoca  zurück- 
weisen*). So  wenig  wir  noch  annehmen,  dass  aus  saburra- 
lem  Schleim  ein  Spulwurm  entsteht,  dass  aus  den  Resten  einer 
thierischen  oder  pflanzlichen  Zersetzung  ein  Infusorium  oder 
ein  Pilz  oder  eine  Alge  sich  bilde,  so  wenig  lassen  wir  in  der 
physiologischen  oder  pathologischen  Gewebelehre  es  zu,  dass  sich 
aus  irgend  einer  unzeiligen  Substanz  eine  neue  Zelle  aufbauen 
könne.  Wo  eine  Zelle  entsteht,  da  muss  eine  Zelle  vorausgegan- 
gen sein  (Omnis  cellula  e  cellula),  ebenso  wie  das  Thier 
nur  aus  dem  Thiere,  die  Pflanze  nur  aus  der  Pflanze  entstehen 
kann.  Auf  diese  Weise  ist,  wenngleich  es  einzelne  Punkte  im 
Körper  giebt,  wo  der  strenge  Nachweis  noch  nicht  geliefert  ist, 
doch  das  Princip  gesichert,  dass  in  der  ganzen  Reihen  alles  Leben- 
digen, dies  mögen  nun  ganze  Pflanzen  oder  ganze  thierische  Orga- 
nismen oder  integrirende  Theile  derselben  sein,  ein  ewiges  Gesetz 
der  continuirlichen  Entwickelung  besteht.  Die  Erfahrung 
lehrt  keine  Discontinuität  der  Entwickelung  in  der  Art,  dass  eine 
neue  Generation  von  sich  aus  eine  neue  Reihe  von  Entwickelungen 
begründete.  Alle  entwickelten  Gewebe  können  weder  auf  ein  kleines 
noch  auf  ein  grosses  einfaches  Element  zurückgeführt  werden,  es 
sei  denn  auf  die  Zelle  selbst.  In  welcher  W^eise  diese  continuir- 
liche  Zellenwucherung  (Proliferation),  denn  so  kann  man 
den  Vorgang  bezeichnen,  in  der  Regel  vor  sich  geht,   das  lässt 

^)  Der  neueste  Versuch  von  Pouchet,  die  Lehre  von  der  Urzeugung  we- 
nigstens für  Pilze  und  Infusorien  wieder  einzusetzen,  darf  wohl  durch  die  vor- 
trefflichen Experimente  von  Pasteur  als  zurückgeschlagen  angesehen  werden. 
Trotzdem  wird  das  theoretische  Bedürfoiss,  eine  natürliche  Schöpfungsgeschichte 
zu  construiren,  begreiflicherweise  immer  von  Neuem  zu  der  Annahme  einer  Ur- 
zeugung fähren,  wenn  man  sie  auch  allmählich  auf  die  allerkleinsten  Micrococci 
oder  auf  gestaltlose  Protisten  beschränkt  Das  Bedürfniss  erkenne  ich  an,  aber 
die  Thatsachen  streiten  dagegen,  und  am  allerwenigsten  gestatten  sie  für  die 
Pathologie  eine  Ausnahme. 


Das  Gesetz  der  i'OiitJuuirlicheii  Eiitwicktluiij.'.  25 

sich  an  waebaendeD  Theüen  sowohl  von  Ptlanzen,  als  von  Thieren 
sehr  leicht  sehen. 

Betrachten   wir    z.  B.    einen   Längsscbnitt    au»    der  jungen 
Koospe  eines  Flieder-Strauches,  wie  sie  die  warmen  Tage  des 
Februar    entwickelt  haben.     In   der 
Knospe    ist   schon    eine   Menge    von  '''*■  ''■ 

jungen  Blättern  angelegt,  jedes  ans 
zahlreichen  Zellen  zusammengesetzt 
In  diesen  jüngsten  Theilen  bestehen 
die  Süsseren  Schichten  aQs  ziemlich 
regelmäBsigen  Zellenlagen ,  die  mehr 
platt  viereckig  erscheinen ,  während 
in  den  inneren  Lagen  die  Zellen 
mehr  gestreckt  sind,  nnd  in  einzel- 
nen Abschnitten  die  Spiralfascm  auf- 
treten. Kleine  Auswüchse  ( Blatt-  ' 
baare)  treten  überall  am  ßaude  her- 
vor, ganz  ähnlich  gewissen  thieriscbea 
Excrescenzen ,  z.  B.  aa  den  Zotten 
des  Chorions,  wo  sie  die  Orte  be- 
zeichnen, an  welchen  junge  Zotten 
hervorwachsen  werden.  An  unserem 
Objecte  (Fig.  13)  sehen  wir  die  klei- 
nen kolbigen  Zapfen,  die  sich  in  ge- 
wissen Abständen  wiederholen,  nach 
Innen  mit  den  Zelleareihen  des  Cam- 

biums  zusammenhäDgend.  Aß  diesen  zarten  Bildungen  kann  man 
am  besten  die  feineren  Formen  der  Zelle  unterscheiden  und  zu- 
gleich die  eigenthümlicbe  Art  ihres  Wachsthums  entdecken.  Das 
Wachsthnm  gebt  so  vor  steh,  dass  an  einzelnen  zelligen  Ele- 
menten eine  Theilnng  eintritt  and  sich  eine  quere  Scheidewand 
bildet;  die  H&lften  wachsen  als  selbständige  Elemente  fort  und 
vei^rOesem  sich  nach  und  nach.  Nicht  selten  treten  auch  Längs- 
theilungen ein,  wodurch  das  ganze  Gebilde  dicker  wird  (Fig.  13,  c"). 

Fig.  13.  Lingsscbnitt  durch  ein  junges  Februar-Blatt  vom  Asie  einer  Sf- 
rios*.  A.  Die  Rinden-  und  Cambium-Scbicht:  unter  einer  sehr  platten  Zcllen- 
Uge  siebt  man  grössere,  vierei^kifte ,  kernballiee  Kelten,  aus  denen  durcb  fort- 
gebende Quirtheilung  kleine  Haare  (o)  bervornacbseo,  die  immer  länger  werden 
(b)  vnd  durcb  Lüigstheilung  sieb  verilicken  Cr-}-  B.  Die  Genis».''cbicht  mit  Spi- 
rklfiHrn.  C.  Einfacbe,  Tiereckige,  längliche  Kinden-Zellen.  —  Pfluizenwachslbum. 


26  Erstes  Cipitol. 

Jeder  Zupfen,  jedes  Fflauzenhaar  ist  also  uröprütiglicli  eine  einzige 
Zelle;  iadem  sie  sich  qaertheilt  and  immer  wieder  qnertheilt 
(Fig.  13,  a,  b),  schiebt  sie  ihre  Glieder  vorwärts  und  breitet  sieh 
dann  bei  Gelegenheit  anch  seitlich  dnri'fa  Lfiogsthellnsg  aas.  In 
dieser  Weise  wachsen  die  Haare  hervor,  und  dies  ist  im  All- 
gemeinen der  Hodns  dea  Wacbstboms  nicht  nnr  in  der  Pflanze, 
soodem  anch  in  den  physiologischen  und  pathologischen  Bildan- 
gea  des  thierischeo  Leibes. 

Nimmt  ntan  eia  Stück  Rippenkoorpel  im  Stadinm  des  pntho- 
logischeo  WachBthuDB,  so  erscheinen  schon  für  das  blosse  Aage 
Verftuderungen:  man  sieht  kleine  Buckel  der  Oberfläche  des  Knor- 
pels. Dem  entsprechend  zeigt  das  Mikroskop  Wnchenuigen  der 
^,,  ,,  Enorpelzellen.     Hier  finden  sich  diesel- 

ben Formen  wie  bei  den  Pflanzeozellen : 
grössere  Gruppen  von  zelligen  Elemen- 
ten, welche  je  aus  einer  früheren  Zelle 
hervorgegangen  sind ,  in  mehrfachen 
Reihen  angeordnet ,  mit  dem  einzigen 
Unterschiede  von  den  wachemden 
Fflanzenzellcn ,  dass  zwischen  den  ein- 
zelnen Gruppen  Intercellolarsnbstanz  vor- 
handen ist.  An  den  Zellen  miterschei- 
det  man  wieder  die  äussere  Kapsel,  die 
sogar  an  einzelnen  Zellen  mehrfach  ge- 
,.drei—  nnd  mehrfacher  Lage,  und  darin 
erst  kommt  die  eigentliche  Zelle  mit  KOrper,  Kern  und  Kem- 
kOrpcrcheu.  Nirgends  gibt  es  hier  eine  andere  Art  der  Ncnbil- 
dung,  als  die  fissipare;  ein  Element  nach  dem  andern  theilt 
sieh:  Generation  gebt  aus  Generation  hervor. 

PJK.  14.  KnorpelirurbeniDK  aus  item  Rippenkoorpel  eines  Erwachsenen- 
ürrMxere  Gruppen  von  Kaarpelzcllen  inaerballi  einer  (tcmeiiiM'haftlirhen  llm- 
i{rviuuDfC  ißlKclilkh  sogenannio  Hutterzellcn) .  ilurch  succesNite  Tbeilunfren  aus 
einieliien  /.eilen  hervorgegangen.  Am  Kanilc  obea  ist  eine  solche  Oruppe  durcb- 
»ehniltcn,  in  iler  man  eine  Knorpeizelle  mil  mehrfacher  Umlage rung  tou  Kaplei- 
Hchichten  (lusscror  Absoudeninii^masst:)  siebt    Vergroes.  300. 


schichtet  ist,  in  zwei- 


Zweites  Capitel. 

Die  physiologischen  Gewebe. 


Analoniach«  CUatificatioa  d«r  Gewebe.  Die  drei  aUgemein-bistologiscben  Kategorien.  Die  «pe- 
«iellen  G«web«.    Die  Organe  und  Systeme  oder  Apparate. 

Ol«  Bpithellalgewebe.  Platten-,  Cylinder-  nnd  Uebergangaepittael.  Epidermis  und  Bete  Mal- 
pl^hii.     Nagel  und  Nagelkrankheften.    Haare.    Linse.    Pigment.     DrfitienseUen. 

Die  Gewebe  derBindesobstans.  Da^  Binde-  oder  Zellgewebe.  Die  Tbeorien  von  8  eh  wann,, 
Henle  nnd  Belchert.  Meine  Theorie.  Dl«  Bindegewebsk5rperchen.  Die  Fibrillen  des 
Bindei$ewebes  als  Intercellnlarsubstans.  Secretion  derselben.  Der  Knorpel  (hyaliner,  Faser« 
nnd  Netzknorpel).  Ineapsnllrte  nnd  freie  Knorpelkörperchen  (Knochenknorpel).  Schleim- 
gewebe. Pigmentirtes  Blnd^ewebe.  Fettgewebe.  Anastomose  der  Elemente:  saftfrihrendes 
Röhren-  oder  Kanalsjrstem. 

Die  hSberen  Thlergewebe:    Muskeln,  Nerven,  GeflUse,  Blnt,  Lymphdrüsen.    Vorkommen 
dieser  Gewebe  in  Verbindung  mit  luterstiüalgewebe. 

Muskeln.     Quergestreifte.    Fasersellen.    Herr.muskulatur.     Muskelkörperchen.     Fibrillen,  Dis- 
diaklastea.    Glatte   Muskelfasern.    Muikelatrophie.     Die  contraetlle   Snbstaus   (Syntonin)  und 
die  Contractilitat  überhaupt.    Cutis  anseriaa  und  Arrectores  pilornm. 
Gefisse     CaplUaren.    Contraetile  Gefisse. 


Die  normalen  Gewebe  lassen  sich  ohne  Zwang  in  drei  KategorieD 
einiheilen:  Entweder  man  hat  Gewebe,  welche  einzig  und  allein 
ans  Zellen  bestehen,  in  welchen  Zelle  an  Zelle  liegt,  also  in  dem 
modernen  Sinne  Zellengewebe.  Oder  es  sind  Gewebe,  in 
welchen  regelmässig  eine  Zelle  von  der  andern  getrennt  ist  durch 
eine  gewisse  Zwischenmasse  (Intercellularsubstanz),  in  welchen 
also  eine  Art  von  Bindemittel  existirt,  das  die  einzelnen  Ele- 
mente in  sichtbarer  Weise  aneinander,  aber  auch  auseinander  hält. 
Hierher  gehören  die  Gewebe,  welche  man  heut  zu  Tage  gewöhn- 
lich unter  dem  Namen  der  Gewebe  der  Bindesubstanz  zu- 
sammenfasst,  und  in  welche  als  Hauptmasse  dasjenige  eintritt,  was 
man  früherhin  allgemein  Zellgewebe  nannte.  Endlich  gibt  es  eine 
dritte  Gruppe  von  Geweben,  in  welchen  specifische  Ausbildungen 


28  Zweites  Capitel. 

der  Zellen  Statt  gefunden  haben,  vermöge  deren  sie  eine  ganz 
eigenthümliehe  Einrichtung  erlangt  haben,  znm  Theil  so  eigen- 
thnmlieh,  wie  sie  einzig  und  allein  der  thierischen  Oekonomie  zu- 
kommt. Diese  Gewebe  höherer  Ordnung  sind  es,  welche  eigent- 
lich den  Gharacter  des  Thieres  ausmachen,  wenngleich 
einzelne  unter  ihnen  Uebergänge  zu  Pflanzenformen  darbieten. 
Hierher  gehören  die  Nerven-  und  Muskelapparate,  die  Gefässe  und 
das  Blut.    Damit  ist  die  Reihe  der  Gewebe  abgeschlossen. 

Eine  solche  Gruppirung  der  histologischen  Erfahrungen  unter- 
scheidet sich  sehr  wesentlich  von  derjenigen,  welche  nach  dem 
Vorgange  von  Bichat  so  lange  die  allgemeine  Anatomie  beherrscht 
hat.  Die  Gewebe  der  älteren  Schule  stellten  zu  einem  grossen 
Theile  nicht  so  sehr  dasjenige  dar,  was  wir  heute  als  die  Gegen- 
stände der  allgemeinen  Histologie  betrachten,  sondern  vielmehr 
das,  was  wir  als  den  Inhalt  der  speciellen  Histologie  bezeichnen 
müssen.  Wenn  man  die  Sehnen,  die  Knochen,  die  Fascien  als 
besondere  Gewebe  nimmt,  so  giebt  dies  eine  ausserordentliche 
Mannichfaltigkeit  von  Ejttegorien  (Bichat  hatte  deren  21),  aber 
es  entsprechen  ihnen  nicht  eben  so  viele  einfache  Gewebs- 
formen. 

In  unserem  Sinne  lässt  das  ganze  anatomische  Gebiet  sich 
zunächst  zerlegen  nach  allgemein-histologischen  Kategorien  (eigent- 
liche Gewebe).  Die  specielle  Histologie  beschäftigt  sich  sodann 
mit  dem  Falle,  wo  eine  Zusammenfügxmg  von  zum  Theil  sehr 
verschiedenartigen  Geweben  zu  einem  einzigen  Ganzen  (Organ) 
Statt  findet.  Wir  sprechen  z.  B.  mit  Recht  von  Knochengewebe, 
allein  dieses  Gewebe,  die  Tela  ossea  im  allgemein-histologischen 
Sinne,  bildet  für  sich  keinen  Ejiochen,  denn  kein  Knochen  besteht 
durch  und  durch,  einzig  und  allein  aus  Tela  ossea,  sondern  es 
gehören  dazu  mit  einer  gewissen  Nothwendigkeit  mindestens  Pe- 
riost und  Gefässe.  Ja,  von  dieser  einfachen  Vorstellung  eines 
Knochens  unterscheidet  sich  die  jedes  grösseren,  z.  B.  eines  Röhren- 
knochens; dies  ist  ein  wirkliches  Organ,  in  dem  wir  wenigstens 
vier  verschiedene  Gewebe  unterscheiden.  Wir  haben  da  die  eigent- 
liche Tela  ossea,  die  Knorpellage  am  Gelenk,  die  Bindegewebs- 
schicht  des  Periosts,  das  eigenthümliehe  Mark.  Jeder  dieser  ein- 
zelnen Theile  kann  wieder  eine  innere  Yerschiedenartigkeit  der 
zusammensetzenden  Bestandtheile  darbieten;  es  gehen  z.  B.  6e- 


Epitbelialformation.  29 

fasse  und  Nerven  mit  in  die  Zasammensetznng  des  Markes,  der 
Beinhaat  n.  s.  f.  ein.  Alles  dies  zusanunengenommen,  giebt  erst 
den  ToUen  Organismus  eines  Knochens.  Bevor  man  also  zu  den 
eigentlicben  Systemen  oder  Apparaten,  dem  speciellen  Vor- 
wurfe der  descriptiven  Anatomie  kommt,  hat  man  eine  ganze 
Stufenfolge  zu  durchlaufen.  Man  muss  sich  daher  bei  Diskus- 
sionen mit  Anderen  immer  erst  klar  werden,  was  in  Frage  ist. 
Wenn  man  Knochen  und  Knochengewebe  zusammenwirft,  so  gibt 
dies  eine  eben  so  grosse  Verwirrung,  als  wenn  man  Nerven-  und 
Gehinmiasse  einfach  identificiren  wollte.  Das  Gehirn  enthält  viele 
Dinge,  die  nicht  nervös  sind,  und  seine  physiologischen  und  pa- 
thologischen Zustände  lassen  sich  nicht  begreifen,  wenn  man  sie 
auf  eine  Zusammenordnung  rein  nervöser  Theile  bezieht,  wenn 
man  nicht  neben  den  Nerven  auf  die  Häute,  das  Zwischengewebe, 
die  Gefässe  Rücksicht  nimmt. 

Betrachten  wir  nun  die  erste  allgemein -histologische  Gruppe 
etwas  genauer,  nämlich  die  einfachen  Zellengewebe,  so  ist  un- 
zweifelhaft am  leichtesten  übersichtlich  die  Hörn-  oder  Epitbe- 
lialformation, wie  wir  sie  in  der  Epidermis  und  dem  Rete  Mal- 
pighii  an  der  äussern  Oberfläche,  im  Gylinder-  und  Plattenepithe- 
lium  auf  den  Schleim-  und  serösen  Häuten  antrelFen.  Der  Name 
Epithelium  stammt  von  Ruysch,  der  zuerst  an  der  Brustwarze 
(^i^A.!])  ein  ablösbares  Häutchen  auffand,  welches  er  weiterhin  in 
ähnlicher  Weise  auch  an  Schleimhäuten  nachwies.  Heusinger 
hat  das  Verdienst,  den  Zusammenhang  aller  Homgebilde  darge- 
legt zu  haben,  indem  er  die  chemische  und  physikalische  Ueber- 
einstimmung  derselben  lehrte.  Das  allgemeine  Schema  ist  hier, 
dass  Zelle  an  Zelle  stösst,  so  dass  in  dem  günstigsten  Falle,  wie 
bei  der  Pflanze,  vier-  oder  sechseckige  Zellen  unmittelbar  sich  an 
einander  sehliessen  und  zwischen  ihnen  nichts  Anderes  weiter, 
als  höchstens  eine  geringe  Kittsubstanz,  gefunden  wird.  So  ist 
es  an  manchen  Orten  mit  dem  Platten-  oder  Pflasterepithel 
(Fig.  17).  Die  besonderen  Formen  der  Epithelialzellen  sind  offen- 
bar grossentheils  Druckwirkungen.  Wenn  alle  Elemente  eines  Zellen- 
gewebes eine  vollkommene  Regelmässigkeit  haben  sollen,  so  setzt 
dies  voraus,  dass  sich  alle  Elemente  völlig  gleichmässig  entwickeln 
und  gleichzeitig  vergrössem.  Geschieht  ihre  Entwicklung  dagegen 
unter  Verhältnissen,  wo  nach  einer  Seite  hin  ein  geringerer  Wider- 


30 


Zweites  Capitrl. 


stand  besteht,  bo  kann  en  sein,  dass 
e  die  Elemente,  wie  bei  den  Sftolen-  oder 
Cylinderepithelien,  nur  in  einer  Rich- 
tung aaswachsen  and  sehr  lang  wer- 
den, während  sie  in  den  andern  Rich- 
tungen sehr  dOnn  bleiben.  Aber  anch 
ein  fiolcbes  Element  wird,  aaf  einem 
Qacrächnitt  angesehen,  sich  al»  ein  sechseckiges  darstellen:  wenn 
wir  Cylioder- Epithel  von  der  freien  Flüche  her  betrachten,  ttn 
sehen  wir  aaeh  bei  ihm  ganz  regelmfUsig  polygnonale  Formen 
(Fig.  lö.  b). 

Fl(.  I«. 


.®'-. 


;/ 


i 


Im  Gegensätze  dazu  finden  sich  aasserordentlich  nnregel- 
mftssigo  Fonnen  an  solchen  Orten,  wo  die  Zellen  in  nnregel- 
mässigcr  Weise  bervorwachsen ,  so  besonders  coDstant  an  der 
Oberfläche  der  Uamwege  (Fig.  16),  in  der  ganzen  Aasdebnnng 
der  Schleimhaat  von  den  Nierenkelchen  bis  znr  Urethra.  An 
allen  diesen  Stellen  trifil  man  sehr  gewöhnlich  Anordnungen,  wo 
einzelne  Zelten  an  dem  einen  Ende  rond  sind,  wfihrend  sie  an 
dem  anderen  in  eine  Spitze  aoslanfen,  andere  Zellen  ziemlicli 
grobe  Spindeln  darstellen,  andere  wieder  an  einer  Seite  platt  ab- 
(■erondet,  an  der  anderen  ansgebnchtet  sind,  oder  wo  eine  Zelle 
sieb  so  zwischen  andere  einschiebt,  dass  sie  eine  kolbige  oder 
zackige  Form  annimmt.    Immer  entspricht  hier  die  eine  Zelle  der 


FiK.  15.  Siul«n-  oder  CylinderepiUiel  der  Gallenblase,  a.  ^ 
b&niteiide  Zelleu,  TOn  d«r  Seite  Keseben,  mit  Kern  und  Keniküq>eKheD ,  der 
lobalt  leicht  Un^  ge«treift,  am  freien  Rande  (oben)  ein  dickerer,  fein  radiär 
)[e»lreifler  Sanm.  b.  Aebnliche  Zellen,  biilb  toq  der  freien  Flüche  (oben,  aiisfieu) 
trcüeben,  tun  die  sechseckige  Üeatalt  dea  Querscbniltee  und  den  dicken  Bandsaum 
tu  zeifccn.  e.  Durch  Imbibition  Teränderte,  etwas  nfgequollene  und  am  oberen 
Saum  aufgefaserte  Zellen. 

Pig.  16.  (lebergangsepilbel  der  üaniblaBe.  n.  Eine  grössere,  am  Rande 
ausgebu'-hlete  Zelle  mit  keulen-  und  spinilelförmigen ,  feineren  Zellen  begebt, 
b.  daiuielbe:  die  grüMere  Zelle  mit  iwei  Kernen,  c*.  Eine  grössere,  unregelmäKHic 
erUtce  Zelle  mit  vier  Kernen,  d.  Eine  äbnliche  mit  iwei  Kernen  und  'J  von  der 
Flärhe  aus  gewhenen  (IruWn,  den  Kandausluir-bluneen  enbtprecheiid  (vgl.  Archiv 
f.  path.  Anal.  u.  Phyx.  K<l.  III.  Taf-  I.  Fig.  8.) 


Oberhaut.  31 

Fonn  der  Lücke  zwischen  den  anderen,  und  es  ist  nicht  die 
Eigenthümlichkeit  der  Zelle,  welche  die  Form  bedingt,  sondern 
die  Art  ihrer  Lagerang,  das  Nachbarverhäitniss,  die  Abhängigkeit 
von  der  Anordnung  der  nächsten  Theile.  In  der  Richtung  des  ge- 
ringeren Widerstandes  bekommen  die  Zellen  Spitzen,  Zacken  und 
Fortsätze  der  mannichfaltigsten  Art.  Diese  Art  von  Epithel  nannte 
man,  da  sie  sich  nicht  recht  unterbringen  Hess,  mit  He  nie  Ueber- 
gangs-Epithel,  weil  sie  schliesslich  gewöhnlich  in  deutliches  Platten- 
oder Gylinderepithel  übergeht.  Zuweilen  ist  dies  aber  nicht  der  Fall 
and  man  könnte  ebenso  gut  einen  anderen  Namen  dafür  einführen. 
Sie  stellt  das  Vorbild  zu  der  vielbesprochenen  Polymorphie 
gewisser  pathologischer  Epithelialzellen,  z.  B.  der  Krebszellen  dar. 

An  der  Oberhaut  (Epidermis)  haben  wir  den  günstigen  Fall, 
dass  eine  Reibe  von  Zellenlagen  über  einander  liegt,  was  an 
vielen  Schleimhäuten  nicht  der  Fall  ist.  Es  lassen  sich  daher 
die  jungen  Lagen  (das  Rete  Malpighii  oder  die  Schleim- 
schicht der  früheren  Autoren)  von  den  älteren  (der  eigent- 
lichen Epidermis)  bequem  trennen. 

Wenn  man  einen  senkrechten  Durchschnitt  der  Hautoberflächo 
betrachtet,  so  erblickt  man  zumeist  nach  aussen  ein  sehr  dichtes, 
verschieden  dickes  Stratum,  welches  aus  lauter  platten  Elementen 
besteht,  die  von  der  Seite  her  wie  einfache  Linien  aussehen.  Man 
könnte  sie  bei  dieser  Betrachtung  für  Fasern  halten,  welche  über- 
einander geschichtet  mit  leichten  Niveau -Verschiedenheiten  die 
ganze  Oberhaut  zusammensetzen.  Von  der  Fläche  aus  gesehen, 
erweisen  sie  sich  jedoch  als  rundlich-ovale  Plättchen,  die  bei  Ein- 
wirkung von  Alkalien  sich  zu  dickeren,  linsenförmigen  Körpern 
aufblähen.  Unterhalb  dieser  Lagen  folgt  in  verschiedener  Mäch- 
tigkeit das  sogenannt«  Rete  Malpighii,  welches  unmittelbar  bis  an 
die  Papillen  der  Haut  (Lederhaut,  Cutis,  Gorium)  reicht.  Unter- 
suchen wir  nun  die  Grenze  zwischen  Epidermis  und  Rete,  so  er- 
gibt sich  fast  bei  allen  Arten  der  Betrachtung,  dass  fast  plötzlich 
an  die  innerste  Lage  der  Epidermis  sich  Elemente  anschliessen, 
die  zunächst  noch  immer  platt  sind,  aber  doch  schon  einen  grös- 
seren Dickendurchmesser  haben,  innerhalb  deren  man  sehr  deutlich 
Kerne  erkennt,  welche  in  den  Plättchen  der  Epidermis  fehlen. 
Diese  ziemlich  grossen  Elemente  stellen  den  Uebergang  dar  von 
den  ältesten  Schichten  des  Rete  Malpighii  zu  den  jüngsten  der 
Epidermis.     Hier  ist  der  Punkt,  von  wo  aus  sich  die  Epidermis 


32  Zwei«»  Capite]. 

regeaerirt,  welclio  ihreraeits  eine  träge  Masse  darstellt,  die  aa  der 
Oberfläche  durch  Beibnng  und  Abbl&ttemng  allmählich  entfernt 
wird.     Und  hier  ist  im  Allgemeinen  aach  die  Grenze,    wo  die 

FIS.  II. 


pathologischen  Processe  eioeetzen.  Je  weiter  wir  gegen  die  Tiefe 
hin  QDtersuchen,  am  so  kleiner  werden  die  Elemente;  die  letzten 
stehen  als  kleine  Cylinder  auf  der  Oberfläche  der  Hantpapillen 
(Fig.   17,  r,  r). 

Im  Grossen  ist  das  Verhältnis»  der  verschiedenen  Schichten 
an  der  ganzen  Hautoberfläche  überall  dasselbe,  ao  maDoicbfaltig 
anch  im  Einzelneq  die  Besonderheiten  sein  mOgen,  welche  sie  in 


Fi|^.  17.  Senkrechter  Schnitt  diircb  die  Oberfliche  der  Haut  von  der  Zehe, 
mit  R93if[4äure  behKodelt.  P.  P.  Spitxea  durcbschtiillener  Papillen,  in  denen  mftn 
je  eine  ijefä^s.'ichlinee  und  daneben  kleine  spinileKürmiKe  und  an  der  BasiK  netz- 
iürmigt  BindegewetMelemenie  bemerkt:  links  eine  Ausbieinin^  der  Papille,  ent- 
sprechend einem  nicht  mehr  dargestullton ,  tierer  pelt'eenen  Tanlkürpercben. 
U.  H.  Dat  Rete  Ualpighü.  innächal  an  der  Papille  eine  sehr  dirhle  Lage  kleiner 
c^linderfi'irmifter  Zellen  (r,  r).  nach  aussen  immer  [grösser  werdende  polygonale 
Zellen.  E.  Epidermis,  aus  plallen,  dirbteren  Zellenlagen  bestehend.  >'''.  >.  Ein 
durrhlreleniler  SrhKeisokanal.  —  Vergr»»«.  :iU0. 


Epidermis  und  Rete  Malpigbü.  33 

Beziehung  anf  Dicke,  Lagerang,  Festigkeit  und  ZnsammenfügxLng 
darbieten.  Ein  Darchschnitt  z.  6.  des  Nagels,  der  seiner  äusseren 
Erscheinung  nach  gewiss  weit  von  der  gewöhnlichen  Oberhaut  ab- 
weicht, zeigt  doch  im  Allgemeinen  dasselbe  Bild,  wie  diese;  er 
unterscheidet  sich  nur  in  einem  Punkte  wesentlich,  nehmlieh  dadurch, 
dass  sich  an  ihm  zwei  verschiedene  epidermoidale  Gebilde  überein- 
anderschieben.  Dadurch  entsteht  eine  Gomplication,  die,  wenn  man 
sie  nicht  erkennt,  zu  der  Annahme  gewisser  specifischer  Verschie- 
denheiten des  Nagels  von  anderen  Theilen  der  Epidermis  fuhren 
kann,  während  sie  doch  nur  durch  eine  eigenthümliche  Verschiebung 
gewisser  Epidermislagen  gegen  andere  bedingt  ist.  Die  äusserst 
dichten  und  festen  Plättchen,  welche  den  frei  zu  Tage  liegenden 
Theil,  das  sogenannte  Nagelblatt,  zusammensetzen,  lassen  sich 
auf  verschiedene  Weise  wieder  in  Formen  zurückführen,  in  denen 
sie  das  gewöhnliche  Bild  von  Zellen  darbieten;  am  deutlichsten 
durch  Behandlung  mit  einem  Alkali,  wo  ein  jedes  Plättchen  zu 
einer  grossen,  rundlich-ovalen  Blase  anschwillt. 

In  den  oberen  Schichten  der  Oberhaut  werden  die  Zellen 
überall  platter,  und  in  den  äussersten  findet  man,  wie  gesagt, 
gar  keine  Kerne  mehr.  Trotzdem  besteht  kein  ursprünglicher 
Unterschied  zwischen  der  Epidermis  und  dem  Rete  Malpighii;  das 
letztere  ist  vielmehr  die  Bildungsstätte  (Matrix)  der  Epidermis 
oder  die  jüngste  Epidermislage  selbst,  insofern  von  hieraus  immer 
neue  Theile  sich  ansetzen,  sich  abplatten  und  in  die  Höhe  rucken, 
in  dem  Maasse,  als  aussen  durch  Waschen,  Reiben  u.  s.  w.  Theile 
verloren  gehen.  Auch  zwischen  der  untersten  Schicht  des  Rete 
und  der  Oberfläche  der  Cutis  gibt  es  keine  weitere  Zwischenlage 
mehr,  keine  amorphe  Flüssigkeit,  kein  Blastem,  das  in  sich  Zel- 
len bilden  könnte;  die  Zellen  sitzen  direct  auf  der  Bindegewebs- 
papille  der  Cutis  auf.  Es  ist  hier  nirgends  ein  Raum,  wie  man 
noch  vor  Kurzem  dachte,  in  welchen  aus  den  Papillen  und  den 
in  ihnen  enthaltenen  Gefässen  Flüssigkeit  transsudirte,  damit  aus 
und  in  derselben  neue  Elemente  durch  freie  Urzeugung  entstän- 
den und  hervorwüchsen.  Eine  blosse  Schieimschicht ,  welche  als 
Cytoblastem  für  die  neuen  Zellen  diente,  ist  absolut  nicht  wahr- 
nehmbar. Durch  die  ganze  Reihe  der  Zellenlagen  des  Rete  und 
der  Epidermis  besteht  dasselbe  Continuitätsverhältniss ,  wie  man 
es  an  der  Rinde  eines  Baumes  kennt.  Die  Rindenschicht  einer 
KartoiTel  (Fig.  2)  zeigt  in  gleicher  Weise  aussen  korkhaltige  epi- 

VlrrhA».  Cellular-PiithAl.     I.  Aufl.  8 


34  Zweites  Capitel. 

dermoidale  ElemeDte  and  darunter,  wie  im  Bete  Halpighii,  eine 
Lage  kernhaltiger  Zellen,  das  Gambiom,  welches  die  Matrix  des 
Nachwuchses  für  die  Rinde  darstellt. 

Sehr  ähnlich  verhält  es  sich  am  Nagel.  Betrachtet  man  den 
Durchschnitt  eines  Nagels,  quer  auf  die  Längsrichtung  des  Fin- 
gers, so  sieht  man  dieselbe  Anordnung,  wie  an  der  gewöhnlichen 
Haut,  nur  entspricht  jede  einzelne  Ausbuchtung  der  unteren  Fläche 
nicht  einer  zapfenförmigen  Verlängerung  der  Cutis,  einer  Papille, 
sondern  einer  Leiste,  welche  über  die  ganze  Länge  des  Nagel- 
bettes hinläuft  und  welche  mit  den  Leisten  zu  vergleichen  ist,  die 
an  der  Volarseite  der  Finger  zu  sehen  sind.  Auf  diesen  Leisten 
des  Nagelbettes  befinden  sich  sehr  niedrige  und  verkommene  Pa- 
pillen, an  deren  Oberfläche  das  mehr  cylindrisch  gestaltete  jüngste 
Lager  des  Bete  Malpighii  aufsitzt;  daran  schliessen  sich  immer 
grössere  Elemente  an,  und  endlich  folgt  eine  hornig -blätterige 
Schicht,  welche  der  Epidermis  entspricht. 

Es  ist  jedoch,  um  dies  gleich  vorweg  zu  nehmen,  da  wir  auf 
den  Nagel  nicht  wieder  zu  sprechen  kommen  werden,  seine  Zu- 
sammensetzung deshalb  schwierig  zu  ermitteln  gewesen,  weil  man 
sich  ihn  als  einheitliches  Gebilde  gedacht  hat.  Daher  hat  sich 
der  Streit  hauptsächlich  um  die  Frage  gedreht,  wo  die  Matrix 
des  Nagels  sei,  ob  er  von  der  ganzen  Fläche  wachse,  oder  nur 
von  dem  kleinen  Falz,  in  welchem  er  hinten  steckt.  Die  eigent- 
liche feste  Masse,  das  compacte  Nagelblatt,  wächst  allerdings 
nur  von  hinten  her  und  schiebt  sich  über  die  Fläche  des  soge- 
nannten Nagelbettes  hinweg,  aber  das  Nagelbett  erzeugt  seiner- 
seits eine  bestimmte  Masse  von  Zellen,  die  als  Aequivalente  einer 
Epidermislage  zu  betrachten  sind.  Macht  man  einen  Durchschnitt 
durch  die  Mitte  eines  Nagels,  so  kommt  man  zu  äusserst  auf  das 
von  hinten  gewachsene  Nagelblatt,  dann  auf  die  losere  Substanz, 
welche  von  dem  Nagelbett  abgesondert  ist,  dann  auf  das  Bete 
Malpighii,  und  endlich  auf  die  Leisten,  auf  welchen  der  Nagel 
ruht*).  Es  combiniren  sich  also  in  der  Nagelbildung  zwei  Epi- 
dermoidalstrata:  ein  äusseres  oder  oberes,  dessen  Matrix  das  Bete 
im  Falz  ist,  und  ein  inneres  oder  unteres,  dessen  Matrix  das 
Bete  des  Bettes  ist 


^)  \e\.  meine  Abhandlnni;  sur  normalen  und  pathologischen  Anatomie  der 
Nägel  und  der  <»>erhaut,  insbesondere  ober  hornige  Entartung  und  Pilzbildung 
an  den  Nägeln.     Vgl.  Wnrzb.  Verhandl.  1854.  V.  83. 


Der  Nagel. 


35 


So  begreift  man,  dass  das  Nagelblatt  bis  zu  einem  gewissen 
Maasse  locker  liegt  nnd  sich  leicht  vorwärts  bewegen  kann,  in- 
dem es  sich  anf  einer  beweglichen  Unterlage  vorschiebt.  Aber 
es  ist  auch  sofort  zu  verstehen,  wie  leicht  man  sich  in  der  Den- 
tang  des  Bildes,  welches  senkrechte  Darchschnitte  dnrch  den  Nagel 
gewähren,  täaschen  kann,  und  wie  nahe  es  liegt,  anzunehmen, 
auch  das  Nagelblatt  beziehe  seine  Elemente  wenigstens  zomXheil 
ans  der  Matrix  des  Bettes.  Es  fügen  sich  jedoch  die  von  letzterer 
gelieferten  Elemente  nur  lose  der  unteren  Fläche  des  Nagelblattes 
an.  Diese  Fläche  besitzt  daher,  entsprechend  den  erwähnten  Lei- 
sten, seichte  Ausbuchtungen,  so  dass  der  wachsende  Nagel,  indem 
er  über  die  Leisten  fortgleitet,  seitliche  Bewegungen  nur  inner- 
halb beschränkter  Grenzen  machen  kann.  Man  kann  daher  sagen: 
es  bewegt  sich  das  von  hinten  wachsende  Nagelblatt  über  ein 
Polster  von  lockerer  Epidermismasse  nach  vorn  (Fig.  18,  a)  in 
Binnen,  welche  zwischen  den  längslaufen- 
den Leisten  oder  Falten  des  Nagelbettes 
gelegen  sind.  Das  Nagelblatt  selbst,  frisch 
untersucht,  besteht  dagegen  aus  einer  so 
dichten  Masse,  dass  man  einzelne  Zellen 
daran  kaum  zu  unterscheiden  im  Stande 
ist,  ja,  dass  man  ein  Bild  bekommt,  wie 
an  manchen  Stellen  im  Knorpel.  Aber 
durch  Behandlung  mit  Eali,  welches  die 
Zellen  aufquellen  macht  und  von  einander 
trennt,  kann  man  sich  überzeugen,  dass  er 
überall  nur  aus  Epidermiszellen  besteht. 

Kennt  man  diese  Entvnckelung,  so  las- 
sen sich  die  Krankheiten  des  Nagels  in 
leicht  fasslicher  Weise  von  einander  schei- 
den.    Es    gibt  nehmlich   Krankheiten   des 


Fig.  18. 


Fig.  18.  Schematische  Darstellung  des  Längsdurchschnittes  Tom  Nagel. 
a.  Das  normale  Verb&ltniss:  leicht  gekrümmtes,  horizontales  Nagelblatt,  in  seinem 
Falze  steckend  nnd  durch  ein  schwaches  Polster  von  dem  Nagelbette  getrennt. 
6.  Stiirker  gekrümmtes  und  etwas  dickeres  Nagel blatt  mit  stark  verdicktem  Polster 
und  stärker  gewölbtem  Nagelbette,  der  li'alz  kürzer  und  weiter,  c  Onychogry- 
phosis:  das  kurze  und  dicke  Nagelblatt  steil  aufgerichtet,  der  Falz  kurz  und  weit, 
das  Nagelbett  anf  der  Fläche  eingebogen,  das  Polster  sehr  dick  und  aus  über- 
einander geschichteten  Lagen  von  lockeren  Zellen  bestehend. 

3* 


36  Zweites  Capitel. 

Nagelbettes,  welche  das  Wachstbom  des  Nagelblattes  nicht  än- 
dern, aber  Dislocationen  desselben  bedingen.  Wenn  auf  dem  Nagel- 
bette eine  sehr  reichliche  Entwickeinng  von  Polstermasse  stattfindet, 
so  kann  das  Nagelblatt  in  die  Höhe  gehoben  werden  (Fig.  18,  i), 
ja  es  kommt,  namentlich  an  den  Zehen,  nicht  selten  vor,  dass 
es,  statt  horizontal,  senkrecht  in  die  Höhe  wächst  nnd  der  Raum 
nnter  ihm  von  dicken  Anhäufungen  des  blätterigen  Polsters  er- 
füllt wird  (Fig.  18,  c).  Selbst  Eiterungen  können  auf  dem  Nagel- 
bette stattfinden,  ohne  dass  die  Entwickeinng  des  Nagelblattes 
dadurch  gebindert  wird.  Die  sonderbarsten  Veränderungen  zeigen 
sich  bei  den  Pocken.  Wenn  eine  Blatter  auf  dem  Nagelbett 
sich  bildet,  so  bekommt  der  Nagel  nur  eine  gelbliche,  etwas 
unebene  Stelle;  entwickelt  sich  dagegen  die  Pocke  im  Nagel- 
falze, so  sieht  man  Wochen  nachher  das  Bild  der  Pocke  in  einer 
kreisförmig  vertieften,  wie  ausgeschnittenen  Stelle  des  sich  all- 
mählich vorschiebenden  Nagelblattes,  als  einen  Beweis  des  Aus- 
falls von  Elementen,  gerade  wie  auf  der  Epidermis.  Denn  jede 
Krankheit,  welche  den  Nagelfalz  (die  Matrix)  trifft,  ändert  auch 
das  Nagelblatt,  und  wenn  der  Falz  zerstört  wird,  so  kann  ein 
wirkliches  Blatt  nicht  mehr  nachgebildet  werden ;  das  Bett  bedeckt 
sich  dann  nur  mit  einer  hornigen,  unregelmässig  geschichteten 
Masse,  wie  sie  sich  zuweilen  auch  auf  grossen  Narben  anderer 
Hautstellen,  namentlich  nach  partiellen  Amputationen  des  Fnsses, 
erzeugt.  — 

Wie  am  Nagel,  so  erfahren  auch  an  anderen  Orten  unter 
besonderen  Verhältnissen  die  epidermoidalen  Elemente  besondere 
Umwandlungen,  wodurch  sie  ihrem  ursprünglichen  Habitus  ausser- 
ordentlich unähnlich  werden  und  allmählich  Erscheinungsformen 
annehmen,  die  es  jedem,  welcher  die  Entwickelungsgeschichte 
nicht  kennt,  unmöglich  machen,  ihre  ursprüngliche  Epidermis- 
Natur  auch  nur  zu  ahnen.  So  ist  es  mit  den  Haaren.  Die  am 
meisten  abweichende  Entwickeinng  findet  sich  jedoch  an  der 
Erystalllinse  des  Auges,  welche  ursprünglich  eine  reine  Epider- 
mis-Anhäufung  ist.  Sie  entsteht  bekanntlich  dadurch,  dass  sich  ein 
Theil  der  Haut  von  aussen  sackförmig  einstülpt.  Anfangs  bleibt 
durch  eine  leichte  Membran  die  Verbindung  mit  den  äusseren 
Theilen  erhalten,  durch  die  Membrana  capsulo-pupiUaris;  später 
atrophirt  diese  und  lässt  die  abgeschlossene  Linse  im  Innern  des 


Linse.    Pigment.    Drüsenzellen.  37 

Auges  liegen.  Die  sogenannten  Linsenfasern  sind  also  weiter 
nichts,  wie  schon  Carl  Vogt  zeigte,  als  epidermoidale  Elemente 
mit  eigentfaümlicher  £ntwickelniig,  und  die  Regeneration  derselben 
z.  B.  nach  Extraction  der  Cataract,  ist  nur  so  lange  möglich,  als 
noch  Epithel  an  der  Capsel  vorhanden  ist,  welches  den  Neubau 
übernimmt  und  gleichsam  ein  dünnes  Lager  von  Rete  Malpighü 
darstellt.  Dieses  reproducirt  in  derselben  Weise  die  Linse,  wie 
das  gewöhnliche  Rete  Malpighü  der  Haut  die  Epidermis;  nur  ist 
die  Regeneration  der  Linse  gewöhnlich  unvollständig,  da  die  sich 
vermehrenden  Rete-Zellen  hauptsächlich  am  Umfange  der  Linsen- 
kapsel liegen.  Die  neu  gebildete  Linse  ist  daher  in  der  Regel 
ein  Ring,  der  in  der  Mitte  nicht  ausgefüllt  ist. 

Unter  den  sonstigen  Modificationen  epithelialer  Gebilde  wer- 
den wir  noch  gelegentlich  die  eigenthümlichen  Pigmentzellen 
zu  erwähnen  haben,  die  an  den  verschiedensten  Punkten  aus  der 
Umwandlung  von  Rete-  oder  Epithelial -Elementen  hervorgehen, 
indem  sich  der  Lihalt  der  Zellen  entweder  durch  Imbibition  färbt 
oder  in  sich  durch  (metabolische)  Uipsetzung  des  Inhalts  Pigment 
erzeugt.  So  entstehen  Pigmentzellen  in  dem  Rete  gefärbter  Haut- 
stellen oder  gefärbter  Racen,  bei  Naevi  und  Bronzekrankheit;  so 
bilden  sich  die  dunkle  Zellenschicht  der  Ghorioides  oculi  (Fig.  6), 
gewisse  pigmentirte  Zellen  in  den  Alveolen  der  Lunge  (Fig.  8).  — 

Zu  den  Epithelien  gehört  noch  eine  andere,  ganz  besondere 
Art  von  Elementen,  die  bei  dem  Zustandekommen  gewisser  höherer 
Functionen  des  Thiers  eine  sehr  bedeutende  Rolle  spielen,  nehm- 
lich  die  Drüsenzellen.  Die  eigentlich  activen  Elemente  der  ge- 
wöhnlichen, mit  Ausfuhrungsgängen  versehenen  Drüsen  sind  we- 
sentlich epitheliale.  Es  ist  eines  der  grössten  Verdienste  von 
Remak,  gezeigt  zu  haben,  dass  in  der  normalen  Entwickelung 
des  Embryo  von  den  bekannten  drei  Keimblättern  das  äussere 
und  innere  hauptsächlich  epitheliale  Gebilde  hervorbringen,  von 
denen  unter  Anderem  durch  allmähliche  Wucherung  die  Drüsen- 
gestaltung ausgeht.  Schon  andere  Forscher  hatten  ähnliche  Beob- 
achtungen gemacht,  insbesondere  Eölliker.  Gegenwärtig  kann 
man  es  als  allgemeine  Doctrin  hinsteUen,  dass  die  Drüsenbildung 
überhaupt  als  ein  directer  Wucherungsprocess  von  Epithelial*  Ge- 
bilden zu  betrachten  ist.  Früher  dachte  man  sich  Gytoblastem- 
Haufen,  in  denen  unabhängig  Drüsenmasse  entstände;  allein  mit 
Ausnahme  der  Lymphdrüsen,  welche  in  ein  ganz  anderes  Gebiet 


geh&ren,    eottutfiben    sämmtliche  Drüsen  in  der  Weise,    dasa  an 
einem  gewissen  Punkte  in  ähnlicher  Art,  wie  ich  von  den  Aaa- 


wflchsen  der  Pflanzen  angegeben  habe  (S.  25),  epiüieliale  Zellen 
anfangen  sich  zu  tbeilen,  sich  wieder  nnd  wieder  Uieilen,  bis  all- 
mählich ein  kleiner  Zapfen  von  zelligen  Elementen  entatanden 
ist  (Fi{(.  19.  A).  Dieser  wächst  nach  innen  nnd  bildet,  indem 
er  sich  seitlich  aasbreitet  und  im  Innern  aoshOMt,  einen  Drüsen- 
gang  (Fig.  19,  ^,  welcher  demnach  sofort  ein  Continnnm  mit 
Süsseren  Zellenlagen  darstellt.  So  entstehen  die  Drüsen  der 
Oberfläche  (die  Schweiss-  nnd  TalgdrSaen  der  Hant,  die  Milch- 
drüse), so  entstehen  aber  auch  die  inneren  Drüsen  des  Dige- 
stionstractas  (Hagendrüsen,  Lieberkübnscbe  Darmdrüsen,  Leber), 
der  Eierstock  o.  s.  w.  Die  einfachsten  Formen,  welche  eine 
Drüse  darbieten  kann,  kommen  beim  Menschen  nicht  vor.  Es 
sind  dies  einzellige  Drüsen,  wie  sie  in  neuerer  Zeit  bei 
niederen  Thieren  vielfach  gefunden  sind.  Die  menscblichea  Drü- 
sen sind  stet«  Anfafinfungen  von  vielen  Elementen,  die  jedoch 
genetisch  auf  ziemlich  einfache  Anlagen  zurückführen.  Freilieb 
geben  ausser  den  epithelialen  Elementen  in  unsem  zasammen- 
gesetztcn  Drüsen  noch  andere  nothwendige  Bestandtheile  (Binde- 
gewebe, Gefässe,  Nerven)  in  die  Znsammensetzong  ein,  und  man 

Fig.  19.  A.  Eotniclielung  der  ScbweisidrnseQ  durch  WacheniDg'  der  Zellon 
des  Rele  Halpif^hii  uarh  innen  e.  Bpidenois,  r.  Bett  Halpighii,  gg  solider 
Zapfen,  der  ersleo  Drösenaalsße  enleprecbend-     Nach  Källiker. 

B.  SlDCk  eines  Scbveissdrüsealuuula  im  entwickelten  Znttande.  ( t  Tuaica 
propria.     e  e  Epitheilageo. 


Drüsen.  ^  39 

kann  nicht  sagen,  dass  die  Drüse,  als  Organ  betrachtet,  bloss  aus 
Drüsenzellen  bestehe.  Jedoch  ist  man  darüber  gegenwärtig  ziem- 
lich einig,  dass  das  bestimmende  Element  in  der  Zusammensetzung 
die  Drüsenzelle  ist,  ebenso  wie  bei  den  Muskeln  das  Muskelpri- 
mitivbündel, und  dass  die  specifische  Thätigkeit  der  Drüse  haupt- 
sächlich in  der  Natur  und  eigenthümlichen  Einrichtung  dieser  Ele- 
mente begründet  ist. 

Im  Allgemeinen  bestehen  also  die  Drüsen  aus  Anhäufungen 
von  Zellen,  welche  in  der  Regel  offene  Kanäle  bilden.  Wenn  man 
von  den  Drüsen  mit  zweifelhafter  Function  (Schilddrüse,  Neben- 
nieren) absieht,  so  gibt  es  beim  Menschen  nur  die  Eierstöcke, 
welche  eine  Ausnahme  machen,  indem  ihre  Follikel  nur  zu  Zeiten 
offen  sind;  aber  auch  sie  müssen  offen  sein,  wenn  die  specifische 
Secretion  der  Eier  stattfinden  soll.  Bei  den  meisten  Drüsen 
konunt  freilich  bei  der  Secretion  noch  eine  gewisse  Menge  trans- 
sudirter  Flüssigkeit  hinzu,  allein  diese  Flüssigkeit  stellt  nur  das 
Vehikel  dar,  welches  die  Elemente  selbst  oder  ihre  specifischen 
Produkte  wegschwemmt.  Wenn  sich  in  den  Hodenkanälen  eine 
Zelle  ablöst,  in  welcher  Samenfäden  entstehen,  so  transsudirt 
zugleich  eine  gewisse  Menge  von  Flüssigkeit,  welche  dieselben 
fortträgt,  aber  das,  was  den  Samen  zum  Samen  macht,  was  das 
Specifische  der  Thätigkeit  gibt,  ist  die  Zellenfunction.  Die  blosse 
Transsudation  von  den  Gefässen  aus  ist  wohl  ein  Mittel  zur  Fort- 
bewegung, gibt  aber  nicht  das  specifische  Produkt  der  Drüse,  das 
Secret  im  engeren  Sinne  des  Worts.  Wie  am  Hoden,  so  geht 
im  Wesentlichen  an  allen  Drüsen,  an  denen  wir  mit  Bestimmtheit 
das  Einzelne  ihrer  Thätigkeit  übersehen  können,  die  wesentliche 
Eigentbümlichkeit  ihrer  Energie  von  der  Entwickelung,  Umgestal- 
tung und  Thätigkeit  epithelialer  Elemente  aus.  — 

Die  zweite  histologische  Gruppe  bilden  die  Gewebe  der 
Bindesubstanz.  Es  ist  dies  diejenige  Gruppe,  welche  gerade 
für  mich  das  meiste  Interesse  hat,  weil  von  hier  aus  meine  all- 
gemein-physiologischen Anschauungen  zu  dem  Abschlüsse  ge- 
kommen sind,  den  ich  im  Eingange  kurz  darstellte.  Die  Aende- 
rungen,  welche  es  mir  gelungen  ist,  in  der  histologischen  Auffas- 
sung der  ganzen  Gruppe  herbeizuführen,  haben  mir  zugleich  die 
Möglichkeit  gegeben,  die  Cellulardoctrin  zu  einer  gewissen  Abrun- 
düng  zu  bringen. 


40  Zweites  Capitel. 

Die  Hanptglieder  dieser  Gnippe  sind  das  Bind  egowebe, 
das  Scbleimgewebe,  der  Knorpel,  das  Enocbengewebe, 
das  Zahnbein,  die  KeurogUa  nnd  das  Fettgewebe.  Be- 
trachten wir  zuerst  das  Bindegewebe  als  das  für  die  Auffassiuig 
der  fibrigen  mehr  oder  weniger  bestimmende.  Bis  in  die  nenest« 
Zeit  biess  es  fast  allgemein  Zellgewebe  (tela  cellnlosa) ,  weil 
man  annahm ,  dass  es  regelmässig  kleinere  Bäome  (ceüalae, 
areolae)  enthalte.  Erst  Johannes  Müller  führte  den  Äns- 
drack  Bindegewebe  (tela  conjnnctoria  s.  connectiva),  freilich  tau 
für  eine  gewisse  Art,  ein;  er  meinte  damit,  was  wir  gegen- 
wärtig interstitielles  Gewebe  za  nennen  pflegen,  nehmlich 
dasjenige  „Zellgewebe",  welches  Organe  oder  Organtheile  mit 
einander  vertiiDdet.  Sehr  langsam,  znm  Theil  ans  blossem  Wider- 
willen gegen  den  schlechten  Namen  Zellgewebe,  ist  die  Bezeich- 
nnng  Bindegewebe  auf  alles  Zellgewebe  nnd  auf  alle  daraas  zn- 
sammen gesetzten  Theile  (Lederhant,  Sehnen,  Fascien)  aasgedehnt 
worden.  Gegenwärtig  moss  man  sich  fast  in  Acht  nehmen,  nicht 
noch  weiterzugehen  nnd  anch  die  übrigen  Glieder  dieser  Gmppe 
dem  Bindegewebe  zoznrechnen.  „Bindesabstanz"  soll  diesem  wei- 
teren KJassenbegriff  entsprechen. 

Seit  Haller  betrachtete  man  das  Zellgewebe  oder,  wie  man 
aach  wohl  sagte,  das  Faeergewebe  (tela  fibrosa)  als  wesentlich 
aas  Fasern  (fibrae,  fibrillae)  zusammengesetzt  nnd  sah  in  diesen 


Fig.  20.  A.Bäoäe\  tod  gcwöhnlichein  locki^m  Biodegewebe  (lotercellulv- 
substani).  im  EoJe  in  faine  Fibrillen  zenplitiemd. 

B.  Srben»  dar  DiadegewebB-GntwicIieluTi);  nach  ScbnaDii.  a.  Spindeltelle 
(KeüchwinileB  Kiirp«rcbeo.  fibroplastischeB  Körperchen  Lebert)  mit  Kern  und 
Kerokörperi'beQ.     b.  Zerkläftnng  des  Zellkörpers  in  Fibrillen. 

'.'.  Schema  der  Bindegewebs-Entwickelung  nticb  Benle.     a.  Ufalin«  Grund- 


Theorie  des  Bindegewebes.  41 

Fasern,  wie  im  ersten  Capital  (S.  22.)  hervorgehoben  ist,  die 
eigentlich  elementare  Form  des  Organischen.  In  der  That,  wenn 
man  Bindegewebe  an  verschiedenen  Begionen,  z.  B.  an  den  Sehnen 
and  Bändern,  der  Pia  mater,  dem  snbserösen  nnd  submucösen 
Zellgewebe  untersucht,  so  findet  man  überall  wellige  Faserbündel 
(Fascikel),  sogenanntes  lockiges  Bindegewebe  (Fig.  20,  A). 
Die  Zusammensetzxmg  dieser  Bündel  glaubte  man  um  so  be- 
stimmter auf  einzelne  Fasern  zurückfuhren  zu  können,  als  wirk- 
lich nicht  selten  an  dem  Ende  der  Bündel  isolirte  Fädchen  heraus- 
stehen. Trotzdem  ist  gerade  auf  diesen  Punkt  vor  etwa  25  Jahren 
ein  ernsthafter  Angriff  gemacht  worden,  der,  wenngleich  in  einer 
anderen,  als  der  beabsichtigten  Richtung,  eine  sehr  grosse  Bedeu- 
tung gewonnen  hat.  Reichert  suchte  nehmlich  zu  zeigen,  dass 
die  Fasern  nur  der  optische  Ausdruck  von  Falten  seien,  und 
dass  das  Bindegewebe  vielmehr  an  allen  Orten  eine  homogene, 
jedoch  mit  grosser  Neigung  zur  Faltenbildung  versehene  Masse 
darstelle. 

Schwann  hatte  die  Bildung  des  Bindegewebes  so  darge- 
stellt, dass  ursprünglich  zellige  Elemente  von  spindelförmiger  Ge- 
stalt vorhanden  wären,  die  nachher  so  berühmt  gewordenen 
geschwänzten  Eörperchen,  Spindel-  oder  Faserzellen 
(fibroplastischen  Körper  Lebert's,  Fig.  4,  6),  und  dass  aus  sol- 
chen Zellen  unmittelbar  Fascikel  von  Bindegewebe  in  der  Weise 
hervorgingen,  dass  der  Körper  der  Zelle  in  einzelne  Fibrillen  sich 
zerspalte,  während  der  Kern  als  solcher  liegen  bliebe  (Fig.  20,  E). 
Jede  Spindelzelle  würde  also  für  sich  oder  in  Verbindung  mit 
anderen,  an  sie  anstossenden  und  mit  ihr  verschmelzenden  Spindel- 
zellen ein  Bündel  von  Fasern  liefern.  Heule  dagegen  glaubte 
aus  der  Entwickelungsgeschichte  schliessen  zu  müssen,  dass  ur- 
sprünglich gar  keine  Zellen  vorhanden  seien,  sondern  nur  ein- 
faches Blastem,  in  welchem  Kerne  in  gewissen  Abständen  sich 
bildeten;  die  späteren  Fasern  sollten  durch  eine  directe  Zerklüf- 
tung des  Blastems  entstehen.  Während  so  die  Zwischenmasse 
sich  differenzire  zu  Fasern,  sollten  die  Kerne  sich  allmählich  ver- 
längern und  endlich  zusammenwachsen,  so  dass  daraus  eigenthüm- 
thümliche  feine  Längsfasem  entständen,  die  sogenannten  Kern- 


sobstanz  (Blastem)  mit  regelmässig  eingestreuten,  nucleolirten  Kernen.  6.  Zer- 
faserung  des  Blastems  (directe  Fibrillenbildung)  und  Umwandlung  der  Kerne  iu 
Kemfasem. 


42  Zweites  Capitel. 

raserD(Pig.  1^0,  r,  6).  Reichert  hat  gegenüber  dieBen  Ansichten 
einen  ansserordentlich  wichtigen  Schritt  getban.  Er  bewies  nehm- 
licb,  dass  ursprünglich  nnr  Zellen  in  grosser  UasBe  vorhanden 
sind,  zwischen  welche  erst  später  homogene  Intercellukrmasse  ab- 
gelagert wird.  Zu  einer  gewissen  Zeit  verBchmölzen  dann,  wie 
er  glaubte,  die  Membranen  der  Zellen  mit  der  Intercellnlarsub- 
stanz,  nnd  es  komme  nnn  ein  Stadium,  dem  von  Henle  beschrie- 
benen analc^,  wo  keine  Grenze  zwischen  den  alten  Zellen  und 
der  Zwischenmasse  mehr  eiiBtire.  Endlich  sollten  auch  die  Kerne 
in  einigen  Formen  gänzlich  verschwinden,  während  sie  in  anderen 
sich  erhielten.  D^egen  tengoete  Reichert  entschieden,  dass  die 
spiodeU&rmtgea  Elemente  von  Schw  ann  überhaupt  vorkämen. 
Alle  spindelförmigen,  geschwänzten  oder  gezackten  Elemente 
wären  Konstproducte,  gleich  wie  die  Fasern,  welche  man  in  der 
ZvrigchenmasBe  sähe  und  welche  nur  scheinbar  etwas  für  sich 
Eiistirendes  darstellten,  da  sie  in  Wahrheit  eine  falsche  Deutung 
des  optischen  Bildes,  der  Ausdruck  blosser  Falten  und  Streifnngen 
einer  an  sich  durchans  gleichmässigeo  Substanz  seien. 

Meine  üntersnchungen  haben  gelehrt,  dass  die  Anffassung 
sowohl  von  Schwann,  als  von  Reichert  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  auf  richtigen  Anschanungen  beruht.  Erstlich  mit  Schwann 


Fig.  31.  Bindegewebe  Tom  Seh weinsembrjo  nach  Ungerem  Kocben.  Orasae. 
T.aai  Tbeil  isoUile,  zum  Tbeil  noch  Jd  der  GnmdsubBtaDz  eiog^schlosseue  und 
aiustomodrende  SpindelHllea  (BindegewebskÖrpercfaeD).  Grosse  Kerne  mit  »b- 
gclüsler  UembrKQj  zum  Tbeil  geschrumpfter  Zelleoiiibftlt-    Tergr,  350. 


Bindegewebe.  43 

nnd  gegeo  Reichert,  das»  in  der  That  BpiDdeIfQrmige  (Fig.  21) 
tmd  BtemfOrmige  Elemente  mit  Tollkommener  Sicherheit  existiren, 
dann  aber  gegen  Schwann  und  mitHenle  und  Reichert,  dass 
eine  directe  Zerklfiftni^  der  ZeUen  zu  Fasern  nicht  geschieht, 
dass  vielmehr  dasjenige,  was  wir  nachher  ah  Bindegewebe  TOr 
uns  sehen,  an  die  Stelle  der  früher  gleicfamässigen  Intercellnlar* 
Substanz  tritt.  Ich  fand  femer,  dass  Reichert  sowohl,  als 
Schwann  nnd  Henle  darin  Unrecht  hatten,  wenn  sie  zuletzt 
im   besten  Falle  Kerne  oder  Kernfasem   bestehen  Hessen;   dass 


vielmehr  in  den  meisten  Fällen  anch  die  ZeUen  selbst  sich  er- 
halten. Das  Bind^ewebe  der  späteren  Zeit  onterscheidet  sich 
der  allgemeinen  Stnictnr  nnd  Anlage  nach  in  gar  nichts  von  dem 
Bindegewebe  der  früheren  Zeit.  Es  gibt  nicht  ein  embryonales 
»der  unreifes  Bindegewebe  mit  Spindeln  und  ein  aasgebildetes 
oder  reifes  ohne  diese,  sondern  die  Elemente  bleiben  dieselben, 
wenngleich  sie  oft  nicht  sofort  zu  sehen  sind*). 

Hit  dem  Nachweise  von  der  Persistenz  der  Zellen  im  Binde- 


Vig-  22.  Schema  der  Bindegeveba  -  Entwickeluog  Docb  meinen  Uolersu- 
chnngeo.  A.  Jängstes  Stadium.  Hyaline  Grundsubstanz  (Intercellulareubstaui:) 
mit  grässeren  Zellen  (BindegewebskÜrpercheu);  letztere  in  regelmienigen  Abstän- 
den, reihenweise  gestellt,  Anfangs  geireunt.  spindelförmig  und  einfach,  sp&terfaiu 
anattomosirend  und  Teristelt.  B.  Aelleres  Stadium:  bei  n.  streifig  gewordene 
ifibrilllre)  Gnmdsubstani ,  durcb  die  reibenweise  Eintagerung  von  Zellen  faaci- 
enl&r  ergebeinend;  die  Zellen  scbmäler  und  feiner  werdend;  bei  b.  nacb  Ein- 
wirkang  Ton  Essigaiure  ist  da«  streifige  Aussehen  der  Onindsubstuii  wieder 
verscbwnnden,  nnd  man  sieht  die  noch  kenkbaltigen,  feinen  und  langen  anasto- 
a  Faaenellen  iBindegewebskörpercheti). 


44  Zweites  Capitel. 

gewebe  gelangte  ich  zn  einer  gänzlich  verschiedenen  Betrachtungs- 
weise der  physiologischen  and  pathologischen  Bedeutung  der  einzelnen 
Bestandtheile.  Während  bis  dahin  die  Fasern  als  die  eigentlich  con- 
stituirenden  Elemente  des  Bindegewebes  angesehen  waren,  wie  es 
Robin  und  die  französische  Schule  noch  heute  thun,  so  rückten 
sie  in  meiner  Vorstellung  als  Bestandtheile  der  Intercellularsub- 
stanz  in  eine  durchaus  untergeordnete  Stellung.  Sie  verhalten 
sich  zu  den  Bindegewebszellen,  oder,  wie  ich  sie  gewöhnlich  nenne, 
den  Bindegewebskörperchen,  wie  die  Fasern  des  Fibrins  in 
einem  Blutgerinnsel  zu  den  Blutkörperchen.  Sie  geben  dem  Ge- 
webe Consistenz,  Dehnbarkeit,  Widerstandsfähigkeit,  Ausdehnungs- 
fähigkeit, Farbe  und  Aussehen,  aber  sie  sind  nicht  die  Sitze  der 
Lebensthätigkeit,  nicht  die  lebenden  Mittelpunkte  des  Gewebes. 

Da  die  Substanz,  welche  sich  zwischen  den  Bindegewebs- 
körperchen befindet,  ursprünglich  homogen  ist  und  erst  später 
fibrillär  wird,  so  muss  man  sich  vorstellen,  dass  die  Fibrillation 
in  ähnlicher  Weise  vor  sich  geht,  wie  in  dem  Fibringerinnsel,  wel- 
ches zuerst  auch  homogen  und  gallertartig  ist.  Und  da  femer 
die  Substanz  zwischen  den  Zellen  später  auftritt,  als  die  Zellen, 
so  kann  man  sie  nicht  im  Sinne  Henle's  als  Cytoblastem  be- 
trachten, sondern  sie  lässt  sich  nur  als  ein  von  den  Zellen  ge- 
liefertes Secret  ansehen.  In  der  letzten  Zeit  haben  Manche  mit 
Max  Schnitze  Werth  darauf  gelegt,  die  Intercellularsubstanz 
nicht  als  ein  Secret  aufzufassen,  sondern  als  die  äussere,  meta- 
morphosirte  Schicht  der  Zellen  oder,  um  in  der  Schulsprache  zu 
reden,  als  das  veränderte  Protoplasma  selbst.  Dieser  Streit  ist  ein 
rein  doctrinärer.  Denn  auch  die  Vorstellung  von  der  Secretion 
der  Intercellularsubstanz  geht  davon  aus,  dass  das  Secret  einmal 
innerhalb  der  Zellen  befindlich  gewesen  sei,  und  es  versteht  sich 
von  selbst,  dass  eine  Zelle  nach  geschehener  Secretion  der  Inter- 
cellularsubstanz um  so  viel  kleiner  sein  muss,  als  Secret  aus  ihr 
hervorgetreten  ist  (vorausgesetzt,  dass  sie  nicht  wieder  neue  Sub- 
stanz von  aussen  her  in  sich  aufgenommen  hat).  Dass  aber  wirk- 
lich die  Gorticalschicht  der  Bindegewebskörperchen  in  Intercellular- 
substanz verwandelt  werde,  hat  noch  Niemand  dargethan. 

Demnach  ist  das  Bindegewebe  aufzufassen  als  zusammenge- 
setzt aus  Zellenterritorien  (S.  17),  von  denen  jedes  eine  Zelle 
mit  dem  ihr  zugehörigen  Antheil  von  Intercellularsubstanz  ent- 
hält, und  deren  Grenzen  gänzlich  verschmolzen  sind.    Man  kann 


Knorp«!.  45 

dioss  auch  so  anedrücken,  dass  man  sagt:  das  Bindegewebe  be- 
steht ans  einer  im  Wesentlichen  faserigen  InterceUnlarsnbstanz 
nnd  Zellen,  welche  in  regelmässigen  Abständen  in  dieselbe  einge- 
schlossen sind.  Diese  Formel  gilt  übrigens  fQr  sämmtliche  Gewebe  der 
Bindesobstanz,  nur  dass  die  BeschafTeDheit  der  InterceUnlarsnbstanz 
verschieden  nnd  keineswegs  Oberall  faserig  ist.  Im  ansgebildeten  Zu- 
stande besteht  wenigstens  scheinbsr  fast  überall  der  grOsete  Tbeil 
des  Gewebes  ans  IntercellnlarsnbstaDz,  und  deshalb  ist  diese  letz- 
tere in  hohem  Maasse  für  die  änssere  Erscheionag  des  Gewebes 
bestimmend.  Die  Zellen  sind  der  Masse  nach  meist  unbedeutend 
nnd  sie  kQnnen  die  mannicbfacbsten  Formen  haben.  Daher  lassen 
die  Gewebe  sich  nicht  darnach  unterscheiden,  dass  das  eine  nur 
made,  das  andere  dagegen  geschwfinzte  oder  sternförmige  Zellen 
entbSit;  vielmehr  künnen  in  allen  Geweben  der  Bindesubstanz 
runde,  lange,  eckige  oder  verfistelte  Elemente  vorkommen. 

Der  einfachste  Fall  ist  der,  dass  runde  Zellen  in  gewissen 
Abständen  liegen,  durch  Interceünlarsubstanz  getrennt.  Das  ist 
diejenige  Form,  welche  wir  am  schönsten  in  deaKoorpela  finden, 
z.  B.  in  den  GelenkOberzügeo,  wo  die  Zwischenmasse  vollkommen 
homc^en  und  an  ihr  nichts  zu  sehen  ist,  als  eine  vielleicht  hier 
und  da  schwach  gekörnte,  im  Ganzen  jedoch  völlig  wasserklare 
Sabstanz,  so  homogen,  dass,  wenn  man  nicht  die  Grenze  des  Ob- 
jectes  vor  sich  hat,  man  in  Zweifel  sein  kann,  ob  überhaupt  etwas 


Fig.  33.  Senkr«cht«T  DarcbschDitt  durch  den  wachsenden  Knorpel  der  Pa- 
UIU.  a.  Die  Gelenkfl&cbe  mit  parallel  gelagerten  Spindelzellen  (Knorpel kürper- 
eben),  b.  Beginnende  Wucherang  der  Zellen,  c.  Vorgeschrittene  Wucbernng: 
groMe,  randliche  Onippeo;  innerhalb  der  ansgedebnten  Capaeln  immer  zahlrej- 
cbere  rnnde  Zellen.  —  Vergröss.  50. 


46  Zweites  Gapitel. 

zwischen   den  Zellen   vorhanden  ist.    Diese  Substanz  characteri- 
sirt  den  hyalinen  Knorpel. 

Unter  gewissen  Verhältnissen  wandeln  aber  die  runden  Ele- 
mente sich  auch  im  Knorpel  in  l&ngliche,  spindelförmige  um,  z.  B. 
ganz  regelmässig  gegen  die  Glelenkoberflächen  hin.  Je  näher  man 
bei  der  Durchforschung  des  Gelenkknorpels  der  freien  Oberfläche 
kommt  (Fig.  23,  a),  um  so  platter  werden  die  Zellen;  zuletzt  sieht 
man  nur  kleine,  flach  linsenförmige,  auf  einem  Längsdurchschnitt 
spindelförmig  erscheinende  Körper,  zwischen  denen  die  Intercellu- 
larsubstanz  zuweilen  ein  leicht  streifiges  Aussehen  zeigt.  Hier  tritt 
also,  ohne  dass  das  Gewebe  aufhört,  Knorpel  zu  sein,  ein  Typus 
auf,  den  wir  viel  regelmässiger  im  Bindegewebe  antreffen,  und  es 
kann  leicht  daraus  die  Vorstellung  erwachsen,  als  sei  der  Gelenk- 
knorpel noch  mit  einer  besonderen  Membran  überzogen.  Dies  ist 
jedoch  nicht  der  Fall.  Es  legt  sich  keine  Synovialhaut  über  den 
Knorpel ;  die  Grenze  des  Knorpels  gegen  das  Gelenk  bin  ist  über- 
all vom  Knorpel  selbst  gebildet.  Die  Synovialhaut  fängt  erst  da 
an,  wo  der  Ejiorpel  aufhört,  am  Ejiochenrande. 

An  anderen  Stellen  geht  der  Knorpel  über  in  ein  Gewebe,  wo 
die  Zellen  nach  mehreren  Richtungen  Fortsätze  aussenden,  dadurch 
sternförmig  werden,  und  wo  die  endliche  Anastamose  der  Ele- 
mente sich  vorbereitet;  endlich  trifft  man  Stellen,  wo  man  nicht 
mehr  sagen  kann,  wo  das  eine  Element  aufhört  und  das  andere 
anfängt:  sie  hängen  durch  ihre  Fortsätze  direct  mit  einander  zu- 
sammen, sie  anastomosiren,  ohne  dass  eine  Grenze  zwischen  ihnen 
zu  erkennen  wäre.  Wenn  ein  solcher  Fall  eintritt,  so  wird  die 
bis  dahin  gleichmässige  hyaline  Intercellularsubstanz  ungleich- 
massig,  streifig,  faserig.  Solchen  Knorpel  hat  man  schon  seit 
langer  Zeit  Faserknorpel  genannt 

Von  diesen  beiden  Arten  unterscheidet  man  eine  dritte,  den 
sogenannten  Netzknorpel,  so  an  Ohr  und  Nase,  wo  die  Ele- 
mente rund  sind,  aber  eine  eigenthümliche  Art  von  dicken,  steifen 
Fasern  um  sie  herum  liegt,  deren  Entstehung  noch  nicht  ganz  erforscht 
ist,  die  aber  offenbar  durch  eine  Metamorphose  der  Intercellular- 
substanz entstehen. 

Wir  haben  schon  früher  (S.  8)  gesehen,  dass  der  ausgebil- 
dete Knorpel  incapsulirte  Zellen  hat.  Hier  ist  also  die  Zelle 
von  der  Intercellularsubstanz  noch  durch  eine  besondere,  oft  sehr 
dicke  Wand  getrennt.     Wenn    nun  nicht  bezweifelt  werden  kann. 


Knorpel-,  Schleim-  und  Fett^webe.  47 

dass  auch  diese  Wand  ein  Secretionsprodnct  der  Zelle  ist,  so 
folgt,  dass,  genau  genommen,  die  Gapsei  der  Intercellular- 
snbstanz  angehört,  deren  jüngster  Theil  sie  ist.  In 
allen  Rippenknorpeln  ist  es  gewöhnlich,  um  einzelne  Zellen  sogar 
zwei  und  mehr  Gapseischichten  zu  sehen  (Fig.  14),  unter  deren 
Ausbildung  die  Zelle  immer  kleiner  und  kleiner  wird,  so  dass  sie 
manchmal  nur  noch  als  ein  granulirtes  Eügelchen  im  Innern  der 
Capselhöhle  erscheint.  Durch  Jodzusatz  lässt  sie  sich  jedoch 
leicht  erkennen,  indem  sie  sich  roth  färbt,  während  Gapsei-  und 
Intercellularsubstanz  nur  gelb  werden.  Die  Existenz  der  Gapsei  ist 
in  hohem  Haasse  characteristisch  für  den  Knorpel.  Aber  sie  ist 
nicht  entscheidend,  denn  in  jungem  und  unentwickeltem  Knorpel, 
sowie  in  dem  von  mir  als  Knochenknorpel  (osteoidem  Gewebe) 
benannten  Gewebe  fehlt  sie  und  die  Intercellularsubstanz  stösst 
unmittelbar  an  die  Oberfläche  der  Zelle. 

Mit  diesen  verschiedenen  Typen,  welche  der  Knorpel  an  ver- 
schiedenen Orten  und  zu  verschiedenen  Zeiten  seiner  Entwickelung 
darbietet,  sind  auch  alle  die  Verschiedenheiten  gegeben,  welche 
die  übrigen  Gewebe  der  Bindesubstanz  darbieten.  Es  gibt  auch 
wahres  Bindegewebe  mit  runden,  mit  langen  und  sternförmigen 
ZeUen.  Ebenso  finden  sich  innerhalb  des  eigenthümlichen  Gewe- 
bes, welches  ich  Schleimgewebe  genannt  habe,  runde  Zellen 
in  einer  hyalinen,  spindelförmige  in  einer  streifigen,  netzförmige 
in  einer  maschigen  Grundsubstanz.  Das  Haupt -Kriterium  für 
die  Scheidung  der  Gewebe  beruht  daher  auf  der  Bestimmung  der 
chemischen  Qualität  der  Intercellularsubstanz.  Bindegewebe  wird 
ein  Gewebe  genannt,  dessen  Grundsubstanz  beim  Kochen  Leim 
(Golla,  Gluten)  gibt;  Knorpel  liefert  aus  seiner  Zwischenmasse 
Chondrin,  Schleimgewebe  einen  durch  Alkohol  in  Fäden  fällbaren 
und  in  Wasser  wieder  aufquellenden,  durch  Essigsäure  fällbaren 
und  im  Ueberschuss  sich  nicht  lösenden,  dagegen  in  Salz-  und 
Salpetersäure  löslichen  Stoff,  das  Mucin  (Schleimstoflf). 

Weitere  Verschiedenheiten  des  Gewebes  können  sich  späterhin 
einstellen  durch  die  besondere  Gestaltung  und  Füllung  der  ein- 
zelnen ZeUen.  Auch  die  Knorpel-  und  Bindegewebszellen  führen 
zuweilen  Farbstoffe,  wie  die  epithelialen:  es  gibt  also  auch 
pigmentirte  Bindesubstanz.  Was  wir  kurzweg  Fett  nennen,  ist 
ein  Gewebe,  welches  sich  hier  unmittelbar  anschliesst  und  welches 
sich  wesentlich  dadurch  unterscheidet,   dass   die  einzelnen  Zellen 


48  Zweites  Capitel. 

sich  haafenweiee  vermehren,  vet^ssem  oad  mit  Fett  ToUstopfen, 
wobei  der  Eem  zar  Seite  gedrSngt  wird.  An  sich  ist  die  Stm- 
ctar  des  Fettgewebes  aber  dieselbe  wie  die  des  Biodegewebes,  and 
unter  Umständen  kann  das  Fett  so  vollständig  schwinden,  dass 
das  Fettgewebe  wieder  aof  einfoches  gallertartiges  Bindegewebe 
oder  Snbleimgewebe  znrfickgefahrt  wird'j.  Dod  omgekehrt  kann 
nicht  bloss  Schleim-  and  Bindegewebe  sich  direct  in  Fettgewebe 
omwandeln,  sondern  es  kann  anch  ganz  direct  fetthaltiges  Hark 
ans  Knorpel*  oder  Knochengewebe  entstehen. 

unter  den  Geweben  der  Bindesnbstaoz  besitzen  diejenigen 
für  die  pathologische  AnBchanoiig  die  grösste  Wichtigkeit,  in  wel- 
chen eine  netzfßrmige  Änordnnng  der  Elemente  besteht,  oder  an- 
ders ausgedrückt,  in  welchen  die  Elemente  durch  AnsläDfer  oder 


Fortsätze  ontereinander  anastomoBiren  (Fig.  31;  '22,  A;  24). 
Ueberall,  wo  solche  Anastomosen  Statt  finden,  wo  ein  Element 
mit  dem  anderen  zusammenhängt,  da  ]&iist  sich  mit  einer  gewissen 
Sicherheit  darthon,  dass  diese  Anastomosen  eine  Art  von  Robren- 
oder  Kanalsystem  darstellen,  welches  den  grossen  Eanalsystemen 

Fig.  24.  KnofbenlEÖrpercben  ans  einem  pathologi»cbeii  Knochen  tod  der 
Dun  mstor  cerebrftlia.  Hau  sieht  die  lerittelten  tiud  anwtomoeirenden  ForUUie 
derselben  (KnocheDkanülchen)  nnd  iuaerhalb  der  Enachenkörpercben  klein« 
Punkte,  irelcbe  den  trichteiTünaigea  Anfang  der  Kanilcbeo  beieirbnen. 
VergrOM,  600. 

*)  ArchiT  f.  path.  Anatomie  und  Phjrsiol.   I8J9.  XVI.   15. 


Die  höheren  Thiergewebe.  49 

des  Körpers  angereiht,  welches  namentlich  neben  den  Blnt-  und 
Lymphkanälen  als  eine  nene  Erwerbung  unserer  Anschauungen 
betrachtet  werden  muss,  also  eine  Art  von  Ersatz  für  die  alten 
Vasa  serosa  bietet,  die  in  der  früher  angenommenen  Weise  nicht 
existiren.  Eine  solche  Einrichtung  kommt  vor  im  Faserknorpel, 
Bindegewebe,  Knochen,  Schleimgewebe  an  den  verschiedensten 
Theilen  und  jedesmal  unterscheiden  sich  die  Gewebe,  welche  solche 
Anastomosen  besitzen,  von  denen  mit  isolirten  Elementen  durch 
ihre  grössere  Fähigkeit,  krankhafte  Processe  zu  leiten.  — 

Nachdem  wir  die  Gruppe  der  Epithelial-  oder  Epidermoidal- 
formation  und  die  der  Bindesubstanzen  betrachtet  haben,  so  bleibt 
uns  noch  eine  ebenso  grosse,  als  wichtige  Gruppe,  deren  einzelne 
Glieder  freilich  nicht  in  der  Weise,  wie  dies  bei  der  Epithelial- 
und  Bindegewebs-Formation  der  Fall  ist,  eine  wirkliche  Verwandt- 
schaft untereinander  haben.  Ihre  Uebereinstimmung  ist  vielmehr 
eine  physiologische,  indem  sie  die  höheren  animalischen 
Gebilde  darstellen,  welche  sich  durch  die  specifische  Art  ihrer 
Einrichtung  und  Leistung  von  den  mehr  indifferenten  Epithelial- 
und  Bindegeweben  unterscheiden.  Hierhin  zähle  ich  das  Muskel- 
gewebe, das  Nervengewebe,  die  feineren  Gefässe  mit 
Blut,  Lymphe  und  Lymphdrüsen.  Allerdings  sind  diese  Ge- 
webe unter  sich  so  verschieden,  dass  man  aus  jedem  derselben 
eine  besondere  Gruppe  bilden  könnte.  Ich  will  darüber  nicht 
streiteiL  Indess  spricht  die  praktische  Bequemlichkeit,  sämmtliche 
Gewebe  höherer  Dignität  in  eine  einzige  Gruppe  zusammenzu- 
lassen, für  meinen  Vorschlag. 

Ein  anderer  Umstand  scheint  auf  den  ersten  Anblick  die 
Notbwendigkeit  einer  solchen  Vereinigung  darzuthun.  Gerade  die 
Elemente  der  Hauptglieder  dieser  Gruppe  stellen  sich  uns  dar 
in  der  Form  von  zusammenhängenden,  weithin  durch  den  Körper 
▼erbreiteten,  mehr  oder  weniger  röhrenartigen  Gebilden.  Wenn 
man  Muskeln,  Nerven  und  Gapillaren  mit  einander  vergleicht,  so 
kann  man  sehr  leicht  zu  der  Vorstellung  kommen,  es  handle  sich 
bei  allen  dreien  um  wirkliche  Röhren,  welche  mit  einem  bald 
mehr,  bald  weniger  beweglichen  Inhalt  gefüllt  seien.  Diese  Vor- 
stellung, 80  bequem  sie  für  eine  oberflächliche  Anschauung  ist, 
genügt  jedoch  deshalb  nicht,  weil  wir  den  Inhalt  der  verschiede- 

Virrhow,  CeilDUr  I'4thol.     4.  Aufl.  4 


50  Zweites  GapiteL 

nen  Röhren  nicht  einfach  vergleichen  kOnnen.  Das  Blut,  welches 
in  den  GefSssen  enthalten  ist,  Ifisst  sich  nicht  als  ein  Analogen 
des  Axencylinders  oder  des  Markes  einer  Nervenröhre,  oder  der 
contractilen  Substanz  eines  Mnskelprimitivbündels  betrachten. 
Allerdings  bt  die  Entwickelnng  mancher  Gebilde,  welche  ich  in 
dieser  Gruppe  zusammenfasse,  noch  ein  Gegenstand  grosser 
Differenzen,  und  die  Ansicht  über  die  zellige  Natur  vieler  der 
hier  einschlagenden  Elemente  findet  noch  Widersacher.  So  viel 
ist  indess  sicher,  wenn  wir  die  fötale  Entwickelung  ins  Auge  fassen, 
dass  die  Blutkörperchen  ebenso  gut  Zellen  sind,  wie  die  einzelnen 
Elemente  der  Geßlsswand,  innerhalb  deren  das  Blut  strömt,  und 
dass  man  das  Gef&ss  nicht  als  eine  einfache  Bohre  bezeichnen 
kann,  welche  die  Blutkörperchen  umfasst,  wie  eine  Zellmembran 
ihren  Inhalt  Deshalb  ist  es  nothwendig,  dass  man  bei  den  GefSssen 
den  Inhalt  von  der  Wand,  dem  eigentlichen  Gefässe  trennt  und 
dass  man  die  Aehnlichkeit  der  Ge&se  mit  den  Nervenröhren  und 
Muskelbundeln  nicht  zu  stark  hervorhebt.  Von  entschiedener  Be- 
deutung ist  auch  hier  die  Entwickelungsgeschichte.  Nur  was  ge- 
netisch zusammengehört,  muss  zusammengehalten  werden.  Es  ist 
aus  diesem  Grunde  berechtigt,  zum  Blute  die  Lymphdrusen  hinzu- 
zunehmeu,  insofern  das  Verhältniss  beider  zu  einander  ein  gleiches 
ist,  wie  wir  es  bei  den  EpitheUalformationen  zwischen  Epidermis 
und  Bete  angetroffen  haben.  Die  Lymphdrüsen  unterscheiden 
sich  von  den  eigentlichen  Drüsen  nicht  allein  dadurch,  dass  sie 
keinen  Ausführungsgang  im  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes  be- 
sitzen, sondern  sie  stehen  auch  ihrer  Entwickelung  nach  keines- 
wegs den  gewöhnlichen  Drüsen  gleich ;  in  ihrer  ganzen  Geschichte 
scbliessen  sie  sich  so  eng  an  die  Gewebe  der  Bindesubstanz,  dass 
man  eher  versucht  sein  kaun,  anzunehmen,  dass  sie  aus  einer 
Umwandlung  von  Bindegewebe  hervorgehen. 

Bei  der  Mehrzahl  der  höheren  Grewebe  tritt  noch  eine  eigen- 
thümlicbe  Schwierigkeit  hervor,  welche  wir  schon  bei  den  Drusen 
(S.  38)  kennen  gelernt  haben.  Manche  dieser  Gewebe  kommen 
überhaupt  nirgends  ganz  rein  vor.  Sie  sind  vielmehr  gemischt 
und  zusammengehalten  durch  interstitielles  Gewebej  welches 
von  den  specifischen  Elementen  ganz  verschieden  ist  und  aus- 
nahmslos irgend  einer  Art  von  Bindesubstanz  angehört.  Es  ent- 
steht daher  in  der  Regel  ein  zusammengesetzter,  organartiger  Bau, 
dessen  Erforschung  grosse  Vorsicht   erfordert,    da  sehr  leicht  die 


Quer^Streift«  Muskeln.  51 

mehr  indifTerenten  Elemente  des  interstitielleii  Gewebes  (welches 
wohl  von  Intercellolarsobstanz  za  uoterscheideD  ist)  mit  den 
eigentlich  üuctioaellen  Elementen  verwechselt  werden  kOnoen. 
Bin  Hoskel  besteht  ans  wirklich  muskulösen  Elementen  nnd  Inter- 
stitialgewebe  mit  BindegewebskOrperchen ,  zn  welchen  noch  Ge- 
Osse  und  Nerven  hinzukommen.  Das  Gehirn  enthält  Nerven- 
zellen, Nervenfasern  nnd  Interstitialgewebe  mit  einfachen  Zellen, 
Gef&see  n.  8.  w.  Gehirnzellen  im  strengen  Sinne  des  Wortes 
sind  Nerven-  oder  Ganglienzellen,  im  weiteren  kOnnen  aach  Glia- 
zellen  ebenso  genannt  werden. 

Unter  den  Gliedern  der  hier  in  Rede  stehenden  Gmppe  hat 
man  gewöhnlich  die  maskntOsen  Elemente  als  die  einfachsten 
betrachtet.  Untersucht  man  einen  gewöhnlichen  rothen  Hnskel, 
so  findet  man  ihn  wesentlich  zosammengesetzt  aus  einer  Menge 
von  meistentheils  gleich  dicken  Cylindern  (den  Primitivbündeln 
oder  Hnskelfasern),  die  auf  einem  Querschnitte  sidi  als  mnde 
EOrper  darstellen.  An  ihnen  nimmt  man  alsbald  die  bekannten 
Querstreifen  wahr,  das  heisst  breite  Linien,  welche  sich  gewöhn- 
lich etwas  zackig  über  die  Oberfl&che  des  Bündels  erstrecken,  und 
welche  nahezu  so  breit  sind,  wie  die  Zwischenräume,  welche  sie 
trennen  (Fig.  25,  a).  Neben  dieser 
Querstreifong    sieht    man     weiterhin,  Ft(.  3i 

namentlich  nach  gewissen  Präpara- 
tioDsmethoden,  eine  der  Länge  nach 
verlanfende  Streifnng,  die  sogar  in 
manchen  Präparaten  so  überwiegend 
wird,  dass  das  MnskelbSndel  fast  nur 
längegefltreiit  erscheint  Wendet  man 
nun  Essigsäure  an,  so  zeigen  sich, 
während  die  Streifen  erblassen,  an 
der  Wand,  hier  und  da  auch  mehr 
gegen  dieHitt«  des  Cylinders  hin,  in 
gewissen  Abständen  grosse,  randlich- 


Fig.  35.  Eine  Onipp«  tod  HuskelprimitiihändelD  (Muskel fasern).  ••■  Die 
nfttörlicbe  ErscheiDang  einei  frischen  Primitivbündels  mit  seinen  (juerstrelfeii 
(Bändern  oder  Scheiben).  A-  Ein  Bündel  nach  leichler  Einwirkung  von  Essiff- 
üänr«:  die  Kerne  traten  deutlich  hervor  und  man  sieht  in  dem  einen  xwei  Kern- 
kürpercben,  den  anderen  TÜllig  Rclheilt  c.  Stärkere  Einwirkung  der  Essigsäure: 
der  Inhalt  quillt  am  Ende  aus  der  Scheide  (Sarcalemni)  berrur.  U.  Fettige  Atro|ihie. 
Venrrös».  300. 


52  Zweites  Capitel. 

ovale  Kerne  mit  glänzenden,  ziemlich  grossen  Kemkörperchen, 
bald  in  grösserer,  bald  in  kleinerer  Zahl.  Anf  diese  Weise  ge- 
winnen wir,  nachdem  wir  dnrch  die  Einwirkung  der  Essigsäure 
die  innere  Substanz  geklärt  haben,  ein  Bild,  welches  an  Zellen- 
formen erinnert,  nnd  man  ist  daher  nm  so  mehr  geneigt  gewesen, 
das  ganze  Primitivbündel  als  ans  einer  einzigen  Zelle  hervorge* 
gangen  anzusehen,  als  nach  der  älteren  Ansicht  innerhalb  eines 
jeden  Muskels  die  einzelnen  Primitivbündel  von  dem  einen  Inser- 
tionspunkte  bis  zu  dem  andern  reichen  sollten,  also  so  lang  gedacht 
wurden,  als  der  Muskel  selbst.  Letztere  Annahme  ist  freilieh 
durch  Untersuchungen,  welche  unter  Brücke's  Leitung  in  Wien 
durch  Roll ett  angestellt  wurden,  erschüttert  worden,  indem  dieser 
nachwies,  dass  im  Verlaufe  vieler  Muskeln  sich  Enden  der  Pri- 
mitivbündel mit  zulaufenden  Spitzen  finden.  Diese  Enden  schieben 
sich  ineinander,  und  es  entspricht  demnach  keineswegs  die  Länge 
aller  Primitivbündel  der  ganzen  Ausdehnung  des  Muskels.  Allein 
diese  Entdeckung,  statt  die  Ansicht  von  der  zelligen  Natur  der 
Primitivbündel  zu  erschüttern,  hat  sie  vielmehr  befestigt;  sie  zeigt, 
dass  auch  das  fertige  Muskelprimitivbündel  sich  verhält,  wie  eine 
Faserzelle  (Fig.  105,  A). 

Die  einzige  bekannte  Ausnahme  von  dieser  Einrichtung  findet 
sich,  wie  Eberth  gefunden  hat,  an  der  Herzmuskulatur,  welche 
durch  das  Bestehen  verzweigter  und  anastomosirender  Bündel 
schon  seit  Leeuwenhoek  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen 
hatte,  und  welche  auch  durch  den  Mangel  eines  ausgebildeten 
Sarcolemma  eine  so  eigenthümliche  Stellung  einnimmt.  Hier  gibt 
es  statt  der  FaserzeUen  kürzere,  mit  platten  Enden  oder  eckigen 
Grenzen  aneinanderstossende  und  so  mit  einander  verschmelzende 
Abtheilungen,    von   denen  jede  für   sich  eiuer  Zelle   entspricht. 

Auf  der  anderen  Seite  sind  gerade  iu  der  letzten  Zeit  von 
verschiedenen  Seiten  Beobachtungen  gemacht  worden,  welche 
eher  geeignet  schienen,  die  einzellige  Natur  der  Primitiv- 
bündel in  Zweifel  zu  ziehen.  Leydig  hat  zuerst  die  Ansicht 
aufgestellt,  dass  in  jedem  Cylinder  (Primitivbündel)  eine  Reibe 
von  zelligen  Elementen  kleinerer  Art  enthalten  sei.  In  der  That 
liegt  jeder  Kern  in  einer  besonderen,  langgestreckten  Lücke, 
welche  durch  das  Auseinanderrücken  der  quergestreiften  (contra- 
etilen)  Substanz  des  Bündels  gebildet  wird.  Die  Lücke  ist  nach 
Leydig  von  einer  besondern  Membran  umschlossen  und  sie  stellt 


Quergestreifte  Muskeln.  53 

nach  seiner  Ansicht  eine  intramnscnläre  Zelle  vor.  Es  handelt  sich, 
sobald  diese  letzte  Zusammensetzung  discutirt  wird,  um  äusserst 
schwierige  Verhältnisse,  und  ich  bekenne,  dass,  so  sehr  ich  von  der 
nrsprfinglich  einzelligen  Natur  der  Primitivbondel  überzeugt  bin, 
ich  doch  die  sonderbaren  Erscheinungen  im  Innern  derselben  zu 
gut  kenne,  als  dass  ich  nicht  zugestehen  müsste,  dass  eine  an- 
dere Ansicht  aufgestellt  werden  könne. 

An  jedem  Cylinder  (Primitivbondel)  kann  man  leicht  eine 
membranöse  äussere  Hülle  (Sarcolemma)  und  einen  Inhalt 
unterscheiden.  In  letzterem  liegen  die  Kerne  und  an  ihm  kann 
man  im  natürlichen  Zustande  die  eigenthümliche  Quer-  und  Längs- 
streifung  erkennen.  Diese  Streifung  ist  durchaus  eine  innere  und 
nicht  eine  äussere.  Die  Membran  an  sich  ist  vollkommen  glatt 
und  eben^  die  Querstreifung  gehört  dem  Inhalt  an,  welcher  im 
Grossen  die  eigentliche  rothe  Muskelmasse,  das  Fleisch  darsteUt. 
Jedes  Primitivbündel  ist  daher  ein  nach  beiden  Seiten  hin  zuge- 
spitzt endigender,  meist  sehr  langer  Cylinder,  der  eine  Membran, 
einen  Inhalt  und  Kerne  besitzt,  also  die  Eigenschaften  einer  sehr 
verlängerten  Zelle  darbietet.  Damit  stimmt  die  Entwickelungs- 
geschichte  überein,  insofern  jedes  Primitivbündel  in  der  That  durch 
doppelseitiges  Wachsthum  aus  einer  einzigen,  ursprünglich  ganz 
einfachen  Bildungszelle  hervorgeht,  in  welcher  sich  erst  allmählich 
der  specifische  Inhalt,  die  Fleischsubstanz  ablagert.  Nun  sieht 
man  aber  von  Anfang  an,  dass  die  Ablagerung  dieses  specifischen 
Inhalts  nicht  an  allen  Punkten  der  Zellen  erfolgt,  sondern  dass 
die  nächste  Umgebung  des  Kerns  frei  davon  bleibt.  Auch  für  pa- 
thologisch neugebildete  Muskelzellen  habe  ich  dies  nachgewiesen*). 
Je  grösser  die  Muskelzellen  werden,  um  so  mehr  tritt  diese  von 
specifischem  Inhalt  freie  Lücke  um  den  Kern  hervor,  und  zwar 
so,  dass  sie,  wenn  man  den  Cylinder  von  der  Fläche  aus  be- 
trachtet, als  ein  spindelförmiger  Baum  erscheint,  während  er  auf 
einem  Querdurchschnitt  meist  eckig  oder  sternförmig  aussieht  und 
nicht  selten  sich  in  verästelte  und  anastomosirende  Fortsätze  ver- 
folgen lässt.  Letztere  ninmit  man  zuweilen,  namentlich  am  Herz- 
muskel des  Menschen,  auch  bei  der  Betrachtung  von  der  Fläche 


•)  Würzb.  Verhandl.  1850.   I.  189.    Archiv  f.  path.  Anat.  1854.  VIl.  137. 
Taf.  II.  Fig.  4. 


her  ala  feine  interfibrillärc  Linien  oder  Strk-he  wahr  (Fig.  26,  ('). 
Wie  mir  scheint,  erstrecken  sich  diese  Fortsätze  ananterbrochen 


in  das  von  Cohnheim  entdeckt«  intermuscnläre  Gittarwerk,  wel- 
clies  die  Fleischäobütanz  darctiBetzt.  Al)er  die  Ansicht«D  Ober 
die  Natnr  der  nm  die  Kerne  gelegenen  ZeicbDongen  gehen  noch 
weit  auseinander.  Während  Leydig,  wie  erwäimt,  sie  als  eine 
Art  von  Bindegewebskörperchen  nnd  die  apecifische  Inbalts- 
raasse  des  Primitivbündels  als  ein  Analogen  der  Bindegewebs- 
Interrellalarsubstanz  betrachtet,  nimmt  Rollett  sie  mit  den  dazn 
gebOrigen  Fortsätzen  als  ein  Intramnscalfires  LacaneD8jBt«m.  Max 
Schnitze  endlich  denkt  sich  diese  von  ihm  als  MnskelkOrper- 
chen  bezeichneten  Gebilde  als  membranlose  Körper,  nur  ans 
Kern  and  Protoplasma  bestehend,  so  jedoch,  dase  das  Proto- 
plasma derselben  mit  dem  in  der  übrigen  Fleischsabstanz  vor- 
handenen and  hier  dnrcb  die  Einlagentog  anderer  Beetandtheile 
zum  Theil  verdeckti^n  Protoplasma  oontinnirlich  zusammenhänge. 
Zunächst  fragt  es  sieb  hier  also,  ob  die  Gebilde  von  Uem- 
branen  begrenzt  sind,  wie  vollständige  Zellen,  oder  Dicht;  sodann, 
ob  sie  nur  Lacunen  und   feinste  Kanäle   darsteilen,    oder  Körper 


Fig.  3ij.    Uuskelelemente  »ua  dem  HerifleiBche  einer  Puerpera.    A.  'E'tf^a- 

Ihümlk-Iie,  den  FoserzclIeD  der  Uilzpulpe  ganz  ähnliche  Spiiidelzellen,  vielleicht 
ilcm  Sarrolcmma  angehi'in'g,  bei  ilem  Zerrupfen  d^a  Präpantcs  frei  geworden. 
a.  hntbiDundrömiif!  gekrümmte,  an  einem  Ende  etsas  platte  Zelle,  von  der  Fläche 
iresehcn.  b.  eine  ähnliche,  von  der  Seile  ee^ehe□,  der  Kem  platt,  c.  d.  Zellen, 
(leren  Kerne  in  einer  hemiüsen  Aushucbtuug  der  Membran  liegen;  '.  eine  äbn- 
lloho  Zelle,  von  der  Flüi-be  gesehen,  der  Kem  wie  aufgelagert  S.  Ein  Frimiiii- 
bündel  ohne  Hülle  (■'^arriilemma)  mit  deutlirben  Lfingätibrillen  und  grossen  rand- 
lichen Kcrnfii,  ton  denen  einer  zwei  Kenikürperchen  enthält  (beginnende  Th«i- 
lung .  ('.  Ein  Primitivbüiidel.  lerzupfL  und  leicht  durch  Essigsäure  gelichtet; 
■tisser  einem  getheilten  Kcni«  siebt  man  »wischen  den  Längsfibrillen  feine  pfrie- 
menfürmige  Striche,  die  Andeutung  TOn  Ätulaufern  der  intramuskuliren  Körper 
(Lücken,  Zeiieu,.   -   Vergrfis».  30Ü. 


Quergestreifte  Muskeb.  55 

mit  Fortsätzen.  Beides  ist  sehr  schwer  zn  entscheiden,  nnd  es 
ist  mir  nicht  gelangen ,  constante  Resnltate  zn  erlangen.  An 
Froschmnskeln,  wie  es  Sczelkow  ganz  richtig  dargelegt  hat*), 
findet  sich  eine  so  dentlich  dnrch  scharfe,  dnnkle  Contonren  be- 
grenzte Zeichnung,  dass  man  an  der  Existenz  von  Membranen 
kaum  zweifeln  möchte;  am  Herzmuskel  des  Menschen  habe  ich 
bänfig,  jedoch  nicht  in  der  Mehrzahl  der  Fälle,  dasselbe  gesehen. 
Unter  pathologischen  Verhältnissen,  wie  von  A.  Böttcher,  nament- 
lich aber  von  C.  0.  Weber  gezeigt  ist,  nnd  wie  ich  bestätigen 
kann,  findet  man  nm  die  Kerne  blasige,  durchaus  zellenähnliche 
Gebilde,  oder  doch  sehr  deutliche,  differente  Absätze,  z.  6.  Pigment- 
kömchen  (in  der  braunen  Atrophie).  In  der  grossen  Mehrzahl 
der  Muskeln  kann  ich  von  Membranen  nichts  erkennen  und  noch 
weniger  Körper  oder  Fortsätze  isoliren.  Es  ist  daher  wohl  mög- 
lich, dass  die  Beschaffenheit  dieser  Gebilde  eine  wechselnde  ist; 
jedenfalls  können  wir  von  der  Entscheidung  dieser  Frage  unser 
Urtheil  nicht  abhängig  machen,  da  wir  aus  der  Entwickelungs- 
geschichte  ganz  bestimmt  wissen,  dass  die  fraglichen  Gebilde  im 
Innern  von  Zellen  entstehen. 

Wir  müssen  daher  das  Primitivbündel  (die  Muskelfaser)  als 
eine  ursprüDglich  einfache,  jedoch  späterhin  zusammengesetzte 
Zelle  betrachten,  welche  im  entwickelten  Zustande  sowohl  kern- 
haltige Muskelkörperchen,  als  eine  specifische  Inhaltsmasse  um- 
schliesst.  Letztere  ist  es,  an  der  unzweifelhaft  die  Eigenschaft 
der  Contractilität  haftet,  und  die  je  nach  dem  Zustande  der  Gon- 
traction  selbst  in  ihren  Erscheinungen  variirt,  indem  sie  bei  der 
Contraction  kürzer  und  breiter  wird,  während  die  Zwischenräume 
zwischen  den  einzelnen  Querbändern  oder  Streifen  sich  etwas  ver- 
schmälem.  Es  erfolgt  also  bei  der  Contraction  eine  Dmordnung 
der  kleinsten  Bestandtheile,  und  zwar,  wie  aus  den  Untersuchungen 
von  Brücke  hervorgeht,  nicht  bloss  der  physikalischen  Molecüle, 
sondern  auch  der  sichtbaren  anatomischen  Bestandtheile  Brücke 
hat  nehmlich,  indem  er  den  Muskel  im  polarisirten  Lichte  unter- 
suchte, verschiedene  optische  Eigenschaften  der  einzelnen  Substanz- 
lagen gefunden,  derer,  welche  die  Querstreifen  und  derer,  welche 
die  Zwischenmasse  darstellen.  Jene  bestehen  aus  Theilchen,  welche 
das  Licht  doppelt  brechen  (Disdiaklasten;,  diese  nicht. 

•)  ArchW  f.  path.  Anat.  1860.  XIX.  215.  Taf.  V. 


5li  Zwrileü  Cspitel. 

Bei  gewissen  Methoden  der  fräparation  kann  mua  den  In- 
halt eines  jeden  Mnskel-PrimitivbCiDdels  in  Platten  oder  Scheiben 
(Bowman's  discs)  zerlegen,  welche  ihrerseits  wieder  ans  lauter 
kleinen  Efirnchen  (Bowman's  sarcoas  elements)  znsanimenge- 
setzt  sind.  In  Wirklichkeit  besteht  jedoch  der  Inhalt  des  Primi- 
tivbündels ans  einer  grossen  Menge  feiner  Längsfibrillen,  von  denen 
jede,  entsprechend  der  Lage  der  Qnerstreifen  oder  scheinbaren 
Scheiben  des  Primitivbündels,  kleine  Körner  enthält,  welche  dorcb 
eine  blasse  Zwiscbenmasse  zasammengehalten  werden.  Indem  non 
viele  Primitivfibrillen  zusammenliegen,  so  entsteht  durch  die  sym- 
metrische Lage  der  kleinen  EOmehen  eben  der  Anschein  von 
Scheiben,  die  eigentlich  nicht  vorhanden  sind.  Je  nach  der  Th&- 
tigkeit  des  Maskeis  nehmen  diese  Theile  eine  veränderte  St«l- 
loDg  zQ  einander  an:  bei  der  Contraction  nähern  sich  die  Körner 
einander,  während  die  ZwiscbensubstaDz  kürzer  nnd  zugleich 
breiter  wird. 

VerhätnissmSssig  sehr  viel  einfocher  erscheint  dieZosammeD' 
Setzung  der  glatten,  organischen  oder,  obgleich  weniger  be- 
zeichnend, unwillkürlichen  Muskelfasern.  Wenn  man  irgend 
einen  Tbeil  derjenigen  Oi^ane,  worin  glatte  Hnskelfiisern  ent- 
halten sind,  untersucht,  so  findet  man  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 


Fii;.  'JT.  Glatt«  llusk«lli  am  der  Wand  der  HambluH.  A.  Zu lanunea hän- 
gendes Bündel,  au8  dem  bei  a,  a  einzelne,  isolirte  Fasera«llen  herTortrelon,  wib- 
rend  bei  b  die  einfacben  Darchicbnilte  derselben  erscheinen.  B.  Bin  solches 
Bündel  nach  Behandlung  mit  Essigsiure,  wo  die  langen  und  scbmalen  Kerne 
deutlich  «erden;  a  und  b  wie  oben.  —  S'ergr.  300. 


Glatte  Muskelfasern.  57 

zunächst  in  ähnlicher  Weise,  wie  bei  den  qaergestreiften  Muskeln, 
Ideine  Bündel,  z.  6.  in  der  Muskelhaut  der  Harnblase.  Innerhalb 
dieser  Fascikel  unterscheidet  man  bei  weiterer  Untersuchung  eine 
Reihe  von  einzelnen  Elementen,  von  denen  eine  gewisse  Zahl,  6, 
10,  20  und  mehr  durch  eine  gemeinschaftliche  Bindemasse  zu- 
sammengehalten wird.  Nach  der  Vorstellung,  welche  bis  in  die 
letzten  Tage  allgemein  gültig  war,  würde  jedes  einzelne  dieser 
Elemente  ein  Analogen  des  Primitivbündels  der  quergestreiften 
Muskeln  darstellen.  Denn  sobald  es  gelingt,  diese  Fascikel  in  ihre 
feineren  Bestandtheile  zu  zerlegen,  so  bekommt  man  als  letzte 
Elemente  lange  spindelförmige  Zellen,  die  in  der  Regel  in  der 
Mitte  einen  Kern  besitzen  (Fig.  6,  6).  Nach  derjenigen  Anschauung 
dagegen,  welche  in  den  letzten  Tagen  von  verschiedenen  Seiten 
aofilngt  bewegt  zu  werden,  namentlich  angeregt  durch  Leydig's 
Untersuchungen,  würde  man  vielmehr  ein  Fascikel,  worin  eine 
ganze  Reihe  von  Faserzellen  enthalten  ist^  als  Analogen  eines 
quergestreiften  Primitivbündels  betrachten  müssen.  Berücksichtige 
ich  jedoch  die  Entwickelungsgeschichte,  so  erscheint  es  mir  zweck- 
mässig und  den  bekannten  Thatsachen  am  meisten  entsprechend, 
die  einzelne  Faserzelle  als  Aequivalent  des  Primitivbündels  fest- 
zuhalten. 

An  einer  solchen  spindelförmigen  oder  Faser-Zelle  ist  es  schwer, 
ausser  dem  Kern  und  dem  Zellkörper  etwas  Besonderes  zu  unterschei- 
den. Bei  recht  grossen  Zellen  und  bei  starker  Yergrösserung  unter- 
scheidet man  allerdings  häufig  eine  feine  Längsstreifung  (Fig.  5,  b\ 
$0  dass  es  aussieht,  als  ob  auch  hier  im  Innern  eine  Art  von  Fi- 
brillen der  Länge  nach  geordnet  wäre,  während  von  einer  Quer- 
streifang  nur  bei  der  Contraction  (Meissner)  etwas  wahrzu- 
nehmen ist.  Trotzdem  haben  die  blassen,  glatten  Muskeln  che- 
misch eine  ziemlich  grosse  Uebereinstimmung  mit  den  quer- 
gestreiften, indem  man  eine  ähnliche  Substanz  (das  sogenannte 
Syntonin  Lehmann's)  aus  beiden  ausziehen  kann  durch  ver- 
dünnte Salzsäure,  und  indem  gerade  einer  der  am  meisten  chara- 
cteristischen  Bestandtheile,  das  Ereatin,  welches  in  dem  Muskel- 
fleisch der  rothen  Theile  gefanden  wird,  nach  der  Untersuchung 
von  6.  Siegmund  auch  in  den  glatten  Muskeln  des  Uterus  vor- 
kommt. Brücke  hat  neuerlich  auch  in  glatten  Muskeln  eine 
doppeltbrechende  Substanz  nachgewiesen. 

Ausserordentlich  häufig  findet  man  bei  der  Untersuchung  von 


58  Zweites  Gapitel. 

rotben  Muskeln  pathologisch  interessante  Steilen,  insbesondere 
Bündel,  welche  das  Bild  des  Muskels  in  der  sogenannten  pro- 
gressiven (fettigen)  Atrophie  darbieten.  Ein  solches  dege- 
nerirtes  Bündel  ist  meist  kleiner  und  schmäler,  und  zugleich  zeigen 
sich  zwischen  den  Längsfibrillen  kleine  Fettkörnchen  aufgereiht 
(Fig.  25,  d).  Was  an  den  Muskeln  die  Atrophie  überhaupt  macht, 
ist  die  Verkleinerung  des  Durchmessers  der  Primitivbündel ,  also 
die  Abnahme  der  Fleischsubstanz ;  bei  der  fettigen  Atrophie  kommt 
dazu  noch  die  gröbere  Veränderung,  dass  im  Innern  des  Primitiv- 
bündels kleine  Reihen  von  Fettkörnchen  auftreten,  unter  deren 
Vermehrung  die  eigentliche  contractile  Substanz  an  Masse  abninunt. 
Je  mehr  Fett,  desto  weniger  contractile  Substanz,  oder  mit  an- 
deren Worten:  der  Muskel  wird  weniger  leistungsfähig,  je  geringer 
der  normale  Inhalt  seiner  Primitivbündel  wird.  Auch  die  patho- 
logische Erfahrung  bezeichnet  daher  als  die  Trägerin  der  Con- 
tractilität  eine  bestimmte  Substanz. 

Sehen  wir  hier  zunächst  ab  von  der  Contractilität  kleiner 
Zellen,  welche  für  die  Beurtheilung  der  sogenannten  motorischen 
Vorgänge  ohne  Bedeutung  sind,  und  halten  wir  uns  an  jene  Er- 
scheinungen, welche  Ortsveränderungen  zusammengesetzter  Theile 
bedingen,  so  finden  wir  als  Grund  derselben  überall  muskulöse 
Elemente.  Während  man  früher  neben  der  Muskelsubstanz  noch 
manche  andere  Dinge,  z.  B.  das  Bindegewebe  (als  Ganzes,  nicht 
bloss  in  seinen  Zellen)  als  contractu  annahm,  so  hat  sich,  na- 
mentlich seit  den  wichtigen  Entdeckungen  von  Eölliker,  die 
Lehre  von  den  Bewegungen  im  menschlichen  Körper  eigentlich 
auf  jene  Substanz  zurückgezogen,  und  es  ist  gelungen,  fast  alle 
die  so  mannichfaltigen  und  zum  Theil  so  sonderbaren  motorischen 
Phänomene  auf  die  Existenz  von  grösseren  oder  kleineren  Theilen 
wirklich  muskulöser  Natur  zurückzufahren.  So  liegen  in  der  Haut 
des  Menschen  kleine  Muskeln,  ungefähr  so  gross,  wie  die  kleinsten 
Fascikel  von  der  Hamblasenwand ,  aus  ganz  kleinen  Faserzellen 
bestehende  Bündel,  welche  vom  Grunde  der  Haarfollikel  gegen  die 
Haut  verlaufen,  und  welche,  wenn  sie  sich  zusammenziehen,  die 
Oberfläche  der  Haut  gegen  die  Wurzel  des  Haarbalges  nähenL 
Das  Resultat  davon  ist  natürlich,  dass  die  Haut  uneben  wird  und 
man,  wie  man  sagt,  eine  Gänsehaut  bekommt.  Dies  sonderbare 
Phänomen,  welches  nach  den  früheren  Anschauungen  unerklärlich 


war,  worde  sofort  and  einfach  erklärt  dnreh  den  Nachweis  jener 
rein  mikroskopischen  Mnskeln,  der  Ärrectores  pilornm. 

So  wissen  wir  gegeowärtig,  dass  die  mittlere  Haut  grosserer 
Gflläsee  grosseotheils  ans  Elementen  dieser  Art  besteht,  and  dass 
die  ContractJoiisph&uomeae  der  Gefässe  einzig  und  allein  anf  die 


Wirkoi^;  von  Mnskeln  zarückbezogeo  werden  müssen,  welche  in 
ihnen  in  Form  von  Ring-  oder  Längsmaskeln  enthalten  sind.  Eine 
kleine  Vene  oder  eine  kleine  Arterie  kann  sich  nnr  soweit  znsam- 
menziehen,  als  sie  mit  Haskeln  versehen  ist;  sie  nnterscheiden 
üch  haaptsächlich  durch  den  Umstand,  dass  entweder  mehr  die 
L&ngs-  oder  mehr  die  Qnermnskalator  entwickelt  ist. 

Diese  Beispiele  sind  besonders  geeignet  za  zeigen,  wie  eine 
einfache  anatomische  Entdeckang  die  wichtigsten  AofschlQsse  über 
zom  Theil  ganz  weit  anseinanderliegende  physiologische  Erfahmn- 

Fig.  S8.  Kleine  Arterie  aus  der  Basis  des  Orossbirns  DBcb  Behandlung  mit 
Estiftsäure.  A  kleiner  Slamm,  B  und  C  Krübere  Aesle,  D  und  D  feinste  Aeste 
(»piilare  AHerien)  a,  .a  Adientilia  mit  Ki.-inen,  «elclie,  der  LSDRenau^debnunK 
entsprechend,  anfangs  in  doppeller,  später  in  einfacber  Laf;e  sich  finden,  mit 
ttreifigeT  Onind Substanz,  bei  Zi  und  E  einfache  Lage  mil  Längskernen,  hier  und 
da  durch  Fett kötncben häufen  ersetzt  (fettige  Degeneration),  b,  h  Hedia  (Ring- 
fater-  oder  Muskelbaut)  mit  langen,  walzenfürmigen  Kernea,  nelche  quer  um  dal 
GeRM  Terlaufeu  und  am  Bande  (auf  dem  scheinbaren  Querschnitt)  als  runde 
Körper  encbe'nen;  bei  D  und  F.  immer  seltener  werdende  Querkeme  der  Uedia. 
c,  c  Inlima,  b«i  Z>  nnd  E  mit  L&ngskernen.     Vergr.  300. 


60  .  Zweites  Capitel. 

^en  gibt,  und  wie  an  den  Nachweis  bestimmter  morphologischer 
Elemente  sofort  die  wichtigsten  Verdeutlichungen  von  Funktionen 
geknüpft  werden  können,  die  ohne  eine  solche  thatsächliche  Vor- 
aussetzung ganz  unbegreiflich  sein  wurden  oder  eine  ganz  will- 
kürliche Erklärung  finden  müssten. 

Ich  übergehe  es  hier,  über  die  feineren  Einrichtungen  des 
Nervenapparates  zu  sprechen,  weil  ich  später  im  Zusammenhange 
darauf  zurückkommen  werde;  sonst  würde  dies  der  Gegenstand 
sein,  welcher  hier  zunächst  anzuschliessen  wäre,  weil  zwischen 
Muskel-  und  Nervenfasern  in  der  Einrichtung  vielfache  Aehnlich- 
keiten  bestehen.  Zu  den  Nerven  gehören  aber  nothwendig  die 
Ganglienzellen,  welche  die  einzelnen  Fasern  untereinander  verbin- 
den, und  welche  als  die  wichtigsten  Sanmielpunkte  des  ganzen 
Nervenlebens  betrachtet  werden  müssen,  und  ich  verspare  mir 
daher  die  Betrachtung  dieser  Gebilde  für  spätere  Capitel. 

Auch  über  die  Einrichtung  des  Gefässapparates  will  ich  hier 
nicht  im  Zusammenhange  handeln,  und  nur  so  viel  sagen,  als 
nothig  ist,  um  eine  vorläufige  Anschauung  zu  geben. 

Das  Capillar-Gefäss  ist  eine  einfache  Röhre  (Fig.  4,  r.),  welche 
bei  der  mikroskopischen  Betrachtung  aus  einer  einfachen  Haut  zu 
bestehen  scheint,  an  welcher  nichts  wahrzunehmen  ist,  als  von 
Strecke  zu  Strecke  platte  Kernen,  welche,  wenn  das  Gefäss  von  der 
Fläche  angesehen  wird,  dasselbe  Bild  darbieten,  wie  an  den  Muskel- 
elementen, welche  aber  gewöhnlich  mehr  am  Rande  bemerkbar  w^erden 
und  hier  pfriemenformig  oder  oval  erscheinen,  indem  man  nur  ihre 
scharfe  Kante  oder  einen  kleineren  Theil  ihrer  Fläche  wahrnimmt.  In 
der  Nähe  ihres  Ursprunges  aus  den  Arterien  schliesst  sich  äusser- 
lich  noch  eine  feine,  aus  Bindegewebe  bestehende  Adventitia  an.  Bis 
vor  Kurzem  war  man  allgemein  der  Meinung,  dass  die  CapiUar- 
Membran  ganz  continuirlich  sei  und  nur  aus  pathologischen  Er- 
scheinungen schloss  ich  (S.  19.  Fig.  10,  c),  dass  sie  in  einzelne 
Zellenterritorien  zu  zerlegen  sei.  Mein  damaliges  Schema  ist  durch 
Untersuchungen  von  Auerbach,  Eberth  und  Hoyer  im  Jahre 
1 865  als  der  Ausdruck  einer  thatsächlichen  Zusammensetzung  aus 
platten  Zellen  bestätigt  worden,  deren  Grenzen  sich  durch  Anwen- 
dung von  Reagentien,  namentlich  von  Silbemitrat  deutlich  nach- 
weisen lassen.  Ob  man  diese  Zellen  als  blosse  Epithelien  und 
die  Capillaren  dem  entsprechend  als  blosse  Intercellulargänge  zu 
betrachten  habe,  ist  mir  jedoch  zweifelhaft,  da  die  Entwickelungs- 


Gelasse.  61 

geschichte  der  Gapillaren  mit  der  soDst  bekannten  Entstehung  der 
epithelialen  Gebilde  nicht  ganz  übereinstimmt. 

Diese  einfachsten  Gefässe  sind  es,  welche  wir  heut  zn  Tage 
einzig  nnd  allein  Gapillaren  nennen.  Von  ihnen  können  wir  nicht 
sagen  y  dass  sie  sich  durch  eigene  Thätigkeit  erweitem  oder  ver- 
engern, höchstens  dass  ihre  Elasticität  eine  Yerengxmg  möglich 
macht.  Mit  Ausnahme  von  Stricker  hat  niemand  in  neuerer  Zeit 
an  ihnen  eigentliche  Vorgänge  der  Gontraction  oder  des  Nachlasses 
derselben  bemerkt.  Die  früheren  Discussionen  über  die  Gontracti- 
lität  der  Gapillaren  sind  wesentlich  auf  kleine  Arterien  und  Venen 
zu  beziehen,  deren  Lumen  sich  durch  Gontraction  ihrer  Muskel- 
wand verengt  oder  sich  bei  Nachlass  der  Gontraction  unter  dem 
Blutdrucke  erweitert.  Es  war  dies  eine  überaus  wichtige  That- 
sache,  welche  sofort  aus  der  genaueren  histologischen  Eenntniss 
der  feineren  und  grösseren  Gefässe  hervorging;  sie  lehrte,  dass 
man  überhaupt  nicht  von  allgemeinen  Eigenschaften,  am  wenigsten 
von  einer  überall  in  gleicher  Weise  vorhandenen  Thätigkeit  der 
Gefässe  sprechen  kann,  insofern  der  capillare  Theil  wesentlich 
anders  gebaut  ist,  als  die  kleinen  Arterien  und  Venen.  Diese 
sind  höchst  zusammengesetzte  Organe,  während  das  Gapillargefäss 
eine  einfache  Röhre  von  fest  elementarem  Bau  darstellt. 


Drittes  CapiteL 

Physiologische  Eintheilong  der  Gewebe. 


UBs«a«f«a4«  Ambilduif  d«r  MMtMilMlMa  KeaataiM  der  G«««be.    VeneUedcuwUg«  fiobimttr 
■cb^iaaBfea   aa  schtiabar  glcicliartig«a  Blcmcaicn.    PraktisehM  BadärfaiM  eiacr  phTsiolofi- 
aekea  Grappiraag : 

I)  Hacli  der  Faaeüoa.  MotoruclM  Blemrate:  matkaloM,  epUbeUal«  (PliaiaMnellM ,  Saaeafi- 
d«a),  biBd«s««ebiga  (Pigm«at).  ScUaiMabtoadeniiHt:  Schleimhiate,  8chleimdraMa,  Scklefm- 
gtvtba. 

S)  Nach  der  Lcbaasdaaar  dar  Elaaaata.  Daa«r-  aad  Z«itg«wtbe.  Pathologitcba  Aasdaraaf  dar 
aatürliehaa  Yerhiltaiss«  (H^terochroaie).  Lehr«  von  der  AllTeriaderttehkcit  daa  Korpera 
darek  Scoffweeliecl  (Maateraag).  ODtersckeidaag  tob  Daaer-  aad  VarbraaekMtoffea  te  dea 
Bleaieataa.  Wechtelfewebe  (McUplasie).  Abfilli;;«  Gevebe:  Epidermia  (DaeqoaaMllMi), 
Deeidoa  utariaa.  Blafaeb«  Zeiticevebc.  Oertliche  Verechiedaahelt  dar  Labaaadauer  daaaalbaa 
Gewebaa.     Notbveadickett  aiaer  LoealgetcUehte  der  Gvwcb«. 

S)  Nach  der  Zelt  dar  BaUUbaag  aad  des  Abeterbeas  der  Oavab«  (geaetiack«  Blattailoaf)* 
Jagendlieke  aad  teaeKireade  Gewebe.  AUgcmeia«  aad  locale  Chroaolegi«  dar  Gewab«.  Ba- 
bryeaal«  Geweh«;  aafertige  «der  aarcif«:  Matri«alar>  «sd  üeberfaaf «gevebe.  CWrda  dar^ 
•aali«.  Scbleioigeveb«.  Bildaagegewebe  aad  Vorgewebe  (Anlagea.  Keimgevebe).  BUdaaga- 
oder  PriaM>rdialBeUea.    AJIgeaieiae  GultiKkeil  der  Batwickelaagegeaeta«. 

4)  Haeh  der  YerwaadtMhaft  «ad  Abttaaaiaag.  Coatlaaitito  >  Geeeta.  Hetarolaga  VerUadaagaa 
e«a  Gewabeelea««tea.  Die  hietelogi«<he  Snbetitatioa  aad  die  hiatologiaeb«a  AcqaWalaate. 
Abstaamaag  der  Bleaieal«  (Deecaadeas). 


Die  anatomische  Eintheilimg  der  Gewebe  ist  eine  wichtige  nnd  un- 
erlfissliche  Vorbedingung  for  die  physiologische  Betrachtung  der- 
selben, nnd  es  ergeben  sich,  wie  wir  gesehen  haben,  ans  der 
Kenntniss  des  Bans  der  Tbeile  ohne  Weiteres  sehr  wichtige  Auf- 
schlüsse über  ihre  Thätigkeit  Allein  damit  alleui  ist  es  nicht  ge- 
than.  Vielmehr  ist  eine  selbständige  physiologische  Untersuchung 
nothwendig,  um  die  besondere  Bedeutung  der  einzelnen  Gewebe 
zu  ermitteln  und  für  jeden  Ort  im  Körper  festzustellen,  welche 
Thätigkeiten  von  seinen  Elementen  ausgehen. 

Ganglienzellen  finden  sich  an  den  verschiedensten  Orten  des 
Körpers.   Niemand  zweifelt  daran^  dass  sie  im  Gehirn  eine  andere 


Verschiedene  Leistang  ähnlicher  Elemente.  63 

Bedentong  haben,  als  am  Sympathicus,  an  der  Hirnrinde  eine  an- 
dere als  im  Streifenhfigel.  Hanehe  Verschiedenheiten  der  Grösse 
und  Gestalt,  der  Verbindung  und  inneren  Einrichtung  derselben 
lassen  sich  an  diesen  verschiedenen  Orten  wahrnehmen.  Nichts- 
destoweniger genügen  diese  anatomischen  Verschiedenheiten  nicht, 
um  die  physiologisch  so  verschiedene  Energie  der  einzelnen  Grup- 
pen zu  erklären. 

Epitheliale  Zellen  konmien  unter  den  mannichfaltigsten  Ver- 
hältnissen vor.  Höchst  auffallende  Verschiedenheiten  ihres  Baues 
finden  sich  an  den  einzelnen  Orten.  Wir  begreifen,  dass  eine 
Flinunerzelle  andere  Wirkungen  hervorbringt,  als  ein  Epidermis- 
plättchen.  Aber  wir  sind  nicht  im  Stande  zu  erkennen,  warum 
die  Epithelien  der  Milchdrüse  so  wesentlich  andere  Leistungen 
hervorbringen,  als  die  Epithelien  der  Speicheldrüsen,  oder  warum 
die  Flimmerzellen  der  Himventrikel  nicht  dieselbe  physiologische 
Stellung  einnehmen,  wie  die  Flimmerzellen  des  Uterus. 

Wenn  vrir  aus  der  physiologischen  Forschung  Verschiedenheiten 
scheinbar  gleichartiger  Elemente  erkennen,  so  gelangen  wir  damit 
allerdings  sofort  zu  neuen  Fragestellungen  und  Vermuthungen  in 
Beziehung  auf  die  weitere  anatomische  Untersuchung,  und  es  ist 
keineswegs  unwahrscheinlich,  dass  man  auf  dem  Wege  einer  der- 
artigen Untersuchung  alknählich  zu  einer  ungleich  grösseren  Er- 
kenntniss  der  localen Verschiedenheiten  in  dem  Bau  und 
der  Einrichtung  histologisch  gleichwerthlger  Elemente 
kommen  wird,  als  wir  sie  gegenwärtig  besitzen.  Nur  darf  man 
bei  einer  solchen  Ho&ung  nicht  übersehen,  dass  diese  Histologie 
der  Zukunft  noch  nicht  existirt  und  dass  man  sich  daher  vorläufig 
mindestens  noch  damit  begnügen  muss,  neben  einer  anatomischen 
Ordnung  der  Gewebe  auch  noch  eine  physiologische  oder  genauer 
gesagt,  mehrere  physiologische  zuzulassen. 

In  der  That  gibt  es  mehr  als  ein  Principium  dividendi  für 
die  physiologische  Gruppirung  der  Gewebe.  Je  nach  der  Richtung, 
in  welcher  die  Fragestellung  geschieht,  fällt  auch  die  Antwort 
verschieden  aus.  Der  specifische  Physiolog  ¥rird  zuerst  immer 
nach  der  Function  fragen.  Welche  Thätigkeit  übt  ein  Gewebe 
aus?  Diese  Sichtung  der  Untersuchung  führt  zu  einer  Eintheilung 
der  Gewebe  nach  ihrer  Function.  Eine  kurze  Umschau  ergibt  so- 
fort, dass  Gewebe,  welche  ganz  verschiedenen  anatomischen  Grup- 
pen angehören,  bei  dieser  Art  der  Betrachtung  einander  genähert 


64  Drittes  Capitel. 

werden.  Frage  ich  nach  den  Geweben,  deren  Function  Bewegung 
ist,  so  werde  ich  zunächst  an  die  Muskeln  gewiesen.  Aber  un- 
zweifelhaft ist  auch  die  Flimmerbewegung  Bewegung,  unzweifelhaft 
haben  die  Samenfäden  Bewegung.  Und  doch  knüpft  sich  hier  die 
Bewegung  an  epitheliale  Erzeugnisse,  welche  von  den  eigentlichen 
Muskeln  anatomisch  weit  entfernt  sind.  Sollen  wir  desswegen  die 
Samenfäden  zu  den  muskulösen  Elementen  oder  die  letzteren  zu 
den  epithelialen  rechnen?  Gewiss  liegt  hier  ebenso  wenig  ein 
Grund  zu  einer  solchen  Vereinigung  vor,  als  wenn  wir  Schwärm- 
sporen und  Infusorien  vereinigen  wollten.  Allerdings  hat  es  eine 
Zeit  gegeben,  wo  man  sämmtliche  Schwärmsporen  zu  den  Infu- 
sorien rechnete,  wo  sogar  die  Mehrzahl  der  beweglichen  Algen 
eben  dahin  gezählt  wurde,  aber  mit  Recht  betrachtet  man  diesen 
Standpunkt  als  einen  überwundenen. 

Die  Bewegung  „sitzt"  jedoch  nicht  bloss  in  muskulösen  und 
epithelialen  Elementen;  sie  findet  sich  auch  an  bindegewebigen. 
Nehmen  wir  ein  zugleich  pathologisch  interessantes  Beispiel.  Ax- 
mann  hatte  bei  Fröschen  gesehen,  dass  nach  Durchschneidung 
der  gangliospinalen  Nerven  die  in  der  Haut  zahlreich  verbreiteten 
Pigmentzellen  ihre  Strahlen  verlieren.  Er  nannte  dies  eine  Atro- 
phie und  schloss  daraus  auf  einen  nutritiven  Einfluss  der  ganglio- 
spinalen Nerven.  Die  in  Frage  stehenden  Pigmentzellen  sind 
grosse,  sternförmige  Bindegewebskörperchen.  Bei  der  Wichtigkeit 
dieser  Angabe  beschloss  ich  eine  experimentelle  Prüfong  derselben 
und  veranlasste  Herrn  Lothar  Meyer  zu  einer  solchen.  Alsbald 
ergab  sich,  dass  es  sich  um  keine  Atrophie,  sondern  um  eine 
Gontraction  handelte*).  Die  Zellen  ziehen  ihre  Fortsätze  ein,  ihr 
Körper  vergrössert  sich  in  demselben  Maasse,  und  das  früher  über 
eine  grössere  Fläche  vertbeilte  Pigment  häuft  sich  an  einzelnen 
Stellen  an.  Das  grobe  Ergebniss  dieser  unzweifelhaften  Bewe- 
gung ist  eine  Farbenveränderung  der  Froschhaut. 

Wir  finden  also,  dass  in  allen  drei  Gruppen  der  Gewebe  mo- 
torische Thätigkeit  nachweisbar  ist,  und  jeder  Denkende  vnrd  da- 
her auch  veranlasst  werden,  seine  etwaigen  Betrachtungen  über 
motorische  Elemente  oder  noch  allgemeiner  über  motorische 
Gewebe  auf  alle  drei  Gruppen  auszudehnen.  Von  diesem  Gesichts- 
punkte aus  ergibt  sich  eine  Eintheilung  aller  Gewebe  in  zwei  Ab- 

♦)  Mein  Archiv  1854.    Bd.  VI.  S.  266. 


Der  Schleim.  ß5 

theilnngen :  motorische  und  nicht  motorische.  Dagegen  lässt  sich 
nicht  das  Mindeste  sagen.  Aber  man  darf  anch  nicht  übersehen, 
dass  diese  Eintheilnng  eine  wesentlich  praktische  ist.  Sie  mag 
dorchans  wissenschaftlich  durchgeführt  werden,  aber  sie  greift  eine 
einzige  Seite  der  Betrachtung  anf,  sie  wählt  ein  einziges  Merkmal, 
eine  einzige  Eigenschaft  aus  der  ganzen  Summe  der  Merkmale 
und  Eigenschaften  dieser  Gewebe  oder  Elemente.  Sie  kann  daher 
keinesweges  als  eine  eigentlich  wissenschaftliche  Eintheilung  gel- 
ten, wenngleich  sie  für  die  wissenschaftliche  Betrachtung  und  Un- 
tersuchung von  dem  grössten  Nutzen  ist. 

unter  den  Absonderungen  hat  seit  den  ältesten  Zeiten  eine 
das  Interesse  der  Aerzte  ganz  besonders  auf  sich  gezogen,  die 
des  Schleims.  Schon  in  der  kölschen  Priesterschule  wird  das 
Phlegma  als  einer  der  vier  Cardinalsäfte  des  Körpers  aufgeführt, 
und  noch  heute  hat  sich  eine  freilich  sehr  verwischte  Erinnerung 
daran  in  der  Bezeichnung  des  phlegmatischen  Temperamentes  er- 
halten. In  der  That  war  die  glasige,  gallertartige,  gequollene  Be- 
schaifenheit  des  Schleims  wohl  geeignet,  die  Aufmerksamkeit  auf 
sich  zu  ziehen,  und  die  Häufigkeit  seines  Hervortretens  unter 
krankhaften  Verhältnissen,  die  nicht  selten  bedenkliche  Heftigkeit 
der  dadurch  bedingten  Zufälle  berechtigte  dazu,  den  phlegmatischen 
Krankheiten  eine  hervorragende  Stelle  in  dem  Systeme  anzuwei- 
sen. Mehr  und  mehr  knüpfte  sich  jedoch  die  Forschung  über  die 
Scbleimabsonderung  an  die  Schleimhäute,  und  als  Bichat 
sein  System  der  allgemeinen  Anatomie  aufstellte,  hatte  er  nur 
eine  allseitig  anerkannte  Ueberzeugung  zu  fixiren,  indem  er  aus 
den  Schleimhäuten  eine  besondere  Gewebsgruppe  machte.  Es  hat 
ziemlich  lange  gedauert,  ehe  man  erkannte,  dass  glasige  Scbleim- 
absonderungen  nicht  an  allen  Schleimhäuten  vorkommen.  Man 
weiss  jetzt,  dass  wohl  die  Schleimhaut  des  Collum  uteri  ein  sol- 
ches Secret  liefert,  aber  dass  dies  keineswegs  an  der  „Schleim- 
haut^^ der  Vagina  oder  an  der  des  Corpus  uteri  der  Fall  ist.  Das 
Ileum  und  die  Speiseröhre  sondern  keine  zähen  Schleimmassen  ab, 
wie  sie  so  reichlich  an  der  Schleimhaut  der  Luftröhre  zu  Tage  treten. 

Man  ist  so  von  den  Schleimhäuten  zu  den  Schleimdrüsen 
gekommen,  und  Mancher  hilft  sich  damit,  dass  er  alle  Schleimab- 
sonderung auf  diese  zurückführt.  Aber  sonderbarerweise  sind  ge- 
rade manche  Schleimhäute,  an  deren  Oberfläche  wir  die  zähesten 
und  klebrigsten  Scbleimbeschläge  finden,  wie  die  der  Harnblase 

Virrho«,  CVIIuUr  PithoJ.     4.  Aufl.  5 


66  Drittes  Capitel. 

und  des  Collum  uteri,  ungemein  ann  an  Drusen,  und  diese  an  sich 
ziemlich  unvollkommenen  Drüsen  sind  durchaus  nicht  als  die  Spe- 
cialsitze der  Secretion  zu  erkennen.  Wären  sie  es  jedoch,  so 
würde  man  auf  ihre  Epithelien  als  auf  die  activen  Factoren  der 
Absonderung  zurückkommen  müssen,  da  bekanntlich  der  Schleim 
nicht  im  Blute  präexistirt,  also  nicht  einfach  transsudiren  kann. 
Muss  man,  wie  es  meiner  Meinung  nach  nothwendig  ist,  auch  eine 
Schleimabsonderung  von  der  Fläche  gewisser  Schleimhäute  aner- 
kennen, so  gelangt  man  zu  demselben  Gedanken,  dass  die  Epi- 
thelien die  Schleimabsonderer  seien. 

Darf  man  nun  sagen,  die  Schleimabsonderung  sei  überall  die 
Function  gewisser  Epithelialzellen,  die  man  Schleimzellen 
nennen  kann?  Die  Erfahrung  hat  gelehrt,  dass  diese  Auffassung 
irrthnmlich  ist.  Ich  habe  für  eine  grosse  Reihe  physiologischer 
und  pathologischer  Gewebe  den  Nachweis  geliefert,  dass  der 
Schleim  in  derselben  glasigen,  gallertartigen,  gequollenen  Weise, 
wie  er  frei  an  der  Oberfläche  der  Schleimhäute  erscheint,  auch 
im  Innern  von  Geweben  und  zwar  wesentlich  als  ein  intercel- 
lularer  Stoff  vorkommt.  Ich  sah  mich  deshalb  veranlasst,  ein 
Schleimgewebe  aufzustellen,  welches  weder  mit  dem  Schleimhaut- 
gewebe Bi  Chat 's,  noch  mit  dem  Schleimdrüsenge  webe  identisch 
ist.  Es  ist  kein  epitheliales  Gewebe,  sondern  ein  Glied  in  der 
Gruppe  der  Bindesubstanz.  Nichts  desto  weniger  wird  man  auch  an 
ihm  nicht  umhin  können,  den  intercellularen  Schleim  als  ein  Ab- 
sonderungsprodukt der  Zellen  zu  betrachten.  Nur  handelt  es  sich 
hier  um  eine  parenchymatöse  (innere)  und  nicht  um  eine  ober- 
flächliche (äusserliche)  Absonderung.  Aensserlich  kann  sie  erst 
werden,  wenn  an  dem  Schleimgewebe  eine  Ulceration  eintritt,  wie 
es  bei  dem  Carcinoma  mucosum  (coiloides)  vorkommt. 

Es  finden  sich  demnach  Schleimzellen  in  zwei  verschiedenen 
Gruppen  vor:  epitheliale  und  bindegewebige.  Für  eine  Untersu- 
chung über  Schleimentstehung  und  Schleimabsonderung  ist  es  ge- 
wiss nützlich,  sich  an  die  Gruppen  nicht  zu  kehren  und  nur  die 
besonderen  Gewebe  zusammenzustellen  und  zu  vergleichen,  in  wel- 
chen dieser  Vorgang  vorkommt.  So  ist  der  physiologische  Bota- 
niker berechtigt,  alle  diejenigen  Pflanzengewebe  zusammenzustellen, 
in  welchen  Pflanzenschleim  oder  Gummi  oder  Amylon  vorkommen, 
und  eine  solche  Zusammenstellung  ist  von  hohem  praktischen 
Werthe  für  den  Landwirth,  den  Kaufmann,  die  Hausfrau.    Aber 


Dauer-  mu\  Zeitp^cwelie.  67 

nichts  berechtigt,  eine  solche  praktische  Eintheilung  als  die  erste 
Aufgabe  des  wissenschaftlichen  Forschers  hinzustellen. 

Wenn  der  physiologische  Specialist  zuerst  nach  der  Function 
fragt,  so  fragt  der  Patholog,  auch  wenn  er  ganz  physiologisch  zu 
Werke  geht,  zuerst  nach  der  Existenz  der  Theile.  Es  erklärt 
sich  diese  Differenz  aus  dem  Umstände,  dass  der  Physiolog  ge- 
sunde Verhältnisse  voraussetzt  und  den  Bestand  des  Körpers  an 
Geweben  unter  solchen  Verhältnissen  als  einen  gegebenen  und 
konstanten  betrachtet,  der  Patholog  dagegen,  durch  traurige  Er- 
fahrungen belehrt,  das  Zugrundegehen  und  den  Verlust  von  Theilen 
als  ein  nur  zu  häufiges  Ergebniss  des  kranken  Lebens  kennt. 
Pur  den  Arzt  handelt  es  sich  vor  Allem  um  die  Erhaltung  der 
Theile.  Wissenschaftlich  analysirt,  ist  dies  die  Frage  von  der 
Lebensdauer  und  der  Ernährung  der  Theile. 

Nun  ist  es  bekannt,  dass  die  verschiedenen  Elemente  des 
Korpers  auch  im  gesunden  Leibe  eine  sehr  verschieden  lange 
Lebensdauer  besitzen  und  aus  diesem  Grunde  auch  manche  Ge- 
webe, ja  selbst  manche  Organe  nicht  die  gleiche  Lebensdauer 
haben,  wie  der  gesammte  Körper.  Die  Pupillarmembran  schwindet 
schon  vor  der  Geburt,  die  EihüUen  werden  mit  der  Geburt  abge- 
worfen, der  Nabelstrang  folgt  alsbald,  das  Wollhaar,  die  Thymus- 
drfise,  die  männliche  Brustdrüse,  die  Milchzähne  kommen  nach 
und  nach  an  die  Reihe,  die  Eifollikel,  die  weibliche  Brust,  die 
Zähne  nnd  das  Kopfhaar  schwinden  bald  frfiher,  bald  später.  Man 
kommt  so  ganz  natürlich  zu  einer  grossen  Zweitheilung  in  blei- 
bende (permanente)  und  nicht  bleibende  (temporäre)  Ge- 
webe, oder,  wie  man  kurz  sagen  kann,  in  Dauergewebe  und 
Zeitgewebe.  Unter  letzteren  bilden  die  abfälligen  (telae  ca- 
dncae  s.  deciduae)  eine  besondere  Unterabtbeilung.  Zwischen  den 
Daner-  und  Zeitgeweben  stehen  in  einer  höchst  eigenthümlichen 
Stellung  die  Wechselgewebe  (telae  mutabiles  s.  mutantes). 

Man  muss  jedoch  sehr  vorsichtig  sein  in  der  Anwendung 
dieser  Ausdrücke.  Unter  pathologischen  Verhältnissen  kann  ein 
Zeitgewebe  persistiren  und  ein  Dauergewebe  hinfällig  wer- 
den. Die  Thymusdrüse  kann  sich  bis  nach  der  Pubertät  erhalten, 
während  sie  sonst  bald  nach  der  Geburt  schwindet.  Die  männ- 
liche Brust  kann  nicht  bloss  persistiren,  sondern  sich  auch  stärker 
entwickeln.  Und  umgekehrt  kann  bald  dieses,  bald  jenes  Gewebe 
o<ler  Organ  schwinden,   „phthisisch''   werden,  das  sonst  zu  den 

5' 


68     '  Drittes  Capitol 

permanenten  gehört  Ein  Kind  kann  ohne  Arme  und  Beine,  ohne 
Herz  und  Gehirn  geboren  werden,  weil  schon  die  Anlagen  im 
Mntterleibe  verkünmierten.  Ein  ganzer  Muskel,  eine  ganze  Niere 
kann  bis  anf  einen  kümmerlichen  Rest  von  Interstitialgewebe 
«atrophiren"^.  Ein  Fuss  kann  durch  Brand  absterben  and,  wie 
der  Nabelstrang,  abgeworfen  werden. 

An  dieser  Stelle,  wo  es  sich  um  physiologische  Verhältnisse 
handelt,  berühren  uns  diese,  der  Lehre  von  der  fleterochronie 
angehürigen  Fragen  nicht  Wir  haben  es  hier  nur  mit  der  natür- 
lichen Verschiedenheit  der  Lebensdauer  einzelner  Eörpertheile, 
welche  der  typischen  Entwickelung  angeboren,  zu  thun.  Ein  ein- 
ziges, freilich  sehr  verbreitetes  Vordrtheil  tritt  uns  jedoch  entgegen: 
ich  möchte  es  das  Vorurtheil  von  der  Allveränderlichkeit  der 
Eörpertheile  nennen.  In  einer  bedauerlichen  Uebertreibung  wohl- 
berechtigter Erfahrungssätze  über  den  Stoflw'echsel  ist  man  dahin 
gekommen,  zu  berechnen,  wie  viele  Jahre  gewisse  Theile,  wie 
viele  der  ganze  Körper  gebrauche,  um  gänzlich  erneuert  zu  sein. 
Die  in  ihrer  Ausschliesslichkeit  unannehmbare  Lehre  von  der 
Mauserung  (C.  H.  Schultz)  hatte  ein  grosses  Stück  ihrer  Popu- 
larität dieser  Auffassung  zu  verdanken. 

Wie  es  möglich  gewesen  ist,  die  auffalligsten  Thatsachen  so 
sehr  zu  übersehen,  ist  schwer  zu  begreifen.  Selbst  ausgezeichnet 
hinfällige  Theile  lassen  doch  deutlich  erkennen,  dass,  so  lange  sie 
existiren,  ihre  Substanz  dauerhaft  ist  Man  mag  den  ZahnwechseL 
wie  den  Haarwechsel,  eine  Mauser  nennen,  aber  nichts  berech- 
tigt, die  Elemente  des  Zahns  oder  des  Haares  als  in  fortdau- 
ernder Erneuerung  begriifen  anzusehen.  Der  Zahnschmelz  besteht 
aus  verkalkten  Epithelien,  welche,  soweit  wir  wahrnehmen  kön- 
nen, weder  in  ihrem  Kalk,  niuh  in  ihrer  organischen  Grundsub- 
stanz einer  Erneuerung  unterliegen.  Das  Zahnbein  kann  durch 
Ersatz  aus  der  Pulpe  neuen  Zuwachs  bekommen,  aber  weder  seine 
Röhrchen,  noch  seine  Intercollularsubstanz  lassen  erkennen,  dass 
ihre  Molekeln  dun*h  neue  Molekeln  ersetzt  werden.  Das  Bindege- 
webe, diese  so  weit  verbreitete  und  so  massenhaft  im  Körper  vor- 
handene Süb>tÄnz,  ist  gewiss  in  allen  seinen  wesentlichen  Be- 
standtheilen  in  hohem  Maas^e  dauerhaft.  Die  Elemente  der  Linse, 
trotz  ihrer  Zartheit,  bestehen  häufig  ohne  Veränderung  bis  zum 
hr»ch>ten  Alter. 

Diese   Bestäudiukeit    der  wesentlichen    Bestandtheile    der 


Dauer-  und  Wechselstoife.  69 

Gewebselemente  schliesst  den  Wechsel  unwesentlicher  nicht  aus. 
Eine  Drüsenzelle  kann  inmierfort  Stoffe  in  sich  aufnehmen,  sie 
umsetzen  und  die  Umsetzungsprodukte  als  Secrete  wieder  aus- 
scheiden, ohne  dass  ihr  histologischer  Bestand  dadurch  unmittelbar 
betroffen  wird.  Eine  Leberzelle  zeigt  in  der  aufföUigsten  Weise, 
wie  durch  die  Nahrung  allerlei  Stoffe  in  sie  eingeführt  und  eine 
Zeit  lang  in  ihr  abgelagert  werden :  Fett  und  Glykogen  sind  Stoffe, 
die  eine  Zeit  lang  vorhanden  sind,  um  später  wieder  zu  ver- 
schwinden. Aber  niemand  hat  dargethan,  dass  der  Kern  oder  die 
Kdrpersubstanz  der  Leberzellen  einem  gleichen  Wechsel  unterliegt. 
Wir  haben  vielmehr  allen  Grund  anzunehmen,  dass  eine  Leber- 
zelle  von  der  Zeit  der  vollendeten  Ausbildung  des  Organs  bis  zum 
höchsten  Alter  persistiren  kann,  ohne  dass  sie  in  allen  ihren  Be- 
standtheilen  einer  Erneuerung  unterlegen  hat.  Auch  in  dem  ein- 
zelnen Gewebs -Element  (wenngleich  keineswegs  in  jedem)  muss 
man  daher  Dauerstoffe  und  Wechselstoffe  (Verbrauchs- 
stoffe) unterscheiden. 

Das  Verhältniss  dieser  Stoffe  zu  einander  kann  zu  verschie- 
denen Zeiten  in  demselben  Elemente  sehr  verschieden  sein.  Die 
grossen  glatten  Muskelfasern  des  schwangeren  Uterus  enthalten 
offenbar  ungleich  mehr  Verbrauchsstoffe,  als  die  überaus  kleinen 
und  gleichsam  verkümmerten  des  ruhenden  Uterus.  Eine  prall 
gefüllte  Fettzelle  besteht  dem  Volumen  nach  fast  ganz  aus  W^ech- 
selstoff;  eine  atrophische  kann  beinahe  vollständig  auf  ihre  Dauer- 
stoffe zurückgeführt  sein.  Was  wir  Stoffwechsel  nennen,  ist  eben 
keine  einfache  Umschreibung  für  Ernährung,  wenigstens  nicht  für 
Emäbmng  im  strengeren  Sinne  des  Wortes,  wo  es  die  auf  Er- 
haltung des  Elementes  gerichtete  Thätigkeit  bezeichnet. 
Mit  dieser  letzteren  haben  wir  es  im  Augenblicke  allein  zu  thun. 
Denn  Dauergewebe  in  unserem  Sinne  sind  solche  Gewebe,  welche 
der  Regel  nach  während  des  ganzen  entwickelten  Lebens  sich  er- 
halten; Zeitgewebe  solche,  welche  sich  nur  für  eine  gewrisse  Zeit 
erhalten  und  dann  „auf  natürliche  Weise  sterben^. 

Auch  hier  müssen  wir  vor  einer  Verwechselung  warnen.  Ein 
Gewebe  kann  aufhören  zu  existiren,  ohne  dass  es  stirbt  oder  hin- 
fallig vrird.  Das  subcutane  Schleimgewebe  des  Fötus  findet  sich 
nicht  mehr  im  Erwachsenen  und  doch  ist  es  weder  geschwnnden, 
noch  gestorben.  Im  Gegentheil,  es  lebt  fort  in  einer  anderen  Ge- 
stalt, nehmlich  als  Fettgewebe.     Seine  Zellen  existiren  noch,  sie 


70  Drittes  C'apitel 

erbalten  su-h  durch  fortdauernde  Ernährung,  obwohl  sie  mit  Fett 
gefüllt  siud.  Hier  handelt  es  sich  also  nm  eine  Gewebsumwan- 
delang  (Metamorphose,  Metaplasie).  So  hört  der  Zeitknorpel  auf 
zu  existiren,  aber  seine  Elemente  bestehen  fort,  obwohl  sie  nicht 
mehr  Knorpel-,  sondern  Mark-  oder  Knochenkörperchen  sind.  Der 
Zeitknorpel  verknöchert  und  wenngleich  keineswegs,  wie  man 
früher  annahm,  seine  organische  Grundlage  ganz  und  gar  in  dem 
Knochen  als  sogenannter  Ejiochenknorpel  fortbesteht,  so  sind  doch 
seine  Zellen  in  die  neue  Bildung  eingegangen.  In  diesen  Wech- 
selgeweben finden  wir  also  Persistenz  der  Zellen  bei 
Veränderung  des  Gewebscharakters. 

Manche  abfälligen  Gewebe  (telae  caducae)  bieten  gerade  das 
umgekehrte  Bild  dar.  Die  Zellen  fallen  ab,  ohne  dass  der  Charakter 
des  Gewebes  überhaupt  aufhört  zu  existiren.  Das  beste  Beispiel 
dafür  bietet  uns  die  Epidermis.  Die  obersten  ^>ehichten  derselben 
bestehen  eigentlich  nicht  mehr  aus  lebenden  Elementen.  Es  smd 
kernlose,  verhornte,  zusammengetrockoete  Schüppchen,  welche  noch 
eine  Zeit  lang  der  Unterlage  einen  Schutz  gewähren,  aber  welche 
ausser  Stande  sind,  selbst  die  niederste  Leistung  des  Lebens,  die 
Selbsterhaltung,  auszuführen.  Sie  werden  endlich  lose  und  blättern 
ab,  wie  die  Rinde  eines  Baumes.  Aber  schon  ist  neuer  Nach- 
wuchs da,  der  an  ihre  Stelle  tritt.  Immer  neue  epidermoidale 
Theile  gehen  aus  dem  Rete  hervor  und  trotz  aller  Verluste  an 
der  Oberfläche  erhält  sich  die  Oberhaut  als  Gewebe.  Aehnlich  ist 
es  mit  den  Epithelien  mancher  Drüsen  (Milchdrüse),  mit  dem  Blute 
und  der  Lymphe. 

Unter  pathologischen  Verhältnissen  erreichen  die  hier  erwähnten 
Verhältnisse  ein  ungleich  höheres  Maass  und  sie  werden  in  dem- 
selben Grade  auffälliger.  An  der  Oberhaut  sind  es  die  desqua- 
mativen Prozesse,  welche  in  der  allergröbsten  Form  die  allmäh- 
liche Abblätterung  der  oberflächlichen  Epidermisschichten  erkennen 
lassen.  Eine  ähnliche  Abblätterung  zeigt  der  Nagel,  während  die 
Haare  zerklüften  und  „zerfasern^.  Aber  auch  an  Schleimhäuten 
geschieht  Aehnliches :  die  desquamativen  Katarrhe  des  Darms,  der 
Niere  und  Harnblase,  der  Scheide  (Fluor  albus)  bringen  die  ab- 
gelösten Epithelien  bald  in  Form  zusammenhängender  Lamellen  und 
Fetzen,  bald  als  isolirte  Zellen  zu  Tage. 

Aber  wir  würden  das  Hauptbeispiel  übergehen,  wenn  wir  nicht 
jener  eigenthümlicben  Erscheinung  gedächten,  von  welcher  ich  den 


Abfällige  Gewehe.  71 

Nameu  für  diese  Gruppe  hergenommen  habe:  ich  meine  die  Ab- 
lösung der  Deeidua  uterina  bei  der  Geburt  und  während  des 
Wochenbettes,  sowie  in  den  selteneren  Fällen  des  Abortus  und 
der  Dysmenorrhoea  membranacea.  Auch  diese  Haut  galt  bis  in 
die  neuere  Zeit  als  eine  Exsudathaut,  als  eine  Pseudomembran  von 
mehr  oder  weniger  strukturloser  Beschaffenheit  (membrane  antiiste 
Robin).  Erst  das  genauere  Studium  ihrer  Entwickelung  hat  ge- 
lehrt, dass  die  Deeidua  keine  Pseudomembran,  kein  Exsudat  ist, 
sondern  ein  durch  Wucherung  vergrösserter  Theil  der  Uterin- 
schleimhaut  selbst*).  Sie  ist  dem  entsprechend  auch  nichts  we- 
niger als  strukturlos,  sondern  sie  besteht  durch  und  durch  aus 
deutlich  geformten  Geweben.  Aber  zum  Unterschiede  von  den 
bloss  desquamativen  Prozessen,  welche  nur  das  Epithel  betreffen, 
greift  die  Deeidua  -  Bildung  tief  in  das  eigentliche  Gewebe  der 
Dterinschleimhaut,  denn  dasjenige,  was  sich  als  puerperale  De- 
eidua löst,  besteht  zum  grösseren  Theile  aus  stark  vergrösserten 
Zellen  des  Bindegewebes.  Selbst  Gefässe  sind  durchaus  keine 
Seltenheit  in  der  Deeidua,  wie  sie  sich  von  den  Eihäuten  des 
Xeugebornen  ablösen  lässt.  Aber,  wie  bei  der  Desquamation,  so 
bleibt  auch  hier  ein  Theil  des  Gewebes  sitzen,  und  dieser  dient 
später  als  Matrix  für  die  regenerative  Neubildung, 

Sowohl  von  den  Wechselgeweben,  als  von  den  hinfälligen  Ge- 
weben unterscheiden  sich  die  einfachen  Zeitgewebe  (telae 
temporariae)  dadurch,  dass  ihre  Elemente  zu  Grunde  gehen  (ab- 
sterben), aber  nicht  durch  neue  ersetzt  werden.  Der  M eck  ersehe 
Knorpel,  ein  langer  und  starker  Faden,  der  sich  beim  Fötus  von 
dem  mittleren  Ohr  aus  an  der  inneren  Seite  des  Unterkiefers  bis 
zur  Symphyse  des  Kinns  erstreckt,  schwindet  schon  mit  dem  8.  Fö- 
talmonat bis  auf  die  daraus  gebildeten  Hammer  und  Ambos.  Die 
Thymusdrüse,  euie  der  grössten  Lymphdrüsen  des  Körpers,  „atro- 
phirt^  nach  der  Geburt  gänzlich;  alle  ihre  unzähligen  Zellen 
(Lymphkörperchen)  verschwinden;  jede  Erinnerung  ihres  lympha- 
tischen Baus  geht  verloren;  an  ihrer  Stelle  findet  sich  später  nur 
ein  kümmerlicher  Rest  losen  Fett-  und  Bindegewebes.  Unter  der 
Ausbildung  der  Keilbeinhöhlen  verschwindet  fest  alles  vorhandene 
Knochengewebe  und  Mark  aus  den  sphenoidalen  Wirbelkörpem, 


*)  Froriep*8  Neue  Notizen  1847.  März.  No.  20.  Gesammelte  Abhandlungen 
zur  wissenscbaftl.  Medicin     Frankf.  1856.     S.  775. 


72  Drittes  Capitel. 

ohoe  aach  nur  eine  Spur  zu  hinterlassen.  Die  Nabelarterien  ob- 
literiren  nach  der  Gebnrt,  d.  h.  sie  verstreichen,  ohne  dass  in 
den  Ligamenta  vesicae  lateralia,  welche  an  ihre  Stelle  treten,  ein 
erkennbarer  Rest  ihrer  meist  so  mächtigen  Mnscularis  übrig 
bleibt. 

Unter  Umständen  kann  das  grosse  Endergebniss  bei  den  ab- 
fälligen Geweben  demjenigen  bei  den  einfachen  Zeitgeweben  sehr 
ähnlich  sein.  Wenn  epidermoidale  Theile  immerfort  abfallen,  so 
ist  die  Persistenz  des  Gewebes,  wie  wir  gesehen  haben,  nar  durch 
Nachwuchs  möglich.  Hört  jedoch  der  Nachwuchs  gänzlich  auf,  so 
wird  auch  der  Defect  ein  vollständiger  und  dauernder.  Dies 
kommt  allerdings  bei  der  eigentlichen  Epidermis  nur  unter  er- 
schwerenden pathologischen  Verhältnissen  vor,  z.  B.  bei  gewissen 
nässenden  Exanthemen;  'auch  beim  Nagel  nur  bei  wirklichen 
Krankheiten  des  Falzes.  Aber  es  ist  ein  sehr  gewöhnliches  Er- 
eigniss  bei  den  Haaren,  wenn  ihre  Matrix,  die  Haarzwiebel  ver- 
ödet   Es  tritt  dann  dauernde  Alopecie  ein. 

Die  Dauerhaftigkeit  eines  Gewebes  ist  in  keiner  Weise  ab- 
hängig von  seiner  Festigkeit.  Im  Gegentheil  zeigt  sich  bei  ge- 
nauerer Untersuchung,  dass  gerade  die  Weicbtheile  (Gehirn  und 
Nerven,  Muskeln,  manche  Drüsen)  sich  einer  grossen  Bestän- 
digkeit ihrer  Elemente  erfreuen,  während  das  Knochengewebe, 
nächst  dem  elastischen  das  festeste  des  ganzen  Körpers,  durch- 
aus nicht  jene  Starrheit  und  Unveränderlichkeit  zeigt,  welche 
sprüchwörtlich  geworden  ist.  Die  Verknöcherung  schützt  nicht 
vor  dem  Wechsel.  Mit  verhältnissmässiger  Leichtigkeit  wird  das 
Knochengewebe  wieder  weich  und  verwandelt  sich  durch  Meta- 
plasie in  Mark. 

Wir  stossen  hier  auf  eine  neue  und  nicht  wenig  verwirrende 
Eigenschaft  der  thierischen  Gewebe.  Dasselbe  Gewebe  kann 
je  nach  dem  Orte,  an  dem  es  vorkommt,  ein  Dauer-, 
ein  Wechsel-  und  ein  Zeitgewebe  sein.  Unzweifelhaft  be- 
stehen gewisse  Theile  der  Knochen  mindestens  von  der  Pnbertät 
an,  manche  schon  länger,  bis  zum  Tode,  sind  also  ausgezeichnetes 
Dauergewebe.  Andere  dagegen  tragen  in  ebenso  ausgezeichnetem 
Sinne  den  Charakter  des  Wechselgewebes,  indem  sie  mit  fort- 
schreitendem Alter  sich  in  Mark  verwandeln.  Andere  endlich,  wie 
das  Keilbein,  gewisse  Theile  des  Felsenbeins  schwinden  schon  bald 
nach  der  Pubertät  und  an  ihre  SteUen  treten,  wie  bei  den  Vögeln, 


Localgeschichte  der  Gewebe.  73 

loftfohreiide  Räume.  Es  gibt  also  eine  tela  ossea  permanens,  eine 
t.  0.  mntans  nnd  eine  t.  o.  temporaria  s.  transitoria.  Von  den 
Knorpeln  ist  es  längst  anerkannt,  dass  es  Danerknorpel  (cartila- 
gines  permanentes)  nnd  Zeitknorpel  (cartilagines  temporariae)  gibt. 
Man  kann  demnach  auf  Grand  der  Lebensstatistik  der  Gewebe 
keine  allgemeingültige  Eintheilnng  derselben  machen,  sondern  man 
kann  nnr  für  die  einzelnen  Orte  im  Körper  statistisch  fest- 
stellen, ob  ein  bestimmtes  Gewebe  an  dieser  Stelle  permanent 
oder  nnr  temporär  vorkommt. 

Eine  solche  Kenntniss  ist  aber  nnentbehrlich  für  die  Ueber- 
sicht  der  Lebensvorgänge.  Indem  wir  ersehen,  dass  die  Thymus- 
drüse im  ersten  Lebensjahre  schon  hinschwindet,  während  die 
übrigen  Lymphdrüsen  bis  zum  Greisenalter  und  zum  Tode  aus- 
halten, indem  wir  lernen,  dass  die  Gefässe  des  Glaskörpers  schon 
vor  der  Geburt  obliteriren,  während  die  der  Retina  fortbestehen, 
indem  wir  erkennen,  dass  der  Müll  er 'sehe  Faden  beim  Manne 
früh  obliterirt,  während  der  Wo Iff  sehe  Gang  sich  zum  Vas  defe- 
rens  entwickelt,  so  erschliesst  sich  uns  sofort  der  Einblick  in  eine 
Reihe  bemerkenswerther  Eigenthümlichkeiten  der  Entwickelung. 
Dass  die  Schädel -Synchondrosen  früh  verknöchern,  während  die 
Wirbel  -  Synchondrosen  knorpelig  blieben,  dass  das  Schleimgewebe 
um  die  Niere  in  Fettgewebe  übergeht,  während  dasjenige  im  Glas- 
körper seine  Beschaifenheit  bewahrt,  ist  auf  den  ersten  Blick  schwer 
verständlich,  aber  nothwendig  zu  wissen,  um  die  Local-Geschichte 
nnd  örtliche  Bedeutung  der  Gewebe  zu  würdigen. 

Die  Local-Geschichte  der  Gewebe  erhält  jedoch  ihre  Vervoll- 
ständigung erst  durch  eine  genaue  Zeitbestimmung,  bei  der 
sowohl  Anfang,  als  Ende  des  Gewebes  festzustellen  ist.  Wir  kom- 
men damit  auf  die  ebenso  schwierige,  als  wichtige  genetische 
Untersuchung,  deren  Ehiführung  in  die  moderne  Pathologie  ich 
seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  mit  besonderem  Eifer  zu  för- 
dern bestrebt  gewesen  bin.  Nicht  alle  Gewebe  des  Körpers  ent- 
stehen zu  derselben  Zeit  und  nicht  alle  sterben  zu  gleicher  Zeit. 
Auch  in  dieser  Beziehung  stellt  der  Organismus  keine  Einheit 
dar,  sondern  nur  eine  Gemeinschaft,  und  die  Bezeichnungen, 
welche  vnr  für  die  Entwickelungsperioden  des  Gesammt-Organismus 
mit  Recht  wählen,  passen  keineswegs  für  die  einzelnen  Theile  uod 
Gewebe.    Es  gibt  jugendliche  Gewebe  im  hohen  Greisen- 


74  Drittes  Capitel. 

alter  und  senescirende*)  Gewebe  im  Fötus.  Selbst  der 
Bulbus  des  ergrauten  Haares  erzeugt  doch  immer  noch  neue 
Elemente  und  bis  zum  Tode  hin  strömen  immer  wieder  junge 
Blutkörperchen  in  die  Gefässe  ein.  Andererseits  sieht  schon  das 
fötale  Leben  zahlreiche  Elemente  zu  Grunde  gehen.  Der  Meckei- 
sche  Knorpel  und  der  Wolff'sche  Körper  sind  grösstentheils  ver- 
schwunden, wenn  das  Kind  zur  Welt  kommt;  die  Pupillarmembran, 
die  Yasa  omphalomesaraica  haben  um  dieselbe  Zeit  aufgehört  zu 
existiren.  Manche  Grewebe  lassen  sich  in  eine  allgemein-chro- 
nologische Reihenfolge  bringen.  Schleimgewebe  ist  im  Allge- 
meinen früher  da,  als  Fettgewebe;  Knorpel  früher,  als  Eoioehen.  Rothe 
Blutkörperchen  sind  jünger,  als  farblose.  Aber  dies  gilt  nicht  all- 
gemein. Denn  die  Bildung  des  Schlcimgewebes  ist  nicht  überhaupt 
abgeschlossen,  wenn  die  des  Fettgewebes  beginnt;  sie  ist  nur 
abgeschlossen  an  der  Stelle,  wo  Schleimgewebe  in  Fettgewebe 
übergeht.  An  anderen  Orten  kann  neues  Schleimgewebe  entstehen, 
während  das  früher  vorhanden  gewesene  seine  Metaplasie  längst 
gemacht  hat.  Farblose  Blutkörperchen  bilden  sich  von  Neuem, 
nachdem  unzählige  rothe  zu  Grunde  gegangen  sind.  Dieselbe 
Art  von  Gewebe  kann  also  an  einem  Orte  jünger,  an 
einem  anderen  Orte  älter  sein.  An  der  Epiphyse  eines 
Röhrenknochens  beginnt  die  Knochenbildung  zu  einer  Zeit,  wo  die 
Diaphyse  schon  seit  Monaten  zum  grossen  Theil  verknöchert  ist. 
An  den  Lippen  erreicht  die  Haarbildung  zur  Zeit  der  Pubertät 
die  Stärke,  welche  sie  an  der  Schädelhaube  schon  in  dem  ersten 
Lebensjahre  zu  zeigen  pflegt. 

Manche  sonst  verdiente  Forscher  haben  den  Sinn  solcher  Er- 
scheinungen gänzlich  verkannt.  Sie  sprechen  z.  B.  von  embryo- 
nalen oder  fötalen  Geweben  im  Erwachsenen.  Dies  ist  ein 
blosses  Spiel  mit  Worten.  Ein  Gewebe,  welches  schon  im  Embryo 
vorhanden  ist  und  sich  als  solches  extrauterin  erhält,  ist  darum 
kein  embryonales.  Permanenter  Knorpel,  permanentes  Schleimge- 
webe sind  eben  so  wenig  embryonal,  als  die  KrystaUlinse  oder  die 
Hornhaut.  Wenn  jedes  Gewebe,  das  sich  im  Erwachsenen  so  vor- 
findet, wie  es  im  Fötus  besteht,  fötal  genannt  werden  sollte,  so  könnte 
man  auch  die  Epidermis  des  inneren  Präputialblattes  fötal  nennen, 
weil  sie  feucht  zu  sein  pflegt  und  eine  Vernix  caseosa  liefert.  Em- 

*)  Mein  Handbuch  der  spec.  Palh.  u.  Ther.     1854.     Bd.  I.     S.  310. 


Matricular-  und  Uebergangsgewebe.  75 

bryonal  im  strengeren  Sinne  des  Wortes  (d.  h.dem  Embryo  angehörig) 
ist  nur  ein  anfertiges,  unreifes  oder  Uebergangs-Gewebe 
ans  der  früheren  Zeit  des  intrauterinen  Lebens.  Embrj'onale  Mus- 
keln sind  schmale  und  verhältnissmässig  kurze  Cylinder  oder 
Faserzeilen  mit  schmalen  Lagen  von  Fleischsubstanz  im  Innern. 
Embryonale  Nerven  haben  noch  keine  Markscheide.  Embryonales 
Bindegewebe  hat  noch  runde  Zellen  und  eine  nicht -faserige  Zwi- 
schensubstanz. Aber  nicht  jedes  unfertige  Gewebe  ist  darum  em- 
bryonal. Das  Rete  Malpighii,  die  Haarzwiebel,  die  Zahnpulpe  sind 
und  bleiben  unfertige  Gewebe,  denn  es  soll  aus  ihnen  Epidermis, 
Haar,  Zahnbein  entstehen.  Sie  werden  überhaupt  niemals  fertig, 
denn  sie  sind  eben  zum  Nachwuchs  bestimmt,  sie  sind  Matri- 
cular-Gewebe,  welche  nicht  bloss  den  Mutterboden  für  die  Er- 
satzzellen darstellen,  sondern  welche  aus  sich  selbst  durch  Pro- 
liferation  diese  Ersatzzellen  hervorbringen.  Die  Mehrzahl  der 
gewöhnlichen  Matricular- Gewebe  findet  sich  daher  in  Verbindung 
mit  abfälligen  Geweben;  eine  kleinere  Zahl  besorgt  gelegentlich 
das  Ersatz  -  Geschäft  für  die  Wechselgewebe,  z.  B.  Knorpel  und 
Beinhaut  für  den  Knochen.  Zwischen  der  Matrix  und  dem  daraus 
hervorgegangenen  Tochtergewebe  ist  die  Stelle,  wo  man  das 
üebergangsgewebe  (tela  transitoria)  zu  suchen  hat,  und  nur 
in  dem  Falle,  dass  die  ganze  Matrix  durch  die  Proliferation  auf- 
gezehrt wird,  wie  es  im  Ovulum  geschieht,  welches  in  seiner  To- 
talität in  Bildungszellen  aufgeht,  tritt  das  Üebergangsgewebe  als 
eigentlich  embryonales  für  eine  gewisse  Zeit  hindurch  scheinbar 
ganz  selbständig  auf. 

Wirklich  embryonal  sind  eben  nur  Gewebe  des  Embryo.  Der 
Nabelstrang  z.  B.  besteht  seinem  grössten  Tbeile  nach  aus  em- 
bryonalem Schleimgewebe;  der  Glaskörper  des  Embryo  desgleichen. 
Aber  man  hat  kein  Recht,  auch  den  Glaskörper  des  Erwachsenen 
aus  embryonalem  Schleimgewebe  bestehen  zu  lassen,  bloss  deshalb, 
weil  das  Sehleimgewebe  in  ihm  persistirt.  Hier  liegt  vielmehr  ein 
Dauergewebe  vor,  welches  mit  dem  Augenblicke  der  Geburt  auf- 
gehört hat,  embryonal  zu  sein. 

Es  giebt  vielleicht  kein  Gewebe,  welches  in  einem  so  hohen 
Maasse  den  Charakter  eines  embryonalen  Zeitgewebes  an  sich 
trägt,  als  die  Chorda  dorsualis  (Notochorde  R.  Owen).  Es 
ist  dies  ein  aus  grossen,  blasigen  Zellen  zusammengesetzter  Strang, 
welcher  ursprunglich  durch  die  ganze  Ausdehnung  der  später  von 


76  Drittes  Capitel. 

den  Wirbelkörpern  und  den  Z wischen wirbeUcheiben  eingenomme- 
nen Region  vom  Keilbein  bis  zum  Steissbein  hindnrchlänft.  Er 
stellt  ein  fast  reines  Zellengewebe  dar,  welches  man  Tersncht  sein 
könnte,  den  Epithelialformationen  anzureihen,  wenn  er  nicht  seiner 
ganzen  Stellung  nach  den  Geweben  der  Bindesubstanz  angehörte. 
Indes  bleibt  die  Intercellular-Secretion  an  ihm  auf  ein  Minimum 
beschränkt.  Früher  nahm  man  allgemein  an,  dass  nur  bei  den 
niedrigsten  Fischen  die  Chorda  persistire,  dass  sie  dagegen  bei 
allen  höheren  Wirbelthieren  und  namentlich  beim  Menschen  ein 
rein  embryonales  oder  fötales  Gewebe  sei,  welches  schon  vor  der 
Geburt  gänzlich  verkümmere.  Erst  Heinrich  Müller  hat  dar- 
gethan,  dass  ein  Theil  der  Chorda  sich  noch  nach  der  Geburt  er- 
hält. Daraus  folgt,  dass  genau  genommen  selbst  dieses  Gewebe 
den  Namen  eines  embryonalen  nur  während  einer  gewissen  Zeit- 
daner  verdient;  der  laxere  Gebrauch,  auch  die  nach  der  Geburt 
noch  fortbestehenden  Theile  fötal  zu  nennen,  rechtfertigt  sich  nur 
dadurch,  dass  dieselben  in  der  That  nur  einen  für  das  spätere 
Leben  bedeutungslosen  Rückstand  einer  fötalen  Bildung  darstellen. 
Eine  derartige  Concession  darf  jedoch  nicht  zu  immer  weite- 
ren Forderungen  gemissbraucht  werden.  Was  soll  man  davon 
sagen,  wenn  im  Ernst  von  einigen  Schriftstellern  erklärt  wird, 
das  Schleimgewebe  sei  embryonales  oder  fötales  Bindegewebe? 
Sieht  man  nicht,  dass  man  mit  gleichem  Rechte  das  Enorpelge- 
webe  aus  der  Reihe  der  selbständigen  Gewebe  streichen  und  das- 
selbe einfach  als  embryonales  Knochengewebe  bezeichnen  könnte? 
Ich  will  gar  nicht  davon  sprechen,  dass  nicht  einmal  die  voraus- 
gesetzte Thatsache  richtig  ist,  indem  das  Schleimgewebe  gewöhn- 
lich in  Fettgewebe,  aber  nicht  in  eigentliches  Bindegewebe  über- 
geht. Aber  gesetzt,  es  wäre  richtig,  dass  Schleimgewebe  das  Bil- 
dungsgewebe für  Bindegewebe  sei,  so  muss  man  sich  doch  dar- 
über klar  werden,  dass  nicht  jedes  Bildungsgewebe  (tela  for- 
mativa  s.  formans)  embryonal  genannt  werden  kann,  gleichviel  zu 
welcher  Zeit  des  Lebens  es  sich  findet.  Es  gibt  dreierlei  Ärt^n 
von  Bildungsgewebe:  Matriculargewebe  (Matrices)  iin  engeren 
Sinne  des  Wortes,  welche  durch  Proliferation,  also  durch  Hervor- 
bringung neuer  Elemente,  ein  Tochtergewebe  erzeugen,  neben  wel- 
chem sie  fortbestehen,  blosse  Vorgewebe  (telae  praecursoriae), 
welche  durch  die  Proliferation  verzehrt  werden  und  nach  der  Er- 
zeugung der  neuen  Gewebe  nicht  mehr  vorhanden  sind,  und  end- 


Keimte  webe.  77 

lieb  üebergangsgewebe  (telae  transitoriae),  welche  sich  durch 
Metaplasie,  ohne  wesentliche  YerändeniDg  in  der  Zahl  ihrer  Ele- 
mente, in  andere  Gewebe  umbilden.  Im  Embryo  kommen  alle 
drei  Arten  Tor,  und  man  fasst  sie  gelegentlich  wohl  unter  dem 
Sanmitnamen  der  Anlagen  oder  Eeimgewebe  (telae  germi- 
nativae)  zusammen. 

Die  Eizelle  ist  gewissermaassen  der  Prototyp  eines  Vorgewe- 
bes, denn  obwohl  durch  fortschreitende  Proliferation  aus  ihr  die 
späteren  Gewebe  des  Embryo  hervorgehen,  so  hört  sie  selbst  doch 
auf  zu  existiren.  Sie  verhält  sich  in  dieser  Beziehung,  wie  jene 
Epithelialzellen ,  aus  deren  Wucherung  die  von  ihnen  selbst  ganz 
verschiedenen  Drüsenzellen  hervorgehen.  So  erklärt  es  sich, 
dass  auch  die  Drüsenbildung  eine  einmalige  ist,  die  sich  nicht 
fortsetzt  oder  wiederholt,  wie  die  Bildung  der  Haare  oder  des  Na- 
gels oder  der  Epidermis,  bei  denen  ein  gewisser  Theil  der  ger- 
minativen  Zellen  als  Matrix  persistirt.  Die  Haarzwiebel,  die  Falz- 
zellen des  Nagels,  das  Rete  Malpighii  wuchern  ebenfalls,  aber  nicht 
alle  ihre  Elemente  gehen  gleichzeitig  oder  kurz  nach  einander  in 
das  neue  Gewebe  auf.  So  ist  der  Knorpel  eine  wahre  Matrix,  die 
trotz  reichlichster  Wucherung  an  den  meisten  Orten  noch  einen 
gewissen  Rest  unversehrter  Substanz  übrig  behält,  aus  welcher 
immer  wieder  von  Neuem  Mark  und  Knochengewebe  erzeugt 
werden  können.  Allerdings  besteht,  wie  leicht  ersichtlich,  zwischen 
den  Yorgeweben  und  den  Matriculargeweben  keine  scharfe  Grenze. 
Die  Bildung  der  Krystallinse  wird  frühzeitig  abgeschlossen,  und, 
wie  wir  gesehen  haben,  niemals  später  wird  nach  dem  Verlust 
derselben  eine  neue  vollständige  Linse  regenerirt.  Nichtsdesto- 
weniger persistirt  ein  gewisser  Theil  der  germinativen  Zellen  und 
eine  unvollständige  Reproduction  der  Linse  ist  daher  allerdings 
möglich.  Das  Kapsel -Epithel  ist  demnach  mehr  als  Matrix  und 
nicht  als  blosses  Vorgewebe  aufzufassen. 

Manche  embryonale  Gewebe  erscheinen  unter  Verhältnissen, 
wo  man  versucht  wird,  sie  entweder  für  Matriculargewebe  oder 
wenigstens  für  Vorgewebe  zu  halten.  Die  Chorda  dorsualis  liegt 
inmitten  der  späteren  Wirbelkörper  und  ihr  knorpelartiger  Cha- 
rakter legte  es  nahe,  in  ihr  die  erste  Anlage  der  späteren  Wir- 
belkörper und  zwar  namentlich  der  knorpeligen  Matrices  derselben 
zu  sehen.  In  der  That  hat  man  geglaubt,  dass  aus  ihr  oder  doch 
aus  ihrer  Scheide  die  Vertebralknorpel    hervorgingen.     Erst   die 


78  Drittes  Gopitel. 

neuere  Forscbong  hat  gelehrt,  dass  dies  ein  Irrthnm  war,  indem 
die  Knorpel  ausserhalb  der  Chorda  und  ihrer  Scheide  entstehen. 
Aehnlich  war  es  mit  dem  sogenannten  MeckeTschen  Knorpel, 
dessen  Lage  in  unmittelbarer  Verbindung  mit  dem  Unterkiefer  es 
wahrscheinlich  machte,  dass  er  wirklich  die  Matrix  des  Unterkie- 
fers sei.  Aber  auch  hier  erweist  sich  der  Knochen  als  eine  äussere 
Belagsmasse  des  Knorpels.  Während  der  letztere  daher  sich  hier 
als  ein  rein  fötales  Zeitgewebe  darstellt,  so  gehen  aus  seinem  hin- 
teren Ende  allerdings  der  Hammer  undAmbos,  namentlich  in  sehr 
deutlicher  Weise  der  Hammerfortsatz  hervor,  und  es  erweist  sich 
daher  dasselbe  Gebilde,  welches  an  seinem  vorderen  Ende  eine 
bloss  temporäre  Bedeutung  hat,  in  seinem  hintersten  Abschnitte 
als  ein  wirkliches  Yorgewebe. 

Was  die  Uebergangsgewebe  betrifft,  so  entstehen  sie  entwe- 
der aus  den  Yorgeweben  oder  aus  Matriculargeweben.  Die  aus 
der  Furchung  der  Eizelle  entstehenden  Ur-  oder  Bildungszellen 
(cellulae  primordiales  s.  formativae)  bieten  ein  schönes  Beispiel 
dafar.  Die  farblosen  Blutkörperchen  stehen  ihnen  nahe.  Manche 
Uebergangselemente  zeichnen  sich  durch  ganz  besondere,  sonst 
fast  gar  nicht  normal  vorkommende  Formen  aus.  Ich  erinnere  in 
dieser  Beziehung  an  die  vielkemigen  Riesenzellen  des  Knochen- 
marks. Andere  Uebergangselemente  wiederum  haben  so  indiffe- 
rente und  gleichmässige  Formen,  sie  stellen  so  sehr  die  einfachste 
Erscheinnng  nicht  differenzirter  Zellen  dar,  dass  man  ge- 
rade deshalb  vielfach  geneigt  ist,  sie  sämmtlich  zu  identificiren, 
und,  wie  früher  unter  dem  Namen  von  Primordial-  oder  Ex- 
sudatzellen, so  jetzt  unter  dem  der  farblosen  Blutkörperchen 
zusammenzufassen.  Gerade  im  Knochenmark,  wie  in  der  Milz, 
kommen  neben  grossen  und  vielkemigen  Elementen  solche  kleine, 
runde,  einfache  Zellen  sehr  häufig  vor. 

Der  entwickelte  Organismus  zeigt  in  allen  diesen  Beziehungen 
keine  durchgreifenden  Yerschiedenheiten  von  dem  fötalen.  Die 
blosse  Form  der  Elemente  oder  Gewebe  genügt  daher  keineswegs, 
dieselben  für  fötal  oder  embryonal  auszugeben.  Die  Gesetze 
der  Entwickelung  gelten  für  alle  Zeiten  des  Lebens, 
und  wenn  dieselben  nicht  zu  allen  Zeiten  in  gleicher  Ausdehnung 
und  Häufigkeit  zur  Geltung  kommen,  so  darf  man  darüber  nicht 
vergessen,  dass  die  Bedingungen  nicht  zu  allen  Zeiten  gleiche 
sind.    Eine  corrccte  Terminologie  ist  aber  nur  zu  gewinnen,  wenn 


Continaität  der  Gewebe.  79 

wir  jedem  Lebensalter  seine  besondere  Beziehung  lassen.  Gerade 
die  Pathologie  mnss  in  dieser  Beziehung  besonders  streng  sein, 
da  ihr  Erfahrungsgebiet  eine  grosse  Reibe  von  Erscheinungen  um- 
fasst,  welche  im  gewöhnlichen  Leben  auf  gewisse  Zeiten  der  Ent- 
wickelung,  z.  B.  auf  das  embryonale  Leben  beschränkt  sind,  wel- 
che aber  unter  krankhaften  Verhältnissen  zu  ganz  ungehörigen 
Zeiten  auftreten.  Muskel-  und  Nervenfasern  von  ganz  embryo- 
nalem Charakter  können  im  Zeitalter  der  Pubertät  oder  noch  spä- 
ter entstehen,  aber  wenn  man  sie  ihres  Charakters  wegen  embryo- 
nal nennen  wollte,  so  wurde  man  Gefahr  laufen,  die  grösste  Ver- 
wirrung hervorzurufen. 

Es  erhellt  aus  diesen  Erörterungen,  dass  wir  trotz  der  Wich- 
tigkeit der  physiologischen  Gesichtspunkte  doch  einer  rein  anato- 
mischen Classification  der  Gewebe  nicht  entbehren  können.  Sie 
bildet  für  die  Physiologie  und  Pathologie  eine  ebenso  nothwendige 
Grundlage,  wie  die  anatomische  Classifikation  der  Pflanzen  und 
Thiere  für  die  Botanik  und  die  Zoologie.  Gleichwie  jedoch  der 
Botaniker  und  der  Zoolog  jede  einzelne  Species  und  Varietät,  ja 
wie  der  Gärtner  und  der  Viehzüchter  jedes  Individuum  von  Baum 
und  Thier  besonders  in  seinen  Eigenschaften  und  Eigenthümlich- 
keiten  studiren  muss,  so  wird  auch  der  Physiolog  und  noch  mehr 
der  Patholog  auf  eine  gleiche  Individualisirung  und  Localisirung 
seiner  Forschungen  hingewiesen. 

Bevor  ich  jedoch  diese  Betrachtungen  schliesse,  muss  ich 
noch  ein  Paar  Augenblicke  bei  der  Erörterung  einiger  wichtiger 
principieller  Punkte  verweilen,  welche  die  thierischen  Gewebe  in 
ihrer  Verwandtschaft  unter  einander  und  Abstammung  von  einan- 
der betreffen,  und  welche  wiederholt  zu  allgemeinen,  mehr  phy- 
siologischen Formulirungen  Veranlassung  gegeben  haben. 

Als  Reichert  es  unternahm,  die  Gewebe  der  Bindesubstanz 
zu  einer  grösseren  Gruppe  zusammenzufassen,  ging  er  hauptsäch- 
lich von  dem  philosophischen  Satze  aus,  dass  der  Nachweis  der 
Continuität  der  Gewebe  über  ihre  innere  Verwandtschaft  ent- 
scheiden müsse.  Sobald  man  erkennen  könne,  dass  irgend  ein 
Theil  mit  einem  andern  continuirlich  (durch  inneren  Zusammen- 
hang, nicht  durch  blosses  Zusammenstossen)  verbunden  sei,  so 
müsse  man  auch  beide  als  Theile  eines  gemeinschaftlichen  Ganzen 
betrachten.  Auf  diese  Weise  suchte  er  zu  beweisen,  dass  Knor- 
pel, Beinhaut,  Knochen,  Sehnen  u.  s.  f.  wirklich  ein  Continuum, 


80  Drittes  Capitel. 

eine  Art  von  Gnindgewebe  des  Körpers  bildeten,  die  Bindesab- 
stanz, welche  an  den  verschiedenen  Orten  gewisse  Differenzinm- 
gen  erfahre,  ohne  dass  jedoch  der  Charakter  des  Gewebes  als  sol- 
chen dadurch  aofgehoben  würde.  Dieses  sogenannte  Gontinni- 
täts-Gesetz  hat  bald  die  grOssten  Erschütterungen  erfahren, 
und  gerade  in  der  jüngsten  Zeit  sind  so  gefährliche  Einbrüche  in 
dasselbe  geschehen,  dass  es  kaum  noch  möglich  sein  dürfte,  dar- 
aus ein  allgemeines  Kriterium  für  die  Bestimmung  der  Art  eines 
Gewebes  herzunehmen.  Man  hat  immer  neue  Thatsachen  für  die 
Continuität  solcher  Gewebs  -  Elemente  beigebracht,  welche  nach 
Reichert  toto  coelo  auseinander  gehalten  werden  müssten,  z.B. 
von  Epithelial-  und  Bindegewebe;  insbesondere  haben  sich  die 
Angaben  gehäuft,  dass  cylindrische  Epithelzellen  in  fiadenförmige 
Fasern  auslaufen,  welche  direct  in  Zusammenhang  treten  mit 
Bindegewebs-Elementen,  z.  B.  am  Darm.  Ja,  man  hat  sogar  in 
der  neuesten  Zeit  eine  Reihe  von  Angaben  gemacht,  nach  denen 
solche  Zellen  der  Oberfläche  nach  Innen  fortgehen  und  dort  mit 
Nervenfasern  in  unmittelbarem  Zusanmienhang  stehen  sollten,  z.  B. 
am  Gehirn.  Was  das  letztere  betrifft,  so  muss  ich  bekennen,  dass 
ich  noch  nicht  von  der  Richtigkeit  der  Darstellung  überzeugt  bin, 
allein  was  den  ersteren  Fall  anbelangt,  so  besteht  ein  wirkliches 
Continuitäts -Yerhältniss  der  Elemente.  Man  ist  also  nicht  mehr 
im  Stande,  scharfe  Grenzen  zwischen  jeder  Art  von  Epithel  und 
jeder  Art  von  Bindegewebe  zu  ziehen;  es  ist  dies  nur  da  möglich, 
wo  Plattenepithel  sich  findet,  und  auch  hier  nicht  überall,  wäh- 
rend die  Grenzen  zweifelhaft  sind  überall,  wo  Gylmder  -  Epithel 
existirt. 

Ebenso  verfälschen  sich  die  Grenzen  auch  anderswo.  Während 
man  früher  zwischen  Muskel-  und  Sehnen-Elementen  eine  scharfe 
Grenze  annahm,  so  hat  sich  auch  hier,  zuerst  durch  Hyde 
S alter  und  Huxley,  ergeben,  dass  an  die  Elemente  des  Binde- 
gewebes direct  Faserzellen  sich  anschliessen,  welche  nach  und 
nach  den  Charakter  quergestreifter  Muskehi  annehmen.  Auf 
diese  Art  ergeben  sich  in  dem  Bindegewebe  sowohl  mit  den 
Elementen  der  Oberfläche,  als  mit  den  edleren  Elementen  der 
Tiefe  continuiriiche  Verbindungen.  Erwägt  man  nun  anderer- 
seits, dass  die  Elemente  des  Bindegewebes  aller  Wahrscheinlich- 
keit nach  bestimmte  Beziehungen  zu  dem  Gefässapparat,  insbe- 
sondere zu  den  Lympbgefässen  haben,  so  liegt  es  sehr  nahe,  in 


Abstammung  der  Gewebe.  81 

dem  Bindegewebe  eine  Art  von  indifferentem  Sammelpunkt, 
eine  eigenthomliche  Einrichtnog  far  die  innere  Verbindung  der 
Theile  zu  sehen,  eine  Einrichtung,  die  allerdings  nicht  für  die 
höheren  Funktionen  des  Thieres,  aber  wohl  für  die  Ernährung  und 
Entwickelung  von  der  allergrössten  Bedeutung  ist. 

Noch  viel  auffälliger  sind  die  Beziehungen  zwischen  den  letz- 
ten Verzweigangen  der  peripherischen  Nerven  und  den  Elementen 
anderer  Gewebe.  Seit  Doyfere  hat  sich  die  Aufmerksamkeit  haupt- 
sächlich der  Verbindung  zwischen  den  letzten  Ausläufern  der  mo- 
torischen Nerven  und  den  Huskelprimitiv bündeln  zugewendet,  und 
es  ist  nicht  mehr  zweifelhaft,  dass  die  ersteren  das  Sarkolemm 
dorchbohren  und  in  direkten  Gontakt  mit  der  Fleischsubstanz  tre- 
ten. Noch  weiter  gehen  die  Verbindungen  zwischen  den  terminalen 
Nerven  und  den  Epithelien.  Hensen  hat  in  Froschlarven  die 
Nervenfädchen  bis  zu  den  Eernkörperchen  der  Hautepithelien  ver- 
folgt; Lipmann  hat  Aehnliches  an  dem  hinteren  Epithel  der 
Hornhaut  und  selbst  an  den  Eörperchen  der  Hornhaut  wahrge- 
nommen. Pflüg  er  sah  die  letzten  Nervenausläufer  an  die  Zellen 
der  Speicheldrüsen  treten. 

An  die  Stelle  des  Gontinuitätsgesetzes  muss  man  daher  noth- 
wendig  etwas  Anderes  setzen.   Nicht  der  Zusammenhang  zwischen 
den  Theilen,  welcher  möglicherweise  erst  einer  späteren  Entwicke- 
lungszeit  angehört,   und  welcher  Verbindungen  zwischen  Theilen 
sehr  verschiedener  Natur  herbeiführen  kann,  sondern  die  Entste- 
hung  ist   entscheidend.     Die  Verwandtschaft  der  Gewebe   führt 
zurück    auf    eine    gemeinsame    Abstammung  (Descendenz). 
Allerdings  lehrt  die  Geschichte  des  befruchteten  Ei's,  dass  in  letz- 
ter Abstammung  die  verschiedenartigsten  Gewebe  von  einem  ge- 
meinschaftlichen Anfange  ausgehen,    aber   in  dem  Fortgange  der 
Proliferation  kommen  wir  an  gewisse  Stadien,    wo   die  einzelnen 
Zellen  oder  Zellengruppen  ihre  Differenzirnng  beginnen,  und  von 
hier  aus  kehrt  jede  Zelle  oder  Zellengruppc  ihre  besondere  Eigen- 
thnmlichkeit  heraus.    Eine  gewisse  Familienähnlichkeit  kann  ihnen 
allen  anhaften;  nichtsdestoweniger  geht  eine  jede  Gruppe  ihren  ei- 
genen Weg,  der  von  dem  der  anderen  verschieden  ist.    Bei  Men- 
schen einer  bestinmiten  Race  finden  sich  gewisse  Eigenschaften  der 
Haare  und  der  Haut,  des  Schädel-  und  Zahnbaus,  der  Grösse  und 
des  Umfanges  der  verschiedensten  Skelettheile  mit  so  grosser  Be- 
ständigkeit wieder,  dass  wir  aus  einzelnen  Merkmalen  auf  die  Auwe- 

Virehov,  CHInUr-Paihol.     4.  Aufl.  G 


82  Drittes  Gapitel. 

senheit  der  anderen  schliessen  können.  Der  gemeinsame  Ursprung 
aller  Gewebe  von  dem  einen  befruchteten  Ei  gibt  die  allerdings  nur 
grobe  Erklärung  dieser  Erfahrung.  Von  Zelle  zu  Zelle  pflanzt  sich 
wenigstens  etwas  aus  dem  ursprünglichen  Vorgewebe  fort.  Je  mehr 
sich  die  Matriculargewebe  ausbilden,  um  so  sichtbarer  wird  die  Ver- 
wandtschaft ihrer  Derivate  unter  einander.  Wenn  aus  dem  Rete  Mal- 
pighii  des  Embryo  einerseits  Haarzwiebeln,  andererseits  Schweiss- 
und  Talgdrüsen  entstehen,  so  lässt  sich  vermuthen,  dass  eine  ge- 
wisse Beziehung  zwischen  Haarbildung  und  Absonderung  von 
Schweiss  und  Talg  bestehen  muss,  und  es  begreift  sich,  dass  Bei- 
des bei  einem  Neger  anders  ist,  als  bei  einem  Weissen. 

Eine  genauere  Eenntniss  der  Stammbäume  der  Gewebe 
wird  manches  noch  jetzt  bestehende  Räthsel  lösen.  Leider  sind 
die  embryologischen  Erfahrungen  noch  keineswegs  sicher  genug, 
um  aach  nur  eine  üebersicht  zu  geben^  Hat  doch  erst  in  neuerer 
Zeit  His  alle  früheren  Vorstellungen  angegriffen,  indem  er  das 
embryonale  Bindegewebe-  gar  nicht  von  der  Eizelle,  sondern  von 
dem  Dotter  ausgehen  lässt,  der  sich  ausserhalb  derselben  befindet. 
Schon  die  früheren  Embryologen  waren  darin  einig,  dass  eine  an- 
dere Quelle  für  das  Bindegewebe,  als  für  die  Epithelialformation 
besteht,  dass  besondere  Heerde  für  Muskel-  und  Nervenbildung 
existiren.  Je  weiter  die  Forschung  schreitet,  um  so  sicherer  wird 
sich  von  diesem  Felde  aus  die  genetische  Topographie  des 
Körpers  gestalten  lassen. 

Für  den  erwachsenen  Körper,  ja  schon  für  die  späteren  Zeiten 
der  fötalen  Entwickelung  ist  von  entscheidender  Wichtigkeit  das 
Gesetz  der  histologischen  Substitution.  Bei  allen  Geweben 
derselben  Gruppe  besteht  die  Möglichkeit,  dass  sie  gegenseitig  für 
einander  eintreten.  Zu  verschiedenen  Zeiten  des  Lebens  finden 
sich  an  derselben  Stelle  verschiedene  Glieder  einer  Gewebsgruppe. 
Bei  verschiedenen  Thierklassen  wird  an  einem  bestimmten  Orte 
des  Körpers  das  eine  Gewebe  ersetzt  durch  ein  analoges  Gewebe 
derselben  Gruppe,  mit  anderen  Worten,  durch  ein  histologisches 
Aequivalent. 

Eine  Stelle,  welche  Cylinderepithel  trägt,  kann  Plattenepithel 
bekommen ;  eine  Fläche,  die  anfänglich  flimmerte,  kann  später  ge- 
wöhnliches Epithel  haben.  So  treffen  wir  an  der  Oberfläche  der 
Himventrikel  zuerst  Flimmer-,  späterhin  einfaches  Plattenepithel. 
Die  Schleimhaut  des  Uterus  flimmert  für  gewöhnlich,  aber  in  der 


Histologische  Aequivalente.  g3 

Gravidität  wird  die  Schicht  der  Flimmercylinder  an  der  Decidna 
ersetzt  durch  eine  Lage  von  Plattenepithel.  An  Stellen,  wo  wei- 
ches Epithel  vorkommt,  entsteht  nnter  umständen  Epidermis,  z.  B. 
an  der  vorgefallenen  Scheide,  an  den  Stimmbändern.  In  der  Scle- 
rotica  der  Fische  findet  sich  E[norpel,  während  sie  beim  Menschen 
ans  dichtem  Bindegewebe  besteht;  bei  manchen  Thieren  kommen 
an  Stellen  der  Haut  Knochen  vor,  wo  beim  Menschen  nur  Binde- 
gewebe liegt,  aber  auch  beim  Menschen  wird  an  vielen  Stellen, 
wo  gewöhnlich  Knorpel  liegt,  zuweilen  Knochengewebe  gefunden, 
z.  B.  an  den  Rippenknorpeln.  Knorpel  kann  sich  in  Schleimge- 
webe, dieses  in  Fettgewebe  oder  in  Ejiochengewebe  umwandeln, 
wie  es  bei  der  gewöhnlichen  Knochen-Entwickelung  der  Fall  ist. 
Am  anfffiOigsten  sind  diese  Substitutionen  im  Gebiete  der  Mus- 
keln. Der  Oesophagus  besitzt  in  seinem  oberen  Abschnitte  quer- 
gestreifte, im  unteren  glatte  Muskelfasern.  Bei  einigen  Fischen 
findet  sich  quergestreifte  Muskulatur  an  Theilen  des  I^ahrungska- 
nals,  wo  die  anderen  glatte  haben,  z.  B.  am  Magen  des  Schlamm- 
peitzgers  (Cobitis)  und  am  Darm  der  Schleie  (Tinea). 

Nicht  alle  diese  Substitutionen  sind  gleichwerthig.  Ein  Theil 
derselben  führt  direkt  auf  Metaplasie  (S.  70)  zurück,  indem  die 
Elemente  persistiren  und  entweder  ihren  Charakter  ändern,  oder 
eine  andere  Art  von  Intercellularsubstanz  abscheiden.  Wenn  Knor- 
pel in  Schleimgewebe  übergeht,  so  bleiben  seine  Zellen  bestehen 
und  die  Intercellularsubstanz  wird  weich.  Ein  anderer  Theil  der 
Substitutionen,  nehmlich  alle  diejenigen,  bei  welchen  es  sich  um 
verschiedene  Arten  von  Thieren  handelt,  also  alle  diejenigen, 
welche  der  vergleichenden  Anatomie  angehören,  zeigt  uns  paral- 
lele, aber  nicht  continuirliche  Reihen.  Haare  und  Federn  sind 
parallele,  Knorpel  und  Knochen  continuirliche  Aequivalente. 


G 


» ^ 


Viertes  CapiteL 

Die  pathologischen  Gewebe. 


Dl«  pmtholofiMlMB  Ocvtbe  (KcoplMmen)  «ad  Ihr«  CUati6eation.  B«d«atang  d«r  V««cial«ri«atloB. 
Di«  Doctrin  tob  d«n  •pecifiich«n  Elem«ntcn:  Kreba,  Tob«rk«l.  DI«  phjtiologlsclMB  Yorbll- 
d«r  (Reprodsctlon).  Binfsch«  (bUtioldf)  ood  saMinnieng««etat«  (orfaaold«  «ad  t«r«toldc) 
Neabildaag««.  Honolofl«  «ad  H«t«rologic  ( Het«rotopl« ,  Hetcrochroal« ,  Il«t«roM«tri« ;. 
Maligaitit.  Hjptrtrophl«  nad  HyperpUtie.  Kriteri^a  der  Homolog i«.  Degca«ratioB.  Progno- 
ttiteb«  Ocalchtapaakt«. 

Uag«w5haUcbc  Aaalogi««  d«r  patboloicItcheB  6«««be:  Krcb«.  B«rkom  (6piBd«lM}l«B,  Rl«««a«cllea}. 
▲bfUmmoag  d«r  pathologuchea  Gewcb«:  CoBtiaoillt  der  fiatwickcloag,  DUcoBUaaiUt  d«i 
Typa«.  Patbologlftche  SnbstUatioaca  «ad  AeqQlvaleat«.  Homologe  uad  heurolog«  8ab«ti> 
tatloa.  Bllduag  p«r  prlman  aut  ««eeadaai  iatcBtioaam.  VerachiedeaarUg«  Satatchaog  d«r<- 
••Ibea  Gcwob«  aatcr  Teracbied«aeB  BediogoBgea:  Kaochea,  Bladeg«w«b«.  Orgaalaatioa  fibrl- 
afii«r  Blaateme.    M«Upla«l«.    V«r«ehicdeBartlg«  AbstamiaaBg  d«raelb«n  G«wcb«art 


n  enn  man  von  pathologischen  Geweben  spricht,  so  kann  man 
natürlich  damit  nnr  die  pathologisch  neu  entstandenen  meinen, 
und  nicht  etwa  die  durch  irgend  eine  pathologische  Störung  yer- 
änderten  physiologischen  Theile.  Es  handelt  sich  also  hier  um 
eigentliche  Neubildungen,  Neoplasmen,  um  das,  was  im  Laufe 
pathologischer  Processe  an  neuen  Geweben  zuwächst,  und  es  fragt 
sich:  lässt  sich  das,  was  wir  physiologisch  als  allgemeine  Typen 
der  Gewebe  hingestellt  haben,  auch  pathologisch  festhalten?  Darauf 
antworte  ich  ohne  Rückhalt:  ja,  und  so  sehr  ich  auch  darin  ab- 
weiche von  vielen  der  lebenden  Zeitgenossen,  so  bestimmt  man 
auch  noch  in  den  letzten  Jahren  die  ganz  besondere  (speeifische) 
Natur  der  Elemente  vieler  pathologischen  Gewebe  hervorgehoben 
hat,  so  bin  ich  doch  überzeugt,  dass  jedes  pathologische  Gebilde 
ein  physiologisches  Vorbild  hat,  und  dass  keine  pathologische  Form 
entsteht,  deren  Elemente  nicht  zurückgeführt  werden  könnten  auf 
ein  in  der  thierischen  Oekonomie  gegebenes  Vorbild. 


Classification  der  Neoplasmen.  g5 

Die  Classification  der  pathologischen  Nenbildangen  ist  früher- 
hin  meistentheils  versucht  worden  vom  Standpunkte  der  Vascu- 
larisation  aus.  Bis  zur  Zeit  der  Zellentheorie  hat  man  die  Frage 
von  der  Organisation  bestimmter  Theile  entschieden  durch  den  Nach- 
weis ihrer  Vascularisation  oder  Nicht- Vascularisation.  Man  nahm 
jeden  Theil  als  organisirt,  der  Gefässe  enthielt,  jeden  als  nicht  or- 
ganisirt,  der  keine  Gefässe  führte.  Dies  ist  für  den  heutigen  Stand- 
punkt an  sich  schon  eine  Unrichtigkeit,  insofern  wir  auch  physiolo- 
gische Gewebe  ohne  Gefässe,  wie  die  Knorpel,  das  Epithel  haben. 

So  lange  als  man,  entsprechend  dem  niedrigen  Stande  der 
mikroskopischen  Technik,  die  zelligen  Elemente  höchstens  als 
Kügelchen  kannte  und  diesen  Eügelchen  sehr  verschiedene  Be- 
deutung beilegte,  war  es  zu  verzeihen,  dass  man  sich  an  die  Ge- 
fässe hielt,  insbesondere  seit  John  Hunter  die  Yergleichung  der 
pathologischen  Neubildung  mit  der  Entwickelung  des  Hühnchens 
im  Ei  in  die  allgemeine  Vorstellung  eingeführt  und  zu  zeigen  ver- 
sucht hatte,  dass  ähnlich,  wie  das  Punctum  saliens  im  Hühnerei 
die  erste  Lebenserscheinung  darstelle,  so  auch  in  pathologischen 
Bildungen  Blut  unj  Geßlss  das  Erste  sei.  Nach  diesem  Vorbilde  be- 
schrieben noch  Rust  und  Kluge  manche  „parasitischen^  Neubil- 
dungen als  versehen  mit  einem  unabhängigen  Gefösssystem,  wel- 
ches, ohne  Wurzel  in  den  alten  Gefässen,  sich,  wie  im  Hühnchen, 
ganz  selbständig  bilden  sollte.  Freilich  hatte  man  schon  vor  dieser 
Zeit  vielfach  versucht,  die  scheinbar  so  abweichenden  Formen  der 
Neubildungen  auf  physiologische  Paradigmen  zurückzuführen;  na- 
mentlich ist  dies  ein  wesentliches  Verdienst  der  Naturphilosophen 
gewesen,  in  jener  Zeit,  wo  die  Theromorphie  eine  grosse  Rolle 
spielte  und  man  in  den  pathologischen  Dingen  vielfache  Analogien 
mit  den  Zuständen  niederer  Thiere  fand,  hat  man  auch  angefan- 
gen, VergleichuDgen  zwischen  den  krankhaften  Neubildungen  und 
bekannten  Theilen  des  gesunden  Körpers  zu  machen.  So  sprach 
der  alte  J.  F.  Meckel  von  dem  brustdrüsenartigen,  dem  pan- 
creasartigen  Sarkom.  Die  Heteradenie,  die  heterologe  Bildung 
von  Drüsensubstanz,  welche  in  der  neuesten  Zeit  von  Paris  aus 
als  eine  Neuigkeit  beschrieben  worden  ist,  war  in  der  deutschen 
naturpbilosophischen  Schule  vor  einem  halben  Jahrhundert  eine 
ziemlich  allgemein  angenonunene  Thatsache. 

Erst  seitdem  man  die  histologische  Seite  der  Entwickelungs- 
gescbichte  zu  bebauen  begonnen  hat,  hat  man  sich  mehr  und  mehr 


86  Viertes  Capitel. 

davon  überzeagt,  das»  die  meisten  Neubildungen  Theile  enthalten, 
welche  irgend  einem  physiologischen  Gewebe  entsprechen.  Selbst 
in  den  mikrographischen  Schulen  des  Westens  hat  man  sich  theil* 
weise  begnügt  anzunehmen,  dass  es  in  der  ganzen  Reihe  der  Neu- 
bildungeli  nur  ein  besonderes  Gebilde  gäbe,  welches  specifisch  ab- 
weichend sei  von  allen  natürlichen  Bildungen,  nämlich  den  Krebs. 
Von  ihm  nahm  man  an,  dass  er  ganz  und  gar  von  den  physiolo- 
gischen Geweben  abweiche,  Elemente  sui  generis  enthalte,  während 
man  eigenthumlicher  Weise  das  zweite  Gebilde,  das  die  Aelteren 
dem  Eürebsgewebe  anzunähern  pflegten,  nämlich  den  Tuberkel,  viel- 
fach bei  Seite  liess,  obwohl  man  doch  auch  für  ihn  kein  Analogon 
fand.  Aber  man  deutete  ihn  als  ein  unvollständiges,  mehr  rohes 
(c rüdes)  Product,  als  ein  nicht  recht  zur  Organisation  gekomme- 
nes, gewissermaassen  unfertiges  Gebilde,  und  glaubte  ihn  daher 
mehr  den  blossen  Exsudationen  anreihen  zu  dürfen. 

Wenn  man  jedoch  den  Krebs  oder  den  Tuberkel  sorgfältiger 
betrachtet,  so  kommt  es  auch  bei  ihnen  nur  darauf  an,  dasjenige 
Stadium  ihrer  Entwickelung  aufzusuchen,  in  welchem  sie  die  Höhe 
ihrer  Gestaltung  erreicht  haben.  Man  darf  weder  zu  früh  unter- 
suchen, wo  die  Entwickelung  unvollendet,  noch  zu  spät,  wo  sie 
über  ihr  Höhenstadium  hinausgerückt  ist.  Hält  man  sich  an  die 
Zeit  der  Entwickelungshöhe  (Acme,  Florescenz),  so  lässt  sich 
für  jedes  pathologische  Gewebe  auch  ein  physiologisches  Vorbild 
finden,  und  es  ist  eben  so  gut  möglich,  für  die  Elemente  des 
Krebses  solche  Vorbilder  zu  entdecken,  wie  es  möglich  ist,  die- 
selben für  den  Eiter  zu  finden,  der,  wenn  man  einmal  specifische 
Gesichtspunkte  festhalten  will,  ebenso  im  Rechte  ist,  als  etwas 
Besonderes  betrachtet  zu  werden,  wie  der  Krebs.  Beide  stehen 
sich  darin  vollkommen  parallel,  und  wenn  die  Alten  von  Krebs- 
eiter gesprochen  haben,  so  haben  sie  in  gewissem  Sinne  Recht 
gehabt,  da  der  Eiter  vom  Krebssafte  sich  nur  durch  die  Ent- 
wickelungshöhe der  einzelnen  Elemente  unterscheidet 

Eine  Classification  auch  der  pathologischen  Gebilde  lässt  sich 
ganz  in  der  Weise  aufstellen,  die  wir  vorher  für  die  physiologi- 
schen Gewebe  versucht  haben.  Zunächst  gibt  es  auch  hier  Ge- 
bilde, welche,  wie  die  epithelialen,  wesentlich  aus  zelligen  Theilen 
zusammengesetzt  sind,  ohne  dass  zu  diesen  etwas  Erhebliches  hin- 
zukommt (epitheliale  Neubildungen).  In  zweiter  Linie 
treffen  wir  Gewebe,   welche   sich  denen  der  Bindesubstanz    an- 


Pathologische  Organe.  87 

schliessen,  indem  regelmässig  neben  zelligen  Theilen  eine  gewisse 
Menge  von  Zwischensnbstanz  vorhanden  ist  (bindegewebige 
Nenbildnngen).  Endlich  in  dritter  Linie  kommen  diejenigen 
Bildungen ,  welche  sich  den  höber  organisirten  Theilen,  Blut, 
Muskeln,  Nerven  u.  s.  w.  anschliessen.  Es  ist  jedoch  von  vorn 
herein  hervorzuheben,  dass  in  den  pathologischen  Bildungen  die- 
jenigen Elemente  häufiger  vorhanden  sind,  ja  entschieden  vor- 
walten, welche  nur  den  niederen  Graden  der  eigentlich  thierischen 
Entwickelung  entsprechen,  dass  dagegen  im  Ganzen  diejenigen 
Elemente  am  seltensten  nachgebildet  werden,  welche  den  höher 
organisirten,  namentlich  den  Muskel-  und  Nervenapparaten  ange- 
hören. Ausgeschlossen  sind  jedoch  auch  diese  Bildungen  keines- 
w^s;  vielmehr  kennen  wir  jede  Art  von  pathologischer  Neubil- 
dung, sie  mag  auf  ein  Gewebe  bezüglich  sein,  auf  welches  sie  will, 
wenn  es  nur  überhaupt  einen  erkennbaren  Habitus  hat.  Nur  in 
Beziehung  auf  die  Häufigkeit  und  die  Wichtigkeit  der  einzelnen 
neu  gebildeten  Gewebe  besteht  eine  Verschiedenheit  in  der  Art, 
dass  die  grOsste  Mehrzahl  der  pathologischen  Producte  überwiegend 
epitheliale  oder  Elemente  der  Bindesubstanz  führen,  und  dass  von 
denjenigen  Gebilden,  welche  wir  in  der  letzten  Klasse  der  nor- 
malen Gewebe  zusammenfassten,  am  häufigsten  Gefässe  und  Theile, 
welche  mit  der  Lymphe  und  den  Lymphdrüsen  verglichen  werden 
können,  neu  entstehen,  am  seltensten  aber  wirkliches  Blut,  Mus- 
keln und  Nerven. 

Dass  man  diesen  so  einfachen  Standpunkt  noch  jetzt  vielfach 
leugnet,  erklärt  sich  nicht  bloss  daraus,  dass  das  Verständniss  der 
pathologischen  Histologie  überall  die  genaueste  Eenntniss  der 
physiologischen  voraussetzt  und  ohne  diese  ganz  und  gar  in  die 
Irre  geht,  sondern  vielleicht  noch  mehr  daraus,  dass  es  sich  hier 
nicht  bloss  um  einfache  Gewebe,  sondern  häufig  um  besondere  und 
grössere  Zusamni^nordnungen  von  Geweben  handelt,  welche  sich 
zu  einer  Art  von  pathologischen  Organen  zusammenfügen. 
Ein  Dermoid  besteht  nicht  bloss  aus  Epidermis  oder  aus  Binde- 
gewebe, sondern  es  stellt  eine  pathologische  Reproduction  des 
Derma  in  seiner  ganzen  Zusammensetzung  als  Hautorgan  dar, 
in  welche  Zusammensetzung  Epidermis  und  Bindegewebe,  Haare, 
Talg-  und  Schweissdrüsen,  Fettgewebe  und  glatte  Muskeln,  Ge- 
fässe und  Nerven  eintreten  können.  Ein  Osteom  besteht  nicht  bloss 
aus  Knochengewebe  (tela  ossea),  sondern  es  kann  ausserdem  Mark, 


88  Viertes  Oapitel. 

Knorpel  ond  Bindegewebe  enthalten.  Und  so  entspricht  aach  der 
Krebs  nicht  einem  einzigen  physiologischen  Gewebe,  sondern  er 
enthält,  ähnlich  wie  eine  Druse,  zellige  Elemente  in  besonderen 
Hohlräumen  oder  Kanälen,  welche  getragen  werden  durch  ein 
Stroma  von  Bindegewebe  mit  Gefissen.  Alle  diese  Arten  von 
Nenbildongen  entsprechen  also  den  Gegenständen  der  speciellen 
Histologie,  der  Organenlehre,  und  ihre  gesammte  Lebensgesehichte, 
ihre  Entwickelnng  und  Rückbildong  lässt  sich  nicht  nach  dem 
Maassstabe  einfacher  Grewebe  benrtheileu,  sondern  nur  nach  dem 
Vorbilde  zusammengesetzter  Organe  des  Körpers,  grösserer  ana- 
tomischer Gruppen  von  Theilen  des  Organismus,  welche  bekannt- 
lich gerade  durch  ihre  Zusammenfügung  aus  verschiedenen  Ge- 
weben eine  weit  grössere  Mannichfaltigkeit  des  Lebens  und  Er- 
krankens  darbieten,  als  dies  an  einfachen  Geweben  möglich  ist. 

Es  zerfällt  daher  die  ganze  Reihe  der  Neoplasmen  in  zwei 
grössere  Kategorien;  einfache  (histioide)  und  zusammen- 
gesetzte (organoide).  Die  einfachen  finden  sich  in  den  zu- 
sammengesetzten wieder.  Epithel  und  Bindegewebe  können  jedes 
für  sich  eine  Neubildung  aufbauen:  sie  können  aber  auch  zu- 
sammentreten und  eine  Art  von  pathologischem  Organ  erzeugen. 
Kommen  dazu  immer  mehr  und  mehr  Gewebe,  so  kann  endlich 
ein  so  complicirtes  Grefuge  entstehen,  dass  es  nur  mit  grösseren 
Systemen  des  Körpers  zu  vergleichen  ist.  Indess  ist  dies  selten 
und  auch  dann  gewöhnlich  so  unordentlich,  dass  man  diese  Ka- 
tegorie als  einen  blossen  Anhang  zu  der  Lehre  der  Neubildungen 
zu  betrachten  hat.  Manche  dieser  systematoiden  Neubildungen 
gleichen  so  sehr  gewissen  Monstrositäten,  ja  ihre  Grenze  gegen 
die  eigentlich  fötalen  Missbildungen  ist  so  schwer  zu  ziehen,  dass 
ich  sie  mit  dem  allgemeinen  Namen  der  teratoiden  belegt 
habe*). 

Wenn  man  diesen  rein  physiologischen  Gesichtspunkt  festhält, 
so  wirft  sich  sofort  die  Frage  auf,  was  aus  der  Lehre  von  der 
Heterologie  der  krankhaften  Producte  wird,  einer  Lehre,  welche 
aufrecht  zu  erhalten  man  ülch  seit  langer  Zeit  bemuht  hat,  und  auf 
welche  die  naturliche  Anschauung  scheinbar  mit  einer  gewissen 
Nothwendigkeit  hinführt.  Hierauf  kann  ich  nicht  anders  antworten, 
als  dass  es  keine  andere  Art  von  Heterologie  in  den  krankhaften 

•)  Geschwülste.    BJ.  1,    S-  1)6. 


Heterologie  und  Malignitat.  89 

Gebilden  gibt,  als  die  ungehörige  Art  ihrer  Entstehung  oder 
ihres  V^orkommens,  und  dass  diese  Ilngehörigkeit  sich  entweder 
darauf  bezieht,  dass  ein  Gebilde  erzeugt  wird  an  einem  Punkte, 
wo  es  nicht  hingehört,  oder  zu  einer  Zeit,  wo  es  nicht  erzeugt 
werden  soll,  oder  in  einem  Grade,  welcher  von  der  typischen 
Norm  des  Körpers  abweicht.  Jede  Heterologie  ist  also,  genauer 
bezeichnet,  entweder  eine  Heterotopie,  eine  Aberratio  loci,  oder 
eine  Aberratio  temporis,  eine  He tero chronic,  oder  endlich  eine 
bloss  quantitative  Abweichung,  Heterometrie.  Schleimgewebe, 
welches  im  Gehirn  entsteht,  findet  sich  am  unrechten  Orte;  eine 
Schleimgewebsgeschwulst,  welche  am  Nabel  eines  Erwachsenen 
wächst,  zeigt  eine  Gewebsbildung  zar  unrechten  Zeit;  die  Mola 
hydatidosa  stellt  eine  excessive  Neubildung  von  Schleimgewebe 
an  den  Zotten  des  Chorion  dar,  also  eine  Neubildung  in  unge- 
höriger Menge. 

Man  muss  sich  aber  wohl  in  Acht  nehmen,  diese  Heterologie 
im  weiteren  Sinne  des  Wortes  nicht  zu  verwechseln  mit  der  Ma- 
li gni  tat.  Die  Heterologie  im  histologischen  Sinne  bezieht  sich 
auf  einen  grossen  Theil  von  pathologischen  Neubildungen,  die  von 
dem  Standpunkte  der  Prognose  durchaus  gutartig  genannt  werden 
müssen.  Nicht  selten  geschieht  eine  Neubildung  an  einem  Punkte, 
wo  sie  freilich  durchaus  nicht  hingehört,  wo  sie  aber  auch  keinen 
erheblichen  Schaden  anrichtet,  oder  wo  der  Schaden,  den  sie  an- 
richtet, nicht  aus  dem  Wesen,  der  Art  der  Geschwulst  als  solcher, 
sondern  aus  ihrer  Lage,  ihren  Nachbarverhältnissen  zu  anderen 
Theilen,  also  aus  den  Zufälligkeiten  des  Sitzes  und  der  Entwicke- 
lung  zu  erklären  ist.  Es  kann  ein  Fettklumpen  sich  sehr  wohl 
an  einem  Orte  erzeugen,  wo  wir  kein  Fett  erwarten,  z.  B.  in  der 
Submucosa  des  Dünndarms,  aber  im  besten  Falle  entsteht  dadurch 
ein  Polyp,  der  auf  der  inneren  Fläche  des  Darms  hervorhängt 
und  der  ziemlich  gross  werden  kann,  ehe  er  Erankheitserschei- 
nnngen  hervorruft.  Tritt  dieser  Fall  aber  ein,  so  folgen  daraus 
Erscheinungen  der  Zerrung,  des  Druckes,  der  Hemmung,  also 
Erscheinungen  mechanischer  Art,  aber  keine  einzige  Erscheinung 
wirklich  maligner  Art.  Denn  wir  können  nur  das  busartig  nennen, 
was  seiner  Natur  nach  schädlich  ist,  nicht  das,  was  nur  durch 
besondere  Verhältnisse,  per  accidens,  schädlich  wirkt. 

Betrachtet  man  die  im  engeren  Sinne  heterolog  zu  nennenden 
Gebilde  in  Beziehung  zu  den  Orten,  wo  sie  entstehen,  so  ergibt 


90  Viertes  Capitel. 

aich  ihre  Trenaang  von  den  homologen  dorcfa  deo  Nachweis,  dus 
sie  von  dem  Typns  desjenigen  Theils,  in  welchem  sie  entstehen, 
abweichen.  Wenn  im  Fettgewebe  eine  Fettgeäcbwolst  oder  im 
Bindegewebe  eine  Bindegewebs -Geschwnlst  sich  bildet,  so  ist  der 
Typas  der  BUdong  des  Neneo  homolog  dem  Typas  der  Bildung 
des  Alten.  Alle  solche  Bildnngen  fallen  der  gewöhnlichen  Bezeich- 
nung nach  unter  den  Begriff  der  Hypertrophie,  oder,  wie  ich  zur 
geoauereo  Unterscheidung  vorgeBchlagen  habe  zu  sagen,  der  Uy  - 
perptasie*).  Hypertrophie  in  meinem  Sinne  bezeichnet  den 
Fall,  wo  die  einzeben  Elemente  eine  betr&chtltcbe  Masse  von  Stoff 
in  sich  aufnehmen  und  dadurch  grosser  werden,  und  wo  durch 
die  gleichzeitige  Vergrösserung  vieler  Elemente  endlich  ein  ganzes 
Organ  anschwillt.  Bei  einem  dicker  werdenden  Muskel  werden  alle 
Primitivbündel  dicker.  Eine  Leber  kann  einfach  dadurch  hyper- 
trophisch werden,  dase  die  einzelnen  Leberzellen  sich  bedeutend 


vergrösscrn.  In  diesem  Falle  gibt  es  eine  wirkliche  Hypertrophie 
ohne  eigentliche  Neubildung.  Von  diesem  Voi^ange  ist  wesentlich 
verschieden  der  Fall,  wo  eine  Vergrössenmg  erfolgt  durch  eine 
Vermehrung    der    Zahl  der    Elemente.     Eine  Leber  kann 

Fig.  39.  S«beaiati9«he  DBratellnngeu  tod  LeberzelteD.  A.  Einfacbe  phj- 
ainloKische  ADOrdnnn^  derselbeo.  B.  Hypertrophie,  a  einfacbe,  b  mit  KettauT- 
nahme  (fi'ttige  Degeneration,  Fetlleber).  C.  Ujpcrplasic  (numeriscbe  oder  ail- 
junetive  U;pertropbie),  a  Zelle  mit  Kern  und  gelhciltem  Kernkürpercben.  b  ge- 
lheilte Kerne,    i-,  c  gctbeilte  und  daher  kleinere  Zellen. 

*]  Handbuch  der  apec.  Pathol.  u.  Th«rapie.     1854.    1.    321—28. 


Hyperplasie.  91 

nehmlich  anch  grösser  werden  dadurch,  dass  an  der  Stelle  der  ge- 
wöhnlichen Zellen  sich  eine  Reihe  von  kleineren  entwickelt.  Eben- 
so sehen  wir  darch  einfache  Hypertrophie  das  Fettpolster  der  Haut 
anschwellen,  indem  jede  einzelne  Fettzelle  eine  grossere  Masse  von 
Fett  aafoimmt;  wenn  dies  an  Tansenden  nnd  aber  Tausenden,  ja 
man  kann  sagen,  an  Hunderttausenden  und  Millionen  von  Zellen 
geschieht,  so  ist  das  Resultat  ein  sehr  grobes  und  augenfälliges 
(Polysarcie).  Allein  es  kann  eben  so  gut  sein,  dass  sich  im  Fettge- 
webe neben  den  alten  Zellen  neue  hinzubilden  und  eine  Yergrösserung 
der  Gewebsmasse  erfolgt,  ohne  dass  die  Elemente  für  sich  eine  Yer- 
grösserung erfEÜiren.  Es  handelt  sich  hier  um  wesentlich  verschiedene 
Processe:  um  einfache  und  um  numerische  Hypertrophie. 
Hyperplastische  Processe  (numerische  oder  adjunctive  Hyper- 
trophie) bringen  in  allen  Fällen  Gewebe  hervor,  welche  dem  Ge- 
webe des  alten  Theiles  gleichartig  sind.  Eine  Hyperplasie  der  Le- 
ber bringt  wieder  Leberzellen,  die  des  Nerven  wieder  Nerven,  die 
der  Haut  wieder  die  Elemente  der  Haut  hervor.  Ein  heteroplasti- 
scher Process  dagegen  erzeugt  Gewebselemente,  welche  freilich 
natürlichen  Formen  entsprechen,  z.  B.  Elemente  von  drüsenartiger 
Natur,  Nervenmasse,  Theile  von  Bindegewebs-  oder  epithelialer 
Structur,  aber  diese  Elemente  entstehen  nicht  durch  einfache  Zu- 
nahme der  vorher  vorhanden  gewesenen,  sondern  durch  eine  Neu- 
bildung mit  Umwandlung  des  ursprünglichen  Typus  des  Muttei^e- 
webes.  Wenn  sich  Gehirnmasse  im  Eierstock  bildet,  so  entsteht 
dieselbe  nicht  aus  präexistirender  Gehirnmasse,  nicht  durch  irgend 
einen  Akt  einfacher  Vermehrung;  wenn  Epidermis  im  Muskel- 
fleische des  Herzens  entsteht,  so  mag  sie  noch  so  sehr  überein- 
stimmen mit  der  auf  der  äusseren  Haut,  sie  ist  doch  ein  hetero- 
plastisches Gebilde.  Wenn  sich  Haare  von  ganz  natürlichem  Bau 
in  der  Himsubstanz  finden,  so  mag  man  die  grösste  Uebereinstim- 
mung  finden  zwischen  ihnen  und  Haaren  der  Körper -Oberfläche; 
es  werden  dies  immer  heteroplastische  Haare  sein.  So  sehen  wir 
Knorpelsubstanz  entstehen,  ohne  dass  ein  wesentlicher  Unterschied 
zwischen  ihr  und  der  gewöhnlichen,  bekannten  Knorpelsubstanz  be- 
steht, z.  B.  in  Enchondromen.  Dennoch  erscheint  das  eigentliche  En- 
chondrom  als  eine  heteroplastische  Geschwulst,  selbst  am  Ediochen. 
Denn  der  fertige  Knochen  hat  an  den  Theilcn,  wo  das  Enchon- 
drom  sich  bildet,  keinen  Knorpel  mehr,  und  die  Phrase  von  dem 
Knochenknorpel,  als  der  organischen  Grundlage  des  Knochens,  ist 


92  Viertes  Capitel. 

eben  nur  eine  Phrase.  Es  ist  entweder  die  Tela  ossea  oder  die 
Tela  medallaris,  in  welcher  das  Eachondrom  sitzt,  und  gerade  da, 
wo  eigentlicher  Knorpel  liegt,  z.  B.  am  Gelenkende,  entstehen 
keine  Enchondrome  in  dem  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes.  Da- 
gegen finden  wir  sehr  ausgezeichnete  Enchondrome  in  Drüsen, 
z.  B.  in  den  Speicheldrüsen,  im  Hoden.  Es  handelt  sich  hier  also 
nicht  um  eine  Hypertrophie  oder  Hyperplasie,  die  ein  normaler 
Knorpel  eingeht,  sondern  es  ist  eine  vollständige  Neubildung, 
welche  eine  Veränderung  des  localen  Gewebstypus  darstellt.  In 
meinem  Sinne  kann  daher  dasselbe  Gewebe  das  eine  Mal 
homolog,  das  andere  Mal  heterolog  sein.  Fettgewebe  in 
der  Nierenkapsel  ist  homolog,  in  der  Nierensubstanz  heterolog. 
Epithel  in  Drüsenkanälen  ist  homolog,  im  Knochen  heterolog.  Die- 
selbe Geschwulst  kann  an  einer  Stelle  homolog,  an  einer  anderen 
heterolog  sein.  Eine  Knochengeschwulst  (Osteom)  am  Knochen 
ist  hyperplastisch,  im  Gehirn  heteroplastisch. 

Diese  Auffassung  ist  wesentlich  verschieden  von  der  früher 
gangbaren,  wie  sie  z.  B.  Lob  stein  vertrat,  als  er  die  Neubil- 
dungen in  homöo plastische  und  heteroplastische  eintheilte.  Denn 
bei  ihm,  wie  noch  in  der  neuesten  französischen  Schule,  gilt  als 
homöoplastisch  jede  Neubildung,  welche  eine  den  physiologischen 
Geweben  oder  Organen  des  Körpers  entsprechende  Zusammen- 
setzung zeigt;  eine  jede  solche  wurde  zugleich  als  gutartig  angese- 
hen. Ich  dagegen  nehme  in  Beziehung  auf  die  Frage  von  der  Hete- 
rologie  und  Homologie  keine  Rücksicht  auf  die  Zusammensetzung 
des  Neugebildes  als  solchen,  sondern  nur  auf  das  Yerhältniss  des- 
selben zu  dem  Mutterboden,  aus  dem  es  hervorgeht.  Heterologie 
in  diesem  Sinne  bezeichnet  die  Yerschiedenartigkeit  in  dem  Typus 
der  Entwickelung  des  Neuen  gegenüber  dem  Alten,  oder,  wie  man 
gewöhnlich  zu  sagen  pflegt,  die  Entartung  (Degeneration), 
die  Abweichung  von  der  Eigenart  des  typischen  Gewebes. 

Hiermit  ist  zugleich  der  entscheidende  prognostische  Anhalts- 
punkt gegeben.  Wir  kennen  Geschwülste,  welche  den  allergröss- 
ten  Einklang  ihrer  Elemente  darbieten  mit  den  bekanntesten  phy- 
siologischen Geweben.  Eine  Epidermis-Geschwulst  kann,  wie  ich 
schon  hervorgehoben  habe,  in  ihren  Elementen  vollständig  über- 
einstimmen mit  gewöhnlicher  Oberhaut,  aber  sie  ist  trotzdem  nicht 
immer  eine  gutartige  Geschwulst  von  bloss  localer  Bedeutung, 
welche  abgeleitet  werden  dürfte  von  einer  einfach  hyperplastischen 


Degenerative  Neubildung.  93 

Vermehrung  präexistirender  Gewebe,  denn  sie  entsteht  zaweilen 
mitten  in  Theilen,  welche  fem  davon  sind,  Epidermis  oder  Epithel 
zu  besitzen,  z.  B.  beim  Eankroid  im  Innern  von  Lymphdrüsen, 
in  dicken  Bindegewebslagen,  welche  von  allen  Oberflächen  entfernt 
Uegen,  ja  sogar  im  Knochen.  In  diesen  Fällen  ist  gewiss  die  Bil- 
dung von  Epidermis  so  heterolog,  als  sich  überhaupt  etwas  hete- 
rolog  denken  lässt.  Anch  hat  die  praktische  Erfahrung  gelehrt,  dass 
es  durchaus  unrichtig  war,  aus  der  blossen  Uebereinstinmiung  der 
pathologischen  Epidermis  mit  physiologischer  auf  den  gutartigen 
Verlauf  des  Falles  zu  schliessen.  Vielmehr  zeigt  uns  die  Beob- 
achtung der  Kranken,  dass  jeder  Fall  verdächtig  ist  und  uns  zur 
Vorsicht  mahnen  muss,  wo  mr  eine  heterologe  !N^eubildung  an- 
treffen. 

« 

Gerade  das  ist,  wie  ich  mit  besonderer  Betonung  bemerken 
muss,  nahezu  der  schwerste  und  am  meisten  begründete  Vorwurf 
gewesen,  welcher  den  mikrographischen  Schilderungen  der  jüngst 
verflossenen  Zeit  gemacht  wurde,  dass  sie,  in  dem  Sinne  Lob- 
stein's  von  dem  allerdings  verzeihlichen  Gesichtspunkte  der  hi- 
stologischen Uebereinstimmung  mancher  normalen  und  abnormen 
Bildungen  ausgehend,  jedes  pathologische  Neugebilde  für  unschäd- 
lich ausgaben,  welches  eine  Eeproduction  von  präexistirenden  und 
bekannten  Körpergeweben  darstellte.  Wenn  meine  Ansicht  richtig 
ist,  dass  überhaupt  innerhalb  der  pathologischen  Entwickelung 
keine  absolut  neuen  Formen  gefunden  werden,  dass  es  überall 
nur  Bildungen  gibt,  die  in  der  einen  oder  anderen  Weise  als  Re- 
productionen  physiologischer  Gewebe  betrachtet  werden 
müssen,  so  fällt  jener  Gesichtspunkt  in  sich  selbst  zusammen. 
Für  die  Richtigkeit  meiner  Ansicht  kann  ich  aber  die  Thatsache 
beibringen,  dass  ich  bis  jetzt  in  den  Streitigkeiten  über  die  Gut- 
oder Bösartigkeit  bestimmter  Geschwxdstformen  bis  auf  einen  Fall 
immer  noch  Recht  behalten  habe,  und  dass  ich  in  diesem  Falle, 
wo  ich  der  Erfahrung  mehr  Recht  einräumte,  als  meiner  Theorie, 
gerade  durch  eine  neue  Erfahrung  von  der  Zuverlässigkeit  dieser 
Theorie  fiberzeugt  wurde.  Es  handelte  sich  dabei  um  die  Mali- 
gnität  einer  Art  des  Dermoids.  — 

Dass  es  einer  so  langen  Zeit  bedurft  hat,  diese  so  einfachen 
Gesichtspunkte  zu  gewinnen,  erklärt  sich  zum  grossen  Theile  aus 
der  ungenauen  Kennt niss  der  selteneren  histologischen  Formen, 
zum  kleineren   aus   der   allerdings   ungewöhnlichen  Entwickelung 


94  TieTtea  Capjtel. 

mancher  pathologiscbeo  Elemente.  Die  Krebszelle  entfipricbt,  wie 
ich  gezeigt  habe*),  ihrer  ganzen  Erscbeinong  nach  den  Zelteo  der 
EpitbelialformatioD.  Aber  in  der  Mehrzahl  der  Krebse  haben  die 
Zellen  eine  Grösse,  Gestalt,  Eernentwickelnng,  wie  sie  ao  dem 
gewöhnlichen  Epithel  selten  vorkommt  Dagegen  zeigt  das  früher 
(S.  30,  Fig.  16.)  erwähnte  Epithel  derHamwege  die  grösst«  Ueber- 
einstimmnng  damit,  nnd  man  würde  gewiss  viel  früher  anf  die  rich- 
tige Deatnng  gekommen  sein,  wenn  man  dieses  eigentb&mliche  Epi- 
thel früher  richtig  gewürdigt  hätte.  In  den  sogenannten  Epiderrois- 
krebsen  oder  Kankroiden  dagegen  finden  sich  so  entschieden  epider- 
moidole  Formen,  dass  man  glanbte,  diese  Gescbwalstart  ganz  von 


Fig.  30.  Grosse  .Spindcliellen  (fibroplasttsche  Körper)  in  ihrer  lutiirlicbeD 
AnorilnunK  am  einem  .Sarromi  rusiM?elliilare  der  Kürkenmarkitbäiile.  Verfp^u. 
350.    C'Jwthwäl''"'  »■    S.  197.    V\g.  I3G). 

•)  ArchiT  1847.    Bd.  I.    S.  105. 


Sarkome.  {t& 

den  Krebsen  trennen  and  zn  den  einfach  hypertrophlBchen  ood  daher 
jmtartigen  BUdnngen  stellen  zu  mfissen.  In  den  SpiDdelsarkomon 
finden  sich  so  grosse  imd  etgenthümliche  Zellen,  dass  noch  jetzt 
Mancher  sich  weigert,  sie  den  gewöhnlich  so  kleinen  Spindelzellen 
des  Bindegewebes  (Fig.  4b.  21.)  parallel  zn  stellen;  hat  man  sich 
von  der  kolossalen  Entwickelnng  dieser  Spiudekellen  in  der  De- 
cidna  uterina  Qberzengt,  so  verschwindet  das  Anffällige.  In  den 
BiesenzeUensarkomen  wiederum  trilTt  man  überaas  grosse,  stellen- 
weise fast  ODgebenerliche  Zellen  mit  zahlreichen  Kernen,  fQr  die 


jede  Analogie  zn  fehlen  scbeint.     Allein  das  Stndiam  des  jai^en 
EDochenmarkes  oder  der  Rindenschicht  der  NebenniereD  lehrt  nns 
aoalf^e  Formen  anch  im  normalen  Entwickelnngsgange  kennen. 
Aof  dieser  Stufe  der  Erkenntniss  ai^elangt,  stosseo  wir  anf 


Fig.  31.  DarchBchnitt  auB  einer  Epnlis  urcom&tosa  des  Unterkiefers.  Zahl- 
reiche, dicht  gedrängte  SpiDdeUellea  (fibroplaslische  Körper)  bilden  ein«  Art  von 
naschigem  Qeröst,  in  dessen  Räumen  lielkemigo,  mit  feineren  und  grölieren 
Portsmtien  leraebeue  Rieseniellen  (myeloide  Zellen,  Hjeloplaxen)  liegen.  Vergr. 
300.    (Oeecbwölste  II.    S.  317.     Fig.  l.iS). 


96  Viertes  Capitel. 

eine  neue  Schwierigkeit.  Jedesmal,  wo  eine  pathologische  Bildung 
auf  physiologische  Vorbilder  zurückgeführt  wird,  erhebt  sich  die 
Frage,  ob  sie  nicht  direct  von  einem  solchen  physiologischen  Ge- 
bilde abstamme.  In  der  That  liegt  es  nahe,  an  eine  continuir- 
liche  Ent Wickelung  zu  denken,  und  wir  haben  die  ernstliche  Ver- 
pflichtung, in  jedem  solchen  Falle  zu  prüfen,  ob  nicht  wirklich 
ein  entsprechend  zusammengesetzter  oder  gebauter  Theil  Matrix 
des  pathologischen  sei.  Wenn  man  weiss,  dass  vielkemige  Riesen- 
zellen im  Knochenmark  vorkommen,  so  wird  man  geneigt  sein, 
mit  Nelaton  jedes  Riesenzellensarcom  (tumeur  a  myeloplaxes) 
vom  Knochenmark  abzuleiten.  Sieht  man,  dass  das  Kankroid  in  der 
Regel  aus  Epidermiszellen  besteht,  so  liegt  nichts  näher,  als  das- 
selbe auf  eine  örtliche  Wucherung  präexistirender  Epidermis  zu- 
rückzufuhren. Allein  die  Erfahrung  mahnt  hier  zu  grosser  Vor- 
sicht. Sonst  kommt  man  leicht  zu  Schlüssen,  wie  sie  früher  oft 
genug  gemacht  sind,  dass  z.  B.  ein  Teratom  des  Eierstocks,  weil 
es  Knochen  und  Zähne,  Haut  und  Haare,  ja  selbst  Muskeln  und 
Hirnmasse  enthält,  ein  degenerirter  Fötus  sei  oder  aus  einer  aber- 
rirten  Embryobildung  herstamme.  Man  darf  den  blossen  Wahr- 
scheinlichkeiten nicht  zu  sehr  nachgeben,  sonst  macht  man  blosse 
Conjectural-Pathologie. 

Eine  unbefangene  Prüfung  lehrt  allerdings,  dass  alle  patho- 
logischen Gewebe  continuirlich  aus  physiologischen  hervorgehen, 
aber  keinesweges  so,  dass  ihr  Typus  immer  unverändert  der  ihrer 
physiologischen  Matrix  bleibt.  Die  Entwickelung  selbst  ist 
stets  continuirlich,  der  Typus  aber  kann  discontinuir- 
lieh  sein,  und  gerade  diese  Aenderung  des  Typus  ergibt  für  mich 
das  entscheidende  Kriterium  der  Heterologie.  Wenn  die  Neuroglia 
des  Gehirns  gewöhnliches  Bindegewebe  oder  ausgezeichnetes  Schleim- 
gewebe hervorbringt,  so  geschieht  dies  durch  continuirliche  Vor- 
gänge, aber  der  Typus  der  Neuroglia  geht  dabei  verloren.  Ein 
Enchondrom  des  Hodens  entsteht  continuirlich  aus  dem  schwachen 
Interstitialgewebe  der  Drüse,  aber  ein  bis  dahin  ganz  unerhörtes 
Gewebe  tritt  im  Hoden  auf.  Das  eine  Gewebe  wird  hier  durch  ein 
anderes,  das  aus  ihm  hervorgegangen,  aber  von  ihm  verschieden 
ist,  substituirt. 

Wir  finden  demnach  auch  hier,  wie  im  physiologischen  Leben, 
gewisse  Substitutionen  und  Aequivalente  von  Geweben, 
und  gleichwie  im  Physiolofi^ischen  die  Grenze  dieser  Substitiooen 


Homologe  und  beterologe  Substitutionen.  97 

durch  das  ein  för  allemal  gegebene  Entwickelnngsgesetz  der  Spe- 
cies  bezeichnet  ist,  so  geschieht  anch  pathologische  Substitution 
stets  durch  Gewebe,  deren  Vorkommen  in  der  Species  physiolo- 
gisch nachweisbar  ist. 

In  krankhaften  Zuständen  gibt  es  heterologe  Substitu- 
tionen, wo  ein  bestimmtes  Gewebe  ersetzt  wird  durch  ein  Gewebe 
anderer  Art,  aber  nie  durch  ein  der  menschlichen  Organisation  frem- 
des Gewebe.  Selbst  dann,  wenn  der  Ersatz  von  dem  alten  Ge- 
webe des  Ortes  ausgebt,  kann  die  Neubildung  mehr  oder  weniger 
abweichen  von  dem  ursprünglichen  Typus  der  Matrix.  So  tritt  an 
die  Stelle  der  Haut,  welche  durch  Yerschwärung  verloren  gegan- 
gen ist,  eine  Narbe,  die  nicht  bloss  Binde  webe,  sondern  auch 
Epidermis  enthält,  obwohl  die  Matrix  dieser  Epidermis  das  Binde- 
gewebe der  Cutis  und  nicht  das  (verloren  gegangene)  Bete  Mal- 
pigfaii  sein  kann. 

Es  geschieht  also  die  Substitution  entweder  durch  Ersetzung 
vermittelst  eines  Gewebes  aus  derselben  Gruppe  (Homologie)  oder 
durch  ein  Gewebe  aus  einer  anderen  Gruppe  (Heterologie).  Auf 
letztere  muss  die  ganze  Doctrin  von  den  specifischen  Elementen 
der  Pathologie  zurückgeführt  werden,  welche  in  den  letzten  De- 
cennien  eine  so  grosse  Bolle  gespielt  haben.  Denn  diese  Gewebe 
sui  generis  sind  nicht  insofern  specifisch,  als  sie  im  natürlichen 
Entwickelungsgange  des  Körpers  kein  Analogen  finden,  sondern 
nur  insofern,  als  sie  unter  gewöhnlichen  umständen  nicht  zu  den 
constituirenden  Theilen  derjenigen  Organe  gehören,  in  welchen  sie 
unter  krankhaften  Verhältnissen  erzeugt  werden.  Deshalb  er- 
scheinen sie  nicht  sowohl  als  Bestandtheile  des  Organs,  welches 
sie  erzeugt,  als  vielmehr  als  Bestandtheile  der  Neubildung  (ge- 
wissermaassen  des  pathologischen  Organs),  welches  aus  ihnen  zu- 
sammengesetzt ist,  und  wir  vergessen  nur  zu  leicht,  dass  auch 
diese  Neubildung,  wenngleich  kein  an  sich  notbwendiger,  doch  ein 
continuirlich  zusammenhängender  Theil  jenes  physiologischen  Or- 
gans, und  somit  des  ganzen  Organismus  ist. 

Diese  Erkenntniss  ist  um  so  schwieriger,  als  in  der  Begel 
die  heterologe  Substitution  nicht  direct,  sondern  auf  einem  Um- 
wege erfolgt.  Denn  nicht  immer  entsprechen  sofort  die  ersten 
Anlagen  der  Neubildung  dem  endlichen  Producte;  selbst  die  Hy- 
perplasie geschieht  nicht  inmier  durch  sofortige  Erzeugung  homo- 
loger   Elemente    (per    primam    intentionem).     Sehr   häufig 

TirehAw.  CrllaUr-Pathol.     4.  Anfl.  7 


gg  Viertes  Gapitel. 

schiebt  sich  znerst  ein  Stadium  indifferenter  Bildungen  ein,  aus 
denen  sich  erst  langsam  die  besonderen  Formen  der  späteren  Zeit 
differenziren  (per  secnndam  intentionem).  Dasselbe  Ge- 
webe kann  auf  die  eine  und  auf  die  andere  Weise  ent- 
stehen. Ans  dieser  Erfahrung,  die  ich  nicht  genug  betonen  kanu, 
erklären  sich  zahlreiche  Widerspruche  der  Mikrographen,  welche  das 
Meiste  dazu  beigetragen  haben,  die  Mikrographie  überhaupt  in  Hiss- 
kredit zu  bringen.  Jeder  Forscher  betrachtet  seine  Beobachtungen 
als  die  maassgebenden,  und  statt  zu  fragen,  ob  nicht  vielleicht  auch 
der  andere  Forscher  richtig  gesehen  habe,  erklärt  er  die  fremden 
Angaben,  welche  mit  den  seinigen  nicht  übereinstimmen,  sofort 
für  falsch.  Wie  immer,  fahrt  die  Exclusivität  zur  Einseitigkeit  und 
damit  zum  Irrthum.  So  hat  lange  der  Streit  darüber  geschwebt, 
ob  Knochen  immer  aus  Knorpel  entstehe.  Schon  die  älteren  Beo- 
bachter behaupteten,  er  könne  auch  aus  Membranen  entstehen. 
Ich  habe  dargethan,  dass  er  aus  Bindegewebe  und  aus  Mark  her- 
vorgehen kann*).  Spätere  Beobachter  haben  dann  geradezu  ge- 
leugnet, dass  Knorpel  direct  in  Knochengewebe  übergehe,  und 
in  diesem  Augenblicke  hat  diese  Meinung  das  Uebergewicht. 
Meiner  üeberzeugung  nach  ist  dieselbe  einseitig  und  daher  irrthüm- 
lich.  Vielmehr  entsteht  Bindegewebe  aus  Knorpel  in  doppelter 
Weise:  gewöhnlich  per  secnndam  intentionem  aus  Mark,  welches 
aus  Ejiorpel  durch  Metaplasie  hervorgegangen  ist,  aber  in  gerin- 
gerem umfange  auch  per  primam  intentionem  aus  Knorpel  In 
ähnlicher  Weise  verhält  es  sich  mit  dem  Bindegewebe.  Lange 
Zeit  liess  man  alles  pathologisch  neugebildete  Bindegewebe  aus 
fibrinösem  Blastem  (plastischer  Lymphe)  entstehen,  welches  auf 
dem  Wege  der  Exsudation  aus  dem  Blute  austreten  sollte.  Von 
diesem  ganz  exclusiven  Standpunkte  aus  bestritt  man  sogar  die 
Möglichkeit  einer  Organisation  des  Thrombus  innerhalb  der  6e- 
fässe,  obwohl  doch  in  demselben  derselbe  Faserstoff  vorhanden  ist, 
der  die  eigentlich  plastische  Substanz  des  Exsudates  darsteUen 
sollte.  Ich  habe  nicht  bloss  die  Entstehung  von  Bindegewebe  aus 
dem  Thrombus,  sogar  die  Yascularisation  des  letzteren  nachgewie- 
sen**), sondern  auch  die  Entstehung  von  Bindegewebe  an  Orten, 
wo  niemals  ein  fibrinöses  Blastem  erkennbar  ist.     Bindegewebe 


^  Mein  Archiv  1847.  I.  135.     1853.  Y.  438,  444,  455. 
^  Gesammelte  Abhftndl.  1856.  S.  323. 


Umbildung  per  primam  et  secundam  intentionem.  99 

entsteht  direct  ans  Knorpel,  ans  Knochengewebe,  ans  Nenroglia. 
Die  eine  Art  der  Entstehnng  schliesst  die  andere  nicht 
ans.  Sogar  an  derselben  Stelle  kann  Bindegewebe  anf  verschie- 
dene Art  sich  bilden,  z.  B.  an  der  inneren  Oberfläche  einer  Ar- 
terie kann  es  entstehen  dnrch  Wnchernng  der  Intima  nnd  dnrch 
Organisation  von  Thrombnsmasse.  Zuweilen  verwandelt  sich  ein 
anderes  Gewebe,  wie  wir  sahen,  dnrch  Metaplasie  unmittelbar  in 
Bindegewebe;  andermal  erzengt  präexistirendes  Bindegewebe  neues 
dureh  directe  Hyperplasie,  ohne  dass  der  Charakter  des  Gewebes 
sieh  während  dieser  Zeit  im  Wesentlichen  ändert;  andermal  wie- 
derum entsteht  aus  präexistirendem  Bindegewebe  zuerst  ein  in- 
düTerentes  Granulationsgewebe  und  erst  dieses  geht  durch  Meta- 
plasie wieder  in  Bindegewebe  über.  Es  entsteht  also  *  nicht  nur 
dasselbe  Gewebe  unter  verschiedenen  Bedingungen  auf  verschiedene 
Weise,  sondern  es  kann  sogar  dieselbe  Matrix  dasselbe  Ge- 
webe auf  verschiedene  Weise  hervorbringen.  Ich  be- 
merke jedoch  ausdrücklich,  dass,  soweit  unsere  bisherigen  Erfah- 
rungen reichen,  dieser  Satz  nicht  auf  alle  pathologischen  Gewebe 
und  nicht  auf  alle  Matrices  Anwendung  findet. 


Fünftes  Capitel. 

Die  Emährang  und  Ihre  Wege. 


8«lb«terhaltan^  all  Grundlage  der  Lehre  Tom  Leben.  Brnihning  and  fitofTweehael.  Brathrvag 
Im  Blnne  des  GcMmint-Organltmoa:  NabraDgaatoffe,  Verdaanng,  Cirealatlon.  Bmihnng  I« 
eellalaren  Sinne.  Bndoainose  und  Ezoamoae,  todcer  Btoffweehael.  InteraedUrer  Stoffvecbael 
(Trantito-Verkehr).  Eigentlich  nntritlTer  Stoffwccbacl.  Bm&bningtalnbeiteB  «od  Krankbeiu- 
heerd«. 

Thftlgkalt  der  Gefiaae  bei  der  Bm&hrung.  Verhlltniaa  tod  Geflaa  nnd  Geweb«.  Leb«r.  Miere. 
Gehirn.     Uoakelhant  den  Uagena      Knorpel.    Knochen. 

Abliingigkeit  der  Gewebe  tob  den  Gefiaaen.    UeUBtaaan.   Geflaaterrltorlen  (vaacnlire  Biab«il«a) 

Die  Ernibningaleltung  In  den  Saftkan&len  der  Oeweb«.  Knochen.  Zahn.  PaaerknorpeL  Hora- 
hant    Bandacheiben. 


JJie  Gnmdlage  aller  Vorstellongen  fiber  das  Leben  bildet  die  £r- 
fahruDg  von  der  allem  Lebendigen  zukommenden  Fähigkeit  der 
Selbsterhaltung.  Sowohl  das  organische  Gesammt-Individuum, 
als  die  einzelne  Zelle  sind  vermöge  ihrer  inneren  Einrichtung 
(Organisation)  befähigt,  sich  unter  den  mannichfaltigsten  äusseren 
Verhältnissen  zu  erhalten,  Störungen,  die  sie  erlitten  haben,  aus- 
zugleichen (zu  reguliren),  und  eine  Reihe  von  Thätigkeiten  zu 
äussern,  deren  einfachstes  Ergebniss  die  Erhaltung  des  Status 
quo  ist.  Die  Gesammtheit  der  Vorgänge,  durch  welche  dieses  Er- 
gebniss erzielt  wird,  pflegt  man  mit  einem  allerdings  sehr  dehn* 
baren  und  daher  auch  häufig  nur  wenig  zutreffenden  Ausdrucke 
Ernährnng  (Nutrition)  zu  nennen*).  Als  das  eigentliche  Wesen 
der  Ernährung  gilt  wiederum  sehr  allgemein  der  Stoffwechsel, 
d.  h.  die  Aufnahme,  Assimilation,  Zersetzung  (Desintegration)  und 
Wiederausscheidung  gewisser  Stoffe,  welche  dieser  Anschauung 
entsprechend  Nahrungsstoffe  genannt  werden. 


*)  V^l.  meinen  Vortrag  über  Nahmngs-  und  Genussmittel.  Berlin  1868.  S.  23. 


Ernährung  und  Stoffwechsel.  101 

Es  ist  leicht  verständlich,  dass  in  der  Meinung  vieler  Phy- 
siologen und  Pathologen,  namentlich  vieler  praktischen  Aerzte  die 
Lehre  von  der  Ernährung  als  der  Ausgangspunkt  aller  weiteren 
Erörterungen  erscheint,  und  wir  wollen  daher  diesen  Punkt  sofort 
besprechen,  um  so  mehr,  als  ich  die  überlieferten  Vorstellungen 
in  mehrfacher  Beziehung  nicht  als  berechtigt  anerkenne.  Selbst 
die  Physiologie  hat  erst  in  den  letzten  Jahren  angefangen,  sich 
derjenigen  Betrachtungsweise  anzunähern,  welche  ich  seit  langer 
Zeit  als  die  entscheidende  vertheidigt  habe.  Zwei  Umstände  na- 
mentlich sind  es  gewesen,  welche  die  Vereinbarung  erschwert 
haben.  Einerseits  die  hervorragende  Stellung,  welche  den  Vor- 
gängen der  Ernährung  im  Gesammt-Organismus  ange- 
wiesen wurde.  Die  Folge  davon  war,  dass  man  die  Forschung 
wesentlich  auf  die  Geschichte  der  NahrungsstofFe  in  den  „ersten 
Wegen *^,  d.  h.  die  Verdauung,  und  im  Blute  beschränkte,  dass 
man  also  gewissermaassen  da  Halt  machte,  wo  in  der  cellularen 
Anschauung  die  Ernährung  im  engeren  Sinne  eigentlich  erst  be- 
ginnt, nehmlich  an  den  Geweben.  Denn  begreiflicherweise  sind 
für  denjenigen,  welcher  die  Ernährung  der  einzelnen  Theile  als 
das  Wesentliche  ansieht,  alle  anderen  Vorgänge  nur  Vorberei- 
tungen, und  so  wichtig  Verdauung  und  Circulation  auch  sein 
mögen,  so  können  sie  doch  nur  als  Akte  gelten,  welche  die  Be- 
stimmung haben,  den  Elementartheilen  geeignetes  Material  für 
ihre  Ernährung  zu  liefern.  —  Andererseits  war  der  Umstand  für 
die  Einigung  der  verschiedenen  Forscher  hinderlich,  dass  man 
glaubte,  mit  dem  blossen  äusserlichen  Stoifwechsel,  der  soge- 
nannten Endosmose  und  Exosmose,  das  Hauptsächliche  der  Er- 
nährung abgethan  zu  haben.  Man  übersah  dabei,  dass  es  auch 
im  Todten  einen  Stoffwechsel  gibt,  wie  die  Geschichte  der  im 
menschlichen  Körper  selbst  eingeschlossenen  mortificirten  Theile 
deutlich  erkennen  lässt*),  und  dass  es  viel  mehr  auf  den  inneren 
Stoffwechsel  ankommt,  der  sich  durch  blosse  Endosmose  und 
Exosmose  nur  unvollständig  erkennen  lässt.  Aufnahme  und  Ab- 
gabe von  Stoffen  können  erfolgen,  ohne  dass  damit  eine  Ernäh- 
rung bewirkt  wird.  Gleichwie  ein  Infusorium  ein  Indigokorn  oder 
den  Kieselpanzer  einer  Diatomee  „frisst^,  möglicherweise  ohne 
Mund  und  Magen  in  sein  Inneres  aufnimmt,  und  diese  Körper 


*)  Yerhandlangen  der  Berliner  medic.  Gesellschaft  1867.  S.  254. 


102  Fünftes  Capitel. 

nachher  wieder,  möglicherweise  ohne  After,  auswirft,  so  ^^frcssen*' 
viele  Zellen  Fett,  ohne  es  zu  assimiliren  oder  zu  verbranchen, 
and  sie  werfen  es  später  wieder  aas,  ohne  es  „verdant^  zn  ha- 
ben.  Dieser,  wie  ich  ihn  genannt  habe*),  nnr  intermediäre 
Stoffwechsel  (Transito -Verkehr)  ist  von  dem  eigentlich  nutritiven 
wohl  zu  trennen. 

Ich  bin  von  Anfang  an**)  davon  ausgegangen,  dass  die  Zellen 
die  eigentlichen  Ernährungseinheiten  seien  und  dass  sie  ge- 
rade ans  diesem  Grunde  auch  als  die  eigentlichen  Erankbeits- 
einheiten  (Krankheitsheerde)  anfgefasst  werden  mossten. 
Meine  eigenen  Vorstellungen  haben  sich  insofern  erweitert,  ald 
ich  später  in  schärferer  Weise,  als  es  mir  ursprünglich  erschien, 
die  formativen  und  functionellen  Vorgänge  von  den  nutritiven  ge- 
trennt habe.  Trotzdem  muss  ich  noch  gegenwärtig  daran  festhält 
ten,  dass  die  cellulare  Nutrition  in  der  That  die  erste  Grund- 
lage für  die  Betrachtung  der  vitalen  Vorgänge  bildet.  In  diesem 
Sinne  wollen  wir  ans  auch  zunächst  mit  ihr  beschäftigen. 

Gewöhnlich  betrachtet  man  in  der  Lehre  von  der  Ernährung 
die  Gefässe  als  diejenigen  Kanäle,  welche  nicht  nnr  den  Stoff- 
verkehr vermitteln,  sondern  auch  durch  bald  active,  bald  passive 
Hülfe  den  einzelnen  Theil  in  seinem  Stoffverkehr  überwachen.  Seit 
lange  hat  man  daher  das  Bestimmende  bei  dem  Emäbrnngsvor- 
gange  mit  einem  Ausdrucke,  der  sich  auch  in  die  heutige  Sprache 
hinübergeschlichen  hat,  in  der  Thätigkeit  der  Gefässe  gesucht, 
wie  wenn  die  Gefässe  ein  unmittelbares  Regiment  über  die  ihnen 
benachbarten  oder  von  ihnen  versorgten  Gewebstheile  aasübten. 

Wie  ich  schon  früher  bei  Gelegenheit  der  Muskelfasern  her- 
vorhob (S.  61),  so  können  wir  hent  zu  Tage  voo  einer  Action 
der  Gefässe  nur  in  so  weit  sprechen,  als  Maskelfasem  in  den- 
selben vorhanden  sind,  und  als  sich  demnach  die  Gef&sse  durch 
Zusammenziehung  ihrer  Muskeln  verengem  oder  verkürzen  können. 
Die  Verengerung  hat  das  Resultat,  dass  der  Durchtritt  der  Flüs- 
sigkeiten gehemmt  wird,  während  umgekehrt  bei  Erschlaffung  oder 
Lähmung  der  Muskeln  das  durch  den  Blutdruck  erweiterte  Gefitos 
den  Durchtritt  der  Flüssigkeiten  begünstigen  kann.  Gestehen  wir 
dies  zu,  aber  vergessen  wir  auch  nicht,  die  Gewebsmasse,  welche 

•)  Archiv  1857.    XL     574. 

**)  Ebendas.  1852.  IV.  387.    1S55.  VIU.  15.     1856.  IX.  40.    Gesammelte 
Abbaodl.  1856.    S.  50. 


Leber-Capillaren.  103 

neben  den  Grefössen  liegt,  nnd  wetcbe  man  sich  gewöhnlich  als 
eine  sehr  einfache  und  trl^^e  Masse  vorstellt,  mit  in  Betracht  zu 
ziehen. 

Wenn  wir  Theile  wählen,  in  welchen  die  Gef^see  recht  dicbt 
liegen,  in  welchen  vielleicht  fast  eben  so  viel  an  Geissen  vorhanden 
ist,  als  an  Gewebe,  so  sehen  wir,  dass  jedes  einzelne  Spatinm,  wel- 
ches zwischen  den  Geßssen  fibrig  bleibt,  durch  eine  ganz  kleine 
Zahl  von  Elementen  erfüllt  wird.  Ein  solches  Organ  ist  die  Le- 
ber, bei  der  in  der  That  dieses  Verhältniss  ganz  zutrifft.  Denn 
eine  Leber  im  gefQlltea  Zustande  der  Gefässe  hat  nahezu  so  viel 
Volumen  GefÄss,  als  eigentliche  Lebersobstanz.  Betrachten  wir 
einen  einzelnen  Acinas  der  Leber  für  sich,  so  finden  wir  in  dem 
glücklichsten  Falle  des  Qaerschoittes  in  seiner  Mitte  die  Vena 
centralis  oder  intralobularis,  die  zur  Lebervene  gebt,  im  Umfange 
Aeste  der  Pfortader,  welche  in  das  Innere  des  Acinus  capillare 
Zweige  senden.  Letztere  bilden  sofort  ein  Anfangs  langmaschiges, 
später  kfirzeres  Netz,  welches  sich  in  der  Rtcbtnng  gegen  die  Vena 
centralis  (hepatica)  fortsetzt  und  zuletzt  in  dieselbe  einmündet. 
Das  Blut  strOmt  also,  indem  es  von  der  V.  intcrlobularis  (por- 
talis)  eintritt,  durch  das  Capillametz  hindurch  zur  Vena  intra- 
lobolaris,  von  wo  es  durch  die  Venae  hepaticae  wieder  zum  Her- 
zen zurückgeführt  wird.  Hat  man  nun  eine  injicirte  Leber  vor 
sich,  so  sieht  man  dieses  Netz 
so  dicht,  dass  dasjenige  Gewebe,  fi^  u. 

welches  die  Haschen  des  Netzes 
erfällt,  fast  geringer  an  Masse 
erscheint,  als  der  Raum,  welcher 
von  den  Geissen  eingenommen 
wird.  So  kann  man  si<'h  leicht 
vorstellen,  wie  die  älteren  Auto- 
ren, vor  Allen  Rnysch,  durch 
ihre  Injectionen  auf  die  Vermn- 
tbuDg  kommen  konnten,  dass  fast 
Alles  im  EOrper  ans  GeßUsen 

beat&nde  ond  dass  die  verschiedenen  Organe  nur  durch  Differenzen 
in  der  Anordnung  ihrer  Geftsse  sich  unterschieden.    Gerade  um- 

Fig.  32.    stück  TOn  der  Peripherie  der  Leber  eines  Kamncbeiis;    die  Qe- 
EUm  ToUbommeD  iajicirt    Vergr.  11. 


104  Fünftes  Capitel. 

gekehrt,  wie  an  einem  Injectionspräparat,  erscheint  jedoch  das 
Yerhftltniss  an  einem  gewöhnlichen  Präparat  ans  einer  blutleeren 
Leber.  Hier  nimmt  man  die  Gefasse  fast  gar  nicht  wahr.  Man 
sieht  wohl  ein  ähnliches  Netz,  aber  dies  ist  das  Netz  der  Leber- 
zellen  (Fig.  29.),  welche,  dicht  an  einander  gedrängt,  allein  vor- 
handen zu  sein  scheinen.  Es  ergiebt  sich  also,  dass  Gefässnetz 
nnd  Zellennetz  sich  anf  das  Innigste  dnrchflechten,  so  dass  über- 
all  fast  unmittelbar  an  der  Gefässwand  Zellen  des  Leberparen- 
chyms  liegen.  Zwischen  den  Zellen  und  der  Gefässwand  bemerkt 
man  nur  sehr  schwer  noch  eine  feine  Lage,  von  der  es  unter  den 
Histologen  immer  noch  streitig  ist,  ob  sie  einer  besonderen  und 
continuirlichen  Wand  zuzuschreiben  ist,  welche  die  feinsten  Gallen- 
gänge zusammensetzt,  oder  ob  nur  eine  minimale  Menge  von  Bin- 
degewebszellen die  Zellennetze  umgreift. 

In  diesem  Falle  kann  man  allerdings  ein  sehr  einfaches  Ver- 
hältniss  zwischen  den  Gefässen  und  den  Zellen  annehmen;  man 
kann  sich  vorstellen,  dass  das  Blut,  welches  in  den  Gefässen 
strömt,  je  nach  den  Erweiterungszuständen  der  letzteren  und  je 
nach  seiner  Menge  unmittelbar  auf  die  anstossenden  Elemente 
emwirkt  und  unmittelbar  EmährungsstofFe  an  sie  abgiebt,  sowie 
ZersetzungsstofFe  aus  ihnen  aufiiimmt.  Freilich  kann  man  in  Be- 
ziehung auf  die  Ernährungsverhältnisse  entgegenhalten,  dass  es 
sich  hier  um  eine  ganz  eigenthumliche  Gefäss-Einrichtung  handelt, 
die  wesentlich  venöser  Natur  ist,  zusammengesetzt  aus  Pfortader- 
und Lebervenenästen,  allein  in  dasselbe  Capillametz  geht  auch 
die  Arteria  hepatica  hinein,  und  das  Blut  lässt  sich  in  dem  Netz 
nicht  mehr  in  seine  einzelnen  arteriellen  und  venösen  TheQe  zer- 
legen. Die  Injectionen  gelangen  von  jedem  der  Gefässe  zuletzt  in 
dasselbe  Capillametz  hinein.  Nichts  desto  weniger  halte  ich  es 
fär  berechtigt,  gerade  bei  einem  Organe,  wie  die  Leber,  welches 
einen  so  ausgezeichnet  intermediären  Stoffverkehr  hat,  die  grosse 
Nähe  der  Capillaren  für  wichtiger  in  Beziehung  anf  diesen  Stoff- 
verkehr, als  in  Beziehung  auf  die  eigentliche  Ernährung  zu  halten. 
Jedenfalls  begreift  man  leicht,  dass  alle  Produkte  des  Transito- 
Verkehrs  zuerst  und  am  stärksten  in  denjenigen  Zellen  erscheinen, 
welche  von  dem  einströmenden  Blute  zuerst  berührt  werden.  Es 
sind  dies  die  peripherischen  Zellen  der  einzelnen  Acini. 

Etwas  anders  ist  das  Yerhältniss  schon  in  der  Niere.  Macht 
man  einen  feinen  Durchschnitt  durch  die  Rindensubstanz,  nach- 


Nieren  •Capillareo.  )05 

dem  man  vorher  die  Gefässe  sorgfältig  injicirt  hat,  so  bemerkt 
man,  dass  letztere  die  HarnkaDälchea  ziemlich  dicht  nmepiDoeii 
(F^.  33,  c,  t).    Diese  sind  ihrerseits  zasammengesetzt  aas  einer 
stmktnrlosea  Haat,   der  soge- 
nannten   Tonica    propria    (Fig.  p,,,  33. 
33,  &),  und  einem  zusammen- 
hängenden Epithel,  welches  das 
freie    Kanallnmen   (d)   omgiebt. 
Hier    bleibt   zwiachea   den  Ge- 
issen nnd  der  Tonica  propria 
noch  ein  kleiner  Ranm,  in  wel- 
chem   bei    genanester  Untersn- 
choog    ein    fast    straktarloses, 
feiostreifiges    Bindegewebe    mit 
Zellen ,    Bindegewebskörperchen 
(a),  gelagert  ist.   Die  Epithelial- 
zellen   sind    demnach    von    den 
Capillaren    getrennt    dnrch    die 
Tnnica  propria  und  diese  Binde- 

gewebslage,  und  die  Blntflassigkeit  mnss,  nm  zn  den  Epithelzellen 
Säfte  abgeben  zu  k&nnen,  nicht  nnr  die  Capillarwand ,  sondern 
auch  die  genannten  zwei  Septa  durchdringen,  deren  Znstände  na- 
tfiriich  nicht  ohne  Bedentong  fQr  die  Möglichkeit  dieser  Dnrch- 
dringnog  sein  können.  Ueberdies  bemerkt  man  leicht,  dass  eine 
grossere  Zahl  von  Zellen  stets  einer  einzigen  Capillarschlinge  an- 
liegt, nnd  es  bedarf  wohl  nnr  dieser  Erinnerung,  um  daraof  auf- 
merksam zn  machen,  dass  es  schwer  erklärlich  sein  würde,  wie, 
was  zuweilen  vorkommt,  nnr  einzelne  Zellen  besondere  nutritive 
Abweichungen  zeigen,  wenn  in  der  That  die  Gefässe  das  allein 
Bestimmende  bei  der  ErnähniDg  wären. 

So  einfach,  wie  in  der  Leber  und  in  der  Niere,  gestalten 
sich  aber  die  Verhältnisse  in  den  meisten  anderen  Tbetlen  nicht; 


Fig.  3S.  Durchgchnitt  durch  die  BiDdeasubstaiiz  einer  küaitlich  injicirlen 
■nenschlichen  Niere,  a.  Bindegewebskörperchen  des  Stromu  oder  des  intersti- 
liellea  Gewebes,  dessen  Masse  in  der  Zeichnung  etons  zn  gross  ausgefallen  ist 
b.  Tnnica  propria  des  Harn  kanälchens,  c,  c.  Capillorgeßisse.  d.  Dos  Harnka- 
nilcben  mit  seinem  Gpitbellager.  Vergr.  300.  (Nach  A.  Beer,  Die  Binitesub- 
staiu  der  menschlichen  Niere.    Berlin  1859.    Fig.  9.) 


106  FänfteB  Cspilel. 

gewohnlich  liegen  ziemlich  bedeutende  ZwischenrSnme  zwischen 
den  einzelneD  GeftsBen,  nnd  nicht  anbetrftchtlicfae  Mengen  von 
EleiDeDt«n  Bind  in  jeder  einzeloen  Capillar-Uasche  entiialten.  Ja, 
in  demselben  Organe  sind  diese  VerhältniBse  sehr  Terschiedeo,  je 
oachdem  die  Function  der  einzelnen  Theile  einen  rascheren  Wech- 
sel der  Stoffe  erfordert.  Nii^ends  tritt  dies  so  aafl&Uig  hervor,  als 
im  Gehirn,  Hier  ist  die  GeßtsBverbreitnng  in  der  weissen  Substanz, 
<tie  hauptsächlich  Nervenfasern  enthält,  ziemlich  sp&rliofa,  während 
sie  in  der  graaen  Substanz,  welche  die  GanglienzelleQ  führt,  äber- 
aas  reichlich  ist.    Das  eioe  hier  abgebildete  Object  (Fig.  34)  zeigt 


eine  kfinstliche  Injection  der  Rinde  des  Kleinhirns,  das  zweite  (^g. 
35)  die  natQrliche  GefässfüUe  in  dem  sehr  rothen  Corpus  stria- 
tum  eines  Geisteskranken,  der  unter  einer  starken  Hyperämie 
des  Gehirns  gestorben  war.  Der  Schnitt  ist  quer  durch  das  Cor- 
pus striatum  gelegt,  und  man  erkennt  von  Strecke  zu  Strecke 
grossere,  bei  darchfallendem  Lichte  dunkel  erscheinende  Stelleo, 
rundliche  Flecke  (Fig.  35,  a,  a,  a),  die  bei  auffallendem  Liebte 


Fi  IC.  34.  Künsllii'lie  Injwlioii  der  Rinde  «lex  nicq»chlii.'b«u  Klciohirnf 
a  II  WcisM  Sulwliiiz  der  Arbor  ritae,  g  <j.  graue  Suh$U□^  >  :  Suld  zKi>rhrD 
den  Ojri,  io  welche  die  Arterien  mit  der  Pia  msler  eiutrelcn  und  lun  da  Acfle 
in  die  Binuubsluit  nenden,  welche  in  der  grnucu  Substanz  ein  gaia  feine«  N'eti 
bilden,  (nn  Tbeil  aber  in  grösseren  Slimmen  zur  weissen  Subslaoi  durtbtreten, 
wo  sie  lebr  spirliche  Nebe  bilden.  Nach  einer  Injection  de«  Henn  GerlacL 
Gani  ichwache  Vergröuemng. 


Gefttsae  dee  Gehirns. 


und  für  das  blosse  At^e  weiss  aasschea  nnd  Qaerdurchscbnitte 
jener  Bündel  von  Nerveofasem  darstellen,  welche  in  langen  Zügen 


gegen  das  Rückenmark  hinzieheo.  Geisse  treten  in  diese  Bün- 
del fast  gar  nicht  ein.  Die  übrige  Masse  dagegen  besteht  ans 
der  eigentlichen  granen  Substanz  des  Corpus  striatnm;  innerhalb 
derselben  verbreitet  sich  ein  sehr  feinmaschiges  Ge^snetz,  wie 
denn  überhaupt  die  graue  Snbstanz  der  Nervencentren  sich  so- 
wohl im  Innern,  als  an  der  Rinde  durch  ihren  grossen  Ge^s- 
reichthnm  vor  der  weissen  Substanz  auszeichnet.  In  dem  Objecl 
sieht  man  einzelne  grössere  Gefässe,  von  welchen  Aeste  ausgehen, 
die  sich  immer  feiner  verzweigen,  bis  sie  endlich  in  ganz  fein- 
maschige Capillarnetze  überziehen.  Allein  so  eng  dieses  Netz  in 
der  grauen  Sabstanz  anrh  sein  mag,  so  stOsst  doch  keinesweges 
jedes  einzelne  Element  der  Hirnsnbstanz  unmittelbar  an  ein  Ca- 
pillargefäss. 

Gleichmässiger  ist  die  GcfSssvertheilting  an  der  Muskelhant 
des    Magens:    hier    bilden   die    Gefässe    ziemlich    regelmässige, 


V'ig.  35.  Naiiirliche  Injevlio»  des  Corpus  striatum  «iti<^a  Geisteskranken, 
n  a.  Gcllsslose  Lärken,  entsprechend  den  Zügen  von  Nerrenfasem,  welche  d»8 
Ganglion  durchselzen.     VcrgröiHs.  80. 


unter  einander  dsrcb  QaeraDaBtomoseu  in  Verbindung  stehende 
Netze,  von  denen  aus  sich  immer  kleinere  Gefässe  veräBteln,  die 
znletzt  feinste  Ketze  bilden,  so  dass  dadnrcli  das  Ganze  in  eine 
Reihe  von  nnregelmässig  viereckigen  Abtheilnngen  zerlegt  wird. 
Änf  jeden  letzten  Zwiscbenraam  ^It  eine  grössere  Zahl  von  Hns- 
kelelementen,  so  dass  die  Gefässe  an  einigen  Stellen  die  Unskel- 
fosem  berühren,  an  anderen  Stellen  entfernter  davon  liegen. 

Verfolgt  man  in  dieser  Weise  die  Einrichtang  der  verschie- 
denen Organe  nnd  Gewebe,  so  kommt  man  von  solchen,  welche 
nach  der  Injection  fast  nar  ans  Gefässen  za  bestehen  scheinen, 
mit  der  Zeit  zu  deiyenigen,  welche  fast  gar  keine  GefUsse  ent- 
halten nnd  endlich  zd  solchen,  welche  wirklieb  keine  mehr  führen. 
Dieses  Verbältniss  trifll  man  am  meisten  ausgesprochen  in  den 
Epithelialfonnationen ,  welche  anch  da,  wo  sie  am  mächtigsten 
ausgebildet  sind,  keine  GefÜsse  besitzen;  näcbstdem  in  den  Ge- 
weben der  Bindesnbstanz,  nnd  hier  wieder  am  reinsten  am  Knor- 
pel, weniger  rein  am  Knochengewebe.  Der  entwickelte  normale 
Knorpel  hat  überhaupt  gar  keine  GefSsse;  der  entwickelte  Kno- 
chen enthält  allerdings  Geisse,  aber  in  einem  sehr  wechselnden 
Maasse  and  zum  Theil  recht  spärlich.  Dass  der  entwickelte  Knor- 
pel keine  Gefässe  enthält,  davon  gibt  fast  jedes  Knorpelprüparat 
Zcngniss  (Fig.  9,  14,  23).  Eine  fast  beständige  Aasnabme  davon 
macht  der  wachsende  Knorpel,  der  sich  zar  Verknöcherung  an- 
schickt, gleichviel  ob  im  physiologischen  oder  pathologischen 
Wege.  Besonders  interessant  ist  das  Verhältniss  an  jungem,  wach- 


Fig.  36.    InjectioDspriparat  von  der  Uuskelbsut  des  Uagens  eineB  Eaniii- 
ebens,  II  mal  vergrößert. 


GeAsse  der  Knorp«!.  109 

setidem  Knorpel.    Fig.  37.  zeigt  eineD  Scbnitt  kiis  dem  CalcaneaB 
eines  nengeboTnen  ^Ddea,  wo  von  der  schoo  gebildeten  centralen 


Knocfaenmasse,  dem  sogenannten  Enochenkem  ans  Gefösse  in  den 
noch  sehr  reichlichen  peripherischen  Knorpel  hineingehen.  Das 
Präparat  zeigt  an  seiner  äuBBersten  Oberfl&trhe  die  Uebergänge  zq 
dem  Pfirichondrium ,  während  der  untere  Thell  des  Schnittes  bis 
nahe  an  die  Grenze  des  schon  gebildeten  Enochenkems  reicht. 
Von  hier  ans  steigen  grosse  Ge^se  anf,  welche  von  der  Arteria 
Dutritia  herstammen;  sie  endigen  mittea  im  Knorpel,  indem  sie 
Schlingen  nnd  Netze  bilden  nnd  gleichsam  Zottenbänme  inmitten 
des  Knorpels  darstellen,  welche  sehr  ähnlich  sind  den  Chorion- 
Zotten  am  Ei.  In  der  That  wachsen  von  der  Arteria  nntritia  her 
die  GefSsse  in  den  Knorpel  hinein,  aber  nnr  bis  zu  einer  gewissen 
Höhe.  Hier  lösen  sie  sich  in  wirkliche  Schlingen  oder  in  ein 
feines  Netzwerk  von  Capillaren  anf,  ans  dem  sich  Venen  zosam- 
mensetzen,  die  in  derselben  Richtung,  in  welcher  die  Arterien 


Fig.  37.  Durcbscbnitr  des  Calcanena  -  Knorpel  i  Tom  Neugebomea.  C.  der 
Knorp«! ,  deSMD  Zellen  durch  feine  Pnnlite  angedeutet  sind.  P.  Pericbondrinni 
und  uiitoweQdes  Fasergewebe.  a.  die  AuMtuelle  un  Knochen,  mit  deo  Ton 
der  Arteria  nntritis  anfgleigenden  Gef&ssscblingen.  6  t.  Geßase,  die  durch  du 
PericboDdrinin  gegen  den  Knorpel  andringen.     VergrÖH.  11. 


1 10  Fünftes  Capilel. 

herkamen,  znrückgehea.  Die  ganze  übrige  Masse  besteht  aas  ge- 
fSsslosem  Knorpel,  dessen  Eßrperchen  bei  schwacher  Vergrösse- 
ning  als  feine  Faakte  erscheinen.  Es  liegt  also  ein  ganzes  Heer 
von  EnorpelkOrperchen  zwischen  den  letzten  Schlingen  nnd  der 
äusseren  Oberfläche,  die  meisten  sehr  entfernt  von  den  finssersten 
GefSssenden.  Diese  ganze  Lage  ist  in  ihrer  Ernähmng  aller- 
dings abhängig  von  dem  Safte,  der  aas  den  Endscfalingen  aas- 
tritt, znm  Theil  anch  von  den 
Flg.  M  Stoffen,  welche  die  spärlichen  Ge- 

fässB  des  Perichondrinms  znffihreii, 
jedoirh  nicht  80,  daas  jedes  Körper- 
chen eine  besondere  Beziebnng  za 
einzelnen  Gefässen  oder  Geföss- 
tbeilen  hätte.  Die  von  der  Arteria 
natritia  stammenden  Gefässe  be- 
zeichnen an  allen  Knorpeln  schon 
ziemlich  frühzeitig  ungefähr  die 
Grenze,  bis  za  welcher  späterhin 
die  Oasißcation  fortschreiten  wird, 
während  derjenige  Theil,  welcher 
als  Knorpelrest  am  Gelenk  liegen 
bleibt,  niemals  Gefösse  enthält. 
Was  die  Knochen  selbst  an- 
'  betrifil,  so  ist  bei  ihnen  das  Ge- 

wiss-Verhältniss  ein  ziemlich  ein- 
faches, aber  anch  zugleich  ein  sehr 
charakteristisches.  Wenn  man  die 
äussere  Oberfläche  der  Enochen- 
rinde  betrachtet,  so  sieht  man 
schon  mit  dem  blossen  Äuge  kleine 
Löcher  (Poren).  Es  sind  dies  die 
Oeffnungen  von  Kanälen,  durch 
welche  Ge^se  aas  dem  Periost 
in  die  Enochenrinde  eintreten.  Bei 
einer  massigen  VergrOssenuig  er- 
kennt  man,  dass  diese  Kanäle  (Fig. 
38,  «,  »*)  alsbald  unter  der  Ober- 


7i^.  38.  Knochen RchlifT  uns  der  rompftctcn  KiDilensubatiuiz  eines  Oa  rcmorii. 


EDochengeflsse.  Hl 

fläche  sich  Terfisteln.  So  entsteht  ein  System  unter  einander  ana- 
stomosirender  Rohren,  die  znweilen  mebr  schr&g  aach  Innen  geben, 
aber  im  Wesentlichen  eine  Läi^nchtm^  einhalten.  Zwischen 
diesen  Maschen  bleiben  verh&ltnissmässig  breite  Zwischenränme, 
welche  von  dem  eigentlichen  Enocheogewebe  erfüllt  sind.  In  dem 
letzteren  liegen  die  KnocheDkJjrpercheo,  grade  so,  wie  in  dem  vo- 
rigen Beispiele  die  KnorpelkOrperchen ,  nnd  zwar  im  Allgemeinen 
in  Reihen  parallel  den  Geissen.  Nnr  die  am  meietes  peripheri- 
schen Lagen  der  Rinde  zeigen  EnochenkOrperchen ,  welche  der 
Oberfl&cha  parallel  sind  nnd  deren  Längsrichtang  an  langen  Eno- 
eben  (Rohrenknochen)  der  Lfingsaxe  entspricht,  üntersncbt  man 
dagegen  Onerschoilte,  so  bekommt  man  natürlich  an  den  Stellen, 
wo  vorher  Längskanfile  zn  sehen  waren,  einfache  mnde  LOcher, 
IJorchscbnitte  (Fig.  3^,  a)  za  Gesicht,  hier  and  da  dan-h  eine 


schrSge  Verbindnng  vereinigt.     Zwischen  ihnen  befindet  sich  die 
eigentliche  Tela  ossea  mit  den  EnocheDkOrperchen,  in  lamellösen 


P  P.  die  dfm  Periost  lugewenilele  Obrrfl&ctie,  in  welcher  pirallele  Zöge  tOD 
E)ioch«DkörpercbeD  lie(;eii.  f  i>.  grüssere  OeOaEe,  die  auB  dem  Periost  in  den 
KDoefaeD  eiadringeu  und  sich  b*)d  verfislein.  «'  v'  kleiner«  Oeftue  derselben 
Art.  Alle  dunklen  Züge  und  Flecke  beieicbnen  ongeicbliffene  OefisskuiUe.  Sie 
sind  von  parallelen  und  concentriscben  Lagen  Ton  Enochenkürpercben  begleitet. 
Vergröas.   130. 

Fig.  39.  Knochen Bchliff.  a  queTdurcbscbniltener  Hark- (QetisB-)  Kanal,  um 
welchen  die  coDcentriachen  Lamellen  l  mit  Süochenkörpercheii  nnd  anaitomoei- 
rendeu  Koocbenkanftlcben  liegeo.  r  l&ngadnrcbscbnittMie,  parallele  Lamellen. 
■  imregelmiMige  Lsgamng  in  den  Utesten  EDOcbenwhichten.  «  Oeflukanal. 
Versröaa.  380. 


112  Fünftes  Gapitel. 

Schichten  gelagert,  und  zwar  concentrisch  Tim  die  Gefässe.  Im 
Allgememen  kann  man  daher  sagen,  dass  die  compakte  Substanz 
der  Knochen  durchweg  ans  einer  Znsammenordnnng  paralleler 
Lagen  von  Knochengewebe  besteht,  welche  zu  mehreren  die  ein- 
zelnen Gefässe  umgeben.  Nur  da,  wo  diese  Systeme  von  concen- 
trischen  Lamellen  endigen,  gewissermaassen  in  den  Räumen, 
welche  zwischen  diesen  Systemen  übrig  bleiben,  findet  sich  eine 
geringe  Hasse  von  Knochengewebe  (Fig.  39,  t),  welche  nicht  die- 
selbe  Anordnung  zeigt,  sondern  sich  mehr  unabhängig  verhält; 
bei  genauer  Analyse  zeigt  sich,  dass  sie  aus  kleinen  Säulen  ge- 
bildet ist,  welche  meist  senkrecht  auf  der  Längsaxe  des  Knochens 
stehen  und  in  eine  Art  von  Bogen  übergehen,  die  der  Längsaxe 
parallel  sind.  Dies  sind  die  Ueberreste  der  bei  dem  Dickenwachs- 
thum  des  Knochens  zuerst  gebildeten,  also  ältesten  Balken  der 
Tela  ossea. 

Da  man  meistentheils  in  den  Kanal-Durchschnitten,  die  man 
in  Schliffen  des  Knochens  gewinnt,  die  Gefässe  selbst  nicht  mehr 
erkennt,  so  nannte  man  die  Höhlungen  (Fig.  38  v,  v%  39  a,  v), 
in  denen  die  Gefässe  verlaufen,  Harkkanäle,  insofern  uneigentlich, 
als  in  diesen  engen  Kanälen  meist  kein  Hark  enthalten  ist;  man 
sollte  eigentlich  sagen:  Gefösskanäle,  doch  ist  jener  Ausdruck  so 
allgemein  angenonmien,  dass  man  ihn  auch  da  gebraucht,  wo  die 
Gefässwand  sich  unmittelbar  an  die  innere  Oberfläche  der  Höh- 
lung anlegt.  Häufig  bezeichnet  man  die  Kanäle  auch  nach  ihrem 
Entdecker  Havers.  Im  nächsten  Umfange  dieser  Kanäle  liegt 
stets  eine  Reihe  von  eigenthümlichen  Gebilden:  längliche  oder 
rundliche,  bei  durchfallendem  Lichte  gewöhnlich  schwarz  erschei- 
nende Körper,  die  mit  Zacken  oder  Ausläufern  versehen  sind. 
Hau  nannte  sie  Knochenkörperchen  (Fig.  24)  und  ihre  Ausläufer 
Knochenkanälchen  (Ganaliculi  ossei).  Johannes  Hüller,  welcher 
die  Ansicht  hegte,  dass  die  Kalksubstanz  in  ihnen  abgelagert  sei 
und  das  dunklere  Aussehen,  welches  sie  bei  durchfallendem  Lichte 
darzubieten  pflegen,  eben  von  ihrem  Kalkgehalte  herrühre,  be- 
zeichnete die  Kanälchen  als  Ganaliculi  chalicophori,  ein  Name,  der 
heut  zu  Tage  ganz  gestrichen  ist,  weil  man  sich  überzeugt  hat, 
dass  der  Kalk  gerade  in  ihnen  nicht,  sondern  überall  in  der  ho- 
mogenen Gmndsubstanz  enthalten  ist,  welche  zwischen  ihnen 
liegt. 

Als  man  erkannte,   dass  der  Absatz   des   Kalkes   in  dem 


SuocbeokörpercbeD.  1 13 

Knochengewebe  gerade  omgekehrt,  wie  man  geglaubt  hatte,  statt- 
findet, so  ging  man  alsbald  in  das  andere  Extrem  über,  indem 
man  den  Namen  der  EöiocbeiikSrperchen  durch  den  der  Knochen- 
lücken (LacQDea)  ersetzte  ond  amiahm,  der  Knochen  enthalte 
nar  eine  Reihe  von  leeren  Höhlen  nnd  Kanälen,  in  welche  ailan- 
fiills  Flüssigkeit  oder  Gas  gelange,  welche  aber  eigentlich  doch 
nar  Spalten  des  Knochens  darstellten.  Einzelne  nannten  sie  ancb 
geradezu  Knocfaenspältchen  (Brach).  Ich  habe  mich  bemüht,  auf 
verschiedene  Weise  den  Nachweis  zn  führen,  dass  es  wiriüiche 
Körperchen  sind  and  nicht  bloss  Höhlen  in  einem  Gmndgewebe, 
mit  einem  Wort,  dass  es  Gebilde  sind,  mit  besonderen  Wandnn- 
gen  and  eigenen  Grenzen  versehen,  welche  sich  ans  der  Gnind- 
sabstanz  aaslösen  lassen.  Durch  chemische  Einwirkung,  insbeson- 
dere durch  Maceration  in  concentrirter  Salz-  oder  Salpetersfture, 
kann  man  es  dahin  bringen,  dass  die  Grundsubstanz  sich  auflöst 
und  die  Eörperchen  frei  werden.  Dadurch  ist  wohl  am  sichersten 
der  Nachweis  geliefert,  dass  es  körperliche,  wirklich  für  sich  be- 
stehende Gebilde  sind.    Ueberdies  erkennt  man  in  ihnen  Kerne, 


Fig.  40.  EDocbenKbliir  (LlngsscbniU)  ans  dar  Rinde  eiaar  aklerotiMiMU 
TibiA.  a  <t  Hkrk-  (Gefüts-)  Kmnäle,  iwiscben  ibnen  die  grossentheil«  parallel,  bei 
b  eoncenbriach  (Qnerechnitt)  geordneten  KnocbenkörpeTcbeD.    Vergr.  Sa 

VlrcbsB,  CtUnlu-PaUial.    t.  *gl.  8 


114  Fnnftes  Capitel. 

und,  auch  ohne  auf  die  Entwickelnngsgeschichie  einzageben,  findet 
man,  dass  man  es  auch  hier  wieder  mit  zelligen  Elementen  stem- 
f&rmiger  Art  zn  thnn  hat  Die  Znsammensetznng  des  Knochens 
ergiebt  demnach  ein  Gewebe,  welches  in  einer  scheinbar  ganz  ho- 
mogenen, verkalkten  Gmndmasse  (Intercellnlarsnbstaoz)  sehr  re- 
gehnässig  vertheilt  die  eigentlichen,  sternförmigen  Enochenzellen 
enthält. 

Die  Entfernung  zwischen  je  zwei  Enochengefftssen  ist  oft  sehr 
bedeutend;  ganze  Lamellensysteme  schieben  sich  zwischen  die 
Markkanäle  ein,  mit  zahlreichen  Enochenkörperchen  durchsetzt. 
Hier  ist  es  gewiss  schwierig,  sich  die  Ernährung  eines  so  com- 
plicirten  Apparates  als  abhängig  von  der  Thätigkeit  der  zum  Theil 
so  weit  entfernten  Gefässe  zu  denken,  namentlich  sich  vorzustellen, 
wie  jedes  einzelne  Körperchen  in  dieser  grossen  Zusammensetzung 
immer  noch  in  einem  Specialverhältniss  der  Ernährung  zu  den 
Greftssen  stehen  soll.  Ueberdies  lehrt  die  Erfahrung,  dass  wirklich 
jedes  einzelne  Eüiochenkörperchen  fiir  sich  ein  besonderes  Emäh- 
rungs-YerhältDiss  besitzt.  — 

Ich  habe  diese  Einzelheiten  vorgefahrt,  um  die  lange  Stufen- 
leiter zu  zeigen,  die  von  den  gefässreichen  und  den  gefäss- 
haltigen  zu  den  gefässarmen  und  den  gefässlosen  Thei- 
len  stattfindet.  Will  man  eine  einfache  und  zugleich  befriedigende 
Anschauung  der  Ernäbrungs-Yerhältnisse  haben,  so  glaube  ich  es 
als  logische  Forderung  aufstellen  zu  müssen,  dass  Alles,  was  von 
der  Ernährung  der  gefässreichen  Theile  ausgesagt  wird,  auch  für 
die  gefässarmen  und  für  die  gefässlosen  Gültigkeit  haben  muss, 
und  dass,  wenn  man  die  Em&hrnng  der  einzelnen  Theile  in  eine 
direkte  Abhängigkeit  von  den  Gefässen  oder  dem  Blute  stellt, 
man  wenigstens  darthun  muss,  dass  alle  Elemente,  welche  in 
nächster  Beziehung  zu  einem  und  demselben  Gefässe  stehen,  wel- 
che also  in  ihrer  Ernährung  auf  ein  einziges  Gefäss  angewiesen 
sind,  auch  wesentlich  gleichartige  Lebensverhältnisse  darbieten. 
In  dem  Falle  vom  Knochen  mfisste  jedes  System  von  Lamellen, 
welches  nur  ein  Gefäss  für  seine  Ernährung  hat,  auch  immer 
gleichartige  Zustände  der  Ernährung  darbieten.  Denn  wenn  das 
Gefäss  oder  das  Blut,  welches  in  demselben  circulirt,  das  Thätige 
bei  der  Ernährung  ist,  so  könnte  man  höchstens  zulassen,  dass 
ein  Theil  der  Elemente,  nehmlich  der  zunächst  an  den  Gefäss- 
kanal  anstossende,  ihrer  Einwirkung  mehr,  ein  anderer,  nehmlich 


Vasculäre  Territorien  115 

der  entferntere,  weniger  ausgesetzt  sei;  im  Wesentlichen  müssten 
sie  aber  doch  eine  gemeinschaftliche  und  gleichartige,  höchstens 
quantitativ  verschiedene  Einwirkung  erfahren.  Dass  dies  keine 
unbillige  Anforderung  ist,  dass  man  eine  gewisse  Abhängigkeit 
bestimmter  Gewebs  -  Territorien  von  bestimmten  Gefässen  aller- 
dings zugestehen  muss,  davon  haben  wir  die  schönsten  Beispiele 
in  der  Lehre  von  den  Metastasen,  namentlich  in  dem  Studium  der 
Veränderungen,  welche  durch  die  Yerschliessung  einzelner  Gapil- 
largefässe  zu  Stande  kommen,  wie  wir  sie  aus  der  Geschichte  der 
Capillar-Embolie  kennen.  In  solchen  Fällen  sehen  wir  in  der  That, 
dass  ein  ganzes  Gewebsstuck,  so  weit  es  in  einer  unmittelbaren 
Beziehung  zu  einem  Gefässe  steht,  auch  in  seinen  pathologischen 
Verhältnissen  ein  Granzes  vorstellt,  ein  vasculäres  Territo- 
rium, eine  Gefässeinheit.  Allein  diese  Gefässeinheit  erscheint 
vor  einer  feineren  Auffassung  immer  noch  als  ein  Vielfaches,  als 
eine  mehr  oder  weniger  grosse  Summe  von  Ernährungseinheiten 
(Zellenterritorien)  und  es  genügt  nicht,  den  Körper  etwa  in  lauter 
Gefässterritorien  zu  zerlegen,  sondern  man  muss  noch  innerhalb 
derselben  weiter  auf  die  Zellenterritorien  zurückgehen. 

In  dieser  Auffassung  ist  es,  wie  ich  glaube,  ein  wesentlicher 
Fortschritt  gewesen,  dass  durch  meine  Untersuchungen  innerhalb 
der  Gewebe  der  Bindesubstanz,  wie  ich  früher  hervorgehoben  habe 
(S.  48),  ein  besonderes  System  anastomosirender  Elemente  nach- 
gewiesen ist,  und  dass  wir  auf  diese  Weise  anstatt  der  Vasa  se- 
rosa, welche  sich  die  Früheren  far  diese  nächsten  Zwecke  der  Er- 
nährung zu  den  Capillaren  hinzudachten,  eine  thatsäcbliche  Ergän- 
zung bekommen  haben,  durch  welche  die  Möglichkeit  von  Saft- 
strumungen  an  Orten  gegeben  ist,  die  an  sich  arm  an  Gefässen 
sind.  Wenn  wir  beim  Knochen  stehen  bleiben,  so  wären  Vasa 
serosa  eine  nicht  zu  rechtfertigende  Annahme.  Die  harte  Grund- 
substanz ist  durch  und  durch  ganz  gleichmässig  mit  Kalksalzen 
erfallt,  so  gleichmässig,  dass  man  gar  keine  Grenze  zwischen  den 
einzelnen  Kalktheilchen  wahrnimmt.  Wenn  Einzelne  angenommen 
haben,  dass  man  kleine  Kömer  daran  unterscheiden  könne,  so  ist 
dies  ein  Irrthum.  Das  Einzige,  was  man  in  der  Grundsubstanz 
siebt,  sind  die  Canaliculi,  welche  zuletzt  alle  zurückfahren  auf  die 
Körper  der  Knochenzellen  (Knochenkörperchen),  und  welche  ihrer- 
seits wieder  verästelt  sind.  Die  inneren  Enden  dieser  Aeste,  dieser 
kleinen  Fortsätze  reichen  unmittelbar  bis  an  die  Oberfläche  des 

8* 


Gefösökanals  (Markkanala).     Sie  setzen  also  unmittelbar  da  ein, 
wo  die  Ge^smembran    anliegt  (Fig.  41),   denn    man   kann  sie 


dentlich  auf  der  Wand  des  Eanalä  als  kleine  LOcberchen  wahr' 
nehmen.  Da  nnn  die  verschiedeoen  EnochenkOrperchen  wieder 
QDter  sich  in  offener  YerbindaDp;  stehen,  so  ist  dadarcb  die  H(%- 
liirhkeit  gegeben,  dass  eine  gewisse  Qnantit&t  von  Saft,  welcher 
an  der  inneren  Fläche  des  Gefässkanals  anfgenommen  ist,  dnrch 
die  ganze  Gewebsmasse  hindurch  dringt,  nicht  diffus,  sondern 
inneThalb  dieser  feinen  pr&destinirten  uud    continuirlichen  Wege, 

Fig.  41.  Schliff  SU8  einsm  neug:ebi1ileteii  Enocbeo  der  AracbnoidSB  c«ra- 
bralis,  der  nbrif;ens  guit  nonnate  Verhältnis»  des  Bauet  zeigt  Hau  sieht  tioen 
veristelten  Geßsa-  (Uark-)  Kanal  mit  den  in  ihn  einmaDdenden  uod  m  d» 
Knocbenkörpcivben  führenden  KnochenkaD&lcheii     Vergröss.  350. 


KftDUe  der  Z&hii«  und  Bandscheiben.  117 

welche  der  Iiyection  vom  Ge^se  aas  nicht  mehr  zogfinglicfa  sind. 
Eine  Zeitlang  hat  mao  geglaubt  dase  die  Kanälchen  vom  Gewisse 
ans  2D  injiciren  seien,  allein  dies  ist  nur  vom  leeren  (macerirten) 
GreßksB-  oder  Uarkkanal  aas  möglich. 

Es  ist  dies  ein  ganz  fthnlicbes  Verhältniss,  wie  am  Zahn,  wo 
man  von  der  leeren  Zahnhöhle  ans  die  Zahnkanälcfaen  oder  Zahn- 
rObreheo  (Fig.  4^)  injiciren  kann.  Spritzt  man  CarminlßsuDg  in  eine 
leere  Zahnhöhle,  so  sieht  man  die 
Zahokan&lcbeD  zahlreich  neben  ein-  '''■-  *^- 

ander  als  nahezu  parallel,  nnr  we-  " 

nig  strablig  auseinander  gehende 
RAbreo  zn  der  Oberfl&che  anfstei- 
gen.  Die  Zahnsnbstanz  bildet  eben 
ancb  eine  breite  Lage  von  gef&ss- 
loser  Substanz.  GeßLsse  finden  sich 
nur  in  der  HarkbOhle  des  Zahns; 
von  da  nach  aussen  haben  wir 
weiter  nichts,  als  die  eigentlii.-he 
Zahnsnbstanz  (Deutio)  mit  ihrem 
Rohrensystem ,  welches  an  der 
Krone  bis  nahe  an  den  Schmelz 
(Fig.  42,  S)  reicht,  an  der  Zahn- 
wurzel dagegen  unmittelbar  über- 
geht in  eine  Lage  von  wirklicher 
Enocbensnbstanz  (Cement).  Hier 
sitzen  die  Knochen  körperchea  am 
Ende  dieser  Robren  auf.  Eine 
ähnliche  Einrichtung  ffir  die  Saft- 
strftmDug,  wie  vom  Marke  der 
Knochen,  geht  hier  von  der  Zahn- 

polpe  ans;  der  Emäbrongssaft  kann  durch  RObren  bis  zum  Schmelz 
und  zum  Cement  geleitet  werden. 

Diese  Art  von  RohreoBystemen ,  die  im  Knochen  und  Zahn 
in  einer  so  ausgesprochenen  Weise  sich  findet,  ist  in  den  weichen 
Gebilden  mit  einer  ungleich  geringeren  Klarheit  zn  erkennen.  Das 
ist  wohl  der  hauptsächliche  Grund  gewesen,  weshalb  die  Analogie, 


Fig.  42.    ZahnscblilF  lon  der  Erone.    n  insücre   Oberfläche   doa    Zahos. 
•  inaera  Otwi»  gegen  die  Harkfaühle  hin.    S  Schmelz,   l)  DenÜD.    Vergr.  150. 


118  Fünft«»  Capitel. 

welche  zwischen  den  weichen  Geweben  der  Bindesabstanz  und  den 
harten  der  Knochen  besteht,  nicht  recht  znr  Anschannng  gelangt 
ist.  Am  deutlichsten  sieht  man  solche  Einrichtungen  an  Ponkten, 
die  eine  mehr  knorpelige  Beschaffenheit  haben,  namentlich  im 
Faserknorpel.  Aber  es  ist  noch  viel  mehr  bezeichnend,  dass  wir 
von  dem  Knorpel  eine  Reihe  von  Debergängen  za  anderen  Gewe- 
ben der  Bindesnbstanz  finden,  in  welchen  sich  stets  dasselbe  Ver- 
hältniss  wiederholt.  Zuerst  Theile,  die  chemisch  noch  zum  Knor- 
pel gehören,  z.  B.  die  Hornhaut,  welche  beim  Kochen  Gbondrin 
gibt,  obgleich  sie  Niemand  als  wirklichen  Knorpel  ansieht.  Viel 
auffälliger  ist  die  Einrichtung  bei  solchen  Theilen,  bei  denen  die 
äussere  Erscheinung  für  Knorpel  spricht,  ohne  dass  die  chemischen 
Eigenschaften  übereinstimmen,  z.  B.  bei  den  Gartilagines  semilu- 
nares  im  Kniegelenk,  jenen  Bandscheiben  zwischen  Femur  und 
Tibia,  welche  die  Gelenkknorpel  vor  zu  starken  Berfihrungen 
schützen.  Diese  Theile,  welche  bis  vor  Kurzem  allgemein  als 
Knorpel  beschrieben  wurden,  geben  beim  Kochen  nicht  Chondrin, 
sondern  Leim.  In  diesem  harten  Bindegewebe  treffen  wir,  wie  in 
der  Hornhaut  und  dem  Faserknorpel,  dasselbe  System  von  ana- 
stomosirenden  Elementen  mit  einer  ungewöhnlichen  Schärfe  und 
Klarheit.  Gefässe  fehlen  darin  fast  gänzlich;  dagegen  enthalten 
diese  Bandscheiben  ein  ßöhrensystem  von  seltener  Schönheit.  Anf 
dem  Durchschnitte  sieht  man,  dass  das  Ganze  sich  zunächst  zer- 
legt in  grosse  Abschnitte,  ganz  ähnlich  wie  eine  Sehne;  diese  zer- 
fallen wieder  in  kleinere,  und  die  kleinen  endlich  sind  durchsetzt 
von  einem  feinen,  sternförmigen  System  von  Röhren,  oder  wenn 
man  will,  von  Zellen,  insofern  der  Begriff  einer  Röhre  und  der 
einer  Zelle  hier  zusammenfallen.  Die  Zelleunetze,  welche  das  Röh- 
rensystem bilden,  gehen  nach  aussen  hin  in  die  Grenzlager  der 
einzelnen  Abschnitte  über,  und  hier  sehen  wir  nebeneinander  be- 
trächtliche Anhäufungen  von  Spindelzellen.  Auch  in  den  Band- 
scheiben hängt  dieses  Netz  von  Röhrchen  nur  äusserlich  zusam- 
men mit  dem  Circulationsapparat:  Alles,  was  in  das  Innere  des 
Gewebes  gelangen  soll,  muss  auf  grossen  Umwegen  ein  Kanal- 
system mit  zahlreichen  Anastomosen  passiren,  und  die  innere  £r- 
nähning  ist  ganz  und  gar  abhängig  von  dieser  Art  der  Leitung. 
Die  Bandscheiben  sind  Gebilde  von  beträchtlichem  Umfiange  und 
^osser  Dichtigkeit;  und  da  hier  alle  Ernährung  auf  das  letzte 
feine  System  von  Zellen  zurückzuführen  ist,  so  haben  wir  es  noch 


Kanäle  der  Buiitscheiben.  119 

viel  mehr,  als  beim  Knorpel,  mit  einer  Art  der  Saflznfnbr  zn  thtm, 
welche  nicht  mehr  direkt  vod  den  Geissen  bestimmt  werden 
Icum. 

Ffir  daa  Verständnies    der  f...  *-.. 

Abbildung  (Fig.  43)  füge  ich 
noch  hinzu,  dass  die  letzten  Ele- 
mente der  Bandscheiben  als  sehr 
ideine  Zellkörper  erscheinen,  die 
in  laoge,  feine  Fäden  ansgeheo, 
welche  sich  verästeln.  Durch- 
schnitte dieser  Fäden  stellen  sich 
als  kleine  Punkte  mit  einem 
hellen  Centnim  dar.  Alle  Fäden 
lassen  sich  mit  grosser  Be- 
stimmtheit bis  an  gemeinschaft- 
liche ZeUkOrper  verfolgen,  ganz 
wie  im  Knochen.  Es  sind  feinste 
Bohren,  die  in  innigem  Zusam- 
menhang unter  einander  stehen, 

nur  dass  sie  sich  an  gewissen  Punkten  zu  grosseren  Haufen  sam- 
meln, durch  welche  die  Hauptleitung  erfolgt,  und  dass  die  Zwi- 
scheDsobstanz  in  keinem  Falle  Kalk  aufnimmt,  sondern  stets  ihre 
Bind^ewebsnatur  beibehält. 


Fif-  43.  Durcbschnitl  aue  der  halbmondförmigea  Bftodscbeibe  (Csrtilago 
aemiluDaris)  des  EniegeleokB  vom  Eiode.  a.  Fuenüüe  mit  apmdelförm^n,  pa- 
r«ll«l  JieKeDdeu  und  snottomosirendeD  Zellen  (Längsschnitt),  b.  Netziell«D  mit 
breiten  fenweigten  und  anutomosirenden  Kaoälcbun  (Querschnitt).  Hll  EBsifr- 
sänra  behandelt    Te^r.  350. 


Sechstes  Capitel. 

Weiteres  Aber  Emälining  und  Saftleltimg. 


B«hnra,  Hornhant,  Nabelttnng. 

Weichet  Bindegewebe  (Zellgewebe).    ElMtlsches  Gewebe.    Stniktarloie  HSate:  Taoleae  propriee, 

Cntleala.    BlMÜeehe  Membranen:  Sarkolemm. 
LederhADt  (Derma).    Papillark&rper:  Tascolire  Besirke.    unterhast  (inbentanes,  sobserSaea,  anb- 

maeSsei  Gewebe).    Taniea  dartoa. 
Das  feinere  Kanaliystem  des  Bindegewebes:   Körperehen,  Lacnnen.    Bedeotnag  der  Zellen  fSr 

die  SpedalTertheilang  der  Bmihrangssifte  innerhalb  der  Gewebe.    YegetatiTer  Cliarakter  der 

Brnihning.    BleetiTe  Eigensehaften  der  Zellen. 


Die  Bandscheiben,  wie  wir  sie  in  der  am  meisten  ansgesprochenen 
Form  im  Kniegelenke  an  den  sogenannten  Semilimar- Knorpeln, 
die  eben  keine  Knorpel  sind,  kennen  gelernt  haben,  besitzen 
eigentlich  die  Eigenschaften  platter  Sehnen.  Die  einzelnen  Stmctnr- 
verhältnisse,  die  wir  in  ihnen  gefanden  haben,  wiederholen  sich  im 
Qaerschnitte  der  Sehnen.  Betrachten  wir  daher  zunächst  diese  oft 
so  vernachlässigten  Gebilde.  Ich  wähle  dazu  eine  Reihe  von  Ob- 
jecten  ans  der  Achilles-Sehne  sowohl  des  Erwachsenen,  als  des 
Kindes,  welche  verschiedene  Entwickelnngs-Stadien  zeigen.  Es  ist 
dies  fiberdem  eine  Sehne,  die  manche  Bedeutung  far  operative 
Zwecke  hat,  die  also  schon  aus  praktischen  Gründen  wohl  einen 
kleinen  Aufenthalt  entschuldigt. 

An  der  Oberfläche  einer  Sehne  sieht  man  bekanntlich  mit 
blossem  Auge  eine  Reihe  von  parallelen  weisslicben  Streifen  ziem- 
lich dicht  der  Länge  nach  verlaufen,  welche  das  atlasglänzende 
Aussehen  bedingen.  Bei  mikroskopischer  Betrachtang  erscheinen 
die  Streifen  natürlich  mehr  getrennt:    die  Sehne  sieht  deutlich 


SehiHD.  121 

fescicolirt  ans.  Noch  viel  deatlicber  ist  dies  atif  einem  Qaer- 
scbnitte,  -wo  man  scbon  mit  blossem  Auge  eine  Reihe  von  klei- 
neren nnd  grösseren  Abtheilongeo  (Bündeln,  Fascikeln)  wahrnimmt. 
VergrOssert  man  das  Object,  bo  zeigt  sich  eine  innere  Einrichtung, 
welche  fast  ganz  deijenigen  entspricht,  welche  bei  den  Semilonar- 
Knorpeln  geüchUdert  iBt.  Am  finsseren  umfange  der  Sehne  liegt 
ringsomher  eine  faBerige  Kasse,  eine  Art  von  lockerer  Scheide, 
in  der  die  Geßsse  enthalten  sind,  welche  die  Sehne  ern&hren. 
Die  grösseren  Gefässe  bilden  in  der  Scbeide  ein  Geflecht,  welches 
die  Sehne  änsserlich  umspinnt.  Aus  diesem  Geflechte  treten  an 
einzelnen  Stellen  mit  Fortsetzungen  der  Scbeide  Gefässe  in  das 
Innere,  indem  sie  sich  in  den  Zwischenlagen  oder  Scheiden  der 
Fascikel  (Fig.  44  a,  b)  ver&steln.      In  das  Innere  der  Fascikel 


selbst  geht  dagegen  ebensowenig  etwas  ron  GelSssen  hinein,  als 
in  das  Innere  der  Bandscheiben;    hier  finden  wir  vielmehr  wieder 

Fig.  44.  Qaeracliiult  am  der  Achilles-Sehne  einet  Enrachsenu.  Von  der 
Sehnenscheide  aus  «ieht  min  bei  a,  b  ond  c  Scheidew&nde  otch  innen  linTen, 
welche  Dascfaeurörniig  iniammenUn^en  nnd  die  primlren  nnd  secnndlren  Kuci- 
kel  abgrenzen.  Die  grösseren  (a  nnd  b)  pfl^en  Oeßsse  ni  fähren,  die  kleineren 
(r)  nicht  mehr-  Innerhalb  der  secnndlren  Fascikel  rieht  man  das  feine  Haschen' 
neti  der  Sehnenkörperchen  (Netuellen)  oder  das  internediire  Saftkanalsystem.  — 
TerpÖss.  80. 


122  Secb8t«8  Capitd. 

das  mebrfadi  besprochene  Zellennetz,  oder  anders  ansgedrfickt, 
das  eigentbümliche  saftßbrende  Kanalsystom ,  dessen  Bedeutong 
wir  beim  Enochen  kennen  gelernt  haben. 

Uaa  kann  demnach  die  Sehne  zonädist  in  eine  Reihe  von 
grösseren  (primäreo)  BOndeln  zerlegen,  diese  aber  wieder  in  eine 
gewisse  Summe  von  kleioeren  (secundäreD)  Pascikela  (heilen.  So- 
wohl jene,  als  diese  sind  dnrch  Züge  einer  faserigen,  Gefässe  and 
Faserzellen  enthallenden  Bindesabstanz  getrennt,  so  dass  der 
Qnerschnitt  der  Sehne  ein  maschiges  Aussehen  darbietet.  Vim 
diesem  interstitiellen  oder  interfasciculären  Gewebe,  das  sii'h  von 
der  eigeothSmlichen  SebnensnbataDz  nur  durch  seine  Lockerbeil, 
sowie  dnrch  die  dichtere  Änbftnfnng  zelliger  Elemente  and  dnruli 
die  Anwesenheit  der  Geisse  nnterst^eidet,  beginnt  ein  zusammen- 
hängendes  Netz  sternförmiger  Elemente  (SehnenkörperKhea). 


welche  in  das  Innere  der  Fascikel  bineingeheo,  unter  sich  anaato- 
inosiren  und  die  Verbindui^  zwischen  den  äusseren  geÖLsshaltigeo 
nnd  den  inneren  ge^slosen  Theilen  der  Fascikel  herstellen.  Dies 
Verhältniss  ist  in  einer  kindlichen  Sehne  sehr  viel  deutlicher,  als 

Fig.  45.  Querscbaitt  aus  dem  Innero  der  ÄcfailleB-Sehne  eines  NeugebarnBD. 
a  die  ZKischeomasse ,  welcbe  die  secundiren  Fsscikel  Bcheidet  (entaprMlieDd 
Fig  44,  e),  ganz  und  gar  aus  dJcfatgedräneten  Spindelzellen  bestehend.  Hit 
diesen  in  direkler  Anastomose  sieht  man  seiUich  bei  6,  h  nebt-  und  spindelför- 
mige Zellen  in  das  Imiere  der  Fascikel  lerlaufen.  Die  Zellen  sind  deutlieh  kern- 
haltig.   Vergröss.  300. 


Sebaou.  123 

Id  einer  erwachsenen.  Je  ftlter  nehmlicb  die  Theile  werden,  am 
so  länger  nnd  feiner  werden  im  Allgemeinen  die  Aosläofer  der 
Zellen,  so  dass  man  an  vielen  Schnitten  die  eigentlichen  Zellen- 
kOrper  gar  nicht  trifft,  sondern  nur  feine,  in  Fäden  zo  verfotgende 
Pmikte  oder  ptinktf&nnige  OeffnuDgen  erhliukt.  Die  einzelnen  Zell- 
kürper  rücken  also  mit  fortBchreitendem  Wachsthnm  weiter  ans* 
einander  nnd  es  wird  immer  schwierii^er,  die  Zellen  in  ihrer  gan- 
zen Aosdehnnng  mit  ihren  Fortsätzen  auf  einmal  zn  Übersehen. 
Ani-h  muss  man  flieh  erst  über  diis  Verhfiltniss  von  Längs-  and 
Qaerschnitt  in'e  Klare  setzen,  nm  die  vorkommenden  Bilder  ri«:h- 
tig  zn  verstehen.  Wo  nehmlich  anf  einem  Längsschnitte  spio' 
tielfSnnige  Elemente  liegen,  da  treffen  wir  auf  einem  Qnerschnitte 


sternförmige,  nnd  umgekehrt  entspricht  dem  Zellennetze  des  Qaer- 
»^'hnittes  die  regelmässige  Abwechselung  von  reihenweise  gestellten 
spindelförmigen  Elementen  des  Längsschnittes  ganz  nach  dem 
Schema,  wie  wir  es  für  das  Bindegewebe  überhaupt  anfgestellt 


Fig.  id.  Längsschuitt  aus  dem  Innerii  der  Acbilles-Sehne  eineB  Neu^rcbor- 
iieii,  o,  o,  n  Scfaeidsti  (JnteLsli'ielles  Uewebe),  A,  b  Fasdkel.  la  beiden  siclil 
uian  Spindel fTjrmiKD  Kernxelleii,  v.nm  Theil  anaslümosirend ,  mit  leii'lit  län^ sAtrei- 
6a«r  GrundatibataDz ,  die  Zellen  in  den  Scheiden  dichter,  in  den  Fascikelu  spär- 
licher, bei  c  der  Dorchscfanitt  eines  iaterstitielleii  Blut-Qeß^ses.    Vergr.  350. 


124  Sechstes  Gapitel. 

haben.  Die  Elemente  sind  also  auch  hier  nnr  scheinbar  ein&ch 
spindelförmig,  wenn  man  einen  reinen  Längsschnitt  betrachtet:  ist 
dieser  etwas  schräg  gefallen,  so  sieht  man  die  seitlichen  Aoslftii- 
fer,  durch  welche  die  Zellen  einer  Reihe  mit  denen  der  anderen 
communiciren. 

Bis  jetzt  hat  man  das  fortgehende  Wachsthum  der  Sehnen 
nach  der  Geburt  noch  nicht  zum  Gegenstande  einer  regehnässigen 
Untersuchung  gemacht,  und  es  ist  nicht  bekannt,  ob  dabei  noch 
eine  weitere  Vermehrung  der  Zellen  stattfindet;  so  viel  ist  jedoch 
sicher,  dass  die  Zellen  später  sehr  lang  xmd  die  Abstände  zwischen 
den  einzelnen  Eernstellen  ausserordentlich  gross  werden.  Das 
Structurverhältniss  an  sich  erleidet  dadurch  jedoch  keine  Verän- 
derung ;  die  ursprünglichen  Zellen  erhalten  sich,  ohne  in  ihrer  Form 
und  ihren  Lagerungs-Verhältnissen  wesentliche  Veränderungen  zu 
erfahren,  auch  in  dem  grossen  Bohrensystem,  welches  in  der  aus- 
gewachsenen Sehne  das  ganze  Gewebe  durchzieht.  Daraus  erklärt 
sich  die  M(yglichkeit,  dass,  obwohl  die  Sehne  in  ihren  innersten 
Theilen  keine  Gefässe  enthält  und,  wie  man  bei  jeder  Tenotomie 
sehen  kann,  nur  wenig  Blut  in  den  äusseren  Gefässen  der  Seh- 
nenscheide und  den  inneren  Gewissen  der  Interstitien  der  grösse- 
ren Bündel  empfängt,  doch  eine  gleichmässige  Ernährung  der 
Theile  stattfinden  kann.  Diese  lässt  sich  in  der  That  nur  so  den- 
ken, dass  auf  besonderen,  von  den  Gefässen  xmterscheidbaren  We- 
gen Säfte  durch  die  ganze  Substanz  der  Sehne  in  regelmässiger 
Weise  vertfaeilt  werden.  Nun  sind  aber  die  natürlichen  Abthei- 
lungen der  Sehne  fast  ganz  regelmässig,  so  dass  ungefähr  auf 
jedes  einzelne  zellige  Element  eine  gleich  grosse  Menge  von  Zwi- 
schensubstanz kommt,  und  da  die  Zellenmaschen  des  Innern  sich 
direkt  in  die  dichten  Zellenbündel  der  Interstitien  und  diese  bis 
an  die  Gefässe  verfolgen  lassen  (Fig.  44,  45),  so  darf  man  wohl 
unzweifelhaft  in  diesen  Zellen  die  Wege  einer  intermediären  Saft- 
strömung sehen,  welche  nicht  mehr  durch  freie  Ostien  mit  den 
Wegen  der  allgemeinen  BlutstrOmung  zusammenhängen. 

Es  ist  dies  ein  neues  Beispiel  für  meine  Ansicht  von  den 
Zellenterritorien.  Ich  zerlege  die  ganze  Sehne,  abgesehen  von  pri- 
mären und  secundären  Fascikeln,  in  eine  gewisse  Zahl  von  Reihen 
linear  und  maschenf&rmig  verbundener  Zellen;  jeder  Reihe  rechne 
ich  ein  gewisses  Gewebsgebiet  zu,  so  dass  z.  B.  auf  einem  Längs- 
schnitte etwa  die  Hälfte  der  Zwischenmasse  der  einen,  die  andere 


Homhautbau.  125 

Hälfte  derselben  der  anderen  Zellenreihe  zngehören  würde.  Das, 
was  man  als  die  eigentlichen  Bündel  der  Sehne  betrachtet,  wird 
hier  also  noch  weiter  zerspalten,  indem  die  Sehne  in  eine  grosse 
Zahl  von  besonderen  Emähnmgs- Territorien  anseinander  gelegt 
wird. 

Ein  solches  Yerhfiltniss  finden  wir  überall  bei  den  Geweben 
dieser  Gmppe  wieder.  Ans  ihm  leitet  sich,  wie  man  sich  dnrch 
direkte  Anschaunng  überzengen  kann,  zugleich  die  Grösse  der 
Krankheitsgebiete  ab:  jede  Krankheit,  welche  wesentlich 
auf  einer  nutritiven  Störung  der  inneren  Gewebs-Ein- 
richtnng  beruht,  stellt  immer  eine  Summe  aus  den 
Einzelveränderungen  solcher  Territorien  dar.  Die  Bil- 
der, welche  man  bei  diesen  Untersuchungen  gewinnt,  gewähren  durch 
die  Zierlichkeit  der  inneren  Anordnung  zugleich  einen  wirklich  ästhe- 
tischen Genuas,  und  ich  kann  nicht  leugnen,  dass,  so  oft  ich  einen 
Sehnenschnitt  ansehe,  ich  mit  immer  erneutem  Wohlgefallen  diese 
netzförmigen  Einrichtungen  betrachte,  welche  in  so  zweckmässiger 
Weise  die  Verbindung  des  Aeusseren  mit  dem  Inneren  herstellen, 
und  welche,  ausser  in  dem  Knochen,  kaum  in  irgend  einem  an- 
deren Gebilde  mit  so  grosser  Schärfe  und  Klarheit  sich  darlegen 
lassen,  wie  in  der  Sehne.  — 

^-  Dem  Bau  xmd  den  Einrichtungen  nach  schliesst  sich  hier  am 
leichtesten  die  Hornhaut  an.  Denn  in  ähnlicher  Weise,  wie  die 
Sehne  ihr  peripherisches  Gef&sssystem  hat  und  ihre  inneren  Tbeile 
dnrch  das  feine  saftführende  Röhrensystem  ernährt  werden,  so 
reichen  auch  an  der  Hornhaut  nur  die  feinsten  Gefässe,  und  auch 
diese  kaum  eine  Linie  weit,  über  den  Kand  herüber,  so  dass  nicht 
bloss  der  centrale  Abschnitt,  sondern  der  grösste  Theil  der  Cor- 
nea vollkommen  gefässlos  ist,  was  schon  wegen  der  Durchsich- 
tigkeit des  Gewebes  sich  als  nothwendig  ergibt.  Der  grösste  Theil 
der  Hornhaut  ist  daher  in  seinen  Ernährungs  -  Einrichtungen  so 
gestellt,  dass  er  vom  Umfange  und  von  den  Flächen  her  Stoffe 
aofiiehmen  und  leiten  kann,  ohne  dass  es  dazu  direkter  Gefäss- 
verbinduDg  bedürfte. 

Die  Substanz  der  Hornhaut  besteht  nach  der  älteren  Ansicht 
au  über  einander  geschichteten  Lamellen  (Platten  oder  Blättern), 
welche  mehr  oder  weniger  parallel  durch  die  ganze  Ausdehnung  der 
Hornhaut  gehen.  Eine  genauere  Untersuchung  zeigt  jedoch,  dass 
die  Lamellen,  wie  beim  Knochen,  nicht  vollkonmien  getrennt  sind. 


126 


Sechstes  Gapitel. 


da88  vielmehr  die  einzelnen  Gewebs-Schichten,  welche  allerdings  im 
Grossen  lamellös  über  einander  gelagert  sind,  unter  einander  viel- 
fach zusammenhängen ;  sie  liegen  nicht  in  irgend  welcher  Art  lose 
oder  fest  auf  einander,  sondern  sie  haben  unter  sich  direkte  Ver- 
bindungen. Es  ist  daher  die  Cornea  vielmehr  als  eine  überall  zu- 
sammenhängende Masse  anzusehen,  deren   fast  homogene  Grund- 


Flg.  47. 


Substanz  in  gewissen  Richtungen  oder  Zügen  unterbrochen  wird 
durch  zellige  Elemente  (Hornhautkörperchen),  ganz  in  der- 
selben Weise,  wie  dies  bei  den  anderen  verwandten  Geweben, 
welche  wir  schon  besprochen  haben,  gesehen  wird.  Ein  Vertical- 
schnitt  zeigt  uns  spindelförmige  Elemente,  welche  unter  einander 
anastomosiren,  zugleich  aber  auch  seitliche  Ausläufer  haben.  Be- 
trachtet man  sie  von  der  Fläche,  im  Horizontalsclmitte,  so  erwei- 
sen sie  sich  als  vielstrahiige,  sternförmige,  aber  sehr  platte  Zellen«, 
den  Enochenkörperehen  vergleichbar. 

Indem  nun  diese  Zellen  in  regelmässiger  Weise,  nehmlich  in 
mehrfachen,  parallelen  Ebenen,  in  die  Grundsubstanz  eingelagert 
sind,  so  entsteht  eben  jene  lamellöse,  blätterige  oder  plattenartige 


Fig.  47.  Senkrechter  Durchschnitt  der  Hornhaut  des  Ochsen,  um  die  Gestalt 
und  Anastomose  der  Ilomhautzellen  (Körperchen)  zu  zeipren.  Hie  und  da  sieht 
man  durchschnittene,  als  Faseni  oder  Punkte  erscheinende  Zellenfortsätze.  Vor^. 
r>00.     Nach  II  i  8  Wurzh.  Verhandl.  IV.   Taf.  IV.  Fip.  1. 


Der  Nabelgtrang. 


Beschaffenheit  des  ganzen  Gewebes.  Die  Blätter  der  Hombant 
sind  die  Analoga  der  Bündel  der  Sehne.  — 

Ich  schliesee  ein  anderes  Giewebe  hier  an,  das  sonst  in  der 
Histologie  nicht  besonders  bevorzugt  ist,  das  aber  gewiss  kein 
geringes  Intaresse  hat,  nehmlich  das  Schleimgewebe.  Wir  fin- 
den dasselbe  in  besonders  reichlicher  Anb&nfhng  in  dem  Nabel- 
Strang,  wo  es  die  sogenannte  Wharton'sche  Snlze  darstellt*). 
Diese  gehOrt  auch  zn  den  Geweben,  welche  allerdings  Geisse 
nhren,  aber  doch  eigentlich  keine  Gef&sse  besitzen.  Denn  die 
Gflftsse,  welche  durch  den  Nabelstrang  hindarchgeleitet  werden, 
sind  nicht  EmährnngsgeAsse  für  die  Nabelstrangsnbstanz,  wenig- 
stens nicht  in  dem  Sinne,  wie  wir  von  Emährongsgef&ssen  an 
anderen  Tbeilen  sprechen. 

Wenn  man  nehmlich  von  nntritiven  Gefässen 
spricht,  so  meint  man  damit  stets  solche  Gef&ese, 
welche  in  die  Theile,  die  ernährt  werden  sollen,  Ga- 
pillaren  senden.  Die  Aorta  thoracica  ist  nicht  das  nntritive 
Oel&gs  des  Thorax,  eben  so  wenig  als  die  Aorta  abdominalis  oder 
die  Vena  cava  das  ffir  den  Bauch.  Man  sollte  also,  wenn  es  sieb 
nm  den  NabelstrauK  handelt,  erwarten,  dass  ausser  den  beiden 
Nabel -Arterien  nnd  der  Nabel-Vene  noch  Nabelstrang -Capillaren 


Frg.  48.  FlichenBchnitt  der  Flonihaut,  parallel  der  Obarfl&rbe;  die  stem- 
fönnigen,  platten  Körpsrchen  mit  ihreo  onastomoBireaden  ForisHtEeD-  Noch  IIi>, 
ebMtdas.  Fig.  II. 

*)  Thom.  Wbsrton  (Aüenograpbia.  AmBlalod.  IG59.  pag.  2SS)  sagt  sebr 
rbarakteristwcb :  Ljmphaedticliu  vel  gelndna,  quae  eonim  .virea  gerit,  altemm 
snceuin  albumJDi  OTorum  similiorem  sbdudt  (a  placenta}  ad  tuniculuD  um- 
bilkalem. 


128  Sechstel  Cftpilel. 

exisüren.  Allein  Arterien  und  Vene  verlaufen,  ohne  anch  nur  das 
Mindeste  von  Aesten  abzugeben,  vom  NEU>el  bis  zur  Placenta  hin; 
erst  hier  beginnen  die  Verästelangen.  Die  einzigen  capillaren  Ge- 
fasse,  die  überhaupt  in  dem  Nabelstrange  eines  etwas  entwickelten 
Fötus  gefonden  werden,  reichen  nnr  etwa  4  —  5  Linien,  selten 
eia  wenig  mehr  von  der  Bancbhant  aus  in  denjenigen  Theil  des 
Nabelstranges  hineio,  welcher  nach  der 
^t-  *«■  Gebart  persistirt.     Je    nachdem    dieser 

gefässhaltige  Theil  höber  oder  niedriger 
heraufreicht,  wird  auch  der  spätere  Nabel 
verBcfaieden  entwickelt.  Bei  sehr  niedri- 
ger Ge^Bschicht  wird  der  Nabel  sehr 
tief,  bei  sehr  grosser  gibt  es  einen  pro- 
minirenden  Nabel.  Die  Capillaren  be- 
zeichnen die  Grenze,  bis  zu  welcher  das 
permanente  Gewebe  reicht;  die  Portio 
cadaca  des  Nabelstranges  hat  keine  eige- 
nen GeOsse  mehr. 

Dieses  Verbältniss,  welches  mir  fOr 

die  Theorie  der  ErnäbruDg  sehr  wichtig 

zu  eeiü  scheint,  übersieht  man  sehr  leicht 

mit  blossem  Ai^e  an  injicirten  Früchten 

vom  fünftea  Monate  an,  sowie  an  Neugebornen.  Die  gefässhaltige 

Schicht  setzt  sich  zuweilen  fast  geradlinig  ab. 

Freilich  ist  ein  solches  Object  nicht  absolut  beweisend,  denn 
CS  kOnaten  immerhin  einzelne  feine  Gefässe  noch  weiter  gehen, 
welche  nicht  mit  blossem  Auge  erkennbar  wären.  Aber  ich  habe 
gerade  diesen  Punkt  zum  Gegenstände  einer  speziellen  Cntersu- 
chung  gemacht*),  und  obwohl  ich  eine  Reihe  von  menschlichen 
NabelsträDgeo  bald  von  den  Arterien,  bald  von  den  Venen  ans 
ii^icirt  habe,  so  ist  es  mir  doch  nie  gelangen,  auch  nor  das 
kleinste  collaterale  Gefäss  zn  sehen,  welches  über  die  Grenze  der 
Portio  persistens  hinausgii^.    Der  ganze  hioAUige  Tbeil  des  Na- 


Fig.  49.  Das  abdomiDale  Ende  des  Nabelstranges  eine«  fast  ausgetragenen 
Kindes,  injicirt.  A  die  Bauchwand.  B  der  persislirende  Tbeil  mit  dichter  Oe- 
(Iss-lDJedioD  am  BMde.  C  Portio  cadoca  mit  den  Windungen  der  NabelgeOis«. 
»  die  Capillargrenie. 

*}  ArcbiT  f.  patfa.  Anatomie  und  Pbjaiol.  1851.  III.    459. 


Der  Nabelstranjt.  129 

belstranges,  das  lange  Stück,  welcheB  zwischen  dem  cntanen  An- 
satz und  der  Placeatar-AoflOsnnfc  liegt,  ist  vollständig  capillarlos, 
nnd  es  ist  in  ihm  nichts  weiter  von  Gemsen  vorhanden,  als  die 
drei  grossen  Stämme.  Diese  zeichnen  sich  aber  sämmtlich  dnrch 
sehr  dicke  Wandungen  ans,  welche,  wie  wir  erst  dnrch  Eölliker's 
Untereachnng  wissen,  aasserordenüich  reich  an  glatten  Hoskel- 
fasem  sind. 

Anf  einem  Qaerschnitte  dnrch  den  Nabelstrang  bemerkt  man, 
wie  die  dicke  mittlere  Haut  der  Gefösse  ganz  nnd  gar  ans  diesen 
Unskelfasem  besteht,  eine  unmittelbar  an  der  anderen,  so  reichlich, 
wie  es  sonst  kanm  an  irgend  einem  vollständig  entwickelten  Ge- 
ßUse  gefanden  wird.  Diese  Eigentbiimlichkeit  erklärt  die  anffal- 
lend  grosse  Contractilitfit  der  Nabelgeßsse,  welche  bei  Einwirkung 
mechuiischer  Heize,  beim  AKschneiden  mit  der  Scheere,  beim 
Kneifen  oder  naf  elektrische  Reize  im  Grossen  so  leicht  in  Wir- 
kung tritt.  Zuweilen  verengem  sii^h  die  Geisse  anf  äussere  Reize 
selbst  bis  zum  Verschlusse  ihres  Lumens,  so  dass  nach  der  Geburt 
auch  ohne  Ligatur,  z.  B.  nach  Abreisseo  des  Nabelstranges,  die 
Blatmig  von  selbst  stehen  kann.  Die  Dicke  der  Wandungen  dieser 


Gelasse  ist  daher  leicht  begreiflich,  denn  zn  der  an  sich  so  dicken 
Hnscolaris  kommt  noch  eine  innere  md  eine,  wenn  auch  Dicht 

Fig.  50.  QaerdorchMhnitl  durch  einen  Theil  des  Nabel  Siran  (tes.  Links  liebt 
nun  den  Durchschnitt  einer  Nabelorterie  mit  sehr  starker  Muskalhaut,  daran 
■chliesat  sich  das  allmählich  immer  weiter  werdende  Zellennet*  des  Schleimge- 
webea.    Vergr.  80. 


130  Sechstes  Capitel. 

gerade  sehr  stark  entwickelte,  äussere  Haut;  daran  erst  schliesst 
sich  das  sulzige  Gallert*6ewebe  (Schleimgewebe).  Durch  diese 
Lagen  hindurch  würde  also  die  Ernährung  geschehen  mfissen.  Ich 
kann  nun  allerdings  nicht  mit  Sicherheit  sagen,  von  wo  aus  das 
Gewebe  des  Nabelstranges  sich  ernährt;  vielleicht  nimmt  es  aus 
dem  Liquor  Amnios  Emährungsstoffe  auf;  auch  will  ich  nicht  in 
Abrede  stellen,  dass  durch  die  Wand  der  Gefässe  EmährungsstoiFe 
hindurchtreten  mögen,  oder  dass  sich  von  den  kleinen  Gapillaren 
des  persistirenden  Theils  aus  nutritives  Material  fortbewegt.  Aber 
in  jedem  Falle  liegt  eine  grosse  Hasse  des  Gewebes  fem  von 
allen  Gefässen  und  von  der  Oberfläche;  sie  ernährt  und  erhält 
sich,  ohne  dass  eine  feinere  Circulation  von  Blut  in  ihr  vorhan- 
den ist.  Man  hat  nun  allerdings  lange  Zeit  hindurch  sich  mit 
diesem  Gewebe  nicht  weiter  beschäftigt,  weil  man  es  mit  dem 
Namen  der  Sülze  (Gallerte)  belegte  und  es  damit  überhaupt  aus 
der  Reihe  der  Gewebe  in  die  vieldeutige  Gruppe  der  blossen  An- 
häufungen oder  Ausschwitzungen  von  organischer  Masse  warf. 
Ich  habe  erst  gezeigt*),  dass  es  wirklich  ein  gut  gebildetes  Ge- 
webe von  typischer  Einrichtung  ist,  und  dass  dasjenige,  was  im 
engeren  Sinne  die  Sülze  darstellt,  der  ausdrückbare  Theil  der 
Intercellularsubstanz  ist,  nach  dessen  Entfernung  ein  leicht  fase- 
riges Gewebe  zurück  bleibt,  welches  ein  feines,  anastomotisches 
Netz  von  zelligen  Elementen  in  derselben  Weise  enthält,  wie  wir 
es  eben  an  der  Sehne  und  an  anderen  Theilen  kennen  gelernt 
haben.  Ein  Durchschnitt  durch  die  äusseren  Schichten  des  Na- 
belstranges zeigt  eine  Bildung,  welche  viel  Aehnlichkeit  mit  dem 
Habitus  der  äusseren  Haut  hat:  ein  Epldermoidal- Stratum,  dar- 
unter eine  etwas  dichtere  cutisartige  Lage,  dann  die  Wharton- 
sche  Sülze,  welche  der  Textur  nach  dem  Unterhautgewebe  ent- 
spricht und  eine  Art  von  Tela  subcutanea  darstellt.  Dies  hat 
insofern  für  die  Deutung  einiger  Gewebe  der  späteren  Zeit  ein 
besonderes  Interesse,  als  die  Sülze  des  Nabelstranges  dadurch 
ihre  nächste  Verwandtschaft  documentirt  mit  dem  Panniculus 
adiposus,  der  aus  ursprünglichem  Schleimgewebe  hervorgeht, 
sowie  mit  dem  Glaskörper,  welcher  der  einzige  Gewebs-Rest 
ist,  der,  soweit  ich  bis  jetzt  ermitteln  konnte**),  beim  Menschen 


•)  Wärzb.  Verhandl.  1851.   U.    160. 
••)  Wärzb.  Verhandl.  IL  317.    Archiv  f.  patb.  Anat  IV.  486.    V.  278. 


Du  Qawebe  des  Nsbelatitioges.  131 

wfthrend  des  ganzea  Lebens  in  dem  Zostande  einer  zitternden 
Gallerte  oder  Snlze  verharrt.  Er  ist  der  letzte  Kest  des  embryo- 
nalen ünterbantgewebes,  welches  bei  der  Entwickelong  des  Anges 
mit  der  Linse  (der  frOheren  Epidermis,  S.  36)  von  ansäen  ein- 
gestülpt wird. 

Die  Haopt  -  Hasse  des  Nabeletrangea  besteht  ans  einem 
mascfaigeu  Oewebe,  dessen  Haschenr&nme  Schleim  (Uacin)  mid 
einzelne  mndliche  Zellen  enthalten  and  dessen  Balken  ans  einer 
streifig -laserigeu  Substanz  bestehen.  Innerhalb  dieser  letzteren 
liegen  atemf&rmige  Elemente.     Stellt  man   durch  Behandlung  mit 


EssigsSore  ein  gntes  Prftparat  her,  so  bekommt  man  ein  regel- 
rechtes Ketz  von  Zellen  za  Gesicht,  welches  die  Masse  in  so 
regelmässige  Äbtheilongen  zerlegt,  dass  darch  die  Anastomosen, 
welche  diese  Zellen  dnrch  den  ganzen  Nabelstrang  haben,  eben 
anch  eine  gleichmftssige  Vertheilnng  der  Sftfte  dnrch  die  ganze 
Snbstanz  mSglicb  wird.  — 

Ich  habe  bis  jetzt  eine  Keihe  von  Geweben  vorgefahrt,  die 
alle  darin  fibereinkaneD,  dasa  sie  entweder  sehr  wenig  Capillar- 
gefltsse  oder  gar  keine  besitzen.    In  allen  diesen  Fftllen  erscheint 


Flg.  51.  QatrdnrcbBchDitt  Tom  Schleimgeirebe  des  NabeUtraDges,  das  Ha- 
Mbaimeti  der  tternfönnigen  Körper  Dach  Bebandlong  mit  Essigs&nre  und  Oljcerin 
danteUeod.    Tergr.  300. 


132  Sechstes  Capitel. 

der  Schluss  sehr  einfach,  dass  die  besondere  zellige  Kanal -Ein- 
richtung, welche  sie  besitzen,  far  die  Saftströmang  diene.  Uan 
könnte  aber,  znmal  wenn  man  das  Schleimgewebe  nicht  anerkennt, 
meinen,  es  sei  dies  eine  Ansnahms-Eigenschaft,  die  nur  den  ge- 
fässlosen  oder  gefässarmen,  im  Allgemeinen  harten  Theilen  zu- 
käme, und  ich  mnss  daher  noch  ein  Paar  Worte  fiber  die  Weich- 
tbeile  hinzufügen,  welche  einen  ähnlichen  Bau  haben.  Alle  Ge- 
webe, welche  wir  bisher  betrachtet  haben,  gehören  nach  der  Clas- 
sification, welche  ich  im  Eingänge  gegeben  habe,  in  die  Reihe  der 
Bindesnbstanzen :  der  Faser -Knorpel,  das  fibröse  oder  Sehnenge- 
webe, das  Schleim-,  Knochen-  und  Zahngewebe  müssen  sämmtlich 
derselben  Klasse  zugerechnet  werden.  In  dieselbe  Kategorie  gehört 
aber  auch  die  ganze  Masse  dessen,  was  man  gewöhnlich  imter 
dem  Namen  des  eigentlichen  Zellgewebes  begriffen  hat  und 
worauf  zumeist  der  von  Joh.  Hüller*)  vorgeschlagene  Name  des 
Bindegewebes  passt;  jene  Substanz,  welche  die  Zwischenräume 
der  verschiedenen  Organe  in  bald  mehr,  bald  weniger  grosser 
Menge  erfüllt,  welche  die  Verschiebung  der  Tbeile  gegen  einander 
ermöglicht,  und  von  der  man  sich  früher  dachte,  dass  sie  grössere 
oder  kleinere,  mit  einem  gasförmigen  Dunst  (Halitus  serosus) 
oder  Feuchtigkeit  gefüllte  Räume  (Zellen  im  groben  Sinne,  Areolen) 
enthielte  (S.  40). 

An  den  meisten  Orten  liegen  darin  zahlreiche  Arterien,  Venen 
und  Capillaren,  und  die  Einrichtung  für  die  Ernährung  ist  die 
allergünstigste  von  der  Welt.  Trotzdem  besteht  auch  hier  neben 
den  Blutgefässen  überall  eine  feinere  Einrichtung  der  Ernähmngs- 
wege  genau  in  derselben  Art,  wie  wir  sie  eben  kennen  gelernt 
haben,  nur  dass,  je  nach  dem  besonderen  Bedürfnisse,  an  einzel- 
nen Theilen  eine  eigenthümliche  Veräaderung  der  Zellen  stattfindet, 
indem  nach  und  nach  an  die  Stelle  der  einfachen  Zellennetze  und 
Zellenfasern  eine  compactere  Bildung  tritt,  welche  durch  eine  di- 
rekte Umwandlung  daraus  hervorgeht,  das  sogenannte  elastische 
Gewebe. 

Wenige  Monate,  nachdem  ich  meine  ersten  Beobachtungen 
über  die  Zellen  und  Röhrensysteme  der  Bindesubstanzen  mitge- 


*)  Maller,  Handb.  der  Physiol.  I.  2.  1834.  S.  410:  «Das  Zell|;6webe, 
welches  durch  »eine  Eigenschaft,  andere  Gewebe  mit  einander  tu  vereinigen,  anch 
ßindef;ewel>e  (genannt  werden  könnte.' 


Elastische  Fasern.  ]33 

theilt  hatte,  veröffentlichte  Don  der  8  seine  Beobachtungen  über 
die  Umbildung  der  Bindegewebszellen  in  elastische  Elemente,  — 
eine  Erfahrung,  welche  für  die  Vervollständigung  der  Geschichte 
des  Bindegewebes  von  grosser  Bedeutung  geworden  ist.  Wenn 
man  nehmlich  an  solchen  Punkten  untersucht,  wo  das  Bindege- 
webe grossen  Dehnungen  ausgesetzt  ist,  wo  es  also  eine  grosse 
Widerstandsfähigkeit  besitzen  muss,  so  findet  man  in  derselben 
Anordnung  und  Verbreitung,  welche  sonst  die  Zellen  und  Zellen- 
röbren  des  Bindegewebes  darbieten,  elastische  Fasern,  und  man 
kann  nach  und  nach  die  Umbildung  der  einen  in  die  anderen  so 
verfolgen,  dass  es  nicht  zweifelhaft  bleibt,  dass  nicht  bloss  die 


Fig.  52. 


feineren  (He nie 's  sogenannte  Eernfasem,  Fig.  20  und  22),  son- 
dern auch  die  gröberen  elastischen  Fasern  direkt  durch  eine  che- 
mische Veränderung  und  Verdichtung  der  Wand  von  Bindege- 
webskörperchen  hervorgehen.  Da,  wo  ursprünglich  eine  einfache, 
mit  langen  Fortsätzen  versehene  Zelle  lag,  da  sehen  wir  nach 
and  nach  die  Membran  nach  innen  hin  an  Dicke  zunehmen  und 
das  Licht  stärker  brechen,  während  der  eigentliche  Zelleninhalt 
sich  inmier  mehr  reducirt  und  endlich  verschwindet.  Das  ganze 
Gebilde  wird  dabei  gleichmässiger,  gewissermaass^n  sklerotisch 
und  erlangt  gegen  Reagentien  eine  unglaubliche  Widerstandsfähig- 
keit, so  dass  nur  die  stärksten  Gaustica  nach  längerer  Einwirkung 


Fig.  52.  Elastische  Netze  und  Fasern  aus  dem  Unterhautgewebe  vom  Bauche 
einer  Frau,  a,  a  grosse,  elastische  Körper  (Zellkorper)  mit  zahlreichen  anasto- 
moäirenden  Ausläufern.  6,  6  dichte  elastische  Faserzüge,  an  der  Grenze  grösserer 
Mascbenraume.  c,  c  mittelstarke  Fasern,  am  Ende  spiralig  retrahirt.  </,  d  feinere 
elastische  Fasern,  bei  e  feinspiralig  zurückgezogen.     Vergr.  300. 


134  Sechstes  Gapitel. 

dasselbe  zu  zerstören  im  Stande  sind,  während  es  den  kaustischen 
Alkalien  nnd  Säuren  in  der  bei  mikroskopischen  Untersuchungen 
gebräuchlichen  Concentration  vollkommen  widersteht.  Je  weiter 
diese  Umwandlung  fortschreitet,  um  so  mehr  nimmt  die  Elasticitftt 
der  Theile  zu,  und  wir  finden  in  den  Schnitten  diese  Fasern  ge- 
wöhnlich nicht  gerade  oder  gestreckt,  sondern  gewunden,  aufge- 
rollt, spiralig  gedreht  oder  kleine  Zikzaks  bildend  (Fig.  52,  c,  e). 
Dies  sind  die  Elemente,  welche  vermöge  ihrer  grossen  Elasticitftt 
Retractionen  derjenigen  Theile  bedingen,  an  welchen  sie  in  grösserer 
Masse  vorkommen,  z.  B.  der  Arterien,  der  elastischen  Bftnder. 
Man  unterscheidet  gewöhnlich  feine  elastische  Fasern,  welche  eben 
die  grosse  Verschiebbarkeit  besitzen,  von  den  breiteren,  welche 
keine  gewundenen  Formen  annehmen.  Der  Entstehung  nach 
scheint  indess  zwischen  beiden  Arten  kein  Unterschied  zu  sein; 
meiner  Meinung  nach  gehen  beide  aus  Bindegewebszellen  hervor 
und  die  spätere  Anordnung  wiederholt  die  ursprüngliche  Anlage. 
An  die  Stelle  eines  Gewebes,  welches  aus  Grundsubstanz  und 
einem  maschigen,  anastomosirenden  Zellengewebe  besteht,  tritt 
nachher  ein  Gewebe,  dessen  Grundsubstanz  durch  grosse  elasti- 
sche Maschennetze  mit  höchst  compacten  und  derben  Fasern  ab- 
getheilt  wird. 

Ich  will  damit  jedoch  keineswegs  behauptet  haben,  dass  alle 
Dinge,  welche  man  gelegentlich  elastische  Fasern  nennt,  auf  die- 
selbe Weise  entstehen.  Im  Netzknorpel  wird  die  Intercellularsub- 
stanz  von  sehr  starken,  rauhen  Fasern  durchsetzt,  welche  die  ge- 
wöhnlieh runden  ZeUen  umziehen,  aber  weder  einen  Zusammenhang 
mit  ihnen  haben,  noch  aus  ihnen  hervorgehen.  Manche  neuere 
Beobachter  sind  der  Meinung,  dass  in  ähnlicher  Weise  auch  die 
elastischen  Fasern  des  Bindegewebes  Producte  der  Intercellular- 
substanz  seien.  Dieses  scheint  mir  unrichtig  zu  sein.  Allerdings 
verdichtet  sich  auch  die  InterceUularsubstanz  des  Bindegewebes  an 
gewissen  Orteft  zu  einer  homogenen,  glasartigen,  strukturlosen 
Membran  von  ganz  ähnlichem  Aussehen,  wie  die  elastischen 
Fasern.  Dahin  gehören  namentlich  die  sogenannten  Tunicae 
propriae  der  Drusenkanäle,  z.  B.  der  Niere,  der  Schweissdrfisen, 
für  welche  die  englische  Terminologie  den  Namen  der  Basement 
membranes  eingeführt  hat.  Dahin  scheint  auch  das  Sarkolemm 
der  Muskelprimitivbündel  zu  zählen  zu  sein,  welches  allerdings 
den  Eindruck  einer  Zellmembran  macht,   welches  aber  erst  im 


Elastische  Häute  und  Fasern.  135 

Laufe  der  späteren  Entwickelong  mehr  hervortritt  und  gelegentr 
lieh  z.  B.  in  den  Trichinen-Eapseln  eine  kolossale  Dicke  erreicht. 
Manche  dieser  Bildungen  hat  man,  nach  Analogie  der  Ghitinhäate 
niederer  Thiere,  als  eine  Ansscheidong  der  Zellen,  als  sogenannte 
Cuticulae  anfgefasst,  indess  passt  diese  Bezeichnung  nur  für 
solche  Häute,  welche  nach  aussen  von  den  Zellen  liegen,  nicht  für 
solche,  v^relche,  wie  die  Tunicae  propriae  der  Drüsenkanäle,  nach 
innen  von  denselben  sich  befinden.  Wenn  ich  daher  für  die  ela- 
stischen Membranen  eine  Ableitung  derselben  aus  der  Intercellu- 
larsubstanz  zulasse,  so  halte  ich  doch  daran  fest,  dass  die  eigent- 
lichen elastischen  Fasern  aus  den  Zellkörperu  des  Bindegewebes 
entstehen. 

Bis  jetzt  ist  nicht  mit  Sicherheit  ermittelt,  ob  die  Verdich- 
tung (Sklerose)  der  Zellen  bei  dieser  Umwandlung  so  weit  fort- 
geht, dass  ihre  Leitungsfähigkeit  völlig  aufgehoben,  ihr  Lumen 
ganz  beseitigt  wird,  oder  ob  im  Innern  eine  kleine  Höhlung  übrig 
bleibt.  Auf  Querschnitten  feiner  elastischer  Fasern  sieht  es  so 
aus,  als  ob  das  Letztere  der  Fall  sei,  und  man  könnte  sich  daher 
vorstellen,  dass  bei  der  Umbildung  der  Bindegewebskörperchen  in 
elastische  Fasern  eben  nur  eine  Verdichtung  und  Verdickung  mit 
gleichzeitiger  chemischer  Umwandlung  an  ihren  äusseren  Theilen 
stattfände,  schliesslich  jedoch  ein  Minimum  des  Zellenraumes  übrig 
bliebe.  Was  für  eine  Substanz  es  ist,  welche  die  elastischen  Theile 
bildet,  ist  nicht  ermittelt,  weil  sie  absolut  unlöslich  ist;  man 
kennt  von  der  chemischen  Natur  dieses  Gewebes  nichts,  als  einen 
Theil  seiner  Zersetzungs-Produkte.  Daraus  lässt  sich  aber  weder 
seine  Zusammensetzung,  noch  seine  chemische  Stellung  zu  den 
übrigen  Geweben  beurtheilen. 

Elastische  Fasern  finden  sich  überaus  verbreitet  in  der 
iiusseren  Haut  (Cutis),  namentlich  in  den  tieferen  Schichten  der 
eigentlichen  Lederhaut;  sie  bedingen  hauptsächlich  die  ausser- 
ordentliche Resistenz  dieses  Theiles,  die  sich  auch  nach  dem  Tode 
erhält  und  von  der  die  Güte  der  Schuhsohlen  und  anderer,  star- 
ker Abnutzung  ausgesetzter,  aus  Leder  gefertigter  Geräthe  ab- 
hängt Die  verschiedene  Festigkeit  der  einzelnen  Schichten  der 
Haut  beruht  wesentlich  auf  ihrem  grösseren  oder  geringeren  Ge- 
halt an  elastischen  Fasern.  Den  oberflächlichsten  Theil  der  Cutis 
dicht  unter  dem  Bete  Malpighii  bildet  der  PapiUarkörper,  worunter 
man  nicht  nur  die  Papillen  selbst,  sondern  auch  eine  Lage  von 


13ti  äeth»te8   Capilel. 

flach  fortlaufender  Gutissubstanz  mit  kleinen  Bindegewebskörper- 
chen  zu  verstehen  hat.  In  die  Papillen  selbst  steigen  nur  feine 
elastische  Fasern  und  zwar  in  Bündelform  auf.  In  der  Basis  der 
Papillen  erscheinen  dann  zuerst  feine  und  enge  Maschennetze  (Fig. 
17,  P,  P)y  welche  nach  der  Tiefe  zu  mit  dem  sehr  dicken  und  gro- 
ben elastischen  Netz  zusammenhängen,  welches  den  mittleren,  am 
meisten  festen  Theil  der  Haut,  die  eigentliche  Lederhaut  (Der- 
ma) durchsetzt.  Darunter  folgt  endlich  ein  noch  gröberes  Maschen- 
netz innerhalb  der  weniger  dichten,  aber  immerhin  noch  sehr  so- 
liden, unteren  Schicht  der  Cutis,  welche  endlich  in  das  Fett-  oder 
Unterhautgewebe  (die  Unterhaut)  übergeht. 

Wo  eine  solche  Umwandlung  der  Bindegewebskörperchen  in 
elastisches  Gewebe  stattgefunden  hat,  da  trifll  man  manchmal  fast 
gar  keine  deutlichen  Zellen  mehr.  So  ist  es  nicht  bloss  an  der 
Cutis,  sondern  auch  namentlich  an  gewissen  Stellen  der  mittleren 
Arterienhaut,  namentlich  der  Aorta.  Hier  wird  das  Netz  von  ela- 
stischen Fasern  so  überwiegend,  dass  es  nur  bei  grosser  Sorgfalt 
möglich  ist,  hier  und  da  feine  zellige  Elemente  dazwischen  zu 
entdecken.  In  der  Cutis  dagegen  findet  man  neben  den  elastischen 
Fasern  eine  etwas  grössere  Menge  von  kleinen  Elementen,  die 
ihre  zellige  Natur  noch  erhalten  haben,  allerdings  in  äusserst 
minutiöser  Grösse,  so  dass  man  danach  besonders  suchen  muss. 
Sie  liegen  gewöhnlich  in  den  Räumen,  welche  von  den  grossma- 
schigen  Netzen  der  elastischen  Fasern  umgrenzt  werden;  sie  bil- 
den hier  entweder  ein  vollkommen  anastomotisches,  kleinmaschiges 
System,  oder  sie  erscheinen  auch  wohl  als  mehr  gesonderte, 
rundlich-ovale  Gebilde,  indem  die  einzelnen  Zellen  nicht  deutlich 
mit  einander  in  Verbindung  stehen.  Dies  ist  namentlich  in  dem 
Papillarkörper  der  Haut  der  Fall,  der  sowohl  in  seiner  ebenen 
Schicht,  als  in  den  Papillen  zahlreiche  kernhaltige  Zellen  führt, 
im  geraden  Gegensatze  zu  der  zugleich  mehr  gefässarmen  eigent- 
lichen Lederhaut.  Es  bedarf  der  Papillarkörper  einer  ungleich 
zahlreicheren  Menge  von  Gefässen,  da  diese  zugleich  das  Emah- 
rnngsmaterial  für  das  ganze,  über  der  Papille  liegende  und  für 
sich  gefässlose  Oberhantstratum  liefern  müssen.  Trotz  der  ver- 
hältnissmässigen  Grösse  dieser  Gefässe  bleibt  doch  nur  eine  kleine 
Menge  Emährungssaft  der  Papille  als  solcher  zur  Disposition. 
Jeder  Papille  entspricht  daher  ein  gewisser  Abschnitt  der  darüber 
liegenden  Oberhaut,  welcher  mit  der  Papille  zusammen  einen  ein- 


Haut  im,]  Unterhalt.  137 

zi|;eD  vascolären  oder  ErnähruDgabezirk  durstellt.     luner- 

Plu.  5t 


halb  dieses  Bezirkes  zerfällt  sowohl  die  Oberhaut,  als  &u<;b  die 
Papille  als  solche  wieder  in  so  viele  Elementar-  (bistoloipacbe) 
Territorien,  als  überhaupt  Elemente  (Zellen)  darin  vorhanden 
sind. 

Die  ÜQterhaat  (tela  snbcntanea)  besteht  an  den  meisten 
Stellen  des  KOrpers  keineswegs,  wie  man  noch  jetzt  so  bänfig 
bOrt,  ans  Zellgewebe,  sondern  ans  Fettgewebe  (pannicolas  adi- 
posos).  Sie  verhält  sieb  in  dieser  Beziehung  ganz  ähnlich,  wie  an 
sehr  vielen  Orten  das  subserOse  Gewebe,  welches  gleichfoUs 
eine  vorwiegende  Neigung  zur  Fettabsetzang  erkennen  läset.  Die 
snbpericardialen ,  snbpleuralen ,  subperitonäalen ,  snbsynovialen 
Schiebten  sind  bei  gut  genährten  Personen  mehr  oder  weniger 
vollständig  aus  Fettgewebe  gebildet  Wesentlich  verschieden  ver- 
hält eich  das  ssbmacGBe  Gewebe,  welches  wohl  gelegentlich 
wahres  Fettgewebe  ist,  jedoch  meist  aus  loserem  Bindegewebe, 
seltener  ans  Scbleimgewebe  besteht.  Ihnen  am  oäcbsten  steht 
unter  den  subcutanen  Lagern  die  Unterbaut  des  Scrotum  (Tn- 
nica  dartos),  welche  überdies  noch  dadurch  ein  besonderes  In- 
teresse  darbietet,  dass  sie  ausnehmend  reich  an  Gelassen  und 
Nerven  ist,  ganz  entsprechend  der  besonderen  Bedeutung  dieses 
Theiles,  und  daaa  sie  ausserdem  eine  grosse  Masse  von  organi- 
sehen  Muskeln  und  zwar  von  jenen  kleinen  Hautmaskeln  besitzt, 
die  ich  früher  erwähnt  habe  (S.  58).  Letztere  sind  die  eigentlich 
wirksamen  Elemente  der  contractilen  Tunica  dartos.  Gerade  hier, 
wo  man  früher  auf  contractiles  Zellgewebe  zurückgegangen  war, 
ist  die  Menge    der  kleinen  Hantmnskeln   überaus  reichlich;    die 


Fig.  53.  InjccIioDapräparat  voit  der  Haut,  »eukrerhter  hurchschoitl.  A'  Epi- 
tlermU,  1}  Rote  Ualpighü,  P  die  Ilaulpapilleu  mit  den  auf-  und  ibBloigeDtleii 
Gefisaen  (ScbUogen).    C  Cutis.     Vei^r.  11. 


kräftigeo  Ranzelangen  des  HodensackeB  entstehen  einzig  nnd  allein 
dorch  die  Gontraction  dieser  feinen  Bündel,  welche  man  nament- 


)i<:h  nach  Cannin^rbong  sehr  leicht  von  dem  Bindegewebe  unter- 
scheiden kann.  Es  sind  Fascikel  von  ziemlich  gleicher  Breite, 
meist  breiter,  als  die  Bindegewebsbflndel;  die  einzelnen  Elemente 
sind  in  ihnen  in  Form  von  langen  glatten  Faserzellen  zosammett- 
geordnet.  Jedes  Mnskel-Faseikel  zeigt,  wenn  man  es  mit  Essig- 
ftSore  behandelt,  in  regelmässigen  Abständen  jene  eigenthfimlicben, 
langen,  baafig  stfibcbenartigen  Kerne  der  glatten  Hnekiilatnr,  und 
zwischen  denselben  eine  streifige  Äbtheilong  nach  den  einzelnen 
Zellen,  deren  Inhalt  ein  leicht  kftmiges  Aussehen  hat.     Das  sind 


Fig.  M.  Schnitt  «ni  der  Tudim  dartos  dsi  Scrohims.  Man  sieht  nebeo- 
einander  parallel  eine  Arterie  (a),  eine  Vena  (r)  und  einen  Nerven  (n);  ersten 
beide  mit  kleinen  Aeaten.  R«cbts  und  links  daran  or)(aoiscbe  Uuekelbändel  (m,  m) 
und  daiwiscben  weiches  Bindegewebs  (r,  e)  mit  grossen  anaitomosirenden  Zellen 
und  feinen  elutiscben  Fasern-    Vergr.  300. 


Weiches  Bindegewebe.  139 

die  Ranzler  des  Hodensackes  (Gormgatores  scroti).  DaDeben 
finden  sich  in  der  überaus  weichen  Hant  anch  noch  eine  gewisse 
Zahl  von  feinen  elastischen  Elementen  und  in  grösserer  Menge 
das  gewöhnliche  weiche,  lockige  Bindegewebe  mit  einer  grossen 
Zahl  verhältnissmässig  umhngreicher,  spindel-  und  netzförmiger, 
schwach  granulirter  Eernzellen. 

Das  weiche  Bindegewebe  verhält  sich  daher,  abgesehen  von 
den  in  dasselbe  eingelagerten,  dem  Bindegewebe  als  solchem  nicht 
angehörigen  Theilen  (Gelassen,  Nerven,  Muskehi,  Drüsen),  wie  das 
harte:  überall  ein  Netz  verzweigter  und  unter  einander  anastomo- 
sirender  Zellen  in  einer,  grossen  Schwankungen  der  Gonsistenz 
und  der  inneren  Zusammensetzung  unterworfenen  Grundsubstanz. 
Um  jedoch  die  grosse  Verschiedenheit  der  Ansichten,  die  noch 
immer  über  diesen  schwierigen  Gegenstand  besteht,  nicht  zu  ver- 
schweigen, so  wollen  wir  hier  erwähnen,  dass  eine  grosse  Zabl 
auch*  der  neuesten  Beobachter  nicht  bloss  die  zellige,  sondern  so- 
gar die  körperliche  Natur  der  von  mir  beschriebenen  Bindegewebs- 
zellen  oder  Bindege webskörperchen ,  sowie  aller  der  ihnen  aequi- 
valenten  Gebilde  (Knochen-,  Hornhaut-,  Sehnen -Eörperchen)  ge- 
radezu in  Abrede  stellt,  und  an  die  Stelle  derselben  blosse  Zwi- 
schenräume, Aushöhlungen  oder  Lücken  (Lacuncn)  setzt,  welche 
sich  zwischen  den  Bündeln  oder  Lamellen  des  Gewebes  an  den 
Punkten  finden  sollen,  wo  die  Bündel  oder  Lamellen  nicht  voll- 
ständig mit  einander  in  Berührung  kommen.  Die  Erfahrung,  dass 
die  Bindegewebsmasseo ,  welche  an  die  Oberfläche  treten,  an  ver- 
schiedenen Orten  mit  einer  derberen,  mehr  homogenen,  zuweilen 
elastischen  oder  glasartigen  Haut  oder  Schicht  (Tunica  propria 
S.  134)  bedeckt  sind,  ist  zu  Hülfid  genommen  worden,  um  zu  er- 
klären, dass  auch  jene  Zwischenräume,  Aushöhlungen  oder  Lücken 
von  wirklichen  Membranen  umgrenzt  sein  könnten,  ohne  dass  diese 
Membranen  einem  Zellkörper  zugehörten.  Selbst  der  umstand, 
dass  ich  auf  verschiedene  Weise  sowohl  aus  dem  Binde-  und 
Schleimgewebe,  als  auch  aus  Knochen  und  anderen  Hartgebilden 
verästelte  Körper  isolirt  habe,  eine  Erfahrung,  welche  durch  zahl- 
reiche andere  Untersucher,  wie  Fei.  Hoppe,  His,  KöUiker, 
H.  Müller,  Leydig,  v.  Hessling,  A.  Förster  bestätigt  ist, 
hat  den  Kritikern  nicht  genügt;  man  hat  dagegen  erklärt,  dass 
auch  eine  blosse  Lücke,  die  von  Membranen  umgrenzt  sei,  sich 
durch  Auflösen   der  umliegenden  Substanz   isoliren  lasse.     Man 


|4U  Sothstes  Capitel. 

Übersah  dabei,  dass  aus  frischen  Geweben  die  Isolations-Methode 
nicht  bloss  Membranen,  sondern  wirkliebe  Körper  mit  solidem  In- 
halt liefert.  Solche  Widersprüche  lassen  sich  durch  blosse  De- 
batten und  Reden  überhaupt  nicht  zum  Schweigen  bringen.  Hier 
kann  nur  die  eigene  Erfahrung  genügen,  sobald  sie  mit  philoso- 
phischem Sinne,  mit  genauer  Berücksichtigung  der  Uistogenie  and 
in  möglich  grösster  Ausdehnung  über  das  gesammte  Gebiet  der 
thierischen  Organisation  ausgeführt  wird.  Sicherlich  gibt  es  Binde- 
gewebslager  und  Bindegewebsbündel,  deren  oberflächlichste  Schicht 
durch  spätere  DiiFerenzirung  eine  hautartige  Verdichtung  erfahren 
hat,  und  welche  also  eine  Art  von  Hülle  oder  Scheide  besitzen, 
aber  eben  so  sicher  ist  es,  dass  dies  keine  allgemein-gültige  Er- 
fahrung ist,  und  dass,  selbst  wenn  sie  allgemein  wäre  und  wenn 
sie  auch  für  die  inneren  Einrichtungen  des  weichen  und  harten 
Bindegewebes,  der  Knochen  und  Sehnen  Gültigkeit  hätte,  daraus 
doch  weiter  nichts  folgen  würde,  als  dass  auch  die  Bindegewebs-, 
Knochen-  und  Sehnenkörperchen  sich,  wie  die  Knorpelkörperchen, 
mit  einer  besondem  Kapselmembran  umgeben  könnten.  Nach- 
dem selbst  so  hartnäckige  Opponenten,  wie  Heule,  zugestanden 
haben,  dass  im  Innern  jener  sogenannten  Lücken  sehr  häufig 
Kerne,  Inhalt  (Protoplasma),  ja  wirkliche  Zellen  zu  finden  seien, 
so  bewegt  sich  der  Streit  nur  noch  um  die  Formel,  nicht  mehr 
um  die  Thatsachen.  Meiner  Anschauung  genügt  das  Zugeständ- 
niss,  dass  in  diesen  Geweben,  namentlich  im  Bindegewebe,  ver- 
zweigte und  zusammenhängende  Röhrchen  und  Canälchen  existiren, 
welche  sich  an  gewissen  Knotenpunkten  zu  grösseren  Laeunen 
sammeln,  und  dass  diese  Röhrchen,  Canälchen  und  Laeunen  von 
zelligen  Theilen  erfüllt  sind,  welche  sowohl  bei  der  ersten  Anlage 
des  Gewebes  vorhanden  sind,  als  sich  durch  das  ganze  Leben 
des  Individuums  erhalten  können*). 

Diese  persistirenden  Zellen  des  Bindegewebes  hat  man  früher 
völlig  übersehen,  indem  man  als  die  eigentlichen  Elemente  des 
Bindegewebes  die  Fibrillen  desselben  betrachtete.  Wie  wir  schon 
früher  (S.  41)  gesehen  haben,  so  liegen  diese  Fibrillen  in  der 
Kegel  in  Bündeln  zusammen.  Trennt  man  die  einzelnen  Theile 
des  Bindegewebes  von  einander,  so  erscheinen  kleine  Bündel  von 
welliger  Form  und  streifigem,  fibrillärem  Aussehen.     Die  Vorstel- 

*)  Archiv  f.  patb.  AuaL  u.  Phys.   XVI.    l. 


EmähruD^  iTD  Bindof^ewehe.  141 

lang  von  Reichert,  dass  dieses  Aussehen  nnr  dnrch  Falten- 
bildnng  bedingt  würde,  darf  in  der  AusdehnnDg,  wie  sie  auf- 
gestellt wurde,  nicht  angenommen  werden;  man  muss  vielmehr 
neben  den  Fibrillen  eine  gleichmässige  Grundmasse,  eine  Art  von 
Sattsubstaoz  zulassen,  welche  die  Fibrillen  innerhalb  des  Bündels 
zusammenhält.  Nach  den  Untersuchungen  von  Rollett  scheint 
dies  nicht  selten  auch  im  wahren  Bindegewebe  Mucin  zu  sein. 
Indess  ist  dies  eine  Frage  von  untergeordneter  Bedeutung,  in  so 
fem  es  ganz  und  gar  unzulässig  ist,  die  der  Intercellularsubstanz 
angehörenden  Fibrillen  des  Bindegewebes  als  eigentliche  organische 
Elemente  zu  betrachten.  Dagegen  ist  es  äusserst  wichtig,  zu 
wissen,  dass  überall,  wo  lockeres  Bindegewebe  sich  findet,  in  der 
Unterhaut,  im  Zwischenmuskel- Gewebe,  in  den  serösen  Häuten, 
dasselbe  durchzogen  ist  von  meist  anastomosirenden  Zellen,  welche 
auf  Längsschnitten  parallele  Reihen,  auf  Querschnitten  Netze  bil- 
den und  welche  in  ähnlicher  Weise  die  Bündel  des  Bindegewebes 
von  einander  scheiden,  wie  die  Enoehenkörperchen  die  Lamellen 
der  Knochen,  oder  wie  die  Hornhautkörperchen  die  Blätter  der 
Hornhaut. 

Neben  ihnen  finden  sich  überall  die  mannichfachsten  Gefäss- 
verästelungen,  und  zwar  namentlich  so  viele  Capillaren,  dass  eine 
besondere  Leitungs- Einrichtung  des  Gewebes  selbst  geradezu  un- 
nöthig  erscheinen  könnte.  Allein  dieser  Schluss  ist  nur  bei  ober- 
flächlicher Betrachtung  richtig.  Eine  genauere  Erwägung  ergiebt, 
dass  auch  diese  Gewebe,  so  günstig  ihre  Capillarbahnen  liegen, 
einer  Einrichtung  bedürfen,  welche  die  Möglichkeit  darbietet,  dass 
eine  Special-Yertheilung  der  ernährenden  Säfte  auf 
die  einzelnen  zelligen  Bezirke  in  gleichmässiger  und 
dem  jeweiligen  Bedürfnisse  entsprechender  Weise 
stattfinde.  Erst  wenn  man  die  Aufnahme  des  Ernäbrungsma- 
terials  als  eine  Folge  der  Thätigkeit  (Anziehung)  der  Gewebs- 
Elemente  selbst  auffasst,  begreift  man,  dass  die  einzelnen  Bezirke 
nicht  jeden  Augenblick  der  Ueberschwemmung  vom  Blute  aus 
preisgegeben  sind,  dass  vielmehr  das  in  dem  Blute  dargebotene 
Material  nur  nach  dem  wirklichen  Bedarf  in  die  Theile  aufge- 
nommen und  den  einzelnen  Bezirken  in  verschiedenem  Maasse  zu- 
geführt vrird.  So  erklärt  es  sich  auch,  .dass  unter  normalen  Ver- 
hältnissen der  eine  Theil  nicht  durch  die  anderen  in  seinem  Be- 
stände wesentlich  benachtheiligt  wird. 


142  Sechstes  Capitel. 

Auf  diese  Weise  erscheint  die  Ern&hraog  in  einer  munittel- 
baren  Beziehung  zn  dem  Leben  der  einzehien  Tbeile,  dessen  Fort- 
dauer trotz  der  durch  die  Thätigkeit  und  die  Verrichtungen  des 
Theiles  eintretenden  Veränderungen  ja  eben  nur  möglich  ist  durch 
eine  mit  Wechsel  der  Stoffe  verbundene  Erhaltung  und  Emfth- 
rung  der  Datürlichen  Zusammensetzung.  Diese  Erhaltung  setzt 
aber  ihrerseits  bleibende  regulatorische  Einrichtungen  in  jedem 
einzelnen  Theile  voraus,  in  der  Art,  dass  der  Theil  für  sich  eine 
bestimmende  Einwirkung  auf  Abgabe  und  Aufiiahme  von  Stoffen 
ausübt,  in  ähnlicher  Weise,  wie  dies  auch  bei  den  Theilen  der 
Pflanze  stattfindet.  Denn  der  Begriff  der  Vegetation  beherrscht 
dieses  ganze  Gebiet  des  thierischen  Lebens.  Schon  die  erste  Dar- 
stellung, welche  ich  von  den  Emährungseinheiten  und  Erankheits- 
heerden  des  menschlichen  Körpers  gegeben  habe*),  stützte  sich 
wesentlich  auf  den  Parallelismus,  der  durch  das  ganze  Gebiet  des 
Organischen  geht,  und  jede  weitere  Forschung  hat  diese  An- 
schauung nur  bestärkt.  Die  einzelne  Zelle  innerhalb  eines  Ge- 
webes wird  nicht  ernährt,  sondern  sie  ernährt  sich,  d.  h.  sie 
entnimmt  den  Ernährungsflüssigkeiten,  welche  sich  in  ihrer  Um- 
gebung  befinden«  den  für  sie  erforderlichen  Theil.  Sowohl  quan- 
titativ, als  qualitativ  ist  die  Ernährung  daher  ein  Ergebniss  der 
Thätigkeit  der  Zelle,  wobei  sie  natürlich  abhängig  ist  von  Quan- 
tität und  Qualität  des  ihr  erreichbaren  Emährungsmaterials,  aber 
keineswegs  in  der  Art,  dass  sie  genöthigt  wäre,  aufiEunehmen,  was 
und  wie  viel  iHr  zuOiesst.  Gleichwie  die  einzelne  Zelle  eines  Pilzes 
oder  einer  Alge  aus  der  Flüssigkeit,  in  der  sie  lebt,  sich  so  viel 
und  so  beschaffenes  Material  nimmt,  als  sie  für  ihre  Lebenszwecke 
braucht,  so  hat  auch  die  Gewebszelle  inmitten  eines  zusammen- 
gesetzten Organismus  elective  Fähigkeiten,  vermöge  welcher  sie 
gewisse  Stoffe  verschmäht,  andere  aufiiimmt  und  in  sich  verwen- 
det. Das  ist  die  eigentliche  Nutrition  im  cellularen  Sinne. 


•)  ArchW  f.  path.  Anat.  u.  Physiol.  1852.  IV.  375. 


Siebentes  Capitel. 

Circnlation  und  Blntmisehnng. 


Arteri«B.     Ihr«  ZatunmengetsaDg:    Epitbel,  lotinia,  M«dia  (MaicnUris),  Adventlila.    CapUlaren. 
CaplIUre  Arterien   and  Venen.     ContlnaitSt  der  Gef&sswand.      Porosität  derselben.    Haemor- 
rhagia  per  diapedesin.    Venen.     Gef&sse  in  der  Schwangerichaft. 
Eigenschaften  der  Gefisswand: 
1)  Contractilit&t.    Rhythmische  Bewegung.    Active  oder  Reiiangs-Hyporlmie.     Iscbaale.    Gegen- 
reise.    Collaterale  Flnxlon. 
1)  Slastldtlt  und  Bedentang   dertelben    fär  die  Schnelligkeit   und  Gieiehm&ssigkcit   des   Blut- 

•trones.  Erweiterang  der  Gefisse. 
3)  PermcabUitit.    DüTasion.    Speeifische  AffinitSten.    Verbiltnias  ron  BIntsafuhr  nnd  Erntbmng. 
Die  Dräeensecretlon  (Leber).     Speeifische  Thltigkeit  der  Gewebselemente. 
Dyskrasie.    Traneitoriseher  Charakter  und  localer  Ursprang  derselben.    Sinferdyskraaie.    Hlnor- 
rliagisehe  Diatbeae.    Syphilis. 


In  den  letzten  Gapiteln  habe  ich  in  eingehender  Weise  versucht, 
ein  Bild  von  den  feineren  Einrichtnngen  für  die  Saftströmongen 
innerhalb  der  Gewebe  zu  liefern,  und  zwar  namentlich  von  den- 
jenigen, wo  die  Säfte  selbst  sich  der  Beobachtung  mehr  entziehen. 
Wenden  wir  uns  nunmehr  zu  den  gröberen  Wegen  nnd  den  edle- 
ren Säften,  welche  in  der  gangbaren  Anschauung  bis  jetzt  eigent- 
lich allein  Berücksichtigung  fanden. 

Die  Vertheilung  des  Blutes  im  Körper  ist  zunächst  abhängig 
von  der  Vertheilung  der  Gefässe  innerhalb  der  einzelnen  Organe. 
Indem  die  Arterien  sich  in  immer  feinere  Aeste  auflösen,  ändert 
sich  allmählich  auch  der  Habitns  ihrer  Wandnngeu,  so  dass  end- 
lich feine  Kanäle  mit  einer  scheinbar  so  einfachen  Wand,  wie  sie 
überhaupt  im  Körper  angetroffen  wird,  sogenannte  Haarröhrchen 
(Gapillaren),  daraus  hervorgehen.  Histologisch  ist  dabei  Folgendes 
zu  bemerken: 

Jede  Arterie  hat  verhältnissmässig  dicke  Wandungen,  und 


144  Siebentes  Capitel. 

selbst  an  deDJeQigen  Arterien,  die  man  mit  blossem  Äuge  eben  noch 
als  feiDste  Fad^hen  verfolgen  kann,  unterscheidet  man  mit  Hülfe 
des  Hikroskopes  nicht  bloss  die  bekannten  drei  Häate,  sondern 
noch  ausser  diesen  eine  feine  Epithelialschlcht ,  welche  die  innere 


Olierilärbe  bekleidet;  sie  pflegt  gewüholich  nicht  als  eine  besondere 
Haut  bezeichnet  zu  werden.  Die  innere  und  äussere  Haut  (Intima 
and  Adventitia)  sind  wesentlich  Bindegewebsbildongen ,  welche  in 
grösseren  Arterien  einen  zunehmenden  Gehalt  au  elastischen  Fa- 
sern erkennen  lassen;  zwischen  ilinen  liegt  die  verhältnissmäasig 
dicke,  mittlere  oder  Kingfaserhant,  welche  als  Sitz  der  Mnsknlatnr 
fast  den  wichtigsten  Bestaodtheil  der  Arterienwand  sosmacht.  Die 
Muskulatur  findet  sich  am  reichlichsten  in  den  mittleren  und  klei- 
neren Arterien,  während  in  den  ganz  grossen,  nameatlicb  in  der 
Aorta,  elastische  Blätter  den  überwiegenden  Bestandtheil  auch  der 
Ringfaserhaut  ausmachen.  An  kleinen  Arterien  bemerkt  man  bei 
mikroskopischer  Untersnchang  leicht  innerhalb  dieser  mittleren 
Haut  (vergl.  Flg.  -Jü  />,  6.  Fig.  54  «)  kleine  Qner-Abtheilungeu, 
entsprechend  den  einzelnen  masculOsen  Faserzellcn,  welche  so  dicht 
um  das  Gefii.'^.s  hcrnmiiegon,  dass  wir  Faserzelle  neben  Faaerzelle 
fast  ohne  irgend  eine  Unterbrechung  finden.  Die  Dicke  dieser 
Schicht  kann  man  durch  die  Begrenzung,  welche  sie  nach  innen 
and  aussen  durch  Längsfaserbäute  erßLhrt,  bequem  erkennen;  da« 


Fig.  -W.  A.  Epithel  ton  der  Cniralarterie  (ArcbJT  f.  palh.  An«l,  Bd.  III. 
Via.  9  und   13.  S.  6G9).     u  Kemtbeilnnfr. 

B  Bpilbel  von  criiBiieren  Veaen.  u,  a  OrfiüMre,  graaulirle,  runde,  einkernig 
Zellen  (farblnse  Blulkrlrpprcben?!-  b,  b  {JlnRliche  nnil  npindeJrCrmiKe  Zellen  nil 
ftelheiltem  Kern  und  KernkörpercheD.  >-  Groose,  platle  Zellen  mit  twei  Eemen, 
Ton  denen  Jeder  drei  Kemkr'.rpeivben  bcsilit  und  in  Tbeitung  begriffen  iil. 
d  Zuummenhäneendea  Epitbel,  die  Kerne  in  progressiver  TheiluDg,  eine  Zelle 
mil  necb»  Kernen.     Vercr    ^2(). 


Artorien.  J4ö 

einzige  Tänscbeode  sind  nmde  ZeichnoDgen,  welche  mao  hie  nnd 
da  in  der  Dicke  der  Ringfaserhaat,  aber  nur  am  Rande  der  6e- 
ftflse  (Fig.  28  b,  b.  Fig.  56  m,  m)  erblickt,  nnd  welche  wie  einge- 


streate  nmde  Zellen  oder  Kerne  anssehen.  Dies  sind  die  im 
scheinbaren  Querschnitte  gesehenen  Faeerzellen  oder  deren  Kerne. 
Am  deutlichsten  aber  erkennt  man  die  La^e  der  Media  nach  Be- 
handlnng  mit  Essigsäure,  welche  in  der  Flächenansicbt  des  Geiäsaea 
längliche,  qaergelagerte  Kerne  in  grosBer  Zahl  hervortreten  l&sst. 

Diese  Schicht  ist  es,  welche  im  Allgemeinen  der  Arterie  ihre 
Besonderheit  gibt,  nnd  welche  sie  am  dentlichsten  anterscbeidet 
Ton  den  Venen.  Freilich  gibt  es  zahlreiche  Venen  im  Körper,  die 
bedentende  Mnskelschicbten  besitzen,  z.  6.  die  oberflächlichen  Haat- 
venen,  besonders  an  den  Extremitäten,  indesa  tritt  doch  bei  kei- 
ner derselben  die  Haskelschicht  als  eine  so  dentlich  abgegrenzt«, 
gleichsam  selbständige  Hant  hervor,  wie  die  Media  der  Arterien. 
Bei  den  kleineren  Gefftssen  beschrankt  sich  dieses  Vorkommen 
einer  dentlich  ansgesprochenen  Ringfaserhaut  wesentlich  anf  arte- 
rielle Gefässe,  so  dass  man  sofort  geneigt  ist,  wo  man  mikrosko- 
pisch einen  solchen  Bau  findet,  anch  die  arterielle  Katur  des  Ge- 
fässes  anzunehmen. 

Diese  anch  bei  mikroskopischer  Betrachtung  immer  noch  gröase> 
reo  Arterien,  die  freilich  selbst  im  gefüllten  Znstande  für  das  blosse 
Ange  nur  als  rothe  Fäden  erscheinen,  gehen  nach  und  nach  in 


Fig.  56.  Kleinere  Arterie  aus  der  Sehnenscheide  der  Exlensoren  einer  frisch 
unputirUn  Hand,  a,  a  Adveotitia.  n,  m  Uedia  mit  starker  JUu^kelbaut,  t,  t  In- 
tiiDft,  tbeils  mit  LlnKsfalten,  theÜB  mit  Längskernen,  an  dem  Seitenaste  aus  den 
dnrcbrissenen  luMeren  Hinten  bervorstebend.    Vergr.  3(K). 


146  Siebentes  Gapitel. 

kleinere  fiber.  Bei  dreihondertmaliger  yergr(^8sening  sehen  v^vc 
sie  sich  in  Aeste  auflösen,  und  auch  auf  diese  setzen  sich,  selbst 
wenn  sie  sehr  klein  (im  vtdgären  Sinne  schon  capillar)  sind,  zu- 
nächst die  drei  Häute  noch  fort.  Erst  an  den  kleinsten  Aesten 
verschwindet  endlich  die  Muskelhaut,  indem  die  Abstände  zwischen 
den  einzelnen  Querfasem  immer  grösser  werden  und  zugleich 
immer  deutlicher  die  innere  Haut  durch  sie  hindurchscheint, 
deren  längs^'egende  Kerne  sich  mit  denen  der  mittleren  unter 
einem  rechten  Winkel  kreuzen  (Fig.  28  D,  E).  Auch  die  Adven- 
titia  oder  äussere  Haut  lässt  sich  noch  eine  Strecke  weit  verfolgen 
(an  manchen  Stellen,  wie  am  Gehirn,  häufig  durch  Einstreuung 
von  Fett  oder  Pigment  deutlicher  bezeichnet,  Fig.  2S  D^  E),  bis 
endlich  auch  sie  sich  verliert  und  nur  die  einfache  Haar -Röhre 
übrig  bleibt  (Fig.  4  c).  Die  Vermuthung  würde  also  dafür  spre- 
chen, dass  die  eigentlichen  Capillar -Membranen  mit  der  Intima 
der  grösseren  Gefässe  zu  vergleichen  wären,  indess  haben  die 
neueren  Erfahrungen  (S.  60)  vielmehr  die  Anschauung  genährt, 
dass  auch  die  Intima  der  Arterien  in  den  Gapillaren  verschwinde 
und  dass  die  Epithelialschicht  zuletzt  allein  übrig  bleibe. 

Ich  bemerke  dabei  ausdrücklich,  dass  die  gewöhnliche  Sprache 
der  Pathologen  und  noch  mehr  die  der  Aerzte  den  Ausdruck  der 
Capillaren  in  einer  sehr  willkürlichen  Weise  verwendet,  und  dass 
namentlich  sehr  häufig  Gefässe,  die  mit  blossem  Auge  noch  als 
Linien,  Striche  oder  Netze  erkannt  werden,  Capillaren  genannt  wer- 
den. Dies  sind  jedoch  in  der  Regel  wirkliche  Arterien  oder  Ve- 
nen :  Capillaren  im  strengen  Sinne  des  Wortes  sind  makroskopisch 
unsichtbar.  Man  mag  nun  immerhin  auch  von  capillaren  Ar- 
terien und  capillaren  Venen  sprechen,  indess  folgen  aus 
einem  solchen  Sprachgebrauch  leicht  grosse  Irrthümer,  und  der- 
selbe ist  daher  keineswegs  empfehlenswerth.  Man  muss  aber  wis- 
sen, dass  selbst  in  der  mikrographischen  Sprache  bis  in  die  neueste 
Zeit  hinein  ähnliche  Verwechselungen  sehr  gewöhnlich  waren  und 
dass  daraus  manche  Missverständnisse  sich  erklären,  welche  bei 
einer  strengeren  Terminologie  leicht  hätten  vermieden  werden 
können. 

Innerhalb  der  eigentlich  capillaren  Auflösung  ist  an  den 
Gefllssen  weiter  nichts  bemerkbar,  als  die  früher  schon  erwähnten 
Kerne,  deren  Längsausdehnung  der  Längsaxe  des  Gefisses  ent- 
spricht, und  welche  so  in  die  Gefässwand  eingesetzt  sind,  dass 


Gapülareiu  147 

man  eine  zellige  Abtheilnng  nm  sie  hemm  ohne  besondere  che- 
mische Hfllfsmittel  nicht  weiter  zn  erkennen  vermag.  Die  Gefäss- 
hant  erscheint  hier  ganz  gleichmässig,  absolut  homogen  und  ab- 
solut continuirlich  (Fig.  4,  c).  Während  man  noch  vor  20  Jahren 
darfiber  discutirte,  ob  es  nicht  Gefasse  gäbe,  welche  keine  eigent- 
lichen Wandungen  hätten  und  nur  Aushöhlungen,  Ausgrabungen 
des  Parenchyms*)  der  Organe  seien,  sowie  darüber,  ob  Gefässe 
dadurch  entstehen  könnten,  dass  von  den  alten  Lichtungen  aus 
sich  neue  Bahnen  durch  Auseinanderdrängen  des  benachbarten 
Parenchyms  eröffneten,  so  ist  heut  zu  Tage  kein  Zweifel  mehr, 
dass  das  menschliche  Gefässsystem ,  mit  Ausnahme  der  Milz  und 
der  mütterlichen  Placenta,  überall  continuirlich  durch  Membranen 
geschlossen  ist.  An  diesen  Membranen  ist  es  nicht  mehr  mög- 
lich, eine  Porosität  zu  sehen.  Selbst  die  feinen  Poren,  welche 
man  in  der  letzten  Zeit  an  verschiedenen  anderen  Theilen  wahr- 
genommen, haben  bis  jetzt  an  der  Gefässhaut  kein  Analogen  ge- 
funden; wenn  man  von  der  Porosität  der  Gefässwand  spricht,  so 
kann  dies  nur  in  physikalischem  Sinne  von  unsichtbaren,  eigent- 
lich molekularen  Interstitien  oder  in  grob  mechanischem  Sinne  von 
wirklichen  Gontinuitätstrennungen  geschehen.  Eine  Collodiumhaut 
erscheint  nicht  homogener,  nicht  continuirlicher ,  als  die  Gapillar- 
haut  Eine  Reihe  von  Möglichkeiten,  die  man  früher  zuliess,  z.  B. 
dass  an  gewissen  Punkten  die  Continuität  der  Gapillarmembran 
nicht  bestände,  fallen  einfach  weg.  Von  einer  „Transsudation^ 
oder  Diapedese  des  Blutes  durch  die  Gefässhaut,  ohne  Ruptur 
oder  Hiatus  derselben,  kann  gar  nicht  weiter  die  Rede  sein.  Denn 
obwohl  wir  die  Rupturstelle  oder  Spalte  nicht  in  jedem  einzelnen 
Falle  anatomisch  nachweisen  können,  so  ist  es  doch  ganz  undenk- 
bar, dass  das  Blut  mit  seinen  Eörperchen  anders,  als  durch  ein 
Loch  in  der  Gefässwand  austreten  könne.  Dies  versteht  sich  nach 
histologischen  Erfahrungen  so  sehr  von  selbst,  dass  darüber  keine 
Discussion  zulässig  ist. 

Nachdem  die  Capillaren  eine  Zeit  lang  fortgegangen  sind,  so 
setzen  sich  nach  und  nach  aus  ihnen  kleine  Venen  zusammen, 
welche   gewöhnlich   in   nächster  Nähe  der  Arterien  zurücklaufen 


*)  Um  Tielfacben,  an  mich  ergangenen  Anfragen  aber  die  Bedeutung  des 
Wortes  Parenchym  zu  genügen,  verweise  ich  auf  Galenus  de  temperamentis 
Lib.  II.  cap.  3.  Tiscerum  propriam  substantiam  Erasistratus  parenchyma  Yocat. 

10* 


148 


Siebentes  Capitel. 


Fig.  &7. 


(Fig.  54  v).  Nicht  ganz  selten  wird  eine  Arterie  von  zwei  Venen 
begleitet,  die  zu  beiden  Seiten  derselben  liegen.  An  den  Venen 
fehlt  im  Allgemeinen  die  charakteristische  Ringfaserhant  der  Ar- 
terien, oder  sie  ist  wenigstens  sehr  yiel  weniger  ausgebildet.  Da- 
für trifft  man  in  der  Media  der  stärkeren  Venen  derbere  Lagen, 
die  sich  nicht  so  sehr  durch  die  Abwesenheit  von  Muskel -Ele- 
menten, als  durch  das  reichlichere  Vorkommen  longitndinell  ver- 
laufender elastischer  Fasern  charakterisiren;  je  nach  den  verschie- 
denen Localitäten  zeigen  sie  verschiedene  Mächtigkeit.  Nach  innen 
folgen  dann   die  weicheren   und  feineren   Bindegewebslagen  der 

Intima,  und  auf  dieser  findet  sich 
wieder  zuletzt  ein  plattes,  ausser- 
ordentlich durchscheinendes  Epi- 
theliallager ,  das  am  Schnittende 
sehr  leicht  aus  dem  Gefässe  her- 
vortritt und  oft  den  Eindruck  von 
SpindelzeUen  macht,  so  dass  es 
leicht  verwechselt  werden  kann 
mit  spindelförmigen  Muskelzellen 
(Fig.  57).  Die  kleinsten  Venen  be- 
sitzen ein  ähnliches  Epithel,  be- 
stehen aber  ausserdem  eigentlich 
ganz  aus  einem  mit  Längskemen  versehenen  Bindegewebe  (Fig. 
54,  v). 

Diese  Verhältnisse  erleiden  keine  wesentliche  Aenderung, 
wenn  auch  die  einzelnen  Theile  des  Geftssapparates  die  äusserste 
Vergrösserung  erfahren.  Am  besten  sieht  man  dies  bei  der 
Schwangerschaft,  wo  nicht  bloss  am  Uterus,  sondern  auch  an 
der  Scheide,  an  den  Tuben  und  Eierstöcken,  sowie  an  den  Mutter- 
bändem  sowohl  die  grossen  und  kleinen  Arterien  und  Venen,  als 
auch  die  Capillaren  eine  so  beträchtliche  Erweiterung  zeigen,  dass 
das  übrige  Gewebe,  trotzdem  dass  es  sich  gleichfalls  nicht  uner- 
heblich vergrössert,  dadurch  wesentlich  in  den  Hintergrund  ge- 
drängt wird.  Indess  eignen  sich  doch  gerade  Theile  des  puerpe- 
ralen Geschlechtsapparates  vortrefilich  dazu,  das  Verhältniss  der 


Fif^.  57.  Epithel  der Nierengefässe.  ^.Flache,  längs  gefaltete  Spindelzellen 
mit  grossen  Kernen  vom  Neugebomen.  B,  Bandartige,  fast  homogene  Epithel- 
platte mit  Längskemen  vom  Erwachsenen.  Veigr.  350. 


Gefässe  in  der  SchwangerschafL  149 

Gewebs  -  Elemente  zu  den  Gefässbezirken  zn  übersehen.  An  den 
Fimbrien  der  Tuben  siebt  man  innerhalb  der  Scblingennetze, 
welche  die  sehr  weiten  Gapillaren  gegen  den  Rand  hin  bilden, 
immer  noch  eine  grössere  Zahl  von  grossen  Bindegewebszellen 
zerstreut,  von  denen  nur  einzehie  den  Gefässen  unmittelbar  an- 
liegen. In  den  Eierstöcken,  besonders  aber  an  den  Alae  vesper- 
tilionum  findet  man  ausserdem  sehr  schön  ein  Verhältniss,  welches 
sich  an  den  Anhängen  des  Generations-Apparates  öfter  wiederholt, 
ftbnlich  dem,  wie  wir  es  beim  Scrotum  betrachtet  haben  (S.  137); 
die  Gefässe  werden  nehmlich  von  ziemlich  beträchtlichen  Zügen 
glatter  Muskeln  begleitet,  welche  nicht  ihnen  angehören,  sondern 
nur  dem  Crefässverlaufe  folgen  und  zum  Theil  die  Gef&sse  in  sich 
aufnehmen.  Es  ist  dies  ein  äusserst  wichtiges  Element,  insofern 
die  Contractionsverhältnisse  jener  Ligamente,  welche  man  gewöhn- 
lich nicht  als  muskulös  betrachtet,  keinesweges  bloss  den  Blut- 
gefässen zuzuschreiben  sind,  wie  erst  neuerlich  James  Traer 
nachzuweisen  gesucht  hat;  vielmehr  gehen  reichliche  Züge  von 
Muskeln  mitten  durch  die  Ligamente  fort,  welche  in  Folge  davon 
bei  der  menstrualen  Erregung  in  gleicher  Weise  die  Möglichkeit 
zu  Zusammenziehungen  darbieten,  wie  wir  sie  an  den  äusseren 
Abschnitten  der  Geschlechts wege  mit  so  grosser  Deutlichkeit 
wahrnehmen  können.  An  der  weiblichen  Scheide  habe  ich  im 
Prolapsus  auf  mechanische  oder  psychische  Erregungen  eben  so 
starke  Querrunzelungen  auftreten  und  bei  Nachlass  derselben 
wieder  verschwinden  sehen,  wie  es  am  männlichen  Scrotum  be- 
kannt ist.  — 

Wenn  man  nun  dj^  Frage  auf  wirft,  welche  Bedeutung  die 
einzelnen  Elemente  der  Gefässe  in  dem  Körper  haben,  so  versteht 
es  sich  von  selbst,  dass  für  die  gröberen  Vorgänge  der  Circulation 
die  contractilen  Elemente  die  grösste  Bedeutung  haben,  dass  aber 
auch  die  elastischen  Theile  und  die  einfach  permeablen  homogenen 
Häute  auf  viele  Vorgänge  einen  bestimmenden  Einfluss  ausüben*). 
Betrachten  wir  zunächst  die  Bedeutung  der  muskulösen  Ele- 
mente und  zwar  an  denjenigen  Gefässen,  welche  hauptsächlich 
damit  versehen  sind,  an  den  Arterien. 


*)  Ifan  vergleiche  fdr  die  Special-Behandlung  der  hierher  gehörigen  Fragen 
den  Abschnitt  über  die  örtlichen  Störungen  des  Kreislaufes  in  dem  von  mir 
herausgegebenen  Handbuche  der  speciellen  Pathologie  und  Therapie.  Erlangen, 
1854.    I.    95  ff. 


150  Siebentes  Gapitel. 

Wenn  eine  Arterie  irgend  eine  Einwirkung  erfährt,  welche 
eine  Zasammenziehung  ihrer  Muskeln  hervorruft,  so  wird  &at&r- 
iich  das  Gefäss  sich  verengern  müssen,  da  die  contractilen  Zellen 
der  Media  ringf&rmig  nm  das  Gefäss  herumliegen;  die  Verengerung 
kann  erfahrungsgemäss  unter  Umständen  bis  fast  zum  Verschwin- 
den des  Lumens  gehen.  Die  natürUche  Folge  wird  dann  sein, 
dass  in  den  betreffenden  Eörpertheil  weniger  Blut  gelangt.  Wenn 
also  eine  Arterie  auf  irgend  eine  Weise  einem  pathologischen 
Irritans  zugänglich,  oder  wenn  sie  auf  physiologischem  Wege  ex- 
citirt  und  zur  Thätigkeit  angeregt  wird,  so  kann  diese  Thätigkeit 
nur  darin  bestehen,  dass  ihre  Lichtung  enger  und  die  Blutzufuhr 
erschwert  wird.  Man  könnte  freilich,  nachdem  man  die  Muskel- 
Elemente  der  Gefässwandungen  erkannt  hat,  den  alten  Satz  wieder 
au&ehmen,  dass  die  Gefässe,  wie  das  Herz,  eine  Art  von  rhyth- 
mischer, pulsirender,  oder  gar  peristaltischer  Bewegung  erzeugten, 
welche  im  Stande  wäre,  die  Fortbewegung  des  Blutes  direct  zu 
fördern,  so  dass  eine  arterielle  Hyperämie  durch  eine  vermehrte 
selbständige  Pulsation  (Propulsion)  der  Gefässe  hervorgebracht 
würde. 

Es  ist  allerdings  eine  einzige  Thatsache  bekannt,  welche  eine 
wirkliche  rhythmische  Bewegung  der  Arterienwandungen  beweist; 
Schiff  hat  dieselbe  zuerst  an  dem  Ohre  der  Kaninchen  beobachtet. 
Allein  sie  entspricht  keineswegs  dem  Rhythmus  der  bekannten 
Arterien -Pulsation;  ihr  einziges  Analogen  findet  sich  in  den  Be- 
wegungen, welche  schon  früher  von  W harten  Jones  an  den 
Venen  der  Flughäute  von  Fledermäusen  entdeckt  worden  waren, 
aber  diese  gehen  in  einer  äusserst  langsamen  und  ruhigen  Weise 
vor  sich.  Ich  habe  diese  Erscheinung  an  Fledermäusen  studirt 
und  mich  überzeugt,  dass  der  Rhythmus  weder  mit  der  Herzbe- 
wegung, noch  mit  der  respiratorischen  Bewegung  zusammenfällt; 
es  ist  eine  ganz  eigenthümliche,  verhältnissmässig  nicht  sehr  aus- 
giebige Contraction,  welche  in  ziemlich  langen  Pausen,  in  längeren 
als  die  Circulation,  in  kürzeren  als  die  Respiration,  erfolgt*).  Auch 
die  Zusammenziehungen  der  Arterien  am  Kaninchenohr  sind  un- 
gleich langsamer,  als  die  Herz-  und  Respirations- Bewegungen. 

Unzweifelhaft  sind  dies  selbständige  Pulsationen  der  Gefässe, 
aber  sie  lassen  sich  nicht  in  der  Weise  verwerthen,  dass  die  frfi- 

•)  Mein  Archiv.    XXVII.    S.  224. 


ActWe  Hyperämie.  151 

here  Ansicht  von  dem  localen  Zustandekommen  der  mit  den  Herz- 
bewegungen isochronischen  Pulsation  dadurch  gestützt  werden 
könnte.  Die  Beobachtung  ergiebt  viehnehr,  dass  die  Muskulatur 
eines  Gefässes  auf  jeden  Reiz,  der  sie  in  Action  setzt,  sich  zu- 
sammenzieht, dass  aber  diese  Zusammeoziehung  sich  nicht  in  pe- 
ristaltischer  Weise  fortpflanzt,  sondern  sich  auf  die  gereizte  Stelle 
beschränkt,  höchstens  sich  ein  wenig  nach  beiden  Seiten  darüber 
hinaus  erstreckt,  und  an  dieser  SteUe  eine  gewisse  Zeit  lang  an- 
hält. Je  muskulöser  das  Gefäss  und  je  direkter  der  Reiz  ist,  um 
so  dauerhafter  und  ergiebiger  wird  die  Contraction,  um  so  stär- 
ker die  Hemmung,  welche  die  Strömung  des  Blutes  dadurch  er- 
fährt. Je  kleiner  die  Gefässe  sind,  je  mehr  vorübergehend  der 
Reiz  war,  um  so  schneller  sieht  man  dagegen  auf  die  Contraction 
eine  Erweiterung  folgen,  welche  aber  nicht  wiederum  von  einer 
Contraction  gefolgt  ist,  wie  es  für  das  Zustandekommen  einer 
Pulsation  nothwendig  wäre,  sondern  welche  mehr  oder  weniger 
lange  fortbesteht.  Diese  Erweiterung  ist  nicht  eine  active,  son- 
dern eine  passive,  hervorgebracht  durch  den  Druck  des  Blutes 
auf  die  (durch  die  erste  Contraction)  ermüdete,  weniger  Widerstand 

leistende  Gefässwand. 

Untersucht  man  nun  die  Erscheinungen,  welche  man  gewöhn- 
lich unter  dem  Namen  der  activen  Hyperämien  oder  Con- 
gestionen  zusammenfasst*),  so  kann  kein  Zweifel  darüber  sein, 
dass  die  Muskulatur  der  Arterien  wesentlich  dabei  betheiligt  ist. 
Sehr  gewöhnlich  handelt  es  sich  dabei  um  Vorgänge,  wo  die  Ge- 
fässmuskeln  gereizt  wurden,  wo  aber  der  Contraction  alsbald  ein 
Zustand  der  Relaxation  folgt,  wie  er  in  gleich  ausgesprochener 
Weise  sich  an  den  übrigen  Muskek  selten  vorfindet,  ein  Zustand, 
der  oflFenbar  eine  Art  von  Ermüdung  oder  Erschöpfung  ausdrückt, 
und  der  um  so  anhaltender  zu  sein  pflegt,  je  energischer  der  Reiz 
war,  welcher  einwirkte.  An  kleinen  Gefassen  mit  wenig  Muskel- 
fasern sieht  es  daher  öfters  so  aus,  als  ob  die  Reize  keine  eigent- 
liche Verengerung  hervorriefen,  da  man  überaus  schnell  eine  Er- 
schlafifong  und  Erweiterung  eintreten  sieht,  welche  längere  Zeit 
andauert    und    ein   vermehrtes   Einströmen    des   Blutes    mögUch 

macht. 

Diese  selben  Vorgänge  der  Relaxation  können  wir  expen- 


*)  Handbach  der  spee.  Path.    I.    141. 


152 


SiebeDteB  Cspit«!. 


mentcll  am  leichtesten  herstelleo 
dadurch,  daxs  wir  die  Geßs»- 
nerven  einea  Theiles  dorch- 
achneiden,  während  wir  die  Ver- 
eofterang  (abgeäeheo  von  den 
Methoden  der  direkt«n  Reizonft) 
in  sehr  grosser  Ansdehnnog  er- 
zengen,  indem  wir  die  Gefäsa- 
nerven  einem  sehr  energischen 
Reiz  QQterwerfeD.  Oass  man 
diese  Art  von  Verengerung  so 
spät  kennen  gelernt  hat,  erklärt 
sich  daraus,  dasa  die  Nerven- 
reize sehr  gross  sein  müasen, 
indem,  wie  Claude  Bernard 
gezeigt  hat,  nur  starke  elektri- 
Bche  Ströme  dazu  aasreichen. 
Andererseits  sind  die  Verhält- 
nisse nach  Darchschneidung  der 
Nerven  ao  den  meisten  Theilen 
so  complieirt,  dass  die  Erweite- 
mog  und  Durchschneidung  der 
Gefäasuerven  der  Beobachtung 
sich  entzogen  hat,  bis  gleichfalls 
durch  Bernard  der  glückliche 
Punkt  entdeckt  und  in  der 
Durchschneidung  der  sympathischen  Nerven  am  Halae  der  Expe- 
rimentation  ein  zuverlässiger  und  bequemer  Beobachtungsort  er- 
schlossen wurde. 

Mag  die  Erweiterung  des  Gefäsaes,  oder,  mit  anderen  Worten, 
die  Relaxation  der  Geßlssmuskeln  unmittelbar  durch  eine  Lähmung 
der  Nerven,  durch  eine  Unterbrechung  oder  Hemmung  des  Ner\*en- 
eiB6asses  hervorgebracht  sein,  oder  mag  sie  die  mittelbare  Folge 
einer  vorausgegangenen  Reizung  sein,  welche  eine  Ermfidnng  setzte, 
in  jedem  Falle  iat  sie  bedingt  durch  eine  Art  von  Paralyse  der 
Gefösswand.  Active  Hyperämie  ist  daher  iusofem  eine  falsche  Be- 


Fifc-  ^8.     Uni^leichmässise    ZuMmmeniiebuni;    kleiner    GeflSM 
Scbwimoihaut  de»  Frosches.    Cupje  nach  Whftrton  Jones. 


Ischämie.  153 

Zeichnung,  als  der  Zustand  der  Gefässe  dabei  ein  vollständig  pas- 
siver ist.  Alles,  was  man  auf  die  dabei  vorausgesetzte  Activität 
der  Gefässe  gebaut  hat,  ist,  wenn  nicht  gerade  auf  Sand  gebaut, 
doch  äusserst  unsicher;  alle  weiteren  Schlüsse,  die  man  daraus 
gezogen  hat  in  Beziehung  auf  die  Bedeutung,  welche  die  Thätigkeit 
der  Gef&sse  für  die  Ernährungs -Verhältnisse  der  Theile  selbst 
haben  sollte,  fallen  in  sich  selbst  zusammen. 

Wenn  eine  Arterie  wirklich  in  Action  ist,  so  macht  sie  keine 
Hyperämie ;  im  Gegentheil,  je  kräftiger  sie  agirt,  um  so  mehr  be- 
dingt sie  Anämie  des  Theils,  oder,  wie  ich  es  bezeichnet  habe, 
Ischämie*).  Die  geringere  oder  grössere  Thätigkeit  der  Arterie 
bestimmt  das  Mehr  oder  Weniger  von  Blut,  welches  in  der  Zeit- 
einheit in  einen  gegebenen  Theil  einströmen  kann.  Je  thätiger 
das  Gefäss,  um  so  geringer  die  Zufuhr.  Haben  wir  aber 
eine  Reizungs  -  Hyperämie ,  d.  h.  eine  vermehrte  Zufuhr  durch  er- 
müdete und  daher  passiv  erweiterte  Arterien,  so  kommt  es  the- 
rapeutisch gerade  darauf  an,  die  Gefässe  in  einen  Zustand  von 
Thätigkeit  zu  versetzen,  in  welchem  sie  im  Stande  sind,  dem  an- 
drängenden Blutstrome  Widerstand  entgegenzusetzen.  Das  leistet 
uns  der  sogenannte  Gegenreiz,  ein  höherer  Reiz  an  einem  schon 
gereizten  Theile,  welcher  die  erschlaffte  Gefassmuskulatur  zu 
dauernder  Verengerung  anregt,  dadurch  die  Blutzufuhr  verkleinert 
und  die  Regulation  der  Störung  vorbereitet.  Gerade  da,  wo  am 
meisten  die  Reaction,  d.  h.  die  regulatorische  Thätigkeit  in  An- 
spruch genommen  wird,  da  handelt  es  sich  darum,  jene  Passi- 
vität zu  überwinden,  welche  die  (sogenannte  active)  Hyperämie 
unterhält. 

Längere  Zeit  hindurch  betrachtete  man  es  als  unmöglich,  dass 
die  Strömung  in  erweiterten  Gefässen  eine  beschleunigte  sei. 
Man  bezog  sich  auf  die  bekannte  hydraulische  Erfahrung,  dass 
die  Stromschnelligkeit  in  einer  erweiterten  Röhre  ab-,  in  einer 
verengerten  zunehme.  Allein  man  übersah  dabei,  dass  es  sich  am 
Gefässapparat  nicht  um  einfache  Röhren,  sondern  um  ein  System 
communicirender  Röhren  handelt,  und  dass  keineswegs  gleiche 
Mengen  von  Blut  in  der  Zeiteinheit  in  jeden  einzelnen  Theil  dieses 
Systems  einströmen.  Die  hydraulischen  Verhältnisse  sind  ganz 
verschieden,  je  nachdem  wir  den  Stanmi  sei  es  der  Aorta,  sei  es 


*)  Handbuch  der  spec  Pathol.  u.  Therapie.    I.    122. 


154  Siebentes  Capitel. 

der  Lnngenarterie  oder  irgend  einen  mehr  peripherischen  Arterienast 
ins  Auge  fassen.  Eine  Yerengenmg  des  Stammes  der  Aorta  oder 
der  Lungenarterie  wird  sicherlich  die  Beschleunigung  des  Blutr 
stroms  an  der  verengten  Stelle,  eine  Erweiterung  die  Verlangsa- 
mung desselben  zur  Folge  haben.  Wenn  aber  ein  arterieller  Ast 
im  Bein  oder  in  der  Lunge  sich  verengert,  so  wird  das  an  der 
Yerengerungsstelle  in  seiner  Fortbewegung  beeinträchtigte  Blut 
mit  grösserer  Kraft  den  collateraien  Aesten  zuströmen  und  hier 
sich  einen  leichteren  Abfluss  eröffnen.  Wir  finden  dann  neben 
der  Ischämie  das,  was  ich  die  collaterale  Fluxion  genannt 
habe*).  — 

Gehen  wir  nun  von  den  muskulösen  Theilen  der  Geftsse  über 
auf  die  elastischen,  so  treffen  wie  da  eine  Eigenschaft,  welche 
eine  sehr  grosse  Bedeutung  hat,  einerseits  für  die  Venen,  deren 
Thätigkeit  an  vielen  Stellen  nur  auf  elastische  Elemente  beschränkt 
ist,  andererseits  für  die  Arterien,  insbesondere  die  Aorta  und  ihre 
grösseren  Aeste.  Bei  diesen  hat  die  Elasticität  der  Wandungen 
den  Effect,  die  Verluste,  welche  der  Blutdruck  durch  die  systoli- 
sche Erweiterung  der  Gefässe  erfährt,  auszugleichen  und  den  un- 
gleichmässigen  Strom,  welchen  die  stossweisen  Bewegungen  des 
Herzens  erzeugen,  in  einen  gleichmässigen  umzuwandeln.  Wäre 
die  Gefässhaut  nicht  elastisch,  so  würde  unzweifelhaft  der  Blut- 
strom sehr  verlangsamt  werden  und  zugleich  durch  die  ganze 
Ausdehnung  des  Gefässapparates  bis  in  die  GapiUaren  Pulsation 
bestehen ;  es  würde  dieselbe  stoss weise  Bewegung,  welche  im  An- 
fange des  Aortensystems  dem  Blute  mitgetheilt  wird,  sich  bis  in 
die  kleinsten  Verästelungen  erhalten.  Allein  jede  Beobachtung, 
welche  wir  am  lebenden  Thiere  machen,  lehrt  uns,  dass  innerhalb 
der  Gapillaren  der  Strom  ein  continuirlicher  ist.  Diese  gleich- 
massige  Fortbewegung  wird  dadurch  hervorgebracht,  dass  die 
Arterien  in  Folge  der  Elasticität  ihrer  Wandungen  den  Stoss, 
welchen  sie  durch  das  eindringende  Blut  empfangen,  mit  derselben 
Gewalt  dem  Blute  zurückgeben,  sonach  während  der  Zeit  der  fol- 
genden Herz  -  Diastole  einen  regelmässigen  Fortschritt  des  Blutes 
in  der  Richtung  zur  Peripherie  hin  unterhalten. 

Lässt  die  Elasticität  des  Gefässes  erheblich  nach,  ohne  dass 


*)  Handb.  der  spec.  Pathol.  u.  Ther.    I.     122,  129,  142,  173. 


Elasticit&t  und  Permeabilität  der  Ge^shäute.  155 

zugleich  das  Gefäss  starr  und  unbeweglich  wird  (Verkalkung, 
Amyloidentartung) ,  so  wird  die  Erweiterung,  welche  das  Gefilss 
unter  dem  Drange  des  Blutes  empfängt,  nicht  wieder  ausgeglichen« 
das  Gefäss  bleibt  im  Zustande  der  Erweiterung,  und  es  entstehen 
allmählich  die  bekannten  Formen  der  Ektasie,  wie  wir  sie  an 
den  Arterien  als  Aneurysmen,  an  den  Venen  als  Varicen  kennen. 
Es  handelt  sich  bei  diesen  Zuständen  nicht  so  sehr,  wie  man  in 
neuerer  Zeit  geschildert  hat,  um  primäre  Erkrankungen  der  innem 
Haut,  sondern  um  Veränderungen,  welche  in  der  elastischen  und 
muskulären  mittleren  Haut  vor  sich  gehen.  — 

Wenn  demnach  die  muskulösen  Elemente  der  Arterien  den 
gewichtigsten  Einfluss  auf  das  Maass  und  die  Art  der  Blutver- 
theilung  in  den  einzelnen  Organen,  die  elastischen  Elemente  die 
grösste  Bedeutung  für  die  Herstellung  eines  schnellen  und  gleich- 
massigen  Stromes  haben,  so  üben  sie  doch  nur  eine  mittelbare 
Wirkung  auf  die  Ernährung  der  ausserhalb  der  Gefässe  selbst 
liegenden  Theile  aus,  und  wir  werden  für  diese  Frage  in  letzter 
Instanz  hingewiesen  auf  die  mit  einfacher  Membran  verse- 
henen Gapillaren,  ohne  welche  ja  nicht  einmal  die  Wandbe- 
bestandtheile  der  grösseren,  mit  Vasa  vasorum  versehenen  Gefässe 
sich  auf  die  Dauer  zu  ernähren  und  zu  erhalten  vermöchten.  In 
den  letzten  Decennien  hat  man  sich  meist  damit  beholfen,  dass 
man  zwischen  dem  flüssigen  Inhalte  des  Gefässes  und  dem  Safte 
(Parenchymflüssigkeit)  der  Gewebe  Diffusionsströmungen  an- 
nahm: Endosmose  und  Exosmose.  Die  Gefasshaut  galt  dabei 
als  eine  mehr  oder  weniger  indiflerente  Membran,  welche  eben 
nur  eine  Scheidewand  zwischen  zwei  Flüssigkeiten  bilde,  die  mit 
einander  in  ein  Wechselverhältniss  treten.  In  diesem  Verhältnisse 
aber  würden  die  zwei  Flüssigkeiten  wesentlich  bestimmt  durch 
ihre  Concentration  und  ihre  chemische  Mischung,  so  dass,  je  nach- 
dem die  innere  oder  äussere  Flüssigkeit  concentrirter  wäre,  der 
Strom  der  Diffusion  bald  nach  aussen,  bald  nach  innen  ginge,  und 
dass  ausserdem  je  nach  den  chemischen  Eigenthümlichkeiten  der 
einzelnen  Säfte  gewisse  Modificationen  in  diesen  Strömen  entstän- 
den. Im  Allgemeinen  ist  jedoch  gerade  diese  letztere,  mehr  che- 
mische Seite  der  Frage  wenig  berücksichtigt  worden. 

Nun  lässt  sich  nicht  in  Abrede  stellen,  dass  es  gewisse  That- 
sachen  giebt,   welche   auf  eine  andere  Weise  nicht  wohl  erklärt 


156  Siebentes  Gapitel. 

werden  können,  namentlich  wo  es  sich  nm  sehr  grobe  Abände- 
rungen in  den  Goncentrationszuständen  der  Säfte  handelt.  Dahin 
gehört  jene  Form  von  Gataract,  welche  Kunde  bei  Fröschen 
künstlich  durch  Einbringung  von  Salz  in  den  Darmkanal  oder  in 
das  Unterhautgewebe  erzeugt  hat.  Dahin  gehören  insbesondere 
jene  Stasen  im  Gefässapparat,  welche  Schuler*)  an  amputirten 
Froschschenkeln  durch  Einwirkung  von  Salzlösungen  hervorbrachte. 
Allein  in  dem  Maasse,  als  man  sich  beim  physikalischen  Studium 
der  Diffusions-Phänomene  überzeugt  hat,  dass  die  Membran,  welche 
die  Flüssigkeiten  trennt,  kein  gleichgültiges  Ding  ist,  sondern  dass 
die  Natur  derselben  unmittelbar  bestimmend  wirkt  auf  die  Fähig- 
keit des  Durchtritts  der  Flüssigkeiten ,  so  wird  man  auch  bei  der 
Gefässhaut  einen  solchen  Einfluss  nicht  läugnen  können.  Indess 
darf  man  deshalb  nicht  so  weit  gehen,  dass  man  etwa  der  Ge- 
fässhaut die  ganze  Eigenthümlichkeit  des  vasculären  Stoffwechsels 
zuschriebe ;  am  wenigsten  darf  man  daraus  erklären  wollen,  warum 
gewisse  Stoffe,  welche  in  der  Blutflüssigkeit  vertheilt  sind,  nicht 
allen  Theilen  gleichmässig  zukommen,  sondern  an  einzelnen  Stel- 
len in  grösserer,  an  anderen  in  kleinerer  Masse,  an  anderen  gar 
nicht  austreten.  Diese  Eigenthümlichkeiten  hängen  offenbar  ab 
einerseits  von  den  Verschiedenheiten  des  Druckes,  welcher  auf 
der  Blutsäule  einzelner  Theile  lastet,  andererseits  von  den  Beson- 
derheiten der  Gewebe;  namentlich  wird  man  sowohl  durch  das 
Studium  der  pathologischen ,  als  besonders  durch  das  Studium  der 
pharmakodynamischen  Erscheinungen  mit  Nothwendigkeit  dazu  ge- 
trieben, gewisse  Affinitäten  zuzulassen,  welche  zwischen  be- 
stimmten Geweben  und  bestimmten  Stoffen  existiren,  Beziehungen, 
welche  auf  chemische  Eigenthümlichkeiten  zurückgeführt  werden 
müssen,  in  Folge  deren  gewisse  Theile  mehr  befähigt  sind,  aus 
der  Nachbarschaft  und  somit  auch  aus  dem  Blute  gewisse  Sub- 
stanzen anzuziehen,  als  andere. 

Betrachten  wir  die  Möglichkeit  solcher  Anziehungen  etwas 
genauer,  so  ist  es  von  einem  besonderen  Interesse,  zu  sehen,  wie 
sich  solche  Theile  verhalten,  die  sich  in  einer  gewissen  Entfernung 
vom  Gefässe  befinden.  Lassen  wir  auf  irgend  einen  Theil  direkt 
einen  bestimmten  Reiz  einwirken,  z.  B.  eine  chemische  Substanz, 
ich  will  annehmen,  eine  kleine  Quantität  eines  Alkali,  so  bemer- 


•)  Wureburger  Verhandl.  1854.    IV.    248. 


Chemische  Affinitäten  der  Gewebe.  157 

ken  wir,  dass  kurze  Zeit  nachher  der  Theil  mehr  ^Emähnmgs- 
material''  aufnimmt,  dass  er  schon  in  einigen  Stunden  um  ein 
Beträchtliches  grösser  wird,  anschwillt  und  trübe  wird.  Eine  feinere 
Untersuchung  ergiebt,  dass  die  Elemente  selbst  solcher  Gewebe, 
welche  in  hohem  Grade  durchsichtig  sind,  wie  die  Hornhaut,  reich- 
lich eine  kOrnige,  yerhäitnissmässig  trübe  Substanz  enthalten,  die 
nicht  etwa  aus  eingedrungenem  Alkali,  sondern  ihrem  wesentli- 
chen Theile  nach  aus  Stoffen  besteht,  welche  den  Eiweisskörpern 
verwandt  sind.  Die  Beobachtung  ergiebt,  dass  ein  solcher  Vor- 
gang in  allen  gefässhaltigen  Theilen  mit  einer  Hyperämie  beginnt, 
so  dass  der  Gedanke  nahe  liegt,  die  Hyperämie  oder  Gongestion 
sei  das  Wesentliche  und  Bestimmende.  Wenn  wir  aber  die  feine- 
ren Verhältnisse  studiren,  so  ist  es  schwer  zu  verstehen,  wie  das 
Blut,  welches  in  den  hyperämischen  Gefässen  ist,  es  machen  soll, 
um  gerade  nur  auf  den  gereizten  Theil  einzuwirken,  während  andere 
Theile,  welche  in  viel  grosserer  Nähe  an  denselben  Gefässen  lie- 
gen, nicht  in  derselben  Weise  getroffen  werden.  In  allen  Fällen, 
in  welchen  die  Gefässe  der  Ausgangspunkt  von  Störungen  sind, 
welche  im  Gewebe  eintreten,  finden  sich  auch  die  Störungen  am 
meisten  ausgesprochen  in  der  nächsten  Umgebung  der  Gefässe  und 
in  dem  Gebiete,  welches  diese  Gefässe  versorgen  (Gefässterri- 
torium).  Wenn  wir  einen  reizenden,  z.  B.  einen  faulenden  Kör- 
per in  ein  Blutgefäss  stecken,  wie  dies  von  mir  in  der  Geschichte 
der  Embolie  in  grösserer  Ausdehnung  festgestellt  ist,  so  werden 
nicht  etwa  die  vom  Gefässe  entfernten  Theile  der  Hauptsitz  der 
activen  Veränderung,  sondern  diese  zeigt  sich  zunächst  an  der 
Wand  des  Gefässes  selbst  und  dann  an  den  anstossenden  Gewebs- 
Elementen*).  Wenden  wir  aber  den  Reiz  direkt  auf  das  Gewebe 
an,  so  bleibt  der  Mittelpunkt  der  Störung  auch  immer  da,  wo  der 
Angriffspunkt  des  Reizes  liegt,  gleichviel,  ob  (refässe  in  der  Nähe 
sind  oder  nicht. 

Wir  werden  darauf  später  noch  zurückkommen;  hier  war  es 
mir  nur  darum  zu  thun,  die  Thatsache  in  ihrer  Allgemeinheit 
vorzuführen,  um  den  gewöhnlichen,  eben  so  bequemen  als  trüge- 
rischen Schluss  zurückzuweisen,  dass  die  (an  sich  pajssive)  Hyper- 
ämie bestinunend  sei  für  die  Ernährung  des  Gewebes. 


*}  Gesammelte  Abhandlungen  zur  wissenschaftlichen  Medicin.  1856.    S.  294, 
337,  456. 


158  Siebentes  Gapitel. 

Bedürfte  es  noch  eines  weiteren  Beweises,  um  diesen,  vom 
anatomischen  Standpunkte  ans  vollständig  unhaltbaren  Schlnss  zu 
widerlegen,  so  haben  wir  in  dem  vorher  erwähnten  Experiment 
mit  der  Dnrchschneidnng  des  Sympathicus  die  allerbequemste 
Handhabe.  Wenn  man  bei  einem  Thiere  den  Sympathicus  am 
Halse  durchschneidet,  so  bildet  sich  eine  Hyperämie  in  der  ganzen 
entsprechenden  Eopfhälfte  aus:  die  Gefässe  sind  stark  erweitert, 
das  Ohr  wird  dunkelroth  und  heiss,  die  Gonjunctiva  und  Nasen- 
schleimhaut strotzend  injicirt.  Diese  Hyperämie  kann  Tage, 
Wochen,  Monate  laug  bestehen,  ohne  dass  auch  nur  die  mindeste 
gröbere  nutritive  Störung  daraus  folgt;  die  Theile  sind,  obwohl 
mit  Blut  überfüllt,  so  weit  wir  dies  wenigstens  bis  jetzt  übersehen 
können,  in  demselben  Emährungs  -  Zustande  wie  vorher.  Wenn 
wir  Entzündungsreize  auf  diese  Theile  appliciren,  so  ist  das  Ein- 
zige, was  wir  feststellen  können,  dass  die  Entzündung  schneller 
verläuft,  ohne  dass  sie  jedoch  an  sich  oder  in  der  Art  ihrer  Pro- 
ducte  wesentlich  anders  wäre  als  sonst**). 

Die  grössere  oder  geringere  Masse  von  Blut,  welche  einen 
Theil  durchströmt,  ist  also  nicht  als  die  einfache  Ursache  der 
Veränderung  seiner  Ernährung  zu  betrachten.  Es  besteht  wohl 
kein  Zweifel  darüber,  dass  ein  Theil,  der  sich  in  Beizung  befin- 
det und  gleichzeitig  mehr  Blut  empfängt  als  sonst,  auch  mit  grös- 
serer Leichtigkeit  mehr  Material  aus  dem  Blute  anziehen  kann, 
als  er  sonst  gekonnt  haben  würde  oder  als  er  können  würde,  wenn 
sich  die  Gefässe  in  einem  Zustande  von  Verengerung  und  vermin- 
derter Blutfülle  befänden.  Wollte  man  gegen  meine  Auffassung 
einwenden,  dass  bei  hyperämischen  Zuständen  locale  Blutentzie- 
hungen oft  die  günstigsten  Effecte  hervorbringen,  so  ist  das  kein 
Gegenbeweis.  Denn  es  versteht  sich  von  selbst,  dass  wir  es  einem 
Theile,  dem  wir  das  Emähmngsmaterial  abschneiden  oder  verrin- 
gern, schwerer  machen,  Material  aufzunehmen,  aber  wir  können 
ihn  nicht  umgekehrt  dadurch,  dass  vnv  ihm  mehr  Emährungs- 
material  darbieten,  sofort  veranlassen,  mehr  in  sich  aufzunehmen; 
das  sind  zwei  ganz  verschiedene  und  auseinander  zu  haltende 
Dinge.  So  nahe  es  auch  liegt,  und  so  gerne  ich  auch  zugestehe, 
dass  es  auf  den  ersten  Blick  etwas  sehr  Ueberzeugendes  hat,  aus 


*)  Handbuch  der  speciellen  Pathologie.  I.   151,  247.    Oesammelte  Abbandl. 
S.  319. 


Specifische  Affinit&ten.  1S9 

der  günstigen  Wirknng,  welche  die  Abschneidnng  der  Blntznfdhr 
anf  die  Hemmung  eines  Vorganges  hat,  der  unter  einer  Steigerang 
derselben  entsteht,  auf  die  Abhängigkeit  jenes  Vorganges  yon  die- 
ser Steigerung  der  Zufuhr  zu  schliessen ,  so  meine  ich  doch ,  dass 
die  praktische  Erfahrung  nicht  in  dieser  Weise  gedeutet  werden 
darf.  Es  kommt  nicht  so  sehr  darauf  an,  dass,  sei  es  in  dem 
Blute  als  Ganzem,  sei  es  in  dem  Blutgehalte  des  einzelnen  Thei- 
les,  eine  quantitative  Zunahme  erfolgt,  um  ohne  Weiteres  in  der 
Ernährung  des  Theiles  eine  gleiche  Zunahme  zu  setzen,  sondern 
es  kommt  meines  Erachtens  darauf  an,  dass  entweder  besondere 
Zustände  des  Gewebes  (Reizung)  bestehen,  welche  die  Anziehungs- 
verhältnisse  desselben  zu  bestimmten  Stoffen  ändern,  oder  dass 
besondere  Stoffe  (specifische  Substanzen)  in  das  Blut  ge- 
langen, auf  welche  bestimmte  Gewebe  oder  Theile  von  Geweben 
eine  besondere  Anziehung  ausüben. 

Prüft  man  diesen  Satz  in  Beziehung  auf  die  humoralpatho- 
logische  Auffassung  der  Krankheiten,  so  ergiebt  sich  sofort,  wie 
weit  ich  davon  entfernt  bin,  die  Richtigkeit  der  humoralen  Deu- 
tungen im  Allgemeinen  zu  bestreiten.  Vieknehr  hege  ich  die  feste 
Ueberzeugung,  dass  besondere  Stoffe,  welche  in  das  Blut  gelangen, 
einzehie  Theile  des  Körpers  zu  besonderen  Veränderungen  indu- 
ciren  können,  indem  sie  in  dieselben  aufgenommen  werden  ver- 
möge der  specifischen  Anziehung  der  einzelnen  Gewebe 
zu  einzelnen  Stoffen*).  Wir  wissen,  dass  eine  Reihe  von 
Substanzen  existirt,  welche,  wenn  sie  in  den  Körper  gebracht 
werden,  ganz  besondere  Anziehungen  zum  Nervenapparate  dar- 
bieten, ja  dass  es  innerhalb  dieser  Reihe  wieder  Substanzen  gibt, 
welche  zu  ganz  bestimmten  Theilen  des  Nervenapparates  nähere 
Beziehungen  haben,  einige  zum  Gehirn,  andere  zum  Rückenmark, 
zu  den  sympathischen  Ganglien,  einzelne  vneder  zu  besonderen 
Theilen  des  Gehirns,  Rückenmarks  u.  s.  w.  Ich  erinnere  hier  an 
Morphium,  Atropin,  Worara,  Strychnin,  Digitalin.  Andererseits 
nehmen  wir  wahr,  dass  gewisse  Stoffe  eine  nähere  Beziehung 
haben  zu  bestimmten  Secretionsorganen,  dass  sie  diese  Secretions- 
organe  mit  einer  gewissen  Wahlverwandtschaft  durchdringen,  dass 
sie  in  ihnen  abgeschieden  werden,  und  dass  bei  einer  reichlicheren 


^  Handb.  der  spec.  Path.  und  Ther.    I.    276. 


160  Siebentes  Gapitel. 

Zufahr  solcher  Stoffe  ein  Zastand  der  Reizung  in  diesen  Organen 
stattfindet.  Dahin  gehören  Harnstoff,  Kochsalz,  Canthariden,  Ga- 
beben. Allein  nothwendig  setzt  diese  Annahme  voraus,  dass  die 
Gewebe,  welche  eine  besondere  Wahlverwandtschaft  zu  besonderen 
Stoffen  haben  sollen,  überhaupt  existiren:  eine  Niere,  die  ihr  Epi- 
thel verliert,  bfisst  damit  auch  ihre  Secretionsfähigkeit  fQr  die 
specifischen  Stoffe  ein.  Jene  Annahme  setzt  femer  voraus,  dass 
die  Gewebe  sich  in  ihrem  natürlichen  Zustande  befinden:  weder 
die  kranke,  noch  die  todte  Niere  hat  mehr  die  Affinität  zu  be- 
sonderen Stoffen,  welche  die  lebende  und  gesunde  Drüse  besass. 
Die  Fähigkeit,  bestimmte  Stoffe  anzuziehen  und  umzusetzen,  kann 
höchstens  für  eine  kurze  Zeit  in  einem  Organe  erhalten,  wel- 
ches nicht  mehr  in  einer  eigentlich  lebenden  Verfassung  bleibt. 
Wir  werden  daher  am  Ende  immer  genöthigt,  die  einzelnen  Ele- 
mente als  die  wirksamen  Factoren  bei  diesen  Anziehungen  zu  be- 
trachten. Eine  Leberzelle  kann  aus  dem  Blute,  welches  durch 
das  nächste  Gapillargefäss  strömt,  bestimmte  Substanzen  anzie- 
hen, aber  sie  muss  eben  zunächst  vorhanden  und  sodann  ihrer 
ganz  besonderen  Eigenthümlicbkeit  mächtig  sein,  um  diese  An- 
ziehung ausüben  zu  können.  Wird  das  vitale  Element  verändert, 
tritt  eine  Krankheit  ein,  welche  in  der  molekularen,  physikalischen 
oder  chemischen  Eigenthümlicbkeit  desselben  Veränderungen  setzt, 
so  wird  damit  auch  seine  Fähigkeit  geändert,  diese  besonderen 
Anziehungen  auszuüben. 

Betrachten  wir  dies  Beispiel  noch  genauer.  Die  Leberzellen 
stossen  fast  unmittelbar  an  die  Wand  der  Capillaren,  nur  geschie- 
den durch  eine  dünne  und  vielleicht  nicht  einmal  continuirliche 
Schicht  einer  feinen  Bindegewebslage.  Wollten  wir  uns  nun  den- 
ken, dass  die  Eigenthümlicbkeit  der  Leber,  Galle  abzusondern, 
bloss  darin  beruhte,  dass  hier  eine  besondere  Art  der  Gefäss-Ein- 
richtung  wäre,  so  würde  dies  in  der  That  nicht  zu  rechtfertigen 
sein.  Aehnliche  Netze  von  Gefässen,  welche  zu  einem  grossen 
Theile  venöser  Natur  sind,  finden  sich  an  manchen  anderen  Orten 
z.  B.  an  den  Lungen.  Die  Eigenthümlicbkeit  der  Gallenabsonde- 
mng  hängt  offenbar  ab  von  den  Leberzellen,  und  nur  so  lange  als 
das  Blut  in  nächster  Nähe  an  Leberzellen  vorüberströmt,  besteht 
die  besondere  Stoffanziehung,  welche  die  Thätigkeit  der  Leber 
charakterisirt 


Thätigkeit  der  Leber.  161  * 

Enthält  das  Blut  freies  Fett,  so  nehmen  nach  einiger  Zeit 
die  Leberzellen  Fett  in  kleinen  Partikelchen  auf;  wenn  der  Zu- 
fluss  fortgeht,  so  wird  auch  das  Fett  in  den  Zellen  reichlicher  nnd 
es  scheidet  sich  nach  nnd  nach  in  grösseren  Tropfen  innerhalb 
derselben  ab  (Fig.  29,  ß,  6).  Was  wir  beim  Fett  wirklich  sehen, 
das  müssen  wir  nns  bei  yielen  anderen  Substanzen,  die  sich  in 
gelöstem  Zustande  befinden,  denken,  z.  B.  bei  vielen  metallischen 
Giften,  die  wir  auf  chemischem  Wege  aus  dem  Gewebe  darstellen 
können.  Immer  aber  wird  es  für  die  Aufnahme  solcher  Stoffe 
wesentlich  sein,  dass  in  der  Leber  Zellen  in  einem  ganz  bestimmten 
Zustande  vorhanden  sind;  werden  sie  krank,  entwickelt  sich  in 
ihnen  ein  Zustand,  welcher  mit  einer  wesentlichen  Veränderung 
ihres  Inhaltes  verbunden  ist,  z.  B.  eine  Atrophie,  welche  endlich 
das  Zugrundegehen  der  Theile  bedingt,  dann  wird  damit  auch  die 
Fähigkeit  des  Organs,  Stoffe  aufzunehmen  und  abzuscheiden,  ins- 
besondere Galle  zu  bilden,  immer  mehr  beschränkt  werden.  Wir 
können  uns  keine  Leber  denken  ohne  Leberzellen;  diese  sind,  soviel 
wir  wissen,  das  eigentlich  Wirksame,  da  selbst  in  Fällen,  wo  der 
Blutzufiuss  durch  Verstopfung  der  Pfortader  beschränkt  ist  *),  Galle, 
wenn  auch  vielleicht  nicht  in  derselben  Menge,  abgesondert  wird. 

Diese  Erfahrung  hat  gerade  an  der  Leber  einen  besonderen 
Wertb,  weil  die  Stoffe,  welche  die  Galle  zusammensetzen,  bekannt- 
lich nicht  im  Blute  präformirt  sind,  wir  also  nicht  einen  Vorgang 
der  einfachen  Abscheidung,  sondern  einen  Vorgang  der  wirkli- 
chen Bildung  für  die  Bestandtheile  der  Galle  in  der  Leber  vor- 
aussetzen müssen.  Diese  Frage  hat  noch  an  Interesse  gewonnen 
durch  die  bekannte  Beobachtung  von  Bernard,  dass  an  diesel- 
ben zelligen  Elemente  auch  die  Eigenschaft  der  Zuckerbildung  ge- 
bunden ist,  welche  in  so  colossalem  Maassstabe  dem  Blute  einen 
Stoff  zuffihrt,  der  auf  die  inneren  Umsetzungs-Prozesse  und  auf 
die  Wärmebildung  den  entschiedensten  Einfluss  hat.  Sprechen  wir 
also  von  Leberthätigkeit,  so  kann  man  in  Beziehung  sowohl  auf 
die  Zucker-,  als  auf  die  Gallenbilduug  darunter  nichts  anderes 
meinen,  als  die  Thätigkeit  der  einzelnen  Elemente  (Zellen),  und 
zwar  eine  Thätigkeit,  die  darin  besteht,  dass  sie  aus  dem  vor- 
überströmenden Blute  Stoffe  anziehen,  diese  Stoffe  in  sich  um- 


•)  Würzb.  Verhandl.  (1855).    VII.    21. 

VIrrbow,  Cr11n1ar-P«tbol.     4.  Anfl.  11 


162  Siebentes  Capitel. 

setzen  und  dieselben  in  dieser  umgesetzten  Form  entweder  an  das 
Blnt  wieder  zurückgeben,  oder  in  Form  von  Galle  den  Gallen- 
gangen  überliefern. 

Ich  verlange  nun  für  die  Cellnlarpathologie  nichts  weiter,  als 
dass  diese  Auffassung,  welche  für  die  grossen  Secretions- Organe 
nicht  vermieden  werden  kann ,  auch  auf  die  kleineren  Organe  und 
auf  die  Elemente  angewendet  werde,  dass  also  einer  Epithel- 
zelle, einer  Linsenfaser,  einer  Enorpelzelle  bis  zu  einem  gewissen 
Maasse  gleichfalls  die  Möglichkeit  zugestanden  werde,  aus  den 
nächsten  Gefässen,  wenn  auch  nicht  immer  direkt,  sondern  oft 
durch  eine  weite  Transmission,  je  nach  ihrem  besonderen  Bedürf- 
nisse, gewisse  Quantitäten  von  Material  zu  beziehen,  und  nachdem 
sie  dasselbe  in  sich  aufgenommen  haben,  es  in  sich  weiter  umzu- 
setzen, so  zwar,  dass  entweder  die  Zelle  für  ihre  eigene  Entwik- 
kelung  daraus  neues  Material  schöpft  (Assimilation),  oder 
dass  die  Substanzen  im  Innern  sich  aufhäufen,  ohne  dass  die  Zelle 
davon  unmittelbar  Nutzen  hat  (Retention),  oder  endlich,  dass 
nach  der  Aufnahme  selbst  ein  Zerfallen  der  Zelleneinrichtong  ge- 
schehen, ein  Untergang  der  Zelle  eintreten  kann  (Necrobiose). 
Auf  alle  Fälle  scheint  es  mir  nothw endig  zu  sein,  dieser  speci- 
fischen  Action  der  Elemente,  gegenüber  der  specifischen 
Action  der  Gefässe,  eine  überwiegende  Bedeutung  beizulegen,  und 
das  Studium  der  localen  Prozesse  seinem  wesentlichen  Thcile  nach 
auf  die  Erforschung  dieser  Art  von  Vorgängen  zu  richten.  — 

Mit  diesen  Ergebnissen  können  wir  uns  zu  einer  Kritik  der 
humoralpathologischen  Systeme  wenden,  welche  seit  langer  Zeit 
auf  das  Studium  der  sogenannten  edleren  Säfte,  gewissermaas- 
sen  auf  die  Lehre  von  der  Ernährung  im  Grossen  begründet  wur- 
den. Fasst  man  zunächst  das  Blut  in  seiner  normalen  Wirkung 
auf  die  Ernährung  ins  Auge,  so  handelt  es  sich  dabei  nicht  so 
wesentlich  um  seine  Bewegung,  um  das  Mehr  oder  Weniger  von 
Zuströmen,  sondern  um  seine  innere  Zusammensetzung.  Bei  einer 
grossen  Masse  von  Blut  kann  die  Ernährung  leiden,  wenn  die  Zu- 
sammensetzung desselben  nicht  dem  natürlichen  Bedürfnisse  der 
Theile  entspricht;  bei  einer  kleinen  Masse  von  Blut  kann  die  Er- 
nährung verhältnissmässig  sehr  günstig  vor  sich  gehen,  wenn  jedes 
einzelne  Partikelchen  des  Blutes  das  günstigste  Verhältniss  der 
Mischung  besitzt. 


Theorie  der  Dyscrasien.  163 

Betrachtet  man  das  Blut  als  Ganzes  gegenüber  den  anderen 
Theilen,  so  ist  es  das  Gefährlichste,  was  man  thun  kann,  das, 
was  zu  allen  Zeiten  die  meiste  Verwirrung  geschaflfen  hat,  anzu- 
nehmen, dass  man  es  hier  mit  einem  constanten,  in  sich  unab- 
hängigen Fluidum  zu  thun  habe,  von  dem  die  grosse  Masse  der 
übrigen  Gewebe  mehr  oder  weniger  direkt  abhängig  sei.  Die 
meisten  humoralpathologischcn  Sätze  stützen  sich  auf  die  Voraus- 
setzung, dass  gewisse  Veränderungen,  welche  im  Blute  eingetre- 
ten sind,  mehr  oder  weniger  dauerhaft  seien,  und  gerade  da,  wo 
diese  Sätze  praktisch  am  einflussreiclisten  gewesen  sind,  in  der 
Lehre  von  den  chronischen  Dyscrasien,  pflogt  man  sich  vor- 
zustellen, dass  die  Veränderung  des  Blutes  eine  continuirliche  sei, 
ja,  dass  durch  Vererbung  von  Generation  zu  Generation  eigcn- 
thümliche  Veränderungen  in  dem  Blute  übertragen  werden  und 
sich  erhalten  können. 

Das  ist  meiner  Meinung  nach  der  Grundfehler,  der  eigent- 
liche Angelpunkt  der  Irrthüraer.  Nicht  etwa,  dass  ich  bezwei- 
felte, dass  eine  veränderte  Mischung  des  Blutes  anhaltend  bestehen, 
oder  dass  sie  sich  von  Generation  zu  Generation  fortpflanzen 
konnte,  aber  es  scheint  mir  unlogisch,  zu  glauben,  dass  sie  sich 
im  Blute  selbst  fortpflanzen  und  dort  erhalten  kann,  dass  das 
Blut  als  solches  der  Träger  der  Dyscrasie  ist. 

Meine  cellularpathologischen  Anschauungen  unterscheiden  sich 
darin  von  den  humoralpathologischcn  wesentlich,  dass  ich  das  Blut 
nicht  als  einen  dauerhaften  und  in  sich  unabhängigen,  aus  sich 
selbst  sich  regenerirenden  und  sich  fortpflanzenden  Saft,  sondern 
als  ein  in  einer  constanten  Abhängigkeit  von  anderen  Theilen  be- 
findliches flüssiges  Gewebe  betrachte.  Man  braucht  nur  dieselben 
Schlüsse,  die  man  für  die  Abhängigkeit  des  Blutes  von  der  Auf- 
nahme neuer  Emährungsstoffe  vom  Magen  her  allgemein  zulässt, 
auch  auf  die  Untersuchung  der  Abhängigkeit  desselben  von  den 
Geweben  des  Körpers  selbst  anzuwenden.  Wenn  man  von  einer 
Säuferdyscrasie  spricht,  so  wird  Niemand  die  Vorstellung  haben, 
dass  Jeder,  der  einmal  betrunken  gewesen  ist,  eine  permanente 
Alkoholdyscrasie  besitzt,  sondern  man  denkt  sich,  dass,  wenn 
immer  neue  Mengen  von  Alkohol  eingeführt  werden,  auch  immer 
neue  Veränderungen  des  Blutes  eintreten,  so  dass  die  Verände- 
rung am  Blute  so  lange  bestehen  muss,  als  die  Zufuhr  von  neuen 


164  Siebentes  Gapitel. 

ßchädlichen  Stoffen  geschieht,  oder  als  in  Folge  früherer  Znfahr 
einzelne  Organe  in  einem  krankhaften  Znstande  yerharren.  Wird 
kein  Alkohol  mehr  zugeführt,  werden  die  Organe,  welche  durch 
den  früheren  Alkoholgenuss  beschädigt  waren,  zu  einem  normalen 
Verhalten  zurückgeführt,  so  ist  kein  Zweifel,  dass  damit  die  Säu- 
ferdyscrasie  zu  Ende  ist.  Dieses  Beispiel,  angewendet  auf  die 
Geschichte  der  übrigen  Dyscrasien,  erläutert  ganz  einfach  den 
Satz,  dasB  jede  dauernde  Dyscrasie  abhängig  ist  von 
einer  dauerhaften  Zufuhr  schädlicher  Bestandtheile 
von  gewissen  Punkten  (Atrien  oderHeerden)  her.  Wie 
eine  fortwährende  Zufuhr  von  schädlichen  Nahrungsstoffen  eine 
dauerhafte  Entmischung  des  Blutes  setzen  kann,  eben  so  vermag 
die  dauerhafte  Erkrankung  eines  bestimmten  Organs  dem  Blute 
fort  und  fort  kranke  Stoffe  zuzuführen. 

Es  handelt  sich  dann  also  wesentlich  darum,  für  die  einzel- 
nen Dyscrasien  Ausgangspunkte,  Localisationen  zu  suchen, 
die  bestimmten  Gewebe  oder  Organe  zu  finden,  von  denen  aus  das 
Blut  die  besondere  Störung  erfährt.  Ich  will  gern  gestehen,  dass 
es  in  vielen  Dyscrasien  bis  jetzt  nicht  möglich  gewesen  ist,  diese 
Gewebe  oder  Organe  aufzufinden.  In  vielen  anderen  ist  es  aber 
gelungen,  wenn  man  auch  nicht  bei  jedem  derselben  ericlären  kann, 
in  welcher  Weise  das  Blut  dabei  verändert  wird.  Jedermann 
kennt  jenen  merkwürdigen  Zustand,  welchen  man  ungezwungen 
auf  eine  Dyscrasie  beziehen  kann,  den  scorbutischen  Zustand,  die 
Purpura,  die  Petechial-Dyscrasie.  Vergeblich  sieht  man  sich  jedoch 
nach  entscheidenden  Erfahrungen  darüber  um,  welcher  Art  die 
Dyscrasie,  die  Blutveränderung  ist,  wenn  Scorbut  oder  Purpura 
sich  zeigt.  Das,  was  der  Eine  gefunden  hat,  hat  der  Andere 
widerlegt,  ja  es  hat  sich  ergeben,  dass  zuweilen  in  der  Mischung 
der  gröberen  Bestandtheile  des  Blutes  gar  keine  Veränderung  ein- 
getreten w*ar.  Es  bleibt  hier  also  ein  Quid  ignotum,  und  man 
wird  es  gewiss  verzeihUch  finden,  wenn  wir  nicht  sagen  können, 
woher  eine  Dyscrasie  kommt,  deren  Wesen  wir  überhaupt  nicht 
kennen.  Auch  schliesst  die  Erkenntniss  der  Art  der  Blntverän- 
derung  nicht  die  Einsicht  in  die  Bedingungen  der  Dyscrasie  in 
sich,  und  eben  so  wenig  findet  das  Umgekehrte  Statt.  Bei  der 
hämorrhagischen  Diathese  wird  man  es  immerhin  als  einen  we- 
sentlichen Vortheil  betrachten  müssen,  dass  wir  in  einer  Reihe 


Oertlicher  Ursprung  der  Dyscrasien.  165 

von  Fälleo  auf  ihren  Ausgangspunkt  in  einem  bestimmten  Organe 
hinweisen  können,  z.  B.  auf  die  Milz  oder  die  Leber*).  Es  han- 
delt sich  jetzt  zunächst  darum,  zu  ermitteln,  welchen  Einfluss  die 
Milz  oder  die  Leber  auf  die  besondere  Mischung  des  Blutes  aus- 
üben. Wüssten  wir  genau,  wie  das  Blut  durch  die  Einwirkung 
dieser  Organe  verändert  wird,  so  wäre  es  vielleicht  nicht  schwer, 
aus  der  Kenntniss  des  kranken  Organs  auch  sofort  abzuleiten, 
wie  das  Blut  beschaffen  sein  wird.  Aber  es  ist  doch  schon  we- 
sentlich, dass  wir  über  das  blosse  Studium  der  Blutveränderungen 
hinausgekommen  und  auf  bestimmte  Organe  geführt  worden  sind, 
in  welchen  die  Dyscrasie  wurzelt. 

So  muss  man  consequent  schliessen,  dass,  wenn  es  eine  sy- 
philitische Dyscrasie  gibt,  in  welcher  das  Blut  eine .  virulente  Sub- 
stanz führt,  diese  Substanz  nicht  dauerhaft  in  dem  Blute  enthalten 
sein  kann,  sondern  dass  ihre  Existenz  im  Blute  gebunden  sein 
muss  an  das  Bestehen  localer  Heerde,  von  wo  aus  immer  wieder 
neue  Massen  von  schädlicher  Substanz  eingeführt  werden  in  das 
Blut**).  Folgt  man  dieser  Bahn,  so  gelangt  man  zu  dem  schon 
erwähnten  und  gerade  für  die  praktische  Medicin  äusserst  wichti- 
gen Gesichtspunkte,  dass  jede  dauerhafte  Veränderung  in  dem 
Zustande  der  circulirenden  Säfte,  welche  nicht  unmittelbar  durch 
äussere,  von  bestimmten  Atrien  aus  in  den  Körper  eindringende 
Schädlichkeiten  bedingt  wird,  von  einzelnen  Organen  oder  Geweben 
abgeleitet  werden  muss;  es  ergibt  sich  weiter  die  Thatsache,  dass 
gewisse  Gewebe  und  Organe  eine  grössere  Bedeutung  für  die  Blut- 
mischung haben,  als  andere,  dass  einzelne  eine  nothwendige  Be- 
ziehung zu  dem  Blute  besitzen,  andere  nur  eine  zufällige. 

Ich  komme  also  mit  den  Alten  darin  überein,  dass  ich  eine 
Verunreinigung  (Infection)  des  Blutes  durch  verschiedene  Sub- 
stanzen (Miasmen)  zulasse,  und  dass  ich  einem  grossen  Thcilo 
dieser  Substanzen  (Schärfen,  Acrimonien)  eine  reizende  Ein- 
wirkung auf  einzelne  Gewebe  zuschreibe.  Ich  gestehe  auch  zu, 
dass  bei  acuten  Dyscrasien  diese  Stoffe  im  Blute  selbst  eine  fort- 
schreitende   Zersetzung  (Fermentation,  Zymosis)    erzeugen 


•)  Handb   der  spec.  Path.  und  Ther.    I.    246. 

**)  Archiv  für  pathologische  Anatomie  und  Physiologie.     1858,    XV.    217, 
Qeschwülste  II.    476- 


lOö  Siobcütos  Capitel, 

können,  obwohl  ich  nicht  weiss,  ob  dies  in  allen  Fällen,  die  man 
so  deutet,  richtig  ist.  Aber  sicher  ist  es,  dass  diese  Zymosis 
ohne  ncne  Zufuhr  sich  nicht  dauerhaft  erhält,  und  dass  jede 
anhaltende  Dyscrasic  eine  erneuerte  Zufuhr  schädlicher  Stoffe  in 
das  Blut  voraussetzt. 


Achtes  Capitel. 


Das  Blut. 


llorpbolofl^sehe  (aa«tomUche)  nnd  chemitehe  Verinderungen  des  Blutes  (Djscrasiea). 

Fsserstoff.  Fibrillen  desselben.  Vergleich  mit  Sclileim  und  Bindegewebe.  Homogener  gallertiger 
Zuütsnd. 

Rothe  Blutkörperchen.  Kern,  Membran  und  Inhalt  derselben.  Gestalt  bei  den  verschiedenen  Wir- 
belthleren;  diagnostische  Schwierigkeiten.  Zusammensetsung  des  Zellkörpers:  Häoiatinf  Ha- 
mog'obin.  Stroms.  Verioderangen  der  Farbe  und  der  Clestalt.  Bluikrystalle  (Hamatoidin, 
Haoiln,  HSmatokrystallin). 

Farbioie  Blutkörperchen.  Numerisches  Vcrhiltoiss.  Struktur.  Vergleich  mit  Eiterkörperchen. 
Klebrigkeit  und  Agglutination  derselben.  Specifisches  Gewicht.  Cruata  granulosa.  Diagnose 
Ton  F.iter-  und  farblosen  Blutkörperchen.  Die  Lehren  von  der  Eiterresorption  und  von  der 
Lymphexsodation.  Lebenseigenschaften  der  farblosen  Körpereben:  Bewegung,  Aufnahme  an- 
derer Körper,  Auswanderung.     Bedeutung  dieier  Erfahrungen  für  die  cellulare  Doctrin. 


YV  enn  man  die  verschiedenen  krankhaften  Veränderungen  des  Blutes 
(Dyscrasien)  in  Beziehung  auf  Werth  und  Quelle  ansieht,  so 
lassen  sich  von  vornherein  zwei  grosse  Kategorien  von  dyscrasi- 
schen  Zuständen  unterscheiden,  je  nachdem  nehmlich  abweichende 
morphologische  Bestandtheile  im  Blute  enthalten  sind,  oder  die 
Abweichung  eine  mehr  chemische  ist  und  an  den  flüssigen  Be- 
standtheilen  sich  findet.  Dabei  versteht  es  sich  aber  wohl  von 
selbst,  dass  in  der  Regel  die  morphologischen  (anatomischen) 
Dyscrasien  nicht  ohne  chemische  Dyscrasie  verlaufen  und  umge- 
kehrt: unsere  Methoden  der  Blutuntersuchung  sind  aber  noch  so 
unvollkommen,  dass  wir  uns  in  der  Regel  an  die  eine  oder  andere 
Möglichkeit  halten  müssen.  Ebenso  ist  es  klar,  dass  die  morpho- 
logischen Veränderungen  der  Blutmischung  entweder  durch  Ver- 
änderungen der  natürlichen  Elemente  (Blutkörperchen)  oder  durch 
Hinzufügung  fremder,  der  Blutmischung  normal  nicht  zukommen- 
der Theile  bedingt  sein  können. 


168  Achtes  Capitei. 

Einer  der  flüssigen  Stoffe  des  Blutes,  der  Faserstoff  (Fibrin), 
hat  häufig  als  ein  morphologischer  oder  doch  als  ein  fester  Be* 
standtheil  des  Blutes  gegolten,  weil  er  vermöge  seiner  Gerinnbar- 
keit sehr  bald,  nachdem  das  Blut  aus  dem  lebenden  Körper  ent- 
fernt ist,  eine  sichtbare  Form  annimmt.  Diese  Auffassung  ist  auch 
in  der  neueren  Zeit  noch  vielfach  in  der  Praxis  festgehalten  worden, 
wie  sie  denn  traditionell  in  der  Medicin  seit  langer  Zeit  bestanden 
hat,  insofern  man  fibrinarmes  Blut  als  dissolutes  zu  bezeichnen 
und  die  Qualität  des  Blutes  viel  weniger  nach  den  Blutkörperehen, 
als  nach  dem  Fibringehalt  zu  schätzen  pflegte.  Eine  solche  Tren- 
nung des  Faserstoffes  von  den  flüssigen  Bestandtheilen  des  Blutes 
hat  insofern  einen  wirklichen  Werth,  als  derselbe  eben  so,  wie 
die  Blutkörperchen,  eine  ganz  eigenthümliche  Erscheinung  ist,  so 
einzig  und  allein  in  dem  Blute  und  den  ihm  zunächst  stehenden 
Säften  sich  findet,  dass  man  ihn  in  der  That  mehr  mit  den  Blut- 
körperchen in  Zusammenhang  bringen  kann,  als  mit  dem  Blut- 
wasser (Serum).  Betrachtet  man  das  Blut  in  Beziehung  auf  seine 
eigentlich  specifischeu  Theile,  durch  welche  es  Blut  ist  und  durch 
welche  es  sich  von  anderen  Flüssigkeiten  unterscheidet,  so  kann 
man  nicht  umhin  anzuerkennen,  dass  auf  der  einen  Seite  die  ro- 
then,  hämatinhaltigen  Eörperchen,  auf  der  anderen  Seite  das  Fibrin 
der  Intercellular-Flüssigkeit  (Liquor  sanguinis,  Plasma)  es  sind,  in 
welchen  die  Unterschiede  am  meisten  hervortreten. 

Betrachten  wir  daher  zunächst  diese  specifischeu  Bestand- 
theile  etwas  näher.  Die  morphologische  Schilderung  des  Faser- 
stoffes ist  verhältnissmässig  schnell  gemacht.  Untersuchen  wir  ihn, 
wie  er  im  Blutgerinnsel  vorkommt,  so  finden  wir  ihn  fast  immer 

in  der  Form,  wie  ihn  Malpighi 
p,^  j^5  .  beschrieben  hat   und  von  welcher 

er  den  Namen  trägt,  der  fibrillären. 
Die  geronnene  Substanz  zeigt  wirk- 
liche Fasern  von  etwas  zackiger 
Gestalt,  welche  sich  vielfach  durch- 
setzen  und  dadurch  äusserst  feine 
Geflechte,  zarte  Haschennetze  bilden.  Die  Fasern  sind  in  den  ein- 


Fig.  59.  Geronnenes  Fibrin  aus  menscblicbem  Blute,  a  Feine,  b  gröbere 
und  breitere  Fibrillen;  c  in  das  Gerinnsel  eingeschlossene  rothe  und  farblose 
Blutkörperchen.  Yergr.  2S0.  • 


Fibrin.  169 

zelnen  Fällen  von  sehr  verschiedener  Breite.  Gewöhnlich  sind  sie 
sehr  fein;  zuweilen  finden  sich  aber  nngleich  breitere,  fast  band- 
artige, welche  viel  glatter  sind,  sich  aber  im  Uebrigen  ziemlich 
auf  dieselbe  Weise  durchsetzen  and  verschlingen.  Es  sind  dies 
Eigenthümlichkeiten ,  über  deren  Bedeutung  bis  jetzt  ein  sicheres 
Urtheil  noch  nicht  gewonnen  ist.  Ich  finde  solche  Verschieden- 
heiten ziemlich  häufig,  bin  jedoch  nicht  im  Stande,  die  Bedingun- 
gen dafür  anzugeben.  Betrachtet  man  einen  Blutstropfen  während 
der  Gerinnung,  so  sieht  man  überall,  wie  zwischen  den  Blutkör- 
perchen feine  Fibrin-Fäden  anschiessen.  In  dem  Coagulum 'finden 
sich  daher  die  morphologischen  Elemente  in  den  Maschenräumen 
des  entstandenen  Netzwerkes  (Fig.  59,  c),  rings  umschlossen  und 
zuweilen  nicht  wenig  verdrückt  durch  die  Fasern  desselben. 

In  Beziehung  auf  die  Natur  dieser  Fasern  können  wir  her- 
vorheben, dass  es  histologisch  nur  noch  zweierlei  Arten  von  Fasern 
gibt,  welche  mit  ihnen  eine  nähere  Aehnlichkeit  darbieten*).  Die 
eine  Art  kommt  in  einer  Substanz  vor,  welche  sonderbarer  Weise 
eine  gewisse  Verbindung  zwischen  den  ältesten  kraseologischen  Vor- 
stellungen und  den  modernen  bildet,  nehmlich  im  Schleim  (S.  65). 
In  der  hippokratischen  Mcdicin  fällt  der  Blutfaserstoff  noch  unter 
den  Begriff  des  Phlegma  (Mucus),  und  die  antike  Lehre  von 
dem  phlegmatischen  Temperament  würde  in  moderner  Formel  ganz 
wohl  als  fibrinöse  Erase  übersetzt  werden  können.  In  der  That, 
wenn  wir  den  Schleim  mit  dem  Faserstoff  vergleichen,  so  müssen 
wir  zugestehen,  dass  eine  grosse  formelle  Uebereinstimmung  in 
ihrer  Gerinnung  besteht.  Wie  das  Fibrin,  bildet  auch  der  Schleim, 
zumal  bei  Zusatz  von  Wasser  oder  organischen  Säuren,  Fasern 
und  Häute,  welche  unter  einander  zu  oft  sehr  sonderbaren  Figuren 
zusammentreten.  Dass  auch  in  der  Absonderung  von  Schleim  und 
Faserstoff  gewisse  Beziehungen  bestehen,  werden  wir  später  dar- 
legen. —  Die  andere  Substanz,  welche  hierher  gehört,  ist  die 
lutercellularsubstanz  des  Bindegewebes,  der  leimgebende  Stoff,  das 
Collagen  (Gluten  der  Früheren),  und  es  ist  gewiss  interessant, 
sich  daran  zu  erinnern,  dass  noch  im  vorigen  Jahrhundert,  ja  hier 
und  da  noch  in  dem  gegenwärtigen,  die  Speckhaut  des  Blutes  als 
Gluten  bezeichnet  wurde.  Die  Fibrillen  des  Bindegewebes  verhal- 
ten sich  nur  insofern  anders,  als  die  des  Faserstoffes,  als  sie  in 

*)  Gesammelte  Abhandl.  S.  137. 


170  Achtes  Capitel. 

der  Regel  nicht  netzförmig,  sondern  parallel  verlaufen;  im  Cebri- 
gen  sind  sie  den  Fibrin -Fasern  in  hohem  Maasse  ähnlich.  Die 
Interccllularsubstanz  des  Bindegewebes  stimmt  auch  darin  mit  dem 
Faserstoff  überein,  dass  ihr  Verbalten  gegen  Reagentien  sehr 
analog  ist.  Wenn  wir  diluirte  Säuren,  namentlich  die  gewöhn- 
lichen Pflanzensäuren  oder  auch  schwache  Mineralsäuren  darauf 
einwirken  lassen,  so  quellen  sie  auf  und  unter  den  Augen  ver- 
schwinden die  Fasern,  so  dass  wir  nicht  mehr  sagen  können,  wo 
sie  bleiben.  Die  Masse  schwillt  auf,  es  verschwindet  jeder  Zwi- 
schenraum, und  es  sieht  aus,  als  ob  die  ganze  Masse  ein  conti- 
nuirliches,  vollkommen  homogenes  Gewebsstück  bildete.  Waschen 
wir  dasselbe  langsam  aus,  entfernen  wir  die  Säure  wieder,  so 
lässt  sich,  wenn  die  Einwirkung  keine  zu  concentrirte  war,  wieder 
der  faserige  Zustand  herstellen.  Es  ist  dies  Verhalten  bis  jetzt 
noch  unerklärt,  und  gerade  deshalb  hatte  die  Ansicht  Reichert's, 
welche  ich  früher  (S.  41,  141)  erwähnte,  etwas  Bestechendes,  dass 
die  Substanz  des  Bindegewebes  eigentlich  homogen  und  die  Fasern 
nur  eine  künstliche  Bildung  oder  eine  optische  Täuschung  seien. 
Indessen  isoliren  sich  beim  FaserstoiT  noch  viel  deutlicher  als  beim 
Bindegewebe  die  einzelnen  Fibrillen  so  vollständig,  dass  ich  nicht 
umhin  kann,  zu  sagen,  dass  ich  die  Trennung  in  einzelne  Fäser- 
chen  für  wirklich  bestehend  und  nicht  bloss  für  künstlich  und 
eben  so  wenig  für  eine  Täuschung  des  Beobachters  halte. 

Eine  fernere  Uebereinstinmiuug  ist  die,  dass  sowold  beim 
Fibrin,  als  beim  Bindegewebe  jedesmal  vor  dem  Stadium  des 
Fibrillären  ein  Stadium  des  Homogenen  oder  Gallertigen  liegt. 
Betrachtet  man  die  Gerinnung  fibrinöser  Flüssigkeiten,  so  sieht 
man  nicht  etwa  von  vornherein  Fasern  entstehen,  sondern  die 
ganze  Flüssigkeit  „gesteht"  zuerst  zu  einer  ganz  gleichmässigen 
Masse,  welche  zuweilen  so  fest  ist,  dass  man  sie  in  einem  Stücke 
aufheben  kann.  Erst  aus  dieser  homogenen  Gallerte  scheiden  sich 
die  Fasern  aus,  mit  deren  Bildung  die  Zusammenziehung  des  Ge- 
rinnsels, die  eigentliche  Coagulation  auftritt*).  In  ähnlicher  Weise 
erscheint  auch  die  Intercellularsubstanz  des  Bindegewebes  zuerst 
bei  ihrer  Bildung  als  homogene  Intercellularsubstanz  (Schleim); 
erst  nach  und  nach  sieht  man  sich  Fibrillen,  wenn  ich  mich  so 


*;  Froricp's  Neue   Noluea   1845.     Sept.  Nu.  769.    Gesammelte  Abhand- 
lungen.    S.  5'J,  05. 


Rothe  Blutkürperchen.  171 

ausdrücken  darf,  ausscheiden  oder,  wie  man  gewöhnlich  sagt ,  dif- 
ferenziren.  Die  Bildung  der  Fasern,  die  Fibrillation  lässt  sich 
daher  recht  wohl  mit  der  Krystallisation  vergleichen,  und  in  der 
That  gibt  es  auch  unter  den  anorganischen  StoflFen  gewisse  Ana- 
logien. Manche  Niederschläge  von  Kalksalzen  oder  Kieselsäure 
sind  ursprünglich  vollkommen  gelatinös  und  amorph;  nach  und 
nach  scheiden  sich  aus  ihnen  solide  Körner  und  Krystalle  aus. 

Man  kann  also  immerhin  den  Namen  der  Fibrillen  für  die 
gewöhnliche  Erscheinungsform  des  Faserstoffes  beibehalten,  aber 
man  muss  sich  dabei  erinnern,  dass  diese  Substanz  ursprünglich 
in  einem  homogenen,  amorphen,  gallertartigen  Zustande  existirte, 
und  wieder  in  denselben  übergeführt  werden  kann.  Diese  üeber- 
führung  geschieht  nicht  nur  künstlich,  sondern  sie  macht  sich  auch 
auf  natürlichem  Wege  im  Körper  selbst,  so  dass  an  Stellen,  wo 
vorher  Fibrillen  vorhanden  waren,  später  der  Faserstoff  wieder 
homogen  angetroffen  wird.  Die  Coagula  der  Aneurysmen,  manche 
Thromben  der  Venen  werden  allmählich  in  homogene,  knorpelartig 
dichte  Massen  verwandelt.  — 

Was  nun  den  zweiten  specifischen  Antheil  des  Blutes  betrifft, 
die  Blutkörperchen,  so  habe  ich  schon  hervorgehoben  (S.  12), 
dass  gegenwärtig  ziemlich  alle  Histologen  darüber  einig  sind,  dass 
die  farbigen  Blutkörperchen  des  Menschen  und  der  Säugethiere 
im  erwachsenen  Zustande  keine  Kerne  besitzen.  Ihre  zelligc 
Natur  könnte  daher  in  Zweifel 
gezogen  werden,  wenn  wir  nicht  ^'«  ^^ 

wüssten,  dass  sie  zu  gewissen  9^  Tf  ^     » 

Zeiten    der    embrj'onalen    Ent-        %^§'.^.^ ^®         Ä®* 
Wickelung    (Fig.    60)   je    einen         '^^  %f' 

Kern  besitzen.     Mehrere  neuere 

Beobachter,  namentlich  Brücke,  leugnen  jedoch  auch  die  Existenz 
einer  Membran  an  ihnen,  so  dass  man  versucht  ist,  auf  jene  ältere 
Bezeichnung    der  Blutkörncr  zurückzukommen,    welche  auch  auf 


Fiij.  60.  Kernhaltige  Blutkörperchen  von  einem  menschlichen,  sechs  Wochen 
alten  Fötus,  a  Verschieden  j^rosse,  homofjcnc  Zellen  mit  einfachen,  relativ  prrossen 
Kernen,  von  denen  einzelne  leicht  granulirt,  die  meisten  mehr  gleichmässig  sind, 
bei  •  ein  farbloses  Körperchen,  b  Zellen  mit  äusserst  kleinen,  aber  scharfen 
Kernen  und  deutlich  rothem  Inhalte,  c  Nach  Behandlunpf  mit  Essigsäure  sieht 
man  die  Kerne  zum  Theil  geschrumpft  und  zackig,  bei  mehreren  doppelt;  bei  * 
ein  granulirtes  Körperchen.     Vergr.  280. 


172  Achtes  Gapitel. 

blosse  Coucretionen  chemischer  oder  mechanischer  Art  anwemlbar 
ist.  lüdess  erscheint  im  Bewnsstsein  der  heutigen  Zeit,  me  Mir 
sahen  (S.  16),  die  Membranlosigkeit  an  sich  als  kein  Gnmd,  die 
zellige  Natur  eines  organischen  Elements  in  Abrede  zu  stellen, 
und  da  in  den  früheren  Monaten  des  Embryolebens  die  rothen 
Blutkörperehen  nicht  nur  genetisch  aus  unzweifelhaften  Bildungs- 
zellen durch  fortschreitende  Umbildung  hervorgehen,  sondern  auch 
unter  Umständen  eben  solche  Membranen  zeigen  (Fig.  60,  a  u.  c), 
wie  sie  an  anderen  Zellen  nachweisbar  sind,  so  wird  man  unbe- 
denklich aussagen  können,  dass  die  rotlien  Blutkörperchen  des 
Menschen  sowohl  in  der  späteren  Zeit  der  fötalen  Entwickelung, 
als  namentlich  in  der  Zeit  nach  der  Geburt  einfache  kernlose  Zel- 
len sind. 

Ganz  abweichend  von  allen  anderen  Zellen  ist   die  Gestalt 

derselben  beim  Menschen  und  den  Saugethieren. 

^'»- ^^  Sie  stellen    nehmlich    platte,    Scheiben-    oder 

dOCU  ^  tellerförmige  Bildungen  mit  zweiseitiger  cen- 

•»  hf^J^^  traler  Depression  dar.  Der  dickere  Rand  er- 
^^Or  scheint  daher  als  ein  dunkler  gefärbter  Ring, 
die  dünnere  Mitte  als  eine  ganz  schwach  ge- 
färbte Fläche.  Bei  Vögeln,  Amphibien  und  Fischen,  bei  welchen 
sich  der  kernhaltige  Zustand  während  des  ganzen  Lebens  erhält, 
findet  sich  zugleich  eine  ovale  Gestalt,  die  übrigens  merkwürdiger- 
weise auch  bei  dem  Lama  und  Eameel  vorkommt.  Der  allemie- 
derste  Fisch,  der  Amphioxus,  hat  überhaupt  keine  Blutkörperchen 
und  beim  Leptocephalus  bleiben  sie  ungefärbt.  Bei  keinem  anderen 
Gewebe  sind  die  Verschiedenheiten  der  Elemente  bei  verschiede- 
nen Thieren  so  gross,  wie  gerade  bei  den  rothen  Blutkörperchen, 
und  man  sollte  daher  ungemein  vorsichtig  sein,  aus  Erfahrungen, 
welche  nur  für  die  Blutkörperchen  einer  Gattung  Gültigkeit  haben, 
allgemeine  Formeln  abzuleiten.  Andererseits  sind  nur  ausnahms- 
weise die  Blutkörperchen  einer  Gattung  mit  so  charakteristischen 


Fig.  61.  Menschliche  Blutkurperchen  vom  Erwachsenen,  a  das  grewuhnlicbe, 
scheibenförmige  rothc,  b  das  farblose  Blutkörperchen,  c  rothe  Körpereben,  von 
der  Seite  und  auf  dem  Rande  stehend  gesehen,  d  rothe  Körperchen  in  Geld- 
roHenform  zusammengeordnet,  e  zackige,  durch  Wasserverlust  (Exosmose)  ge- 
schrumpfte rothe  Körper.  /  geschrumpfte  rothe  Körper  mit  bügeligem  Rand 
und  einer  kemartigen  Erhebung  auf  der  Fläche  der  Scheibe,  g  noch  dich- 
tere Schrumpfung,  h  höchster  Grad  der  Schrumpfung  (melanöso  Körpereben). 
Vergr.  280. 


Hämatin  und  Hämoglobin.  173 

EigenthümlichkeiteD  ausgestattet,  dass  man  daraus  diagnostische 
Unterschiede  abzuleiten  vermöchte.  Namentlich  vom  gerichtsSrzt- 
lichen  Standpunkte  aus  wäre  es  im  höchsten  Grade  erwünscht, 
wenn  ein  sicheres  Merkmal  nachgewiesen  würde,  wodurch  die  Blut- 
körperchen des  Menschen  von  denen  der  Säugethiere  unterschieden 
werden  könnten.  Allein  alle  Versuche,  ein  solches  zu  finden,  sind 
bis  jetzt  fruchtlos  gewesen.  Das  einzige,  an  sich  nicht  einmal 
durchgreifende  Merkmal,  dass  die  Blutkörperchen  dos  Menschen 
etwas  grösser  sind,  als  die  der  meisten  Säugethiere,  ist  in  der 
Regel  nicht  verwerthbar,  da  man  es  in  forensischen  Fällen  meist 
mit  altem  und  häufig  sogar  mit  getrocknetem  Blute  zu  thun  hat. 

Der  eigentliche  Zellkörper  der  rothen  Blutkörperchen  besteht 
aus  einer  ziemlich  zähen  Masse,  an  welcher  die  Farbe  haftet. 
Letztere  erscheint  unter  dem  Mikroskope  bei  den  einzelnen  Kör- 
perchen als  eine  mehr  gelbliche,  sogar  leicht  ins  Grünliche  spie- 
lende. Gewöhnlich  bezeichnet  man  in  der  Kürze  die  gefärbte 
Substanz  als  Hämatin,  Blutfarbstoff.  Allein  der  rothe  Zellkör- 
per ist  keine  einfache  chemische  Substanz,  und  das,  was  man  Hä- 
matin nennt,  bildet  eben  nur  einen  Theil  davon;  einen  wie  grossen 
Theil,  lässt  sich  bis  jetzt  noch  gar  nicht  ermitteln.  Was  sonst 
noch  innerhalb  des  Blutkörperchens  enthalten  ist,  das  gebort 
wesentlich  der  chemischen  Untersuchung  an,  und  diese  ergiebt 
in  den  verschiedenen  Wirbelthierklassen  und  Gattungen  ebenso 
gut  chemische,  wie  morphologische  Verschiedenheiten.  Beim 
Menschen  nahm  man  früher  neben  dem  Hämatin  gewöhnlich 
noch  eine  besondere  Substanz,  das  Globulin  an;  gegenwärtig  be- 
trachtet man  als  die  Hauptmasse  des  rothen  Zellkörpers  das 
Hämoglobin,  aus  welchem  erst  durch  Zersetzung  das  Hämatin 
selbst  und  verschiedene  andere,  namentlich  eiweissartige  Stoffe 
entstehen.  Dieses  Hämoglobin  ist  nach  der  Annahme  Rollett's 
in  einem  schwammigen  Stroma  enthalten,  welches  möglicher- 
weise noch  wieder  aus  verschiedenen  stickstoffhaltigen  Stoffen  be- 
steht. Man  beobachtet  dasselbe  an  gefrorenem  Blute,  bei  welchem 
das  Hämoglobin  die  Blutkörperchen  verlässt  und  an  das  Serum 
tritt.  Ob  wirkliches  Protoplasma  und  damit  eine  wahre  Contrakti- 
lität  an  den  rothen  Körperchen  vorhanden  ist,  lässt  sich  nach  den 
heutigen  Erfahrungen  noch  nicht  mit  Sicherheit  aussagen. 

Was  wir  direkt  beobachten  können,  sind  gewisse  Verände- 
rungen   der   Farbe    und    Gestalt,    welche    durch    äussere 


174  Acbtes  Capitel. 

Agentien  hervorgerufen  werden.  Da  das  Hämoglobin  Sauerstoff, 
Kohlenoxyd  und  Stickoxyd  absorbirt,  wahrscheinlich  auch  Kohlen- 
säure aufnimmt,  so  ist  es  leicht  begreiflich,  dass  dadurch  die 
Farbe  der  Blutkörperchen  und  damit  die  des  Blutes  im  Ganzen 
geändert  wird.  Noch  viel  auffälliger  ist  die  Farbenveränderung 
durch  stärkere  chemische  Körper,  namentlich  die  intensiv  grüne 
durch  Schwefelwasserstoff  und  die  schwärzliche  oder  bräunliche 
(atrabiläre)  durch  organische  und  mineralische  Säuren  und  Al- 
kalien. Manche  dieser  Farbenveränderungen  erfolgen  ohne  erheb- 
liche Gestaltveränderungen;  andere,  wie  die  der  stärkeren  chemi- 
schen Körper,  unter  schneller  Zerstörung  der  Blutkörperchen.  Da- 
bei ist  es  jedoch,  namentlich  auch  für  forensische  Untersuchungen, 
von  grosser  Wichtigkeit,  dass  gerade  kaustische  Alkalien  (Natron, 
Kali),  concentrirt  angewendet,  die  Blutkörperchen  erhalten,  wäh- 
rend, diluirt  angewendet,  sie  dieselben  schnell  zerstören.  —  Die 
meisten  Gestaltveränderungen  erfolgen  unter  der  Einwirkung  von 
chemischen  Lösungen,  welche  den  Blutkörperchen  Wasser  entzie- 
hen; in  Folge  davon  schrumpfen  sie  und  erleiden  sie  eigenthüm- 
liche  Gestaltsveränderungen,  die  sehr  leicht  Irrthümer  herbeiführen 
können.  Dies  sind  nicht  unwichtige  Verhältnisse,  auf  die  ich  des- 
halb noch  mit  ein  paar  Worten  eingehen  will. 

Wenn  ein  rothes  Blutkörperchen  dadurch  einem  Wasserverluste 
ausgesetzt  ist,  dass  eine  stärker  concentrirte  Flüssigkeit  auf  das- 
selbe einwirkt,  so  bemerkt  man  zuerst,  dass  in  dem  Maasse,  als 
Flüssigkeit  exosmotisch  austritt,  an  der  Oberfläche  des  Körper- 
chens kleine  Hervorragungen  entstehen,  welche  anfangs  sehr  zer- 
streut liegen,  sich  bald  an  dem  Rande,  bald  auf  der  Fläche  finden 
und  im  letzteren  Falle  zuweilen  täuschend  einem  Kerne  ähnlich 
sehen  (Fig.  Gl,  ^, /).  Dies  ist  die  Quelle  für  die  irrthümliche 
Annahme  von  Kernen,  welche  man  so  viel  beschrieben  hat.  Beob- 
achtet man  ein  Blutkörperchen  unter  Einwirkung  concentrirter 
Medien  längere  Zeit,  so  treten  immer  mehr  Höcker  hervor  und 
das  Körperchen  wird  in  seinem  Flächendurchmesser  kleiner.  Da- 
bei bilden  sich  immer  deutlicher  kleine  Falten  und  Höcker  an  der 
Oberfläche:  das  Körperchen  wird  zackig,  sternförmig,  eckig  (Fig. 
Gl,  ff).  Solche  zackigen  Köq)er  sieht  man  jeden  Augenblick,  wenn 
man  Blut  untersucht,  welches  eine  Zeit  lang  an  der  Luft  gewesen 
ist.  Denn  schon  die  blosse  Verdunstung  erzeugt  diese  Verände- 
rung.   Sehr  schnell  können  wir  sie  hervorbringen,  wenn  wir  die 


Gcstaltveränderungen  der  rotben  Blutkörperchen.  175 

Mischnng  des  Semms  durch  Zusatz  vdn  Salz  oder  Zucl^er  ändern. 
Dauert  die  Wasser-Entziehung  fort,  so  verkleinert  sich  das  Kör- 
perchen  noch  mehr;  endlich  wird  es  wieder  rund  und  glatt  (Fig. 
Gl,  /*),  vollkommen  sphärisch,  und  zugleich  erscheint  seine  Farbe 
viel  saturirter;  der  Inhalt  sieht  ganz  dunkel  schwarzroth  aus.  Es 
lässt  sich  daraus  eine  nicht  uninteressante  Thatsache  erschliessen, 
nehmlich  die,  dass  die  Exosmose  wesentlich  eine  Wasser-Eatzie- 
hung  ist,  wobei  vielleicht  dieser  oder  jener  andere  Stoff,  z.  B.  Salz, 
mit  austritt,  wobei  aber  die  wesentlichen  Bestandtheile  zurück- 
bleiben können.  Das  Hämoglobin  insbesondere  folgt  dem  Wasser 
nicht;  das  Blutkörperchen  hält  dasselbe  zurück,  so  dass  in  dem 
Maasse,  als  viel  Flüssigkeit  verloren  geht,  natürlich  das  Hämoglo- 
bin im  Innern  dichter  werden  muss. 

umgekehrt  verhält  es  sich,  wenn  wir  diluirte  Flüssigkeiten 
anwenden.  Je  mehr  die  Flüssigkeit  verdünnt  wird,  um  so  mehr 
vergrössert  sich  das  Blutkörperchen:  es  quillt  auf  und  wird  blas- 
sen Behandeln  wir  die  unter  der  Einwirkung  concentrirter  Flüs- 
sigkeiten verkleinerten  Blutkörperchen  mit  gewöhnlichem  Wasser, 
so  sehen  wir,  mo  die  kuglige  Form  wieder  in  die  eckige  und 
diese  in  die  scheibenförmige  zurückgeht,  wie  das  Blutkörperchen 
sich  sodann  immer  mehr  wölbt,  sich  oft  ganz  sonderbar  gestaltet, 
und  wieder  blasser  wird.  Diese  Einwirkung  kann  man,  wenn  man 
die  Verdünnung  des  Blutes  recht  vorsichtig  eintreten  lässt,  so  weit 
treiben,  dass  die  Blutkörperchen  kaum  noch  gefärbt  erscheinen, 
während  sie  doch  noch  sichtbar  bleiben.  In  den  gewöhnlichen 
Fällen,  wo  man  viel  Flüssigkeit  auf  einmal  zusetzt,  wird  in  der 
EinrichtuDg  des  Blutkörperchens  eine  so  grosse  Revolution  her- 
vorgebracht, dass  alsbald  ein  Entweichen  des  Hämoglobins  aus 
dem  Körperchen  stattfindet.  Wir  bekommen  dann  ausserhalb  der 
Blutkörperchen  eine  rothe  Lösung,  in  welcher  die  Farbe  frei  an 
der  Flüssigkeit  haftet.  Ich  hebe  diese  Eigenthümlichkcit  deshalb 
hervor,  weil  sie  bei  mikroskopischen  Untersuchungen  immerfort 
vorkommt,  und  weil  sie  eine  der  merkwürdigsten  Erscheinungen 
bei  der  Bildung  pathologischer  Pigmentirungen  erklärt,  wo  wir  ein 
ganz  ähnliches  Entweichen  des  gefärbten  Inhaltes  aus  den  Blut- 
körperchen antreffen  (Fig.  63,  a).  Gewöhnlich  drückt  man  sich 
80  aus,  das  Blutkörperchen  werde  aufgelöst,  allein  es  ist  eine 
schon  längst  bekannte  Thatsache,  welche  zuerst  von  Carl  Hein- 
rich Schultz    erkannt  wurde,    dass,   wenn   auch  scheinbar  gar 


176  Achtes  Capitel. 

keine  Blutkörperchen  mehr  in  der  Flüssigkeit  vorhanden  sind,  man 
durch  Zufügen  von  Jodwasser  die  Membranen  wieder  deutlich 
machen  kann.  Aus  dieser  Erfahrung  geht  hervor,  dass  nur  der 
Grad  der  Aufblähung  und  die  ausserordentliche  Verdünnung  der 
Häute  das  Sichtbarwerden  der  Blutkörperchen  gehindert  hat.  Es 
bedarf  schon  sehr  stürmischer  Einwirkungen  durch  chemisch  dif- 
ferente  Stoffe,  um  ein  wirkliches  Zugrundegehen  der  Blutkörper- 
chen zu  Stande  zu  bringen.  Setzt  man  unmittelbar,  nachdem  man 
die  Blutkörperchen  mit  ganz  concentrirter  Salzlösung  behandelt 
hat,  Wasser  in  grosser  Menge  hinzu,  so  kann  man  es  dahin  brin- 
gen, dass  man  den  Blutkörperchen,  ohne  dass  sie  aufquellen,  den 
Inhalt  entzieht,  und  dass  die  Membranen  oder  die  Stromata  sicht- 
bar zurückbleiben.  Dies  ist  der  Grund  gewesen,  weshalb  Denis 
und  Lecanu  davon  gesprochen  haben,  dass  die  Blutkörper  Fibrin 
enthielten ;  sie  haben  geglaubt,  indem  sie  die  Körper  erst  mit  Salz 
und  dann  mit  Wasser  behandelten,  Fibrin  aus  ihnen  darstellen  zu 
können.  Dieses  sogenannte  Fibrin  ist  aber,  wie  ich  gezeigt  habe*), 
nichts  Anderes,  als  eine  Zusammenhäufung  von  Membranen  oder, 
wie  man  jetzt  sagen  würde,  von  Stromata  der  Blutkörperchen, 
aber  allerdings  bestehen  dieselben  aus  einer  Substanz,  die  den 
eiweissartigen  Stoffen  verwandt  ist  und  daher,  wenn  sie  in  gros- 
sen Haufen  gewonnen  wird,  Erscheinungen  darbieten  kann,  die  an 
Fibrin  erinnern.  Ob  im  üebrigen  die  rothen  Blutkörperchen,  wie 
neuerlich  wieder  Heynsius  gefunden  zu  haben  glaubt,  wirkli- 
ches coagulables  Fibrin  enthalten,  ist  eine  andere  Frage,  da 
sie  sich  nicht  an  die  Rückstände  zersetzter  Blutköiperchen  an- 
knüpft. 

Was  nun  die  Inhaltssubstanzen  der  Blutkörperchen  anbetrifft, 
so  haben  gerade  sie  in  der  neueren  Zeit  ein  erhöhtes  Interesse 
gewonnen  durch  die  mehr  morphologischen  Produkte,  welche  ans 
ihnen  hervorgehen,  und  welche  in  die  ganze  Anschauung  von  der 
Natur  der  organischen  Stoffe  eine  Art  von  Umwälzung  gebracht 
haben.  Es  handelt  sich  hier  namentlich  um  eigenthümliche  ge- 
färbte Erystalle,  die  unter  gewissen  Verhältnissen  aus  dem  Blut- 
farbstoffe entstehen,  und  durch  deren  Beobachtung  zuerst  die  An- 
sicht von  der  Nichtkrystallisirbarkeit  der  eiweissartigen  Stoffe  wider- 


*)  ZeiUcbrift  für  rationelle  Medicin.     1846.    Bd.  IV.    S.  281.    Gesammelt« 
Abhandl.    S.  88. 


H&matoidin.  177 

legt  worden  ist.  Sie  besitzen  fibrigens  nicht  bloss  ein  grosses  chemi- 
sches, sondern  auch  ein  sehr  erhebliches  praktisches  Interesse.  Wir 
kennen  bis  jetzt  schon  drei  verschiedene  Arten  von  gefärbten 
Krystallen,  iur  welche  das  Hämoglobin  gemeinschaftliche 
Quelle  ist. 

Der  ersten  Form,  welche  ich  zuerst  genauer  kennen  lehrte, 
habe   ich    den    Namen    Hämatoidin    gegeben*).     Es    ist   dies 
eins  der  häufigsten  Um wandlungs  -  Produkte ,  wel- 
ches innerhalb  des  Körpers  spontan  aus  Hämatin  ^^'  **• 
entsteht,   und  zwar  oft  so  massenhaft,   dass  man  0j 

es   mit  blossem  Auge  wahrnehmen   kann.     Seine        ^^ Ji 

Krystalle  erscheinen  in  ihrer  ausgebildeten  Form        ^^^»^ 
als  schiefe  rhombische  Säulen  von  schön  gelbrother,        ^^  ^ 
bei  dickeren  Stücken  von  intensiv  rubinrother  Farbe; 
sie  stellen  eine  der  schönsten  Krystallformen  dar,  die  wir  über- 
haupt kennen.    Auch  in  kleinen  Tafeln  finden  sie  sich  nicht  sel- 
ten, manchmal  ziemlich  ähnlich  den  Formen  der  Harnsäure.    In 
der  Mehrzahl  der  Fälle  sind  die  Krystalle  sehr  klein,  nicht  bloss 
makroskopisch  unerkennbar,  sondern  selbst  für  die  mikroskopische 
Betrachtung  etwas  difBcil.    Man  muss  ein  scharfer  Beobachter  oder 
speciell  darauf  vorbereitet  sein,  sonst  bemerkt  man  häufig  nicht« 
weiter  an  den  Stellen,  wo  dieses  feine  Hämatoidin  liegt,  als  eckige 
Kömer  oder  kleine  Striche  oder  scheinbar  gestaltlose  Klümpehen. 
Erst  wenn  man  genauer  zusieht,  lösen  sich  die  Kömer  oder  Striche 
in  kurze  rhombische  Säulen,   die  Klümpehen  in  Aggegrate  von 
Krystallen  auf. 

Das  Hämatoidin  kann  als  das  regelmässige  typische  Endglied 
der  Umbildungen  des  Hämatins  an  Stellen  des  Körpers  betrachtet 
werden,  wo  grössere  Mengen  von  Blut  liegen  bleiben  (stagniren). 
Ein  apoplectischer  Heerd  des  Gehirns  heilt  in  der  Regel  so,  dass 
ein  grosser  Theil  des  Blutes  in  diese  Krystallisation  übergeht,  und 
wenn  wir  vielleicht  10  Jahre  nachher  bei  der  Autopsie  eine  ge- 
färbte Narbe  an  dieser  Stelle  finden,  so  können  wir  fast  mit  Ge- 
wissheit darauf  rechnen,  dass  die  Farbe  von  Hämatoidin  abhängt. 
Wenn  eine  junge  Dame  menstmirt  imd  die  Höhle  des  Graafschen 


Fi^.  62.    Hämatoidin -Krystalle  in  verschiedenen  Formen  (Archiv  f.  patli. 
Anat    Bd.  I.    Taf.  lU.    Fig.  11).    Vergr.  300. 

^  Archiv  f.  path.  Anatomie  und  Physiol.  1847.    I.    391. 

Virchow,  C«naUr-Pfttbol.    i.  Anfl.  12 


Achtes  Capitel. 

Fi(.  U. 


Follikels,  aas  welchem  das  Ei  aasgetreten  ist,  sich  mit  coagnlir- 
tPin  Blatc  füllte  so  geht  daa  Üämatio  8ilDiäbli<!h  in  HämatoidiD  über, 
nnd  wir  treflbn  xpäter  an  der  Stelle,  wo  das  Ei  gelegen  war,  einen 
mennig-  oder  zinDoberfarbenen  Fleck,  als  letztes  Denkmal  des  Er- 
eignisses. Anf  diese  ^Veise  künnen  wir  rückwärts  die  Zahl  der 
apoplectiscben  Anßlle  zäbleo,  oder  berechnen,  wie  oft  ein  jnnges 
Mädchen  menstmirt  war.  Jede  Estravasation  kann  ihr  kleines 
Coiitingent  von  Hämatoidin-Erystallen  zurücklassen,  nnd  diese, 
wenn  sie  einmal  gebildet  sind,  bleiben  als  vollständig  widerstands- 
ßlbige,  compacte  Körper  im  loDem  der  Organe  beliebig  lange  Zeit 
liegen. 

Theoretisch  besitzt  das  Hämatoidln  noch  ein  besonderes  In- 
teresse dadnrch,  dass  es  eine  Reihe  von  Eigenschaften  darbietet, 
welche  es  als  den  einzigen,  bis  jetzt  bekannten,  mit  dem  Gallen- 
farbstofTe  (Cholepyrrhin,  Bilimbin)  verwandten  Stoff  im  Efirper 
erscheinea  lassen.  Dnrch  direkte  Bchandlong  mit  Uineralsänren 
oder  nach  vorherigem  Behandeln  and  Anfscbliessen  desselben  ver- 
mittelst AlkaUen  bekommt  man  dieselbe  oder  eine  ganz  ähnliche 
Reihe  der  schönsten  Farben-Veränderangen,  wie  man  sie  dorch 
fiehaadlnng  mit  Salpetersäure  an  dem  GallenfarbstofT  erzielt.  An- 
dererseits lässt  sich  durch  Chloroform  aus  der  Galle  ein  krystal- 
lisirbarer  Farbstoff  extrahiren,  welcher  die  grösste  Uebereinstimmung 


Vig.  G3.  rii;iiieiit  aus  einer  apoplectistbcn  Narl«  des  Uehirni  (Archiv 
Bd.  1.  S  401.  454.  Taf.  lU.  Fi^.  T|.  n  in  der  Enterbung  begriffene,  k>>ni\g 
l^eiiordcne  Blulkürperchen.  b  Zellen  der  Neu ro); IIa,  zum  Theil  niil  kömigeiD  uoil 
krf^tatlini^chem  Pierneni  versehen,  c  ri^'neailömer.  d  Hämatoidin-Krystoll«. 
/  Terr<ile[eit  (ierä^i,  sein  altes  Lumen  mit  kümigem  und  kryitulliniarbem  rothen 
Pi^^ineiit  erfüilt.     ^'erg^.  300. 


Hämin.  1 79 

mit  dem  Hämatoidin  darbietet.  Man  kann  daher  nicht  zweifeln, 
dass  das  letztere  mit  GallenfarbstoiF  sehr  nahe  verwandt  ist.  Da 
man  anch  ans  anderen  Gründen  yermnthen  mnss,  dass  die  gefärbten 
Tbeile  der  Galle  Umsetznngsprodnkte  des  Blntroths  sind,  so  ist 
mit  dem  von  mir  nachgewiesenen  pathologischen  Vorgänge  zugleich 
eine  wichtige  Anfklämng  für  einen  der  bedeutendsten  Secretions- 
Vorgänge  des  Körpers  geliefert,  und  manche  dunkle  Beobachtung 
der  Vorzeit  in  ein  neues  Licht  gestellt.  Wenn  im  Innern  von 
Extravasaten  eine  gelblich-rothe  Substanz  entsteht,  welche  man 
wirklich  als  eine  neugebildete  Art  von  Gallenfarbstoif  bezeichnen 
kann,  so  versteht  man  leicht  jene  sonderbaren  Farbenhöfe  um 
gequetschte  und  ekchymotische  Stellen,  jene  eigenthümlichen  gelb- 
lichen und  bräunlichen  Färbungen  alter  Blutmassen,  welche  den 
Grund  zu  der  antiken  Lehre  von  der  Atra  bilis  und  den  me- 
lancholischen Processen  abgegeben  haben. 

Die  zweite  Art  von  Krystallen,  welche  aus  Hämoglobin  her- 
vorgehen, wurde  später  entdeckt;  sie  sind  denen  des  Hämatoidins 


Pif.  64. 

4»     .Jlt_   ^ 


sehr  ähnlich,  unterscheiden  sich  aber  dadurch,  dass  sie  nicht 
als  spontanes  Produkt  im  Körper  vorkommen,  sondern  künstlich 
dargestellt  werden  müssen.  Sie  haben  eine  mehr  dnnkel  bräun- 
liche Farbe,  stellen  gewöhnlich  platte  rhombische  Tafeln  mit 
spitzeren  Winkeln  dar,  sind  gegen  Reagentien  ausserordentlich 
widerstandsfähig  und  zeigen  bei  der  Einwirkung  der  Mineral- 
säuren den  eigenthümlichen  Farben  Wechsel  nicht,  welcher  das 
Hämatoidin  charakterisirt.  Sie  haben  von  ihrem  Entdecker, 
Teichmann,  den  Namen  des  Hämin's  bekommen,  doch  ist 
er  in  der  neuesten  Zeit  selbst  darüber  zweifelhaft  geworden, 
ob   es   nicht   eine  Art  von  Hämatin  selbst  (salzsaures  Hämatin) 


Fi|;^.  64.     Ilämiii-Kry stalle,  künstlich  aus  menschlicbem  Blute  dargestellt. 
Vergr.  300. 

12* 


180  Achtes  Gapitel. 

sei.  Pathologisch  hat  das  Hämin  bis  jetzt  gar  kein  Interesse, 
dagegen  hat  es  eine  sehr  grosse  Bedentung  gewonnen  ffir  die  ge- 
richtliche Medicin  dadurch,  dass  die  Herstellnng  seiner  Krystalle 
in  der  letzten  Zeit  als  eines  der  sichersten  Mittel  für  die  Erken- 
nung von  Blutflecken  angewendet  worden  ist.  Ich  selbst  bin  in 
forensischen  Fällen  in  der  Lage  gewesen,  solche  Proben  mit  sehr 
entscheidendem  Erfolge  zu  machen.  Zu  diesem  Zwecke  mengt 
man  am  besten  getrocknetes  Blut  in  möglichst  dichtem  Zustande 
mit  trockenem,  krystallisirtem  und  gepulvertem  Kochsalz,  bringt 
dann  auf  diese  trockene  Mischung  Eisessig  (Acetum  glaciale)  und 
dampft  bei  Eochhitze  ab.  Ist  dies  geschehen,  so  findet  man  da, 
wo  vorher  die  Blutreste  oder  die  zweifelhafte  hämatinhaltige  Sub- 
stanz waren,  die  Häminkrystalle.  Es  ist  dies  eine  Reaction,  die 
mit  zu  den  sichersten  und  zuverlässigsten  gehört,  die  wir  über- 
haupt kennen.  Denn  es  ist  keine  andere  Substanz  bekannt,  welche 
eine  solche  Umbildung  erleidet,  als  das  Hämatin.  Diese  Probe 
ist  ferner  deshalb  ausserordentlich  wichtig,  weil  sie  auch  auf  ganz 
minimale  Mengen  anwendbar  ist;  nur  darf  die  Menge  nicht  über 
eine  zu  grosse  Fläche  verbreitet  sein.  Die  Probe  würde  also  nur 
schwer  anwendbar  sein,  wenn  es  sich  um  ein  Tuch  handelte,  wel- 
ches in  eine  dünne,  wässerige,  mit  Blut  gefärbte  Flüssigkeit  ge- 
taucht war.  Aber  ich  habe  an  dem  Rocke  eines  Ermordeten,  an 
dessen  Aermel  Blut  gespritzt  war,  und  wo  einzelne  Blutstropfen 
nur  eine  Linie  im  Durchmesser  hatten,  aus  solchen  Flecken  noch 
zahllose  Häminkrystalle  darstellen  können,  natürlich  mikrosko- 
pische*). In  Fällen,  wo  die  gewöhnliche  chemische  Probe  wegen 
der  geringen  Menge  absolut  fehlschlagen  mfisste,  sind  wir  noch 
im  Stande,  Hämin  zu  gewinnen.  Bei  so  wenig  Masse  ist  die 
Grösse  der  Krystalle  freilich  auch  nur  sehr  geringfügig;  wir  finden 
dann,  wie  beim  Hämatoidin,  kleine,  mit  spitzen  Winkeln  versebene, 
intensiv  braun  gefärbte  Nadeln. 

Die  dritte  Substanz,  welche  in  diese  Reihe  hineingehört,  ist 
das  früher  sogenannte  Hämatokrystallin,  über  dessen  Ent- 
deckung die  Gelehrten  streiten,  weil  es  eben  stückweis  gefunden 
worden  ist.  Die  erste  Beobachtung  darüber  ist  von  Reichert 
an  Extravasaten  im  Uterus  des  Meerschweinchens  gemacht,  in 
einem  Präparate,  das,  wie  ich  denke,  schon  in  Spiritus  gelegen 


•)  ArchiT  t  path.  An*t  u.  Phyeiol.    1857.    XU.   337. 


Hämatokrystallin.  Igl 

hatte.  Seine  Beobacbtimg  wurde  besonders  dadurch  bedentnngs- 
YoU,  dass  er  an  diesen  Erystallen  nachwies,  dass  sie  sich  in  ge- 
wisser Beziehung  wie  gewöhnliche  eiweissartige  Substanzen  ver- 
hielten, indem  sie  unter  der  Wirkung  gewisser  Agentien  grösser, 
unter  der  anderer  kleiner  würden,  ohne  dabei  ihre  Form  zu  ver- 
ändern, —  eine  Erscheinung,  welche  man  bis  dahin  an  Erystallen 
noch  nicht  kannte.  Später  sind  diese  Erystalle  wieder  entdeckt 
worden  von  EöUiker;  Funke,  Eunde  und  namentlich  Leh- 
mann haben  sie  genauer  imtersucht.  Es  hat  sich  herausgestellt, 
dass  bei  verschiedenen  Thierklassen  dieselben  sehr  verschieden  sind, 
indessen  hat  sich  bis  jetzt  ein  bestimmter  Grund  dafür  und  eine 
Ansicht  über  die  Gonstanz  ihrer  Zusammensetzung  nicht  gewinnen 
lassen.  Beim  Menschen  sind  es  ziemlich  grosse  Erystalle.  Man 
hat  anfangs  geglaubt,  sie  kämen  nur  an  dem  Blute  gewisser  Or- 
gane, namentlich  der  Milz,  vor,  allein  es  hat  sich  ergeben,  dass 
sie  aus  jedem  Blute,  nur  in  gewissen  Erankheits  -  Prozessen 
leichter,  gewonnen  werden  können.  In  einzelnen  sehr  seltenen 
FäUen  kommt  es  vor,  dass  man  sie  im  Blut  von  Thier- Leichen 
schon  gebildet  findet.  Diese  Erystalle  sind  sehr  leicht  zerstörbar; 
sowohl  wenn  sie  eintrocknen,  sds  wenn  sie  feucht  oder  durch  ir- 
gend ein  flüssiges  Medium  berührt  werden,  gehen  sie  zu  Grunde; 
man  beobachtet  sie  daher  nur  in  gewissen  Uebergangsstadien, 
welche  gerade  getroifen  werden  müssen,  bei  der  Zerstörung  von 
Blutkörperchen.  Die  gut  ausgebildeten  Formen  beim  Menschen 
bilden  vollkommen  rechtwinklige  Tafeln  oder  Säulen;  aber  sehr 
oft  sind  sie  äusserst  klein  und  man  sieht  nur  einfache  Spiesse, 
welche  in  grossen  Massen  an  gewissen  Stellen  in  das  Object  hin- 
einschiessen.  Dabei  haben  sie  die  Eigenthümlichkeit,  dass  sie  sich 
immer  noch  verhalten,  wie  das  Hämatin  selbst,  indem  sie  durch 
SauerstoiF  hellroth,  durch  Eohlensäure  dunkelroth  werden.  Lange 
stritt  man  darüber,  ob  die  ganze  Masse  der  Erystalle  aus  Farb- 
stoff bestehe,  oder  ob  der  Farbstoff  nur  eine  Tränkung  an  sich 
farbloser  Erystalle  bilde;  gegenwärtig  ist  man  darin  übereinge- 
kommen, das  Hämatokrystallin  als  identisch  mit  dem  Hämoglobin 
anzuerkennen.  Es  versteht  sich  demnach  für  die  Beurtheilung  der 
Erystalle  von  selbst,  dass  die  Farbe  durchaus  charakteristisch  ist, 
und  dass  sie  mit  der  gewöhnlichen  Blutfarbe  unmittelbar  zusam- 
menfiült. 

Eehren  wir  jetzt  zu  den  natürlichen  morphologischen  Ele- 


182  Achtes  Capitel. 

menten  des  Blutes  zurück,  so  treifen  wir  als  fernereo  Bestand- 
theil  die  farblosen  Körperchen  [Lymphkörperchen  des  Blutes, 
Leukocyten  Robin's]*).  Sie  kommen  im  Blute  des  gesunden 
Menschen  in  verhältnissmässig  kleiner  Zahl  vor.  Man  rechnet  un- 
gefähr auf  300  rothe  Eörpercben  1  farbloses.  Wie  sie  sich  gewöhn- 
lich im  Blute  finden,  stellen  sie  spiiärische  Eörperchen  dar,  welche 
in  der  Regel  etwas  grösser,  zuweilen  etwas  kleiner  oder  auch  eben 
so  gross,  wie  die  rothen  Blutkörperchen  sind,  von  denen  sie  sich 
aber  auffallend  durch  den  Mangel  jeder  Färbung  und  durch  ihre 
vollkommen  kugelige  Gestalt  unterscheiden.  In  einem  Blutstropfen, 
Fif.  6S.  der  zur  Ruhe  gelangt,  pflegen  sich  die 

•O  '  ®/6^  -^        rothen  Körperchen  in  Reihen  von  der 

''®@®(^         ©Q      bekannten  Form  der  Geldrollen,  mit 
^®^®@<@  &l      ihren   flachen  Scheiben   an   einander, 

^%3  zusammenzulegen   (Fig.  61,   d.);    in 

den  Zwischenräumen  derselben  be- 
merkt man  hier  und  da  ein  blasses  sphärisches  Gebilde,  an  dem 
man  zunächst,  wenn  das  Blut  ganz  frisch  ist,  nichts  weiter  er- 
kennen kann,  als  eine  leicht  höckerig  oder  uneben  aussehende 
Oberfläche.  Lässt  man  Wasser  hinzutreten,  so  sieht  man,  dass 
das  Körperchen  aufquillt;  in  dem  Maasse,  als  es  mehr  Wasser 
aufnimmt,  erscheint  zuerst  deutlich  eine  Membran,  dann  sieht  man 
einen  allmählich  klarer  hervortretenden  körnigen  Inhalt  und  zuletzt 
einen  oder  mehrere  Kerne.  Die  scheinbar  homogene  Kugel  ver- 
wandelt sich  auf  diese  Art  nach  und  nach  in  ein  zartwandiges, 
oft  so  brüchiges  Gebilde,  dass  bei  unvorsichtiger  Einwirkung  des 
Wassers  die  äusseren  Theile  anfangen  zu  zerfallen  oder  geradezu 
bersten  und  im  Innern  ein  leicht  körniger  Inhalt  erkennbar  wird, 
welcher  sich  mehr  und  mehr  lockert  und  innerhalb  dessen  ein 
einziger,  gewöhnlich  in  der  Theilung  begriffener  oder  mehrere 
Kerne  erscheinen.  Das  Sichtbarwerden  der  letzteren  ist  viel  schnel- 
ler zu  erlangen,  wenn  man  das  Object  mit  Essigsäure  behandelt. 


Fi^.  65.  Farblose  Blutkörperchen  aus  einer  Vena  arachnoidealis  eines  Gei- 
steskranken. A.  Frisch,  a  in  ihrer  natürlichen  Flüssigkeit,  6  in  Wasser  unter- 
sucht. B.  Nach  Behandlung  mit  Essigsäure :  o — r  einkernige,  mit  immer  grösse- 
rem, granulirtem  und  »(hliesslich  nucleolirtem  Kern,  d  einfache  Kemtheilung. 
e  weitere  Kerntheilung.  /— A  Dreitheilung  des  Kerns  in  allm&hligem  Fortschreiten, 
r — k  vier  und  mehr  Kerne.     Vergr.  280. 

*)  Gesammelte  Abhandlungen.  S.  212. 


Farblose  Blutkörpcrcheu.  183 

welche  die  Membran  darehscbeiDend  macht,  den  trüben  Inhalt 
klärt  und  den  Kern  gerinnen  und  schrumpfen  lässt.  Die  Kerne 
erscheinen  dann  als  scharf  und  dunkel  contourirte  Körper,  seltener 
einfach,  meist  mehrfach,  je  nach  den  Umständen.  Kurz,  wir  be- 
kommen in  der  Mehrzahl  der  Fälle  auf  diese  Weise  ein  Object  zu 
sehen,  wie  es  6  fiter  bock  zuerst  als  die  gewöhnliche  Erscheinung 
der  Eiterkörperchen  kennen  gelehrt  hat. 

Die  Frage  von  der  Aehnlichkeit  oder  Unähnlickeit  der  farb- 
losen Blutkörperchen  mit  den  Eiterkörperchen  beschäftigt  noch 
inmierfort  die  Beobachter,  und  die  Ansichten  über  die  Beziehung 
der  farblosen  Blutkörperchen  zu  der  Pyämie  und  zu  der  Pyogene- 
sis  werden  wahrscheinlich  noch  eine  Reihe  von  Jahren  gebrauchen, 
ehe  sie  so  weit  geklärt  sind,  dass  nicht  immer  wieder  einseitige 
Rückfälle  eintreten.  Es  ist  nehmlich  allerdings  sehr  trügerisch, 
dass  man  in  manchem  Blut  Körperchen  findet,  welche  nur  einen 
einzigen,  und  zwar  grossen,  nicht  selten  mit  einem  Kernkörper- 
chen  versehenen  Kern  haben,  während  man  in  anderem  Blut  nur 
mehrkernige  Körperchen  antriift.  Da  nun  diese  letzteren  die  grösstc 
Aehnlichkeit  mit  Eiterkörperchen  haben,  so  ist  es  solchen  Beob- 
achtern, welche  durch  Zufall  früher  im  normalen  Blut  nur  einker- 
nige Körperchen  getroffen  hatten,  nicht  zu  verdenken,  wenn  sie  in 
einem  neuen  Falle,  wo  sie  mehrkernige  sehen,  glauben,  sie  hätten 
etwas  wesentlich  Anderes  vor  sich,  nehmlich  Eiterkörperchen  im 
Blute,  und  es  handle  sich  um  Pyämie.  Allein  sonderbarer  Weise  bil- 
den die  einkernigen  die  Ausnahme  und  man  kann  lange  suchen,  ehe 
man  ein  Blut  findet,  wo  alle  Körperchen  nur  einen  Kern  besitzen. 
Das  nebenstehende  Object  (Fig.  6ü)  ist  von  einem 
Blute,  in  welchem  fast  lauter  einkernige  Elemente  und  ^^^'  ^* 
zwar  in  überaus  grosser  Menge  existirten ;  es  fand  sich  (g)^  ^ 
bei  einem  Manne,  welcher  an  den  Blattern  gestorben  i@®^Ji^ 
war,  und  bei  welchem  zugleich  eine  höchst  auffällige  ^^ 

acute  Hyperplasie  der  Bronchialdrüsen  bestand. 

Nun  könnte  man  glauben,  dass  dies  wesentlich  verschiedene 
Qualitäten  von  Blut  seien.  Dagegen  muss  bemerkt  werden,  dass 
allerdings  in  den  Fällen,  wo  die  eine  oder  andere  Art  von  farb- 


Fi<r.  G6.  Farblose  Blutkörperchen  bei  varioloser  Leukocytose.  a  freie  oder 
nackte  Kerne.  6,  b  farblose  Zellen  mit  kleinen,  einfachen  Kernen,  c  grössere, 
farblose  Zellen  mit  grossen  Kernen  und  Kemkörperchen.    Vergr.  300. 


Ig4  Achtes  Capitel. 

losen  Zellen  massenhaft  existirt,  man  eine  pathologische  Erschei- 
nung vor  sich  hat,  w&hrend  bei  geringer  Zahl  derselben  nur  ein 
früheres  oder  späteres  Entwickelungsstadiam  der  Elemente  vor- 
liegt. Denn  ein  mid  dasselbe  Blutkörperchen  kann  im  Verlaufe 
seiner  Lebensgeschichte  einen  und  mehrere  Kerne  haben,  indem 
der  einfache  in  ein  früheres,  die  mehrfachen  in  ein  späteres  Le- 
bensstadium fallen.  Bei  demselben  Individuum  sieht  man  in  kurzer 
Zeit,  oft  schon  in  Stunden  den  Wechsel  eintreten,  so  dass  in  einem 
Blute,  welches  vorher  nur  einkernige  Eörperchen  hatte,  sich  später 
mehrkemige  finden,  —  ein  Beweis  von  der  raschen  Veränderung, 
welcher  diese  Gebilde  unterworfen  sind*).  — 

Nachdem  wir  so  die  verschiedenen  festen  Bestandtheile  kurz 
gemustert  haben,  welche  sich  in  dem  geronnenen  Blute  finden, 
haben  wir  noch  einige  Worte  hinzuzufageu  in  Beziehung  auf  die 
gröberen  Verhältnisse,  welche  sie  unter  einander  darbieten.  Ge- 
wöhnlich nimmt  man  an,  dass  von  den  morphotischen  Bestand- 
theilen  nur  zwei  der  groben  Beobachtung  mit  blossem  Auge  zu- 
gänglich werden,  nehrolich  die  rothen  Blutkörperchen,  als  Haupt- 
bestandtheil  des  Cruors,  und  das  Fibrin,  welches  bei  Gelegenheit 
eine  Speckhaut  bilden  kann,  dass  dagegen  die  farblosen  Elemente 
ohne  besondere  Hülfsmittel  in  keiner  Weise  wahrzunehmen  seien. 
Dies  ist  eine  Vorstellung,  welche  noth wendig  berichtigt  werden 

muss.    Die  farblosen  Körper  machen 
Fig.  67.  sich,  wo  sie  in  grösserer  Menge  vor- 

handen sind,  für  das  geübtere  Auge 
bei  der  Trennung  der  Blutbestand- 
theile,  namentlich  wenn  während  der 
Gerinnung  Bewegung  vorhanden  ist, 
sehr  deutlich  geltend;  sie  zeigen  eine 
Eigenthümlichkeit,  die  man  insbeson- 
dere kennen  muss,  wenn  es  sich  um 
die  Kritik  des  Leichenbefundes  han- 


F  i  ^.  67.  A  Fibringerinnsel  aus  der  Lungenarterie,  den  End&aten  derselben 
entsprechend,  bei  a,  a  mit  grösseren  Platten  von  leukocyto tischen  Haufen  besetzt, 
bei  6,  bf  b  mit  analogen  Körnern.    Natürliche  Grösse. 

B,  Ein  Stack  eines  solchen  Korns  oder  Haufens,  ans  dichtgedrängten  farb- 
losen Blutkörperchen  bestehend.     Vergr.  280. 

*)  Med.  Zeitung  des  Vereins  für  Heilkunde  in  Preussen.  1846.  No.  35. 
Gesammelte  Abhandl.  S.  162,  sowie  650. 


Klebrigkeit  der  farblosen  Blutkörperfheu.  Ig5 

delt,  und  deren  Nichtkenotnias  zu  grossen  Irrthümem  geführt  hat. 
Sie  besitzen  nehmlich,  wie  dies  schon  in  den  älteren  DiscQSsionen 
zn  Tage  getreten  ist,  welche  Ascherson  mit  £.11.  Weber -ge- 
habt  hat,  eise  besondere  Elebrigkeit  (Viscosität),  so  dass  sie  mit 
Leichtigkeit  an  eioander  haften,  sich  anch  onter  Umständen  an 
anderen  Theilen  festsetzen,  wo  die  rothen  Eßrperchen  diese  Er- 
scheinung nicht  darbieten.  Die  iN^eignng,  an  anderen  Tbeilen  an- 
zokleben,  ist  besonders  dann  sehr  dentlicb,  wecn  zugleich  ihrer 
mehrere  nnter  einander  in  die  Lage  kommen,  gegenseitig  mit 
einander  zu  verkleben.  So  geschiebt  es  aassorordentlicb  leicbt, 
dasB  in  einem  Blnte,  in  welchem  an  sich  eine  Vermehrnng  an 
farblosen  ESrpern  besteht,  Agglutinationen  derselben  vor  sich  ge- 
hen, sobald  der  Druck,  unter  welchem  das  Blut  fliesst,  nacblässt; 
in  jedem  Geisse,  wo  sich  die  StrOmuug  verlangsamt,  wo  eine 
AbschwächuDg  des  Druckes  stattfindet,  kann  eine  solche  Aggluti- 
natioD  der  Efirperchen  geschehen*). 

Die  Rlebrigkeit  der   farblosen  Blutkörperchen   hat  überdies 
den  Effect,  dass,  wieA^cberson  dargethan  hat,  bei  der  gewöhn- 
lichen StrOmung  des  Blutes  durch  die  Gapillargeßsse  die  farblosen 
Edrperchen  sich  gewöhnlich  etwas  langsamer  fortbew^en,  als  die 
rothen,    und    dass,    während    die    rothen    mehr   im 
Centnun  des  Capillargeßsses  in  einem  continuirlichen        ^<*-  ^' 
Strome    schwimmen,    am   Umfange    ein    verhältniss- 
mäesig  grosser  Raum  bleibt,  innerhalb  dessen  sich 
die    farblosen   Körperehen,    und   zwar  oft    so   ans- 
schliesslicb,  bewegen,  dass  Weber  zu  dem  Schlüsse 
kam,  ea  stecke  jedes  Capillargefäss  in  einem  Lymph- 
gefässe,    itmerbalb  dessen   die  farblosen  Blnt-  oder 
LymphkOrpercben  schwömmen.    Allein  es  kann  dar- 
&ber  gar  kein  Zweifel  sein,   dass  es  sich  meist  um 
einfache  Kanäle  bandelt,    in  welchen   die    farblosen 
EOrperchen    den  Wandungen   näher  liegen,    als  die 
rothen.  Hier  ist  es,  wo  man,  während  die  Hauptmasse  der  Kör- 
perchen sich  fortbewegt,  einzelne  für  einen  Augenblick  festsitzen, 

Fig.  68.  Capillargefäaa  ans  der  Froschschwimmhaut.  r  der  centrale  Strom 
der  rotben  KÜrperchen.  I,  I,  l  die  träge,  peripberische  Schicht  des  Blutttrones 
mit  den  farblosen  Blutkörperchen.    Ver^.  300- 

*)  Ked.  Zeitung  des  Vereins  für  Heilkunde  in  Prenisen.  1847.  No.  4.  Ge- 
sammelle Abband).  S.  163. 


186  Achtes  Capitel 

dann  sich  losreissen  uod  wieder  langsam  fortgehen  sieht,  so  da^^s 
der  Name  der  trägen  Schicht  für  diesen  Theil  des  Biutstromes 
ein  vollkommen  recipirter  geworden  ist. 

Diese  beiden  Eigenthümliehkeiten,  dass  bei  einer  Abschwä- 
cbung  des  Blutstromes  die  Körperchen  an  den  Wandungen  des 
Gefässes  stellenweise  haften  bleiben,  gewissermaassen  an  ihnen 
ankleben,  und  dass  sie  unter  einander  zu  grösseren  Klumpen  sich 
zusammenballen,  haben  zusammen  die  Wirkung,  dass,  wenn  im 
Blute  viele  farblose  Körper  vorhanden  sind  und  der  Tod,  wie  in 
den  gewöhnlichen  Fällen,  unter  einer  allmählichen  Abschwächung 
der  Triebkraft  erfolgt,  in  den  verschiedensten  Gefässen  die  farb- 
losen Körper  sich  zu  kleinen  Haufen  zusammenballen  und  in  der 
Kegel  am  Umfange  des  späteren  Blutgerinnsels  liegen  bleiben. 

Ziehen  wir  z.  B.  aus  der  Lungenarterie  den  gewöhnlich  sehr 
derben  Blutstrang  heraus,  welcher  ihr  Anfangsstück  erfüllt,  so 
kann  es  sein,  dass  an  seiner  Oberfläche  kleine  Körner  (Fig.  07,  .4) 
sitzen,  Knöpfchen  von  weisser  Farbe,  welche  aussehen,  wie  ein- 
zelne £iterpunkte,  oder  welche  gar  zu  itiehreren  perlschnurartig 
zusammonbäDgen.  Dieses  Vorkommen  ist  am  häufigsten  an  den- 
jenigen Orten  des  Gefässsystems,  wo  die  Zahl  der  Körper  an  sich 
am  grössteu  ist,  daher  insbesondere  in  der  Strecke  zwischen  der 
Einmündung  des  Ductus  thoracicus  und  den  Lungencapillaren. 
Ziemlich  leicht  vermag  das  blosse  Auge  an  dem  Abscheiden  dieser 
Massen  das  mehr  oder  weniger  reichliche  Vorkommen  der  farb- 
losen Körperchen  zu  erkennen.  Unter  Umständen,  wo  die  Zahl 
derselben  sehr  gross  wird,  sieht  man  auch  wohl  ganze  Häufchen, 
die  wie  eine  Scheide  einzelne  Abschnitte  des  Gerinnsels  umlagern. 
Bringt  man  ein  solches  Häufchen  unter  das  Mikroskop,  so  sieht 
man  viele  Tausende  von  farblosen  Körpern  zusammen. 

Erfolgt  die  Gerinnung  des  Blutes,  während  dasselbe  in  Ruhe 
ist,  so  tritt  eine  andere  Erscheinung  sehr  deutlich  hervor,  wie 
man  sie  in  Aderlass-Gefässen  sehen  kann.  Gerinnt  der  Faserstoff 
nicht  sehr  schnell  oder  geradezu  langsam,  wie  bei  entzündlichem 
Blute,  so  fangen  innerhalb  der  ruhenden  Blutflüssigkeit  die  Blut- 
körperchen an,  sich  vermöge  ihrer  Schwere  zu  senken.  Diese 
Sedimentirung  geht  bekanntlich  so  weit,  dass,  wenn  man  frisch 
gelassenes  Blut  durch  Quirlen  seines  Faserstoifes  beraubt  (defi- 
brinirt),  oder  durch  Zusatz  von  Mittelsalzen  die  Gerinnung  hindert 
oder  wenigstens  sehr  verlangsamt,  die  Flüssigkeit  nach  und  nach 


Speckbaut  des  Blulcs.  187 

vollkommeD  klar  wird,  indem  die  Rdrpercfaeu  za  Bodea  ftillen. 
Weaa  wir  ein  an  farblosen  Blutkörperchen  reiches  Blat  defibriniren 
und  stehen  lassen,  so  bildet  sich  ein  doppeltes  Sediment,  ein 
rotbes  und  ein  weisses.  Das  rothe  bildet  das  tiefste,  das  weisse 
das  höhere  Stratam;  letzteres  siebt  vollständig  so  ans,  wie  wenn 
eine  Lage  von  Eiter  über  dem  Blnte  läge.  Wird  das  Blat  nicht 
defibrinirt,  gerinnt  e»  aber  langsam,  dann  kommt  die  Seoknng 
nicht  voUstAndig  za  Stande,  sondern  es  wird  nnr  der  höchste  Theil 
der  BlatRässigkeit  von  Eörperchen  frei;  wenn  dann  späterhin  der 
FaserstofT  gerinnt,  so  zeigt  sich  die  bekannte  Grosta  phlogistica, 
die  Speckhaat,  and  wenn  wir  nach  den  farblosen  Blntkörper* 
eben  Sachen,  so  finden  wir  sie  als  eine  besondere  Schicht  an  der 
aoteren  Grenze  der  Speckhaat.  Diese  Besoaderbeit  erklärt  sich 
einfach  aas  dem  verschiedenen  specifischen  Gewichte,  welches  die 
beiden  Arten  von  BlntkOrperchen  haben.  Die  farblosen  sind  immer 
leichte,  an  fester  Snbstanz  arme,  sehr  zarte  Gebilde,  während  die 
rothen  ein  relativ  bleiernes  Gewicht  haben  dnrch  ihren  grossen 
Gehalt  an  Hämoglobin.  Sie  erreichen  daher  verhältnissmässig  sehr 
schnell  den  Boden,  während  die  farblosen  noch  im  Fallen  begriffen 
sind.  Wenn  man  zwei  verschieden  si-hwere  Snbstanzen  frei  in  der 
Luft  hernnterbllen  lässt,  so  kommen  ja 
auch    bei    genügender    Höhe   wegen    des  "«■  *'■ 

Widerstandes  der  Lnft  die  leichteren  Kör-  -^ 

per  später  am  Boden  an. 

In  der  Regel  bildet  bei  der  Gerinnung 
im  Aderlassblate  der  weisse  Cmor  nicht 
eine  continairliche,  sondern  eine  unter- 
brochene Lage,  in  der  Weise,  dass  an  der 
unteren  Seite  der  Speckhant  kleine  Häuf- 
chen oder  Knötchen  haften').  Daher  hat 
Piorry,  welcher  zuerst  diese  Beobachtung 
machte,  aber  sie  ganz  falsch  deutete,  in-     x^ — —-=s 


Fig.  ET.  Scbema  eines  AdcrlassEcßsses  mit  f^eronnenem  hyperinotlsi 
Blute.  □  das  Niveau  der  BlutAüssiekeit;  c  die  berhcrföriDiKe  Speckhaul,  i 
Ljmphschicht  ICruor  lymphsticu»,  Crusla  Kranuloaa)  mit  den  körniffen  und  o 
beerartigen  Anhäufungeü  der  farhiosen  KÖrperchen,  r  der  rothe  Cnior. 

*)  Gesammelte  Abband lungeu  S.  1S3. 


188  Achtes  Capitel. 

dem  er  sie  auf  eine  Entzundnog  des  Blntes  selbst  (Haemitis)  be- 
zog und  darauf  die  Doctrin  der  Pyämie  begründete,  diese  Form 
von  Speckhant  als  Grusta  granalosa  s.  tnberculosa  bezeich- 
net. Sie  bedeutet  nichts  weiter,  als  eine  massenhafte  und  grup- 
penweise Anhäufung  der  farblosen  Blutkörperchen  (Crusta  lym- 
phatica). 

Unter  allen  Verhältnissen  gleicht  diese  Schicht  dem  Aussehen 
nach  dem  Eiter,  und  da  nun,  wie  wir  vorher  gesehen  haben,  auch 
die  einzelnen  farblosen  Blutkörperchen  die  Beschaffenheit  von  Eiter- 
körperchen  haben*),  so  ist  es  leicht  begreiflich,  dass  man  nicht 
bloss  bei  einem  gesunden  Menschen  in  die  Lage  kommen  kann, 
seine  farbloseu  Blutkörperchen  für  Eiterkörperchen  zu  halten,  son- 
dern noch  mehr  bei  Kranken,  wo  das  Blut  oder  andere  Theile 
voll  von  diesen  Elementen  sind.  Die  Frage,  wie  sie  wiederholt 
aufgeworfen  ist,  liegt  sehr  nahe,  ob  die  Eiterkörperchen  nicht  ein- 
fach extravasirte  farblose  Blutkörperchen  seien,  oder  umgekehrt, 
ob  die  innerhalb  der  Glefässe  gefundenen  farblosen  Blutkörperchen 
nicht  von  aussen  her  aufgenommene  Eiterkörperchen  seien.  Bejaht 
man  diese  letztere  Frage,  so  gelangt  man  auf  dem  hauptsächlich 
durch  die  französischen  Autoren  (Ribes,  Yelpeau,  Marächal) 
verfolgten  Wege  zu  der  Lehre  von  der  Eiterresorption**). 
Nimmt  man  dagegen  die  erstere  Auffassung  an,  so  kommt  man 
auf  eine  Anschauung,  wie  sie  schon  seit  Hewson  in  der  engli- 
schen Literatur  sehr  verbreitet  ist:  mit  der  „plastischen  Lymphe^ 
treten  auch  „Lymphkörperchen^  aus.  Diese  Lehre  von  der 
Lymphexsudation  ist  namentlich  durch  W.  Addison  und 
Paget  vertreten  worden,  und  sie  hat  neuerlich  in  Beziehung 
auf  die  farblosen  Eörperchen  sichere  thatsächliche  Unterlagen 
erhalten.  So  sehr  schwanken  die  herrschenden  Lehrsätze.  Wäh- 
rend vor  kaum  zwei  Decennien  jede  aufiällige  Vermehrung  der 
farblosen  Blutkörperchen  im  Blute  den  Verdacht,  ja  die  zuver- 
sichtliche Annahme  einer  purulenten  Infection  erregte,  so  gilt  jetzt 
jede  ungewöhnliche  Rundzelle  an  beliebiger  Stelle  des  Körpers 
für  ein  farbloses  Blutkörperchen,  und  wie  es  damals  nöthig  war, 
der  unberechtigten  Ausdehnung  der  Pyämie -Lehre  entgegen   zu 


*)  Gesammelte  Abhandlungen  S.  653. 
**)  Ebendas.  S.  462,  640,  645. 


Lebenserscbemungen  der  farblosen  Blutkörperchen.  189 

treten,  80  mnss  man  jetzt  der  nngemessenen  Erweiterong  der  Lehre 
Ton  der  Lymphexsudation  Schranken  setzen. 

Allein  die  neuere  Forschung  hat  auf  diesem  Felde  überaus  glfick- 
liche  Erfolge  gehabt,  indem  sie  zu  einer  genaueren  Beobachtung  der 
Lebenserscheinungen  der  farblosen  Blutkörperchen  ge- 
führt hat.  Schon  Wharton  Jones  hatte  spontane  Gestaltverän- 
derungen dieser  Gebilde  beschrieben,  wobei  sie  nach  Art  gewisser 
niederer  pflanzlicher  und  thierischer  Organismen  Fortsätze  aus  sich 
hervortreiben  und  wieder  zurückziehen.  Weitere  Untersuchungen 
haben  bestätigt,  dass  in  der  That  sehr  lebhafte  Bewegungen 
an  den  Eörpersubstanz  der  farblosen  Blutkörperchen  vorkom- 
men, die  man  in  gewissem  Sinne  als  Contractionen  bezeichnen 
kann,  wenngleich  dieser  Ausdruck,  den  wir  bisher  gewohnt  wa- 
ren, nur  auf  die  in  ganz  bestimmter  Eichtung  geschehende  Zu- 
sammenziehung muskulöser  Theile  zu  beziehen,  leicht  zu  Miss- 
verständnissen Veranlassung  geben  kann.  Häckel  sah  sodann 
die  farblosen  Blutkörperchen  niederer  Thiere  Farbstoffkörperchen 
in  sich  aufnehmen;  v.  Recklinghausen  wies  dasselbe  für  die 
Wirbelthiere  nach  und  lehrte  damit  ein  wichtiges  Mittel  kennen, 
die  Zellen  durch  Aufnahme  von  gefärbten  Theilen  gleichsam  zu 
markiren.  Endlich  beobachteten  Waller  und  Gohnheim  die 
Auswanderung  der  farblosen  Blutkörperchen  aus  den  Gefässen 
lebender  Thiere  auf  die  Oberflächen  und  in  die  Gewebe  der  Um- 
gebung bei  anhaltender  Fixirung  bestimmter  Stellen  unter  dem 
Mikroskope. 

Auf  diese  Weise  ist  gerade  an  einer  Art  von  Elementen, 
welche  früher  kanm  der  Aufmerksamkeit  des  Arztes  werth  er- 
schienen, eine  Fülle  der  wichtigsten  Lebensthätigkeiten ,  ja  eine 
Freiheit  und  Selbständigkeit  dieser  Thäügkeiten  dargethan  wor- 
den, welche  die  farblosen  Blutkörperchen  zu  einem  der  günstig- 
sten Objecto  für  die  Demonstration  vitaler  Yorgäoge  und  zu- 
gleich zu  einem  der  bedeutungsvoUsten  Ausgangspunkte  patholo- 
gischer Studien  erheben.  Als  ich  vor  nunmehr  25  Jahren  den 
Satz  aussprach:  „Ich  vindicire  für  die  farblosen  Blutkörper- 
chen eine  Stelle  in  der  Pathologie^*),  da  hatte  ich  freilich  noch 


*)  Med.  Zeitung  des  Vereins  fnr  Heilkunde  in  Preussen.    1846.  September. 
No.  36. 


190  Achtes  Capitel. 

keine  AhnuDg  von  den  weitaussehenden  Conseqnenzen ,  welche 
sich  an  diesen  Versuch  geknfipft  haben.  Denn  man  kann  schon 
jetzt  sagen,  dass  die  cellnlare  Doctrin  nirgends  eine  so  unzweifel- 
hafte Bedeutung  erlangt  hat,  als  durch  die  immer  zahlreicheren 
Erfahrungen  über  diese  früher  so  vernachlässigten  Gebilde. 


Neuntes  Capitel. 

Blntbildnng  und  Lymphe. 


WerhAoI  aad  Rrsatf  der  BlatbcflUndtheile.  Die  rothen  Kürperehen.  HinrällfKkeit  derselben. 
Theilnng  derselben  bei  Embryonen.  Zerbrurkelung  bei  ungünstigen  Einwirkungen.  Ersatz 
«04  der  Lympbe. 

Dm  Fibrin.  Die  Lymphe  und  ihre  Gerinnung.  Nichtgerinnnng  des  Capillarblntes  in  der  Leicbe. 
Das  lymphatisch«  Exsudat.  Fibrinogene  Snbstant.  8peckhautbildung.  Lymphatisches  Blut, 
Hyperinose,  phiogittischc  Krase.  Locale  Pibrinbildung.  Fibrintranssndatlon.  Fibrinbüdnng 
im  Blute. 

Die  farblosen  Blutkörperchen  (LymphkSrperehen).  Ihre  Vermehrung  bei  Hyperlnose  und 
Hypinos«  (Erysipel,  Psendoeryüipel ,  Typhus).  Lenkocytose  und  Leukämie.  Die  lienale  und 
lymphatische  Leukimie. 

Mila-  nnd  Lymphdrüsen  als  h&matopoetische  Organe.  Stnictur  der  Lymphdrüsen.  Rinden« 
and  Marksnbstan«.  Das  eigentliche  Parenchym  derselben:  Follikel  (Markstrange),  Reticulum, 
Lymphsinas.  Varenchymtellen  (Lymphdrüsenkorperchen)  und  ihr  Verh&ltniss  an  Lymph-  und 
farblosen  Blutkörperchen.  Diagnose  and  Abstammung  der  lettteren.  —  Bau  der  Miis.  8ieb< 
fSrmige  Einrichtung  der  Qefisswinde  in  der  Pulpa.  —  Umbildung  farbloser  Blutkörperchen 
in  fftrbig«.     Ort  derselben.     Das  rothe  Knochenmark. 

Lymphgefisse.  Zusammenhang  mit  dem  Rohrensystem  des  Bindegewebes.  Bau  der  grösseren 
Lymphgeflsse:  Contrsktllitit  und  Klappen  derselben.  Lymphcapiilaren  (Lymphgefias- Wurzeln): 
einfache  Epithel -Wand.  Bedeutung  der  Bindegewebskorpercben  und  der  Lymphe  überhaupt. 
Recrementitielle  und  plastische  Natur  der  Lymphe. 


Hat 


man  sich  mit  den  einzelnen  morphologischen  Elementen  des 
Blutes  und  den  besonderen  Eigenthümlichkeiten  derselben  bekannt 
gemacht,  so  ist  das  Nächste  die  Frage  nach  der  Entstehung  der- 
selben. 

Aus  den  Erfahrungen  über  die  erste  Entwickelung  der  Blut- 
elemente lassen  sich  wesentliche  Rückschlüsse  machen  auf  die 
Natur  der  Veränderungen,  welche  unter  krankhaften  Verhältnissen 
in  der  Blutmasse  stattfinden.  Früher  betrachtete  mau  das  Blut 
mehr  als  einen  in  sich  abgeschlossenen  Saft,  welcher  allerdings 
gewisse  Beziehungen  nach  aussen  habe,  aber  doch  in  sich  selbst 
eine  wirkliche  Dauer  besitze;    man  nahm  deshalb  an,  dass  sich 


192  Neuntes  Capitel. 

anch  besondere  Eigenschaften  dauerhaft  daran  erhalten,  ja  viele 
Jahre  hindurch  fortbestehen  könnten.  Natürlich  durfte  man  dabei 
den  Gedanken  nicht  zulassen,  dass  die  Bestandtheile  des  Blutes 
vergänglicher  Natur  seien,  und  dass  neue  Elemente  hinzukämen, 
welche  alte,  verloren  gegangene  ersetzten.  Denn  die  Dauerhaftig- 
keit eines  Theiles  als  solchen  setzt  entweder  voraus,  dass  er  in 
senien  Elementen  dauerhaft  ist,  oder  dass  die  Elemente  innerhalb 
des  Theiles  immerfort  neue  erzeugen,  welche  alle  Eigenthümlicb- 
keiten  der  alten  erben.  Für  das  Blut  müsste  man  also  entweder 
annehmen,  seine  Bestandtheile  wären  wirklich  durch  Jahre  fort- 
bestehend und  könnten  Jahre  lang  dieselben  Veränderungen  be- 
wahren, oder  man  müsste  sich  denken,  dass  das  Blut  von  einem 
Theilchen  auf  das  andere  etwas  übertrüge,  in  der  Art,  dass  von 
einem  mütterlichen  Bluttheilchen  auf  ein  töchterliches  etwas  He- 
reditäres fortgepflanzt  würde.  Von  diesen  Möglichkeiten  ist  die 
erstere  gegenwärtig  gänzlich  unhaltbar.  Es  denkt  im  Augenblick 
wohl  Niemand  daran,  dass  die  einzelnen  Bestandtheile  des  Blutes 
eine  Dauer  von  vielen  Jahren  haben.  Dagegen  lässt  sich  die  Mög- 
lickeit  nicht  von  vorn  herein  zurückweisen,  dass  innerhalb  des 
Blutes  die  Elemente  eine  Fortpflanzung  erfahren,  und  dass  sich 
von  Element  zu  Element  gewisse  erbliche  Eigenthümlichkeiten 
übertragen,  welche  zu  einer  gewissen  Zeit  im  Blute  eingeleitet 
sind.  Allein  mit  einer  gewissen  Zuverlässigkeit  kennen  wir  solche 
Erscheinungen  der  Fortpflanzung  des  Blutes  nur  aus  einer  frühe- 
ren Zeit  des  embryonalen  Lebens.  Hier  scheint  es  nach  Beobach- 
tungen, die  erst  in  der  neuesten  Zeit  von  Remak  und  Metsch- 
nikow  wiederum  bestätigt  sind,  dass  die  vorhandenen  Blutkör- 
perchen sich  direkt  theilen,  in  der  Art,  dass  in  einem  Eörper- 
chen,  welches  in  der  ersten  Zeit  der  Entwickelung  sich  als  kern- 
haltige Zelle  darstellt,  zuerst  eine  Theilung  des  Kernes  eintritt 
(Fig.  60,  <r),  dass  dann  die  ganze  Zelle  sich  einkerbt  und  nach 
und  nach  wirkliche  Uebergänge  zu  einer  vollständigen  Theilung  er- 
kennen lässt.  In  dieser  frühen  Zeit  ist  es  daher  allerdings  zulässig, 
das  Blutkörperchen  als  den  Träger  von  Eigenschaften  zu  betrach- 
ten, welche  sich  von  der  ersten  Reihe  von  Zellen  auf  die  zweite, 
von  dieser  auf  die  dritte  u.  s.  f.  fortpflanzen. 

Allein  in  dem  Blute  des  entwickelten  Menschen,  ja  selbst  im 
Blute  des  Fötus  der  späteren  Schwangerschaftsmonate  sind  solche 
Theilungs- Erscheinungen  nicht  mehr  bekannt,  und  keine  einzige 


Faserstoff  der  LyflupBe.  I93[ 

Yon  den  Thatsachen,  welche  man  aus  der  Entwickelungsgeschichte 
beizubringen  vermag,  spricht  dafür,  dass  in  dem  entwickelten  Blnte 
eine  Vermehrung  der  zelligen  Elemente  durch  direkte  Theilung 
oder  irgend  eine  andere  im  Blute  selbst  gelegene  Neubildung  statt- 
finde. Man  weiss  wohl,  dass  unter  gewissen  Verhältnissen,  z.  B. 
bei  Einwirkung  von  Hamstoflf  und  manchen  Salzen,  die  rothen  Blut- 
körperchen sich  einschnüren  und  endlich  in  Stücke  zerfallen  oder 
einzelne,  meist  rundliche  Stückchen  (Körnchen)  von  sich  abschnüren, 
allein  diese  Stückchen,  welche  noch  6.  Zimmermann  als  die 
ersten  Anfänge  neuer  Blutkörperchen  betrachtete,  sind  nichts  an- 
deres, als  Trümmer.  So  lange  man  die  Möglichkeit  als  erwiesen 
betrachtete,  dass  aus  einem  einfachen  Cytoblastem  durch  direkte 
Ausscheidung  diiferenter  Materien  Zellen  entständen,  so  lange 
konnte  man  auch  in  der  Blutflüssigkeit  sich  neue  Niederschläge 
bilden  lassen,  aus  denen  Zellen  hervorgingen.  Allein  auch  davon 
ist  man  zurückgekommen.  Alle  morphologischen  Elemente  des 
Blutes,  wie  sie  auch  beschaffen  sein  mögen,  leitet  man  gegen- 
wärtig von  Orten  ab,  welche  ausserhalb  des  Blutes  liegen.  Ueberall 
geht  man  zurück  auf  Organe,  welche  mit  dem  Blute  nicht  direkt, 
sondern  vielmehr  durch  Zwischenbahnen  in  Verbindung  stehen. 
Die  Hauptorgane,  welche  in  dieser  Beziehung  in  Frage  kommen, 
sind  die  lymphatischen.  Die  Lymphe  ist  die  Flüssigkeit,  welche, 
während  sie  dem  Blute  gewisse  Stoffe  zuführt,  die  von  den  Ge- 
weben kommen,  zugleich  die  körperlichen  Elemente  mit  sich  bringt, 
aus  welchen  die  Zellen  des  Blutes  sich  fort  und  fort  ergänzen. 

In  Beziehung  auf  zwei  Bestandtheile  des  Blutes  dürfte  es 
kaum  zweifelhaft  sein,  dass  diese  Anschauung  eine  vollkommen 
berechtigte  ist,  nehmlich  in  Beziehung  auf  den  Faserstoff  und  die 
farblosen  Blutkörperchen.  Was  den  Faserstoff  anbetrifft,  dessen 
morphologische  Eigenschaften  ich  im  vorigen  Capitel  besprach,  so 
ist  es  eine  sehr  wesentliche  und  wichtige  Thatsache,  dass  derjenige 
FaserstoflF,  welcher  in  der  Lymphe  circulirt*),  gewisse  Verschie- 
denheiten darbietet  von  dem  Faserstoffe  des  Blutes,  welchen  wir 
zu  Gesiebt  bekommen,  wenn  wir  Extravasate  oder  aus  der  Ader 
gelassenes  Blut  betrachten.  Der  Faserstoff  der  Lymphe  hat  die 
besondere  Eigenthümlichkeit,  dass  er  unter  den  gewöhnlichen  Ver- 
hältnissen innerhalb  der  Lymphgefässe  weder  im  Leben  noch  nach 


*)  Gesammelte  Abhandl.  S.  105. 

VIrehow,  C«Ual«rPAthol.    4.  Aufl.  13 


194  Neuntes  Capitel. 

dem  Tode  gerinnt,  während  das  Blut  in  manchen  Fällen  schon 
während  des  Lebens,  regelmässig  aber  nach  dem  Tode  gerinnt,  so 
dass  die  Gerinnungsfähigkeit  dem  Blute  als  eine  regelmässige 
Eigenschaft  zugeschrieben  wird.  In  den  Lymphgefässen  eines 
todten  Thieres  oder  einer  menschlichen  Leiche  findet  man  keine 
geronnene  Lymphe,  dagegen  tritt  die  Gerinnung  alsbald  ein,  sobald 
die  Lymphe  mit  der  äusseren  Luft  in  Contact  gebracht  oder  von 
einem  erkrankten  Organe  her  verändert  wird. 

Allerdings  zeigt  sich  auch  innerhalb  der  Gefässe  einer  Leiche 
am  Blute  eine  sehr  auffällige  und  schwer  zu  erklärende  Verschie- 
denheit. Während  das  Blut  des  Herzens  und  der  grösseren  Ge- 
fässe nach  dem  Tode  gerinnt,  so  bleibt  das  Gapillarblut 
flüssig.  Sonderbarerweise  übersieht  man  diese  wichtige  Erschei- 
nung fast  immer,  so  wichtig  sie  auch  für  die  Deutung  des  örtli- 
chen Verhaltens  der  Färbung  der  Gef&sse,  insbesondere  der  post- 
mortalen Ortsveränderungen,  Senkungen  u.  s.  w.  des  Blutes  ist. 
Aber  das  Gapillarblut  der  Leiche  unterscheidet  sich  dadurch  von 
der  Lymphe,  da:  s  es  auch  nicht  mehr  gerinnt,  wenn  es  aus  den 
Gapillaren  entleert  und  der  Luft  ausgesetzt  wird. 

Was  nun  die  Lymphe  anbetrifft,  so  muss  ich  noch  immer  an 
der  Anschauung  festhalten,  dass  in  derselben  kein  fertiges  Fibrin 
enthalten  ist,  sondern  dass  dies  erst  fertig  wird,  sei  es  durch  den 
Contact  mit  der  atmosphärischen  Luft,  sei  es  unter  abnormen 
Verhältnissen  durch  die  Zuführung  veränderter  Stoffe,  oder  durch 
den  Contact  mit  besonderen  Substanzen.  Die  normale  Lymphe 
führt  eine  Substanz,  welche  sehr  leicht  in  Fibrin  übergeht,  und, 
wenn  sie  geronnen  ist,  sich  vom  Fibrin  kaum  unterscheidet,  welche 
aber,  so  lange  sie  im  gewöhnlichen  Laufe  des  Lymphstromes  sich 
befindet,  nicht  als  eigentlich  fertiges  Fibrin  betrachtet  -werden 
kann.  Es  ist  dies  eine  Sabstanz,  welche  ich  lange,  bevor  ich  auf 
ihr  Vorkommen  in  der  Lymphe  aufmerksam  geworden  war,  in 
verschiedenen  Exsudaten  constatirt  hatte,  namentlich  in  pleuriti- 
schen Flüssigkeiten*;. 

In  manchen  Formen  der  Pleuritis  bleibt  das  Exsudat  lange 
flüssig,  und  da  kam  mir  vor  einer  Reihe  von  Jahren  der  beson- 
dere Fall  vor,  dass  durch  eine  Function  des  Thorax  eine  Flüssig- 
keit entleert  wurde,  welche  vollkonmien  klar  und  flüssig  war,  aber 


•)  Archiv  1847     I.    572.     Gesammelte  Abhandl.  104,  516. 


Fibrinogene  Substanz.  195 

kurze  Zeit,  nachdem  sie  entleert  war,  in  ihrer  ganzen  Masse  mit 
einem  (Joagnlum  sieh  darchsetzte,  wie  es  oft  genng  in  Flüssig- 
keiten ans  der  Bauchhöhle  gesehen  wird.  Nachdem  ich  dieses  Ge- 
rinnsel dnrch  Qnirlen  ans  der  Flüssigkeit  entfernt  und  mich  von 
der  Identität  desselben  mit  dem  gewöhnliehen  Faserstoff  überzeugt 
hatte,  zeigte  sich  am  nächsten  Tage  ein  neues  Coagulum,  und  so 
auch  in  den  folgenden  Tagen.  Diese  Gerinnungsfähigkeit  dauerte 
14  Tage  lang,  obwohl  die  Entleerung  mitten  im  heissen  Sommer 
stattgefunden  hatte.  Es  war  dies  also  eine  von  der  gewöhnlichen 
Gerinnung  des  Blutes  wesentlich  abweichende  Erscheinung,  welche 
sich  nicht  wohl  begreifen  Hess,  wenn  wirkliches  Fibrin  als  fertige 
Substanz  darin  enthalten  war,  und  welche  darauf  hinzuweisen 
schien,  dass  erst  unter  Einwirkung  der  atmosphärischen  Luft  Fi- 
brin entstünde  aus  einer  Substanz,  welche  dem  Fibrin  allerdings 
nahe  verwandt  sein  musste,  aber  doch  nicht  wirkliches  Fibrin  sei. 
Ich  schlug  darum  vor,  dieselbe  als  fibrinogene  Substanz  zu 
trennen,  und  nachdem  ich  später  darauf  gekommen  war,  dass  es 
dieselbe  Substanz  ist,  welche  wir  in  der  Lymphe  finden,  so  konnte 
ich  meine  Ansicht  dahin  erweitem,  dass  auch  in  der  Lymphe  der 
Faserstoff  nicht  fertig  enthalten  sei. 

Dieselbe  Substanz,  welche  sich  von  dem  gewöhnlichen  Fibrin 
dadurch  unterscheidet,  dass  sie  eines  mehr  oder  weniger  langen 
Contactes  mit  der  atmosphärischen  Luft  bedarf,  um  coagulabel  zu 
werden,  findet  sieh  unter  gewissen  Verhältnissen  auch  im  Blute 
der  peripherischen  Venen  vor,  so  dass  man  auch  durch  eine  ge- 
wöhnliche Venaesection  am  Arme  Blut  bekommen  kann,  welches 
sich  vom  gewöhnlichen  Blute  durch  die  Langsamkeit  seiner  Ge- 
rinnung unterscheidet.  Polli  hat  die  so  gerinnende  Substanz 
Bradyfibrin  (langsames  Fibrin)  genannt.  Solche  Fälle  kommen 
besonders  vor  bei  entzündlichen  Erkrankungen  der  Respirations- 
organe und  geben  am  Häufigsten  Veranlassung  zur  Bildung  einer 
Speckhaut  (Crusta  phlogistica).  Es  ist  bekannt,  dass  die  ge- 
wöhnliche Crusta  phlogistica  bei  pneumonischem  oder  pleuritischem 
Blut  um  so  leichter  eintritt,  je  wässeriger  die  Blutflüssi«;keit  ist, 
je  mehr  die  BIntmasse  an  festen  Bestandthcilen  verarmt  ist,  aber 
es  ist  wesentlich  dabei,  dass  auch  das  Fibrin  langsam  gerinnt. 
Wenn  man  mit  der  Uhr  in  der  Hand  den  Vorgang  conirolirt,  so 
überzeugt  man  sich,  dass  bei  der  Crustenbildung  eine  sehr  viel 
längere  Zeit  vergeht,  als  bei  der  gewöhnliehen  Gerinnung.     Von 

13* 


196  Neuntes  Capitel. 

dieser  häufigen  Erscheinniig,  wie  sie  sich  bei  der  gewöhnlichen 
Crastenbildnng  der  entzündlichen  Blntmasse  findet,  zeigen  sich  non 
alimähliche  üebergänge  zu  einer  immer  längeren  Daner  des  Flüs- 
sigbleibens. 

Das  Aensserste  dieser  Art,  was  bis  jetzt  bekannt  ist,  geschah 
in  einem  Falle,  den  Polli  beobachtete.  Bei  einem  an  Pnenmonie 
leidenden,  rüstigen  Manne,  welcher  im  Sommer,  zu  einer  Zeit, 
welche  gerade  nicht  die  äusseren  Bedingangen  für  die  Verlang- 
samung der  Gerinnung  darbietet,  in  die  Behandlung  kam,  ge- 
brauchte das  Blut,  welches  aus  der  geöffneten  Ader  floss,  acht 
Tage,  ehe  es  anfing  zu  gerinnen,  und  erst  nach  14  Tagen  war 
die  Coagulation  vollständig.  Es  fand  sich  dabei  auch  die  andere, 
von  mir  am  pleuritiscben  Exsudat  beobachtete  Erscheinung,  dass 
im  Yerhältniss  zu  dieser  späten  Gerinnung  eine  ungewöhnlich 
späte  Zersetzung  (Fäulniss)  des  Blutes  stattfand. 

Da  nun  Erscheinungen  dieser  Art  überwiegend  häufig  bei 
Brustaflfectionen  beobachtet  werden,  so  überwiegend,  dass  man 
seit  langer  Zeit  die  Speckhaut  als  Corium  pleuriticum  bezeichnet 
hat,  so  scheint  daraus  mit  einer  gewissen  Wahrscheinlichkeit  her- 
vorzugehen, dass  das  Respirationsgeschäft  einen  bestimmenden  Ein- 
fluss  hat  auf  das  Vorkommen  oder  Nichtvorkommen  der  fibrino- 
genen  Substanz  im  Blute.  Jedenfalls  setzt  sich  die  Eigenthüm- 
lichkeit,  welche  die  Lymphe  besitzt,  unter  umständen  auf  das 
Blut  fort,  so  dass  entweder  das  ganze  Blut  daran  Antheil  ninunt, 
und  zwar  um  so  mehr,  je  grössere  Störungen  die  Respiration  er- 
leidet, oder  dass  neben  dem  gewöhnlichen,  schnell  gerinnenden  Stoffe 
ein  langsamer  gerinnender  gefunden  wird.  Oft  bestehen  nehmlich 
zwei  Arten  von  Gerinnung  in  demselben  Blute  neben  einander, 
eine  frühe  und  eine  späte,  namentlich  in  den  Fällen,  wo  die  direkte 
Analyse  eine  Vermehrung  des  Faserstoifes,  eine  Hyperinose 
(Franz  Simon)  ergibt.  Diese  hyperino tischen  Zustände  fuhren 
also  darauf  hin,  dass  bei  ihnen  eine  vermehrte  Zufuhr  von  Lymph- 
flüssigkeit zum  Blute  stattfindet,  und  dass  die  Stoffe,  welche  sich 
nachher  im  Blute  finden,  nicht  ein  Product  innerer  Umsetzung 
desselben  sind,  dass  also  die  letzte  Quelle  des  Fibrins  nicht  im 
Blute  selbst  gesucht  werden  darf,  sondern  an  jenen  Punkten,  von 
welchen  die  Lymphgefässe  die  vermehrte  Fibrinmasse  zuführen. 

Zur  Erklärung  dieser  Erscheinungen  habe  ich  eine  etwas 
kühne  Hypothese  gewagt,  welche  ich  jedoch  für  vollkommen  dis- 


Oertlicber  Ursprung  des  Faserstoffes.  197 

cussionsfähig  erachte,  nebmlich  die,  dass  dasFibrin,  wenn  es 
im  Körper  ausserhalb  des  Blutes  vorkommt,  nicht  im- 
mer als  eine  Abscheidung  aus  dem  Blute  zu  betrach- 
ten ist,  sondern  häufig  als  ein  Local-Erzeugniss,  und 
ich  habe  versucht,  eine  wesentliche  Veränderung  in  der  Auffas- 
sung der  sogenannten  phlogistischen  Erase  in  Beziehung  auf  die 
Localisation  derselben  einzufuhren*).  Während  man  früher  ge- 
wöhnt war,  die  veränderte  Mischung  des  Blutes  bei  der  Entzün- 
dung als  ein  von  vom  herein  bestehendes  und  namentlich  durch 
primäre  Vermehrung  des  Faserstoffes  bezeichnetes  Moment  zu  be- 
trachten, so  habe  ich  vielmehr  die  Erase  als  ein  von  der  localen 
Entzündung  abhängiges  Ereigniss  entwickelt.  Gewisse  Organe  und 
Gewebe  besitzen  an  sich  in  höherem  Grade  die  Eigenschaft,  Fibrin 
zu  erzeugen  und  das  Vorkommen  von  grossen  Massen  von  Fibrin 
im  Blute  zu  begünstigen,  während  andere  Organe  ungleich  weniger 
dazu  geeignet  sind. 

Ich  habe  ferner  darauf  hingewiesen,  dass  diejenigen  Organe, 
welche  diesen  eigenthümlichen  Zusammenhang  eines  sogenannten 
phlogistischen  Blutes  mit  einer  localen  Entzündung  besonders 
häufig  darbieten,  im  Allgemeinen  mit  Lymphgefässen  reichlich  ver- 
sehen sind  und  mit  grossen  Massen  von  Lymphdrüsen  in  Verbin- 
dung stehen,  während  alle  diejenigen  Organe,  welche  entweder 
sehr  wenige  Lymphgefässe  enthalten,  oder  in  welchen  wir  kaum 
Lymphgefässe  kennen,  auch  einen  nicht  nennenswerthen  Einfluss  auf 
die  fibrinöse  Mischung  des  Blutes  ausüben.  Es  haben  schon  frü- 
here Beobachter  bemerkt,  dass  es  Entzündungen  sehr  wichtiger 
Organe  gibt,  z.  B.  des  Gehirns,  bei  denen  man  die  phlogistische 
Erase  eigentlich  gar  nicht  findet.  Aber  gerade  im  Gehirn  kennen 
wir  nur  wenige  Lymphgefässe.  Wo  dagegen  die  Mischung  des 
Blutes  am  frühesten  verändert  wird,  bei  den  Erkrankungen  der 
Respirationsorgane,  da  findet  sich  auch  ein  ungewöhnlich  reichli- 
ches Lymphnetz.  Nicht  bloss  die  Lungen  sind  davon  durchsetzt 
und  überzogen,  sondern  auch  die  Pleura  hat  ausserordentlich  reiche 
Verbindungen  mit  dem  Lymphsystem,  und  die  Bronchialdrüsen 
stellen  fast  die  grössten  Anhäufungen  von  Lymphdrüsen -Masse 
dar,  die  irgend  ein  Organ  des  Eörpers  überhaupt  besitzt. 


*)  Handbuch  der  spec.  Pathologie  u.  Therapie.    1854.   I.    75.    Gesammelte 
Abhandlangen.     135. 


11?8  Neuntes  Capitel. 

Andererseits  kennen  wir  keine  Tbatsache,  welche  die  Mög- 
lichkeit zeigte,  dass  unter  einfacher  Steigerung  des  Blutdruckes, 
oder  unter  einfacher  Veränderung  der  Bedingungen,  unter  denen 
das  Blut  strömt,  in  diesen  Organen  ein  Durchtreten  spontan  ge- 
rinnender Flüssigkeiten  von  den  Capillareu  her  in  das  Parenchym 
oder  auf  die  Oberfläche  derselben  erfolgen  könnte.  Man  denkt 
sich  allerdings  in  der  Hegel,  dass  im  Verhältniss  zur  Stromstärke 
des  Blutes  auch  eine  fibrinöse  Zumischung  zum  Exsudate  statt- 
finde, aber  dies  ist  nie  durch  ein  Experiment  bewiesen  worden. 
Niemals  ist  Jemand  im  Stande  gewesen,  durch  blosse  Veränderung 
in  der  Strömung  des  Blutes  im  lebenden  Körper  das  Fibrin  zu 
einer  direkten  Transsudation  aus  den  Capillareu  in  Form  eines 
entzfindlichen  Processes  zu  vermögen;  dazu  bedürfen  wir  immer 
eines  Reizes.  Man  kann  die  beträchtlichsten  Henmiungen  im  Cir- 
culationsgeschäft  herbeiführen,  die  colossalsten  Austretungen  von 
serösen  Flüssigkeiten  experimentell  erzeugen,  aber  nie  erfolgt  dabei 
jene  eigenthümliche  fibrinöse  Exsudation,  welche  die  Reizung  ge- 
wisser Gewebe  mit  so  grosser  Leichtigkeit  hervorruft. 

Dass  das  Fibrin  in  der  Blutflüssigkeit  selbst  durch  eine  Um- 
setzung des  Eiweisses  entstünde,  ist  eine  chemische  Theorie,  die 
weiter  keine  Stütze  für  sich  hat,  als  die,  dass  Eiweiss  und  Fibrin 
grosse  chemische  Aehnlichkeit  haben,  und  dass  man  sich,  wenn 
man  die  zweifelhafte  chemische  Formel  des  Fibrins  mit  der  ebenso 
zweifelhaften  Formel  des  Eiweisses  vergleicht,  durch  das  Aus- 
scheiden von  ein  paar  Atomen  den  Uebergang  von  Albumin  in 
Fibrin  sehr  leicht  denken  kann.  Allein  diese  Möglichkeit  der 
Formelüberführung  beweist  nicht  das  Geringste  dafür,  dass  eine 
analoge  Umsetzung  in  der  Blutmasse  geschehe.  Sie  kann  mög- 
licherweise im  Körper  erfolgen,  aber  auch  dann  ist  es  jedenfalls 
wahrscheinlicher,  dass  sie  in  den  Geweben  erfolgt,  und  dass  erst 
von  da  aus  eine  Fortführung  durch  die  Lymphe  geschieht.  Indess 
ist  dies  um  so  mehr  zweifelhaft,  als  die  rationelle  Formel  f&r  die 
chemische  Zusammensetzung  des  Eiweisses  und  des  Easerstoifes 
bis  jetzt  noch  nicht  ermittelt  ist,  und  die  unglaublich  hohen  Atom- 
zahlen der  empirischen  Formel  auf  eine  sehr  zusammengesetzte 
Gruppirung  der  Atome  hindeuten. 

Halten  wir  daher  an  der  Erfahrung  fest,  dass  das  Fibrin  nur 
dadurch  zum  Austritt  auf  irgend  eine  Oberfläche  gebracht  werden 
kann,  dass  wir  ausser  der  Störung  der  Circulation  auch  noch  einen 


Fibrittöse  und  fibrinogene  Exsudate.  199 

Reiz,  d.  h.  eine  locale  Veränderung  des  Gewebes  setzen.  Diese  lo- 
cale  Veränderong  genügt  aber  erfabmngsgemäss  für  sieb,  um  den 
Austritt  von  Fibrin  zu  bedingen,  wenn  auch  keine  Hemmung 
der  Circulation  eintritt.  Es  bedarf  dieser  Hemmuog  gar  nicht, 
um  die  Erzeugung  von  Fibrin  an  einem  bestimmten  Punkte  ein- 
zuleiten. Im  Gegentheil  sehen  wir,  dass  in  der  besonderen  Be- 
schaffenheit der  gereizten  Theile  die  Ursache  der  grössten  Ver- 
schiedenheiten gegeben  ist.  Wenn  wir  einfach  eine  reizende  Sub- 
stanz auf  die  Hautoberfläche  bringen,  so  gibt  es  bei  geringeren 
Graden  der  Reizung,  mag  sie  nun  chemischer  oder  mechanischer 
Natur  sein,  eine  Blase,  ein  seröses  Exsudat.  Ist  die  Reizung 
stärker,  so  tritt  eine  Flüssigkeit  aus,  welche  in  der  Blase  7oil- 
kommen  flüssig  erscheint,  aber  nach  ihrer  Entleerung  coagulirt. 
Fängt  man  die  Flüssigkeit  einer  Vesicatorblase  in  einem  ühr- 
schälchen  auf  und  lässt  sie  an  der  Luft  stehen,  so  bildet  sich  ein 
Coagulum;  es  ist  also  fibrinogene  Substanz  in  der  Flüssigkeit. 
Nun  gibt  es  aber  zuweilen  Zustände  des  Körpers,  wo  ein  äusser- 
licber  Reiz  genügt,  um  Blasen  mit  direkt  coagulirender  Flüssig- 
keit hervorzurufen.  Im  Winter  von  1857  —  58  hatte  ich  einen 
Kranken  auf  meiner  Abtheilung,  welcher  von  einer  Erfrierung  der 
Füsse  eine  Anästhesie  zurückbehielt,  wogegen  ich  unter  Anderem 
locale  Bäder  mit  Königswasser  anwendete.  Nach  einer  gewissen 
Zahl  solcher  Bäder  bildeten  sich  jedesmal  an  den  anästhetischen 
Stellen  der  Fusssohle  Blasen  bis  zu  einem  Durchmesser  von  zwei 
Zoll,  welche  bei  ihrer  Eröffnung  sich  mit  grossen  gallertigen  Mas- 
sen von  fibrinösem  Coagulum  (nicht  etwa  mit  Eiweiss- Niederschlä- 
gen) erfüllt  zeigten.  Bei  anderen  Menschen  hätten  sich  wahrschein- 
lich einfache  Blasen  gebildet,  mit  einer  Flüssigkeit,  die  erst  nach 
dem  Herauslassen  erstarrt  wäre.  Diese  Verschiedenheit  liegt  offen- 
bar in  der  Verschiedenheit  nicht  der  Blutmischung,  sondern  der 
örtlichen  Disposition.  Die  Differenz  zwischen  der  Form  von  Pleu- 
ritis, welche  von  Anfang  an  coagulable  und  spontan  coagulirende 
Substanzen  abscheidet,  und  derjenigen,  wo  coagulable,  aber  nicht 
spontan  coagulirende  Flüssigkeiten  austreten,  weist  gewiss  auf 
Besonderheiten  der  localen  Reizung  hin. 

Ich  glaube  also  nicht,  dass  man  berechtigt  ist  zu  scbliessen, 
dass  Jemand,  der  mehr  Fibrin  im  Blute  hat,  damit  auch  eine 
grössere  Neigung  zu  fibrinöser  Transsudation  besitze;  vielmehr 
erwarte  ich,  dass  bei  einem  Kranken,  der  an  einem  bestimmten 


200  Neuntes  Capitel. 

Orte  sehr  viel  fibrinbildende  Sabstanz  producirt,  von  diesem  Orte 
aas  viel  von  dieser  Sabstanz  in  die  Lymphe  and  endlich  in  das 
Blat  übergehen  wird.  Man  kann  also  das  Exsndat  in  solchen 
Fällen  betrachten  als  den  Ueberschnss  des  in  loco  gebildeten  Fi- 
brins, für  dessen  Entfernang  die  Lymphcircnlation  nicht  genügte. 
So  lange  der  Lymphstrom  ausreicht,  wird  Alles,  was  in  dem  ge* 
reizten  Theile  an  Stoffen  gebildet  wird,  aach  dem  Blute  zageführt; 
sobald  die  örtliche  Prodaction  über  dieses  Maass  hinansschreitet, 
häufen  sich  die  Producte  an,  und  neben  der  Hyperinose  wird  auch 
eine  örtliche  Ansammlung  oder  Ausscheidung  von  fibrinösem  Exsu- 
dat stattfinden.  Ist  diese  Deutung  richtig,  und  ich  denke,  dass 
sie  es  ist,  so  würde  sich  auch  hier  wieder  jene  Abhängigkeit  der 
Dyscrasie  von  der  örtlichen  Krankheit  ergeben,  welche  ich  schon 
früher  als  den  wesentlichsten  Gewinn  aller  unserer  Untersuchun- 
gen über  das  Blut  hingestellt  habe. 

Es  ist  nun  eine  sehr  bemerkenswerthe  Tbatsache,  welche 
gerade  für  diese  Auffassung  von  Bedeutung  ist,  dass  sehr  selten 
eine  erhebliche  Vermehrung  des  Fibrins  Statt  findet 
ohne  gleichzeitige  Vermehrung  der  farblosen  Blut- 
körperchen, dass  also  die  beiden  wesentlichen  Bestandtbeiie, 
welche  wir  in  der  Lymphflüssigkeit  finden,  auch  im  Blute  wieder- 
kehren. In  jedem  Falle  einer  Hyperinose  kann  man  auf  eine  Ver- 
mehrung der  farblosen  Eörperchen  rechnen,  oder,  anders  ausge- 
drückt, jede  Reizung  eines  Theiles,  welcher  mit  Lymphgefftssen 
reichlich  versehen  ist  und  mit  Lymphdrüsen  in  einer  ausgiebigen 
Verbindung  steht,  bedingt  auch  die  Einfuhr  grosser  Hassen  farb- 
loser Zellen  (Lymphkörperchen)  ins  Blut. 

Diese  Tbatsache  ist  besonders  interessant  insofern,  als  man 
daraus  begreifen  kann,  wie  nicht  bloss  gewisse  Organe,  welche 
reich  versehen  sind  mit  Lymphgefässen ,  eine  solche  Vermehrung 
bedingen  können,  sondern  wie  auch  gewisse  Processe  eine  grössere 
Fähigkeit  besitzen,  beträchtliche  Mengen  von  diesen  Elementen  in 
das  Blut  zu  führen.  Es  sind  dies  alle  diejenigen,  welche  früh  mit 
bedeutender  Erkrankung  des  Lymphgefäss-Systems  verbunden  sind. 
Vergleicht  man  eine  erysipelatöse  oder  eine  diffase  phlegmonöse 
(nach  Rust  pseudoerysipelatöse)  Entzündung  in  ihrer  Wirkung 
auf  das  Blut  mit  einer  einfachen  oberflächlichen  Hautentzündung, 
wie  sie  im  Verlauf  der  gewöhnlichen  acuten  Exantheme,  nach  trau- 
matischen oder  chemischen  Einwirkungen  auftritt,  so  ersieht  man 


Leukocytose  und  Leukämie.  201 

alsbald,  wie  gross  die  Differenz  ist.  Jede  erysipelatöse  oder  diffuse 
phlegmonöse  Entzündung  hat  die  Eigentbümlichkeit,  frühzeitig  die 
Lymphgefässe  zq  afficiren  und  Schwelinngen  der  lymphatischen 
Drüsen  hervorzubringen.  In  jedem  solchen  Falle  aber  kann  man 
darauf  rechnen,  dass  eine  Zunahme  in  der  Zahl  der  farblosen 
Blutkörperchen  stattGndet. 

Weiterhin  ergibt  sich  die  bezeichnende  Thatsache,  dass  es 
gewisse  Processe  gibt,  welche  gleichzeitig  Fibrin  und  farblose  Blut- 
körperchen vermehren,  andere  dagegen,  welche  nur  die  Zunahme 
der  letzteren  bewirken.  In  diese  Kategorie  gehört  gerade  die 
ganze  Reihe  der  einfachen  diffusen  Hautentzündungen,  wo  auch  an 
den  Erkrankungsorten  keine  erhebliche  Fibrinbildung  erfolgt.  An- 
dererseits gehört  dahin  eine  Menge  von  Zuständen,  welche  vom 
Gesichtspunkt  der  Faserstoff- Menge  als  hypinotische  (Franz 
Simon)  bezeichnet  werden,  alle  die  Processe,  welche  in  die  Reihe 
der  typhösen  zählen,  und  die  darin  übereinkommen,  dass  sie  bald 
diese,  bald  jene  Art  von  bedeutender  Anschwellung  der  Lymph- 
drüsen, aber  keine  locale  Faserstoff-Exsudation  hervorbringen.  So 
setzt  der  Typhus  diese  Yeränderangen  nicht  nur  an  der  Milz, 
sondern  auch  an  den  Mesenterial-Drüsen. 

Den  einfachen  Zustand  von  Vermehrung  der  farblosen  Eör- 
perchen  im  Blute,  welcher  abhängig  erscheint  von  einer  Reizung 
der  Blutbereitenden  Drüsen,  habe  ich  mit  dem  Namen  der  Leu- 
kocytose belegt*).  Nun  weiss  man,  dass  eine  andere  Angele- 
genheit lange  der  Gegenstand  meiner  Studien  gewesen  ist,  die 
von  mir**)  sogenannte  Leukämie,  und  es  handelt  sich  zunächst 
darum ,' festzustellen ,  wie  weit  sich  die  eigentliche  Leukämie  von 
den  leukocytotischen  Zuständen  unterscheidet. 

Schon  in  den  ersten  Fällen  der  Leukämie,  welche  mir  vor- 
kamen, stellte  sich  eine  sehr  wesentliche  Eigenschaft  heraus, 
nehmlich  die,  dass  in  dem  Gehalt  des  Faserstoffes  im  Blute  keine 
wesentliche  Abweichung  bestand***).  Späterhin  hat  sich  gezeigt, 
dass  der  Faserstoff- Gehalt  je  nach  der  Besonderheit  des  Falles 
vermehrt  oder  vermindert  oder  unverändert  sein  kann,  dass  aber 
constant  eine  immerfort  steigende  Zunahme  der  farblosen  Blut- 


*)  Gesammelte  Abhandlungen  1856.     S.  703. 
••)  Archiv.  1847.    1.     563. 
***)  Froriep'8  Neue  Notizen.  1845.   No.  780.    Gesammelte  Abhandl.  149. 


202  Neuntes  Capitel. 

körpcrchen  stattfindet,  und  dass  diese  Zunahme  immer  deutlicher 
zusammenfällt  mit  einer  Verminderung  der  Zahl  der  geförbten 
(rothen)  Blutkörperchen,  so  dass  als  endliches  Resultat  ein  Zu- 
stand herauskommt,  in  welchem  die  Zahl  der  farblosen  Blutkör- 
perchen der  Zahl  der  rothen  beinahe  gleichkommt,  und  selbst  für 
die  gröbere  Betrachtung  auffallende  Phänomene  hervortreten. 
Während  wir  im  gewöhnlichen  Blute  immer  nur  auf  etwa  300 
gefärbte  ein  farbloses  Körperchen  rechnen  können,  so  gibt  es  Fälle 
von  Leukämie,  wo  die  Vermehrung  der  farblosen  in  der  Weise 
steigt,  dass  auf  3  rothe  Körperchen  schon  ein  farbloses  oder  gar 
3  rothe  auf  2  farblose  kommen,  ja  wo  die  Zahlen  für  die  farb- 
losen Körperchen  die  grösseren  werden*). 

In  Leichen  erscheint  die  Vermehrung  der  farblosen  Körper- 
chen meist  beträchtlicher,  als  sie  wirklich  ist,  aus  Gründen,  die 
ich  schon  früher  hervorhob  (S.  185);  diese  Körperchen  sind 
ausserordentlich  klebrig  und  häufen  sich  bei  Verlangsamung  des 
Blutstromes  in  grösseren  Massen  an,  so  dass  in  Leichen  die 
grösste  Menge  stets  im  rechten  Herzen  gefunden  wird.  Es  ist 
mir  einmal,  ehe  ich  Berlin  verliess,  der  besondere  Fall  passirt, 
dass  ich  das  rechte  Atrium  anstach,  und  der  Arzt,  welcher  den 
Fall  behandelt  hatte,  überrascht  ausrief:  „Ah,  da  ist  ein  Abscess!^ 
So  eiterähnlich  sah  das  Blut  aus.  Diese  eiterartige  Beschaffenheit 
des  Blutes  ist  allerdings  nicht  in  dem  ganzen  Girculationsstrome 
vorhanden;  nie  sieht  das  Blut  im  Ganzen  wie  Eiter  aus,  weil 
immer  noch  eine  verhältnissmässig  grosse  Zahl  von  rothen  Ele- 
menten existirt;  aber  es  kommt  doch  vor,  dass  das  aus  der  Ader 
fliessende  Blut  schon  bei  Lebzeiten  weissliche  Streifen  zeigt,  und 
dass,  wenn  man  den  Faserstoff  durch  Quirlen  entfernt  und  das 
defibrinirte  Blut  stehen  lässt,  sich  alsbald  eine  freiwillige  Schei- 
dung macht,  in  der  Art,  dass  sich  sämmtliche  Blutkörperchen, 
rothe  und  farblose,  allmählich  auf  den  Boden  des  Gefusses  senken, 
und  hier  ein  doppeltes  Sediment  entsteht:  ein  unteres  rothes,  das 
von  einem  oberen,  weissen,  puriformen  überlagert  wird.  Es  erklärt 
sich  dies  aus  dem  ungleichen  specifischen  Gewicht  und  den  ver- 
schiedenen Fallzeiten  beider  Arten  von  Körperchen  (S.  187).  Zu- 
gleich giebt  dies  eine  sehr  leichte  Scheidung  des  leukämischen 
Blutes  von  dem  chylösen  (lipämischen) ,  wo  ein  milchiges  Ausse- 

♦)  ArchW.     1S53.     IV.    43  ff. 


Leukämie.  203 

hen  des  Serums  dorch  Fettbeimischung  entsteht;  defibrinirt  man 
solches  Blut,  so  bildet  sich  nach  einiger  Zeit  nicht  ein  weisses 
Sediment,  sondern  eine  rahmartige  Schicht  an  der  Oberfläche*). 

Es  existiren  bis  jetzt  in  der  Literatur  nur  vereinzelte  Fälle 
von  Leukämie,  wo  die  Kranken,  nachdem  sie  eine  Zeit  lang  Ge- 
genstand ärztlicher  Behandlung  gewesen  waren,  als  wesentlich  ge- 
bessert das  Hospital  verliessen.  In  der  Regel  erfolgt  der  Tod. 
Ich  will  daraus  keineswegs  den  Schluss  ziehen,  dass  es  sich  um 
eine  absolut  unheilbare  Krankheit  handle;  ich  hoffe  im  Gegentheil, 
dass  man  endlich  auch  hier  wirksame  Heilmittel  finden  wird,  aber 
es  ist  gewiss  eine  sehr  wichtige  Thatsache,  dass  es  sich  dabei, 
ähnlich  wie  bei  der  progressiven  Muskelatrophie,  um  Zustände 
handelt,  welche  in  einem  gewissen  Stadium,  sich  selbst  überlassen, 
oder  wenn  sie  unter  einer  der  bis  jetzt  bekannten  Behandlungen 
stehen,  sich  fortwährend  verschlimmern  und  endlich  zum  Tode 
fähren.  Es  haben  diese  Fälle  noch  ausserdem  die  besondere  Merk- 
würdigkeit, dass  sich  gewöhnlich  in  der  letzten  Zeit  des  Lebens 
eine  eigentliche  hämorrhagische  Diathese  ausbildet  und  Blu- 
tungen entstehen,  die  besonders  häufig  in  der  Nasenhöhle  statt- 
finden (nnter  der  Form  von  erschöpfender  Epistaxis),  die  aber 
unter  Umständen  auch  an  anderen  Punkten  auftreten  können,  so 
in  colossaler  Weise  als  apoplectische  Formen  im  Gehirn  oder  als 
melänaartige  in  der  Darmhöhle. 

Wenn  man  nun  untersucht,*  von  woher  diese  sonderbare  Ver- 
änderung des  Blutes 'Stammt,  so  zeigt  sich,  dass  in  der  grossen 
Mehrzahl  der  Fälle  ein  bestimmtes  Organ  als  das  wesentlich  er- 
krankte erscheint,  und  häufig  schon  im  Anfange  der  Krankheit 
den  Hauptgegenstand  der  Klagen  und  Beschwerden  der  Kranken 
bildet,  nehmlich  die  Milz.  Daneben  leidet  sehr  häufig  auch  ein 
Bezirk  von  Lymphdrüsen,  aber  das  Milzleiden  steht  in  der 
Regel  im  Vordergrunde.  Nur  in  einer  kleinen  Zahl  von  Fällen  fand 
ich  die  Milz  wenig  oder  gar  nicht,  die  Lymphdrüsen  überwiegend 
verändert,  und  zwar  in  solchem  Grade,  dass  Lymphdrüsen,  die 
man  sonst  kaum  bemerkt,  zu  wallnussgrossen  Knoten  sich  ent- 
wickelt hatten,  ja,  dass  an  einzelnen  Stellen  fast  nichts  weiter 
als  Lymphdrüsen-Substanz  zu  bestehen  schien**;.  Von  den  Drüsen, 


•)  Würzburger  Verhandl.  18")6.    VII.    119.     Gesammelte  Abhandl.  S.  138. 
♦•j  Archiv.     1847.    I.    567. 


204  Neuntes  Gapitel. 

welche  zwischen  den  Inguinal-  und  Lumbal -Drüsen  gelegen  sind, 
pflegt  man  nicht  viel  za  sprechen;  sie  haben  nicht  einmal  einen 
bequemen  Namen.  Einzelne  von  ihnen  liegen  längs  der  Yasa 
iliaca,  einzelne  im  kleinen  Becken.  Im  Laufe  solcher  Leukämien 
traf  ich  sie  zweimal  so  vergrössert,  dass  der  ganze  Raum  des 
kleinen  Beckens  wie  ausgestopft  war  mit  Drflsenmasse,  in  welche 
Rectum  und  Blase  nur  eben  hineintauchten. 

Ich  habe  deshalb  zwei  Formen  der  Leukämie  unterschieden, 
die  gewöhnliche  lienale  und  die  seltenere  lymphatische.  Beide 
combiniren  sich  allerdings  nicht  selten  mit  einander,  jedoch  herrscht 
auch  in  diesem  Falle  die  eine  von  beiden  so  sehr  Tor,  dass  man 
über  die  Wahl  des  Namens  kaum  in  Verlegenheit  kommen  wird. 
Die  Unterscheidung  stützt  sich  nicht  allein  darauf,  dass  in  dem 
einen  Falle  die  Milz,  im  anderen  die  Lymphdrüsen  als  Ausgangs- 
punkt der  Erkrankung  erscheinen,  sondern  noch  mehr  darauf,  dass 
die  farblosen  Elemente,  welche  im  Blute  vorkommen,  in  beiden 
Fällen  verschieden  sind.  Während  nehmlich  bei  der  lienalen  Form 
in  der  Regel  verhältnissmässig  grosse,  entwickelte  Zellen  mit 
mehrfachen,  seltener  einfachen  Kernen  im  Blute  circuliren,  die 
in  manchen  Fällen  überwiegend  viel  Aehnlichkeit  mit  Hilzzellen 
haben,  so  sieht  man  bei  der  ausgemacht  lymphatischen  Form  die 
Zellen  klein,  die  Kerne  im  Verhältniss  zu  den  Zellen  gross  und 
einfach,  in  der  Regel  scharf  begrenzt,  sehr  dunkel  contourirt  und 
etwas  kömig,  die  Membran  häufig  so  eng  anliegend,  dass  man 
kaum  den  Zwischenraum  constatiren  kann.  Oefter  sieht  es  aus, 
als  ob  vollkommen  freie  Kerne  im  Blute  enthalten  wären.  In 
jenen  gemischten  Fällen,  wo  sowohl  die  Milz,  als  die  Lymphdrü- 
sen leiden,  bieten  auch  die  im  Blute  vorkommenden  Gebilde  bei- 
derlei Gestalt  dar.  Nimmt  man  die  Erfahrungen  zusammen,  so 
wird  man  zu  der  Schlussfolgerung  geführt,  dass  die  Yergrösserung 
der  lymphatischen  Drüsen,  die  in  einer  wirklichen  Vermehrung 
ihrer  Elemente  (Hyperplasie)  beruht,  auch  eine  grössere  Zahl 
zelliger  Theile  in  die  Lymphe  und  durch  diese  in  das  Blut  fuhrt, 
und  dass  in  dem  Maasse,  als  diese  Elemente  überwiegen,  die 
Bildung  der  rothen  Elemente  Hemmungen  erfährt  Die  Leu- 
kämie ist  demnach  eine  Art  von  dauerhafter,  progres- 
siver Leukocytose;  diese  dagegen  in  ihren  einfachen 
Formen    stellt    einen    vorübergehenden,    an    zeitwd- 


Leukämisches  Blut  205 

lige  Zastftnde  gewisser  Organe  geknüpften  Vorgang 
dar*). 

Ob  damit  der  ganze  Unterschied  zwischen  Leukämie  nnd 
Lenkocytose  erschöpft  ist,  steht  dahin.  Ich  möchte  jedoch  darauf 
anftnerksam  machen,  dass  bei  der  Lenkocytose  neben  den  rothen 
Körperchen  eine  vorübergehende  Znmischnng  von  zahhreichen  farb- 
losen Eörperchen  stattfindet,  ohne  dass  wir  deshalb  berechtigt  w&* 
ren,  jedesmal  eine  Abnahme  der  ersteren  zu  statniren.  Bei  der 
Leakämie  dagegen  findet  sich  eine  wirkliche  Verminderung  der  ro- 
then Körperchen ;  sie  stellt,  wie  ich  früher  sagte,  einen  wirklichen 
Albinismus  des  Blutes  dar.  Ofi^enbar  erleidet  also  die  Bildung 
der  rothen  Körperchen  eine  Hemmung,  und  es  ist  gewiss  sehr 
charakteristisch,  dass  in  einem  Falle  von  lienaler  Leukämie,  der 
bei  uns  vorkam,  Klebs  die  embryonale  Form  der  kernhaltigen 
rothen  Körperchen  bei  einem  Kinde  von  1^  Jahr  antraf. 

Es  ist  ersichtlich,  dass  die  drei  von  uns  besprochenen  dys- 
crasischen  Zustände,  welche  in  einer  näheren  Beziehung  zu  der 
Lymphflüssigkeit  stehen,  nehmlich  die  Hyperinose,  die  Lenkocytose 
und  die  Leukämie  sich  mehrfach  berühren.  Der  erstere,  der  durch 
Vermehrung  des  Fibrins  ausgezeichnet  ist  (Hyperinose),  bezieht 
sich  mehr  auf  die  veränderte  BeschaflFenheit  der  Organe,  von  wo 
die  Lymphflüssigkeit  herkommt,  während  die  durch  Vermehrung 
der  forblosen  Zellen  bedingten  Zustände  (Lenkocytose  und  Leu- 
kämie) mehr  von  der  BescbaiFenheit  der  Drüsen,  durch  welche  die 
Lymphflüssigkeit  strömte,  abhängig  sind.  Diese  Thatsachen  lassen 
sich  nun  wohl  nicht  anders  deuten,  als  dass  man  in  der  That  die 
Milz  und  die  Lymphdrüsen  in  eine  nähere  Beziehung  zur  Ent- 
wickelung  des  Blutes  bringt.  Dies  ist  noch  wahrscheinlicher  ge- 
worden, seitdem  es  gelungen  ist,  auch  chemische  Anhaltspunkte 
Zugewinnen.  Seh  er  er  hat  zweimal  leukämisches  Blut  untersucht, 
das  ich  ihm  übergeben  hatte,  um  dasselbe  mit  den  von  ihm  ge- 
fundenen Hilzstoffen  zu  vergleichen;  es  ergab  sich,  dass  darin 
Hypoxanthin,  Leucin,  Harnsäure,  Milch-  und  Ameisensäure  vor- 
kamen. In  einem  Falle  fiberzog  sich  eine  Leber,  die  ich  einige 
Tage  liegen  liess,  ganz  mit  Tyrosinkörnem ;  in  einem  anderen 
krystallisirte  aus  dem  Darminhalte  Leucin  und  Tyrosin  in  grossen 
Massen  aus.  Die  grosse  Häufigkeit  hamsaurer  Sedimente  im  Harn 

*)  Geschwülste.    II.    566. 


206  Neuntes  Capitel. 

und  harnsaurer  Concretionen  in  den  Nieren  der  Leakftmischen 
habe  ich  wiederholt  erwähnt*).  Kurz,  Alles  deutet  anf  eine  ver- 
mehrte Tbätigkeit  der  Milz,  welche  normal  diese  Stoffe  in  grösserer 
Menge  enthält. 

Es  ist  eine  ziemlich  lange  Reihe  von  Jahren  (seit  1845)  ver- 
gangen, während  deren  ich  mich  mit  meiner  Auffassung  ziemlieh 
vereinsamt  fand.  Erst  nach  und  nach  ist  man,  und  zwar,  virie  ich 
leider  gestehen  muss,  zuerst  mehr  von  physiologischer,  als  von  pa- 
thologischer Seite  auf  diese  Gedanken  eingegangen,  und  erst  spät 
hat  man  sich  der  Vorstellung  zugänglich  erwiesen,  dass  im  ge- 
wöhnlichen Gange  der  Dinge  die  Lymphdrüsen  und  die  Milz  in  der 
That  eine  unmittelbare  Bedeutung  für  die  Formelemente  des  Blutes 
haben,  dass  im  Besonderen  die  körperlichen  Bestandtheile  des 
letzteren  wirkliche  Abkömmlinge  sind  von  den  Zellen  der  Lymph- 
drüsen und  der  Milz,  welche  in  denselben  entstehen,  aus  ihrem 
Innern  losgelöst  und  dem  Blutstrom  zugeführt  werden.  Kommen 
wir  damit  auf  die  Frage  von  der  Herkunft  der  Blutkörperchen 
selbst. 

Seit  dem  vorigen  Jahrhundert  war  man  gewöhnt,  die  Lymph- 
drüsen als  blosse  Convolute  von  Lymphgefässen  zu  betrachten. 
Bekanntlich  sieht  man  schon  vom  blossen  Auge  die  zuführenden 
Lymphgefässe  sich  in  Aeste  auflösen,  welche  in  die  Lymphdrüse 
eintreten,  innerhalb  derselben  verschwinden  und  am  Ende  aus  der- 
selben wieder  hervorkommen.  Aus  den  Resultaten  der  Quecksilber- 
Injectionen,  welche  man  schon  vor  einem  Jahrhundert  mit  grosser 
Sorgfalt  unternommen  hat,  glaubte  man  schliessen  zu  müssen, 
dass  das  eingetretene  Lymphgefäss  vielfache  Windungen  mache, 
welche  sich  durchscblängen  und  endlich  in  das  ausfuhrende  Gefäss 
fortgingen,  so  dass  die  Drüse  nichts  weiter  als  eine  Zusammen- 
drängung von  Windongen  der  einführenden  Gefässe,  eine  Art  von 
Wundernetz,  darstelle.  Die  ganze  Sorgfalt  der  modernen  Histo- 
logie hat  sich  daher  darauf  gerichtet,  ein  solches  einfaches  Durch- 
treten von  Lymphgefässen  durch  die  Drüse  zu  constatiren;  nach- 
dem man  sich  Jahre  lang  vergebens  darum  bemüht  hatte,  hat 
man  es  endlich  aufgegeben. 

Im  Augenblick  dürfte  es  kaum  einen  Histologen  geben,  wel- 
cher an  eine  vollkonmiene  Continuität  der  Lymphgefässe  innerhalb 


•)  Mein  Archiv.     1853.     Bd.  V.     S.  408.    vgl.  1849.     Bd.  II.    S.  590. 


Bau  der  Lymphdrüsen.  207 

einer  Lymphdrüse  dächte;  meist  ist  die  Anschauung  von  KöUi- 
ker  acceptirt,  dass  die  Lymphdrüsen  den  Strom  der  Lymphe 
unterbrechen,  indem  das  Lymphgefäss,  während  es  seine  Wandungen 
verliert,  sich  in  das  Parenchym  der  Drüse  auflöst  und  erst  aus 
demselben  sich  wieder  zusammensetzt.  Man  kann  dieses  Verhält- 
niss  nicht  wohl  anders  vergleichen,  als  mit  einer  Art  von  Filtrir- 
apparat,  etwa  wie  wir  ihn  im  Kohlen-  oder  Sandfiltrum  be- 
sitzen. 
» 

Wenn  man  eine  menschliche  Lymphdrüse  durchschneidet,  so 
bekommt  man  häufig  eine  Bildung  zu  Gesicht,  wie  von  einer 
Niere.  Da,  wo  die  zuführenden  Lymphgefässe  sich  auflösen  und 
in  die  Drüse  eintauchen,  also  an  dem  der  Peripherie  des  Körpers 
oder  des  betreffenden  Organs  zugewendeten  Umfange  liegt  eine  der- 
bere Substanz;  halb  umschlossen  von  derselben  findet  sich  auf 
der  inneren  oder  centralen  Seite  der  Drüse  eine  Art  von  Hilus, 
an  dem  die  Lymphgefässe  die  Drüse  wieder  verlassen.  Derselbe 
ist  erfüllt  durch  ein  maschiges  Gewebe  von  oft  deutlich  areolärem 
oder  cavernösem  Bau,  in  welches  neben  den  Vasa  lymphatica 
efferentia  Blutgefässe  eingehen,  um  von  da  weiter  in  die  eigent- 
liche Substanz  einzudringen.  KöUiker  hat  darnach  eine  Rinden- 
und  Marksubstanz  unterschieden;  indess  ist  die  sogenannte  Mark- 
substanz häufig  katmi  noch  drüsiger  Natur.  Letztere  findet  sich 
wesentlich  an  der  Rinde,  welche  bald  mehr,  bald  weniger  dick  ist. 
Man  thut  daher  am  besten,  wenn  man  jenen  Theil  einfach  den 
Hilus  nennt,  da  aus-  und  einführende  Gefasse  dicht  zusammenliegen, 
gerade  so,  wie  im  Hilus  der  Niere  einerseits  die  Dreteren  und 
Venen  abführen,  die  Arterien  zuleiten.  Das  eigentliche  Parenchym 
der  Drüse,  die  Substantia  propria  derselben  (adenoide  Substanz 
His)  ist  hauptsächlich  in  dem  peripherischen  Theile  (der  Rinden- 
substanz) enthalten. 

An  diesem  unterscheidet  man,  falls  die  Druse  einigermaassen 
gut  entwickelt  ist  (und  in  einzelnen  Fällen  pathologischer  Ver- 
grösserung  wird  dies  besonders  deutlich),  schon  mit  blossem  Auge 
kleine,  neben  einander  gelegene,  rundliche,  weisse  oder  graue 
Körner  (Fig.  70,  A^  F  F).  Ist  eine  massige  Blutfulle  vorhanden, 
so  erkennt  man  ziemlich  regelmässig  um  jedes  Korn  einen  rothen 
Kranz  von  Gefässen.  Diese  Kömer  hat  man  seit  langer  Zeit 
Follikel  genannt,  aber  es  war  zweifelhaft,  ob  es  besondere  Bil- 
dungen seien,  oder  blosse  Windungen  des  Lymphgefässos,  welche 


208  Neuntes  Ckpit«!. 

■''«■  "■  an  die  Oberflftche  treten.  Bei  einer 

■^  feineren  mikroskopischen  Unterau- 

chnng  nnterscbeidet  man  leicht  die 
eigentliche  (drüsige)  Sabst&nz  der 
Follikel  voD  dem  faeerigen  Maschen- 
oder Balkenwerk  (Stroma,  Trabe- 
keln), welches  dieselben  umgrenzt 
j  nnd   welches    nach    anssen   conti- 

nnirlich  mit  dem  Bind^ewebe  der 
Capsel  zusammenhängt.  Die  innere 
Substanz  besteht  überwiegend  ans 
Haufen  kleiner  Knndzellen  (L  y  m  p  h  - 
drüseokürperchen),  die  ziem- 
lich lose  liegen,  eingescblosseu  in 
ein  feines  Netzwerk  von  sternförmigen,  oft  kernhaltigen  Balken 
(Reticulum).     Letzteres  ist  zuerst  von  Kftlliker  nachgewiesen 
and  nnter  meiner  Leitung  von  6.  Eckard*)  genauer  verfolgt  wor- 
den, der  den  Anscblasa  desselben  an  die  Blutcapillarea  dargelegt 
hat.    VoD  den  Lymphgef^ssen  kommt  innerhalb  des  Stroma's  nur 
wenig  zu  Tage;    injicirt  man  eine  Drüse,  so  geht  die  Injections- 
masse  in  die  sogenannten  Follikel  selbst  hinein.    Untersucht  man 
eine  Gekrösdrüse  w&hrend  der  Chylification,  also  vielleicht  4  —  5 
Stunden  nach  einer  fettreichen  Mahlzeit,  so  erseheint  ihre  ganze 
Substanz  weiss,  vollständig  milchig;  das  Mikroskop  zeigt  feiokOr- 
niges  Cbylusfett  überall  zwischen  den  zelligen  Elementen  der  Fol- 
likel. Der  Strom  der  Lymphe  muss  sich  also  zwischen  den  Drft- 
senzellen  durchdrängen;    eine  freie  offene  Bahn  existirt  eigentlich 
gar  nicht.     Die  Drüsenzelleo  sind  in  den  Hascbenränmen  zusam- 
mengedrängt, im  Umfange  loser,  im  Innern  dichter,  wie  die  Theil- 
chen  in  einem  EoblenGltrum,  so  dass  die  Lymphe  gleichsam  Gltrirt 


Fi|;.  70.  Da rcb schnitte  durch  die  Einde  menschlicher  Gekrös  -  Dröten. 
A.  Schw&che  Verfcrüsserunit  der  ganz«a  Rinde:  P  Umgebendes  Fettgewebe  tud 
Cap«e],  durch  welche  Blutf^ifisse  r,  c,  p  eintreten.  F,  F,  F  Follikel  der  DrÜM, 
in  «elcbe  sich  die  BlutRe^se  zum  Theil  einsenken,  bei  >,  ■  das  die  Follikel 
trennende  Zwischengewebe  (ätroma). 

B.  Stirkere  Veri^rüssening  (^80  mal).  C  dt»  parallel -fibrillire  Gewebe  ihr 
Capsel.  n,  a  das  Beliculum,  zum  Theil  leer,  tum  Theil  mit  dem  keniigen  Inhalt 
erfüllL    Das  Ganu  stellt  den  äusseren  Abschnitt  eines  Follikels  dar. 

*)  G.  Eckard:  De  glaDdulamm  lymphatieanuD  (tmctura-  Diu.  tnang. 
Berol.  I8j8     p.  12.    Fig.  l-III. 


Durchstromung  der  Lymphdrasen.  209 

ond  gereinigt  auf  der  anderen  Seite  wieder  hervorquillt.  Die  Fol- 
likel sind  demnach  als  Räume  zu  betrachten,  die  mit  zelligen 
Elementen  erfüllt,  aber  von  einem  vielbalkigen  Reticulum  durch- 
setzt sind.  Sie  können  nicht  als  Windungen  oder  Erweiterungen 
der  Lymphgefässe  gelten;  im  Gegentheil,  sie  unterbrechen  die 
offenen  Lympbbahnen,  und  zwar  um  so  vollständiger,  je  stärker 
sie  entwickelt  sind.  Aber  sie  haben  keineswegs,  wie  der  äussere 
Anschein  vermuthen  lässt,  eine  kugelige  Gestalt,  sondern  sie  bil- 
den längere,  strangartige,  unter  einander  zusammenhängende  Züge, 
welche  gegen  die  Rinde  hin  dicker  werden  und  rundlich  endigen. 
Das  sind  die  sogenannten  Markschläuche  (His),  Markstränge 
(KOlliker)  oder  Follicularstränge  (v.  Recklinghausen). 

Durch  die  sorgfältigen  Untersuchungen  von  His  und  Frey 
ist  neuerlich  der  Nachweis  gefuhrt,  dass  die  eintretenden  Lymph- 
gefässe  sich  nicht  ganz  und  gar  in  die  Follikel  auflösen,  sondern 
dass  sie,  indem  sie  ihre  besonderen  Wandungen  einbüssen,  sich 
in  sinuöse  oder  lacunäre  Räume  (Spalten)  verlieren,  welche  im 
Umfange  der  Follikel  gelegen,  aber  'gegen  das  Innere  derselben 
nicht  abgeschlossen  sind.  Auch  besteht  nach  Frey  durch  Ver- 
mittelung  dieser  Sinus  oder  Lacunen  eine  offene  Verbindung  zwi- 
schen eintretenden  und  austretenden  Lymphgefässen.  Indess 
muss  man  gerade  bei  den  Lympdrüsen  sehr  vorsichtig  sein,  die 
comparativ  -  anatomischen  Erfahrungen  ohne  Weiteres  in  die 
menschliche  Anatomie  zu  übertragen.  Bei  manchen  Säugethieren, 
namentlich  beim  Rind,  sind  die  Randsinus  allerdings  ziemlich 
gross,  und  obwohl  auch  sie  durch  ein  Reticulum  durchzogen  und 
keineswegs  frei  von  Zellen  sind,  so  mag  immerhin  ein  freierer 
Durchgang  durch  die  Drüse  bestehen.  Beim  Menschen  dagegen 
sind  die  Randsinus  viel  enger  und  nicht  einmal  constant  vor- 
handen, so  dass  eine  so  scharfe  Grenze  zwischen  den  sogenannten 
Mariesträngen  und  den  Lymphbahnen,  wie  bei  manchen  Säuge- 
thieren, nicht  zu  erkennen  ist. 

Jedenfalls  kann  darüber  kein  Zweifel  bestehen,  dass  die 
Lymphe,  indem  sie  sich  durch  die  engen  Spalten  des  Drüsenge- 
webes hindurchzwängt,  aus  demselben  einen  Theil  der  Parenchym- 
zellen  ablöst  und  mit  sich  fortschwemmt.  Die  eintretende  Lymphe 
ist  verhältnissmässig  arm  an  Zellen*),  die  austretende  dagegen  sehr 


*)  Gesammelte  Abhandl.  S.  214. 

Virebow,  CelluUr-Palhol.    4.  Aut.  ^^ 


210  Neuntes  Gapitel. 

reich.  Diese  Zellen  erscheinen  znoächst  in  der  Lymphe  als  Lymph- 
körperchen,  im  Ghylns  als  Ghylnskörperchen,  später  im 
Blnte  als  farblose  Blutkörperchen.  Ueber  diesen  Znsammen- 
hang besteht  kaum  noch  ein  Streit.  Aber  man  darf  die  Identifi- 
cimng  nicht  übertreiben,  wie  es  jetzt  so  häufig  geschieht.  Auch 
die  einzelne  Epidermiszelle  war  einmal  eine  Zelle  des  Rete  Mal- 
pighii;  nichtsdestoweniger  ist  sie  so  sehr  verändert,  dass  man  sie 
nicht  mehr  eine  Rete -Zelle  nennen  darf.  Genau  so  verhält  es 
sich  auch  hier.  Wenn  eine  Lymphdrusenzelle  (Parenchymzelle)  zu 
einem  Lymphkörperchen  (Flüssigkeitszelle)  wird,  so  verändert  sie 
sich,  und  wenn  ein  Lymphkörperchen  zu  einem  farblosen  Blut- 
körperchen wird,  so  verändert  es  sich  wiederum,  so  dass  ein 
Lymphdrusenkörperchen  von  einem  Lymphkörperchen  und  beide 
von  einem  farblosen  Blutkörperchen  regelmässig  verschieden  sind. 

Freilich  gibt  es  Fälle,  wo  die  Eörperchen  fast  unverändert 
bleiben,  trotzdem  dass  sie  die  Drüsen  verlassen  und  in  Lymphe 
und  Blut  übergehen.  Schon  bei  einfacheren  Reizungsvorgängen 
finden  sich  zuweilen  Elemente  in  grosser  Zahl  im  Blute  (Fig.  66), 
welche  viel  mehr  den  Lymphkörperchen  oder  den  Lymphdrüsen- 
zellen gleichen,  als  den  gewöhnlichen  farblosen  Blutkörperchen. 
Noch  viel  auffälliger  ist  dies  bei  der  lymphatischen  Leukämie 
(Lymphämie),  und  gerade  deshalb  ist  diese  so  ausserordentlich 
lehrreich.  Aber  aus  diesen  Ausnahmefällen  darf  man  nicht  die 
Regel  machen.  Regel  ist  vielmehr,  dass  die  Drüsenzelle,  welche 
fortgeführt  wird  (auswandert?),  ihre  Eigenschaften  ändert,  und 
zwar  um  so  mehr,  je  weiter  sie  im  Strome  der  Lymphe  und  des 
Blutes  fortgeführt  wird.  Daher  ist  es  höchst  bedenklich,  die  farb- 
losen Blutkörperchen  einfach  Lymphkörperchen  zu  nennen;  mit 
eben  so  viel  Recht  könnte  man  die  Lymphdrüsenzellen  farblose 
Blutkörperchen  heissen. 

Die  Parenchymzellen  der  Lymphdrüsen  sind  unter  sich  ziem- 
lich verschieden.  Sie  konmien  jedoch  sämmtlich  darin  überein, 
dass  sie  verhältnissmässig  grosse,  granulirte,  mit  einem  oder 
mehreren  Eernkörperchen  versehene  Kerne  haben.  Diese  Keine 
sind  ganz  überwiegend  einfach.  Man  sieht  sie  in  den  Zellen  schon 
ohne  besondere  Zusätze,  doch  macht  Essigsäure  sie  noch  deutli- 
cher. Ueberaus  häufig  findet  man  sie  „nackt"  (Fig.  71,  A^  a), 
ohne  Zellkörper,  denn  der  letztere  ist  sehr  gebrechlicher  Natnr 
und  wird  bei  der  Präparation  leicht  zerdrückt  oder  aufgelöst.  Bei 


Lymphdrüsen-  und  Lymphlörperchen.  211. 

Flg.  71. 

B 

e 


9 


@^®! 


vorsichtiger  Behandlung  findet  *man  die  Kerne  von  Zellkörpem 
umhüllt,  doch  sind  diese  oft  so  klein,  dass  sie  nur  schmale  S&ume 
um  die  Kerne  darstellen  (Fig.  71,  A^  b).  Der  Kern,  wenngleich 
klein,  erscheint  dann  unverhältnissmässig  gross  in  der  klei- 
nen Zeile.  —  Diese  Art  von  Elementen  ist  die  vorherrschende. 
Daneben  finden  sich  jedoch  in  allen  Lymphdrüsen  auch  grössere, 
mit  stärker  entwickeltem  Leibe,  aber  immer  bleibt  der  Kern  ver- 
b&ltnissmässig  gross:  er  wächst  mit  der  Zelle  (Fig.  71,  Z?,  c). 

Nur  diese  letztere  Form  stimmt  einigermaassen  mit  den  Zel- 
len der  Lymphe  überein.  Denn  auch  diese  sind  verhältnissmässig 
grosse,  überwiegend  einkernige  Zellen,  deren  grosser  körniger 
Kern  einen  oder  mehrere  Nucleoli  zeigt.  Aber  der  Zellkörper  ist 
meist  umfangreicher,  und  er  hat  so  sehr  an  Dichtigkeit  gewonnen, 
dass  die  Kerne  undeutlicher  werden.  Noch  viel  mehr  ist  dies  der 
Fall  bei  den  farblosen  Blutkörperchen,  deren  dichter,  stark  gra- 
nulirter  Körper  die  Kerne  ganz  verhüllt,  so  dass  erst  durch  Rea- 
gentien  oder  durch  Wasserimbibition  dieselben  sichtbar  gemacht 
werden  müssen.  Werden  sie  aber  sichtbar,  so  sind  sie  mehrfach, 
in  der  Regel  3  — 7  an  der  Zahl,  glatt  und  gänzlich  ohne 
Kernkörperchen.  Was  nach  Einwirkung  von  Essigsäure  zu- 
weilen als  ein  Kernkörperchen  erscheint,  das  erweist  sich  bei 
stärkerer  Yergrösserung  als  eine  kleine  Delle  an  der  Kern- 
oberfläche (Fig.  72,  A  c  Xk.  e^  B  b  n.  c). 

Ich  verstehe  daher  in  der  That  nicht,  wie  selbst  sehr  geübte 
Beobachter  in  der  neueren  Zeit  alle  diese  Zellen  einfach  „identi- 


Fig.  71.  Lymphkörperchen  aus  dem  Innern  der  Lymphdrüsen  -  Follikel. 
A.  Die  Kewöbnlicben  Elemente:  a  nackte  Kerne,  mit  und  ohne  Kernkörperchen, 
einfach  und  getheilt.  h  Zellen  mit  kleineren  und  grösseren  Kernen,  die  Membran 
dem  Kern  sehr  eng  anliegend.  B.  Vergrösserte  Elemente  aus  einer  hyper- 
plastischen Bronchialdrüse  bei  variolöser  Pneumonie  (vgl.  bei  Fig.  G4.  die  zuge- 
hörigen farblosen  Blutkörperchen),  a  grössere  Zellen  mit  Körnern  und  einfachen 
Kernen.  6  keulenförmige  Zellen,  c  grössere  Zellen  mit  grösserem  Kern  und 
Kernkörperchen.  d  Kemtheilung.  e  keulenförmige  Zellen  in  dichter  Aueinandcr- 
lagerung  (Zeilentheilung?).    C  Zellen  mit  endogener  Brut.    Vergr.  300. 

14* 


212  Neuntes  Capitel. 

ficiren^.  Wie  sollte  man  denn  Eiter  in  einer  Lymphdrüse  erken- 
nen, wenn  die  Parenchymzellen  derselben  mit  farblosen  Blutkör- 
perchen identisch  wären?  Das  farblose  BlntkOrperchen  war  einmal 
eine  Lymphdrüsenzelle,  aber  es  hat  vollständig  aufgehört,  dies  zu 
sein,  nachdem  es  sich  eben  zu  einem  Blutkörperchen  entwickelt 
hat,  nachdem  sein  Kern  sich  getheilt  und  wesentlich  verändert, 
sein  Körper  sich  vergrössert  und  verdichtet  hat  Ja,  ich  finde  es 
so  sehr  verändert,  dass  ich  leichter  begreife,  wenn  jemand  seine 
Abstammung  aus  der  Drüse  bezweifelt.  Wenn  ich  trotzdem  daran 
festhalte,  dass  das  Drüsenparenchym  die  Matrix  der  farblosen 
Blutkörperchen  ist,  so  geschieht  es  im  Hinblick  auf  die  Erschei- 
nungen, welche  eine  gereizte  Drüse  darbietet.  Hier  zeigen  sich 
auch  im  Drüsenparenchym  nicht  nur  vergrösserte  Zellen,  sondern 
man  sieht  auch  fortschreitende  Kern-  und  Zellentheilungen  (Fig. 
71,  By  (f,  e).  Zuweilen  kommen  vielkemige  Zellen  vor  und  ein- 
zelne Erscheinungen  scheinen  für  endogene  Neubildung  (Fig.  71,  C) 
zu  sprechen.  Mit  zunehmender  Reizung  werden  diese  Vorgänge 
immer  deutlicher.  Je  mehr  die  Drüsen  sich  vergrössem,  um  so 
zahlreicher  werden  die  zelligen  Elemente,  welche  in  das  Blut  über- 
gehen, um  so  grösser  und  um  so  mehr  entwickelt  pflegen  auch 
die  einzelnen  farblosen  Zellen  des  Blutes  selbst  zu  sein. 

Dasselbe  Verhältniss  scheint  bei  der  Milz  obzuwalten.  Ur- 
sprünglich haben  wir  uns  Alle  gedacht,  dass  die  Venen  die  Wege 
darstellten,  auf  welchen  die  farblosen  Körper  die  Milz  verlassen, 
aliein  die  Verhältnisse  sind  hier  so  schwierig,  dass  eine  bestimmte 
Aussage  kaum  gemacht  werden  kann.  Nach  den  Untersuchungen 
von  Wilhelm  Müller  scheint  es,  dass  ähnliche  Unterbrechungen, 
wie  man  sie  von  der  Wand  der  Milzvenen  mancher  Säugethiere 
schon  länger  kennt,  auch  in  den  Milzcapillaren  vorkommen,  und 
dass  die  Wand  der  letzteren  ebenfalls  eine  siebförmige  Beschaffen- 
heit annimmt,  welche  den  Zugang  zu  einem  wandungslosen  Systeme 
von  Gapillarspalten  innerhalb  der  Pulpa  gestattet.  Hier  würde 
denmach  das  Blut  in  einen  unmittelbaren  Contakt  mit  den  Zellen 
der  Pulpa  kommen,  und  erst,  nachdem  es  dieses  ,}intermediäre^ 
Kanalnetz  passirt  hat,  in  die  gleichfalls  siebfarmigen  Anfänge  der 
Venen  übertreten.  Unter  solchen  Verhältnissen,  wie  ich  sie  schon 
vor  Jahren  eingehend  erörtert  habe*),  würde  allerdings  aoch  der 


•)  Archiv  1848.    II.   505.     1853.   V.    VH. 


Bildung  der  rothen  Blutkörperchen.  213 

Uebergang  von  Pulpazellen  in  den  Blntstrom  keine  Schwierigkeit 
haben.  Andererseits  kennt  man  sowohl  an  der  Capsel  der  Milz, 
als  an  den  Gefässscheiden  im  Innern  derselben  Lymphgefässe,  nnd 
es  ist  daher  die  Möglichkeit  nicht  ausgeschlossen,  dass  auch  auf 
diesem  Wege  Milzelemente  den  circulirenden  Säften  zugeführt 
werden.  Indess  Iftsst  sich  nicht  verkennen,  dass  die  Beschaffenheit 
der  Zellen  in  der  lienalen  Leuk&mie  (Splenftmie)  mehr  für  die 
Abstammung  derselben  aus  der  Pulpa  und  demnach  für  ihre  Ein- 
wanderung in  die  Blutgefässe  spricht.  Denn  in  der  Pulpa  selbst 
sind  überhaupt  keine  Lymphgefässe  bekannt. 

Dabei  ist  jedoch  eine  erhebliche  Schwierigkeit  nicht  zu  ver- 
schweigen. Die  Pulpazellen  sind  überwiegend  grössere,  mit  einem 
einfachen,  granulirten  Kern  und  Kemkörperchen  versehene  Ele- 
mente, wie  sie  selbst  in  der  Milz  veno  nicht  die  Mehrheit  bilden. 
Wenngleich  diese  Zellen  den  Lymphkörperchen  näher  stehen,  so 
fehlt  ihnen  doch  die  Zeit,  sich  in  farblose  Blutkörperchen  umzu- 
bilden, da  sie  direkt  in  das  Blut  übergehen  müssten,  während  die 
Lymphkörperchen  einen  verhältnissmässig  langen  Weg  bis  zum 
Blute  zu  durchlaufen  haben.  Es  müsste  also  die  Umbildung  schon 
in  der  Milz  selbst  geschehen.  Vorläufig  lässt  sich  darüber  ebenso 
wenig  ein  sicheres  ürtheil  abgeben,  wie  über  die  Frage,  wo  für 
gewöhnlich  die  Umbildung  der  farblosen  Eörperchen 
in  rothe  geschehe? 

Dass  eine  solche  geschieht,  wissen  wir  aus  der  Geschichte 
des  Blutes  bei  niederen  Wirbelthieren  und  beim  menschlichen 
Embryo,  sowie  aus  einzelnen  Beobachtungen  beim  erwachsenen 
Menschen.  Der  Zellkörper  (Zelleninhalt)  farbloser  Eernzellen  wan- 
delt sich  nach  und  nach  in  die  rothe  Hämoglobinsubstanz  um,  und 
der  Kern  verschwindet.  Aber  dies  geschieht  regelmässig  an  ein- 
kernigen Elementen,  und  daher  habe  ich  von  Anfang  an  den  Satz 
vertheidigt,  dass  die  mehrkemigen  farblosen  Blutkörperchen  zu 
einer  solchen  Umwandlung  nicht  bestimmt  seien,  dass  sie  viel- 
mehr indifferente  Gebilde  darstellen,  welche  zum  Untergange  be- 
stimmt sind*).  In  der  That  habe  ich  schon  in  meinem  ersten 
Falle  von  Leukämie  an  ihnen  Fettmetamorphose  deutlich  beob- 
achtet**),  und  Reinhardt  hat  diesen  Vorgang  bestätigt ***).  Die 


*)  Gesammelte  Abhandlungen.  S.  217. 
••)  Froriep's  Neue  Notizen.  1845.    Nov.     No.  780. 
•••)  Archiv  1847.    I.    65. 


214  Neuntes  Capitel. 

eigenthümlich  rothe  Farbe  der  Milzpulpa  und  die  Eigenschaft  des 
Lympbdrusenparenchyms ,  an  der  Luft  eine  brämilichrothe  Farbe 
anzunehmen,  sind  mir  als  Anzeichen  dafür  erschienen,  dass  diese 
Oi^ane  auch  zn  der  Erzeugung  des  Blutfarbstoffes  in  einem  nä- 
heren Verhältnisse  stehen  mnssten. 

Durch  die  neueren  Untersuchungen  von  Neumann,  Bizzo- 
zero  und  Wald ey er  ist  die  Aufmerksamkeit  noch  auf  einen 
dritten  Ort,  das  Knochenmark,  gelenkt  worden,  welchem  ähn- 
liche Beziehungen  zur  Blntbildung  zugeschrieben  wurden.  In  der 
That  zeigt  das  rothe  Knochenmark  neben  ungewöhnlich  grossen 
venösen  Gefässen  zahlreiche  Rundzellen,  unter  denen  neben  über- 
wiegend einkernigen  auch  nicht  selten  mehrkemige  gesehen  wer- 
den. Dass  unter  gewissen  Umständen  auch  von  hier  aus  eine  Zu- 
fuhr zum  Blute  geschehen  mag,  ist  nicht  unwahrscheinlich.  In- 
dess  scheint  mir  eine  regelmässige  Beziehung  um  so  weniger 
wahrscheinlich,  als  beim  Erwachsenen,  wo  gerade  am  meisten  ein 
Bedfirfniss  zu  solcher  Einfuhr  vorliegt,  das  Mark  der  meisten 
Knochen  in  Fettgewebe  übergeht,  und  nur  gewisse  Abschnitte  der 
Spongiosa  sich  in  dem  früheren,  kleinzelligen  Zustande  erhalten. 

Ungleich  bedeutungsvoller  dagegen  könnte  das  Verhältniss  der 
Lymphgefässe  zu  den  Geweben  auch  für  diese  Frage  werden.  Bei 
manchen  Thieren,  und  gerade  bei  unserem  gewöhnlichen  Versuchs- 
thiere,  dem  Frosche,  fehlen  Lymphdrüsen  eigentlich  gänzlich,  und 
wenn  man  forscht,  woher  hier  die  farblosen  Blutkörperchen  stammen, 
so  kommt  man  leicht  auf  dieselbe  Antwort,  die  wir  f&r  das  Fibrin 
gegeben  haben,  nehmlich  dass  das  Gewebe  selbst  und  zwar  vor- 
wiegend das  Bindegewebe  und  seine  Aequivalente  die  Quelle  ent- 
halte. Alsbald,  nachdem  ich  die  Bindegewebskörperchen  nachge- 
wiesen hatte,  sprach  ich  die  Meinung  aus,  dass  dieselben  mit  den 
Anfängen  der  Lymphgefässe  in  ähnlicher  Weise  zusammenhängen, 
wie  die  Lymphdrüsen  *),  und  bald  nachher  wies  ich  in  einem  Falle 
von  cougenitaler  Makroglossie  ^  unmittelbare  Uebergänge  von  Wu- 
cherungsheerden  der  Bindegewebskörperchen  zu  grossen  Lymph- 
gefilssen  nach.  Die  schönen  Untersuchungen  v.  Recklinghau- 
sen's  haben  diesen  Zusammenhang  für  zahbeiche  Orte  des  Kör- 
pers dargethan,  nur  dass  nach  der  Ansicht  dieses  Forschers  nicht 


•)  Würzb.  Yerhandl.  1855.   II.    150,  3U.    Gesammelte  Abhandl.  S.  136. 
••)  ArchW  VIL     132. 


Die  Lymphgefasse.  215 

die  BindegewebskOrperchen  selbst,  sondern  nur  die  von  ihnen  ein- 
genommenen Räume  nod  Eanälchen  in  offener  Verbindung  mit 
den  Lymphgefässen  stehen,  —  eine  Differenz,  welche  mit  der 
früher  erörterten  Frage  zusammenhängt,  ob  die  Wandungen  der 
Höhlen,  in  welchen  sich  die  Bindegewebskörpercben  befinden,  zu 
den  in  ihnen  enthaltenen  Zellen  gehören,  oder  nicht  (S.  139). 
Die  Beobachtungen  Chrzonszczewski's  fiber  die  Füllung  der 
Bindegewebskörpercben  und  der  Lymphgefasse  von  Hühnern,  detien 
die  Ureteren  unterbunden  sind,  mit  hamsauren  Salzen,  selbst  die 
Erfahrungen  von  Eöster  über  den  Nabelstrang  sprechen  sehr 
zu  Gunsten  meiner  Auffassung,  indess  will  ich  dieselbe  hier  nicht 
betonen,  da  es  für  die  Untersuchung  über  den  Ursprung  der 
Lymphe  nicht  von  entscheidender  Bedeutung  ist,  zu  welcher  von 
beiden  Meinungen  man  sich  bekennt.  Besteht  überhaupt  ein  un- 
mittelbarer Zusammenhang,  so  ist  auch  eine  Ueberwanderung  der 
Bindegewebskörpercben  oder  ihrer  Tochterzellen  in  den  Lymph- 
strom zulässig. 

Die  grösseren  Lymphgefasse,  welche  eigentlich  so  genannt 
werden,  bestehen,  wie  die  Blutgefässe,  aus  mehreren  Häuten, 
einer  bindegewebigen,  mit  elastischen  Theilen  stark  durchsetzten 
Intima,  einer  muskulösen  Media  und  einer  gleichfalls  bindegewe- 
bigen Adventitia.  Die  innere  Oberfläche  ist  von  einem  feinen  Plat- 
tenepithel überzogen.  Die  Lymphgefasse  sind  daher  in  hohem 
Maasse  contraktil.  Bei  Versuchen  an  dem  Körper  eines  Hinge- 
richteten, die  ich  mitEöUiker  anstellte*),  fanden  wir,  dass  sich 
auf  elektrische  Reizung  peripherische  Lymphgefasse  bis  zum  Ver- 
schwinden ihres  Lumens,  und  zwar  auf  lange  Zeit  zusammenzogen. 
Bei  dem  Reichthum  dieser  Lymphgefasse  an  Klappen  kann  solchen 
Contractionen ,  wie  denen  gewisser  Venen,  allerdings  ein  propul- 
sorischer  Einfluss  auf  den  Flüssigkeitsstrom  zugesprochen  werden. 

Verfolgt  man  die  Lymphgefasse  gegen  die  Peripherie,  so 
kommt  man  zu  Verästelungen,  welche  immer  enger  werden  und 
schliesslich  nur  noch  mikroskopisch  erkannt  werden  können.  Von 
ihnen  sind  am  längsten  das  centrale  Chylusgefäss  der  Darmzotten 
und  die  kleinen  Lymphwurzeln  im  Schwänze  der  Froschlarve  be- 
kannt. Erst  durch  v.  Recklinghausen  ist  in  zahlreichen  Thei- 
len ein  reiches  Netz  von  Lymphbahnen  entdeckt  worden,  welches 


*)  Zeitschrift  für  wiss.  Zoologie.  1851.   111.   40. 


216  Neuntes  Capitel. 

gar  keine  andere  Wand  mehr  bat,  als  ein  überang  dünnes  und 
durcbsichtiges  Plattenepitbel,  das  nur  durch  künstliche  Färbun- 
gen, am  besten  durch  Silbernitrat,  sichtbar  gemacht  werden 
kann.  Gerade  in  bindegewebigen  Theilen,  und  zwar  sowohl  im 
weichen,  namentlich  interstitiellen  Bindegewebe,  als  auch  in  har- 
ten, sehnigen  und  aponeurotiscben  Theilen  bildet  dasselbe  zum 
Theil  sehr  weite  und  zahlreiche  Gan&le  von  grosser  Unregelmässig- 
keit und  Veränderlichkeit  der  Wandungen.  Diese  lymphati- 
schen Capillaren  sind  es,  welche  mit  dem  Röhrensystem  des 
Bindegewebes  und  seiner  Aequivalente  in  offener  Verbindung  ste- 
hen und  daher  für  die  Abfuhr  der  Produkte  des  Bindegewebes  die 
natürlichen  Wege  darstellen. 

Gewiss  ist  es  daher  unrichtig,  wenn  man  in  der  Lymphe  nur 
den  für  die  Ernährung  der  Gewebe  unbrauchbaren  oder  wenigstens 
unbenutzten  Rest  der  aus  den  Blutcapillaren  transsudirenden  £r- 
näbrungssäfte  sieht.  Lymphgefässe  sind  an  manchen  Theilen,  welche 
sehr  arm  an  Blutgefässen  sind,  überaus  reichlich,  und  umgekehrt  an 
manchen  Theilen,  welche  dicht  voll  von  Blutgefässen  stecken,  sehr 
spärlich.  Ist  die  Lymphe,  wie  der  Ghylus,  der  ja  doch  nur  eine  mo- 
dificirte  Lymphe  darstellt,  eine  zur  Bildung  und  zur  Regeneration 
des  Blutes  dienende  Flüssigkeit,  so  lässt  sich  auch  erwarten,  dass 
gerade  das  Bindegewebe,  welches  überwiegend  die  Wurzeln  der 
Lymphgefässe  und  daher  die  Quellen  der  Lymphe  enthält,  einen 
entscheidenden  Einfluss  darauf  ausübt,  und  man  darf  in  dem  Be- 
streben, das  blosse  Communications- Verhältniss  der  verschiedenen 
Röhrensysteme  festzustellen,  nicht  übersehen,  dass  ohne  die  in 
demselben  befindlichen  Zellen  diese  Röhrensysteme  keine  Bedeutung 
mehr  haben  würden.  In  den  letzten  Jahren  hat  man  in  der  Lymphe 
immer  mehr  eine  recrementiti eile  Flüssigkeit  gesehen,  welche 
die  verbrauchten  Stoffe  in  die  allgemeine  Blutbahn  überführt,  da- 
mit sie  von  da  durch  die  Secretionsorgane  ausgeschieden  werden; 
es  ist  Zeit,  dass  wir  wenigstens  zum  Theil  zu  der  Auffassung 
Hewson's  von  der  plastischen  Natur  der  Lymphe  zurück- 
kehren. 


Zehntes  Capitel. 

Pyämie  und  Lenkocytose. 


Vwgleieb  d«r  farbloMO  Blot-  nod  BlterkSrpercbeo.    Die  physiologisch«  Biterresorptlon :    di«  an- 

▼ollstiodig«  (InspissatioD ,   kisig«  Umwandlang)    und    dl«    voUst&ndige    (FettmeUmorphos«, 

mUehlge  Umvnndlnng).    Intravatation  von  Blt«r. 
Biter  In  Ljmphg«fiss«n.    Di«  Hemmong  der  Stoff«  in  den  Lymphdrasen.    Il«ehanlsche  Trennang 

(Filtration);  Tittowintngsfarb«n.     Mo;;l{cbes  Darehkriechen  der  Eiterkörperchen.     Chemische 

Tr«Banng  (Attnedon):  Krebs,  Syphilis.    Di«  Reiinng  der  Lymphdrfisen  and  ihr«  Bedentang 

far  die  L«akocytos«. 
Dl«  (physiologische)  dig«stiT«  ond  pa«rperAl«  Leakocytos«.  Die  pathologisch«  Lsakocytos«  (Sero- 

falos«.  Typhos,  Kr«bs,  Brysip«!). 
DI«  lymphoidon  Apparat«:    solitir«  und  P«y«rsche  Follikel  des  Darms.    Tonsillsn  and  Zong«n 

follik«!.    Thymns.    Ilili. 
Völlig«  Zarackw«isang  d«r  Pyamie  als  morphologisch  nachwoisbarer  Dyscrasie. 


An  die  ErwäguDgen  des  vorigen  Gapitels  schliesst  sich  mit  ein- 
dringlicher Noth wendigkeit  die  Frage  von  der  Pyämie  an,  nnd 
da  dies  nicht  bloss  ein  Gegenstand  von  der  grössten  praktischen 
Bedentang  ist,  sondern  derselbe  anch  zn  den  wissenschaftlich  am 
meisten  streitigen  zn  rechnen  ist,  so  dürfte  es  wohl  gerechtfertigt 
sein,  näher  anf  seine  Besprechung  einzugehen. 

Was  soll  man  unter  Pyämie  verstehen?  In  der  Regel  hat 
man  sich  gedacht,  es  sei  dies  ein  Zustand,  wo  das  Blut  Eiter 
enthalte.  Man  hat  ihn  daher  auch  geradezu  purulente  Infection 
oder  Eitervergiftung  genannt.  Da  aber  der  Eiter  wesentlich 
durch  seine  morphologischen  Bestandtheile  charakterisirt  wird,  so 
handelte  es  sich  natürlich  darum,  im  Blute  die  Eiterkörperchen 
zu  zeigen.  Das  hat  man  denn  auch  redlich  versucht,  und  mancher 
Beobachter  glaubte  es  geleistet  zu  haben.  Nachdem  wir  jedoch 
erfahren  haben,  dass  die  farblosen  Blutkörperchen  in  ihrer  ge- 
wöhnlichen Erscheinung,   bei   Leuten   im   besten  Gesundheitszu- 


218  Zehntes  Gapitel. 

Stande,  den  Eiterkörperchen  ganz  ähnlich  sind  (S.  183),  so  fällt 
damit  von  vornherein  eine  wesentliche  Yoranssetznng  dieser  Nach- 
weise weg.  Um  indess  einigermaassen  Klarheit  in  den  Gegenstand 
zn  bringen,  ist  es  nothwendig,  auf  die  verschiedenen  Gesichts- 
punkte, welche  hierbei  in  Betracht  kommen,  im  Einzelnen  einzu- 
gehen. 

Die  farblosen  Blutkörperchen  sind  zum  Verwechseln  den 
Eiterkörperchen  ähnlich,  so  dass,  wenn  man  in  einem  mikrosko- 
pischen Objecto  solche  Elemente  antrifft,  man  nie  ohne  Weiteres 
mit  Sicherheit  angeben  kann,  ob  man  es  mit  farblosen  Blutkör- 
perchen oder  mit  Eiterkörperchen  zu  thun  hat*).  Fruherhin  hatte 
man,  vielfach  die  Ansicht,  dass  die  Bestandtheile  des  Eiters  im  Blute 
präexistirten,  dass  der  Eiter  nur  eine  Art  von  Secret  aus  dem  Blute 
sei,  wie  etwa  der  Harn,  und  dass  er  auch,  wie  eine  einfache 
Flfissigkcit,  in  das  Blut  zurückkehren  könne.  Diese  Ansicht  er- 
klärt die  Auffassung,  welche  in  der  Lehre  von  der  sogenannten 
physiologischen  Eiterresorption,  d.  h.  der  Resorption  von 
Eiter  zum  Zwecke  der  Heilung,  sich  so  lange  erhalten  hat. 

Man  stellte  sich  vor,  dass  der  Eiter  von  einzelnen  Punkten 
her,  an  welchen  er  abgelagert  war,  wieder  in  das  Blut  aufge- 
nommen werden  könne,  und  dass  dadurch  eine  günstige  Wendung 
in  der  Krankheit  eintrete,  insofern  der  aufgenommene  Eiter  end- 
lich aus  dem  Körper  entfernt  werde.  Man  erzählte,  dass  bei 
Kranken  mit  Eiter  im  Pleurasäcke  die  Krankheit  sich  durch  eite- 
rigen Harn  oder  eiterigen  Stuhlgang  entscheiden  könne,  ohne  dass 
ein  Durchbruch  des  Eiters  von  der  Pleura  her  in  den  Dann  oder 
die  Hamwege  vorhergegangen  sei.  Man  Hess  also  die  Möglichkeit 
zu,  dass  durch  die  circulirenden  Flüssigkeiten  Eiter  in  Substanz 
aufgenommen  und  weggeführt  werden  könnte.  Späterhin,  als  die 
Lehre  von  der  purulenten  Infection  mehr  und  mehr  aufkam,  hat 
man  diesen  (vorausgesetzten)  Fall  unter  dem  Namen  der  physio- 
logischen Eiterresorption  von  der  pathologischen  unterschieden, 
und  es  blieb  nur  fraglich,  wie  man  die  erstere  in  ihrem  günstigen 
und  die  letztere  in  ihrem  malignen  Verlaufe  sich  erklären  sollte. 
Diese  Angelegenheit  erledigt  sich  einfach  dadurch,  dass  Eiter 
als  Eiter  nie  resorbirt  wird.  Es  gibt  keine  Form,  in  der 
Eiter  in  Substanz   auf  dem  Wege  der  Resorption  verschwinden 


*)  Archiv.  I.  242.    Gesammelte  Abhandl.  161,  223,  645. 


Unvollständige  Eiterresorption.  219 

könnte;  immer  sind  es  die  flussigen  Tbeile  des  Eiters,  welche 
aufgenommen  werden,  und  daher  lässt  sich  dasjenige,  was  man 
Eiterresorption  nennt,  auf  folgende  zwei  Möglichkeiten  zurück- 
führen: 

Im  einen  Falle  ist  der  Eiter  mit  seinen  Eörperchen  zur  Zeit 
der  Resorption  mehr  oder  weniger  intact  vorhanden.  Dann  wird 
natürlich  in  dem  Maasse,  als  Flüssigkeit  verschwindet,  der  Eiter 
dicker  werden.  Es  ist  dies  die  allbekannte  Eindickung  (In- 
spissation)  des  Eiters,  wodurch  dasjenige  erzeugt  wird,  was  die 
Franzosen  „pus  concreto  nennen*).  Dieses  stellt  eine  dicke  Masse 
dar,  welche  die  Eiterkörperchen  in  einem  geschrumpften  Zustande 
enthält,  nachdem  nicht  bloss  die  Flüssigkeit  zwischen  den  Eiter- 
körpereben (das  Eiterserum),  sondern  auch  ein  Tbeil  der  Flüssig- 
keit, die  sich  in  den  Eiterkörperchen  befand,  verschwunden  ist. 

Der  Eiter  besteht  seinem  Haupttheile  nach  aus  kleinen,  farb- 
losen Rundzellen,  welche  im  gewöhnlichen  Zustande  eine  dicht  an 


Flg.  73. 


a 


b      ^      r  rf 


a 


c 


o&s- 


der  anderen  liegen  (Fig.  72,  C.\  und  zwischen  welchen  sich  eine 
geringe  Masse  von  Intercellularflüssigkeit  (Eiterserum)  befindet. 
Die  Eiterkörperchen  selbst  enthalten  gleichfalls  eine  grosse  Menge  von 
Wasser  und  sind  deshalb  von  sehr  geringem,  specifiscbem  Gewichte; 
fast  jeder  Eiter,  mag  er  auch  im  frischen  Zustande  sehr  dick  aus- 
sehen, hat  doch  einen  so  grossen  Antheil  von  Wasser,  dass  er  bei 


Fig.  72.  Eiter.  A.  Eiterkörperchen,  a  frisch,  6  mit  etwas  Wasserzusatz, 
c — €  nach  Essigsäure-Behandlung,  der  Inhalt  klar  geworden,  die  in  der  Theilung 
begriffenen  oder  schon  getheilten  Kerne  sichtbar,  bei  €  mit  leichter  Depression 
der  Oberfläche.  B,  Kerne  der  Eiterkörperchen  bei  Gonorrhoe:  a  einfacher  Kern 
mit  Kemkorpeicben,  b  beginnende  Theilung,  Depression  des  Kerns,  c  fortschrei- 
tende Zweitheilung,  ä  Dreitheilung.  C.  Eiterkörperchen  in  dem  natürlichen  La- 
gerungsverhältniss  zu  einander.    Vergr.  500. 

•)  Archiv  I.    175,  181. 


220  Zehntes  Capitel. 

der  EindampfüDg  viel  mehr  verliert,  als  eine  entsprechende  Quan- 
tität von  Blut.  Letzteres  macht  nur  deshalb  den  Eindrack  der 
grösseren  Wässrigkeit,  weil  es  sehr  viel  freie  intercellolare,  aber 
relativ  wenig  intracellnlare  Flüssigkeit  besitzt,  während  umge- 
kehrt beim  Eiter  mehr  Wasser  innerhalb  der  Zellen,  weniger 
ausserhalb  derselben  befindlich  ist.  Wenn  nun  eine  Resorption 
stattfindet,  so  verschwindet  zunächst  der  grösste  Tbeil  der  in- 
tercellularen  Flüssigkeit  und   die   Eiterkörperchen   rucken    näher 

aneinander;  bald  verschwindet  aber  auch  ein 

Theil  der  Flüssigkeit  aus  den  ZeUen  selbst, 

A  0  0    |A  A       ^^<1  ui  demselben  Maasse  werden  diese  kleiner, 

#^0    ^  A^      unregelmässiger,  eckiger,  höckriger,  bekommen 

die  allersonderbarsten  Formen,  liegen  dicht  an- 
einander gedrängt,  brechen  das  Licht  stärker, 
weil  sie  mehr  feste  Substanz  enthalten,  und 
sehen  gleichmässiger  aus  (Fig.  73). 

Diese  Art  der  Eindickung  ist  keineswegs  ein  so  seltener 
Vorgang,  wie  man  oft  annimmt,  sondern  im  Gegentheil  ausser- 
ordentlich häufig,  und  fast  noch  mehr  wichtig  als  häufig.  Es  ist 
dies  nehmlich  einer  von  den  Vorgängen,  die  man  in  der  neueren 
Zeit  alle  unter  den  Begriff  des  Tuberkels  subsumirt  hat,  und  von 
denen  namentlich  durch  Reinhardt  gezeigt  ist,  dass  sie  zu  einem 
sehr  beträchtlichen  Theile  wirklich  auf  Eiter,  also  auf  Entzündungs- 
product  zurückzuführen  sind.  Späterhin  werden  wir  sehen,  dass 
diese  Erfahrungen  zu  falschen  Schlüssen  über  den  Tuberkel  selbst 
verwerthet  worden  sind ;  aber  dass  durch  Inspissation  Entzündungs- 
producte  in  Dinge,  die  man,  wenn  auch  fälschlich,  Tuberkel  nennt, 
umgewandelt  werden  können,  ist  unzweifelhaft.  Gerade  in  der 
Geschichte  der  Lungentuberculose  spielt  dieser  Act  eine  sehr  grosse 
Rolle.  Man  denke  sich  die  Lungenalveolen  mit  Eiter  vollgestopft 
und  lasse  nun  Alveole  für  Alveole  die  Inspissation  ihres  Inhaltes 
eingehen,  so  bekommt  man  jene  käsigen  Hepatisationen ,  welche 
man  gewöhnlich  unter  dem  Namen  der  Tuberkel-Infiltration 
schildert. 

Diese  unvollständige  Resorption,  wo  nur  die  flüssigen  Bestand- 


Fig.  73.  Eingedickter,  käsiger  Eiter,  n  die  geächrumpften ,  verkleinerten, 
etwas  verzerrten  und  mehr  homogen  und  solid  aussehenden  Körperchen,  b  ähn- 
liche mit  FettkOrucbeu.  c  natürliches  Lagerungsverhältniss  7.u  einander.  Ver- 
gross.  300. 


Käsige  Metamorphose.  22t 

theile  resorbirt  werden,  lässt  die  Masse  der  festen  Bestandtheile 
als  Caput  mortanm,  als  abgestorbene,  nicht  mehr  lebensfähige 
Masse  in  dem  Theile  liegen*).  Ich  habe  daher  dem  Vorgänge 
den  Namen  der  käsigen  Metamorphose  (Tyrosis)  beigelegt. 
Eine  solche  Art  von  Eindicknng  ist  es,  welche  in  grossem  Maass- 


Flg.  74. 


Stabe  bei  der  anvollständigen  Resorption  plenritischer  Exsudate 
eintritt,  wo  sehr  grosse  Lager  von  bröckliger  Substanz  im  Pleura- 
säcke zurückbleiben;  ebenso  im  Umfange  der  Wirbelsäule  bei 
Spondylarthrocace,  in  kalten,  zumal  parostealen  Abscessen  u.  s.  w. 
In  allen  diesen  Fällen  ist  die  Resorption,  sobald  die  Flüssigkeit 
verschwunden  ist,  zu  Ende.  Darin  beruht  die  schlimme  Bedeu- 
tung dieser  Vorgänge.  Die  festen  Theile,  welche  nicht  resorbirt 
werden,  bleiben  entweder  als  solche  liegen,  oder  sie  können  später 
erweichen,  werden  aber  dann  gewöhnlich  nicht  mehr  Object  der 
Resorption,  sondern  es  geht  meist  aus  ihnen  eine  Clceration  her- 
vor. Auf  alle  Fälle  ist  das,  was  resorbirt  wurde,  kein  Eiter,  son- 
dern eine  einfache  Flüssigkeit,  welche  überwiegend  viel  Wasser, 
etwas  Salze  und  sehr  wenig  eiweissartige  Bestandtheile  enthalten 
mag,  und  es  kann  kein  Zweifel  sein,  dass  hier  eine  der  unvoll- 
ständigsten Formen  der  Resorption  vorliegt. 

Die  zweite  Form  von  Eiterresorption  ist  diejenige,  welche 
den  günstigsten  Fall  constituirt,  wo  der  Eiter  wirklich  verschwin- 
det und  nichts  Wesentliches  von  ihm  übrig  bleibt.  Aber  auch  hier 
wird  der  Eiter  nicht  als  Eiter  resorbirt,  sondern  er  macht  vorher 
eine  fettige  Metamorphose  durch;  jede  einzelne  Zelle  lässt  fettige 
Theile  in  sich  frei  werden,  zerfällt,  und  zuletzt  bleibt  nichts  weiter 


Fig.  74.  Eingedickter,  zum  Theil  in  der  Auflösung  begriffener,  hämorrha- 
gischer Eiter  aus  Empyem,  a  die  natürliche  Masse,  körnifi^en  Detritus,  ge- 
schrumpfte Eiter-  und  ßlutkörperchen  enthaltend.  6  dieselbe  Masse,  mit  Wasser 
behandelt;  einzelne  körnige,  entfärbte  Blutkörperchen  sind  deutlich  geworden. 
c  und  ä  nach  Zusatz  von  Essigsäure.     Vergr.  300,  bei  ä  520. 

•)  Handb.  der  spec.  Pathol.  u.  Ther.  I.  282—284.  Archiv  XXXIV.  09. 
Geschwülste  IL    593. 


222  Zehntes  Capitel. 

Fi«.  79.  ^i^^g  ^  ^]g  j}^  FettkOrner  und  die  Zwiscben- 

flüssigkeit.     Dann  ist  also   überhaupt  keine 


••Vi 


^        (£      .  .f       Zelle  und  kein  Eiter  mehr  vorhanden ;  an  ihre 


•Vi»       •-.•--•*.*. 


•rii^.'      Stelle  ist  eine  emulsive  Masse,  eine  Art  von 

•'.V.*  '* 

Milch  getreten,  welche  aus  Wasser,  etwas 
eiweissartigen  Stoffen  und  Fett  besteht,  und  in 
welcher  man  sogar  mehrfach  Zucker  nachgewiesen  hat,  so  dass 
dadurch  eine  noch  grössere  Analogie  mit  wirklicher  Milch  ent- 
steht. Diese  pathologische  Milch  ist  es,  welche  nachher  zur 
Resorption  gelangt,  also  wieder  kein  Eiter,  sondern  Fett,  Wasser 
oder  Salze*). 

Das  sind  die  Vorgänge,  welche  man  „physiologische  Eiter- 
resorption^  nennen  kann,  eine  Resorption,  wo  nicht  Eiter  als 
solcher  resorbirt  wird,  sondern  entweder  nur  seine  flüssigen  Be- 
standtheile,  oder  die  durch  eine  innere  Umwandlung  bedeutend 
veränderte  Substanz. 

Es  gibt  nun  allerdings  einen  Fall,  wo  Eiter  in  Substanz  das 
Object  nicht  gerade  einer  Resorption,  aber  wenigstens  einer  In- 
travasation  werden  und  wo  dieser  intravasirte  Eiter  innerhalb 
der  Gefässe  fortbewegt  werden  kann,  der  nehmlich,  wo  ein  Blut- 
gefäss verletzt  oder  durchbrochen  wird,  und  durch  die  Oefluung 
Eiter  in  sein  Inneres  gelangt.  Es  kann  ein  Abscess  an  einer 
Vene  liegen,  die  Wand  derselben  durchbrechen,  und  seinen  Inhalt 
in  ihre  Lichtung  entleeren**).  Noch  leichter  geschieht  ein  solcher 
Uebergang  an  Lymphgefässen,  welche  in  offene  Abscesse  münden. 
Es  fragt  sich  also  nur,  in  wieweit  man  berechtigt  ist,  diesen  Fall 
als  einen  häufigen  zu  setzen.  Für  die  Venen  hat  man  seit  De- 
cennien  diese  Möglichkeit  ziemlich  beschränkt;  von  einer  Resor- 
ption des  Eiters  in  Substanz  durch  dieselben  ist  man  mehr  und 
mehr  zurückgekommen,  aber  von  der  Resorption  durch  Lymph- 
gefässe  spricht  man  noch  ziemlich  häufig,  und  man  hat  in  der 
That  manche  Veranlassung  dazu. 

Es  ist  dabei  ziemlich  gleichgültig,  ob  der  Eiter  in  Lymph- 


Fi^.  75.  In  der  fettigen  Rückbildung  (Fettmetamorphose)  begriffener  Eiter. 
a  beginnende  Metamorphose.  6  Fettkömcbenzellen  mit  noch  deutlichen  Kernen. 
c  Komchenkugel  (Entzüudungskugel).  d  Zerfall  der  Kugel,  e  Emulsion,  milchiger 
Dctritu8.     Vergr.  350. 


•)  Archiv.    I.     182. 
^*)  Gesammelte  Abhaiidl.  GOG. 


Eiter  in  Lymphgef&ssen.  223 

gefässe  wirklich  ^on  aussen  hereinkommt,  oder,  was  Andere  an- 
nehmen, ob  er  dnrcb  Entzündung  in  den  Lymphgefässen  entsteht; 
schliesslich  ist  die  Frage  immer  die,  in  wie  weit  ein  mit  Eiter 
gefülltes  Lymphgefäss  im  Stande  ist,  eine  Entleerung  seines  In- 
haltes in  den  circulirenden  Biutstrom  zu  Stande  zu  bringen  und 
die  eigentliche  Pyämie  zu  setzen.  Eine  solche  Möglichkeit  muss 
in  der  Regel  geleugnet  werden,  und  zwar  aus  einem  sehr  einfachen 
Grunde.  Alle  Lymphgefässe,  welche  in  der  Lage  sind,  eine  solche 
Aufnahme  zu  er&hren,  sind  peripherische,  mögen  sie  von  äusser- 
lichen  oder  innerlichen  Theilen  entspringen,  und  sie  gelangen  erst 
nach  einem  längeren  Laufe  allmählich  zu  den  Blntgefässen.  Bei 
allen  finden  sich  Unterbrechungen  durch  Lymphdrüsen ;  und  seitdem 
man  weiss,  dass  die  Lymphgefässe  durch  die  Drüsen  nicht  als 
weite,  gewundene  und  verschlungene  Kanäle  hindurchgehen  (S.  208), 
sondern,  nachdem  sie  sich  in  feine  Aeste  aufgelöst  haben,  in  Räume 
eintreten,  welche  zum  grossen  Theil  mit  zelligen  Elementen  ge- 
füllt sind,  so  ist  es  an  sich  fraglich,  ob  Eiterkörperchen  eine 
Lymphdrüse  passiren  können. 

Es  ist  dies  ein  sehr  wesentlicher  Punkt,  und  doch  übersieht 
man  ihn  sonderbarer  Weise  gewöhnlich,  obwohl  die  tägliche  Erfah- 
rung des  praktischen  Arztes  Material  genug  zu  seiner  Erledigung 
bietet.  Frey  glaubt  neuerlichst  nach  den  Resultaten  künstlicher 
Injectionen  schliessen  zu  können,  dass  auch  Zellen  durch  die 
Lymphdrüsen  hindurch  fliessen  könnten.  Indess  stimmt  dies  wenig 
mit  der  Erfahrung  am  Lebenden,  welche  vielmehr  eine  Hemmung 
körperlicher  Partikeln  in  den  Lymphdrüsen  lehrt.  Wir  haben  ein 
sehr  hübsches  Experiment  in  der  Sitte  unserer  niederen  Bevölke- 
rung, sich  die  Arme  oder  auch  wohl  andere  Theile  tättowiren  zu 
lassen.  Wenn  ein  Handwerker  oder  ein  Soldat  auf  seinen  Arm 
eine  Reihe  von  Einstichen  machen  lässt,  die  zu  Buchstaben,  Zei- 
chen oder  Figuren  geordnet  werden,  so  wird  fast  jedesmal  bei 
der  grossen  Zahl  der  Stiche  ein  Theil  der  oberflächlichen  Lymph- 
gefässe verletzt.  Es  ist  ja  gar  nicht  anders  möglich,  als  dass, 
wenn  man  durch  Nadelstiche  ganze  Hautbezirke  umgrenzt,  we- 
nigstens einzelne  Lymphgefässe  getroffen  werden.  Darauf  wird 
eine  Substanz  eingeschmiert ,  welche  in  der  Körperflüssigkeit  un- 
löslich ist,  Zinnober,  Eohlenpulver  oder  dergl.,  und  welche,  indem 
sie  in  den  Theilen  liegen  bleibt,  eine  dauerhafte  Färbung  derselben 
bedingt.    Allein  bei  dem  Einstreichen  gelangt  ein  gewisser  Theil 


224  ZebntBt  CBpitel. 

der  Partiketchen  in  Lympbgefilsse,  wird  trotz  seiner  Schwere  vom 
Lymphstrome  fortbewegt  and  gelangt  bis  za  den  nächsten  Lympb- 
drösea,  wo  er  abfiltrirt  wird.  Man  siebt  nie,  dass  sich  Partikelo 
bis  über  die  Lymphdrüsen  hioans  bewegen  und  an  entferntere 
Paukte  gelangen,  dass  sie  sich  etwa  im  Parenchym  innerer  Organe 
ablagern.  Immer  in  der  Däcbeten  Drfisenreihe  nnd  zwar  in  der 
den  eintretenden  Lymphgefässen  zugewendeten  Rindenschicht  der- 
selben bleibt  die  Hasse  stecken,  üotersacht  man  die  infiltrirten 
Drfisen,  so  flberzeagt  man  sich  leicht,  dass  die  Grösse  vieler  der 
abgelagerten  Partikelchen  geringer  ist,  als  die  Grösse  aacb  des 
kleinsten  EiterkOrperchens. 


[n  dem  Object,  nach  welchem  die  beigegebene  Zeichnnng 
(Fig.  76)  angefertigt  worde,  ist  zufälliger  Weise  der  Punkt  ge- 
troffen,  wo  das  Lymphgenas  in  die  Oräse  eintritt,  nnd  von  wo 
es  zunächst  innerhalb  der  Bindegewebsbalken,  welche  sich  von  der 


Fi^.  76.  DurcbBchnitt  durch  die  Rinde  einer  Axilltrdrage  bei  TUlowinmi; 
der  Baut  dea  Arne.  Hau  siebt  toq  der  Rinde  her  ein  grosses  eintreteDdes  G«- 
nss,  das  sieb  leicht  Bcbi&QEelt  und  in  feine  Aeste  auflösL  Rinf^umbar  Follikel, 
die  ^ossentbeils  mit  Binde|;e«ebe  i^füllt  sind.    Die  dnnkle  feinköroiRe  MasM 

stellt  den  ali^ielaRerten  Zinnober  dar.     Vcri.T.  SO. 


Tätlowirungsfarben  in  Lymphdrusen.  225 

Capsel  aus  zwischen  die  Follikel  erstrecken,  schranbenförmig  fort- 
geht, am  sich  in  seine  Aeste  aufzulösen.  Da,  wo  diese  in  die 
benachbarten,  hier  freilich  zum  grossen  Theile  mit  Bindegewebe 
erf&Uten  (indurirten)  Follikel  übergehen,  haben  sie  die  ganze  Masse 
des  Zinnobers  ausgeschüttet,  so  dass  dieser  noch  zum  Theil  inner- 
halb der  Zwischenbalken  (Trabekel)  liegt,  zum  TheQ  jedoch  in 
die  Follikel  selbst  eingedrungen  ist.  Das  Präparat  stammt  von 
dem  Arme  eines  Soldaten,  der  sich  1809  die  Figuren  hatte  ein- 
reiben lassen,  und  dessen  Tod  fast  50  Jahre  später  erfolgt  ist. 
Weiter  als  bis  in  die  äussersten  Rindenschicbten 
ist  nichts  gekommen;  schon  die  nächste  Follikel- 
reihe  enthält  nichts  mehr.  Die  Partikelchen  sind 
aber  so  klein  und  der  Mehrzahl  nach  im  Yer- 
hältnisse  zu  den  Zellen  der  Drüse  so  fein,  dass 
sie  mit  Eiterkörperchen  gar  nicht  verglichen 
werden  können.  Wo  solche  Körnchen  nicht  durch- 
gehen, wo  80  minimale  Partikelchen  eine  Ver- 
stopfung machen,  da  würde  es  etwas  kühn  sein, 
zu  denken,  dass  die  relativ  grossen  Eiterkörperchen  durchkommen 
könnten. 

Allerdings  kann  man  sich  noch  auf  eine  Eigenschaft  der  Eiter- 
körperchen berufen,  auf  welche  zuerst  v.  Recklinghausen  die 
allgemeine  Aufmerksamkeit  gerichtet  hat;  ic^h  meine  ihre  Fähig- 
keit zu  Gestalt-  und  Ortsveränderungen.  Man  kann  die  Möglich- 
keit nicht  bestreiten,  dass  eine  Zelle,  welche  feine  Fortsätze  aus- 
senden und  allmählich  ihren  ganzen  Körper  in  diese  Fortsätze 
nachziehen  kann,  sich  durch  so  feine  Oeflfnungen  hindurchzwängen 
mag,  dass  sie  in  ihrer  gewöhnlichen  Gestalt,  bei  ihrem  gewöhnlichen 
Durchmesser  immer  von  denselben  angehalten  werden  würde.  Und 
so  könnte  ein  „contraktiles*  Eiterkörperchen  aus  dem  Gewebe  in 
ein  Lymphgefäss  kriechen,  mit  der  Lymphe  in  eine  Lymphdrüse 
geflösst  werden  und  hier  durch  die  engen  Spalten  hindurchkrie- 
chen, um  in  dem  austretenden  Lymphgefässe  wieder  zum  Vor- 


Fig.  77.  Das  mit  Zinnober,  nach  Tättowirunp:  des  Armes,  gefüllte  Reticulum 
ans  einer  Axillardrnse  (Fi^.  76).  a  ein  Tbeil  eines  interfolliculären  Balkens  mit 
einem  Lymphgefässe;  6  ein  in  den  Follikel  tretender  stärkerer  Ast:  c,  c  die 
anastomosirenden,  kernhaltigen  Netze;  die  dunklen  Korner  sind  Zinnoberparti- 
kclcheu.     Vergr.  300. 

Vlrebov.  CellolarPathol.    4.  Aafl.  j*^ 


226  Zehntes  Gapitel. 

schein  zn  kommen.  Das  ist  denkbar,  aber  die  Erfahrung  spricht 
dagegen.     Die   Lymphdrüsen    fiitriren    die  EiterkOrperchen    ab. 

Eine  Einrichtung  dieser  Art,  wodurch  in  den  Lymphdrüsen 
der  offene  Strom  der  Flüssigkeit  unterbrochen  und  die  gröberen 
Parükelcben  in  einer  ganz  mechanischen  Weise  zurückgehalten 
werden,  lässt  begreiflicher  Weise  nicht  leicht  eine  andere  Form 
der  Lymphresorption  von  der  Peripherie  her  zu,  als  die  von  ein- 
fachen Flüssigkeiten.  Freilich  würde  man  falsch  gehen,  wenn  man 
die  Thätigkeit  der  Lymphdrüsen  darauf  beschränken  wollte,  dass 
sie,  wie  Filtren,  zwischen  die  Abschnitte  der  Lymphgefässe  ein- 
geschoben sind.  Offenbar  haben  sie  noch  eine  andere  Bedeutung, 
indem  die  Drüsensubstanz  unzweifelhaft  von  der  flüssigen  Masse 
der  Lymphe  gewisse  Bestandtbeile  anzieht,  in  sich  aufnimmt,  zu- 
rückhält und  dadurch  auch  die  chemische  Beschaffenheit  der  Flüs- 
sigkeit alterirt,  so  dass  diese  um  so  mehr  verändert  aus  der  Druse 
hervortritt,  als  zugleich  angenommen  werden  muss,  dass  die  Drüse 
gewisse  Bestandtbeile  an  die  Ly^nphe  abgibt,  welche  vorher  in 
derselben  nicht  vorhanden  waren. 

Ich  will  hier  nicht  auf  minutiöse  Verhältnisse  eingehen,  da 
die  Geschichte  jeder  bösartigen  Geschwulst  die  besten  Bei- 
spiele far  diesen  Satz  liefert.  Wenn  eine  Achseldrüse  krebsig 
wird,  nachdem  die  Milchdrüse  vorher  krebsig  erkrankt  war,  und 
wenn  längere  Zeit  hindurch  bloss  die  Achseldrüse  krank  bleibt, 
ohne  dass  die  folgende  Drüsenreihe  oder  irgend  ein  anderes  Organ 
vom  Krebs  befallen  wird,  so  können  wir  uns  dies  nicht  anders  vor- 
stellen, als  dass  die  Achseldrüse  die  schädlichen,  von  der  Milchdrüse 
her  aufgenommenen  Bestandtbeile  sammelt,  dadurch  eine  Zeit  lang 
dem  Körper  einen  Schutz  gewährt,  am  Ende  aber  insufßcient  wird, 
ja  vielleicht  späterhin  selbst  eine  neue  Quelle  selbständiger  Infe- 
ction  für  den  Körper  darstellt,  indem  von  den  kranken  Theilen  der 
Drüse  aus  die  weitere  Verbreitung  des  giftigen  Stoffes  stattfinden 
kann.-  Ebenso  lehrreiche  Beispiele  liefert  die  Geschichte  der  Sy- 
philis, wo  der  Bubo  eine  Zeit  lang  eine  Ablagerungsstätte  des 
Giftes  werden  kann,  so  dass  die  übrige  Oekonomie  in  einer  ver- 
hältnissmässig  geringen  Weise  afficirt  wird.  Wie  Eicord  zeigte, 
findet  sich  die  virulente  Substanz  gerade  im  Innern  der  eigentli- 
chen Drüsensubstanz,  während  der  Eiter  im  Umfange  des  Bubo  frei 
davon  ist;  nur  so  weit  als  die  Theile  mit  der  zugeführten  Lymphe 
in  Contact  kommen,  nehmen  sie  den  virulenten  Stoff  in  sich  aul 


Einfluss  der  Drüsenreizung  auf  BlutmischuDg.  227 

Wenden  wir  diese  Erfahrungen  auf  die  Eiterresorption  aD, 
80  kann  man  selbst  in  dem  Falle,  dass  wirklich  Eiter  in  Lymph- 
gefässe  gelangt,  durchaus  nicht  als  nächste  und  nothwendige  Folge 
davon  eine  Inficirung  des  Blutes  durch  eiterige  Bestandtheile  er- 
Bchliessen ;  vielmehr  wird  wahrscheinlich  innerhalb  der  Drfise  eine 
Reteution  der  Eiterkörperchen  stattfinden,  und  auch  die  Flüssig- 
keiten, welche  durch  die  Drüse  hindurch  gelangen,  werden  wäh- 
rend des  Durchganges  einen  grossen  Theil  ihrer  schädlichen  Eigen- 
schaften verlieren.  Secundäre  Drüsen  -  Anschwellungen  treten  in 
verschiedenen  Formen  nach  peripherischen  Infectionen  auf.  Wie 
will  man  sie  anders  erklären,  als  dadurch,  dass  jede  inficirende 
(miasmatische)  Substanz,  welche  als  eine  wesentlich  fremdartige 
oder,  wenn  ich  mich  so  ausdrücken  soll,  feindselige  für  den  Kör- 
per zu  betrachten  ist,  indem  sie  in  die  Substanz  der  Drüse  ein- 
dringt, von  den  Zellen  der  Drüse  angesogen  wird  und  daran  jenen 
Zustand  von  mehr  oder  weniger  ausgesprochener  Reizung  hervor- 
bringt, der  sehr  häufig  bis  zur  wirklichen  Entzündung  der  Drüse 
sich  steigert?  Wir  werden  noch  später  auf  den  Begriff  der  Rei- 
zung etwas  genauer  zurückkommen,  und  ich  will  hier  nur  so  viel 
hervorheben,  dass  nach  meinen  Untersuchungen  die  Reizung 
der  Lymphdrüsen  darin  besteht,  dass  dieselben  in  eine 
vermehrte  Zellenbildung  gerathen,  dass  ihre  Follikel 
sich  vergrössern  und  nach  einiger  Zeit  viel  mehr  Zel- 
len enthalten  als  vorher. 

Im  Verhältnisse  zu  diesen  Vorgängen  geschieht  dann  auch 
eine  Vermehrung;  der  farblosen  Elemente  im  Blute.  Jede  bedeutende 
acute  Drüsenreizung  hat  eine  schnelle  Zunahme  der  Lymphkörper- 
chen  im  Blute  zur  Folge;  jede  Krankheit,  welche  Drusenreizung 
mit  sich  bringt,  wird  daher  auch  den  Effect  haben,  das  Blut  mit 
grösseren  Mengen  von  farblosen  Blutkörperchen  zu  versehen,  mit 
anderen  Worten,  "^inen  leukocytotischen  Zustand  zu  setzen.  Hat 
man  nun  schon  im  Voraus  die  Ansicht,  es  sei  Eiter  resorbirt 
worden,  und  der  Eiter  sei  die  Ursache  der  eingetretenen  Störungen, 
80  ist  nichts  leichter,  als  Zellen  im  Blute  nachzuweisen,  welche 
wie  Eiterkörperchen  aussehen,  oft  in  so  grosser  Menge,  dass  man 
ihre  Zusammenhäufungen  (Fig.  67.)  in  der  Leiche  wie  kleine  Eiter- 
punkte mit  blossem  Auge  sehen  kann,  oder  dass  sie  grosse,  zu- 
sammenhängende oder  körnige  Lager  an  der  unteren  Seite  der 
Speckhaut   des  Aderlassblutes   bilden   (Fig.  69.).     Scheinbar   ist 

15' 


228  Zehntes  Gapitel. 

dieser  Beweis  so  überzeugend  als  möglich.  Man  hat  die  Voraus- 
setznng,  dass  Eiter  in's  Blnt  gelangt  sei;  man  untersucht  das 
Blut  und  findet  wirklich  Elemente,  die  vollkommen  aussehen  wie 
Eiterkörperchen,  und  zwar  in  sehr  grosser  Zahl.  Selbst  wenn 
man  zugesteht,  dass  farblose  Blutkörperchen  wie  Eiterkörperchen 
aussehen  können,  ist  doch  der  Schluss  sehr  verführerisch,  wie  man 
ihn  zu  wiederholten  Malen  in  der  Geschichte  der  Pyämie  gemacht 
hat,  dass  die  im  Blute  aufgefundenen  Zellen  ihrer  grossen  Menge 
wegen  doch  nicht  als  farblose  Blutkörperchen  angesehen  werden 
könnten,  sondern  Eiterkörperchen  sein  müssten.  Diesen  Schluss 
machte  vor  Jahren  Bouchut  bei  Gelegenheit  einer  Pariser  Epi- 
demie von  Puerperal -Fieber,  welches  er  damals  für  eine  Pyämie 
hielt,  neuerlichst  aber  auf  Grund  derselben  Beobachtung  für  eine 
acute  Leukämie  erklärte.  Das  ist  ferner  derselbe  Schluss,  den 
Ben  nett  in  der  zwischen  uns  viel  discutirten  Prioritätssacbe  ge- 
macht hat,  da  er  einen  Fall  von  unzweifelhafter  Leukämie  einige 
Monate  früher  beobachtete,  ehe  ich  meinen  ersten  Fall  sah,  und 
da  er  aus  der  „unerhört^  grossen  Zahl  der  farblosen  Eörperchen 
den  Schluss  zog,  es  handele  sich  um  eine  „Snppuration  des 
Blutes"*).  Freilich  war  dieser  Schluss  nicht  originell,  sondern  ba- 
sirte  sich  auf  die  früher  (S.  188)  erwähnte  Hämitis  von  Piorry, 
der  sich  dachte,  dass  das  Blut  selbst  sich  entzünde  und  in  sich 
Eiter  erzeuge,  was  man  nachher  in  der  Wiener  Schule  spontane 
Pyämie  oder  Eitergährung  genannt  hat. 

Alle  diese  Irrthümer  sind  hervorgegangen  aus  dem  Umstände, 
dass  man  eine  so  ungeheuer  grosse  Zahl  von  farblosen  Blutkör- 
perchen fand.  Heutzotage  ist  dieser  Befund  eben  so  einfach  vom 
Standpunkte  der  Hämatopoese  aus  zu  erklären,  wie  er  früher  allein 
erklärlich  schien  vom  Standpunkte  der  Pyämie  aus.  Die  Reizung 
der  Lymphdrüsen  erklärt  ohne  alle  Schwierigkeit  die  Vermehrung 
der  farblosen,  eiterähnlichen  Zellen  im  Blute,  und  zwar  in  allen 
Fällen,  nicht  bloss  in  denen,  wo  man  eine  Pyämie  erwartete, 
sondern  auch  in  denen,  wo  man  sie  nicht  erwartete,  wo  jedoch 
das  Blut  dieselbe  Masse  von  farblosen  Eörperchen  zeigt,  wie  in 
der  eigentlichen,  dem  klinischen  Begriffe  entsprechenden  Pyämie. 

So  ergibt  sich,    dass  jede  Mahlzeit  einen  gewissen  Reizungs- 
zustand in  den  Gekrösdrüsen  setzt,  indem  die  Ghylus-Bestandtheile, 


•)  Vergri.  über  die  Prioritätsfrage  mein  Archiv  V.  45,  77.    VII.  174,  565. 


Physiologische  Leukozytose.  229 

die  denselben  zngefuhrt  werden,  einen  physiologischen  Reiz  für  die- 
selben darstellen.  Die  Milch,  welche  wir  trinken,  das  Fett  unse- 
rer Suppen,  die  verschiedenen,  feiner  vertheilten  Fette  und  Oele 
in  unseren  festeren  Speisen  gelangen  als  kleinste  Eügelchen  in 
die  Chylusgefässe  und  verbreiten  sich  eben  so,  wie  der  Zinnober, 
in  den  Drüsen;  aber  die  kleinsten  Fettkömchen  dringen  nach 
einiger  Zeit  durch  die  Drüse  hindurch.  Für  solche  Körper  besteht 
also  noch  eine  wirkliche  Permeabilität  der  Drüsengänge,  aber  auch 
sie  werden  eine  Zeit  lang  zurückgehalten.  Immer  dauert  es  lange, 
ehe  nach  einer  Mahlzeit  die  Gekrösdrüsen  das  Fett  wieder  völlig 
los  werden,  und  es  geschieht  das  Hindnrchschieben  der  Massen 
offenbar  unter  eioem  verhältnissmässig  grossen  Drucke.  Dabei 
beobachtet  man  zugleich  eine  Yergrösserung  der  Lymphdrüse,  und 
ebenso  nach  jeder  Mahlzeit  eine  Zunahme  in  der  Zahl  der  farb- 
losen Eörperchen  im  Blute,  eine  physiologische  Leukocytose, 
aber  keine  Pyämie. 

In  dem  Maasse,  als  eine  Schwangerschaft  vorrückt,  als 
die  Lymphge&sse  am  Uterus  sich  erweitem,  als  der  Stoffwechsel 
in  der  Gebärmutter  mit  der  Entwickelung  des  Fötus  zunimmt, 
vergrössem  sich  die  Lymphdrüsen  der  Inguinal-  und  Lumbaigegend 
erheblich,  zuweilen  so  beträchtlich,  dass,  wenn  wir  sie  zu  einer 
anderen  Zeit  fänden,  wir  sie  als  entzündet  betrachten  würden. 
Diese  Yergrösserung  führt  dem  Blute  auch  mehr  neue  Partikelchen 
zelliger  Art  zu,  und  so  steigt  von  Monat  zu  Monat  die  Zahl  der 
farblosen  Eörperchen.  Zur  Zeit  der  Geburt  kann  man  fast  bei 
jeder  Puerpera,  mag  sie  pyämiscb  sein  oder  nicht,  in  dem  defi- 
brinirten  Blute  die  farblosen  Eörperchen  ein  eiterartiges  Sediment 
bilden  sehen.  Auch  dies  ist  eine  physiologische  Form,  welche 
fem  davon  ist,  eine  pyämische  zu  sein.  Wenn  man  sich  aber  ge- 
rade eine  Puerpera  aussucht,  welche  Erankheits- Erscheinungen 
darbietet,  die  mit  dem  Bilde  der  Pyämie  übereinstimmen,  dann  ist 
nichts  leichter,  als  diese  vielen  farblosen,  mehrkemigen  Zellen  zu 
finden,  und  sie  für  jene  Eiterkörperchen  auszugeben,  welche  nach 
der  Voraussetzung  gerade  die  Pyämie  constatiren  sollen.  Dies 
sind  Trugschlüsse,  welche  aus  unvollständiger  Eenntniss  des  nor- 
malen Lebens  und  der  Entwickelung  resultiren.  So  lange  man 
sich  bloss  an  die  pyämischen  Erfahrungen  hält,  so  lange  kann 
dies  Alles  erscheiDen  wie  ein  grosses  und  neues  Ereigniss,  und 
man  kann  sich  berechtigt  halten,  wenn  man  das  Blut  einer  Wöch- 


230  Zehntes  Capitel. 

nerin  oatcrsncbt,  zu  schliettsen,  sie  habe  schon  die  Pyämie,  bevor 
die  pyämischen  Symptome  auftreten.  Aber  man  mag  antersnchen, 
wann  man  will,  so  wird  man  stets  etwas  von  Leukocytose  finden, 
gerade  so,  wie  es  schon  seit  langer  Zeit  bekannt  ist,  dass  sich 
bei  Schwangeren  sehr  gewöhnlich  eine  Speckhant  bildet,  weil  das 
Blnt  gewöhnlich  mehr  von  einem  langsamer  gerinnenden  Fibrin 
zugeführt  bekommt  (Hyperinose).  Es  erklärt  sich  dies  durch  den 
vermehrten  Stoffwechsel  und  die,  entzündlichen  Vorgängen  so  nahe 
stehenden  Veränderungen  im  Uterinsystem,  welche  mit  einer  ge- 
wissen Reizung  der  zunächst  damit  in  Verbindung  stehenden 
Lymphdrüsen  vergesellschaftet  sind*;. 

Gehen  wir  einen  kleinen  Schritt  weiter  in  dies  pathologische 
Gebiet  hinein,  so  treffen  wir  leukoc}i;otische  Zustände  in  der 
ganzen  Reihe  aller  der  Erkraokungen,  welche  mit  Drüsenreizung 
complicirt  sind,  und  bei  welchen  die  Reizung  nicht  zu  einer  Zer- 
störuDg  der  Drüsensubstanz  führt.  Im  Verlaufe  einer  Scrofulosis, 
bei  deren  einigermaassen  uagünstigem  Verlaufe  die  Drüsen  zu 
Grunde  gehen,  sei  es  durch  Ulceration,  sei  es  durch  käsige  Ein- 
dickung,  Verkalkung  u.  s.  f.,  kann  eine  vermehrte  Aufnahme  von 
Elementen  in  das  Blut  nur  so  lange  stattfinden,  als  die  gereizte 
Drüse  überhaupt  noch  leistungsfähig  ist  oder  exisürt;  sobald  aber 
die  Drüse  abgestorben,  käsig  geworden  oder  zerstört  ist,  so  hört 
auch  die  Bildung  von  Lymphzellen  und  damit  die  Leukocytose 
auf.  Jedesmal  dagegen,  wo  eine  mehr  acute  Form  von  Störung 
besteht,  welche  mit  entzündlicher  Schwellung  der  Drüsen  verbun- 
den ist,  findet  eine  Vermehrung  der  farblosen  Eörperchen  im 
Blute  Statt.  So  im  Typhus,  wo  so  ausgedehnte  markige  Schwel- 
lungen der  Unterleibsdrüsen  auftreten,  so  bei  Krebskranken,  wenn 
Reizung  der  Lymphdrüsen  eintritt,  so  im  Verlaufe  jener  Prozesse, 
welche  man  als  Eruptionen  des  malignen  Erysipels  bezeichnet,  und 
welche  so  frühzeitig  schon  mit  Drüsenanschwellung  verbunden  zu 
sein  pflegen.  Das  ist  der  Sinn  dieser  Vermehrung  der  farblosen 
Elemente,  die  zuletzt  immer  zurückführt  auf  die  vermehrte  Ent- 
wickelung  lymphatischer  Gebilde  innerhalb  der  gereizten  Drüsen. 

Es  ist  nun  von  Wichtigkeit,  darauf  hinzuweisen,  dass  man 
gegenwärtig  den  Begriff'  der  Lymphdrüsen  ungleich  weiter  ausdehnt, 


^)  Verhandl.  der  (iesellscbaft  för  Geburtshülfe  in  Berlin.     1848.    UI.     174. 
Gesammelte  Abbandl.  760,  777. 


Lymphoide  Organe.  231 

als  68  bis  vor  Eurzem  geschehen  ist.  Erst  die  neneren  histolo- 
gischen Untersuchungen  haben  gezeigt,  dass  ausser  den  gewöhn- 
lichen bekannten  Lymphdrüsen,  die  eine  gewisse  Grösse  und 
Selbständigkeit  haben,  eine  grosse  Menge  von  kleineren  Einrich- 
tungen im  Körper  vorhanden  ist,  welche  ganz  denselben  Bau  be- 
sitzen, welche  aber  nicht  so  massenhafte  Zusammenordnungen  von 
lymphatischen  Theilen  darstellen,  wie  wir  sie  in  einer  Lymphdrfise 
finden.  Dahin  gehören  im  Besonderen  die  Follikel  des  Darms, 
sowohl  die  solitären,  als  die  Peyerschen.  Ein  Peyerscher  Haufen 
ist  nichts  weiter,  als  die  flächeoartige  Ausbreitung  einer  Lymph- 
drüse; die  einzelnen  Follikel  des  Haufens  entsprechen,  ebenso  wie 
die  SolitftrfoUikel  des  Digestionstractus ,  den  einzelnen  Follikeln 
einer  Lymphdrüse,  nur  dass  die  Darmfollikel ,  wenigstens  beim 
Menschen,  in  einfacher,  die  Lymphdrüsenfollikel  in  mehrfacher 
Lage  über  einander  angeordnet  sind.  Die  solitären  und  Peyerschen 
Drüsen  haben  also  gar  nichts  gemein  mit  den  gewöhnlichen  (Lie- 
berkühnschen)  Drüsen,  welche  durch  offene  Mündungen  nach  dem 
Darm  hin  secerniren;  sie  haben  vielmehr  die  Stellung  und  offen- 
bar auch  die  Funktion  der  Lymphdrüsen.  Gegen  die  Darmhöhle 
hin  sind  sie  völlig  geschlossen,  und  wenn  sie  secerniren,  so  thun 
sie  es  nur  in  der  Richtung  der  Lymphgefässe ,  welche  aus  ihnen 
hervorgehen.    Diese  sind  ihre  Ausführungsgänge. 

In  dieselbe  Kategorie  gehören  die  analogen  Apparate,  die  wir 
im  oberen  Theile  des  Digestionstractus  in  so  grossen  Haufen  zu- 
sammengeordnet finden,  wo  sie  die  Tonsillen,  die  Follikel  der 
Zungenwurzel  und  die  grosse  Pharynxdrüse  bilden.  Wäh- 
rend im  Darm  die  Follikel  in  einer  ebenen  Fläche  liegen,  findet 
sich  hier  die  Fläche  eingefaltet  und  die  einzelnen  Follikel  um 
die  Einfaltung  oder  Einstülpung  herumliegend.  Früher  nannte 
man  gerade  die  Einfaltungen  oder  Taschen,  wie  sie  an  den  meis- 
ten Zungenfollikeln  einfach,  an  den  Tonsillen  mehrfach  und  ver- 
ästelt vorkommen,  Follikel  (Bälge),  und  sah  dem  entsprechend 
die  Oeffnungen  der  Taschen  als  Drüsenmündungen  an.  Allein  die 
Taschen  sind  von  einer  Fortsetzung  der  benachbarten  Schleimhaut 
und  deren  Epithel  continuirlich  ausgekleidet;  auch  hier  haben  die 
eigentlichen,  lymphatischen  Follikel  keine  nach  aussen  mündenden 
Ausführungsgänge.  Sie  liegen  unter  der  geschlossenen  Oberfläche. 

In  dieselbe  Kategorie  gehört  weiterhin  die  Thymusdrüse, 
bei  welcher  die  Anhäufung  der  Follikel  einen  noch  höheren  Grad 


2'62  Zehntes  Capitel. 

erreicht,  als  in  den  Lymphdrüsen.  Während  viele  Lymphdrüsen 
noch  einen  Hilns  haben,  wo  keine  Follikel  liegen,  so  hOrt  dies  in 
der  Thymusdrüse  auf.  Mit  diesem  Mangel  eines  Hilns  h&ngt  zu- 
sammen, dass  man  an  der  Brustdrüse  keine  erheblichen  Verbin- 
dungen mit  Lymphgefässen  kennt. 

Dahin  gehört  endlich  ein  sehr  wesentlicher  Bestandtheil  der 
Milz,  nehmlieh  die  Malpighischen  oder  weissen  Körper 
(Follikel),  die  bei  verschiedenen  Leuten  in  ebenso  verschiedener 
Menge  durch  das  Milzparenchym  zerstreut  sind,  wie  die  solitären 
und  Peyersehen  Follikel  im  Darm.  Auf  einem  Durchschnitte  durch 
die  Milz  sehen  wir  vom  Hilus  her  die  Trabekeln  mit  den  Gefässen 
gegen  die  Gapsei  ausstrahlen,  in  langen  Zügen  von  der  rothen 
Milzpulpe  umlagert,  welche  hier  und  da  unterbrochen  wird  durch 
bald  mehr  bald  weniger  zahlreiche  weisse  Körper  von  grösserem 
oder  kleinerem  Umfange,  einzeln  oder  zusammengesetzt,  zuweilen 
fast  traubenförmig.  Der  Bau  dieser  Milzfollikel,  welche  an  den 
Scheiden  der  Arterien  sitzen,  stimmt  in  der  Hauptsache  mit  dem 
der  Lymphdrüsen-Follikel. 

Wir  können  daher  diese  ganze  Reihe  von  Apparaten  als 
mehr  oder  weniger  gleichwerthig  mit  den  eigentlichen  Lymph- 
drüsen betrachten;  eine  Anschwellung  der  Milz  oder  der  Darm- 
foUikel  wird  unter  Umständen  eine  ebenso  reichliche  Zufuhr  von 
farblosen  Blutkörperchen  liefern  können,  wie  dies  bei  einer  An- 
schwellung einer  Lymphdrüse  der  Fall  i^.  Diese  Möglichkeit  er- 
klärt es,  dass  in  der  Cholera,  wo  die  Veränderung  der  solitären 
und  Peyersehen  Follikel  im  Darm  besonders  hervortritt,  während 
die  Schwellung  der  übrigen  Lymphdrüsen  viel  weniger  ausgebildet 
ist,  ausserordentlich  frühzeitig  eine  bedeutende  Vermehrung  der 
farblosen  Blutkörperchen  eintritt*).  Dies  erklärt  es  femer,  warum 
bei  solchen  Pneumonien,  die  mit  grossen  Schwellungen  der  Bron- 
chialdrüsen verbunden  sind,  gleichfalls  eine  Vermehrung  der  farb- 
losen Blutkörperchen  stattfindet,  welche  in  anderen  Formen  der 
Pneumonie,  die  nicht  mit  einer  solchen  Schwellung  verbunden 
sind,  fehlt.  Je  mehr  die  Reizung  von  der  Lunge  auf  die  Lymph- 
drüsen übergreift,  je  reichlicher  von  der  Lunge  schädliche  Flüs- 
sigkeiten den  Drüsen  zugeführt  werden,  um  so  deutlicher  erleidet 
das  Blut  diese  besondere  Veränderung. 

♦)  Medic.  Reform.   1848.  No.  12.  u.  15.     Gaz.  med.  de  Paris.  1849.  No.  3. 


lutrava&atiou  von  Eiter.  233 

Wenn  man  auf  diese  Weise  die  verschiedenen  Krankheiten 
dnrchmnstert,  so  lässt  sich  in  der  That  Yom  morphologischen 
Standpankte  ans  gar  nichts  auffinden,  was  auch  nur  entfernt  die 
Annahme  eines  Znstandes,  der  Pyämie  zu  nennen  wäre,  recht- 
fertigte. In  den  überaas  seltenen  Fällen,  wo  Eiter  in  Venen  durch- 
bricht, können  unzweifelhaft  dem  Blute  eiterige  Bestandtheile  zu- 
geführt werden,  allein  hier  ist  die  Einfuhr  von  Eiter  meist  eine 
einmalige.  Der  Abscess  entleert  sich,  und  ist  er  gross,  so  ge- 
schieht eher  eine  Extravasation  von  Blut,  als  dass  eine  anhal- 
tende Pyämie  zu  Stande  käme.  Vielleicht  wird  es  einmal  gelingen, 
im  Verlaufe  eines  solchen  Vorganges  Eiterkörperchen  mit  be- 
stürmten Charakteren  im  Blute  aufzufinden;  bis  jetzt  steht  aber 
die  Sac^e  so,  dass  man  mit  grösster  Bestimmtheit  behaupten  kann, 
es  sei  Niemandem  gelungen,  mit  Gründen,  die  auch  nur  einer 
milden  Beurtheilung  genügen  könnten,  die  Anwesenheit  einer  mor- 
phologischen Pyämie  darzuthun.  Es  muss  daher  dieser  Name  als 
Bezeichnung  für  eine  durch  die  Beimischung  bestimmter  sicht- 
barer Gebilde  hervorgebrachte  Blutveränderung  gänzlich  aufgegeben 
werden. 


Eilftes  Capitel. 


Infection  nnd  Metastase. 


Pyimie  und  PhlebitU.  CaplUar>PhleblUa  nnd  Stase.  Thromboflia:  parietale  nnd  obetrulrendc ;  e4- 
bSelve  und  sappuratlTe.  Pariforme  Krweichong  der  Thromben:  Detrltaa  des  Fibrin* ,  Ku(- 
ISanng  der  reiben  K5rperchen.    Die  wahre  und  («lache  PblebltU.    Eitercyaten  dca  Hcraena. 

Embolie.  Bf  dentang  der  fortgcieutcn  Thromben.  Langenmetnataaeu.  Zertrümmerung  der  Emboli. 
Veraehiedener  Charakter  der  Mctaataaea.  Bndocarditi«  und  caplUire  EmbuJIe,  Latent« 
Py&mie. 

iBfteireade  Flflaalgkeiten.  Infeetiöae  Erkrankung  der  Ijmpbatlaehen  Apparate  und  der  Mila,  der 
Secretionsorgan«  und  der  Mnakela.  Chemiache  8ubaUn«en  im  Blut«:  Bilbereala«,  Arthritis, 
Kalkmetaataaen.  lehorrhimle.  Fremde  KSrperehea  in  der  Blntmisebang:  Zellen,  Himatosoea, 
Pilse,  K5rner.    Pjiml«  als  Sammeinam«. 


ich  habe  in  dem  vorangehenden  Capitel  die  Lehre  von  der  Pyämie 
in  Beziehnng  anf  die  im  Blnte  vorkommenden  zeiligen  Gebilde 
einer  genaueren  Betrachtang  unterworfen,  weil  sich  gerade  daran 
die  Quelle  mancher,  auch  für  andere  Gebiete  der  Pathologie  lehr- 
reicher Irrthümer  und  eine  richtigere  Methode  der  Beobachtung 
und  Beurtheilung  besonders  gut  darlegen  lässt.  Wenn  ich  noch- 
mals darauf  zurückkomme,  um  die  geschichtliche  Entwlckelung 
dieser  Lehre  und  ihre  thatsächlichen  Grundlagen  zu  erörtern,  so 
geschieht  es  nicht  bloss  der  entscheidenden  Wichtigkeit  wegen, 
welche  diese  Lehre  für  die  Auffassung  der  Metastasen  und  aller 
metastasirenden  Dyscrasien  hat,  sondern  auch,  weil  ich  mich  be- 
rechtigt erachte,  gerade  in  einem  Gebiete,  in  welchem  ich  viele 
Jahre  lang  mit  eigenen  Untersuchungen  beschäftigt  war,  ein  be- 
glaubigtes Urtheil  aussprechen  zu  kOnnen. 

Bis  in  die  neueste  Zeit  hat  man  ganz  besondere  Beziehungen 
der  Pyämie  zu  Gefässaffecüonen  und  namentlich  zu  Gefässentzün- 


Phlebitis  und  Gapülarphlebitis.  235 

dangen*)  angenommen.  Namentlich  seitdem  man  sich  genöthigt 
sab,  die  Ansicht  anfzagebeo,  wonach  die  Eitermasse,  welche  man 
in  der  Vene  zn  sehen  glaubte,  durch  eine  Oefihnng  der  Wand  oder 
eine  klaffende  Lichtnng  in  dieselbe  eingedrungen  (absorbirt)  sein 
sollte,  kehrte  man  zu  der  von  John  Hunter  begründeten  Lehre 
von  der  Phlebitis**)  zurück.  Viele  betrachteten  dem  entsprechend 
den  Eiter  als  ein  Absonderungsproduct  der  Gefässwand.  Die  Be- 
weise für  diese  Ansicht  waren  aber  schwer  zu  liefern,  nachdem 
man  durch  die  Erfahrung  belehrt  war,  dass  eine  primär  eiterige 
Venenentzündung  nicht  vorkomme,  sondern  dass,  wie  zuerst  von 
Gruveilhier  mit  Bestimmtheit  nachgewiesen  ist,  im  Anfange 
jeder  sogenannten  Phlebitis  oder  Arteriitis  immer  ein  Blutgerinnsel 
innerhalb  des  Gefässes  gebildet  wird.  Aber  Gruveilhier  selbst 
war  durch  diese  Erfahrung  so  sehr  überrascht  worden,  dass  er 
eine  Theorie  daran  knüpfte,  welche  gegenwärtig  kaum  noch  be- 
greiflich ist.  Er  schloss  nämlich  aus  der  Unmöglichkeit,  in  der 
er  sich  befand,  zu  erklären,  warum  die  Entzündung  der  Venen 
mit  Gerinnung  des  Blutes  anfange,  dass  überhaupt  jede  Entzün- 
dung in  einer  Gerinnung  von  Blut  bestände.  Die  Unmöglichkeit, 
die  Phlebitis  zu  erklären,  schien  beseitigt  dadurch,  dass  die  Ge- 
rinnung des  Blutes  innerhalb  der  Gefässe  zu  einem  allgemeinen 
Gesetze  der  Entzündungslehre  erhoben  und  auch  die  gewöhnliche 
Entzündung  auf  eine  Phlebitis  im  Kleinen,  die  von  ihm  sogenannte 
Gapülarphlebitis,  bezogen  wurde.  Diese  Gapülarphlebitis  war  nahe- 
zu identisch  mit  der  in  der  deutschen  Pathologie  gebräuchlichen 
Stase;  der  abweichende  Ausdruck  des  französischen  Forschers  er- 
klärt sich  nur  dadurch,  dass  er  sich  eine  eigenthümliche  Ansicht 
über  die  Existenz  besonderer,  kleinster  Venen  in  den  Theilen  ge- 
bildet hatte,  auf  welche  er  nicht  bloss  die  Ernährung,  sondern 
auch  die  Bildung  von  Cysten,  Tuberkeln,  Krebs,  kurz  aller  wich- 
tigeren anatomischen  Prozesse  zurückführte.  Diese  Art  zu  denken 
blieb  aber  der  grossen  Mehrzahl  der  gelehrten  und  noch  mehr 
der  ungelehrten  Aerzte  so  vollständig  fremd,  dass  die  einzehien 
Schiassthesen  von  Gruveilhier,  die  man  in  seiner  Formulirung 
in  die  Wissenschaft  aufnahm,  ganz  und  gar  missverstanden 
worden. 


*)  Gesammelte  Abhandlungen  S.  636. 
••)  Ebendas.  S.  4Jd. 


236  KitrieB  CapiUl. 

Freilieb  batte  er  io  dem  einen  Punkte  Hecht,  dtsr  aucb  seit- 
dem mehr  imd  mehr  anerkannt  worden  iet,  dass  der  Bogeaannte 
Eiter  in  den  Venen  nie  zuerst  an  der  Wand  liegt,  Bondem  immer 
zoerst  in  der  Mitte  eines  Bchon  vor  ihm  vorhandenen  Blntge- 
rinnsels  auftritt,  welches  den  Anfang  des  Prozesses  überhaapt  be- 
zeichnet. Aber  er  fand  fflr  diese  vortreffliche  Beobachtung  keine 
richtige  Eriilftmng.  Er  stellte  sieb  vor,  dass  die  Eitersecretion 
von  den  Wandungen  des  Gefässcs  ans  stattfinde,  dass  aber  der 
Eiter  nicht  an  der  Wand  liegen  bleibe,  sondern  vermOge  der 
nCapiUarit&t"  sofort  bis  in  die  Hitte  des  Coagniams  wandere. 
Es  war  dae  eine  sehr  sonderbare  Theorie,  die  sich  auch  dann 
nnr  annähernd  begreift,  wenn  man  erwägt,  dass  in  jener  Zeit  der 
Eiter  noch  für  eine  einfache  Flüssigkeit  (Solution)  gehalten  wurde. 
Erkennt  man  in  dem  Eiter  ein  flüssiges  oder,  genauer  gesagt, 
ein  bewegliches  Gewebe,  dessen  wesentlicher  Bestandtheil 
Zellen,  also  feste  Theile  sind,  so  föllt  jene  Deutung  in  sich  selbst 
zusammen. 

Alleio  trotz  der  falschen  Deutung  bleiben  doch  die  Thataacben 
stehen,  gegen  die  sich  auch  heute 
'■i-  '*-  nichts  vorbringen  Ifisst,    dass    als 

erste  Erscheinung  des  Ortlichen 
Vorganges,  bevor  etwas  von  Ent- 
zündimg  an  der  GeAsswand  zo 
sehen  ist,  sich  ein  Blutgerinnsel 
findet,  and  dass  etwas  später  in- 
C-  mitten  dieses  Gerinnsels  sich  eine 
Masse  zeigt,  welche  ihrem  Ausse- 
hen und  ihrer  CoDsisteaz  nach  von 
dem  Gerinnsel  verschieden  ist,  da- 
gegen mehr  oder  weniger  Aehn- 
lichkeit  mit  Eiter  darbietet. 

Von  diesen  Erfahrungen  aus- 
gehend, habe  ich  mich  bemOht,  die 
Lehre    von    der    Phlebitis    ihrem 
•p  grßBsten    Theile    nach    überhaupt 

Fig.  78.  Thrombose  der  Vena  saphena.  S  Vena  saphena,  T  Thrombns: 
r,  »'  klippenstindiKe  (valruläre)  Thromben,  in  der  Erneichun(t  bf^ffen  nnil 
durch  fristhcre  und  düitnere  Gerinnsel  stücke  verbunden;  (',  der  fortgesetite  über 
die  Xündung  des  GeAsses  in  dis  Vena  curelia  C  hineinragende  Pfropf. 


Thrombose.  237 

anfznldsen,  indem  idh  für  das  Mystische,  welches  in  Grnveilhier's 
Deatung  lag,  einfach  den  Ausdruck  der  Thatsacben  einsetzte.  Die 
Entzündung  als  solche  ist  nicht  an  Gerinnung  gebunden;  im  6e- 
gentheil  hat  sich  herausgestellt,  dass  die  Lehre  von  der  Stase  auf 
vielfachen  Missverstäodnissen  beruhe*).  Es  kann  Entzündung  be- 
stehen bei  vollkommen  offenem  Strome  des  Blutes  innerhalb  der 
Gef&sse  des  afficirten  Theiles.  Lassen  wir  also  die  Entzündung 
überhaupt  bei  Seite,  und  halten  wir  uns  einfach  an  die  Gerinnung 
des  Blutes,  an  die  Bildung  des  Gerinnsels  (Thrombus).  Alsdann 
scheint  es  am  meisten  entsprechend,  den  ganzen  Vorgang  in  dem 
Ausdrucke  der  Thrombose  zusammenzufassen.  Ich  habe  vor- 
geschlagen**), diesen  Ausdruck  zu  substituiren  für  die  verschie- 
denen Namen  von  Phlebitis,  Arteriitis  u.  s.  w.,  insoweit  es  sich 
nehmlich  wirklich  um  eine  an  Ort  und  Stelle  geschehende  Ge- 
rinnung des  Blutes  handelt. 

Untersucht  man  die  Geschichte  dieser  Thromben,  so  ergibt 
sich,  dass  dieselben  in  den  Gapillaren  fast  gar  nicht  vorkommen, 
sondern  sich  auf  die  Venen,  die  Arterien  und  das  Herz  beschrän- 
ken, so  zwar,  dass  auch  die  kleinsten  Venen  und  Arterien  davon 
beinahe  ganz  frei  bleiben.  Die  Mehrzahl  der  Thromben  entsteht 
ursprünglich  als  wandständige  (parietale),  während  neben 
ihnen  der  Strom  des  Blutes  noch  fortgeht;  sie  sind  sämmtlich  zu 
erklären  aus  örtlichen  Veränderungen  der  Gefässwand  und  des 
Blutstromes,  jedoch  können  zu  dieser  Erklärung  auch  allgemeine 
Veränderungen  des  Blutes  oder  der  Blut  Strömung  herangezogen 
werden,  insofern  sie  auf  das  örtliche  Verhalten  des  Blutstromes 
Einfluss  ausüben.  Selten  finden  sich  gleich  von  vornherein  total 
verstopfende  (obstruirende)  Thromben,  bei  denen  der  Blut- 
strom gänzlich  unterbrochen  ist;  wo  sie  vorkommen,  ohne  dass 
besondere  chemische  Stoffe  durch  Einspritzung,  Aetzung  u.  s.  f. 
eingewirkt  haben,  da  ist  gewöhnlich  schon  vor  der  Thrombose 
ein  Stillstand  des  Blutes  (durch  Ligatur,  Compression)  eingetreten 
und  die  Gerinnung  ist  als  die  natürliche  Folge  der  Stagnation 
anzusehen. 

In  vielen  Thromben  kommt  es  überhaupt  niemals  zu  der  so- 


*)  Handb.  der  spec.  Patfaol.  und  Ther.    I.    53.    J.  H.  Boner  Die  Stase 
nach  Experimenten  an  der  Froschschwimmhaut.     Würzburg  1856. 
**)  Handbuch  der  spec.  Path.     I.     159. 


238  Eilftes  Capitel. 

genannten  Eiterbildung.  Im  Gegentheil,  es  entsteht  ans  dem  Ge- 
rinnsel ein  Bindegewebs -Pfropf,  gewöhnlich  mit  Pigment  (Häma- 
toidin),  zuweilen  mit  Gefässen.  Dies  hat  man  die  adhäsive 
Phlebitis  oder  Arteriitis  genannt.  Bei  der  sogenannten  suppura- 
tiven  Phlebitis,  der  eigentlich  geffirchteten  Form,  findet  sich 
allerdings  eine  eiterartige  Masse,  allein  diese  stammt  nicht  von 
der  Wand,  sondern  sie  entsteht  direkt  durch  eine  Umwandlung 
zuerst  der  centralen  Gerinnselschichten  selbst,  und  zwar  durch 
eine  Umwandlung  chemischer  Art,  wobei  in  ähnlicher  Weise,  wie 
man  dies  durch  langsame  Digestion  von  geronnenem  Fibrin  künst* 
lieh  erzeugen  kann,  das  Fibrin  in  eiae  feinkörnige  Substanz  zer- 
fällt, und  die  ganze  Hasse  in  Detritus  übergeht*).  Es  ist  dies 
eine  wirkliche  Erweichung  und  Rückbildung  der  organischen  Sub- 
stanz: die  Fäden  des  Fibrins  zertrüm- 
Pis-  79.  mem  in  Stücke,  diese  wieder  in  kleinere 

^4.  B  ,  und  so  fort,  bis  man  nach  einer  gewissen 

'^V-^-^  äS^  ^^^  ^^^^  ^^^  ^^  ganze  Masse  zusammenge- 


•  cT  K^/^fe   ^p^       setzt  findet  aus  kleinen,  feinen,  blassen 


,...y  Eömem  (Fig.  79  A).  In  Fällen,  wo  das 

Q^  Q  '  Gerinnsel  aus  verhältnissmässig  reinem 

QdO  Fibrin  bestand,  z.  B.  in  parietalen  Herz- 

^*i^^  thromben,  sieht  man  manchmal  fast  gar 

nichts  weiter,  als  diese  Eömchen. 
Das  Mikroskop  löst  also  die  Schwierigkeiten  sehr  einfach  auf, 
indem  es  nachweist,  dass  diese  Masse,  welche  wie  Eiter  aussieht, 
kein  Eiter  ist.  Denn  wir  verstehen  unter  Eiter  eine  wesentlich 
mit  zelligen  Elementen  versehene  Flüssigkeit.  Ebenso  wenig  wie 
wir  uns  Blut  ohne  Blutkörperchen  denken  können,  ebenso  wenig 
existirt  Eiter  ohne  Eiterkörperchen.  Wenn  wir  hier  aber  eine 
Flüssigkeit  finden,  welche  nichts  weiter  als  eine  mit  Eömem 
durchsetzte  Masse  darstellt,  so  mag  diese  ihrem  äusseren  Habitus 
nach  immerhin  wie  Eiter  aussehen;    nie  darf  man  sie  aber  als 


Fi^.  79.  Puriforme  Detritus  -  Masse  aus  erweichten  Thromben.  A  die  rer- 
schieden  flössen,  blassen  Kömer  des  zerfallenden  Fibrins.  B  Die  bei  der  Erwei- 
chung frei  werdenden ,  zum  Theil  in  der  Rockbildung  be^ffenen  farblosen  Blut- 
körperchen, a  mit  mehrfachen  Kernen,  6  mit  einfachen,  eckip:en  Kernen  und  ein  - 
zelnen  Fettkömchen,  c  kernlose  (pyoide)  in  der  Fettmetamorphose.  C  In  der 
Entfikrbung  begriffene  und  zerfallende  Blutkörperchen.    Vergr.  350. 

*;  Zeitschrift  für  ratiooelle  Median.  1846.  Y.  226.  Gesammelte  Abhand- 
lungen S.  95,  104,  328,  524. 


Die  puriforme  Schmelzung  der  Thromben.  239 

wirklichen  Eiter  deuten.    Es  ist  eine  puriforme  Substanz, 
aber  keine  purulente. 

Meistentheils  aber  erscheint  neben  diesen  Eömem  eine  ge- 
wisse Zahl  von  anderen  Bildungen,  z.  B.  wirklich  zellige  Elemente 
(Fig.  79,  B).  Diese  sind  meist  rund  (sphärisch),  seltener  eckig, 
und  enthalten  in  einer  fein  granulirten  Substanz  einen,  zwei  und 
mehr  Kerne.  Sie  besitzen  demnach  in  der  That  eine  grosse  Ueber- 
einstimmung  mit  Eiterkörperchen,  imd  wenn  sehr  oft  in  ihnen 
Fettkömchen  vorkommen,  welche  darauf  hindeuten,  dass  es  sich 
hier  um  ein  Zerfallen  (Necrobiose)  handelt,  so  kommt,  wie  wir 
gesehen  haben  (S.  222),  dasselbe  ja  auch  an  Eiterkörperchen  vor. 
Wenn  daher  in  solchen  Fällen,  wo  die  Menge  des  Detritus  ganz 
überwiegend  ist,  kein  Zweifel  sein  kann  über  das,  was  vorliegt, 
80  können  in  anderen  erhebliche  Bedenken  bestehen,  ob  nicht  doch 
wirklicher  Eiter  vorhanden  sei.  Diese  Bedenken  lassen  sich  auf 
keine  andere  Weise  lösen,  als  durch  die  Geschichte  des  Thrombus. 
Nachdem  wir  früher  schon  gesehen  haben,  dass  farblose  Blut- 
körperchen und  Eiterkörperchen  formell  völlig  mit  einander  über- 
einstimmen, so  dass  wirkliche  Scheidungen  zwischen  ihnen  un- 
möglich sind,  so  kann  natürlich  an  einem  Punkte,  wo  wir  in  einem 
Blutgerinnsel  runde,  farblose  Zellen  finden,  die  Frage,  ob  diese 
Zellen  farblose  Blutkörperchen  sind,  nur  dadurch  gelöst  werden, 
dass  ermittelt  wird,  ob  die  Eörperchen  schon  in  dem  Thrombus 
vor  der  Erweichung  vorhanden  waren,  oder  ob  sie  erst  bei  der- 
selben darin  entstanden  oder  sonst  wie  hineingelangt  sind.  Es 
ergibt  aber  die  Verfolgung  der  Vorgänge  mit  grosser  Bestimmtheit, 
dass  die  Eörperchen  vor  der  Erweichung  präexistiren ,  und  wenn 
auch  die  Möglichkeit  zugelassen  werden  muss,  dass  noch  nach  der 
Bildung  des  Thrombus  farblose  Blutkörperchen  in  denselben  hin- 
einkriechen, so  ist  dies  doch  nicht  die  Ursache  der  Erweichung, 
und  noch  weniger  liegt  ein  Grund  vor,  anzunehmen,  dass  diesel- 
ben erst  mit  dem  Eintritte  der  Erweichung  entstehen  oder  in  das 
Gerinnsel  hineingelangen  Schon  bei  Untersuchung  ganz  frischer 
Thromben*)  findet  man  an  manchen  Stellen  farblose  Blutkörper- 
chen in  grossen  Massen  angehäuft;  wenn  später  der  Faserstoff 
zerfällt,  so  werden  sie  in  solcher  Zahl  frei,  dass  der  Detritus  fast 
so  zelleoreich  wie  Eiter  ist.    Es  verhält  sich  mit  diesem  Vorgange, 


*)  Getiammelte  Abhandlungen  515. 


240  Silf^s  Gapitel. 

wie  wenn  ein  mit  körperlichen  Theilen  ganz  durchsetztes  Wasser 
gefroren  ist  und  dann  einer  höheren  Temperatur  ausgesetzt  wird; 
beim  Schmelzen  des  Eises  müssen  natürlich  die  eingeschlossenen 
Körper  wieder  zum  Vorschein  kommen. 

Gegen  diese  Darstellung  kann  ein  umstand  eingewendet 
werden,  nehmlich  der,  dass  man  nicht  in  der  gleichen  Weise  die 
rothen  Blutkörperchen  frei  werden  sieht.  Die  rothen  Eörpercben 
gehen  indess  gewöhnlich  sehr  frühzeitig  zu  Grunde.  Sie  verlieren 
zuerst  ihren  Farbstoff,  yerkleinem  sich  dabei,  indem  dunkle  Körn- 
chen an  ihrem  Umfange  hervortreten  (Fig.  63.  a,  79.  6),  und 
verschwinden  endlich  ganz,  indem  nur  diese  Kömchen  übrig  blei- 
ben*;, welche  später  resorbirt  werden.  Der  aus  den  Körperchen 
ausgetretene  Farbstoff  zersetzt  sich  und  verliert  nach  und  nach 
sein  rothes  Colorit.  Nur  sehr  selten  erhalten  sich  die  rothen 
Körperchen  noch  in  der  Erweichungsmasse.  In  der  Regel  gehen 
sie  zu  Grunde,  und  gerade  dadurch  erklärt  sich  die  auffällige 
Eigenthümlichkeit,  dass  aus  dem  rothen  Thrombus  eine  gelbweisse 
Flüssigkeit  entsteht,  die  das  Ansehen  und  die  Farbe,  ja  sogar 
zum  Theil  die  histologische  Zusammensetzung  von  Eiter  hat.  Auch 
dafür  kann  man  ohne  besondere  Schwierigkeiten  die  Deutung  fin- 
den; man  muss  sich  nur  erinnern,  wie  gering  die  Widerstands- 
fähigkeit der  rothen  Blutkörperchen  gegen  die  verschiedensten 
Agentien  ist.  Wenn  man  zu  einem  Blutstropfen  unter  dem  Mi- 
kroskope einen  Tropfen  Wasser  setzt,  so  sieht  man  die  rothen 
Körperchen  vor  den  Augen  verschwinden,  während  die  farblosen 
zurückbleiben. 

Das,  was  man  im  gewöhnlichen  Sinne  eine  suppurative  Phle- 
bitis nennt,  ist  also  weder  suppurativ,  noch  Phlebitis,  sondern  es 
ist  ein  Process,  der  mit  einer  Gerinnung,  einer  Thrombusbildung 
aus  dem  Blute  beginnt,  und  der  später  die  Thromben  erweichen 
macht ;  die  Geschichte  des  Processes  beschränkt  sich  zunächst  auf 
die  Geschichte  des  Thrombus.  Ich  muss  aber  gerade  hier  her- 
vorheben, dass  ich  nicht,  wie  man  mir  hier  und  da  nachgesagt 
hat,  die  Möglichkeit  einer  wirklichen  Phlebitis  (oder  Arteriitis)  in 
Abrede  stelle,  oder  dass  ich  irgend  wie  gefunden  hätte,  es  gäbe 


*)  Beitr&ge  zur  experimentollen  Pathologie.  IL  12.     Archiy.  I.  245,  383. 


Phlebitis  imd  Thrombose.  241 

keine  Phlebitis.  Allerdings  gibt  es  eine  Phlebitis*).  Aber 
diese  ist  eine  Entzündung,  die  wirklich  die  Wand  nnd  nicht  den 
Inhalt  des  Gef&sses  betrifit.  An  grösseren  Gelassen  können  sich 
die  verschiedensten  Wandschichten  (Intima,  Media,  Adventitia) 
entzünden  nnd  alle  möglichen  Formen  der  Entzündung  eingehen, 
wobei  aber  das  Lumen  ganz  intakt  bleiben  mag.  Nach  der  frü- 
heren Auffassung  betrachtete  man  die  innere  Gefässhaut  wie  eine 
seröse  Haut,  und  wie  eine  solche  leicht  fibrinöse  Exsudate  oder 
eiterige  Massen  hervorbringt,  so  setzte  man  dasselbe  bei  der  inne- 
ren Gefässhaut  voraus,  üeber  diesen  Punkt  ist  seit  Jahren  eine 
Reihe  von  Untersuchungen  angestellt,  und  ich  selbst  habe  mich 
vielfach  damit  beschäftigt,  aber  es  ist  bis  jetzt  noch  keinem  Ex- 
perimentator, welcher  vorsichtig  das  Blut  von  dem  Einströmen  in 
die  Gefässe  abhielt,  gelungen,  ein  Exsudat  zu  erzeugen,  welches 
in  das  Lumen  abgesetzt  wurde.  Vielmehr  geht,  wenn  die  Wand 
sich  entzündet,  das  „Exsudat^  in  die  Wand  selbst;  diese  verdickt 
sich,  trübt  sich,  und  &ngt  möglicherweise  späterhin  an  zu  eitern. 
Ja,  es  können  sich  Abscesse  bilden,  welche  die  Wand  nach  bei- 
den Seiten  hin  wie  eine  Pockenpustel  hervordrängen,  ohne  dass 
eine  Gerinnung  des  Blutes  im  Lumen  erfolgt.  Andere  Male  frei- 
lich wird  die  eigentliche  Phlebitis  (und  ebenso  die  Arteriitis  und 
Endocarditis)  die  Bedingung  für  Thrombose,  indem  sich  auf  der 
inneren  Wand  Unebenheiten,  Höcker,  Vertiefungen  und  selbst  Ul- 
cerationen  bilden,  welche  für  die  Entstehung  eines  Thrombus  An- 
haltspunkte bieten.  Allein  da,  wo  eine  Phlebitis  in  dem  gebräuch- 
lichen Sinne  des  Wortes  stattfindet,  ist  die  Veränderung  der  Ge- 
ftsswand  fast  immer  eine  secundäre,  welche  sogar  verhältnissmässig 
spät  zu  Stande  kommt. 

Die  jüngsten  Theile  des  Thrombus  bestehen  immer  aus  fri- 
scherem Gerinnsel.  Die  Erweichung,  das  Schmelzen  ( Colli - 
quatio)  beginnt  in  der  Regel  an  den  ältesten  Schichten,  so  dass 
also,  wenn  der  Thrombus  eine  gewisse  Grösse  erreicht  hat,  sich 
in  seiner  Mitte  oder  an  seiner  Basis  eine  mehr  oder  weniger 
grosse  Höhle  findet,  die  allmählich  sich  vergrössert  und  der  Ge- 
i&sswand  näher  rückt.  Aber  in  der  Regel  ist  dieselbe  nach  oben 
und  häufig  auch  nach  unten  durch  einen  frischeren,  derberen  Theil 
des  Gerinnsels  wie  durch  eine  Kappe  abgeschlossen ;  dadurch  wird. 


*)  Gesammelte  Abhandlungen  484. 

Virebow,  C«llaUrPatboL    4.  Anll.  ^^ 


242  Eilftes  Gapitel. 

wie  Cruveilhier  sich  ausdrückte,  der  „Eiter*'  seqaestrirt  und 
die  Berührung  des  Detritus  mit  dem  circulirenden  Blute  gehindert. 
Nur  seitlich  oder  im  Grunde  erreicht  die  Erweichung  endlich  die 
Wand  des  Gefässes  selbst;  diese  verändert  sich,  es  beginnt  eine 
Verdickung  und  zugleich  Trübung  derselben,  und  endlich  erfolgt 
selbst  eine  Eiterung  innerhalb  der  Wandungen. 

Dasselbe,  was  wir  bis  jetzt  an  den  Venen  betrachtet  haben, 
kommt  auch  am  Herzen  vor.  Namentlich  am  rechten  Ventrikel 
sieht  man  nicht  selten  sogenannte  Eitercysten  zwischen  den  Tra- 
bekeln der  Herzwand.  Sie  ragen  gegen  die  Höhle  mit  rundlichen 
Enöpfchen  hervor  und  stellen  kleine  Beutel  dar,  welche  beim 
Anschneiden  einen  weichen  Brei  enthalten,  der  ein  vollkommen 
eiterartiges  Ansehen  haben  kann.  Mit  diesen  Eitercysten,  welche 
übrigens  zuerst  die  Veranlassung  gewesen  sind,  dass  Piorry  seine 
Lehre  von  der  Hämitis  und  der  damit  zusammenhängenden  Py* 
ämie  aufstellte,  hat  man  sich  unendlich  viel  geplagt  und  alle  nur 
möglichen  Theorien  darüber  gemacht,  bis  endlich  die  einfiache 
Thatsache  herauskam,  dass  ihr  Inhalt  häufig  weiter  nichts  als  ein 
feinkörniger  Brei  von  eiweissartigen  Theilchen  ist,  der  auch  nicht 
die  mindeste  feinere  Uebereinstimmung  mit  dem  Eiter  darbietet 
Dies  war  insofern  beruhigend,  als  noch  keine  Beobachtung  vor- 
liegt, dass  ein  Kranker,  der  solche  Säcke  in  grösserer  Zahl  hatte, 
durch  Pyämie  zu  Grunde  gegangen  wäre,  aber  es  hätte  denjenigen 
auffallen  sollen,  welche  so  leicht  geneigt  sind,  die  Pyämie  mit 
peripherischen  Thrombosen,  die  doch  ganz  dasselbe  sind,  in  Ver- 
bindung zu  setzen. 

Denn  natürlich  entsteht  die  Frage,  in  wie  weit  durch  die 
Erweichung  der  Thromben  besondere  Störungen  im  Körper  her- 
vorgerufen werden  können,  welche  man  mit  dem  Namen  Pyämie 
bezeichnen  dürfte.  Hierauf  ist  zunächst  zu  erwidern,  dass  aller- 
dings sehr  häufig  secundäre  Störungen  veranlasst  werden,  aber 
nicht  so  sehr  dadurch,  dass  die  flüssigen  Erweichungsmassen 
unmittelbar  in  das  Blut  gelangen,  als  vielmehr  dadurch,  dass 
grössere  oder  kleinere  Stücke  von  dem  centralen  Ende  des  er- 
weichenden Thrombus  abgelöst,  mit  dem  Blutstrom  fortgeführt 
und  in  entfernte  Geftsse  eingetrieben  werden.  Dies  gibt  den 
sehr  häufigen  Vorgang  der  von  mir  so  genannten  Em  helle*),  — 


*)  Handb.  der  spec  Path.  und  Thor.    I.     167.    Gesammelte  Abfaandl.  640. 


FortgeseUte  ThrombBE.  243 

die  grttbste  Fonn  der  im  lebenden  Körper  vorkommenden  Me- 
tastase. 

Es  ist  dies  ein  Ereigniss,  welelies  wir  hier  nur  knrz  berühren 
können.  An  den  peripherischen  Yenen  geht  die  Gefahr  hanpt^ 
Bftchlich  von  den  kleinen  Aesten  ans.  Gar  nicht  selten  werden 
diese  mit  Gerinnselmasse  ganz  erfüllt.  So  lange  indess  der  Tbrom- 
bns  sich  nur  in  dem  Aste  selbst  befindet,  so  lange  ist  für  den 
Körper  keine  besondere  Gefahr  vorhanden:  das  Schlimmste  ist, 
dasB  sich  ein  Abscess  bildet,  in  Folge  einer  Peri-  oder  Uesophte- 
bitis,  der  sich  nach  anssen  Öffnet.  Allein  die  meisten  Thromben 
der  kleinen  Aeste  beschränken  sich  nicht  daranf,  bis  an  die  Hnn- 
dnng  derselben  in  den  nächsten  Stamm  vorzudringen;  gewöhnlich 
lagert  sieb  an  das  Ende  des  Thrombus  immer  netie  Gerinnsel- 
masse Schicht  nm  Schicht  ans  dem  Blote  ab,  der  Thrombns  setzt 
sich  über  das  Ostinm  des  Astes  hinaas  in  den  nächsten  Stamm  in 
der  Richtung  des  Blutstromes  fort,  wächst  in  Form  eines  dicken 
Cylinders  weiter  und  wird  immer  grosser  and  grösser.  Bald  steht 
dieser  fortgesetzte  Thrombns  (Fig.  80,  t)  in  gar  keinem  Ver- 


pig.  » 


bftltnisse  mehr  zo  dem  ursprünglichen  (antochthoneD)  Thrombns 
(Fig.  80,  c),   von   dem    er   ansgegangen  ist*).     Der  forlgesetzte 


Fig.  80.  Antocbthone  nnd  fortgesetzte  Thromben  c,  e"  kleinere,  Taricöse 
Stiteniste  (Venae  circum&eise  femoris),  mit  Rutocbtbonen  Thromben  erTüllt, 
welche  aber  die  Oatien  hinaas  in  den  Stamm  der  CniroWene  reichen.  (,  fortge- 
«etiter  ThrombuB,  dnrch  concentrische  Apposition  aus  dem  Blute  entstanden. 
('  Auuehen  eines  fortgesetzten  Thrombus,  nachdem  eine  Ablösung  von  Stücken 
(Embolis)  erfolgt  ist. 

*)  Froriep'B  Notizen.  1846.  Januar,  üo-  794.  Gesammelte  Abhandlungen 
335,  332. 

16' 


244  Eilftes  Gapitel. 

Thrombus  kann  die  Dicke  eines  Daumens  haben,  der  ursprüngliche 
die  einer  Stricknadel.  Von  dem  ganz  kleinen  Pfropf  einer  Vena 
Inmbalis  kann  z.  B.  ein  Gerinnsel,  so  dick,  wie  die  letzte  Phalanx 
des  Daumens,  sich  in  die  Cava  fortsetzen. 

Diese  fortgesetzten  Pfropfe  bringen  die  eigentliche  Gefahr  mit 
sich;  an  ihnen  erfolgt  die  AbbrGckelung ,  welche  zu  secund&ren 
VerSchliessungen  entfernter  Gefässe  fahrt.  Hier  ist  der  Ort,  wo 
durch  das  vorüberströmende  Blut  grössere  und  kleinere  Partikeln 
abgerissen  werden  (Fig.  80,  f).  Durch  das  ursprünglich  ver- 
stopfte Gefäss  strömt  überhaupt  kein  Blut,  da  ist  die  Circulation 
gänzlich  unterbrochen ;  aber  in  dem  grösseren  Stamme,  durch  wel- 
chen das  Blut  immer  noch  fortgeht,  und  in  welchen  die  fortge- 
setzten Thrombuszapfen  hineinragen,  kann  der  Blutstrom  kleinere 
oder  grössere  Bruchstücke  lostrennen,  mitschleppen  und  in  das 
nächste  Arterien-  oder  Gapillarsystem  festkeilen. 

So  erklärt  es  sich,  dass  in  der  Regel  alle  Thromben  in  der 
Peripherie  des  Körpers,  wenn  überhaupt  eine  Embolie  von  ihnen 
ausgeht,  secundäre  Verstopfungen  und  Metastasen  in  der  Lunge 
erzeugen.  Ich  habe  lange  Zweifel  getragen,  die  metastatischen 
Entzündungen  der  Lunge  sämmtlich  als  embolische  zu  betrachten, 
weil  es  sehr  schwer  ist,  die  Gefässe  in  den  kleinen  metastatischen 
Heerden  zu  untersuchen,  aber  ich  überzeuge  mich  immer  mehr 
von  der  Noth wendigkeit,  diese  Art  der  Entstehung  als  die  Regel 
zu  betrachten.  Wenn  man  eine  grössere  Zahl  von  Fällen  sta- 
tistisch vergleicht,  so  zeigt  sich,  dass  jedesmal,  wo  Metastasen  in 
den  Lungen  vorkommen,  auch  Thrombose  gewisser  peripherischer 
Gefässe  besteht.  Wir  hatten  z.  B.  vom  Herbst  1856  bis  zum 
März  1858  eine  ziemlich  grosse  Puerperalfieber -Epidemie  in  der 
Charit^.  Dabei  stellte  sich  heraus,  dass,  so  mannichfaltig  die 
Formen  der  Erkrankung  auch  waren,  doch  alle  diejenigen  FfiUe, 
in  welchen  Metastasen  in  den  Lungen  gefunden  wurden,  auch  mit 
Thrombose  im  Bereiche  des  Beckens  oder  der  unteren  Extremi- 
täten verlaufen  waren.  Bei  den  Lymphgefäss-Entzündungen  fehl- 
ten die  Lungenmetastasen*).  Solche  statistischen  Resultate  haben 
eine  gewisse  zwingende  Noth  wendigkeit,  selbst  wo  der  strenge 
anatomische  Nachweis  fehlt. 


*)  Monatsschrift  für  Geburtskunde.  XI.  413. 


Embolie.  245 

In  die  Lungen -Arterie    dringen   die  einge-  '*»■  '^ 

fährten  Tbrombnestücke  je  nach  üirer  Grösse 
Terscbieden   weit   ein.     Gewöhnlich    setzt  sich 
ein  solches  Stück  da  fest,  wo  eine  Theilnng  des 
Gefässes  Btattandet  (Fig.  81,  £),  weil  die  ab- 
gebenden Qe^se  zn  klein  sind,  um  das  StSck 
noch  einznlasaen.     Bei   sehr   grossen   Stücken 
werden  schon  die  Eanptäste  der  Lnngen-Arte- 
rie  verstopft,   und  ea  tritt   angenblickliche  A- 
sphyxie  ein;    ganz  kleine  Stücke    gehen  bis  in 
die  feinsten  Arterien  hinein  und  erzengen  von 
da  ans  die  kleinsten,  zuweilen  miliaren  Entzündungen  des  Pareo- 
chyms').     Für  die  Dentnng  dieser  kleinen,   oft   sehr  zahlreichen 
Heerde  mnss  ich  eine  Vermathung  erwähnen,  welche  mir  erst  bei 
meinen  spfiteren  TJntersnchungeii  gekommen  ist,  von  welcher  ich 
aber  kein  Bedenken  trage,  sie  für  eine  nnabweisliche  auszugeben. 
Ich  glaube  nehmlich,  dass,  wenn  ein  grösseres  Thrombnsstfick  an 
einem  bestimmten  Punkte  emer  Arterie  eingekeilt  ist,  hier  noch 
eine  weitere  Zertrümmerung  durch   den  andringenden  Blutetrom 
stattfinden  kann,  so  dass  die  Partikelchen,  welche  durch  die  Zer- 
trümmerung des  grossen  Pfropfes  entstehen,  in  die  kleinen  Aeste 
geffihrt   werden,    in    welche   sich    das  GefUss  anfldst.     So  allein 
scheint  sich  die  Thatsache  zn  erkUren,  dass  man  oft  im  Bezirke 
einer   und  derselben   grösseren  Arterie   eine  grosse  Menge  von 
kleinen  Heerden  derselben  Art  und  desselben  Alters  findet 

Alles  das  bat  mit  der  Frage,  ob  im  Blute  Eiter  ist  oder 
nicht,  gar  nicht  das  Mindeste  zu  thun.  Es  handelt  sich  dabei  um 
ganz  andere  Körper,  um  Theile  von  Gerinnseln  in  einem  mehr 
oder  weniger  veränderten  Zustande;  je  nachdem  diese  Verände- 
rung den  einen  oder  den  anderen  Charakter  angenommen  hat,  kann 
auch  die  Natur  der  Prozesse,  welche  sich  iu  Folge  der  Verstop- 
fung bilden,  sehr  verschieden  sein.  Ist  z.  B.  an  dem  ursprüngli- 
chen Orte  eine  faulige  oder  brandige  Erweichung  des  Gerinnsels 


¥ig.  81.  Embolie  der  Lungenarterie.  f  MitlelBtarker  Äst  der  Lnngenarterie. 
E  der  Embolm,  txd  dem  Sporn  der  sich  theilenden  Arterie  reitend,  t,  t'  der 
einkapselnde  (secund&re)  Tbrombna:  I  das  Stück  TOr  dem  Embolus,  bis  m  dem 
nichit  höheren  Collftteral^ßiss  c  reichend;  I'  du  Stück  hinter  dem  Embolus,  die 
abgeiimdeii  Aeste  r,  r'  grossentbeils  fällend  nod  znletit  koniscb  endigend. 

*)  QesMDmelte  Abbandltui([eD  285  ff. 


246  Eilftes  Capitol. 

eingetreten,  so  wird  anch  die  Metastase  einen  fanl^en  oder  bran- 
digen Charakter  annehmeD,  gerade  Bo,  wie  dies  bei  einer  Inoca- 
lation  des  fanligen  oder  brandigen  StofTes  der  Fall  sein  würde. 
Umgekehrt  kommt  es  vor,  dass  die  secnndftren  Stünmgen,  ähnlich 
deneo  am  Orte  der  Lostrennnng,  sehr  gGostig  verlaufen,  indem 
der  Embolus,  wie  der  Thrombus,  sich  organisirt  nnd  Bindege- 
webe bildet. 

Diese  Gntppe  von  ProzesseD  mnss  nm  so  mehr  losgelSst  wer- 
den von  der  gewöhnlichen  Geschichte  der  Fyämie,  als  dieselben 
Vorgänge  sich  jenseits  der  Lnnge,  auf  der  linken  Seite  des  Strom- 
gebietes wiederfinden;  oft  mit  demselben  Yerlanfe,  mit  demselben 
Resaltate,  nnr  noch  weniger  abhängig  von  einer  QrsprfiDglichen 
Phlebitis.    So  bildet  die  Endocarditis  nicht  selten  den  Äas- 

pii.  >i. 


gangspmikt  ähnlicher  Metastasen').  Auf  einer  Herzklappe  ge- 
schieht eioe  UIceratioD,  nicht  durch  Eiterbildtmg ,  sondern  dnich 
acute  oder  chronische  Erweichung;    zertrümmerte  Partikeln  der 


Fiß.  82.  UlcerÖse  Endocarditis  mitralis.  a  die  freie,  glatte  Oberfläche  der 
Mitralklappe,  unter  welcher  die  bindetrenebs  -  Elemente  vergrössert  und  getrnbt, 
daa  Ztri-rheufrenebe  dichter  sind.  A  eine  stärkere  häeeli^e  Schirellung,  bedicfrl 
durch  lunebmende  Vpr^rriäseranir  und  Trfibune  des  Gewebes,  c  eine  schon  in 
Enreichuni;  und  Zcrtrümmeruns  übercpcraugene  Schwellungss teile,  d,  d  d«s  noch 
wenig  veränderte  Klappengewebe  in  der  Tiefe,  mit  zahlreichen,  gewucherten  Eör- 
pereben.  (,  e  der  Beginn  der  Vei^rrü^serung,  Trübung  and  Wncheranir  der  Ele- 
mente.    Vergr.  80. 

•)  ArchJT  1847.    l    338  ff. 


CapillEuremboüe.  247 

Elappenoberfl&che  oder  der  aaf  dieser  Oberfläche  abgesetzten  Pa- 
rietalthromben  werden  vom  Blntstrome  fortgerissen  and  gelangen 
mit  ihm  an  entfernte  Punkte.  Die  Art  der  Verstopfimg,  welche 
diese  Trümmer  erzeogen,  ist  ganz  ähnlich  der,  welche  die  Brach- 
BtKcke  von  Venentbromben  machen,  aber  beide  haben  nicht  genau 
dieselbe  chemische  BeschaffeDheit.  Anch  begfinstigt  ihre  Kleinheit 
nnd  Mürbigkeit  das  Eindringen  in  die  kleinsten  Gefösse  in  hohem 
Haasse.  Daher  findet  man  nicht  ganz  selten  in  kleinen  mikrosko- 
pischen GefS^sen,  welche  mit  blossem  Ange  gar  nicht  mehr  zu 
verfolgen  sind,  die  Verstopfnngsmasse,  gewöhnlich  bis  zn  einer 
TheiloDgsstelle  nnd  noch  etwas  darüber  hinans.  Diese  Hasse  zeigt 
hfiafig  eine  körnige  BesehaiFenheit,  jedoch  nicht  den  groben  De- 
tritns,  wie  an  der  Vene,  sondern  eine  ganz  feine  nnd  zugleich  sehr 
dichte  EOroermasse ;  chemisch  hat  sie  die  für  die  Dotersnchoi^ 
überaas  beqneme  Eigenschaft,  dass  sie  gegen  die  gew&Iuilichen 
BeagenUen  sehr  widerstandsftbig  ist  and  sieb  dadurch  too  anderen 
Dingen  leicht  unterscheidet.     Dies  gibt  die  Capillarembolie*), 


Vig.  83  —  84.  Capillarembolie  in  den  Penicilli  der  Hilzarterie  nach  Endo- 
cBrdilii  (Vel.  Gesammelte  Abhandlungen  zur  wiss.  Hedicin  ISÖ6.  S.  716).  83.  Ge- 
Üsst  eines  Penicillus  bei  lOmali^^r  Ver^üi^aeruiif,  um  die  Lage  der  Terstopfen- 
den  Emboli  in  dem  Arteriengobiete  zu  zei|;en.  S4.  Eine  kun  vor  ibrer  Theilung 
und  in  den  nächst  abgehenden  Aesten  mit  Bnichstücken  der  feinkörnigen  Embo- 
Insmasse  (tergl.  Fig.  82.  c)  tceröUte  Arterie.    Vergr.  300. 

*)  Gesammelte  Abhandl.  TU.    Archiv  IX.  307.    Z.  179. 


248  E;ilft6a  Capitel. 

eine  der  wichtigsten  Formen  der  Metastase,  welche  hänfig  kleine 
Heerde  in  der  Niere,  in  der  Milz  nnd  im  Herzfleische  selbst  her- 
vorbringt, unter  Umständen  plötzliche  Verschliessnngen  von  6e- 
fässen  im  Ange  oder  Gehirn  bedingt  nnd  je  nach  Umständen  zu 
metastatischen  Heerden  oder  zu  schnellen  Fnnctionsstöningen 
(Amaurose,  Apoplexie)  Veranlassung  gibt.  Auch  hier  kann  man 
sich  deutlich  überzeugen,  dass  in  frischen  Fällen  die  Gefässwand 
an  der  embolischen  Stelle  ganz  intakt  ist;  ja  es  würde  hier  die 
Lehre  von  der  Phlebitis  nicht  mehr  zureichen,  indem  dies  über- 
haupt keine  Venen,  ja  nicht  einmal  Gefässe  sind,  welche  noch 
Vasa  vi^orum  besitzen,  und  von  welchen  man  annehmen  könnte, 
dass  von  der  Wand  her  eine  Secretion  nach  innen  ginge.  Hier 
bleibt  nichts  übrig,  als  die  Verstopfungsmasse  ak  eine  primär 
innen  befindliche,  die  von  den  Zuständen  der  Wand  in  keiner 
Weise  abhängig  ist,  anzuerkennen. 

Diese  Darstellung  wird  hoffentlich  dargethan  haben,  dass  die 
Doctrin  der  Pyämie  von  zwei  wesentlichen  Irrthümem  ausgegan- 
gen ist:  einmal,  dass  man  £iterkörperchen  im  Blute  zu  finden 
glaubte,  wo  man  nur  die  farblosen  Elemente  des  Blutes  selbst 
vor  sich  hatte;  andermal,  dass  man  Eiter  in  Gefissen  zu  sehen 
glaubte,  wo  nichts  weiter  als  Erweichungsprodukte  des  Fibrins 
und  der  Blutkörperchen  vorhanden  waren.  Wir  haben  gefunden, 
dass  allerdings  diese  letztere  Reihe  die  wichtigste  Quelle  für  Me- 
tastasen abgibt  Nun  ist  aber  nach  meiner  Meinung  die  Geschichte 
derjenigen  Prozesse,  die  man  unter  dem  Namen  der  Pyämie  zu- 
sammengefasst  hat,  mit  der  Darstellung  dieser  Vorgänge  (Leuko- 
cytose,  Thrombose,  Embolie)  nicht  zu  Ende.  Freilich,  wenn  der 
Prozess  ganz  rein  verläuft,  so  dass  sich  von  dem  ersten  Orte  der 
Störung  (Venenthrombose,  Endocarditis  u.  s.  w.)  nur  gröbere 
Massen  ablösen  und  Verstopfung  machen,  so  konunt  in  vielen 
Fällen  der  eigentliche  Prozess  nur  durch  die  Metastase  zur  Beob- 
achtung. Es  gibt  Fälle,  welche  so  latent  verlaufen,  dass  die  ur- 
sprünglichen Ausgänge  vollkommen  übersehen  werden,  und  dass 
der  erste  Schüttelfrost,  dessen  Eintritt  den  Kranken  und  den  Arzt 
aufinerksam  macht,  schon  die  beginnende  Entwickelung  der  me- 
tastatischen Prozesse  anzeigt.  Für  gewöhnlich  muss  man  aber 
noch  ein  anderes  Moment  in  Betracht  ziehen,  welches  weder  für 
die  gröbere,  noch  für  die  feinere  anatomische  Untersuchung  direkt 
zugänglich  ist;  das  sind  gewisse  Flüssigkeiten,  welche  an  sich 


lufections-Metastase.  249 

gleichfalls  keine  umnittelbare  und  nothwendige  Beziehung  zum 
Eiter  als  solchem,  sondern  offenbar  sehr  verschiedene  Beschaffen- 
heit und  Ableitung  haben. 

Schon  bei  der  Betrachtung  der  Lymphveränderungen  habe 
ich  hervorgehoben  (S.  226),  dass  Flüssigkeiten,  welche  von 
Lymphgefässen  aufgenommen  wurden,  innerhalb  der  Lymphdrüsen- 
Filtren  nicht  nur  von  körperlichen  Theilen  befreit,  sondern  auch 
von  der  Substanz  der  Drüse  zumTheil  angezogen  und  zurückge- 
halten werden,  so  dass  sie  in  derselben  eine  Wirksamkeit  ent- 
falten können.  Aehnliche  Einwirkungen  scheinen  auch  über  die 
Drüsen  hinaus  stattzufinden.  Wo  primär  durch  Venen  die  Re- 
sorption erfolgt*),  wo  also  überhaupt  keine  Drüsen  zu  passiren 
sind,  da  muss  natürlich  jedesmal  eine  Wirkung  in  die  Feme  (eine 
Metastase)  eintreten.  Hierher  gehört  vor  Allem  eine  Reihe  von 
eigenthümlichen  Erscheinungen,  welche  sich  als  constantes  Element 
durch  alle  infectiösen  Prozesse  hindurchziehen.  Das  sind  einerseits 
die  Veränderungen,  welche  die  lymphatischen  und  lymphoiden 
Drüsen,  nicht  sowohl  am  Orte  der  primären  Affection,  als  viel- 
mehr im  Körper  überhaupt  erleiden  können,  andererseits  die  Ver- 
änderungen, welche  die  Secretionsorgane  darbieten,  durch  welche 
die  Stoffe  ausgeschieden  werden  sollen**). 

Man  hat  eine  Zeit  lang  geglaubt,  dass  der  Milztumor  für 
den  Typhus  pathognomonisch  sei,  indem  er  den  Drüsenanschwel- 
lungen im  Mesenterium  parallel  gehe.  Allein  eine  genauere  Beob- 
achtung lehrt,  dass  eine  grosse  Reihe  von  fieberhaften  Zuständen, 
welche  einen  mehr  oder  weniger  typhoiden  Verlauf  machen  und 
den  Nervenapparat  so  afSciren,  dass  ein  Zustand  der  Depression 
an  den  wichtigsten  Gentralorganen  zu  Stande  kommt,  mit  Milz- 
schwellungen auftreten.  Die  Milz  ist  ein  ausserordentlich  empfind- 
liches Organ,  das  nicht  nur  beim  Wechselfieber  und  Typhus,  son- 
dern auch  (mit  Ausnahme  der  eigentlichen  Vergiftungen)  bei  den 
meisten  anderen  Prozessen  schwillt,  in  denen  eine  reichliche  Auf- 
nahme von  schädlichen,  inficirenden  Stoffen  in  das  Blut  erfolgte. 
Allerdings  muss  die  Milz  inmier  in  ihrer  nahen  Verwandtschaft 
zum  Lymphapparate  betrachtet  werden,  aber  ihre  Erkrankungen 
stehen  ausserdem  gewöhnlich  in  einem  sehr  direkten  Verhältnisse 


^)  Handbuch  der  speciellen  Pathologie.  I.  297.    Gesammelte  Abhandl.  698. 
**)  Gesammelte  Abluuidltingen  701. 


250  Eilftes  Capitel. 

ZU  analogen  Erkrankungen  der  wichtigen  Nachbardrüsen,  insbe- 
sondere der  L  e  b  e  r  nnd  der  Nieren.  Bei  den  meisten  Infections- 
zuständen  zeigen  diese  drei  Apparate  eorrespondirende  Yei^wysse- 
ningen,  welche  mit  wirklichen  Verändemngen  im  Innern  verbun- 
den sind,  die  jedoch  selbst  bei  der  mikroskopischen  Untersuchung 
scheinbar  nichts  Bemerkenswerthes  darbieten,  so  dass  das  grobe 
Resultat  für  das  blosse  Auge,  die  starke  Schwellung,  for  den 
Beobachter  viel  mehr  auffällig  ist.  Bei  umsichtiger  Vergleichung 
findet  sich  indess  ziemlich  viel,  so  dass  wir  mit  Bestimmtheit 
sagen  können,  dass  die  Drnsenzellen  schnell  verändert  werden 
und  frühzeitig  an  den  Elementen,  durch  welche  die  Secretion  ge- 
schehen soll,  eine  Störung  sich  einstellt.  Aehnlich  verhält  es  sich 
mit  den  quergestreiften  Muskeln  und  namentlich  mit  dem 
Herzen,  dessen  Veränderungen  für  die  Erklärung  der  Symptome 
von  höchster  Bedeutung  sind. 

Ich  werde  darauf  zurückkommen,  da  es  mir  nützlicher  er- 
scheint, zunächst  auf  ein  Paar  gröbere  Beispiele  einzugehen, 
welche  die  Möglichkeit  einer  unmittelbaren  Anschauung  solcher, 
aus  dem  Blute  in  die  Theile  eindringender  und  sich  darin  ab- 
setzender Stoffe  gewähren. 

Wenn  Jemand  Silbersalze  gebraucht,  so  erfolgt  ein  Ein- 
dringen derselben  in  die  Gewebe;  wenden  wir  sie  nicht  in  eigent- 
lich ätzender,  zerstörender  Weise  an,  so  gelangt  das  Silber  in 
einer  Verbindung,  deren  Natur  bis  jetzt  nicht  hinreichend  bekannt 
ist,  in  die  Gewebstheile  und  erzeugt  an  der  Applicationsstelle, 
wenn  es  lange  genug  angewendet  wird,  eine  Farbenveränderong. 
Ein  Kranker,  welchem  in  der  Klinik  des  verstorbenen  v.  Gräfe 
eine  Lösung  von  Argentum  uitricum  zu  Umschlägen  auf  das  Auge 
verordnet  war,  gebrauchte  als  gewissenhafter  Patient  das  Mittel 
vier  Monate  lang;  das  Resultat  davon  war,  dass  seine  Gonjunetiva 
ein  intensiv  bräunliches,  fast  schwarzes  Aussehen  annahm  Bei 
Untersuchung  eines  ausgeschnittenen  Stückes  derselben  &nd  ich, 
dass  eine  Aufiiahme  des  Silbers  in  die  Substanz  erfolgt  war,  so 
zwar,  dass  an  der  Oberfläche  das  ganze  Bindegewebe  eine  leicht 
gelbbraune  Farbe  besass,  in  der  Tiefe  aber  nur  in  den  feinen 
elastischen  Fasern  oder  Korperchen  des  Bindegewebes  die  Abla- 
gerung statts^efunden  hatte;  die  eigentliche  Grund-  oder  Inter- 
cellularsubstanz  war  vollkommen  frei  geblieben.  —  Ganz  ähnliche 
Ablagerungen  geschehen  auch  in  entfernteren  Organen  bei  innerem 


Silber-  und  Gicbtmetastase.  251 

Gebrauche  des  Mittels.  Die  anatomische  Sammlung  des  pathologi- 
schen Instituts  entb&lt  das  sehr  seltene  Präparat  von  den  Nieren 
eines  Menschen,  welcher  wegen  Epilepsie  lange  Argentum  nitricum 
innerlich  genommen  hatte.  Da  zeigt  sich  an  den  Malpighischen 
Knäulen  der  Niere,  wo  die  Transsudation  der  Flüssigkeiten  ge- 
schieht, eine  schwarzblaue  Färbung  der  ganzen  Gef&sshaut,  welche 
sich  auf  diesen  Punkt  der  Rinde  beschränkt  und  in  ähnlicher, 
obwohl  schwächerer  Weise  nur  wieder  auftritt  in  der  Zwischen- 
substanz der  Markkanälehen.  In  der  ganzen  Niere  sind  also  ausser 
denjenigen  Theilen,  welche  den  eigentlichen  Ort  der  Absonderung 
ausmachen,  nur  die  verändert,  welche  der  letzten  Capillarauflösung 
in  der  Marksubstanz  entsprechen.  —  Von  der  bekannten  Silber- 
färbung der  äusseren  Haut  brauche  ich  hier  nicht  zu  sprechen. 

Ein  anderes  Beispiel  bietet  uns  die  Gicht.  Untersuchen  wir 
den  Gelenktophus  eines  Arthritikers,  so  finden  wir  ihn  zusammen- 
gesetzt aus  sehr  feinen,  nadeH&rmigen,  krystallinischen  Abschei- 
dungen, aus  hamsaurem  Natron  bestehend,  zwischen  denen  höch- 
stens hier  und  da  ein  Eiter-  oder  Blutkörperchen  liegt.  Hier 
handelt  es  sich  also,  wie  bei  dem  Silbergebrauch,  um  eine  kör- 
perliche Substanz,  welche  in  der  Regel  durch  die  Nieren  abge- 
schieden wird,  und  zwar  nicht  selten  so  massenhaft,  dass  schon 
innerhalb  der  Nieren  selbst  Niederschläge  sich  bilden,  und  na- 
mentlich üi  den  Harnkanälchen  der  Marksubstanz  grosse  ErystaUe 
von  harnsaurem  Natron  sich  anhäufen,  zuweilen  bis  zu  einer  Ver- 
stopfung der  Harnkanälchen.  Wenn  jedoch  diese  Secretion  nicht 
regelmässig  vor  sich  geht,  so  erfolgt  zunächst  eine  Anhäufung 
der  harnsauren  Salze  im  Blute,  wie  dies  durch  eine  sehr  bequeme 
Methode  von  Garrod  nachgewiesen  worden  ist.  Dann  beginnen 
Ablagerungen  an  anderen  Punkten,  nicht  durch  den  ganzen  Kör- 
per, nicht  an  allen  Theilen  gleichmässig,  sondern  an  bestimmten 
Punkten  und  nach  gewissen  Regeln.  Ganz  ähnliche  Ablagerungen 
von  hamsauren  Salzen,  und  zwar  in  den  Bindegewebskörperchen 
und  den  Lymphgefässen  des  Bauchfells  kann  man  nach  den 
experimentellen  Untersuchungen  von>  Zalesky  und  Ghrzon- 
szczewski  erzeugen,  wenn  man  bei  Vögeln  die  Ureteren  unter- 
bindet. 

Dies  sind  ganz  andere  Formen  der  Metastase,  als  die,  welche 
wir  bei  der  Embolie  kennen  gelernt  haben.  Dass  die  Verände- 
rungen, welche  in  der  Nierensubstanz  durch  die  Aufinahme  von 


252  Eilftes  Capitel. 

Silber  vom  Magen  her  erfolgen,  mit  dem  übereinstimmen,  was 
man  von  Alters  her  in  der  Pathologie  Metastase  genannt  hat,  ist 
nicht  zweifelhaft.  Es  ist  dies  ein  materieller  Transport  von  einem 
Orte  zum  andern  (vom  Magen  zur  Niere),  wo  an  diesem  zweiten 
Orte  dieselbe  Substanz,  wenn  auch  etwas  verändert,  liegen  bleibt, 
welche  vorher  an  dem  anderen  vorhanden  war,  und  wo  das  Secre- 
tionsorgan  in  sein  Gewebe  Partikelchen  des  Stoffes  aufnimmt. 
Dasselbe  wiederholt  sich  in  der  Geschichte  aller  jener  Metastasen, 
bei  denen  im  Blute  selbst  nur  gelöste  Stoffe  und  nicht  Partikel-  ' 
chen  von  sichtbarer,  mechanischer  Art  (Körner,  Eörperchen)  sicli 
finden.  Denn  auch  das  hamsaure  Natron  im  Blute  des  Arthriti- 
kers  kann  man  so  wenig  direkt  sehen,  als  die  Silbersalze;  man 
müsste  sie  denn  erst  durch  chemische  Prozesse  sammeln. 

In  dieselbe  Kategorie  gehört  eine  neue,  freilich  sehr  seltene 
Art  von  Metastase,  welche  ich  beschrieben  habe.  Bei  massenhafter 
Resorption  von  Kalksalzen  aus  den  Knochen,  insbesondere  bei 
ausgedehnter  Geschwulstbildung  (Knochenkrebs),  wird  in  der  Regel 
die  Knochenerde  &assenhaft  durch  die  Nieren  ausgeschieden,  so 
dass  sich  Sedimente  im  Harne  bilden.  Die  Kenntniss  dieser  Er- 
scheinung hat  sich  von  der  berühmten  Frau  Supiot  her  aus  dem 
vorigen  Jahrhundert  in  der  Geschichte  der  Osteomalacie  erhalten. 
Aber  diese  regelrechte  Abscheidung  der  Kalksalze  wird  nicht  selten 
durch  Störungen  der  Nierenfunction  in  derselben  Weise  alterirt, 
wie  bei  Arthritis  die  Abscheidung  des  harnsauren  Natrons;  dann 
entstehen  ebenso  Metastasen  von  Knochenerde,  aber  an  anderen 
Punkten,  namentlich  den  Lungen  und  dem  Magen.  Die  Lungen 
verkalken  bisweilen  in  grossen  Bezirken,  ohne  dass  die  Permea- 
bilität der  Respirationswege  leidet;  die  erkrankten  Theile  sehen 
wie  feiner  Badeschwamm  aus.  Die  Magenschleimhaut  erfüllt  sich 
in  ähnlicher  Weise  mit  Kalksalzen,  so  dass  sie  sich  wie  ein  Reib- 
eisen anfahlt  und  unter  dem  Messer  knirscht,  ohne  dass  die  Ma- 
gendrüsen unmittelbar  daran  betheiligt  werden;  sie  stecken  nur 
in  einer  starren  Masse,  und  es  mag  sogar  noch  eine  Secretion 
aus  ihnen  erfolgen*). 

Diese  Art  von  Metastasen,  wo  bestimmte  Substanzen,  aber 
nicht  in  einer  palpablen  Form,  sondern  in  Lösung  in  die  Blat- 
masse  gelangen,  muss  jedenfalls  für  die  Deutung  des  Complexes 


♦)  Archiv  VUI.  103.    IX.  618. 


Fremde  Eorperchen  im  Blute.  253 

Ton  Zuständen,  welche  man  in  den  Begriff  der  Pyämie  zusammen- 
fasst,  wohl  berücksichtigt  werden.  Ich  sehe  wenigstens  keine  an- 
dere Möglichkeit  der  Erklänmg  für  gewisse  mehr  diffose  Prozesse, 
die  nicht  in  der  Form  der  gewöhnlichen  nmschriebenen  Metastasen 
auftreten.  Dahin  gehört  die  allerdings  seltene  metastatische  Pleu- 
ritis, welche  ohne  metastatischen  Abscess  in  der  Lunge  sich  ent- 
wickelt, die  scheinbar  rheumatische  Gelenkaffection ,  bei  der  man 
an  den  Gelenken  keinen  bestimmten  Heerd  findet,  die  difiuse 
gangränöse  Entzündung  des  Unterhautgewebes,  welche  nicht  wohl 
gedacht  werden  kann,  ohne  dass  man  auf  eine  mehr  chemische 
Art  der  Infection  zurückgeht.  Hier  handelt  es  sich,  wie  man  bei 
der  Pocken-  und  der  Leicheninfection  sieht,  um  eine  Uebertragung 
von  verdorbenen,  ichorösen  Säften  auf  den  Körper,  und 
man  muss  eine  Dyscrasie  (ich or Öse  Infection,  Ichorrhämie) 
zulassen,  wo  in  acuter  Weise  diese  in  den  Körper  gelangte  icho- 
röse  Substanz  an  den  Organen,  welche  eine  besondere  Prädilection 
oder  Affinität  dazu  haben,  ihre  Wirkung  entfaltet*). 

Allerdings  ist  es  sehr  schwer,  gegenwärtig  genau  anzugeben, 
welcher  Natur  die  sogenannten  ichorösen  Säfte  sind.  Insbesondere 
lässt  sich  die  Möglichkeit  nicht  verkennen,  dass  mit  den  Flüssig- 
keiten allerlei  feste  Theile  in  die  Circulation  gelangen,  und  es 
mag  sein,  dass  in  vielen  Fällen  diese  festen  Theile  eine  grössere 
Bedeutung  haben,  als  die  blosse  Flüssigkeit.  Diese,  der  Blut- 
mischung  fremden  Körperchen  können  wiederum  sehr  ver- 
schiedener Natur  sein.  In  manchen  Fällen  liegt  es  nahe,  an 
wirkliche  Zellen  zu  denken,  welche  von  einem  Orte  des 
Körpers  aus  in  die  Gefässe  aufgenommen  werden.  Nachdem 
Saviotti  selbst  eine  Pigmentzelle  aus  dem  Bindegewebe  der 
Froschschwimmbaut  in  ein  Gefäss  hat  einwandern  sehen,  lassen 
sich  ähnliche  Vorgänge  leicht  in  grosser  Zahl  denken.  Daran 
schliesst  sich  das  Vorkommen  fremder  Organismen  im  Blute. 
Bei  verschiedenen  Wirbelthieren  kennt  man  Hämatozoen,  welche 
offenbar  von  aussen  her  in  die  Gefässe  dringen  und  im  Blute  cir- 
culiren.  Beim  Menschen  ist  ausser  dem  in  Aegypten  vorkommen- 
den Distomum  haematobium  wenig  Genaueres  bekannt,  und  es  ist 
namentlich  zu  erwähnen,  dass  die  Einwanderung  der  Trichinen, 
soweit  sich  übersehen  lässt,  in  der  Regel  nicht  durch  die  Geftsse, 


*)  Gesammelte  Abbandl.  702.    Verh.  der  Ges.  fär  Geburisb.  1865.  XYÜ.  23. 


254  Eüftes  Gapitel. 

sondern  direkt  durch  die  Gewebe  nnd  Höhlen  des  Körpers  er- 
folgt*). Anders  verhält  es  sich  dagegen  mit  einer  Reihe  jener 
kleinsten  Organismen,  die  unter  den  Namen  von  Vibrionen,  Ba- 
kterien, Mlcrococcus  aufgeführt  werden,  und  die  in  der  neueren 
Literatur  überwiegend  als  pflanzliche  Organismen  betrachtet 
werden.  Sie  haben  eine  um  so  grössere  Bedeutung,  als  sie  eine 
grosse  Zahl  maligner  Prozesse  am  Menschenleibe,  namentlich  die 
fauligen  und  brandigen,  bewirken  und  sich  den  ichorösen  Säften 
vielfach  zumischen.  Auch  finden  sie  sich  bei  Leichen  sehr  häufig 
in  inneren  Gefässen  des  Körpers,  und  man  hat  sie  im  Blute  le- 
bender Menschen  und  Thiere  nachgewiesen.  Direkte  Injectionen 
von  Sporen  eines  grösseren  Fadenpilzes,  des  Aspergillus,  welche 
6 rohe  in  die  Gefässe  lebender  Thiere  veranstaltete,  haben  über- 
dies gelehrt,  dass  in  den  verschiedensten  Theilen  die  Sporen 
keimten  und  „metastatische  Heerde''  hervorbrachten.  —  Erinnert 
man  sich  endlich  daran,  dass  nach  den  Untersuchungen  v.  Reck- 
linghausen's,  welche  seitdem  vielfoch  wiederholt  worden  sind, 
unlösliche  Kömchen  von  Farbstoff,  welche  in  die  Höhlen  oder 
Gefässe  von  Thieren  eingespritzt  werden,  von  den  fiurblosen 
Blutkörperchen  und  anderen  Gewebselementen  aufgenommen  und 
von  ihnen  auf  ihren  Wanderungen  mit  fortgetragen  werden,  so 
erschliesst  sich  hier  noch  ein  reiches  Gebiet  möglicher  Verände- 
rungen des  menschlichen  Körpers,  deren  genauere  Analyse  uns 
erst  gestatten  wird,  zu  entscheiden,  wie  viel  von  der  schädlichen 
Eigenschaft  der  ichorösen  Säfte  körperlichen  Beimischungen,  wie 
viel  chemischen  Stoffen  zuzuschreiben  ist.  Immerhin  können  wir 
vor  der  Hand  die  ichoröse  Infection  als  ein  besonderes  Glied  ne- 
ben der  Leukocytose  und  Embolie  festhalten. 

Bevor  wir  jedoch  dieses  Gapitel  schliessen,  mfissen  wir  noch 
eine  wichtige  Bemerkung  in  Beziehung  auf  die  sogenannte  Pyämie 
hinzufügen.  Es  kommt  nicht  selten  vor,  dass  im  Laufe  desselben 
Krankheitsfalles  die  drei  verschiedenen,  von  uns  betrachteten  Ver- 
änderungen oder  wenigstens  zwei  derselben  neben  einander  bestehen. 
Es  kann  eine  Vermehrung  der  farblosen  Körperchen  (Leukocytose) 
der  Art  stattfinden,  dass  man  an  die  morphologische  Pyämie  glau- 
ben möchte.     Dies  wird  jedenfalls  inmier  stattfinden,  wenn  der 


*)  ArchiT  XVin.    S.  535.    Die  Lebre  Ton  den  Trichinen.    3.  AufL    Beriin 
1866.    S.  32. 


Py&mie  als  Sammelname.  255 

Prozess  mit  ausgedehnter  Reiznng  von  Lymphdrüsen  yerbnnden 
war.  Man  kann  ferner  Thrombenbildung  und  Embolie  mit  meta- 
statischen Heerden  finden.  Es  kann  endlich  zugleich  eine  Auf- 
nahme von  ichorösen  oder  fauligen  Säften  statthaben  (Ichorrhämie, 
Septbämie).  Diese  in  sich  verschiedenen  Zustände  können  sich 
compliciren,  fallen  aber  darum  nicht  nothwendig  zusammen.  Will 
man  daher  den  Begriff  der  Pyämie  festhalten,  so  kann  man  es 
am  Besten  für  solche  Gomplicationen  thun;  nur  muss  man  nicht 
einen  einheitlichen  Mittelpunkt  in  einer  eiterigen  In- 
fection  des  Blutes  suchen,  sondern  die  Bezeichnung  als  einen 
Sammelnamen  für  mehrere,  ihrem  Wesen  und  ihrem  Ausgangs- 
punkte nach  verschiedenartige  Vorgänge  betrachten. 


Zwölftes  Capitel. 

Theorie  der  Dyserasien. 


AbhlnclfkeU  d«r  DjserMi«n  nnd  Ihrer  Daaer  tob  d«r  Zofahr  der  Stoff«.  BSsartlge  OeediwilM«: 
Krebs  -  Djaerasle.  Loc«Ie  und  allgemeine  Contagion  dorch  infectISM  Pareaeh  ja  •  Silke.  B«- 
deatong  der  Zellen  ffir  die  Disaemination  nnd  Metastase.  Natnr  der  TiralentCB  Sabetaasea. 
RegreasiTe  Stoffe  als  Mittel  der  Infeetioa:  Rots,  Syphilis,  Taberkel.  Imprangea.  Waaderaag 
Infectiöser  Elemente.    Homologe  and  heterologe  Infeetioa. 

Melaa&mie.  Besiehung  so  melanotisehen  Geschwülsten  and  Intenaittens.  Abhiagigl^tit  Toa  Mlls- 
f&rbnng. 

Die  rothen  Blutkörperchen.  Entstehong.  Die  melaaSsen  Formen.  Chlorose.  Llharaag  dor  reafl- 
ratorischen  Substans:  Kohlenoxyd.    Blntgifte,  Toxie&mie. 

Verschiedene  Entstehung  der  Dyserasien. 


im  Vorhergehenden  haben  wir  nicht  nur  körperliche  Theile,  son- 
dern anch  chemische  Stoffe  als  Vermittler  von  Dyserasien  kennen 
gelernt  nnd  gefanden,  dass  diese  Dyserasien  eine  bald  Iftngere, 
bald  kürzere  Daner  haben,  je  nachdem  die  Znfohr  jener  Theile 
oder  Stoffe  kürzere  oder  längere  Zeit  andauert.  Kommen  wir  nun- 
mehr kurz  zu  der  Frage  zurück,  ob  neben  diesen  Formen  noch 
irgend  eine  Art  von  Dyscrasie  nachweisbar  ist,  bei  der  das  Blut 
als  der  dauerhafte  Träger  bestimmter  Verändenmgen  er- 
scheint, so  müssen  wir  diese  Frage  entschieden  verneinen. 

Je  deutlicher  nachweisbar  eine  vnrkliche  Verunreinigung  des 
Blutes  mit  bestinmiten,  seiner  Mischung  fremdartigen  Stoffen  ist, 
um  so  regelmässiger  pflegt  der  Verlauf  der  dadurch  hervoi^em- 
fenen  Erankheitsprozesse  ein  relativ  acuter  zu  sein.  Man  denke 
an  Vergiftungen  und  acute  Exantheme.  Dagegen  durften  gerade 
jene  Erankheits-Formen,  bei  denen  man  sich  am  liebsten,  nament- 
lich über  die  Mangelhaftigkeit  der  therapeutischen  Erfolge,  damit 
tröstet,  dass  es  sich  um  eine  tiefe  und  unheilbare,  chronische 


Bösartige  Geschwülste.  267 

Dyscrasie  handele,  wohl  am  wenigsten  in  einer  zngleich  ursprüng- 
lichen und  anhaltenden  Veränderung  des  Blutes  beruhen;  gerade  bei 
ihnen  handelt  es  sich  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  um  ausgedehnte 
und  dauerhafte  Veränderungen  gewisser  Organe  oder  einzelner 
Theile.  So  ist  es  mit  Krebs,  Tuberculose,  Aussatz,  Hämorrha- 
philie.  Ich  kann  nicht  behaupten,  dass  ein  völliger.  Abschluss  der 
Untersuchungen  in  Beziehung  auf  eine  dieser  Krankheiten  vorläge ; 
ich  kann  nur  sagen,  dass  jedes  Mittel  der  mikroskopischen  und 
chemischen  Analyse  bis  jetzt  fruchtlos  angewendet  worden  ist  auf 
die  hämatologische  Erforschung  des  Wesens  dieser  Prozesse,  dass 
wir  dagegen  bei  allen  wesentliche  Veränderungen  kleinerer  oder 
grösserer  Complexe  von  Organen  oder  Organtheilen  nachweisen 
können,  und  dass  die  Wahrscheinlichkeit,  auch  hier  die  dauerhafte 
Dyscrasie  als  eine  secundäre,  abhängig  von  bestimmten  organischen 
Punkten,  zu  erkennen,  mit  jedem  Tage  zunimmt. 

Diese  Frage  ist  namentlich  genauer  zu  discutiren  bei  der 
Lehre  von  der  Verbreitung  der  bösartigen  Geschwülste*),  bei 
denen  man  sich  ja  auch  so  häufig  damit  hilft,  die  Bösartigkeit 
als  im  Blute  wurzelnd  zu  denken,  so  dass  das  Blut  die  Local- 
affectionen  hervorbringe.  Und  doch  ist  es  gerade  im  Verlaufe  dieser 
Bildungen  verhältnissmässig  am  leichtesten,  einen  anderen  Modus 
der  Verbreitung  zu  zeigen,  sowohl  in  der  nächsten  Nachbarschaft 
der  Erkrankungsstelle,  als  auch  an  entfernten  Organen.  Es  ergibt 
sich,  dass  ein  Umstand  die  Möglichkeit  der  Ausbreitung  solcher 
Prozesse  besonders  begünstigt,  nehmlich  der  Reichthum  an 
Parenchym- Säften  in  dem  pathologischen  Gebilde**).  Je 
trockener  eine  Neubildung  ist,  um  so  weniger  besitzt  sie  im  All- 
gemeinen die  Fähigkeit  der  Infection,  sei  es  näherer,  sei  es  ent- 
fernterer Orte.  Das  Cancroid,  die  Perlgeschwulst,  selbst  der  Tu- 
berkel stecken  die  Nachbarschaft  leicht  an,  während  die  entfernten 
Organe  häufig  gar  nicht  erkranken;  das  Garcinom,  das  Sarcom, 
der  Rotz,  selbst  specifischer  Eiter  machen  sehr  leicht  örtliche  und 
zugleich  allgemeine  Ansteckung. 

Der  Modus  der  Verbreitung  selbst  entspricht  bei  dem  Krebs 
in  der  Regel  ganz  dem,  was  wir  früher  betrachteten.  Am  leich- 
testen findet  eine  Leitung  innerhalb  der  Lymphbahnen   und  ein 


•)  Geschwülste  L    fl,  70,  126. 
**)  Handb.  der  spec.  Pathologie  und  Ther.  I.  340. 

Virehow,  CelloUr  Pathol.     4.  Aufl.  17 


258  Zw^ftes  Gapitel. 

Ergreifen  der  Lymphdrösen  statt;  erst  nach  und  nach  treten  an 
entfernteren  Stellen  Prozesse  ähnlicher  Art  auf.  Oder  der  Prozess 
greift  auch  hier  zunächst  auf  die  Venenwandungen  über,  diese 
werden  wirklich  krebsig,  und  nach  einer  gewissen  Zeit  wächst 
entweder  der  Krebs  direkt  durch  die  Wand  hindurch  in  das  6e- 
fäss  hinein  und  schreitet  hier  fort,  oder  es  bildet  sich  an  diesem 
Punkte  ein  Thrombus,  welcher  den  Erebspfropf  mehr  oder  weniger 
umhüllt,  und  in  welchen  die  krebsige  Masse  hineinwächst*).  Wir 
haben  also  hier  in  zwei  Richtungen  die  Möglichkeit  for  eine  Ver- 
breitung, aber  nur  in  einer  Richtung  die  Möglichkeit  eines  sofor- 
tigen Ueberganges  körperlicher  Theile  in  das  Blut,  nehmlich  nur 
in  dem  Falle,  dass  Venen  durchbrochen  werden.  Eine  Resorption 
Yon  Krebszellen  durch  Lymphgefässe  gehört  keineswegs  unter  die 
Unmöglichkeiten,  aber  jedenfalls  ist  so  viel  sicher,  dass  nicht 
eher  eine  allgemeine  Verbreitung  derselben  stattfinden  kann,  ehe 
die  Lymphdrüsen  nicht  ihrerseits  durch  und  durch  krebsig  umge- 
wandelt sind,  und  dieselben  krebsigen  Massen  von  ihnen  aus  in 
abgehende  Gefässe  hineinwuchem.  Nie  kann  ein  peripherisches 
Lymphgefäss  einfach,  wie  die  Flüssigkeit,  so  auch  die  Zellen 
des  Krebses  bis  zum  Blute  fortschwemmen;  das  ist  nur  denkbar 
und  möglich  an  den  Venen.  Allein  auch  hier  verhält  es  sich  so, 
dass  eine  Wahrscheinlichkeit'  dafür,  dass  häufige  Verbreitungen 
durch  losgelöste  Krebszellen  stattfinden,  durchaus  nicht  vorliegt, 
aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  die  Metastasen  des  Krebses  den 
Metastasen,  die  wir  bei  der  Embolie  kennen  gelernt  haben,  sehr 
häufig  nicht  entsprechen.  Die  gewöhnliche  Form  der  metastatischen 
Verbreitung  beim  Krebs  entspricht  vielmehr  der  Richtung  zu  den 
Secretionsorganen.  Die  Lunge  erkrankt  bekanntlich  viel  seltener 
durch  Krebs,  als  die  Leber,  nicht  nur  nach  Magen-  und  Uterus- 
krebs, sondern  auch  nach  Brustkrebs,  welcher  doch  zunächst  Lun- 
genkrebs erzeugen  müsste,  wenn  es  etwas  Körperliches  wäre, 
welches  fortgeleitet  würde,  stagnirte  und  die  neue  Eruption  be- 
dingte. 

Die  Art  der  metastatischen  Verbreitung  macht  es  vielmehr 
wsahrscheinlich,  dass  die  Uebertragung  häufig  durch  Flüssigkeiten 
erfolgt,  und  dass  diese  die  Fähigkeit  besitzen,  eine  Ansteckung 
XU  erzeugen,  welche  die  einzelnen  Theile  zur  Reproduction  der- 

^  Archiv.  L  112.    Gesammelte  Abbandl.  551.    Geschwulste  I.  43. 


Dissemination  der  Geschwülste.  259 

selben  Masse  bestimmt,  die  ursprünglich  vorhanden  war.  Man 
denke  sich  nur  einen  ähnlichen  Prozess,  wie  wir  ihn  bei  den 
Pocken  im  Grossen  haben.  Der  Pockeneiter,  direkt  übertragen, 
leitet  allerdings  den  Prozess  ein,  aber  das  Gontagium  ist  auch 
flüchtig,  und  es  kann  Jemand  eiterige  Pusteln  auf  der  Haut  be- 
kommen, nachdem  er  nur  infecte  Luft  geathmet  hat.  Einiger- 
maassen  Ähnlich  scheint  es  sich  auch  in  den  Fällen  zu  verhalten, 
wo  im  Laufe  hetöroplastischer  Prozesse  Dyscrasien  zu  Stande 
kommen,  welche  ihre  neuen  Eruptionen  nicht  an  Punkten  machen, 
welche  nach  der  Richtung  des  Lymph-  oder  Blutstromes  ihnen 
zunächst  ausgesetzt  sein  wurden,  sondern  an  entfernten  Punkten. 
Wie  sich  das  Silbersalz  nicht  in  den  Lungen  ablagert,  sondern 
hindurchgeht,  um  sich  erst  in  den  Nieren  oder  der  Haut  nieder- 
zuschlagen, so  kann  ein  contagiöser  Saft  von  einer  Krebsgeschwulst 
durch  die  Lungen  gehen,  ohne  diese  zu  verändern,  während  er 
doch  an  einem  entfernteren  Punkte,  z.  B.  in  den  Knochen  eines 
weit  abgelegenen  Theiles,  bösartige  Veränderungen  erweckt 

Damit  ist  natürlich  die  Möglichkeit  nicht  ausgeschlosscD,  dass 
auch  zellige  Elemente  als  Träger  der  contagiösen  Stoffe  auftreten. 
Wenn  man  die  eigenthümlichen  Eruptionen  betrachtet,  welche  bei 
Magenkrebs  am  Netz,  am  Gekröse  und  an  anderen  Orten  des 
Bauchfells  auftreten,  so  wird  es  allerdings  sehr  viel  leichter,  die- 
selben durch  das  zufällige  Ablösen,  Hemntergleiten,  Liegenbleiben 
und  so  zu  sagen  Keimen  von  krebsigen  Zellen  von  der  Oberfläche 
des  Magens  zu  erklären,  als  sie  auf  abgesonderte  Flüssigkeiten 
zu  beziehen^.  Denn  diese  secundären  Peritonäal-Krebse  bieten  in 
Beziehung  auf  Yielfachheit,  Form  und  Sitz  der  Heerde  die  grösste 
Aehnlichkeit  mit  den  contagiösen  Schimmelkrankheiten  (Mykosen) 
der  Haut  dar,  wo,  z.  B.  bei  Porrigo  (Favus,  Tinea),  bei  Pityriasis 
versicolor,  die  sich  ablösenden  und  heruntergleitenden  Sporen  zu- 
weilen am  Rumpfe  eine  lange  Reihe  von  Eruptionen  bilden.  Aber 
auch  bei  dieser  Dissemination  von  Krebs  ist  es  noch  nicht  er- 
wiesen, dass  es  die  etwa  losgelösten  Zellen  selbst  sind,  welche 
aus  sich,  durch  neue  Proliferation,  die  secundären  Knoten  erzeu- 
gen; vielmehr  dürfte  auch  ihnen  nur  eine  contagiöse,  katalytische 
Einwirkung  auf  die  Gewebe  zuzuschreiben  sein,  etwa  wie  dem 


*)  Geschwülste  I.    54. 


260  Zwölftes  Gapitel. 

Samen  (Sperma)  in  Beziehung  auf  das  Ei*).  Soweit  meine  Beob- 
achtung reicht,  gehen  die  jungen  Geschwulst -Elemente  in  allen 
solchen  Secundär- Eruptionen  aus  dem  Gewebe  des  angesteckten 
Ortes  hervor.  Deshalb  habe  ich  geschlossen**),  dass  die  locale 
Contagion,  welche  sich  von  der  ersten  Erkrankungsstelle  zu- 
nächst in  der  Nachbarschaft  ausbreitet,  durch  Säfte  erfolgen 
müsse,  welche  in  die  gesunden  Gewebe  eindringen,  sie  katalytisch 
erregen  und  zu  neuer  selbständiger  Wucherung  antreiben.  Dies 
wäre  eine  humorale  Infection,  die  doch  nichts  mit  dem  Blute 
zu  thun  hat,  sondern,  wie  bei  einem  Erysipelas  migrans,  Ton 
einem  Elemente  direkt  auf  das  andere  fortschreitet,  übertragen 
wird. 

Allerdings  ist  die  Frage,  welches  die  eigentlich  infectiOse 
(virulente)  Substanz  sei,  und  namentlich,  ob  sie  an  zellige 
Elemente  oder  besondere  Organismen  gebunden  oder  als  ein 
blofis  chemischer  Stoff  anzusehen  sei,  eine  überaus  schwierige, 
und  nichts  berechtigt  uns,  sie  für  alle  infectiösen  Prozesse  in 
gleicher  Weise  zu  behandeln.  Denn  es  ist  durchaus  nicht  nöthig, 
dass  dieselbe  Erklärung  für  Pocken  gilt,  wie  für  Scharlach  oder 
wie  für  Kotz  oder  wie  für  Syphilis.  Würde  dargethan,  dass  der 
Krebs  sich  nur  durch  Zellen  fortpflanzte,  so  folgte  daraus  noch 
nicht,  dass  es  bei  Tuberkel  ebenso  sein  müsse.  Nirgends  ist  die 
Generalisation  bedenklicher,  als  gerade  hier.  Auch  muss  ich  dar- 
auf aufmerksam  machen,  dass  selbst  da,  wo  die  Infection  an 
Zellen  oder  Organismen  geknüpft  ist,  noch  nicht  dargethan  ist, 
dass  diese  Zellen  oder  Organismen  selbst  das  Schädliche  sind;  es 
kann  sehr  wohl  sein,  dass  die  Zellen  erst  die  schädliche  Substanz 
absondern,  etwa  wie  die  Gährungspilze  den  Alkohol***). 

In  der  That  hat  das  genauere  Studium  der  infectiösen  Krank- 
heiten gelehrt,  dass  selbst  zerfallende,  regressive  Substan- 
zen (Detritus)  der  TrSger  der  Ansteckung  sein  können f).  Ich  habe 
dies  zuerst  für  den  Rotz  ff)  nachgewiesen.  Für  die  Syphilis  bat 
Michaelis  einen  ähnlichen  Nachweis  versucht,  und  die  neueren 


•)  Gesammelte  Abhandl.  41,  51,  53.     Handb.  der  spec.  Pathol.  II.  411 

••)  Archiv  1853.     V.     245. 
•♦•)  Berliner  Klinische  Wochenschrift  1871.     No.  10. 

t)  Geschwülste  I.     111. 
tt)  Spec.  Pathologie  und  Therapie  1855.    II.    411. 


Natur  der  virulenten  Substanzen.  261 

Experimentatoren  sind  wenigstens  sehr  getheilter  Ansicht'').  In 
grosser  Ausdehnung  hat  sich  eine  ähnliche,  zuerst  von  Dittrich 
Yermuthungsweise  aufgestellte  Ansicht  in  der  Lehre  von  der  Tu- 
berkulose Anerkennung  verscbafift,  seitdem  man  dieselbe  im  Wege 
der  Impfung  (Inoculation)  bei  Thieren  studirt  hat.  Nachdem  zu- 
erst Villemin  positive  Resultate  erlangt  hatte,  indem  er  Tuberkel- 
substanz auf  Thiere  übertrug,  und  damit  die  Ansteckungsfähigkeit 
des  Tuberkels  erwiesen  schien,  hat  eine  Reihe  späterer  Experi- 
mentatoren, insbesondere  Cohnheim  und  Fränkel  dargethan, 
dass  die  Fähigkeit,  Tuberkel  hervorzurufen,  nicht  an  Tuberkelstoff 
geknüpft  ist,  sondern  dass  die  Inoculation  von  zerfallendem  Eiter, 
ja  die  blosse  Einbringung  von  reizenden  Körpern,  welche  chro- 
nische Eiterung  mit  nekrobiotischem  Zerfall  hervorrufen,  genügt, 
um  eine  bald  örtliche,  bald  allgemeine  Tuberkulose  zu  erzeugen. 
Ja,  Versuche  von  Carl  Rüge**)  an  Meerschweinchen  haben  ge- 
lehrt, dass  die  Einbringung  fremder  Körper,  z.  B.  von  Korkstück- 
chen in  die  Bauchhöhle,  auch  dann  Tuberkulose  hervorbringen 
kann,  wenn  weder  Eiter,  noch  Käse,  sondern  nur  chronische 
Entzündung  entsteht.  Nichtsdestoweniger  wird  man  kaum  fehlge- 
hen, wenn  man  den  käsigen  Stoffen,  mögen  sie  nun  aus  Eiter 
oder  aus  Tuberkel  entstanden  sein,  eine  höhere  Fähigkeit,  die 
tuberkulöse  Infection  hervorzubringen,  zuschreibt. 

Hu88  man  daher  zugestehen,  dass  selbst  der  Detritus  orga- 
nisirter  Gewebe  oder  zelliger  Theile  infectiöse  Eigenschaften  be- 
sitzen kann,  so  wird  man  sich  der  Erwägung  nicht  verschliessen 
können,  dass  auch  Secretstoffe,  mögen  sie  nun,  wie  die  Samen- 
fäden, durch  den  Untergang  von  Zellen  freigeworden  sein,  oder 
mögen  sie,  als  recrementitielle  Stoffe  von  den  noch  fortbestehen- 
den Zellen  ausgeschieden  sein,  infectiös  werden  können.  Wenn 
eine  Krebszelle  in  eine  Lymphdrüse  geführt  wird,  so  könnte  durch 
dio  von  ihr  gelieferten  Stoffe  auch  den  Drüsenzellen  ein  specifischer 
Reiz  übertragen  werden,  welcher  dieselben  bestimmt,  nicht  bloss 
zu  wachsen  und  sich  zu  vermehren,  wie  bei  einer  gewöhnlichen 
Reizung,  sondern  auch  wirklich  krebsig  zu  werden.  In  der  That 
lassen  sich  bei  secundärem  Krebs  der  Lymphdrüsen  Uebergänge 
zwischen  Drüsen-  und  Krebszellen  vielfach  wahrnehmen. 


♦)  Geschwülste  I.  112.    11.  474. 

**)  C.  Rüge  Einige  Beiträge  zur  Lehre  von  der  Tuberkulose.    Inaug.  Diss. 
Berlin  1869.   S.  26. 


262  Zwölftes  Gapitel. 

Auch  anf  dem  Wege  der  Impfang  ist  es  mehreren  neueren 
Eiperimentatoren  gelungen,  Krebs  auf  Thiere  zu  übertragen^. 
Aber  noch  ist  nicht  genau  festgestellt,  ob  in  diesen,  verh&Itiiiss- 
massig  seltenen  und  daher  noch  nicht  über  allen  Zweifel  erhabe- 
nen Yersuchen  die  geimpften  Krebszellen  selbst  weitere  Brat  aus 
sich  hervorgebracht  haben,  oder  ob  sie  nur  katalytisch-erregend  auf 
die  Gewebstheile  einwirkten.  Dieses  ist  erst  durch  weitere  Unter- 
suchungen festzustellen. 

Die  neueren  Erfahrungen  über  die  Wanderungen  zelliger 
Elemente  (S.  189)  haben  überdies  eine  neue  Möglichkeit  der  Er- 
klärung mancher  Erscheinungen  gebracht,  welche  früher  nur  durch 
die  Annahme  contagiöser  Säfte  gedeutet  werden  konnten.  Es  ist 
damit  nicht  bloss  die  Auswanderung  von  infectiösen  Elemen- 
ten in  die  Nachbarschaft,  sondern  auch  deren  Uebergang  in  die 
Girculation  und  ihre  Einwanderung  in  entfernte  Organe  in  den 
Kreis  der  zulässigen  Interpretation  eingetreten.  Die  Bildung  von 
Metastasen  in  entfernten  Punkten  des  Körpers,  sowie  die  durch 
reichlichere  Anwesenheit  von  Parenchymsäften  begünstigte  Neigung 
zur  Infection  lässt  sich  dadurch  sehr  bequem  erklären.  Aber  man 
darf  um  der  Bequemlichkeit  der  Erklärung  willen  nicht  übersehen, 
dass  der  thatsächliche  Nachweis  allein  eine  Entscheidung  bringt. 
Wenn  sich  im  Umfange  eines  Tuberkels  wieder  Tuberkel  bilden, 
welche  in  einer  gewissen  Entfernung  von  dem  ersten  liegen,  so 
lässt  sich  dies  so  erklären,  dass  von  dem  ersten  Heerde  Tuber- 
kelzellen ausgewandert  seien,  welche  an  den  accessorischen  Knoten 
gekeimt  sind.  Aber  dieselbe  Erklärung  passt  nicht  mehr  auf  den 
Fall,  den  ich  mehrmals  gesehen  habe,  dass  sich  in  der  Nähe  eines 
kankroiden  Geschwürs  des  Oesophagus  eine  multiple  Eruption 
miliarer  Tuberkel  auf  der  Pleura  bildet.  Hier  kommt  man  noth- 
wendig  auf  blosse  Stoffe  zurück,  und  man  überzeugt  sich,  dass 
es  eine  doppelte  Art  der  Infection  gibt:  eine  homologe, 
wo  die  Secundärprodukte  den  ursprünglichen  gleich  oder  ähnlich, 
und  eine  heterologe,  wo  sie  davon  verschieden  sind. 

Auch  darf  man  nicht  übersehen,  dass  ein  wirklicher  Ueber- 
gang geformter  Theile  in  das  Blut  nicht  nothwendig  in  denjenigen 
Organen,  zu  welchen  diese  Theile  gelangen,  analoge  Erkrankungen 
erzeugen  muss,  wie  an  dem  Orte  ihrer  Bildung  bestanden.    In 


*;  Geachwälste  I.  87. 


Melanämie.  263 

dieser  Beziehimg  will  ich  einen  Zustand  erwähnen,  welcher  in  der 
neueren  Zeit  mehr&ch  besprochen  worden  ist,  die  von  mir  soge- 
nannte Melanämie*).  Es  ist  dies  ein  Znstand,  welcher  sich  am 
nächsten  an  die  Geschichte  der  Leukämie  anlehnt,  insofern  es 
sich  dabei  nm  Elemente  des  Blutes  handelt,  welche,  wie  die  farb- 
losen Eörperchen  bei  der  Leukämie,  von  bestimmten  Organen  aus 
in  das  Blut  gelangen  und  mit  dem  Blute  circuliren''*).  Die  Zahl 
der  bekannten  Beobachtungen  darüber  ist  schon  ziemlich  gross, 
man  möchte  fast  sagen,  grösser  als  vielleicht  noth wendig  wäre, 
denn  es  scheint  in  der  That,  dass  hier  und  da  Verwechselungen 
von  Pigment  mit  cadaverösen  Producten ''*'')  mit  untergelaufen  sind, 
welche  aus  der  Geschichte  der  Affection  wieder  hinauszubringen 
sein  dürften.  Unzweifelhaft  gibt  es  aber  einen  Zustand,  in  wel- 
chem farbige  Elemente  im  Blute  vorkommen,  welche  in  dasselbe 
nicht  hineingehören.  Einzelne  Beobachtungen  solcher  Art  finden 
sich  schon  seit  längerer  Zeitf)  und  zwar  zuerst  in  der  Geschichte 
der  melanotischen  Geschwülste,  wo  man  öfter  angegeben  hat, 
dass  in  ihrer  Nähe  schwarze  Partikelchen  in  den  Geftssen  vor- 
konmien,  und  wo  man  sich  dachte,  dass  hieraus  die  melanotische 
Dyscrasie  entstände  ff).  Dies  ist  aber  gerade  der  Fall  nicht,  den 
man  meint,  wenn  man  heut  zu  Tage  von  Melanämie  redet.  In 
den  letzten  Jahren  ist  keine  einzige  Beobachtung  bekannt  gewor- 
den, welche  in  Beziehung  auf  den  Uebergang  melanotischer  Ge- 
schwulsttheile  in  das  Blut  einen  Fortschritt  darböte. 

Die  erste  Beobachtung  derjenigen  Reihe,  welche  ich  im  en- 
geren Sinne  als  Melanämie  bezeichne,  ist  von  Heinrich  Meckel 
bei  einer  Geisteskranken  gemacht  worden,  kurze  Zeit,  nachdem 
ich  die  Leukämie  beschrieben  hatte.  Er  fand,  dass  auch  hier  die 
Milz  in  einem  sehr  erheblichen  Maasse  vergrössert,  aber  zugleich 
mit  schwarzem  Pigment  durchsetzt  war,  und  er  leitete  daher  die 
Veränderung  im  Blute  von  einer  Aufiiahme  farbiger  Partikelchen 
aus  der  Milz  ab.    Die  nächste  Beobachtung  habe  ich  selbst  ge- 


*)  Gesammelte  Abhandlungen  201. 
♦♦)  Archiv.     1853.     V.     85. 
'^*)  Gesammelte  Abbandl.   730.  Note, 
t)  Herr  Dr.  Stiebel  sen.  in  Frankfurt  a.  M.  macht  mich  darauf  aufmerk- 
sam, dass  er  schon  in  einer  Recension  von  Schönlein^s  klinischen  Vorträgeji 
(in  Häser's  Archiv)  das   Vorkommen  von  Pigmentzellen  im  Blute  besprochen 
habe.  Anm.  der  sweiteii  Au0. 

tt)  Geschwülste  IL  285. 


264  Zwölftes  Oapitel. 

macht*),  und  zwar  in  einer  Richtung,  die  nachher  sehr  frachtbar 
geworden  ist,  bei  einem  Intermittenskranken,  welcher  lange  Zeit 
mit  einem  beträchtlichen  Milztumor  behaftet  war;  ich  fand  in 
seinem  Herzblute  pigmentirte  Zellen  (Fig.  85).  Meckel  hatte 

nar  freie  PigmentkOmer  und  Schollen  gese- 
Fig.  S5.  hen.    Die  von  mir  gefundenen  Zellen  hatten 

vielfache  Aehnlicbkeit  mit  farblosen  Blutkör- 
perchen ;  es  waren  sphärische,  manchmal  aber 
auch  mehr  längliche,  kernhaltige  Elemente, 
innerhalb  deren  sich  mehr  oder  weniger 
grosse,  schwarze  Körner  fanden.  Auch  in 
diesem  Falle  bestätigte  sich  das  Vorkommen 
einer  grossen  schwarzen  Milz.  Seit  jener  Zeit  ist  durch  Meckel 
selbst,  sowie  durch  eine  Reihe  von  anderen  Beobachtern  in 
Deutschland,  zuletzt  durch  Frerichs,  in  Italien  durch  Tigri, 
die  Aufmerksamkeit  auf  diese  Zustände  immer  mehr  gelenkt  wor- 
den. Tigri  hat  die  Krankheit  geradezu  nach  der  schwarzen  Milz 
als  Milza  nera  bezeichnet,  während  nach  der  Ansicht  von  Meckel, 
welche  durch  Frerichs  an  Ausdehnung  gewonnen  hat,  es  viel- 
mehr eine  Form  der  schwereren  Intermittenten  wäre,  welche  auf 
diese  Weise  zu  erklären  sein  sollte. 

Meckel  suchte  den  Grund  der  schweren  Zufidle  darin,  dass 
die  Elemente,  welche  in's  Blut  gelangen,  sich  an  gewissen  Orten 
in  den  feineren  Capillarbezirken  anhäuften  und  hier  Stagnation 
und  Obstruction  erzeugten.  So  namentlich  in  den  Gapillaren  des 
Gehirns,  wo  sie  sich  nach  Art  der  Emboli  an  den  Theilungsstellen 
festsetzen  und  bald  Gapillarapoplexien ,  bald  die  comatösen  und 
apoplektischen  Formen  der  schweren  Wechselfieber  bedingen  sollten. 
Frerichs  hat  noch  eine  andere  Art  der  Verstopfung  hinzugefügt, 
die  der  feinen  Lebergefässe,  welche  endlich  zur  Atrophie  des  Le- 
berparenchyms  Veranlassung  geben  soll. 

Es  würde  demnach  hier  eine  ausserordentlich  wichtige  Reihe 
von  SecundärzuföUen  existiren,  die  direkt  von  der  Dyscrasie  ab- 
hängig wären.    Leider  kann  ich  selbst  wenig  darüber  sagen,   da 


Fi^  85.  Melanämie  Blut  aus  dem  rechten  Herzen  (v^l.  Archiv  fär  patbol. 
Anatomie  und  Physiologie.  Bd.  IL  Fig.  8)  Farblose  Zellen  von  verschiedener 
Gestalt,  mit  schwarzen,  zum  Theil  eckigen  Pigmentkörnern  erfüllt    Yergr.  300 

*)  Archiv  1349.    IL    594. 


Veräuderuugeu  der  rotheu  Blutkurptiicheu.  26ö 

ich  seit  meinem  ersten  Falle  nicht  wieder  in  der  Lage  war,  etwas 
Aehnliches  za  beobachten.  Ich  habe  wohl  schwarze  Milzen,  sowie 
Lebern  mit  schwarzem  Pigment  im  interstitiellen  Gewebe  gefan- 
den, aber  keine  Melanämie  nnd  keine  melanämische  Embolie.  Ich 
kann  also  auch  nicht  mit  Sicherheit  über  den  Werth  der  Bezie- 
hungen nrtheilen,  welche  man  aufgestellt  hat  über  den  Zusammen- 
hang der  secundären  Veränderungen  mit  der  Blutverunreinigung. 
Nur  das  möchte  ich  hervorheben,  dass  alle  Thatsachen,  welche  man 
in  Bezug  auf  diese  Zustände  kennt,  darauf  hinweisen,  dass  die  Ver- 
unreinigung des  Blutes  von  einem  bestimmten  Organe  ausgeht, 
dass  dies  Organ,  wie  bei  den  farblosen  Blutkörperchen,  gewöhn- 
lich die  Milz  ist,  dass  aber  selbst  diejenigen  Beobachter,  welche 
das  im  Blute  enthaltene  Pigment  an  entfernten  Punkten  in  den 
Gefissen  stocken  lassen,  daraus  nur  mechanische  Störungen  ab- 
leiten, aber  nicht  melanotische  Secundärgeschwülste.  Dass  die 
schwere  Intermittens,  wie  Griesinger  meinte,  an  die  Melanämie 
geknüpft  sei,  ist  entschieden  unrichtig,  und  wenn,  wie  ich  finde, 
das  schwarze  Pigment  in  den  melanämi sehen  Lebern  constant  in 
den  Bindegewebskörperchen  der  portalen  Scheiden  liegt,  so  ist 
damit  noch  lange  nicht  dargethan,  dass  diese  Eörperchen  selbst 
eingewandert  sind.  — 

Ich  habe  im  Verlaufe  meiner  Darstellung  bis  jetzt  kaum  etwas 
von  den  Veränderungen  der  rothen  Eörperchen  des  Blutes 
erwähnt,  nicht  etwa,  weil  ich  sie  für  unwesentliche  Bestandtheile 
hielte,  sondern  weil  bis  jetzt  über  ihre  Veränderungen  ausseror- 
dentlich wenig  bekannt  ist.  Die  Geschichte  der  rothen  Blutkör- 
perchen ist  immer  noch  mit  einem  geheimnissToUen  Dunkel  um- 
geben, da  eine  völlige  Sicherheit  über  die  Entstehung  dieser  Ele- 
mente auch  gegenwärtig  noch  nicht  gewonnen  ist.  Ihre  Entstehung 
aus  farblosen  Zellen,  so  bestimmt  wir  sie  auch  voraussetzen 
müssen,  ist  beim  geborenen  Menschen  nicht  regelmässig  zu  ver- 
folgen. Dass  die  gewöhnlichen  farblosen  Blutkörperchen  über  das 
Stadium  hinaus  zu  sein  scheinen,  wo  ihre  Neubildung  zu  rothen 
Eörperchen  noch  eintritt,  habe  ich  schon  erwähnt  (S.  213);  ob 
jedoch  im  Chylus  oder  in  der  Lymphe  selbst,  in  der  Milz  oder 
im  Enochenmark  schon  solche  Umbildungen  geschehen,  ist  erst 
genauer  festzustellen.  Nur  bei  Froschblut  ist  es  v.  Rec kling- 
hausen in  seiner  „ Zuchtkammer  ^  auch  ausserhalb  des  Eörpers 


266  Zwölftes  Gapitel. 

gelungen,  eine  allmähliche  Umbildung  farbloser  Blutkörperchen  in 
rothe  zu  beobachten.  Für  den  Menschen  ist  diese  Erfahrung  nicht 
ohne  Weiteres  zu  verwerthen.  Wir  wissen  von  ihm  nur  so  viel 
mit  Bestimmtheit,  wie  ich  schon  früher  (S.  172)  hervorhob,  dass 
die  ersten  rothen  Blutkörperchen  aus  embryonalen  Bildungszellen 
des  Eies  ebenso  direkt  hervorgehen,  wie  alle  übrigen  Gewebe  sich 
aus  denselben  aufbauen.  Wir  wissen  femer,  dass  in  den  ersten 
Lebensmonaten  auch  des  menschlichen  Embryo  Theilungen  der 
rothen  Blutkörperchen  stattfinden,  wodurch  eine  Vermehrung  der- 
selben im  Blute  selbst  hervorgebracht  wird.  Allein  nach  dieser 
Zeit  ist,  ganz  vereinzelte  Beobachtungen  über  das  Vorkommen 
kernhaltiger  Blutkörperchen  (S.  205)  abgerechnet.  Alles  dunkel, 
und  zwar  fällt  dieses  Dunkel  ziemlich  genau  zusanmien  mit  der 
Periode,  wo  die  Blutkörperchen  im  menschlichen  und  Sftugethier- 
Blute  aufhören,  Kerne  zu  zeigen.  Wir  können  nur  sagen,  dass 
gar  keine  Thatsache  bekannt  ist,  welche  für  eine  fernere  selb- 
ständige Entwickelung  oder  für  eine  Theilung  der  rothen  Eörper- 
chen  im  Blute  selbst  spräche;  Alles  deutet  mit  Wahrscheinlichkeit 
auf  eine  Zufuhr  hin.  Selbst  6.  Zimmermann,  welcher  annahm, 
dass  kleine  bläschenförmige  Eörperchen  im  Blute  vorkämen,  welche 
in  demselben  nach  und  nach  durch  Intussusception  wüchsen  und 
endlich  zu  rothen  Blutkörperchen  würden,  leitete  jene  bläschen- 
förmigen Eörperchen  aus  dem  Ghylus  ab. 

Indess  scheint  mir  diese  Beobachtung  nicht  richtig  gedeutet  zu 
sein.  Die  von  Zimmermann  beschriebenen  Gebilde  sind  offenbar 
Bruchstücke  alter  Blutkörperchen  (S.  193),  wie  sie  Wertheim 
.  neuerlich  nach  Verbrennungen  gesehen  haben  will.  Ausserdem  fin- 
den sich  nicht  selten  ungewöhnlich  kleine  Blutkörperchen  auch 
im  frischen  Blute  (Fig.  6 1  A),  allein  wenn  man  sie  genauer  unter- 
sucht, so  ergibt  sich  an  ihnen  eine  Eigenthümlichkeit,  welche  an 
jungen  (embryonalen)  Formen  nicht  bekannt  ist,  nehmlich  dass 
sie  ausserordentlich  resistent  gegen  die  verschiedensten  Einwir- 
kungen sind.  An  sich  sehen  sie  schön  dunkelroth  aus,  sie  haben 
eine  gesättigte,  manchmal  fast  schwarze  Farbe;  behandelt  man 
sie  mit  Wasser  oder  Säuren,  welche  die  gewöhnlichen  rothen 
Eörperchen  mit  Leichtigkeit  auflösen,  so  sieht  man,  dass  eine  un- 
gleich längere  Zeit  vergeht,  bevor  sie  verschwinden.  Setzt  man 
zu  einem  Tropfen  Blut  viel  Wasser  hinzu,  so  sieht  man  sie  nach 
dem  Verschwinden  der  übrigen  Blutkörperchen  noch  längere  Zeit 


Melanose  Blatkorperched.  267 

Übrig  bleiben.  Diese  Eigenthümlichkeit  stimmt  am  meisten  aberein 
mit  Verändernngen,  welche  in  solchem  Blute  eintreten,  welches  in 
Extravasaten  oder  innerhalb  derGefässe  lange  Zeit  in  Stase  sich 
befanden  hat.  Hier  führt  diese  Yeränderong  unzweifelhaft  zu 
einem  Untergang  der  Körper,  und  es  kann  daher  mit  grosser 
Wahrscheinlichkeit  auch  für  das  circulirende  Blut  geschlossen 
werden,  dass  diese  kleinen  Eörperchen  nicht  junge,  in  der  Ent- 
wickelung  begriffene,  sondern  im  Gegentheil  alte,  im  Untergang 
begriffene  Formen  darstellen.  Ich  stimme  daher  im  Wesentlichen 
mit  der  Auffassung  von  Karl  Heinrich  Schultz  überein,  welcher 
diese  Körper  unter  dem  Namen  von  melanösen  Blutkörperchen 
beschrieben  hat  und  sie  für  die  Vorläufer  der  „Blutmauserung  ^ 
ansieht,  für  Körperchen,  welche  sich  vorbereiteten  zu  den  eigent- 
lich ezcrementiellen  Umsetzungen. 

In  manchen  Zuständen  wird  die  Zahl  dieser  Elemente  unge- 
heuer gross.  Bei  recht  gesunden  Individuen  findet  man  sehr  wenig 
davon,  nur  im  Pfortaderblut  glaubt  Schultz  immer  viele  dieser 
Körperchen  gesehen  zu  haben.  Sicher  ist  es  aber,  dass  es  krank- 
hafte Zustände  gibt,  wo  ihre  Menge  so  gross  wird,  dass  man  fast 
in  jedem  Blutstropfen  eine  kleinere  oder  grössere  Zahl  davon  an- 
trifft Diese  Zustände  lassen  sich  jedoch  bis  jetzt  nicht  in  be- 
stimmte Kategorien  bringen,  weil  die  Aufimerksamkeit  darauf 
wenig  rege  gewesen  ist.  Man  findet  sie  in  leichten  Formen  von 
Intermittens ,  bei  Gyanose  nach  Herzkrankheiten,  bei  Typhösen, 
bei  den  Infectionsfiebem  der  Operirten  und  im  Laofe  epidemischer 
Erkrankungen,  immer  jedoch  in  solchen  Krankheiten,  welche  mit 
einer  schnellen  Erschöpfung  der  Blutmasse  einhergehen  und  zu 
kachectischen  und  anämischen  Zuständen  führen.  In  der  Regel 
sieht  solches  Blut  sehr  dunkel  aus  und  ninmit  selbst  beim  Stehen 
an  der  Luft  oder  beim  Zusätze  von  Neutralsalzen  nicht  jene  hoch- 
rothe  Farbe  an,  welche  das  normale  Blut  so  sehr  auszeichnet. 
Auch  vom  klinischen  Gesichtspunkte  aus  besteht  für  die  Mehrzahl 
dieser  Krankheitszustände  die  Wahrscheinlichkeit  eines  reichlichen 
Zugrundegehens  von  Blutbestandtheilen  innerhalb  der  Blutbahn.  — 

Ausser  diesen  Verändenmgen  kennen  wir  mit  Bestimmtheit 
noch  eine  andere  Reihe,  wo  es  sich  um  quantitative  Veränderungen 
in  der  Zahl  der  Körper  handelt.  Diese  Zustände,  deren  Haupt- 
repräsentaut  die  Chlorose  ist,  zeigen  eine  gewisse  Aehnlichkeit 


268  Zwölftes  Capitel. 

mit  jenen,  welche  mit  Yermehning  der  farblosen  BlatkOrperchen 
einhergehen,  mit  der  Leakämie  im  engeren  Sinne  nnd  den  Mobs 
lenkocytotischen  Zuständen.  Die  Chlorose  unterscheidet  sich  aber 
dadurch  von  ihnen,  dass  die  Zahl  der  zelligen  Eörperchen  im 
Blute  überhaupt  geringer  ist.  Während  in  der  Leukämie  gewisser- 
maassen  an  die  Stelle  der  rothen  Eörperchen  farblose  treten  und 
eine  Verminderung  der  Zahl  der  zelligen  Elemente  im  Blute  nicht 
zu  Stande  kommt,  ja  zuweilen  sogar  eine  Art  von  Plethora  lym- 
phatica  dadurch  bedingt  wird,  so  vermindern  sich  bei  der  Chlorose 
die  Elemente  beider  Gattungen,  ohne  dass  das  gegenseitige  Ver- 
hältniss  der  farbigen  zu  den  farblosen  in  einer  bestimmten  Weise 
gestOrt  würde.  Es  setzt  dies  eine  verminderte  Bildung  überhaupt 
voraus,  nnd  wenn  man  schliessen  darf  (wie  ich  allerdings  glaube, 
dass  man  kaum  anders  kann),  dass  auch  die  rothen  Eörperchen 
von  Elementen  der  Milz  und  der  Lymphdrüsen  herstanunen,  so 
würde  Alles  darauf  hindeuten,  dass  in  der  Chlorose  eine  vermin- 
derte Bildung  von  Zellen  innerhalb  der  Blutdrfisen  stattfinde.  Die 
Leukämie  erklärt  sich  natürlich  viel  einfacher,  insofern  wir  hier 
Repräsentanten  der  zelligen  Elemente  im  Blute  finden,  und  wir 
uns  denken  können,  dass  ein  Theil  der  Elemente,  anstatt  in  rotte 
umgewandelt  zu  werden,  seine  Entwickelung  ganz  als  farblose 
fortsetzt  In  der  Geschichte  der  Chlorose  dagegen  waltet  noch 
viel  Dunkel,  da  wir  ein  primäres  Leiden  der  Blutdrüsen  mit  Be- 
stimmtheit nicht  nachweisen  können.  Die  anatomischen  Erhhnm- 
gen  deuten  darauf  hin,  dass  die  chlorotische  Störung  schon  sehr 
frühzeitig  angelegt  wird.  Man  findet  gewöhnlich  die  Aorta  und 
die  grösseren  Arterien,  häufig  das  Herz  und  den  Sezualapparat 
mangelhaft  gebildet,  was  auf  eine  congenitale  oder  doch  in  früher 
Jugend  erworbene  Disposition  schliessen  lässt.  Wenn  diese  Dispo- 
sition in  der  Regel  erst  zur  Pubertätszeit  wirkliche  Störungen  von 
pathologischem  Werthe  hervorbringt,  so  würde  es  doch  irrig  sein, 
wenn  man  deshalb  die  Disposition  leugnen  wollte.  Meine  Ansicht 
geht  sogar  dahin,  dass  diese  Disposition  unheilbar  ist,  wenngleich 
sie  durch  zweckmässige  Behandlung,  insbesondere  diätetische  Pflege 
latent  gemacht  werden  kann.  — 

Endlich  muss  hier  noch  eine  dritte  Reihe  von  Zuständen  er- 
wähnt werden,  diejenige  nehmlich,  wo  die  innere  Beschaffenheit 
der  Blutkörperchen  Veränderungen  erfahren  hat,  ohne  dass  dadurch 


Toxicfimie.  269 

ein  bestimmter  morphologischer  Effect  hervorgebracht  würde.  Hier 
handelt  es  sich  wesentlich  um  Functionsstörongen ,  welche  wahr- 
scheinlich mit  feineren  Verändenmgen  der  Mischung  zusammen- 
hängen, also  Veränderungen  der  eigentlichen  respiratorischen 
Substanz.  So  gut  nehmlich,  wie  wir  bei  den  Muskeln  die  Sub- 
stanz des  Primitivbündels,  die  compacte  Masse  des  Syntonlns  oder 
Myosins  als  contractile  Substanz  erfinden,  so  erkennen  wir  im  In- 
halte des  rothen  Blutkörperchens  die  eigentlich  functionirende,  re- 
spiratorische Substanz.  Sie  erfälirt  unter  gewissen  Verhältnissen 
Veränderungen,  welche  sie  ausser  Stand  setzen,  ihre  Function 
fortzuführen,  eine  Art  von  Lähmung,  wenn  man  will.  Dass  etwas 
der  Art  vorgegangen  ist,  ersieht  man  daraus,  dass  die  Eörperchen 
nicht  mehr  im  Stande  sind,  Sauerstoff  aufzunehmen,  wie  man  dieses 
experimentell  unmittelbar  erhärten  kann.  Dass  es  sich  dabei  aber 
um  molekulare  Veränderungen  in  der  Mischung  handelt,  dafür 
haben  wir  bequeme  Anhaltspunkte  in  der  Wirkung  solcher  giftiger 
Substanzen,  welche  schon  in  minimaler  Menge  das  Hämoglobin 
80  verändern,  dass  es  in  eine  Art  von  Paralyse  versetzt  wird. 
£s  sind  dies  die  Blutgifte  im  engeren  Sinne  des  Wortes,  bei 
denen  nicht  bloss,  wie  bei  den  meisten  Giften,  die  schädliche  Sub- 
stanz durch  das  Blut  hindurchgeht,  um  zu  anderen  Theilen  z.  B. 
zu  Ganglienzellen,  Drüsenzellen,  zu  gelangen,  sondern  bei  denen 
das  Blut  selbst  in  seinen  specifischen  Elementen  den  Hauptangriff 
zu  erfahren  hat.  Hierher  gehört  ein  Tbeil  der  flüchtigen  Wasser- 
stoffverbindungen, z.  B.  Arsenikwasserstoft',  Cyanwasserstoff;  femer 
nach  Hoppe-Seyler's  und  Bernard's  Untersuchungen  das 
Kohlenoxydgas ,  von  dem  verhältnissmässig  kleine  Mengen  aus- 
reichend sind ,  um  die  respiratorische  Fähigkeit  der  Eörperchen 
zu  vernichten.  Analoge  Zustände  sind  schon  früherhin  vielfach 
beobachtet  worden  im  Verlaufe  anderer  Infectionskrankheiten,  z.  B. 
der  typhoiden  Fieber,  wo  die  Fähigkeit,  Sauerstoff  aufzunehmen, 
in  dem  Maasse  abnimmt,  als  die  Krankheit  einen  schweren  acuten 
Verlauf  gewinnt.  Mikroskopisch  sieht  man  aber  ausser  einzelnen 
melanösen  Eörperchen  fast  gar  nichts,  nur  das  chemische  Expe- 
riment und  die  grobe  Wahrnehmung  vom  blossen  Auge  zeigen  die 
veränderte  Beschaffenheit  an.  Man  kann  daher  sagen,  dass  in 
diesem  Gebiete  der  Toxicämie  das  Meiste  noch  zu  machen  ist. 
Wir  haben  mehr  Anhaltspunkte,  als  Thatsachen. 


270  Zwölftes  Capitel. 

Fassen  wir  nun  das,  was  wir  fiber  das  Blut  yorgefthrt  haben« 
kurz  zusammen,  so  ergiebt  sich  in  Beziehung  auf  die  Theorie 
der  Dyscrasien,  dass  entweder  Substanzen  in  das  Blnt  gelangen, 
welche  anf  die  zelligen  Elemente  desselben  schädlich  einwirken 
und  dieselben  ausser  Stand  setzen,  ihre  Function  zu  verrichten, 
oder  dass  von  einem  bestimmten  Punkte  aus,  sei  es  von  aussen, 
sei  es  von  einem  Organe  aus,  Stoffe  dem  Blute  zugeführt  werden, 
welche  von  dem  Blute  aus  auf  andere  Organe  nachtheilig  einwir- 
ken, oder  endlich  dass  die  Bestandtheile  des  Blutes  selbst  nicht 
in  regelmässiger  Weise  ersetzt  und  nachgebildet  werden.  Nirgends 
in  dieser  ganzen  Reihe  finden  wir  irgend  einen  Zustand,  welcher 
darauf  hindeutete,  dass  eine  dauerhafte  Fortsetzung  von  be- 
stimmten, einmal  eingeleiteten  Veränderungen  im  Blute  selbst 
sich  erhalten  konnte,  dass  also  eine  permanente  Dyscrasie  möglich 
wäre,  ohne  dass  neue  Einwirkungen  von  einem  bestimmten  Atrium 
oder  Organe  aus  auf  das  Blut  stattfinden.  In  jeder  Beziehung 
stellt  sich  uns  das  Blut  dar  als  ein  abhängiges  und  nicht  als  ein 
unabhängiges  oder  selbständiges  Fluidum;  die  Quellen  seines  Be- 
standes und  Ersatzes,  die  Anregungen  zu  seinen  YeränderuDgen 
liegen  nicht  in  ihm,  sondern  ausser  ihm.  Daraus  folgt  consequent 
der  auch  fär  die  Praxis  ausserordentlich  wichtige  Gesichtspunkt, 
dass  es  sich  bei  allen  Formen  der  Dyscrasie  darum  handelt,  ihren 
Ortlichen  Ursprung,  ihre  (in  Beziehung  auf  das  Blut  selbst)  äussere 
Veranlassung  aufzusuchen.  — 


Dreizehntes  Capitel. 

Das  peripherische  NerYensystem. 


D«r  NcrTCDApptrat    Sein«  pritendirt«  Blnhcit. 

Die  Mtrrenfucrn.  Peripherische  Nerven.  Faseikel,  PrimitlTfAser.  Perinenriom  und  Nearllem. 
Sehwann'iche  Seheide.  Atfeneylinder  (eleetritehe  SabiUoi).  Markstoff  (Mjella),  ProtagoD, 
Phosphor  der  NerTentubtUni.  Marklote  nod  markhültlge  Fatero.  Ueborgaog  der  eioen  in 
die  anderen:  Hypertrophie  des  Optlcoi.    Verichledene  Breite  der  Fasern. 

Die  peripherleehen  Nerrenendlgnngen.  Vater'tehe  (Pacini'eehe)  und  Tastkörper.  MarUose  Faeorn 
der  Haut  mit  Endignng  Im  Rete.  Unteneheidang  von  Geflss-,  Nerven-  nnd  Zellenterritoriea 
in  der  Haut.  Eodkolben  der  SebleimhantnerTen.  H6here  Sinnesorgane:  Riech-,  Oeschmaoks- 
oadHörtellea.  Retina:  nervSse  nnd  bindegewebige  Thelle.  ArbeiUnerven:  Mnskel-Bndplatten, 
Verbiadnng  der  Nerven  mit  Drfisen-  nnd  anderen  Zellen. 

Die  Thelinng  der  Nenrenfasem.  Das  eleetrisehe  Organ  der  Fische.  Die  Muskelnerren.  Weitere 
Betraehtnng  ftber  NerTeuterritorlen. 

Nervenplesne  mit  gaaglioformen  Knoten.    Darmsehleimhaat.    Geflise.    Pleznt  mjeaterleas. 

Irrthimer  der  Nenropathologen. 


JNachdem  wir  die  humoralpathologischen  Gesichtspunkte  in  der 
Betrachtung  der  Dyscrasien  erörtert  haben,  so  dürfte  es  nicht 
bloss  dem  historischen  Rechte  nach,  sondern  auch  der  Wichtigkeit 
des  Gegenstandes  nach  gerathen  sein,  nnnmehr  die  Grundlagen 
der  solidarpathologischen  Doctrin  in  ihrer  modernen  Gestalt  als 
Nenropathologie  zu  prüfen.  Wenden  wir  uns  daher  jetzt  zn  der 
Einrichtung  des  Nervenapparates. 

Die  überwiegende  Masse  des  Nervenapparates  besteht  aus 
faserigen  Bestandtheilen.  Diese  sind' es  auch,  aufweiche 
sich  fast  alle  die  feineren,  physiologischen  Entdeckungen  beziehen, 
welche  die  letzten  Jahrzehnte  gebracht  haben,  während  der  andere, 
der  Masse  nach  viel  kleinere  Theil  des  Nerven -Apparates,  die 
graue  oder  gangliöse  Substanz,  bis  jetzt  selbst  der  histologi- 


272  Dreizehntes  Capitel. 

sehen  Untersnchnng  Schwierigkeiten  entgegengestellt  hat,  welche 
noch  lange  nicht  überwunden  sind,  so  dass  die  experimentelle  Er* 
forschnng  dieser  Substanz  kaum  in  Angriff  genommen  werden 
konnte.  Es  wird  freilich  oft  behauptet,  man  wisse  gegenwärtig 
viel  von  dem  Nervensystem,  aber  unsere  Eenntniss  beschränkt 
sich  grossentheils  auf  die  weisse  Substanz,  den  faserigen  Antheil, 
während  wir  leider  eingestehen  müssen,  dass  wir  über  die,  ihrer 
functionellen  Bedeutung  nach  offenbar  viel  höher  stehende,  graue 
Substanz  in  vielen  Beziehungen  immer  noch  sowohl  anatomisch, 
als  namentlich  physiologisch  in  grosser  Unsicherheit  uns  bewegen. 

Sobald  man  die  Frage  von  der  Bedeutung  des  Nervensystems 
innerhalb  der  Lebensvorgänge  anatomisch  betrachtet,  so  ergibt  ein 
einziger  Blick,  dass  der  Standpunkt,  von  welchem  die  Neuro- 
Pathologie  auszugehen  pflegt,  ein  sehr  verfehlter  ist.  Denn  sie 
betrachtet  das  Nervensystem  wie  ein  ungewöhnlich  Einfaches,  das 
durch  seine  Einheit  zugleich  die  Einheit  des  ganzen  Organismus, 
des  Körpers  überhaupt  bedinge.  Wer  aber  auch  nur  ganz  grobe 
anatomische  Vorstellungen  über  die  Nerven  hat,  der  sollte  es  sich 
doch  nicht  verhehlen,  dass  es  mit  dieser  Einheit  sehr  misslich  be- 
stellt ist.  Schon  das  Scalpell  legt  den  Nervenapparat  als  ein  aus 
ausserordentlich  vielen,  relativ  gleichwerthigen  Theilen  zusammen- 
geordnetes System  ohne  erkennbaren  einfachen  Mittelpunkt  dar.  Je 
genauer  wir  histologisch  untersuchen,  um  so  mehr  vervielfältigen 
sich  die  Elemente,  und  die  letzte  Zusammensetzung  des  Nerven- 
systems zeigt  sich  nach  einem  ganz  analogen  Plane  angelegt,  wie 
die  aller  übrigen  Theile  des  Körpers.  Eine  unendliche  Menge  zel- 
liger Elemente  von  mehr  oder  weniger  grosser  Selbständigkeit 
tritt  neben  und  grossentheils  unabhängig  von  einander  auch  in 
dem  Nervensystem  in  die  Erscheinung. 

Schliessen  wir  zunächst  die  gangliöse  Substanz  aus  und  hal- 
ten wir  uns  einfach  an  die  faserige  Masse,  so  haben  wir  einerseits 
die  eigentlichen  (peripherischen)  Nerven  im  engeren  Sinne  des 
Wortes,  andererseits  die  grossen  Anhäufungen  weisser  Mark- 
masse, wie  sie  den  grössten  Theil  des  kleinen  und  grossen  Ge- 
hirns und  der  Stränge  des  Rückenmarks  zusammensetzt.  Die 
Fasern  dieser  verschiedenen  Abschnitte  sind  im  Grossen  ähnlich 
gebaut,  zeigen  aber  im  Feineren  vielfache  und  zum  Theil  so  er- 
hebliche Verschiedenheiten,  dass  es  Punkte  gibt,  wo  man  noch 
in  diesem  Augenblick  nicht  mit  Sicherheit  sagen  kann,  ob  die 


Nervenbnndel,  273 

Elemente,  welche  man  vor  sich  hat,  wirklich  Nerven  sind,  oder 
ob  sie  einer  ganz  anderen  Art  von  Fasern  angehßren.  Am  eicher- 
Bten  ist  man  über  die  Zasammeosetzong  der  gewöhnlichen  peri- 
pberiscben  Nerven;  hier  unterscheidet  man  im  Allgemeinen  mit 
ziemlicher  Leichtigkeit  Folgendes: 

Alle  mit  blossem  Ange  za  verfolgenden  Nerven  enthalten 
eine  gewisse  Snmme  von  UnterabtbeilnDgen,  Bündeln  oder  F&sci- 
keln,  welche  sieb  nachher  als  Aeste  oder  Zweige  auseinanderlösen. 
Verfolgen  wir  diese  einzelnen,  sich  weiter  nnd  weiter  verlheüen- 
den  Zweige,  so  beb&lt  der  Nerv  fast  unter  allen  Verhältnissen  bis 
nahe  za  seinen  letzten  Theilnngen  eine  fascikuläre  Einrichtnng, 
so  dass  jedes  Bündel  wieder  eine  kleinere  oder  grössere  Zahl  von 
sogenannten  Primitivfasem  amschliesst.  Der  Ansdmck  Primitiv- 
faser,  welchen  man  hier  gebraucht,  ist  ursprünglich  gewählt  wor- 
den, weil  man  den  Nervenfascikel  für  ein  Analogen  der  Primitiv- . 
bündel  des  Muskels  hielt.  Späterbin  ist  die  Vorstellung  von  einem 
besonderen  Bindemittel  zwischen  den  einzelnen  Nervenfasern  fast 
verloren  gegangen,  nnd  erst  dnrcb  Robin  ist  in  neuerer  Zeit  die 
Aufaierksamkeit  wieder  auf  die  Snbstanz  hingelenkt  worden,  wel- 
che das  Bündel  znsammenbäll;  er  nannte  dieselbe  Perineurium. 
Es  ist  dies  ein  sehr  dichtes,  fast 
aponeurotisches  und  daher  leicht  ^^«-  ^' 

durchscheinendes  Bindegewebe,  in  ' 
welchem  sich  bei  Zusatz  von 
Essigsäure  kleine  Kerne  zeigen. 
Verschieden  davon  ist  das  mehr 
lockere  Bindegewebe,  welches  die 
Fascikei  znsammeubält  und  eine 
Scheide  für  den  ganzen  Nerven 
bildet,  das  sogenannte  Neurilem. 

Wenn  wir  kurzweg  von  Ner- 
venfasern im  histologischen  Sinne  sprechen,  so  meinen  wir  immer 
die  Primitivfaser,  nicht  den  i'ascikel,  welcher  vom  blossen  Auge 
als  Faser  erscheint  nnd  daher  in  der  Vnigärsprache  oft  so  genannt 


Fiß  86.  Qaerschaitt  durch  einen  ts'ervenslAmin  dea  Plexus  bracbialia. 
/,  /  Neurilcm,  ton  dem  eine  grO^nere  Scheide  /'  und  feinere  durch  helle  Linien 
beieichnete  Fortsätze  durch  den  Nerven  verlauren  und  ihn  in  kleine  Fascikei 
scheiden.  Letztere  zeigen  die  dunklen,  punklfürmieen  Uurchachuitte  der  Primitiv- 
bsem  und  doiwischen  daa  Perincuriiiiii.     Ver^.  80. 


274  Dreizehntes  Capitel. 

wird.  Jene  feineteD,  mikroskopischeo  Fasern  besitzen  wiedemm  jede 
fQr  sich  eine  äussere  Membran,  die  sogenannte  Scbwaan'scbe 
Scheide;  an  ihr  steht  man,  wenn  man  sie  vollkommen  frei  macht 
vom  Inhalte,  was  allerdings  sehr  schwierig  ist,  was  aher  zuweilen 
nnter  pathologischen  Verhältnissen  spontan  auftritt,  z.  B.  bei  ge- 
wissen ZustSndeo  der  Atrophie,  wandstäudige  Kerae  (Fig.  6,  c). 
Innerhalb  dieser  membrantisen  RShren  Hegt  die  e^entliche  Ner- 
ven-Snbatanz,  welche  sich  bei  den  gew5hDlichen  Nerven  noch- 
mals in  zweierlei  Bestandtheile  scheidet.  Diese  sind  hei  dem  ganz 
frischen  Nerven  kaum  als  zwei  zu  erkennen,  treten  aber  kurze 
Zeit  nach  dem  Absterben  oder  Herauaschneiden  des  Nerven  oder 
nach  Einwirkung  irgend  eines  Medinms  auf  den  Nerven    sofort 
ganz  deutlich  ans  einander,  indem  der  eine  dieser  Bestandtheile 
eine  schnelle,  gewöhnlich  als  Gerinnung  bezeichnete  VerSndemng 
er^rt,  dnrch  welche  er  sich  von 
dem  anderen  Bestandtheile  absetzt 
(Fig.  87).    Ist  dies  geschehen,  so 
sieht  man  im  Innern  der  Nenen- 
faser    deutlich     den    sogenannten 
Axencylinder  (das  Primitivband 
von  R  e  m  a  k),  ein  sehr  feines,  zartes, 
blasses  Gebilde,  und  um  ihn  herom 
eine  ziemlich  derbe,  dunkle,  hier 
und  da  zusammenfliessende  Masse, 
dasNervenmark  oder  die  Mark- 
scheide; letztere  fQllt  den  Raum 
zwischen    Axencylinder    und     der 
äusseren  Membran  ans.     Meist  ist 
aber  die  Nervenröhre  so  stark  ge- 
füllt mit  dem  Inhalte,    dass  man 
bei  der  gewöhnlichen  Betrachtung  von  den  einzelnen  Bestandtheilen 
fast  gar  nichts  sieht,  wie  denn  überhaupt  der  Axencylinder  inner- 
halb der  Markmasse  schwer  erkennbar  ist.  Baraas  erklärt  es  sich. 


Fig.  87.  Grane  und  weisse  Nervenfasern.  A  Ein  graner,  gelslini'iser  Nerren- 
fasciliel  aus  der  Wunel  de«  MesPDieriums,  nach  Behandlung  mit  Essigsäure. 
ß  E^ine  breite,  weisse  Primilivfaser  ans  dem  N,  cruralisr  a  der  frdgflegte  Aien- 
cylinder,  r,  r  die  varilü>e  Paser  mit  der  Uarkscheide,  am  Ende  bei  m,  m  der 
Markslnff  (Myelin!  in  geschlängeJIen  Figuren  hervortretend.  C  Feine,  weisse  Pri- 
mitivfaser aus  dem  Gehirn,  mil  fiei  hervorlrclendem  Axencylinder.    Vcrgr.  300. 


Markhaltige  und  marklose  Neirenfasern.  275 

dass  man  Jahre  lang  über  seine  Existenz  gestritten  und  vielfach 
die  Ansicht  ausgesprochen  hat,  er  sei  gleichfalls  eine  Gerinnungs- 
Erscheinung,  indem  eine  Trennung  des  ursprünglich  gleichmässigen 
Inhaltes  in  eine  innere  und  äussere  Masse  stattfinde.  Dies  ist 
aber  unzweifelhaft  unrichtig:  alle  Methoden  der  Untersuchung 
geben  zuletzt  dies  Primitivband  zu  erkennen;  selbst  auf  Quer- 
schnitten der  Nerven  sieht  man  ganz  deutlich  im  Innern  den 
Axencylinder  und  um  ihn  herum  das  Mark. 

Das  sogenannte  Nervenmark  ist  es,  was  den  Nervenfasern 
überhaupt  das  weisse  Ansehen  verleiht;  überall,  wo  die  Nerven 
diesen  Bestandtheil  enthalten,  erscheinen  sie  weiss,  überall,  wo 
er  ihnen  fehlt,  haben  sie  ein  durchscheinendes,  graues  Aussehen. 
Daher  gibt  es  Nerven,  welche  der  Farbe  nach  der  gangliösen 
Substanz  sich  anschliessen,  verhältnissmässig  durchsichtig  sind,  ein 
mehr  helles,  gelatinöses  Aussehen  besitzen;  man  hat  sie  deshalb 
graue  oder  gelatinöse  Nerven  genannt  (Fig.  87  A).  Zwischen 
grauer  und  weisser  Nervenmasse  überhaupt  besteht  also  nicht  der 
Unterschied,  dass  die  eine  gangliös,  die  andere  faserig  ist,  sondern 
nur  der,  dass  die  eine  Mark  enthält,  die  andere  nicht ;  indess  ge- 
braucht man  den  Ausdruck  „graue  Substanz*^  gewöhnlich  nur  von 
der  wirklich  gangliösen  Masse,  nicht  von  den  grauen,  marklosen 
Nerven.  Den  Zustand  der  Marklosigkeit  bei  den  Nervenfasern 
kann  man  im  Allgemeinen  als  den  niederen,  unvollständigeren 
bezeichnen;  die  Markbaltigkeit  zeigt  eine  reichere  Ernährung  und 
höhere  Entwickelung  an. 

Nichts  lehrt  vielleicht  die  unmittelbar  praktische  Bedeutung 
dieser  beiden  Zustände  so  auffallend,  als  eine  zuerst  von  mir  ge- 
machte Beobachtung  an  der  Retina,  an  welcher  in  einer  sehr  un- 
erwarteten Weise  die  sonst  durchscheinende  graue  Nervenmasse 
in  undurchsichtige  weisse  verwandelt  war.  Ich  fand*)  nehmlich 
ganz  zufällig  eines  Tages  in  den  Augen  eines  Mannes,  bei  dem 
ich  ganz  andere  Veränderungen  vermuthete,  im  Umfange  der  Pa- 
pilla optici,  wo  man  sonst  die  gleichmässig  durchscheinende  Re- 
tina sieht,  eine  weissliche,  radiäre  Streifung,  wie  man  sie  an  der- 
selben Stelle  im  Kleinen  zuweilen  bei  Hunden  und  ziemlich  con- 
stant  in  einzelnen  Richtungen  bei  ELanincheu  triflit.  Die  mikrosko- 
pische Untersuchung  ergab,    dass   in   ähnlicher  Weise,   wie   bei 

♦)  Archiv  1856.     X.     190. 

18^ 


276  Dreizehntes  Gapitel. 


diesen  Tbieren,  in  der  Retina  markhaltige  Fasern  sich  entwickelt 
hatten,  and  dass  die  Faserlage  der  Retina  dnrch  die  Anfinahme 
von  Markmasse  dicker  nnd  nndorchsichtig  geworden  war.  Die 
einzelnen  Fasern  verhielten  sich  dabei  so,  dass,  wenn  man  sie 
von  den  vorderen  nnd  mittleren  Theilen  der  Retina  ans  nach 
hinten  gegen  die  Papille  hin  verfolgte,  sie  allmählich  an  Breite 
znnabmen,  nnd  zngleicb  in  einer  zuerst  fast  unmerklichen,  später 
sehr  auffälligen  Weise  eine  Abscheidung  von  Mark  in  ihrem  In- 
neren erkennen  Hessen.  Das  ist  also  eine  Art  von  Hypertrophie, 
aber  sie  beschränkt  die  Function  der  Retina  wesentlich,  denn  das 
Mark  lässt  die  Lichtstrahlen  nicht  durch  und  die  zarte  Haut 
wird  daher  mehr  und  mehr  getrübt. 

Dieselbe  Veränderung  geschieht  am  Nerven,  während  er  sich 
entwickelt.  Der  junge  Nerv  ist  eine  feine  Röhre,  welche  in  ge- 
wissen Abständen  mit  Kernen  besetzt  ist  und  einen  blassgrauen 
Inhalt  besitzt.  Erst  später  erscheint  das  Mark,  der  Nerv  wird 
damit  breiter,  und  der  Axencylinder  setzt  sich  deutlich  ab.  Man 
kann  daher  sagen,  dass  die  Markscheide  ein  nicht  absolut  noth- 
wendiger  Bestandtheil  des  Nerven  ist,  sondern  ihm  erst  auf  einer 
gewissen  Höhe  seiner  Entwickelung  zukommt. 

Es  folgt  daraus,  dass  diese  Substanz,  welche  man  früher  als 
das  Wesentliche  im  Nerven  betrachtete,  nach  der  jetzigen  An- 
schauung eine  mehr  untergeordnete  Rolle  spielen  muss.  Nur  die- 
jenigen,   welche  auch  jetzt  noch    keinen  Axencylinder  zulassen, 


Fi^.  88.  Markige  Hypertrophie  des  Opticus  innerhalb  des  Auges.  A  Die 
hintere  Uüifte  des  Bulbus,  von  vom  gesehen;  von  der  Papilla  optici  (?ehen  nach 
vier  Seiten  radiäre  Ausstrahlungen  von  weissen  Fasern  aus.  B  Die  Opticusfasern 
aus  der  Retina  bei  SOOmali^er  Verprrösserung :  a  eine  blasse,  gewöhnliche,  leicht 
variko.se  Faser,  b  eine  mit  allmählich  zunehmender  Markscheide,  r  eine  solche 
mit  frei  hervor»tebendem  Axencylinder. 


Harkstoff  (Myelin).  277 

sehen  sie  natürlich  nicht  bloss  als  den  bei  Weitem  überwiegenden 
Bestandtheil ,  sondern  auch  als  den  eigentlich  fanctionirenden 
Nerveninhalt  an.  Sehr  merkwürdig  ist  es  aber,  dass  dieselbe 
Substanz  eine  der  am  meisten  verbreiteten  ist,  welche  überhaupt 
im  thierischen  Körper  vorkommen.  Ich  war  sonderbarer  Weise 
znerst  bei  der  Untersuchung  von  Lungen  auf  Gebilde  gestossen, 
welche  ganz  ähnliche  Eigenschaften  darboten,  v^e  man  sie  am 
Nervenmark  wahrnimmt.  So  auffallend  dies  auch  war,  so  dachte 
ich  in  der  That  nicht  an  eine  üebereinstimmung,  bis  nach  und 
nach  durch  eine  Reihe  weiterer  Beobachtungen,  welche  im  Laufe 
mehrerer  Jahre  hinzukamen,  ich  darauf  geführt  wurde,  viele  Ge- 
webe chemisch  darauf  zu  untersuchen*).  Dabei  stellte  es  sich 
heraus,  dass  fast  gar  kein  zellenreiches  Gewebe  vorkommt,  in  dem 
jene  Substanz  sich  nicht  in  grosser  Masse  vorfände;  allein  nur 
die  Nervenfaser  hat  die  Eigenthümlichkeit,  dass  die  Substanz  als 
solche  sich  abscheidet,  während  sie  in  allen  anderen  zelligen 
Theilen  in  einer  fein  vertheilten  Weise  im  Inneren  der  Elemente 
enthalten  ist  und  erst  bei  chemischer  Veränderung  des  Inhaltes 
oder  bei  chemischen  Einvrirkungen  auf  denselben  frei  wird.  Wir 
können  aus  den  Blutkörperchen,  aus  den  Eiterkörperchen,  aus  den 
epithelialen  Elementen  der  verschiedensten  drüsigen  Theile,  aus 
dem  Inneren  der  Milz  und  ähnlicher 
Drusen  ohne  Ausführungsgänge  überall  Fig.  89. 

durch  Extraction  mit  heissem  Alkohol  ^^  ^ 

diesen  Stoff  gewinnen.  Es  ist  dieselbe        /S^ßjßl         f  "  W    ? 
Substanz,    welche   den  grössten  Be-        ^^^  t^|? 

standtheil  der  gelben  Dottermasse  im  ®  ^^  Z^ 

Hühnerei  bildet,  von  wo  ihr  Geschmack 

und  ihre  Eigenthümlichkeit,  namentlich  ihre  eigenthümliche  Zähig- 
keit und  Klebrigkeit,  welche  den  höheren  technischen  Zwecken 
der  Küche  so  vortrefflich  dient,  jedermann  hinlänglich  bekannt  ist. 
Ich  schlug  für  diese  Substanz  den  Namen  Markstoff  oder 
Myelin  vor.  Später  hat  0.  Liebreich  diesen  Körper  genauer 
studirt  und  nachgewiesen,  dass  das  gewöhnliche  Myelin  keine  ganz 


Fig.  89.  Tropfen  von  Markstoff  (Myelin,  nach  Gobley  Lecithin).  A  Ver- 
schieden gestaltete  Tropfen  aus  der  Markscheide  von  Hiranerven,  nach  Aufquellunjj 
dnrch  Wasser.  B  Tropfen  aus  zerfallendem  Epithel  der  Gallenblase  in  der  n^- 
tnrlicben  Flüssigkeit.     Vergr.  300. 

•)  Archiv.  1845.    VI.    562, 


278  Dreizehntes  GapiteL 

reine  chemische  Sabstanz  ist;  ihren  wesentlichen  Antheil  bildet 
eine  Stickstoff  und  Phosphor  enthaltende  Substanz,  welcher  er 
den  Namen  Protagon  beigelegt  hat.  Andere  Untersncher  haben 
denn  auch  ans  den  anderen  von  mir  angegebenen  Theilen,  wie 
ans  Blutkörperchen  nnd  Eiter,  Protagon  dargestellt. 

Für  die  Lehre  von  den  Ner^enfnnctionen  hat  diese  Substanz 
das  besondere  Interesse,  dass  sie  die  Veranlassung  zu  der  oft  be- 
sprochenen Auffassung  von  der  Bedeutung  des  Phosphors  für  die 
eigentliche  Nerventhätigkeit ,  namentlich  auch  für  die  Denkthätig- 
keit  gegeben  hat.  Auch  hat  man  pathologisch  geglaubt,  aus  ver- 
mehrter Abscheidung  von  Phosphorverbindungen  durch  die  Secre- 
tionsorgane,  namentlich  durch  die  Nieren,  auf  einen  vermehrten 
Verbrauch  von  Nervensubstanz  schliessen  zu  kOnneo.  Wenn  es 
nun  auch  richtig  ist,  dass  Phosphorsäure  (in  Verbindung  mit  Gly- 
cerin)  ein  gewöhnliches  Zersetzungsproduct  des  Protagons  ist,  und 
wenn  daher  bei  vollständiger  Zerstörung  von  Nerven-  oder  Gehirn- 
theilen  Phosphorsäure  in  grösserer  Menge  in's  Blut  und  in  die 
Secrete  gelangen  kann,  so  ist  doch  leicht  ersichtlich,  dass  dieselbe 
in  keiner  Weise  der  eigentlich  fimgirenden  Substanz  des  Nerven 
oder  des  Gehirns  entstammt,  und  dass  sie  am  allerwenigsten  da 
erwartet  werden  kann,  wo  bei  Erhaltung  des  Nerven  als  solchen 
nur  ein  durch  seine  Thätigkeit  vermehrter  Umsatz  seiner  Substanz 
vorausgesetzt  wird.  Das  ,)Phosphoresciren  der  Gedanken*^  kann 
also  zu  den  Träumen  der  Wissenschaft  gerechnet  werden. 

Wird  die  Ernährung  des  Nerven  erheblich  gestört,  so  ninunt 
die  Markscheide  an  Masse  ab,  ja  sie  kann  unter  Umständen  gänz- 
lich verschwinden,  so  dass  der  weisse  Nerv  wieder  auf  einen 
grauen  oder  gelatinösen  Zustand  zurückgeführt  wird.  Das  gibt 
eine  graue  Atrophie,  gelatinöse  Degeneration,  wobei  die 
Nervenfaser  an  sich  existirt  und  nur  die  besondere  Anfüllung  mit 
Markmasse  leidet.  Daraus  erklärt  es  sich,  dass  man  an  vielen 
Punkten,  wo  man  früher  nach  der  anatomischen  Erfahrung  einen 
vollständig  fonctionsunfähigen  Theil  erwarten  zu  dürfen  glaubte, 
durch  die  klinische  Beobachtung  mit  Hülfe  der  Electricität  den 
Nachweis  liefern  konnte,  dass  der  Nerv  noch  fiinctionsf&hig  sei, 
wenn  auch  in  einem  geringeren  Maassstabe,  als  normal.  Und  so 
ist  auch  diese  Erfahrung  wieder  ein  Beweis  geworden,  dass  das 
Mark  nicht  derjenige  Bestandtheil  sein  kann,  an  welchen  die 
Function   des   Nerven   als   solche  gebunden  ist.    Zu   demselben 


Äzancjlioder  und  Markscheide.  279 

ScbluBS  haben  ancb  die  physikaliBchen  Untersnchnngen  geführt, 
and  man  betrachtet  daher  gegenwärtig  ziemlich  allgemein  den 
Axencylinder  ab  den  wesentiicben  Theil  dea  Nerven.  Derselbe 
ist  auch  im  blassen  Nerven  vorhanden,  aber  nar  im  weissen  Ner- 
ven hebt  er  sich  dnrch  seine  Abl&song  von  der  umgebenden  Mark- 
scheide deatlicher  hervor.  Der  Axencylioder  würde  also  die  eigent- 
liche electrische  Substanz  der  Physiker  Bein,  und  man  kann 
allerdings  die  Hypothese  zalasaen,  dass  die  Harkscheide  mehr  als 
eine  isolirende  Masse  dient,  welche  die  Electricitfit  in  dem  Nerven 
selbst  zusammenhält  und  deren  Entladung  eben  nur  an  den  mark- 
losen  Enden  der  Fasern  zu  Stande  kommen  lässt. 

Die  Besonderheit  des  Markstotfes  äussert  sich  am  häufigsten 
darin,  dass,  wenn  man  einen  Nerven  zerreisst  oder  zerschneidet, 
das  Mark  gewöhnlich  aus  demselben  hervortritt  (Fig.  87,  m,'m) 
und  zugleich,  namentlich  bei  Einwirkung  von  Wasser,  eine  eigen- 
tbflmliche  Rnnzelung  oder  Streifnug  annimmt  (Fig.  89,  A).  Es 
sangt  nehmlich  Wasser  auf,  was  allein  beweist,  dass  es  keine 
neutrale  fettige  Substanz  in  dem  früher  angenommenen  Sinne  ist, 
sondern  höchstens  wegen  seines  grossen  Quellnugsvermögens  mit 
gewissen  seifenartigen  Verbindungen  verglichen  werden  kann.  Je 
länger  die  Einwirkung  des  Wassers  dauert,  um  so  längere  Massen 
von  Markstoff  schieben  sich  aas  den  Nerven  heraus.  Diese  haben 
ein  eigenthfimlich  bandartiges  Änssehen,  bekommen  immer  neue 
Runzeln,  Streifen  und  Schichtungen,  und  führen  zu  den  sonder- 
barsten Figaren.  Häufig  lösen  sich  auch  einzelne  Stücke 
los  und  schwimmen  als  besondere,  geschichtete  Körper  n«.  w. 
beram,  welche  in  neuerer  Zeit  zu  Verwechselungen 
mit  den  Corpora  amylacea  Veranlassung  gegeben  ha- 
ben, von  denen  sie  sieh  jedoch  durch  ihre  chemischen 
Reactionen  auf  das  Bestimmteste  unterscheiden.  — 

In  Beziehung  auf  die  histologische  Verschiedenheit 
der  Nerven  unter  eich  ergibt  die  üntersnchung,  dass 
an  manchen  Orten  die  eine  oder  andere  Art  ihrer 
Ausbildung  ausserordentlich  vorwaltet.  Einerseits 
nehmlich  unterscheiden  sich  die  Nerven  wesentlich 
durch    die    Breite    ihrer    Primitivfaseni,    andererseits 


Fip.  90,  Breite  und  sthmale  Nervenfasern  au8  dem  N.  cniralis  mit  unregel- 
mätiaiger  ÄufquelluDg  des  UarksioSes.    Vergr.  300. 


280  Dreizehntes  Gapitel. 

durch  die  Markhaltigkeit  derselben.  Es  ^bt  sehr  breite,  mittlere 
und  kleine  weisse,  und  ebenso  breite  und  feine  graue  Fasern. 
Eine  sehr  beträchtliche  Grösse  erreichen  die  grauen  überhaupt 
selten,  weil  die  Grösse  eben  abhängig  ist  von  der  Zunahme  des 
Inhaltes,  allein  überall  zeigt  sich  doch  wieder  eine  Verschiedenheit, 
so  dass  gewisse  Nerven  feiner,  andere  gröber  sind. 

Im  Allgemeinen  lässt  sich  sagen,  dass  in  den  Endstücken  die 
Nervenfasern  in  der  Regel  feiner  werden,  und  dass  die  letzte  Ver- 
ästelung verhältnissmässig  die  feinsten  zu  enthalten  pflegt;  jedoch 
ist  das  keine  absolute  Regel.  Beim  Opticus  finden  wir  schon  vom 
Augenblicke  seines  Eintrittes  in  das  Auge  an  gewöhnlich  nur  ganz 
schmale,  blasse  Faser  (Fig.  88,  a),  während  die  Nerven  der  Tast- 
körperchen der  Haut  bis  ans  Ende  verhältnissmässig  breite  und  dunkel 
contourirte  Fasern  zeigen  (Fig.  92).  Eine  sichere  Ansicht  über  die 
Bedeutung  der  verschiedenen  Faserarten  je  nach  ihrer  Breite  und 
Markhaltigkeit  hat  sich  bis  jetzt  noch  nicht  gewinnen  lassen.  Eine 
Zeit  lang  hat  man  geglaubt,  unterschiede  der  Art  aufstellen  zu  kön- 
nen, dass  die  breiten  Fasern  als  Abkömmlinge  des  Cerebrospinal- 
Gentrums,  die  feinen  als  Theile  des  Sympathicus  betrachtet  werden 
müssten,  allein  dies  ist  nicht  durchzuführen,  und  man  kann  nur 
so  viel  sagen,  dass  die  gewöhnlichen  peripherischen  Nerven  aller- 
dings einen  grossen  Gehalt  an  breiten,  die  sympathischen  einen 
verhältnissmässig  grösseren  Antheil  von  feineren  Fasern  enthalten. 
An  vielen  Orten,  wie  z.  B.  im  Unterleibe,  überwiegen  graue, 
breite  Fasern  (Fig.  87,  -4),  deren  nervöse  Natur  von  Einigen 
noch  bezweifelt  wird.  Es  ist  also  vorläufig  ein  sicherer  Sehluss 
über  die  etwaige  Verschiedenheit  der  Functionen  aus  dem  blossen 
Bau  noch  nicht  zu  ziehen,  obwohl  kaum  bezweifelt  werden  kann, 
dass  solche  Verschiedenheiten  vorhanden  sein  müssen,  und  dass 
eine  breite  Faser  an  sich  andere  Fähigkeiten,  sei  es  auch  nur 
quantitativ  verschiedene,  darbieten  muss,  als  eine  feine,  eine  mark- 
baltige  andere,  als  eine  marklose.  Allein  über  alles  das  ist  bis 
jetzt  mit  Sicherheit  nichts  ermittelt;  und  seitdem  durch  die  feinere 
physikalische  Untersuchung  nachgewiesen  ist,  dass  alle  Nerven, 
nicht  wie  man  früher  annahm,  nur  nach  der  einen  oder  der  an- 
deren Seite  hin  leiten,  sondern  die  Leitungsfähigkeit  nach  beiden 
Seiten  hin  besitzen,  so  scheint  es  nicht  gerechtfertigt,  Hypothesen 
über  die  centripetale  oder  contrifugale  Leitung  an  diese  Erfahrung 
von  der  verschiedenen  Breite  der  Fasern  unmittelbar  anzuknüpfen. 


Nerven-EudiguDg.  281 

Die  grosse  Verschiedenheit,  welche  in  Beziebnng  anf  die  Function 
der  einzelnen  Nerven  zn  bemerken  ist,  lässt  sich  bis  jetzt  nicht 
80  sehr  auf  die  Verschiedenartigkeit  des  Baues  dereelbeo  beziehen, 
als  vielmehr  anf  die  Besonderheit  der  Einrichtungen,  mit  welchen 
der  Xerv  verbanden  ist.  Es  ist  einerseits  die  besondere  Bedeu- 
tung des  Central  Organs,  von  welchem  der  Nerv  ausgeht,  anderer- 
seits die  besondere  Bescbaffenhelt  des  Endes,  in  welches  er  ge- 
gen die  Peripherie  hio  verläuft,  welche  seine  specifiscbe  Leistung 
erklären. 

In  der  Verfolgung  der  Endigungen,  welche  die  Nerven  gegen 
die  Peripherie  hin  darbieten,  hat  die  Histologie  gerade  in  den 
letzten  Jahren  wobl  ihre  glänzendsten  Triumphe  gefeiert.  Frflher- 
hin  stritt  man  sich  bekanntlich  darum,    ob 
die  Nerven  in  Schlingen  aasgingen  oder  in  ''>  ^'' 

Plexus  oder  frei  endigten,  und  man  war 
gleich  exclnsiv  nach  der  einen,  wie  nach 
der  anderen  Richtung  hin.  Heutzutage  ha- 
ben wir  Beispiele  für  die  meisten  dieser 
Endignngen,  am  wenigsten  aber  für  die 
Form,  welche  eine  Zeit  lang  als  die  regel- 
rechte betrachtet  wurde,  nehmlich  für  die 
Scblingenbildung. 

Die  deutlichste,  aber  sonderbarer  Weise 
fanctionell  bis  jetzt  am  wenigsten  bekannte 
Endigungsform  ist  die  in  den  sogenannten 
Vater'schen  oder  Pacini'schen  Kör- 
pern, —  Organen,  über  deren  Bedeutung 
man  immer  noch  nichts  anzugeben  weiss. 
Man  findet  sie  beim  Uenschen  verbältniss- 
mässig  am  meisten  ausgebildet  im  Fettge- 
webe der  Fingerspitzen,  aber  auch  In  ziem- 
lich grosser  Anzahl  im  Gekröse,  am  deut- 
lichsten und  bequemsten  aber  im  Mesenterium 
der  Katzen,  in  welches  sie  ziemlich  weitbinauf- 

Fig.  91.  Vater'scher  oiler  Pacini'scher  Körper  aus  d«m  Unterhauirettn^eirebe 
der  Fingerspitze.  S  Der  atia  einer  dunkel  ran  itigen,  markhaltieen  Primitiv-Serren- 
faser  n  und  dem  dicken,  mit  LBne.skemen  versehenen  Perineunum  p,  p  hcNle- 
bende  Stiel,  C  Der  eif^entlichs  Ki'.rper  mit  concenlrischen  Laßen  des  kolbig  an- 
geschwollenen  PerineuTium  und  der  renltalen  Höhle,  in  welcher  der  blasse  Äicn- 
c;linder  fortläuft  und  frei  endigt.     Vergr.  150. 


282  Dreizehntes  Gapitel. 

reichen,  während  sie  beim  Menschen  gewöhnlich  bloss  an  der  Wnrzel 
des  Gekröses  liegen,  wo  das  Dnodennm  mit  dem  Pancreas  znsam- 
menstösst,  in  der  Nähe  des  Plexus  solaris.  Ueberdies  zeigt  sich 
eine  sehr  grosse  Variabilität  bei  verschiedenen  Individuen.  Einige 
haben  sehr  wenig,  andere  sehr  viel  davon,  und  es  ist  sehr  leicht 
möglich,  dass  daraus  gewisse  individuelle  Eigenthümlichkeiten  re- 
sultiren.  So  habe  ich  z.  B.  mehrmals  bei  Geisteskranken  sehr 
viele  solche  Körper  gefunden,  worauf  ich  indessen  vorläufig  kein 
grosses  Gewicht  legen  will. 

Ein  Pacini'scher  Körper  stellt,  mit  blossem  Auge  gesehen, 
ein  weissliches,  gewöhnlich  ovales  und  an  dem  einen  Ende  etwas 
zugespitztes,  1  —  IV"  langes  Gebilde  dar,  das  an  einem  Nerven 
festhängt,  und  zwar  so,  dass  in  einen  jeden  Körper  nur  eine 
einzelne  Primitivfaser  übergeht.  Der  Körper  zeigt  eine  verhält- 
nissmässig  grosse  Reihe  von  elliptischen  und  concentrischen  La- 
gen oder  Blättern,  welche  am  oberen  Ende  ziemlich  nahe  an  ein- 
ander stossen,  am  unteren  weiter  von  einander  abweichen  und  im 
Inneren  einen  länglichen,  gewöhnlich  gegen  das  obere  Ende 
spitzeren,  von  einer  feinkörnigen  Substanz  erfüllten  Raum  um- 
schliessen.  Zwischen  diesen  Blättern  erkennt  man  deutlich  eine 
regelmässige  Einlagerung  von  Kernen.  Wenn  man  die  Blätter 
gegen  den  nervösen  Stiel  hin  verfolgt,  so  sieht  man  sie  zuletzt 
in  das  hier  sehr  dicke  Perineurium  übergehen.  Man  kann  sie 
daher  als  colossale  Entfaltungen  des  Perineuriums  betrachten, 
welche  aber  nur  eine  einzige  Nervenfaser  umschliessen.  Verfolgt 
man  nun  die  Nervenfaser  selbst,  so  bemerkt  man,  dass  der  mark- 
haltige  Theil  gewöhnlich  nur  bis  in  den  Anfang  des  Körperchens 
reicht;  dann  verschwindet  das  Mark,  und  man  sieht  den  Axen- 
cylinder  allein  fortgehen.  Dieser  verläuft  nun  in  der  centralen 
Höhle,  um  gewöhnlich  in  der  Nähe  des  oberen  Endes  einfach,  oft 
mit  einer  kleinen  kolbigen  Anschwellung,  im  Gekröse  sehr  häufig 
in  einer  spiralförmigen  Windung  zu  enden.  In  seltenen  Fällen 
kommt  es  vor,  dass  die  Primitivfaser  innerhalb  des  Körperchens 
sich  in  zwei  oder  mehrere  Aeste  theilt.  Aber  jedesmal  scheint 
hier  eine  Art  von  Endigung  vorzuliegen.  Was  die  Körper  zu  be- 
sagen haben,  welche  Verrichtung  sie  ausüben,  ob  sie  irgend  etwas 
mit  sensitiven  Functionen  zu  thun  haben,  oder  ob  sie  irgend  eine 
Leistung  des  Centrums  anzuregen  berufen  sind,  darüber  wissen 
wir  bis  jetzt  nichts.  — 


Tutkörper.  283 

Eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  diesen  Gebilden  zeigen  die  in 
der  letzten  Zeit  so  viel  Hiseotirten  Tastkörper.  Wenn  man  die 
Haot  und  nameutlieh  den  empfindenden  Theil  derselben  mikrosko- 
pisch nntersucht,  so  nnterscheidet  man,  wie  dies  von  Meissner 
nod  Rad.  Wagner  zuerst  gefunden  ist,  zweierlei  Art«n  von  Pa- 
pillen oder  Wfirzeben,  mehr  schmale  nnd  mehr  breite,  zwischen 
denen  freilich  Uebergänge  vorkommen  (Fig.  9'2),   In  den  schmalen 


findet  man  constant  eine  einfache,  zuweilen  eine  verästelte  Ge< 
^sschlinge,  aber  keinen  Nerven.  Es  ist  diese  Beobachtnag  in- 
sofern wichtig,  als  wir  darcb  sie  zar  Keontniss  eines  neuen  ner- 
venlosen Theiles  gekommen  sind,  la  der  anderen  Art  von  Papillen 
findet  man  dagegen  sehr  häufig  gar  keine  Gefässe,  sondern  Nerven 
nnd  jene  eigenthümliclien  Bildungen,  welche  man  als  Tastkßrper 
bezeichnet  hat. 

Der  Tastkörper  erscheint  als  ein  von  der  übrigen  Substanz 
der  Papille  ziemlieb  deutlich  abgesetztes,  länglich  ovales  Gebilde, 
das  Wagner,  freilich  etwas  kflhn,  mit  einem  Tannenzapfen  ver- 
glichen hat.     Es  sind  meistens  nach  oben  und  unten  abgerundete 


Fig.  92.  Nerven-  und  Geßsipapillen  von  der  Haut  der  Fiogercpilie,  nsch 
Ablösung  der  Oherh«ut  und  des  Rete  UalpißhÜ.  ^  Nervenpspille  mil  dem  T«sl- 
körper,  zu  dem  zvei  PrimitiTfaiern  t,  treleo :  im  Gruode  der  Papille  feine  ela»' 
tische  Netze  r.  Ton  denen  feine  Fasern  ausstrablen,  ztrisrhen  und  an  denen 
Biadegewebskörperchen  lu  sehen  sind,  ß,  (',  l>  GeR^spapillen,  hei  C  einfache, 
bei  B  und  />  verästelte  Ge^tsscblin^en,  daneben  feine  elastische  Fasern  und 
Bindegewebskörperchen;  p  der  horizontal  fortlaufende  Papillarkörper,  bei  r  feine 
■temfönni([e  Elemente  der  eigentlichen  Cutis.    Vei^.  300. 


284  Dreizehntes   Gapitel. 

Knoten,  an  denen  man  nicht,  wie  an  den  Pacini'schen  Körpern, 
eine  längliche  Streifang  sieht,  sondern  vielmehr  eine  Qaerstreifdng 
mit  querliegenden  Kernen.  Zu  jedem  solchen  KOrper  tritt  nun  ein 
Nerv  und  von  jedem  kehrt  ein  Nerv  zurück,  oder  richtiger,  man 
sieht  gewöhnlich  an  jeden  Körper  zwei  Nervenfäden  treten,  meis- 
tentheils  ziemlich  nahe  an  einander,  die  sich  bequem  bis  an  die 
Seite  oder  die  Basis  des  Körpers  verfolgen  lassen.  Von  da  ab  ist 
der  Verlauf  sehr  zweifelhaft,  und  in  einzelnen  Fällen  variiren  die 
Zustände  so  sehr,  dass  es  noch  nicht  gelungen  ist,  mit  Bestimmt- 
heit das  gesetzmässige  Verhalten  der  Nerven  zu  diesen  Körpern 
zu  ermitteln.  In  manchen  Fällen  sieht  man  nehmlich  ganz  deut- 
lich den  Nerven  hinaufgehen  und  auch  wohl  sich  um  den  Körper 
herumlegen.  Zuweilen  scheint  es,  als  ob  wirklich  der  Tastkörper 
in  einer  Nervenschlinge  liege  und  auf  diese  Weise  die  Möglichkeit 
einer  intensiveren  Einwirkung  äusserer  Anstösse  auf  den  Nerven 
gegeben  sei.  Andere  Male  sieht  es  wieder  aus,  als  ob  der  Nerv 
viel  früher  schon  aufhörte  und  sich  in  den  Körper  selbst  einsenkte. 
Einige  haben  angenommen,  wie  Meissner,  dass  der  Körper  selbst 
dem  Nerven  angehöre,  welcher  an  seinem  Ende  anschwölle.  Dies 
halte  ich  nicht  für  richtig;  nur  das  scheint  mir  zweifelhaft  zu 
sein,  ob  der  Nerv  im  Innern  des  Körpers  endigt  oder  im  Umfange 
desselben  eine  Schlinge  bildet. 

Neuere  Untersuchungen  von  P.  Langerhans  haben  jedoch 
gelehrt,  dass  die  Nervenpapillen  ausser  den  zu  den  Tastkörpem 
gehenden  markhaltigen  Fasern  noch  ein  sehr  reiches  Geflecht 
markloser  Fasern  enthalten,  welche  von  Strecke  zu  Strecke  kern- 
haltige, ganglienartige  Anschwellungen  besitzen.  Von  diesen  gehen 
feine  Fortsätze  aus,  welche  über  die  Grenze  der  Papillen  hinaus 
in  das  Rete  Malpighii  eindringen  und  zwischen  den  Zellen  dessel- 
ben birnförmige  Anschwellungen  bilden,  von  welchen  wiederum 
feine  Fortsätze  ausgehen.  Letztere  dringen  bis  zwischen  die  obe- 
ren Lager  der  Rete -Zellen  und  endigen  hier  mit  feinen,  knopf- 
artigen Anschwellungen.  Dieses  niarklose  Geflecht  findet  sich 
übrigens  auch  an  Stellen  der  Haut,  wo  keine  Papillen  und  Tast- 
körper vorkommen. 

Abgesehen  von  der  anatomischen  und  physiologischen  Frage, 
hat  das  Beispiel  der  Hautpapillen  einen  grossen  Werth  für  die 
Deutung  pathologischer  Erscheinungen,  weil  wir  hier  in  an  sich 
ganz    ähnlichen   Theilen    zwei    vollkonmiene   Gegensätze    finden: 


Hautpapillen.  285 

einerseits  nervenlose  und  gefässreiche,  andererseits 
gefässlose,  nur  mit  Nerven  versehene  Papillen.  Die 
besonderen  Beziehungen,  welche  die  Lager  des  Rete  und  der 
Epidermis  zn  den  beiden  Arten  von  Papillen  haben,  scheinen,  ab- 
gesehen von  den  marklosen  Fasern,  keine  wesentlichen  Verschie- 
denheiten darzubieten.  Die  Zellen  der  Oberhaut  ernähren  sich 
über  den  eioen,  wie  über  den  anderen,  und  sie  scheinen  über  den 
einen  so  wenig  innervirt  zu  werden,  wie  über  den  anderen. 

Dies  sind  Thatsachen,  welche  auf  eine  gewisse  Unabhängig- 
keit der  einzelnen  Theile  hindeaten  und  welche  bestimmte  Ge- 
sichtspunkte liefern,  dass  grosse,  selbst  nervenreiche  Theile  ohne 
Gefässe  bestehen,  sich  erhalten  und  fdnctioniren  können,  und  dass 
andererseits  Theile,  die  verhältnissmässig  viele  Gefässe  enthalten, 
absolut  der  Nerven  entbehren  können,  ohne  in  Unordnung  ihrer 
Ernährungszustände  zu  gerathen.  Freilich  ist  dies  an  keinem  Orte 
augenfälliger,  als  an  der  Haut  und  gerade  deshalb  scheint  mir  die 
Verschiedenheit  der  einzelnen  Hautwärzchen  untereinander  theo- 
retisch so  wichtig  zu  sein,  dass  ich  die  Aufmerksamkeit  dafür  be- 
sonders in  Anspruch  nehmen  zu  müssen  glaube. 

Denkt  man  sich  an  einer  Hautpapille  die  Gefässe,  Nerven 
und  Tastkörper  hinweg,  so  bleibt  nur  noch  eine  geringe  Masse 
von  Gewebe  übrig,  aber  auch  innerhalb  dieses  geringen  Restes 
gibt  es  noch  wieder  zellige  Elemente  mit  Intercellularsnbstanz 
(Bindegewebe).  Die  Sache  ist  demnach  so,  dass  unmittelbar  an 
die  (epidermoidalen)  Zellen  des  Rete  Malpighii  Bindegewebe  mit 
Bindegewebskörperchen  (Fig.  17)  stösst,  welche  sich  nach  der  In- 
jection  sehr  deutlich  von  den  Gefässen  unterscheiden  (Fig.  92.). 
Besonders  günstig  far  eine  Untersuchung  ist  der  Fall,  wenn  durch 
irgend  eine  Erkrankung,  z.  B.  den  Pockenprocess ,  eine  leichte 
Schwellung  der  ganzen  Haut  stattgefnnden  hat  und  die  Elemente 
ein  wenig  grösser  sind,  als  normal.  In  gewöhnlichen  Papillen  ist 
es  etwas  schwieriger,  die  Bindegewebselemente  wahrzunehmen, 
doch  sieht  man  sie  bei  genauerer  Betrachtung  überall,  auch  neben 
den  Tastkörpem. 

Demnach  findet  sich  auch  in  den  feinsten  Ausläufern  der 
Haut  gegen  die  Oberfläche  hin  nicht  eine  amorphe  Masse,  welche 
in  einem  constanten  Emährungs -Verhältnisse  zu  Gefässen  und 
Nerven  steht;  vielmehr  erscheint  als  einheitliche  Einrichtung,  als 
eigentlich  constituirende  Grundmasse  der  verschiedenen  (Gefäss- 


286  Dreizehntes  Capitel. 

und  Nerven-)  Papillen  immer  nnr  die  Bindegewebssnbstanz.  Erst 
dadurch  gewinnen  die  einzelnen  Papillen  eine  yerschiedene  Bedeu- 
tung, das8  zu  dieser  Grundmasse  in  dem  einen  Falle  Gefässe,  in 
dem  anderen  Nerven  hinzukonmien. 

Wir  wissen  allerdings  wenig  über  die  besonderen  Beziehun- 
gen, welche  die  gefässhaltigen  Papillen  zu  den  Functionen  der 
Haut  haben,  indessen  lässt  sich  kaum  bezweifeln,  dass,  wenn 
man  erst  mehr  im  Stande  sein  wird,  die  verschiedenen  Hautthä- 
tigkeiten  zu  sondern,  auch  den  Gef&sspapillen  eine  grössere  Wich- 
tigkeit zugesprochen  werden  wird.  So  viel  kOnnen  wir  aber  jetzt 
schon  sagen,  dass  es  falsch  ist,  sich  zu  denken,  dass  in  einem 
jeden  anatomischen  Theile  der  Haut  eine  besondere  Nervenverbrei- 
tung  existire.  Gleichwie  physiologische  Versuche  zeigen,  dass 
relativ  grosse  Empfindungskreise  in  der  Haut  vorhanden  sind,  so 
lehrt  auch  die  feinere  histologische  Untersuchung,  dass  die  Zahl  der 
zur  Oberfläche  aufsteigenden  Nerven  eine  relativ  spärliche  ist.  Die 
Grefässe  sind  zahlreicher,  als  die  ankommenden  Nerven.  Will  man 
also  die  Haut  in  bestimmte  Territorien  eintheilen,  so  versteht  es 
sich  von  selbst,  dass  die  Nerven- Territorien  grösser  ausfallen  müssen^ 
als  die  Gefäss-Territorien.  Aber  auch  jedes  durch  eine  einzige  Ca- 
pillarschlinge  bezeichnete  Gefass-Territorium  (Papille)  zerfällt  wie- 
der in  eine  Reihe  von  kleineren  (Zellen-)  Territorien,  welche  frei- 
lich alle  an  dem  Ufer  des  einen  Capillargeftsses  liegen,  aber  in 
sich  begrenzt  sind,  indem  jedes  durch  ein  besonderes  zelliges  Ele- 
ment beherrscht  wird*). 

Auf  diese  Weise  kann  man  es  sich  sehr  wohl  erklären,  wie 
innerhalb  einer  Papille  einzelne  (Zellen-)  Territorien  erkranken 
können.  Gesetzt  z.  B.,  ein  solches  Territorium  schwillt  an,  ver- 
grössert  sich  und  wächst  mehr  und  mehr  hervor,  so  kann  eine 
baumförmige  Verästelung  entstehen  (spitzes  Condylom,  Fig.  93^, 
ohne  dass  die  ganze  Papille  in  gleicher  Weise  afScirt  wäre.  Das 
Gefäss  wächst  erst  späterhin  nach  und  schiebt  sich  in  die  schon 
grösser  gewordenen  Aeste  hinein.  Nicht  das  Gefäss  ist  es,  wel- 
ches durch  seine  Entwickelung  die  Theile  hinausschiebt,  sondern 
die  erste  Entwickelung  geht  immer  vom  Bindegewebe  des  Grund- 
stockes aus.  Es  hat  daher  das  Studium  der  Hautzustände  ein 
besonderes  Interesse  für  die  Eritik  der  allgemein -pathologischen 

•^  Archiv  1852.    IV.    389. 


NeiTMi-TeiTitorieii, 

Flg.  93. 


Doctrineo.  Was  zonScbst  den  nenropathologischen  Standponkt 
betrifEt,  so  ist  es  ganz  nobegreiflicb,  wie  ein  Nerv,  der  inmiltea 
eioer  ganzen  Grnppe  von  nervenloeen  Theilen  liegt,  es  machen 
soll,  am  innerhalb  dieser  Grnppe  eine  einzelne  Papille,  zu  welcher 
er  gar  nicht  hinkommt,  zn  einer  pathologischen  Thätigkeit  zu 
vermögen,  an  welcher  die  äbrigen  Papillen  desselben  Nerven- 
Territorioms  keinen  Theil  nehmen.  Eben  so  schwierig  ist  die 
Dentong  dieses  Verhältnisses  vom  Standpunkte  eines  Hnmoral- 
patbologen  da,  wo  es  sich  am  Erkrankungen  von  gefUsslosen  Pa- 
pillen handelt.  Selbst  wo  innerhalb  einer  Ge^s-Papüle  die  ver- 
schiedenen Zellen-Territorien  in  verschiedene  Zustände  geratheo, 
würde  diese  Verschiedenheit  der  Zosttode  nicht  wohl  begreiflich 
sein,  wenn  man  den  ganzen  Emährangsvorgang  einer  Papille  als 
einen  einheitlicheii  und  als  direct  abhängig  von  dem  Generalzu- 
stande des  Gefässes  ansehen  wollte,  welches  sie  versorgt. 

Aehnliche  Betrachtungen  kann  man  freilich  an  allen  Punkten 
des  Körpers  anstelleo,  indess  bietet  die  Haut  doch  ein  besonders 
gfinstiges  Beispiel  dafür,  wie  verkehrt  es  war,  wenn  man  alle 
Gefäese  nnter  einen  particularen  Nerveneinflass  stellte.  Bleiben 
wir  bei  der  Haut  stehen,  so  beschränkt  sich  die  Einwirkui^,  welche 
ein  Nerv  auszuüben  im  Stande  ist,  darauf,  dass  die  zuführende 
Arterie,  welche  eine  ganze  Reihe  von  Papillen  zusammen  versorgt 


Fig.  93.  Der  Oruadstock  eines  spitzen  Condjloms  Tom  Penis  mit  stArk 
knospenden  and  verisleiten  Papillen,  nach  TÖlliger  AblösuitK  der  Epidennii  nnd 
des  Rele  MalpigfaiL    Vergr.  11. 


2g  8  Dreizehntes  Capitel. 

(Fig.  53),  in  einen  Zustand  der  VerengerunR  oder  Erweiterong 
versetzt  wird,  and  dass  dem  entsprechend  eine  verminderte  oder 
vermehrte  Znfiihr  zu  einem  grösseren  Bezirke,  einer  Gmppe  von 
Papillen  stattfindet. 

W.  Eranse  hat  in  der  letzten  Zeit  an  verschiedenen  Schleim- 
häuten, wie  an  der  Conjanetiva  bnlbi,  in  der  Mondschleimhant 
unter  der  Zunge  und  am  weichen  Gaumen,  an  den  Papillen  der 
Zunge,  sowie  an  gewissen  Debergangsstellen  von  der  äusseren 
Haut  zur  Schleimhaut,  namentlich  an  den  Lippen  und  der  Eichel, 
Endkolben  an  den  Nerven  gefunden,  welche  sich  den  Tastkör- 
perchen oder  eigentlich  noch  mehr  den  Vater'schen  Körperchen 
anschliessen.  Es  dringt  nehmlich  die  schliesslich  marklos  gewor- 
dene Nervenfaser,  zuweilen  unter  eigenthümlichen  Windungen  und 
Enäuelbildung,  in  eine  sehr  feinkörnige,  von  einer  Bindegewebs- 
hülle umgebene  'Anschwellung  ein.  — 

Betrachten  wir  nun  andere  Beispiele  der  Nerven-Endigungen, 
80  zeigt  sich  nirgends  eine  Wahrscheinlichkeit  für  eigentliche 
Schlingenbildung.  Ueberall,  wo  man  sichere  Kenntnisse  gewinnt, 
ergibt  sich,  dass  die  Nerven  entweder  übergehen  in  einen  grossen 
Plexus,  in  eine  netzförmige  Ausbreitung,  oder  dass  sie  direct  en- 
digen in  besonderen  Apparaten.  Bei  der  Mehrzahl  der  letzteren 
verlieren  sich  die  Nerven  zuletzt  in  eigenthümliche,  besonders  ge- 
staltete Ausläufer  oder  Fortsätze,  welche  theils  neben  den  anderen 
Gewebselementen  zerstreut  liegen,  theils  zu  besonderen  Hassen 
zusammengefügt  sind.  Eine  solche  Art  der  Endigung  findet  sich 
an  allen  höheren  Sinnesorganen.  Indess  bietet  die  Unter- 
suchung hier  so  grosse  Schwierigkeiten,  dass  noch  an  keinem 
einzigen  Punkte  eine  allgemein  angenommene  Auffassung  gesichert 
ist.  So  viele  rntersuchungen  man  auch  über  Retina  und  Cochlea, 
über  Nasen-  und  Mundschleimhaut  in  den  letzten  Jahren  gemacht 
hat,  so  sind  doch  die  letzten  Fragen  über  das  histologische  De- 
tail, namentlich  über  den  Zusammenhang  der  Nerven  mit  den 
Endapparaten,  noch  nicht  ganz  erledigt.  Fast  überall  bleiben 
zwei  Möglichkeiten  für  die  Endigung  der  Nerven:  entweder  sie 
laufen  gegen  die  Oberfläche  hin  in  eigenthümliche,  von  den  ge- 
wöhnlichen Nervenfasern  abweichende  Gebilde  aus,  welche  aber 
doch  den  Nerven  als  solchen  angehören,  also  selbst  nervös  sind, 
oder  sie  verbinden  sich  an  ihrem  Ende  mit  Elementen  eines  an- 
deren Gewebstypus,  z.  B.  mit  Epithelialzellen. 


Höhere  Sinnesorgane.  289 

Die  ersten  üntersuchnngen  der  Nasen-  and  Mandschleim- 
hant  schienen  mehr  für  das  letztere  Verhältniss  zn  sprechen. 
Man  fand  hier  gewisse  Stellen,  welche  sich  dnrch  die  Beschaffen- 
heit ihres  Epithels  wesentlich  von  der  übrigen  Schleimhant  unter- 
scheiden: an  der  Nasenschleimhant  die  sogenannte  Regio  olfactoria, 
an  der  Znnge  die  Papulae  fdngiformes  (wenigstens  beim  Frosch). 
Während  das  Epithel  an  der  gewöhnlichen  Schleimhant  meist 
dicker  und  ans  mehrfachen,  über  einander  geschobenen  Reihen  an 
der  Oberfläche  flimmernder  Gylinderzellen  zusammengesetzt  ist, 
bildet  es  an  den  genannten  Orten  eine  einfache  Lage  von  bald 
mehr,  bald  weniger  gefärbten,  nicht  flimmernden  Zellen.  Letztere 
gehen  nach  unten  (innen)  in  längere  Fortsätze  über,  welche  in 
das  Bindegewebe  eindringen.  Als  zuerst  Eckhardt  und  dann 
Ecker  an  der  Nasenschleimhant  diese  Beobachtung  machten, 
glaubten  sie  annehmen  zu  dürfen,  dass  diese  Fortsätze  sich  mit 
den  in  dem  Bindegewebe  eingeschlossenen  Nervenfasern  unmittel- 
bar verbänden.  Allein  mehr  und  mehr  ist  man  von  dieser  Ansicht 
zurückgekommen,  und  es  ist  namentlich  das  Verdienst  von  Max 
Schnitze,  dargethan  zu  haben,  dass  die  Nervenenden  sich  neben 
und  zwischen  jenen  eigenthümlichen  Epithelial zellen  finden.  Die 
Nervenfasern  theilen  sich  an  ihrem  Ende  in  zahlreiche,  kleine  Fäd- 
chen,  welche  über  das  Bindegewebe  hinaus  zwischen  die  Epithe- 
lialzellen  eintreten  und  sich  hier  zu  besonderen  zellenartigen,  mit 
Kernen  versehenen,  jedoch  sehr  feinen  Gebilden  ausweiten,  aus 
denen  zuweilen  noch  wieder  feinere  Endfädchen  über  die  freie 
Oberfläche  hervorstehen.  Damit  ist  die  Frage  nach  der  Bedeutung 
jener  eigenthümlichen  Epithelialzellen  und  ihrer  Verbindungen  nach 
innen  hin  noch  immer  nicht  gelöst,  aber  so  viel  doch  sicherge- 
stellt, dass  die  Geruchs-  und  Geschmacksobjecte  unmittelbar 
mit  den  letzten  Endgebilden  der  Nerven  (Riech-  und  Ge- 
schmackszellen) in  Berührung  kommen. 

Ganz  ähnliche  Verhältnisse  fand  Max  Schnitze  im  inneren 
Ohr,  namentlich  in  dem  Vorhofe  und  den  Ampullen,  wo  die 
letzten  Nervenendigungen  durch  das  Epithel  hindurchtreten  und 
in  frei  hervorstehende,  steife  Haare  (Hörhaare)  auslaufen.  Die 
seit  Corti  so  vielfach  untersuchte  Endigungsweise  des  Hörnerven 
in  der  Schnecke  ist  dagegen  immer  noch  nicht  ganz  aufgeklärt. 
Hier  findet  sich  ein  überaus  zusammengesetzter,  sehr  zarter  Ap- 
parat, an  welchem  eine  Reihe  von  Fasern  mit  gestielten  Zellen 

VIrrho«.  CollnUr  PathAl.     4.  Aufl.  19 


290 


DreiielmteB  Capltel. 


etwa  60  in  Yerbindmig  steht,  wie  die  Tasten  eines  Fortepiano's 
mit  den  Saiten  deBselben.  Was  hier  nervfis  ist,  was  Dicht,  ist 
sehr  schwer  za  scheiden.  Erst  in  der  letzten  Zeit  hat  Ä.  Bött- 
cher einen  Zasammenbai^  der  Endfasern  des  Nervus  Cochleae 
mit  inneren  nnd  änsseren  HOrzellea  beschrieben,  welche  an  der 
Seite  der  Bogenfasem  im  Canalis  Cochleae  gelegen  sind. 

Ungleich  besser,  obwohl  immer  noch  nicht  ganz  vollständig, 
sind  wir  über  die  empfindenden  Tbeile  des  Auges  nDt«rrichtet, 
nnd  ich  will  daher,  bei  der  groaeen  praktischen  Bedeutung  dieser, 
dnrcb  die  Ophthalmoskopie  der  direkten  Untersuchung  bei  Leb- 
zeiten zugänglich  gemachten  Theile,  etwas  specieller  darauf  ein- 
gehen. 

Alsbald  nach  seinem  Eintritte  in  das  Innere,  des  Bulbus  brei- 
tet sich  der  Opticus  von  der  sogenannten  Papille  her  nach  aUen 
Seiten  so  ans,  dass  seine  völlig  marklosen  Fasern  an  der  vorde- 
ren, dem  Glaskörper  zugewendeten  Seite  der  Retina  verlaufen 
(Fig.  94,  /).     Nach  hinten  schliesst  sich  daran  eine  verschieden 


y 


A 


Fig.  94.  A  VerticalBcbnilt  dnrcb  die  ganm  Dicke  der  Retina,  auh  Hir- 
tuog  in  Chrome&ure,  J  Uembraua  limitaos  (uterior)  mit  den  aufsteigendeo  Stüli- 
fuem.  /  Fwerschicht  des  Opiicus.  g  OanglicD schiebt,  n  graue,  feinkümige 
Schiebt  mit  durcbtreteDden  Radiärfaaem.  k  laoere  (vordere)  Kümerschicht 
i  iDlennedi&re  oder  ZwiscbenkÖmerschicht.  £'  Aeugeere  (hintere)  KömerKhkhl. 
t  SUbcheogchicht  mit  Zapfen-  Vergr.  300.  B,  V  (Dacli  H.  Häller)  boUrte 
BadiärfaMm. 


Retina.  291 

dicke  Lage,  welche  den  Haupttheil  der  Retina  ausmacht,  aber  in 
keiner  Weise  aus  einer  einfachen  Ausstrahlung  des  Opticus  her- 
vorgeht. Diese  Lage,  welche  man  sehr  uneigentlich  eine  Haut 
(Netzhaut)  nennt,  zeigt  zu  äusserst,  der  Pigmentzellenscliicht  der 
Aderhaut  (Chorioides)  unmittelbar  anliegend,  ein  eigenthümliches 
Stratum,  über  welchem  ein  sonderbares  Geschick  geschwebt  hat, 
indem  man  dasselbe  längere  Zeit  an  die  vordere  Seite  der  lietina 
verlegte;  es  ist  dies  die  berühmte  Stäbchenschicht  (Fig.  94,  a). 
Diese  Schicht,  welche  zu  den  verletzbarsten  Theilen  des  Auges 
gehört  und  deshalb  den  früheren  Untersuchen!  vielfach  entgangen 
war,  besteht,  wenn  man  sie  von  der  Seite  her  betrachtet,  aus 
einer  sehr  grossen  Menge  dicht  gedrängter,  radiär  gestellter  Stäb- 
chen, zwischen  denen  in  gewissen  Abständen  breitere  zapfenför- 
mige  Körper  erscheinen.  Betrachtet  man  die  Retina  von  der  hin- 
teren Oberfläche  her,  d.  h.  von  der  Seite  der  Chorioides  aus,  so 
sieht  man  in  regelmässigen  Abständen  die  Zapfen,  umgeben  von 
den  Enden  der  Stäbchen,  welche  als  feine  Punkte  erscheinen. 

Was  nun  zwischen  der  Stäbchenschicht  und  der  eigentlichen 
Ausbreitung  des  Sehnerven  liegt,  das  ist  wieder  ein  sehr  zusam- 
mengesetztes Ding,  an  welchem  man  eine  Reihe  regelmässig  auf 
einander  folgender  Schichten  unterscheiden  kann.  Zunächst  vor 
der  Stäbchenschicht  und  von  derselben  durch  ein  zartes  Häutchen 
(Membrana  limitans  posterior  s.  externa  M.  Schnitze)  getrennt, 
folgt  eine  verhältnissmässig  diclce  Lage,  welche  fast  ganz  aus 
groben,  runden  Körnern  zusammengesetzt  erscheint:  die  sogenannte 
äussere  Kömerschicht  (Fig.  94,  **).  Dann  kommt  eine  verschieden 
starke,  jedoch  im  Ganzen  dünnere  Lage  von  mehr  amorphem 
Aussehen:  die  Zwischenkörnerschicht  (Fig.  94,  i).  Dann  kommen 
wieder  gröbere  Körner  (die  innere  Kömerschicht),  welche,  wie  die 
Kömer  der  äusseren  Lage,  Kerne  besitzen  (Fig.  94,  k).  Darauf 
folgt  nochmals  eine  feinkörnige  oder  vielmehr  feinstreifige  Lage 
von  mehr  grauem  Aussehen  (Fig.  94,  n)  und  dann  erst  die  ziem- 
lich dicke  Lage  der  Opticusfasern ,  welche  ihrerseits  nach  vorne 
von  einer  Membran  begrenzt  wird,  der  Membrana  limitans  anterior 
8.  interna  (Fig.  94,  Q,  welche  dem  Glaskörper  dicht  anliegt.  In- 
nerhalb der  grauen  Schicht  sieht  man,  zum  Theil  noch  in  die 
Faserschicht  des  Opticus  eingesenkt,  eine  Reihe  von  grösseren 
Zellen,  die  sich  als  Ganglienzellen  ausweisen  (Fig.  94,  g).  Sie 
hängen  mit  den  Opticusfasem  unmittelbar  zusammen. 

19* 


292  Dreizehntes  Gapitel. 

Diese  ausserordentlich  zusammengesetzte  Beschaffenheit  einer 
auf  den  ersten  Blick  so  einfachen,  so  zarten  Membran  macht  es 
leicht  erklärlich,  dass  es  lange  gedauert  hat,  ehe  das  Verbältr 
niss  ihrer  einzelnen  Theile  auch  nur  annähernd  ermittelt  wurde. 
Einer  der  ersten  Schritte,  der  in  der  Erkenntniss  dieses  Verhältr 
nisses  gemacht  wurde,  war  die  Entdeckung  von  Heinrich  Mül- 
ler, dass  man  von  der  Limitans  interna  aus  bis  tief  in  die  Eör- 
nerschichten  hinein  eine  Reihe  von  feinen  parallelen  Faserzügen 
verfolgen  kann,  radiäre  Fasern,  auch  Müller'sche  Fasern*)  ge- 
nannt, welche  an  gewissen  Stellen  Kerne  tragen  (Fig.  94,  £,  Q. 
Die  Kadiärfasem  sind  im  Wesentlichen  senkrecht   auf  den  Ver- 
lauf der  Opticusfasern  gestellt,   aber  das  Verhältniss  beider  zn 
einander  ist  schwer  zu  ergründen.    Die  grösste  Schwierigkeit  be- 
stand darin,  zu  ermitteln,  ob  die  radiäre  Faser,  sei  es  durch  di- 
rekte Umbiegung,  sei  es  durch  seitliche  Anastomose,  in  Opticus- 
oder  Ganglienfasern  übergehe,  also  selbst  nervös  sei,  oder  ob  es 
sich  nur  um  eine  dichte  Aneinanderlegung  handle,  so  dass  die 
Nerven  nur  in  einem  innigen  Nachbarverbältnisse  zu  den  Kadiär- 
fasem stehen.  Auch  den  Tastkörper  konnte  man  ja  als  eine  kör- 
perliche Anschwellung  des  Nerven  selbst  oder  als  ein  besonderes 
Gebilde  ansehen,  an  welches  der  Nerv  nur  heran-  oder  hereintritt 
Diese  Frage  ist  lange  streitig  gewesen.   Bald  ist  die  Wahrschein- 
lichkeit etwas  grösser  geworden,  dass  es  sich  um  direkte  Ver- 
bindungen, bald  dass  es  sich  nur  um  Aneinanderlagerung  handle. 
Zuerst  verständigte  man  sich  über  die  gröberen  Faserzüge,  weiche 
von  der  Membrana  limitans  anterior  mit  breiter,  fast  dreieckiger 
Basis  anheben  (Fig.  94,  l)  und  in  regelmässigen  Abständen  durch 
die  Retina  nach  hinten  verlaufen;    sie  sind  sicher  bindegewebiger 
Natur  und  bilden  ein  interstitielles  Gewebe,   welches  dem 
Ganzen  eine  Art  von  Halt  oder  Stütze  bietet  (Stütz fasern). 
Ich  habe  zuerst  durch  die  pathologische  Beobachtung  den  unter- 
schied dieses  Zwischengewebes  von  dem  nervösen  Antheil  darge- 
legt**).   Max  Schnitze  hat  sodann  gezeigt,  dass  die  vorderen 
Enden  der  Zapfen  und  Stäbchen  mit  den  äusseren  Körnern  (Zapfen- 
und  Stäbchenkörnem)  zusammenhängen   und   diese  wiederom  in 
feine  Fasern  übergehen,  welche  die  Zwischenkörnerschicht  dnrcb- 


*)  Neuerlich  nennt  Kolliker  nur  diejenigen  Fasern,  welche  mit  den  nc^ 
y5sen  Theilen  zusammenhängen,  Müller'sche. 

♦♦)  Archiv  1856.    X.   177.    Taf.  II.  Fig.  4—5. 


Licht-Empfindung.  293 

setzen.  An  der  Grenze  der  inneren  Körnerschicht  angelangt,  bildet 
jede  f^aser  eine  kleine  dreieckige  Anschwellung,  ans  welcher  nach 
Hasse  je  drei  Fädchen  ausgehen,  die  in  die  äussere  Eörnerschicht 
eintreten.  Hier  wird  vermuthet,  dass  sie  mit  den  Kömern  selbst 
zusammenhängen,  und  dass  andererseits  diese  wieder  mit  Fort- 
sätzen der  Ganglienzellen  in  direkter  Verbindung  stehen.  Indess 
ist  es  noch  nicht  gelungen,  diese  überaus  zarten  und  verwickelten 
Verhältnisse  ganz  zu  entwirren.  Noch  weniger  ist  es  klar,  in 
welcher  Ausdehnung  das  interstitielle  Gewebe  dieser  Schichten 
mit  eigenen  zelligen  Elementen  ausgestattet  ist;  nur  das  scheint 
festzustehen,  dass  auch  die  gröberen  Radiärfasern  dem  Bindege- 
webe angehören. 

Trotz  dieser  Mängel  kann  schon  jetzt  nicht  mehr  bezweifelt 
werden,  dass  für  die  Licht-Empfindung  der  ganze  Apparat  wesent- 
lich ist,  und  dass  der  Opticus  an  sich  mit  allen  seinen  Fasern  und 
Ganglienzellen  existiren  könnte,  ohne  irgendwie  die  Fähigkeit  zu 
haben,  Lichteindrücke  zu  empfangen;  diese  erlangt  er  erst  durch 
seine  Verbindung  mit  der  Stäbchenschicht  und  den  Kömerlagen. 
Gerade  die  Papilla  optici,  d.  h.  die  Stelle  des  Augen-Hintergrun- 
des, wo  bloss  Opticusfaseru  liegen  und  nicht  ein  solcher  Apparat, 
ist  zugleich  die  einzige,  welche  nicht  sieht  (blinder  Fleck).  Damit 
das  Licht  also  überhaupt  in  die  Lage  komme,  auf  den  Sehnerven 
einwirken  zu  können,  bedarf  es  der  Berühmng  mit  jenem  End- 
apparat, und,  nachdem  M.  Schnitze  gefunden  hat,  dass  die 
letzten  Ausläufer  der  Nerven  in  Form  feinster  Fäserchen  die  Li- 
mitans  externa  durchbohren  und  sich  den  Stäbchen  und  Zapfen 
äusserlich  anlegen,  so  ist  es  auch  physikalisch  nicht  zweifelhaft, 
dass  der  Nerv  nicht  selbst  die  Vibrationen  der  Lichtwellen  em- 
pfängt, sondern  dass  die  Schwingungen  der  Zapfen  und  Stäbchen 
auf  die  Enden  des  Sehnerven  einwirken  und  in  denselben  die 
eigenthümliche  Licht -Erregung  erzeugen. 

Bei  Erwägung  dieser  Verhältnisse  wird  man  sich  der  Ueber- 
zeugung  nicht  entziehen  können,  dass  die  specifische  Energie  der 
einzelnen  Nerven  nicht  sowohl  in  der  Besonderheit  des  inneren 
Baues  ihrer  Fasern  als  solcher  bemht,  sondern  dass  es  wesentlich 
auf  die  besondere  Art  der  Endeinrichtung  ankommt,  mit  welcher 
der  Nerv,  sei  es  durch  Continuität,  sei  es  durch  Contact,  in  Ver- 
bindung steht.  Nur  darin  bemht  die  besondere  Fähigkeit  der  ein- 
zelnen Sinnesnerven.  Betrachtet  man  einen  Querschnitt  des  Opticus 


294  Dreizehntes  Capite!. 

ausserhalb  des  Auges,  so  bietet  er  keine  solchen  Besonderheiten  an- 
deren Nerven  gegenüber  dar,  dass  sie  erklären  könnten,  wamm 
gerade  dieser  Nerv  für  Licht  mehr  leitangsfähig  ist,  als  die  an- 
deren Nerven;  erwägt  man  dagegen  die  besonderen  Verhältnisse, 
unter  welchen  sich  seine  letzten  Enden  verbreiten,  so  wird  die 
ungewöhnlich  grosse  Empfindlichkeit  der  Ketina  gegen  das  Licht 
vollständig  begreiflich.  —  Aehnlich  verhält  es  sich  mit  den  übrigen 
Sinnesnerven.  — 

Die  bisherige  Erörterung  bezog  sich  wesentlich  auf  Empfin- 
dungs-  und  Sinnesnerven,  bei  denen  es  sich  darum  handelte,  ihre 
peripherischen  Enden  durch  besondere  Anordnung  oder  Ausstattung 
für  die  Aufnahme  der  Sinneseindrücke  zu  befähigen.  Anders  ver- 
hält es  sich  mit  derjenigen  Klasse  von  Nerven,  welche  von  den 
Centralorganen  aus  die  Anregung  zu  besonderen  Thätigkeiten  der 
Peripherie  zuleiten  sollen.  Ich  will  sie  kurzweg  als  Arbeits- 
nerven bezeichnen.  Dahin  gehören  vor  Allen  die  Muskel-  und 
Drüsennerven.  Auch  sie  erlangen  ihre  eigentliche  Bedeutung  erst 
durch  ihre  Verbindung  mit  besonderen  Apparaten,  aber  sie  unter- 
scheiden sich  dadurch  von  den  Empfindungsnerven,  dass  diese 
Apparate  nicht  mehr  Bestandtheile  der  Nerven,  sondern  selbstän- 
dige Einrichtungen  sind,  welche  nur  der  Anregung  der  Nerven 
bedürfen,  um  in  Thätigkeit  zu  gerathen.  Auch  hier  haben  erst 
die  letzten  Jahre  Aufklärung  gebracht. 

Zuerst  zeigte  D  o  y  fe  r  e  bei  Wirbellosen  einen  nahen  Zusammen- 
hang der  motorischen  Nerven  mit  den  Muskeln.  Er  fand,  dass 
eine  feine  Nervenfaser  an  das  Primitivbündel  selbst  herantritt  und 
hier  mit  einer  eigenthümlichen  Anschwellung,  dem  Nervenhügel, 
endigt(S.  81).  Später  hat  W.  Kühne  diese  Verhältnisse  in  grosser 
Ausdehnung  bei  den  Wirbelthieren  und  dem  Menschen  verfolgt.  Es 
hat  sich  ergeben,  dass  eine  einzelne  markhaltige  Nervenfaser  bis 
zu  dem  einzehien  Primitivbündel  (Muskelfaser)  herantrttt,  das  Sar- 
kolemm  desselben  durchbohrt,  marklos  wird  und  sich  schnell  zu 
einer,  mit  Kernen  reichlich  versehenen  Endplatte  (elektrische 
Platte)  ausbreitet,  welche  sich  unmittelbar  auf  die  muskulöse 
Substanz  auflegt.  An  organischen  Muskelfasern  hat  Franken- 
häuser unmittelbare  Verbindungen  der  Nervenenden  mit  den 
Kemkörperchen  bemerkt. 

In  ähnlicher  Weise  haben  sich  Verbindungen  der  Nervenenden 
mit  Drüsenzellen  ergeben.     Pflüg  er  hat  an  der  Speicheldrüse 


Verästelung  der  Neirenfasem. 


295 


Fig.  95. 


gesehen,  wie  die  Nerven  die  Tnnica  propria  durchbrechen  and  sich 
mit  den  Drusenzellen  selbst,  ja  sogar  mit  den  Kernen  derselben 
verbinden,  —  eine  Art  der  Vereinigung,  die  er  später  auch  von 
der  Leber  beschrieben  hat.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  werden 
sich  diese  Erfahrungen  schnell  vermehren,  und  damit  für  das  Stu- 
dium der  Innervationsvorgänge  ein  ganz  neues  Gebiet  der  Erfah- 
rungen sich  erschliessen.  Zahlreiche  zerstreute  Beobachtungen  der 
früheren  Zeit  deuten  darauf  hin,  und  schon  jetzt  haben  sie  jede 
Möglichkeit,  das  sogenannte  Gontinuitätsgesetz  wieder  aufzurichten, 
von  vorn  herein  beseitigt  (S.  80).  — 

Bevor  wir  jedoch  die  Betrachtung  über  die  Nerven -Endi- 
gungen abschliessen,  müssen  wir  noch  eine  kurze  Zeit  bei  der 
Untersuchung  verweilen,  wie  sich  die  Nerven  verhalten,  bevor  sie 
in  diese  Endausbreitungen  übergehen.  Hier  kommen  noch  zwei 
Punkte  in  Betracht:  nehmlich  ihre  Verästelung  und  ihre  ple- 
xusartige  Ausbreitung.  Es  sind  dies 
Punkte,  auf  welche  die  neueren  Dntersucher 
hauptsächlich  durch  Rudolf  Wagner  geleitet 
worden  sind.  Die  Untersuchungen,  welche 
dieser  Forscher  über  die  Verbreitung  der 
Nerven  im  elektrischen  Organ  der  Fische  an- 
stellte, gaben  den  wesentlichen  Anstoss  zu 
der  Begründung  der  Lehre  von  der  Veräste- 
lung der  Nervenfasern.  Bis  dahin  hatte  man 
die  Nervenfasern  als  zusammenhängende,  ein- 
fache Röhren  betrachtet,  welche  vom  Centrum 
bis  ans  Ende  einfach  neben  einander  fortliefen. 
Gegenwärtig  weiss  man,  dass  sich  die  Nerven 
wie  Gefässe  verbreiten.  Indem  sich  eine  Ner- 
venfaser direkt,  gewöhnlich  dichotomisch  theilt, 
ihre  Aest^ich  wieder  theilen  und  so  fort,  so 
entsteht  zuweilen  eine  überaus  reiche  Veräste- 
lung. Die  Bedeutung  derselben  ist  natürlich 
höchst  verschieden,  je  nachdem  der  Nerv  sen- 
sitiv oder  motorisch  ist,  je  nachdem  er  also  entweder  von  einer 
grösseren   Fläche   her   die   Eindrücke   sammelt,   oder   auf  eine 


Fig.  95.  Theilung  einer  Primitiv-Nervenfaser  bei  t,  wo  sich  eine  Einscbnä- 
ning  findet;  6',  6"  Aeste.  a  eine  andere  Faser,  welche  die  Torige  kreuzt.  Yer- 
gross.  300. 


29ti  Dreizehntes  Gapitel. 

grössere  Fläche  hin  die  motorische  Erregong  aasstrahlt.  Ein 
wahrhaft  miraculöses  Beispiel  haben  wir  in  der  neneren  Zeit 
kennen  gelernt  in  dem  Nerven  des  durch  die  interessanten 
Experimente  du  Bois-Reymond's  so  berühmt  gewordenen 
elektrischen  Welses  (Malapterurus).  Hier  hat  Bilharz  gezeigt, 
dass  der  Nerv,  welcher  das  elektrische  Organ  versorgt,  ur- 
sprünglich nur  eine  einzige  mikroskopische  Primitivfaser  ist, 
welche  sich  immer  wieder  und  wieder  theilt  und  sich  schliesslich 
in  eine  enorm  grosse  Masse  feinster  Aeste  auflöst,  welche  sich 
an  das  elektrische  Organ  verbreiten.  In  diesem  Falle  muss  also 
die  Wirkung  mit  einem  Male  von  einem  Punkte  aus  sich  über 
die  ganze  Ausbreitung  der  elektrischen  Platten  äussern. 

Beim  Menschen  fehlen  uns  für  diese  Frage  noch  bestimmte 
Anhaltspunkte,  weil  die  colossalen  Entfernungen,  über  welche  die 
einzehien  Nerven  sich  verbreiten,  es  fast  unmöglich  machen,  ein- 
zelne bestimmte  Primitivfasern  vom  Gentrum  bis  in  die  letzte 
Peripherie  zu  verfolgen.  Aber  es  ist  gar  nicht  unwahrscheinUch, 
dass  auch  ,beim  Menschen  in  einzelnen  Organen  analoge  Einrich- 
tungen existiren,  wenn  auch  vielleicht  nicht  so  frappante.  Ver- 
gleicht man  die  Grösse  der  Nervenstämme  an  gewissen  Punkten 
mit  der  Summe  von  Wirkungen,  die  in  einem  Organe,  z.  B.  in 
einer  Drüse  stattfinden,  so  kann  es  kaum  zweifelhaft  erscheinen, 
dass  analoge  Einrichtungen  auch  hier  vorhanden  sind. 

Diese  Art  der  Verbreitung  hat  insofern  ein  besonderes  Inter- 
esse, als  viele  räumlich  getrennte  Theile  dadurch  unter  einander 
verbunden  werden.  Das  elektrische  Organ  der  Fische  besteht  ans 
einer  Menge  von  Platten,  aber  nicht  jede  Platte  wird  auf  einem 
nur  für  sie  bestimmten  Wege  vom  Centrum  aus  innervirt.  Der 
Wels  setzt  nicht  diese  oder  jene  Platte  in  Bewegung,  sondern  er 
muss  das  Ganze  in  Bewegung  setzen;  ja  er  ist  ausser  Stande, 
die  Wirkung  zu  zerlegen.  Er  kann  die  Wirkung  stärker  oder 
schwächer  einrichten,  aber  er  muss  jedesmal  das  Gan^  in  An- 
spruch nehmen.  Denken  wir  uns  dem  entsprechend  gewisse  Mns- 
keleinrichtungen,  so  haben  wir  auch  da  keine  Anhaltspunkte  für 
die  Annahme,  dass  jedes  Element  des  Muskels  besondere,  unge- 
theilt  vom  Gentrum  ausgehende  und  somit  unabhängige  Nenen- 
fasern  empfange.  Im  Gegentheil  findet  in  der  Regel  eine  besondere 
Zerlegung  der  Nerven -Wirkung  in  den  Muskeln  nur  in  sehr  be- 
schränktem Maasse  statt,  wie  wir  ja  aus  eigener  Erfaihrung  au 


NervengeSecbte.  297 

aas  selbst  wisHcn,  and  wenn,  wie  wir  sehen,  aach  die  einzelnen 
Mnakelfasern  in  unmittelbarer  Verbindung  mit  einzelnen  Nerven- 
fasern Btehen,  welche  in  sie  eingeben,  so  sind  dies  doch  nicht 
Fasern,  welche  als  einfache,  nngetheilte  Bahnen  vom  Centram  aas- 
gehen,  sondern  eben  nnr  Endäste  einfacherer  Stämme.  Vom  nen- 
ristiachen  Standponkte  ans  schliesst  man,  dass  der  Wille  oder 
die  Seele  oder  das  Gehirn  im  Stande  sei,  durch  besondere 
Fasern  anf  jeden  einzelnen  Theil  zn  wirken;  in  der  That  ist  dies 
aber  gar  nicht  der  Fall,  sondern  es  bleibt  den  Centren  meist  nar 
ein  einziger  Weg  za  einer  Summe  gleichartiger  Elementar- Apparate. 
Was  nun  die  Nervenplexus  anbetrilft,  so  kennen  wir 
gegenwärtig  beim  Menseben  die  ausgedehntesten  Einrichtungen 
der    Art    in    der    Submucosa    des    Darmes ,    wo    zuerst    durch 


Meissner,    dann  durch  Billroth  und  Manz    die  Verhältnisse 
genauer  erörtert  worden  sind.  Die  Submucosa  des  Darms  ist  dar- 

Fifc-  'J6.  Nerveuplexua  aus  der  Submucosa  des  Darmes  vom  Kiuito,  nach 
einem  I'räparale  vou  Hrn.  Billtatb.  b,  n.  n  Nerven,  wel.ho  sich  zu  eiuein 
Nelze  verbinden,  in  dc^si^u  Knutenpuiikton  kcnirficbe.  gaiiiilioforuio  Anschwel- 
lungen liefen,     r,  e  Ueföiac,  dazwischen  Kern«  des  Binde yuve bes.    Vergr.  ISO. 


298  Dreizehntes  Gapitel. 

nach,  wie  schon  Willis  sagte,  eine  Tnnica  nervea.  Wenn  man: 
den  eintretenden  Nerven  nachgeht,  so  sieht  man,  dass  sie,  nach- 
dem sie  sich  getheilt  haben,  znletzt  in  wirkliche  Netze  übergehen, 
welche  bei  Nengebomen  an  gewissen  Stellen  sehr  grosse  kern- 
reiche  Knotenpunkte  haben,  von  denen  ans  sie  in  Geflechte  aus- 
strahlen, so  dass  dadurch  eine  so  grosse  Aehnlichkeit  mit  dem 
Capillarnetz  entsteht,  dass  einzebie  Beobachter  beide  verwechselt 
haben. 

Wie  weit  sich  solche  Einrichtungen  im  Körper  überhaupt  er- 
strecken, ist  noch  nicht  ergründet,  denn  auch  hier  handelt  es  sich 
um  fast  ganz  neue  Thatsachen,  welche  erst  in  letzter  Zeit  die 
Aufmerksamkeit  der  üntersucher  mehr  in  Anspruch  nahmen.  Wahr- 
scheinlich wird  sich  die  Zahl  solcher  Nervenhäute  erheblich  ver- 
grössem  lassen.  Eis  hat  gezeigt,  dass  die  Geftssnerven  sich  zum 
Theil  in  grossen  plexiformen  Auflösungen  an  den  Gefässhfiuten 
verbreiten,  und  L.  Auerbach  hat  in  der  Muscularis  des  Darmes 
ein  eben  so  ausgedehntes,  als  in  seinen  einzelnen  Einrichtungen 
merkwürdiges  Geflecht,  den  von  ihm  sogenannten  Plexus  myen- 
tericus  nachgewiesen.  Um  jedoch  etwaigen  Hissverständnissen 
vorzubeugen,  muss  ich  sogleich  hinzusetzen,  dass  manche  dieser 
plexusartigen  Ausbreitungen  keineswegs  einfach  sind.  Am  Darm 
tragen  die  erwähnten  grösseren  Knotenpunkte  den  Habitus  von 
Ganglien  an  sich,  so  dass  gewissermaassen  neue  Sammelpunkte 
des  Nervenapparates  mit  der  Möglichkeit  einer  Verstärkung  oder 
Hemmung  der  Wirkungen  eintreten.  Für  die  Function  ist  diese 
Einrichtung  offenbar  von  grosser  Bedeutung,  denn  wir  würden 
uns  am  Darm  die  peristaltische  Bewegung  nicht  wohl  erklären 
können,  wenn  nicht  eine  Einrichtung  existirte,  welche  von  Netz 
zu  Netz,  von  Theil  zu  Theil  Reize  übertrüge,  die  nur  an  einem 
Punkte  dem  Darme  zugekommen  sind.  Die  bis  vor  Kurzem  be- 
kannten Verhältnisse  der  Nervenverbreitung  genügten  nicht,  um 
den  Modus  der  peristaltischen  Bewegung  einigermaassen  zu  er- 
klären, während  sich  hier  die  bequemsten  Anhaltspunkte  der 
Deutung  bieten.  — 

So  viel  im  Wesentlichen  über  die  allgemeinen  Formen,  welche 
man  bis  jetzt  für  die  peripherischen  Endigungen  der  Nerven  kennt. 
Im  Ganzen  entsprechen  diese  Erfahrungen  wenig  dem,  was  man 
sich  früher  gedacht  hat,  und  was  noch  jetzt  die  Neuropatbologen 
*« — ^»••nAu.    Die  Vorstellung   eines  Neuropathologen   von   reinem 


Wege  der  Nervenwirkungen.  299 

Wasser  geht  bekaDntlich  dahin,  dass  ein  Nervencentrom  im  Stande 
sei,  vermittelst  der  Nervenfasern  auf  jeden  kleinsten  Theil  seines 
Territoriums  eine  besondere  Wirkung  auszuüben.  Soll  an  einem 
kleinen  Punkte  des  Körpers  Krebsmasse  oder  Eiter  entstehen 
oder  eine  einfache  Ernährungsstörung  erfolgen,  so  bedarf  der  Neu- 
ropatholog  einer  Einrichtung,  vermöge  welcher  das  Gentralorgan 
im  Stande  ist,  der  Peripherie  innerhalb  ihrer  kleinsten  Bezirke 
seine  Einwirkung  gesondert  zukommen  zu  lassen,  irgend  eines 
Weges,  auf  welchem  die  Boten  gehen  können,  welche  nun  einmal 
die  Ordre  jedem  einzelnen  der  entferntesten  Punkte  des  Organis- 
mus zu  überbringen  bestimmt  sind.  Die  wirkliche  Erfahrung  lehrt 
nichts  der  Art.  Gerade  an  den  Stellen,  wo  wir  eine  so  ausser- 
ordentlich vervielfältigte  Einrichtung  der  Endapparate  kennen,  wie 
ich  sie  bei  den  Sinnesorganen  schilderte,  haben  die  Nerven  keine 
Beziehung  auf  die  Ernährung  und  insbesondere  keine  nachweisbare 
Einwirkung  auf  elementare  Theile.  Fast  an  allen  anderen  Orten 
werden  entweder  ganze  Flächen  oder  Organ -Abschnitte  in  einer 
gleichmässigen  Weise  innervirt,  oder  es  werden  von  diesen  Flächen 
oder  Organ- Abschnitten  aus  Sammel- Erregungen  zu  den  Gentren 
geführt.  An  vielen  Theilen,  von  denen  wir  allerdings  nachweisen 
können,  dass  ein  Nerven-Einfiuss  auf  sie  stattfindet,  z.  B.  an  den 
kleinen  Gefässen,  wissen  wir  bis  jetzt  noch  nicht  einmal,  wie  weit 
einzelne  Abschnitte  derselben  besondere  Nervenfasern  enthalten. 
So  schlecht  sind  die  anatomischen  Grundlagen  der  neuropatholo- 
gischen  Doctrin. 


Vierzehntes  Capitel. 


Bfickenmark  und  Gehirn. 


Die  n«rvös«B  Centralorxfta«.  Grau«  Sabttans.  Pigmentirt«  Ganglieasellen.  Foruiu«  dar  fiintH— 
teil«»:  apolar«,  aalpolara  aad  bipolar«  Zellen.  VcreehicdeDe  Bedeutaag  der  FortsaUe:  ll«r- 
vrn>  oder  AxeneylinderfortaiUe,  Gaagliea>  aod  R^ieerrorUäu«.  Häck«aiBark:  aoloriack«  aad 
senitiiW«  GangUenavIlen.  Uoltipolare  (pol j klon«)  Formen.  Kerakörperchenfiden  aad  Ker^ 
ruhrea.  Inaere  Verechledenheit  der  GaagUeniellen.  Schvierigkett  der  Untrrsnckaaf.  Die 
Nerven  dee  eiektriechea  Organe  der  Fleche.    Da«  Grosc>  aad  Klciahira  dee  Ueaechca. 

Dm  iluckenmark.  Weic»e  aad  graae  Subitaaa.  Cenualkanal.  Ganglioee  Grappea.  Weiace  Skriage 
aad  ComaiUeurcD. 

UeduUa  oblongata.  Kinde  de«  Kleiahlrae:  Koraer>  and  Stabehen cchiehL  Pejchiacb«  G«agUea> 
Bellen  de«  Gehirna. 

Das  Uürk^nmark  de«  Petroai7Bon  nad  die  narklosen  Faeern  deeeelben. 

Die  Zviecheaiubeuaa  vlokcretiticlles  Gewebe).  Epcndjaa  Tcntriealoraia.  Kearogli«.  Corpora 
aaijlacea.  Graue  oder  gelatinöse  Atrophie  dee  Küekenmarke.  Saadkörper  (Corpora  areaacea) 
der  Haute  de«  Gcbtrni  and  Kückeamark». 


iNaehdem  wir  die  peripherischen  Einrichtungen  des  Xerrenappa- 
rates  besprochen  haben,  so  erübrigt  nns,  nm  die  Uebersicht  der 
Nerveneiurichtnngen  zu  venollstandigen,  noch  die  wichtige  Reihe 
der  centralen  Theile,  oder  im  engeren  Sinne  der  Ganglien- 
Apparate.  Wie  ich  schon  friiher  hervorhob,  so  finden  ym  diese 
überwiegend  in  denjenigen  Theilen  der  Centralorgane ,  wo  graue 
Substanz  lagert.  Nur  ist  das  bloss  graue  Aussehen  nicht  ent- 
scheidend für  die  gangliöse  Beschaffenheit  eines  Theiles:  insbe- 
sondere darf  man  nicht  glauben,  dass  etwa  die  Ganglienzellen  es 
seien,  welche  die  graue  Farbe  wesentlich  bedingen.  An  manchen 
Stollen  befindet  sich  graue  Masse,  ohne  dass  Ganglienzellen  vor- 
handen sind.  So  enthalt  die  äusserste  Schicht  der  Grosshinurinde 
keine  deutlichen  Ganglienzellen  mehr,  obwohl  sie  grau  aussieht: 
hier  findet  sich  eine  durchscheinende  Biudesubstanz,   welche  mit 


Pigmentirte  Ganglienzellen.  301 

vielen  feineren  Gefässen  durchsetzt  ist  nnd  je  nach  der  Füllung 
derselben  bald  mehr  grauroth,  bald  mehr  weissgrau  erscheint. 
Andererseits  kommt  es  häufig  vor,  dass,  wo  Ganglienzellen  liegen, 
die  Substanz  gerade  nicht  grau  aussieht,  sondern  eine  positive 
Farbe  hat,  die  zwischen  bräunlichgelb  und  schwarzbraun  schwankt. 
So  haben  wir  an  dem  Gehirne  kleinere  Abschnitte,  welche  schon 
seit  langer  Zeit  unter  dem  Namen  der  Substantia  nigra,  fusca, 
ferruginea  bekannt  sind;  hier  haftet  die  schwarze  oder  braune 
Farbe,  die  wir  mit  blossem  Auge  wahrnehmen,  an  den  Ganglien- 
zellen als  den  eigentlich  gefärbten  Punkten. 

Diese  Färbung  stellt  sich  erst  im  Laufe  der  Jahre  ein.  Je 
älter  ein  Individuum  wird,  um  so  lebhafter  werden  die  Farben; 
jedoch  scheinen  unter  Umständen  auch  pathologische  Prozesse  den 
Eintritt  und  die  Stärke  derselben  zu  beschleunigen.  So  ist  es  an 
den  Ganglien  des  Sympathicus  eine  auffallende  Erscheinung,  dass 
gewisse  Erankheitsprozesse ,  z.  B.  der  typhöse,  einen  wirksamen 
Einfluss  auf  die  frühe  Pigmentirung  zu  üben  scheinen.  Da  aber 
das  Pigment  etwas  relativ  Fremdartiges  in  der  inneren  Zusam- 
mensetzung der  Zelle  darstellt,  insofern  als  es,  soviel  wir  wissen, 
nicht  der  eigentlichen  Function  dienstbar  ist,  sondern  als  träge 
Masse  hinzutritt,  so  dürfte  es  in  der  That  wohl  möglich  sein,  dass 
man  diese  Zustände  als  eine  Art  von  vorzeitigem  Altem  (Senium 
praecox)  der  Ganglienzellen  zu  betrachten 
bat    An  diesen  Zellen  unterscheidet  man  p^^  ^^ 

(Fig.  97,  a)  ausser  dem  sehr  deutlichen, 
grossen  Kerne  mit  seinem  grossen,  glän- 
zenden Eemkörperchen  den  eigentlichen 
Zellkörper,  welcher  aus  einer  feinkörnigen 
Grundsubstanz  (Protoplasma)  besteht  und 
das  an  einer  gewissen  Stelle,  gewöhnlich 
excentrisch  neben  dem  Kern,  zuweilen 
rings  um  denselben  gelagerte  Pigment  um- 
schliesst.  Unter  Umständen  nimmt  das  letztere  an  Masse  so  sehr 
zu,  dass  ein  grosser  Theil  der  Zelle  damit  ausgefüllt  wird.    Je 


Fig.  97.  Elemente  ans  dem  Qanfflion  Gasseri.  a  Oanglienzelle  mit  kern- 
reicher  (bindegewebiger  und  epithelialer)  Scheide,  die  sich  um  den  abgehenden 
Nenrenfortsatz  erstreckt;  im  Innern  der  grosne,  klare  Kern  mit  Eemkörperchen 
nnd  um  ihn  Pigmentanhäufung.  6  Isolirte  Ganglienzelle  mit  dem  an  sie  heran- 
tretenden blassen  Fortsatz,  c  Feinere  Nervenfaser  mit  blassem  Axencylinder. 
Vergr.  300. 


302  Vierzehntes  Capitel. 

reicher  diese  Ablagerung  wird,  um  so  dunkler  erscheint  die  ganze 
Stelle  schon  für  das  blosse  Auge. 

Früher  hat  man  sich  die  Ganglienzellen  in  der  Regel  als 
einfach  runde,  kugelige  Gebilde  (Ganglienkugeln)  gedacht.  Alleio 
man  hat  sich  mehr  und  mehr  überzeugt,  dass  diese  Form  eine 
künstliche,  erst  durch  das  Abreissen  der  Fortsätze  bei  der  Prä- 
paration  entstandene  ist,  dass  vielmehr  von  jeder  Ganglienzelle 
nach  gewissen  Richtungen  Fortsätze  ausgehen,  welche  sich  endlich 
mit  Nerven  oder  mit  anderen  Ganglienzellen  in  Verbindung  setzen 
oder  in  eigenthümlicher  Weise  verästeln.  Viele  Granglienzellen  be- 
sitzen gleichzeitig  mehrere  Fortsätze,  von  denen  jedoch  nur  einer 
mit  einer  wirklichen  Nervenfaser  direkt  in  Verbindung  steht:  der 
Nerven-  oder  Axencylinder-Fortsatz.  Hier  und  da  scheint 
durch  Ganglienfortsätze  eine  direkte  Verbindung  zwischen 
zwei  Ganglienzellen  hergestellt  zu  werden.  Verhältnissmässig 
häufig,  namentlich  in  den  Gentralorganen,  sind  Fortsätze  mit  mehr- 
facher und  zuletzt  sehr  feiner  Verästelung,  die  ich  Reiserfort- 
sätze nennen  will. 

Die  Nervenfaser -Fortsätze  sind  bei  ihrem  Ursprünge  aus  den 
Ganglienzellen  blass,  und  auch  da,  wo  sich  endlich  ihr  U  ebergang 
in  gewöhnliche,  dunkelconturirte  Nervenfasern  verfolgen  lässt,  sieht 
man  sie  erst  in  einer  gewissen  Entfernung  von  der  Ganglienzelle 
dicker  werden,  indem  sie  sich  alhnählich  mit  einer  Markscheide 
versehen.  Dieser  Umstand,  welchen  man  früher  nicht  gekannt 
hat,  erklärt  es,  dass  man  so  lange  Zeit  über  das  wahre  Verhält- 
niss  im  Unklaren  geblieben  ist.  Die  unmittelbaren  Fortsätze  der 
Ganglienzellen,  namentlich  im  Gehirn  und  Rückenmark,  sind  daher 
nicht  Nerven  im  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes,  sondern  blasse 
und  oft  so  feine  Fasern,  dass  sie  kaum  noch  eine  Aehnliohkeit 
mit  den  früher  geschilderten  marklosen  Fasern  haben,  sondern  wie 
blasse  Axencylinder  erscheinen  (Fig.  97,  a,  6.). 

Lange  hat  man  erwartet,  wesentliche  Verschiedenheiten  unter 
den  Ganglienzellen,  je  nach  den  groben  Abschnitten  des  Nerven- 
Apparates,  also  namentlich  Verschiedenheiten  zwischen  den  Zellen 
des  Sympathicus  und  denen  des  Hirns  und  Rückenmarks  zu  fin- 
den. Allein  auch  in  diesem  Punkte  hat  sich  das  Gegentheil  als 
richtig  ergeben,  namentlich  seitdem  Jacubo witsch  die  Thatsache 
kennen  gelehrt  hat,  dass  zweistrahlige  Zellen,  welche  den  gewöhn- 
lichen Zellen  der  sympathischen  Ganglien  vollkommen  analog  sind. 


Polyklone  Qanglieozellen.  303 

auch  in  der  Mitte  des  Rückenmarks  und  mancher  Theile,  welche 
wir  schon  dem  Gehirne  zurechnen,  vorkommen*).  Dass  der  Sym- 
pathicus  mit  einem  grossen  Theile  seiner  Fasern  im  Rückenmarke 
wurzelt,  weiss  man  schon  lange;  wenn  nun  auch,  wie  ich  mich 
überzeugt  habe,  zweistrahlige  Elemente  im  Rückenmarke  und  an- 
dererseits vielstrahlige  Elemente  in  sympathischen  Granglien,  z.  B. 
im  6.  coeliacum,  vorkommen,  so  kann  man  sagen,  dass  auch  in 
histologischer  Beziehung  das  Rückenmark  nicht  einen  einfachen 
und  nothwendigen  Gegensatz  zu  dem  Grenzstrange  darstellt. 

Will  man  die  Formen  der  Ganglienzellen  genauer  kennen 
lernen,  so  geschieht  dies  am  leichtesten  an  dem  Rückenmark, 
welches  überhaupt  für  die  Zusammenordnung  eines  wirklichen 
Centralorgans  im  engsten  Sinne  des  Wortes  den  klarsten  Ausdruck 
darstellt.  In  der  grauen  Substanz  (den  Hörnern)  desselben  finden 
sich  überall  und  zwar  fast  auf  jedem  Querschnitte  verschieden- 
artige Ganglienzellen.  Jacubowitsch  hat  drei  verschiedene  For- 
men davon  unterschieden:  die  eine  nannte  er  motorisch,  die  an- 
dere sensitiv,  die  dritte  sympathisch.  Ich  werde  auf  ihre  Anord- 
nung bei  weiterer  Besprechung  des  Rückenmarkes  zurückkommen ; 
hier  will  ich  zunächst  nur  ihre  Formen  im  Allgemeinen  besprechen. 

Nachdem  es  feststeht,  dass  es  Ganglienzellen  ohne  Fortsätze 
(apolare)  überhaupt  nicht  gibt,  ist  die  Frage  über  die  Zahl  der 
Fortsätze  sehr  viel  discutirt  worden.  Man  beschrieb  zunächst 
hauptsächlich  uni-  und  bipolare  (besser  monoklone  und  di klone) 
Zellen.  Allein  auch  die  sogenannten  unipolaren  (Fig.  97)  werden, 
je  genauer  man  untersucht,  immer  seltener.  Die  meisten  Zellen 
besitzen  mindestens  zwei  Fortsätze,  sehr  viele  sind  multipolar  oder 
genauer  vielästig  (polyklon). 

Eine  multipolare  Zelle  besitzt  einen  grossen  Kern  mit  Eem- 
kOrperchen,  einen  kömigen  Inhalt  (Protoplasma)  und,  wenn  sie 
besonders  gross  und  alt  ist,  einen  Pigmentfleck;  sie  entsendet 
nach  verschiedenen  Richtungen  hin  Ausläufer  oder  Fortsätze. 
Mindestens  einer  dieser  Ausläufer,  der  sich  durch  seine  festere 
BeschaiFenheit  auszeichnet,  geht,  wie  zuerst  Deiters  gezeigt  hat, 
in  eine  Nervenfaser  über.     Dieses  ist  der  schon  vorher  (S.  302) 


*)  Ich  habe  öbrigens  solche  Zellen  schon  vor  langer  Zeit  ans  dem  mensch- 
lichen Rückenmark  beschrieben  (Archiv  1847.    I.    459  Anm.). 


Vienehntes  Capitel. 


5^\ 


Tig.  98.    Gsn);licnx«Uen  sus  den  Centralorf^neii:  A,  B,  ('ins  dem  Rücken- 
nurk«,  aarh  Präparaten  den  Hrn.  Gorlftch,  D  aus  d«r  Gehirnrinde.    A  GrosM, 


Fortsätze  der  Ganglienzellen.  305 

erwähnte  Axencylinder-Fortsatz.  Die  übrigen  Ausläufer,  nicht  sehr 
glücklich  als  Protoplasma fortsätze  bezeichnet,  theilen  sich 
nach  kürzerem  oder  längerem  Verlaufe  in  zahlreiche,  kleine  Kei- 
scrchen,  welche  die  graue  Substanz  durchziehen.  Was  aus  ihnen 
weiterhin  wird,  ist  noch  unbekannt;  nur  glaubt  Deiters  gefunden 
zu  haben,  dass  gewisse  feine  Aestchen,  welche  unter  rechten  Win- 
keln von  diesen  Fortsätzen  ausgehen,  gleichfalls  mit  Nervenfasern 
zusammenhängen.  Jedenfalls  beginnt  schon  hier  das  physiologisch 
wichtige  Verhältniss,  welches  ich  vorher  besprach  (S.  29G,  299),  dass 
von  einzelnen  Punkten  des  Nervensystems  aus  ganze  Massen  von 
Fäden  oder  Fasern  ausgehen,  ein  Verhältniss,  welches  darauf  hin- 
deutet, dass  bei  der  Thätigkeit  (Reizung)  der  Nerven  zwar  von 
Anfang  an  je  nach  Umständen  diese  oder  jene  Bahn  benutzt 
werden  kann,  dass  aber  innerhalb  gewisser  Bahnen  die  Wirkung 
auf  die  ganze  Verästelung  sich  relativ  gleichmässig  fortsetzen 
kann. 

Die  multipolaren  Zellen  des  Rückenmarks  sind  meist  verhält- 
nissmässig  gross.  Die  stärksten  derselben  (Fig.  98,  A.)  liegen 
an  denjenigen  Stellen  der  grauen  Substanz  angehäuft,  welche  dem 
Eintritte  der  motorischen  (vorderen)  Wurzeln  entsprechen;  man 
kann  sie  deshalb  kurzweg  als  motorische  oder  Bewegungszel- 
len bezeichnen.  Diejenigen  Ganglienzellen,  welche  die  Fasern  der 
sensitiven  (hinteren)  Wurzeln  aufnehmen  (Fig.  98,  ß.),  und  welche 
man  in  Kürze  sensitive  oder  Empfindungszellen  nennen  mag, 
sind  in  der  Regel  kleiner  und  zeigen  nicht  eine  so  vielfache  und 
weitreichende  Verästelung,  wie  die  Bewegungszellen.  Ein  grosser 
Theü  von  ihnen  besitzt  nur  3,  vielleicht  4  Aeste.  Die  von  Ja- 
cubowitsch  sympathisch  genannten  Zellen  (Fig.  98,  C.)  sind 
wiederum  grösser,  haben  aber  gewöhnlich  nur  2  Aeste  und  zeich- 
nen sieh  durch  eine  mehr  rundliche  Form  aus.  Es  sind  dies  Ver- 
schiedenheiten, welche  allerdings  nicht  so  durchgreifend  sind,  dass 
man  schon  jetzt  im  Stande  wäre,  einer  isolirten  Ganglienzelle  in 
jedem  einzelnen  Falle  sofort  anzusehen,  welcher  Kategorie  sie  an- 
gehört, aber  sie  sind  doch,  wenn  man  die  einzelnen  Gruppen  ins 


vielstrahli^e  (muliipolare,  polyklone)  Zellen  aus  den  Vonlorbörnem  (BewepiJnffs- 
zellen).  ii  Kleinere  Zellen  mit  drei  grösseren  Fortsätzen  aus  den  llinterhörnern 
(Kinpfindnn^szcllen).  C  Zweistrahlige  ())i|>olare,  diklonc),  mehr  nindüche  Zelle 
aus  der  Nähe  der  hinteren  Commissur  (»ympathisohe  Zelle).    Vergr.  300. 

Vlrehow,  CrlluUr  Patliol.     4.  Aufl.  20 


306  Vierzehntes  Capitel 

Auge  fasst,  so  auffallend,  dass  man  zu  Betrachtungen  über  die 
verschiedene  Bedeutung  derselben  angeregt  wird. 

Wahrscheinlich  wird  man  im  Laufe  der  Zeit  noch   weitere 
Verschiedenheiten,   auch  vielleicht  in  der  inneren  Einrichtung  der 
Zellen,  erkennen;  bis  jetzt  lässt  sich  darüber  nichts  weiter  aus- 
sagen, als  dass  verschiedene  Beobachter,  zuerst  Harless,  feinere 
Fasern   bis   zu  dem   Kern   und   Eernkörperchen   verfolgt   haben 
(Eernkörperchenfäden  und  Kernröhren).     Am  genauesten 
hat  in  der  letzten  Zeit  Frommann  diese  merkwürdigen  Verhält- 
nisse studirt,  deren  Eigenthümlichkeit  noch  dadurch  erhöht  wird, 
dass  einzelne  Ganglienzellen  einen  mehr  faserigen  Bau  ihres  Lei- 
bes zeigen,  während  bei  der  grossen  Mehrzahl  der  Zellkörper  eine 
feinkörnige  Beschaffenheit  darbietet.    Indess  liegen  alle  diese  Ver- 
hältnisse noch  so  im  Dunkeln,  dass  sich  irgend  welche  gesetz- 
mässigen  Aufstellungen   daraus    noch  nicht  ableiten   lassen.    Es 
ist   dies   eine   sehr   grosse   und   beklagenswerthe  Lücke  unserer 
Kenntnisse,   weil  gerade  hier  der  Punkt  ist,    wo   die   specifische 
Action  der  wichtigsten  Elemente   des  Körpers  zu  erklären  wäre. 
Aber  man  darf  auch  nicht  übersehen,  dass  diese  Verhältnisse  mit 
zu  den  schwierigsten  gehören,  welche  überhaupt  der  anatomischen 
Untersuchung  unterworfen  werden,  und  dass  die  Herstellung  von 
Objecten,  welche  auch  nur  das  eigene  Auge  überzeugen,  fast  im- 
mer daran  scheitert,  dass  eine  wirkliche  Isolirung  der  Elemente 
mit  allen  ihren  Fortsätzen  und  Verbindungen  kaum  jemals  gelingt 
und  dass  man  wegen  ihrer  ausserordentlichen  Gebrechlichkeit  fast 
immer  genöthigt  ist,  sie  auf  gehärteten  Durchschnitten  zu  verfol- 
gen.    Wenn   man  Schnitte   macht   in  Theilen,   welche   zu  einem 
grossen  Theile  aus  Fasern  bestehen  und  in  welchen  die  Fasern 
theils  longitudinal ,  theils  transversal,  theils  schräg  verlaufen,  wo 
also  überall  ein  Geflecht  besteht,   so  hängt  es  ja  ganz  und  gar 
von  einem  glücklichen  Zufalle  ab,  ob  man  in  einem  und  demselben 
Schnitte  den  Verlauf  einer  einzelnen  Faser  über  grössere  Strecken 
hinaus  mit  einer  gewissen  Bestimmtheit  verfolgen  kann.    Diese 
Schwierigkeit  lässt  sich  allerdings  dadurch  ausgleichen,  dass  man 
die  Schnitte  in  allen  möglichen  Richtungen  führt  und  so  die  Wahr- 
scheinlichkeit steigert,  dass  man  endlich  einmal  auf  diejenige  Rich- 
tung stossen  wird,    in   welcher   sich  ein  Ast  vollständig  auflöst, 
aber  erfahrungsgemäss  bleibt  auch  dann  noch  die  Schwierigkeit  so 
gross,  dasfl  man  niemals  die  ganze  Verbreitung  und  Verbindung 


Reiserwerk  des  Gehirns  und  Rückenmarks.  307 

einer  irgendwie  vielästigen  Zelle  in  den  Gentralorganen  auf  einmal 
hat  übersehen  können. 

Auch  in  dieser  Beziehung  ist  das  elektrische  Organ  ein 
besonders  glücklicher  Aasgang  der  Untersuchung  geworden.  Hier 
gelang  es  Bilharz,  die  eine  Faser,  welche  das  ganze  periphe- 
rische Organ  versieht  (innervirt),  in  eine  einzige,  centrale  Ganglien- 
zelle zurück  zu  verfolgen.  Auch  diese  Zelle,  welche  so  gross  ist, 
dass  man  sie  mit  blossem  Auge  bequem  wahrnehmen  kann,  hat 
nach  anderen  Richtungen  hin  feinere  Ausstrahlungen.  Die  weiteren 
Beziehungen  dieser  letzteren  zu  ermitteln,  ist  bis  jetzt  eben  so 
wenig  gelungen,  wie  wir  im  Stande  gewesen  sind,  von  der  feine- 
ren Anatomie  des  menschlichen  Gehirns  ein  nach  allen  Seiten  hin 
befriedigendes  Bild  zu  gewinnen,  namentlich  zu  entdecken,  in  wel- 
chem Maasse  darin  Verbindungen  von  Zellen  unter  einander  vor- 
kommen. Bei  den  Untersuchungen  des  Rückenmarks  hat  es  sich 
herausgestellt,  dass  nicht  alle  Fortsätze  der  Ganglienzellen  in 
Nervenfasern  übergehen,  sondern  dass  ein  Theil  derselben  wieder 
zu  Ganglienzellen  geht  und  Verbindungen  zwischen  Ganglienzellen 
herstellt.  Einzelne  Beobachter  geben  bestimmt  an,  direkte  Anasto- 
mosen von  Ganglienzellen  unter  einander  gesehen  zu  haben,  und 
es  lässt  sich  ein  solcher  Zusammenhang  wohl  nicht  bezweifeln. 
Indess  scheint  dies  doch  ein  sehr  seltener  Fall  zu  sein.  Die  Re- 
gel ist,  dass  die  nicht  direkt  in  Axencylinder  übergehenden  Fort- 
sätze sich  mehr  und  mehr  verästeln  und  erst,  nachdem  sie  ganz 
feine  Fäserchen  oder  Reiserchen  gebildet  haben,  mit  den  von  an- 
deren Ganglienzellen  ausgehenden  Fäserchen  anastomosiren.  Auf 
diese  Art  entsteht  z.  B.  in  der  grauen  Substanz  des  Rückenmarks 
ein  zusammenhängendes  Reiserwerk,  welches  bis  zum  Ge- 
hirn aufsteigt.  Es  lässt  sich  denken,  dass  dadurch  die  grösste 
Mannichfaltigkeit  der  Leitung  und  Strömung  ermöglicht  wird.  Auch 
im  Gehirn,  zumal  in  der  grauen  Rindensubstanz,  haben  die 
Ganglienzellen  ganz  ähnliche  Beschaffenheit  (Fig.  98,  D).  An  der 
Oberfläche  des  Grosshirns,  wo  die  Ganglienzellen  in  mehrfachen 
Schichten  über  einander  stehen,  sind  die  Reiserfortsätze  nach  innen 
gerichtet,  während  gewöhnlich  ein  stärkerer  Fortsatz  zur  Oberfläche 
aufsteigt  und  hier  umbiegt.  Schon  Valentin  hat  diese  „Schlin- 
genbildung^ gesehen.  Ob  jedoch  dieser  Fortsatz  in  einen  Axen- 
cylinder fortgeht,  ist  immer  noch  zweifelhaft.  Noch  complicirter 
sind  die  Verhältnisse  an  der  Rinde  des  E^einhirns,  wo  mehrere, 

20* 


308  VierzehDtes  Capitel. 

stärkere  Fortsätze  gegen  die  Oberfläche  aasstrahlen  nnd  in  Reiser 
übergehen,  während  nach  innen  nnr  ein  einziger  Fortsatz  gerich- 
tet ist,  der  ziemlich  sicher  zn  Nerven  verfolgt  ist.  In  dieser  Ge- 
gend, wo  schon  änsserlich  erkennbar  eine  rostfarbene  Schicht  sich 
der  granen  Substanz  anschliesst  und  sie  von  der  weissen  Central- 
masse trennt,  findet  sich  eine  mächtige  Eömerlage ;  die  ganze  Ein- 
richtung gewinnt  so  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  jenen  ganz 
feinen  Einrichtungen  der  radiären  Fasern  der  Retina  (S.  292). 

So  schwierig  es  ist,  über  die  Natur  und  Verbindung  der  ner- 
vösen Elemente  ins  Klare  zu  kommen,  so  häufen  sich  die  Schwie- 
rigkeiten doch  noch  mehr,  wenn  es  sich  um  die  Zusammensetzung 
der  nervösen  Centralorgane  im  Ganzen  handelt.  Hier  hat  es  sich 
immer  als  das  Vort heilhafteste  erwiesen,  sich  zunächst  an  das- 
jenige Gentralorgan  zu  halten,  welches  als  Grundlage  der  Wirbel- 
thier-Entwickelung  überhaupt  dient,  nehmlich  an  das  Rücken- 
mark; es  ist  dies  dasjenige,  dessen  Struktur  wir  am  besten  über- 
sehen können. 

Das  Rückenmark  ist  bekanntlich,  wie  man  auf  jedem  Quer- 
schnitte vom  blossen  Auge  mit  Leichtigkeit  sehen  kann,  an  ver- 
schiedenen Stellen  seines  Verlaufes  verschieden  reich  an  weisser 
Substanz,  so  jedoch,  dass  fast  überall  die  weisse  Substanz  über 
die  graue  das  Uebergewicht  hat.  Letztere  tritt  auf  Querschnitten 
unter  der  Form  der  bekannten  Hörner  hervor,  die  sich  durch  ihre 
bald  blassgraue,  bald  grauröthliche  Färbung  von  dem  reinen  Weiss 
der  übrigen  Masse  deutlich  absetzen.  So  weit  nun,  als  die  Sub- 
stanz vom  blossen  Auge  weiss  erscheint,  besteht  sie  wesentlich 
aus  wirklichen  markhaltigen  Nervenfasern,  welche  durch  schwache 
Züge  eines  weichen  Interstitialgewebes  in  grössere  und  kleinere 
Bündel  abgetheilt  sind  (Fig.  99.).  Ein  grosser  Theil  dieser  Fa- 
sern ist  von  so  beträchtlicher  Breite,  dass  die  Masse  des  Mark- 
stoifes (Myelins)  an  gewissen  Punkten  eine  ausserordentlich  reich- 
liche ist. 

Die  graue  Substanz  der  Hörner  ^  dagegen  ist  die  eigentliche 
Trägerin  der  Ganglienzellen,  aber  auch  hier  ist  das  graue  Aus- 
sehen keineswegs  der  Anwesenheit  der  Ganglienzellen  zuzuschrei- 
ben; vielmehr  bilden,  wie  wir  nachher  sehen  werden,  die  Ganglien- 
zellen immer  nur  einen  kleinen  Theil  dieser  Substanz,  und  das 
graue  Aussehen  ist  hauptsächlich  dadurch  bedingt,  dass  hier  jener 


Central  kanal  des  Rückenmarks.  309 

aodnrchsichtige ,  stark  lichtbrcchende  Stoff  (der  Markstoffj  nicht 
abgeschieden  ist,  welcher  die  weissen  Nerven  erfüllt. 

Inmitten  der  grauen  Substanz  befindet  sich,  wie  Stilling 
zuerst  bestimmt  gezeigt  hat,  jener  centrale  Kanal  (Canalis 
spinalis),  den  man  früher  so  vielfach  vermuthet,  häufig  auch  als 
regelmässigen  Befund  bezeichnet  hat,  der  aber  doch  niemals  früher 
regelmässig  demonstrirt  werden  konnte.  Bei  den  älteren  Beob- 
achtern, z.B.  Portal,  handelte  es  sich  immer  um  vereinzelte  pa- 
thologische Befunde,  von  welchen  sie  ihre  Kenntnisse  über  diese 
Einrichtung  hernahmen,  und  von  welchen  aus  sie  ziemlich  will- 
kürlich schlössen,  dass  das  Vorhandensein  eines  Kanals  die  Re- 
gel sei. 

Der  Gentralkanal  ist  so  fein,  dass  besonders  glückliche  Durch- 
schnitte dazu  gehören,  um  ihn  mit  blossem  Auge  deutlich  wahr- 
nehmen zu  können.  Gewöhnlich  erkennt  man  nichts  weiter  als 
einen  rundlichen,  grauen  Fleck,  d^r  sich  von  der  Nachbarschaft 
durch  eine  etwas  grössere  Dichtigkeit  unterscheidet.  Erst  die 
mikroskopische  Untersuchung  zeigt  innerhalb  des  Fleckes  den 
Querschnitt  des  Kanals  als  ein  feines  Loch  (Fig.  99,  c  c).  Wie 
fast  alle  freien  Oberflächen  des  Körpers,  ist  er  mit  einem  Epithe- 
liallager  überkleidet.  Es  ist  ein  wirklich  regelmässiger,  constanter 
und  persistenter  Kanal  in  aller  Form  Rechtens.  Derselbe  setzt 
sich  durch  die  ganze  Ausdehnung  des  Rückenmarkes  fort  vom 
Filum  terminale*),  wo  er  nicht  immer  ganz  deutlich  herzustellen 
ist,  bis  zum  vierten  Ventrikel  hinauf,  wo  seine  Einmündungssteile 
in  dem  sogenannten  Sinus  rhomboidalis  an  der  gelatinösen  Sub- 
stanz des  Calamus  scriptorius  liegt.  Hier  kann  man  ihn  als  eine 
direkte  Fortsetzung  vom  Boden  des  vierten  Ventrikels  aus  zunächst 
in  eine  feine  trichterförmige  Spalte  oder  Linie  verfolgen. 

Die  Ganglien-Zellen  des  Rückenmarkes  finden  sich  in  der 
grössten  Masse  in  den  vorderen  und  seitlichen  Theilen  der  Vorder- 
hömer.  Und  zwar  sind  es  hauptsächlich  die  grossen  vielstrahli- 
gen  Elemente,  welche  ich  früher  (S.  305)  besprochen  habe.  Ihre 
Fortsätze  sind  zum  Theil  verfolgt  worden  in  austretende  Nerven 
der  vorderen  Wurzeln;  sie  geben  also  motorischen  Nerven  ihren 
Ursprung. 


•)  Untersuchungen  über  die  Entwickeluii«;  des  Schüdelj^ruudes.    Berlin  1857. 
S.  92. 


310  Vierzehntes  fapitel. 

Eine  analoge,  jedoch  weniger  deutlk'h  grappirte  Anhftofang 
findet  sich  gegen  die  Basis  der  hinteren  Hörner  hin ;  es  sind  klei- 
nere, mebrBtrahlige  Zellen,  wie  ich  sie  gleichfolls  beschrieben  habe. 
Sie  bftngen  mit  den  Fasem  zusammen,  welche  in  die  hinteren 
Wurzeln  eintreten,  dienen  also  wahrscheinlich  der  sensitiven 
Function.  Ansserdem  zei^  sich  gewöhnlich  noch  eine  dritte,  bald 
mehr  zQsammengefasste,  bald  mehr  zerstreute  Gnippe  von  Zellen, 
welche  ihrem  Baae  nach  an  die  bekannten  Formen  der  Zellen  in 
den  Ganglien  erinnern    (Fig.  98,    C.    99,  gg').     Ihre    besondere 


StelloDg  innerhalb  des  Rackenmarks  ist  allerdings  nicht  so  klar 
bezeichnet,  wie  die  der  anderen  Theile;  vielleicht  sind  üie  als  die 
Quelle  der  sympathischen   Wurzeln   zu   betrachten,    welche  vom 


Vif.  99.  Die  üälfle  eiiien  Querschniltea  aus  dem  llalMheil«  des  Kürken- 
markes.  /n  Piaaura  anterior,  /p  Fissiira  posterior.  <;■  Centralkanal  mit  dem  ten- 
tralan  Ependjmradrn.  co  Commissura  anterior  mit  sich  krcuunden  ütnenUfent. 
■■,,  CommiMura  posterior,  ru  Vordere  Wurzeln,  rp  hintere,  gm  AnhäufuDK  der 
Bewegungszellen  in  den  Vorderhöraem,  w  KmpfindiniESiellen  der  HinlerhGmer, 
gl'  sympathische  Zellen.  Die  scbwarzpuuktirle  Uasse  stellt  die  Querschnine  der 
weissen  Substanz  (Nervenfasern  der  Vorder-,  Seilen-  und  HiDler!<trinKej  de$ 
Rückenmarkes  mit  ihren  lobulären  Ablheilungen  dar.    Vergr.   12. 


Weisse  Substanz  des  Röckenmarkes.  311 

Rückenmarke  sich  zum  Grenzstrang  begeben,  indess  ist  dies  noch 
lange  nicht  ausgemacht. 

Innerhalb  der  weissen  Substanz  der  Vorder-,  Seiten-  und 
Hinterstränge  finden  sich  die  markhaltigen  Nervenfasern,  welche 
im  Allgemeinen  einen  auf-  oder  absteigenden  Verlauf  nehmen,  so 
dass  wir  auf  Querschnitten  dieser  Theile  des  Rückenmarkes  fast 
nur  Qaerschnitte  von  Nervenfasern  zu  Gesicht  bekommen.  Unter 
dem  Mikroskope  sieht  man  hier  zahllose,  dunkle  Punkte  oder  bei 
stärkerer  Vergrösserung  Ringe,  von  denen  jeder  einer  Nervenfaser 
entspricht  und  gewöhnlich  noch  einen  dritten,  bei  Garminfärbung 
stärker  hervortretenden  Kern  oder  Fleck,  den  Querschnitt  des 
Axencylinders,  enthält.  Die  ganze  Fasermasse  der  Rückenmarks- 
stränge  ist  von  innen  nach  aussen  in  eine  Reihe  von  Gruppen 
oder  Segmenten  von  im  Ganzen  radiärer  Anorduung,  gewisser- 
maassen  in  keilförmige  Lappen  zerlegt,  indem  sich  zwischen  die 
einzelnen,  auch  hier  fasciculären  Abtheilangen  eine  bald  kleinere, 
bald  grössere  Masse  von  Bindegewebe  mit  Gefässen  einschiebt. 
Letzteres  hängt  nach  innen  mit  der  reichlicheren  Bindegewebs- 
masse  der  grauen  Substanz,  nach  aussen  mit  dem  Bindegewebe 
der  Pia  mater,  welche  d^e  ernährenden  Gefässe  zufahrt,  zu- 
sammen. 

Was  nun  die  Nervenfasern  der  Rückenmarksstränge  be- 
trifft, so  dürfte  ein  gewisser  Theil  von  ihnen  der  ganzen  Länge 
des  Rückenmarkes  nach  fortgehen,  aber  sicherlich  darf  man  nicht 
annehmen,  dass  sie  alle  vom  Gehirne  herkommen;  ein  wahr- 
scheinlich viel  beträchtlicherer  Theil  stammt  wohl  von  den  Gang- 
lienzellen des  Rückenmarkes  selbst  und  biegt  alsbald  in  die  vor- 
deren oder,  hinteren  Stränge  um.  Ausserdem  bestehen  zwischen 
den  beiden  Hälften  des  Rückenmarkes  direkte  Verbindungen, 
Commissuren,  indem  Fasern  von  einer  Seite  zur  anderen  hin- 
übertreten, thcils  in  der  Weise,  dass  sie  mit  denen  der  entgegen- 
gesetzten Seite  sich  kreuzen  (vordere  Commissur,  Fig.  99,  ca), 
theils  so,  dass  sie  gestreckt  und  parallel  verlaufen  (hintere  Com- 
missur, Fig.  99,  cp). 

Mit  diesen  anatomischen  Erfahrungen  kann  man  sich  ein 
freilich  noch  immer  sehr  ungenügendes  Bild  machen  von  den  We- 
gen, auf  welchen  die  Vorgänge  innerhalb  der  Centraltheile  pas- 
siren.  Jede  besondere  Thätigkeit  hat  ihre  besonderen 
elementaren   zelligen   Organe;   jede   Art    der  Leitung 


312 


Yicrzehates  Capitel. 


findet  ihre  bestimmt  vorgezeichneten  Bahnen.  Auch  im 
Grossen  entsprechen  den  fnnctionellen  Verschiedenheiten  ganz  be- 
stimmte Eigenthümlichkeiten  in  der  Struktur  der  einzelnen  Cen- 
traltheile,  namentlich  entwickeln  sich  nach  oben  hin  die  hinteren 
Homer  allmählich  immer  kräftiger,  nnd  in  dem  Maasse,  als  diese 
Entwickelang  vorschreitet,  macht  sich  die  Entfaltung  der  Medolla 
oblongata,  des  grossen  und  kleinen  Gehirns,  wobei  mehr  und  mehr 
die  motorischen  Theile  in  den  Hintergrund  treten,  um  zuletzt  fast 
ganz  zu  verschwinden.  Der  Anlage  nach  und  im  Grossen  bestehen 
in  allen  diesen  Theilen  analoge  Verhältnisse;  das  Einzige,  was 
bis  jetzt  wenigstens  als  eine  besonders  charakteristische  Eigen- 
thümlichkeit  der  cerebralen  Apparate  betrachtet  werden  kann,  ist 


d  ^ 


K 


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t  -r^.ve  >.itf-!  ujkaj..cu:T.\.en. 


Kleinhirn.  313 

die  schon  früher  hervorgehobene  Erscheinung,  dass  am  Kleinhirn 
an  der  inneren  Seite  der  hier  überall  einfachen  Lage  der  Ganglien- 
zellen eine  besondere  Schicht  vorkommt,  die  am  meisten  Aehn- 
lichkeit  hat  mit  den  Körnerschichten  der  Retina  (Fig.  100,  B). 
Denn  auch  hier  finden  sich  verästelte,  fast  baamförmige  Fäden, 
welche  kleine  Körnchen  in  oft  mehrfacher  Reihe  in  sich  schliessen, 
and  welche  sich  an  die  Ganglienzellen  in  einer  wesentlich  anderen, 
namentlich  sehr  viel  feineren  Weise  anfügen,  als  das  bei  den 
eigentlichen  Nervenfortsätzen  der  Fall  ist.  Nach  aussen  von  der 
Ganglienschicht  zeigt  die  graue  Substanz  eine  so  auffällig  radiäre 
Streifong,  dass  man  früher  dieselbe  gleichfalls  mit  der  Stäbchen- 
schicht der  Retina  parallelisirte.  Indess  ist  dies  eine  ziemlich  grobe 
Aehnlichkeit,  für  die  irgend  ein  histologischer  Nachweis  nicht  ge- 
liefert werden  kann.  Es  ist  vielmehr  die  Interstitialsubstanz, 
welche  diese  streifigen  Abtheilungen  besitzt;  wie  kürzlich  Herm. 
Hadlich  gefunden  hat,  ist  sie  von  langen  parallelen  Stützfasern 
durchzogen,  welche  mit  dreieckigen  Enden  gegen  die  Oberfläche 
ansetzen. 

Die  Rindenschichten  des  Gross-  und  Kleinhirns  enthalten  einen 
solchen  Reichthnm  von  Ganglienzellen,  dass  Meynert  nach  einer 
ganz  wahrscheinlichen  Schätzung  ihre  Zahl  auf  eine  Milliarde  be- 
rechnet. Wenn  nicht  bezweifelt  werden  kann,  dass  diese  Zellen  zu 
einem  grossen  Theile  der  eigentlichen  psychischen  Thätigkeit 
dienen,  so  ist  es  gewiss  bemcrkenswerth,  dass  ihre  Anhäufungen 
sich  durch  ein  allmähliches  Anwachsen  und  Vermehren  aus  den 
hinteren  Abschnitten  des  Rückenmarkes  entfalten,  dass  sie  also 
genetisch  dem  empfindenden  Antheile  desselben  angehören.  Un- 
zweirelhaft  bieten  diese  psychischen  Ganglienzellen  manches 
Besondere  und  Eigenthfmiliche  auch  in  ihrer  Gestalt  dar;  nichts- 
destoweniger ist  es  unmöglich,  bis  jetzt  aus  ihren  Besonderheiten 
und  Eigenthümlichkeiten  irgend  einen  Grund  für  die  Vollkommen- 
heit ihrer  Function  abzuleiten.  Wir  müssen  uns  vor  der  Hand 
damit  begnügen,  ihre  Existenz  und  ihre  äusseren  Eigenschaften 
kennen  gelernt  zu  haben.  — 

Der  Typus  der  Rückenmarksbildung,  welchen  wir  beim  Men- 
schen kennen  gelernt  haben,  ist  im  Wesentlichen  derselbe  durch 
die  ganze  Reihe  der  Wirbelthiere  oder,  wie  man  sie  besser  nennen 


314  Vienehutes  Capil«t. 

würde,  Harkthiere *) ,  diu*  dass  beim  HeoscbeD  im  Allgemeinen 
eine  ^sserc  Complication  und  ein  grüsserer  Reichthnm  sowohl 
an  Nervenfasern,  ala  an  GaDgliensubstanz  liervortritt.  Es  'mt  ge- 
wiss sehr  interessant,  in  dieser  Beziehung  den  Darchsclinitt  vom 
Rückenmarke  eines  der  niedrigsten  Wirbelthiere  zn  vei^leicben. 
Ich  wähle  dazu  das  Neanange  (Petromyzon).  Bei  diesem  Thiere, 
welches  bekanntlich  nahe  an  der  untersten  Grenze  der  Wirbel- 
thiere überhaupt  steht,  stellt  das  Rückenmark  ein  sehr  kleines 
plattes  Band  dar,  welches  in  der  Fläche  etwas  eingebogen  ist  and 
auf  den  ersten  Anblick  wie  ein  wirkliches  Ligament  aassieht 
Macht  man  einen  Querschnitt  davon,    so  enthält  dieser  an  sich 


dieselben  Thcile,  die  wir  beim  Menschen  sehen,  aber  Alles  nor 
in  der  Anlage.  Was  wir  bei  aas  graue  Sabstauz  neunen,  das 
findet  sich  ancb  hier  wieder  zu  beiden  Seiten  in  der  Gestalt  je 
eines  plattlänglichea  Lappens ,  welcher  einzelne  GangüenzelleD, 
aber  nur  sehr  wenige  enthält,  so  dass  man  aaf  jeder  Seit«  des 
Qaerschnittes  vielleicht  4  —  5  davon  findet.  In  der  Mitte  befindet 
sich  der  Centralkanal ,  und  zwar  mit  derselben  Epithelialscbicht, 


Fig.  101.  Durrhscboitl  durch  ik?  Rüi-keDmark  des  Pelromttoa  fluviatilis. 
F  Fi.sjura  (<Kler  ceoauer  L'oininissura)  anlerior.  P  Fissiira  posl^rior.  r  C«ntral- 
kanal  mil  Epilhel.  gm  poise.  fielslrabliSf  t.iaui:li«niellen  mit  Fortsätzen  in  der 
Kit'htum:  der  vorilerea  Wurzeln,  i/p  kleinere.  niebntnthli)re  Zellen  mit  Fortsätien 
zu  ilen  hinteren  Wuneln,  <it  ßrosse,  nini1lii-he  Zellen  in  >ler  N&he  der  binleren 
Comoiissur  sfmpalhinche  Zellen'.  »,  n  (juenturi-hscbnilta  der  f^oxita.  bliesen 
NerrenriAem  |llüller'sche  FAsem).  n'  leere  Lücken,  aus  welcben  die  grossen 
Nerven  aus'jefalleu  sind,  n''  Lücke  fär  kleinere  Fusern.  .Ausserdem  lablreicbe 
Vuerscbnine  feinerer  uud  gröberer  Fasern- 

')  Vercl.  meiiWD  ^'o^t^alr  ober  das  Rückenmark  in  der  von  mir  and 
T.  Hnitzendorff  beraii>i:ecebenen  Sammlung  gemeinverstäudlicb«r  wisscnscbifl- 
litber  Vorträge.     1871.     :^erie  V.     lieft   IM. 


Rückenmark  des  Petromyzon.  315 

wie  beim  MeDBcheo.  Nach  nntcn  und  vom  davon  sieht  man  ge- 
wöhnlich eine  Reihe  von  grßsseren  ronden  Lücken,  welche  ganz 
ungewöbalicb  dicken,  zuerst  von  Johannes  Müller  gesehenen, 
marklosen  Nervenfasern  (Fig.  102,  a)  entsprechen.  Weiter  nach 
aassen  liegen  noch  einzelne  dickere,  überwiegend  jedoch  eine 
grosse  Menge  ganz  feiner  Fasern,  welche  dem  Querschnitte  ein 
sehr  bantes,  regelmässig  getüpfeltes  Aussehen  geben.  Unter  den 
Ganglienzellen  kann  man  anch  hier  verschiedene  Arten  unter- 
scheiden. Nach  aussen  in  der  graaen  Substanz  li^en  vielstrahlige, 
naeb  vom  grossere,  nach  hinten  kleinere  und  einfachere  Zellen. 
Mehr  nach  innen  und  hinten  dagegen  finden  sich  grossere,  mehr 
mndliche,  wie  es  scheint,  diklone  (bipolare)  Zellen,  den  sympa- 
tfaiscben  Formen  vergleichbar.  Diese  Zellen  commnniciren  über 
die  Mitte  durch  wirkliche  Faser- Verbindungen,  und  ausserdem  findet 
man  Fortsätze  zu  den  Nerven,  welche  nach  vorne  und  rückwärts 
aus  dem  Rückenmarke  hervortreten  und  die  vordere  and  hintere 
Wurzel  bilden.  Das  ist  das  einfachste  Schema,  welches  wir  für 
diese  Verhältnisse  besitzen,  der  allgemeine  Typus  für  die  anato- 
mische Einrichtung  dieser  Thetle. 

Besonders  zu  bemerken  ist  hier,  duss 
beim  Petromyzon  in  der  ganzen  Substanz  "*■  •"'■ 

dos  Rückenmarkes  kein  MarkstofT  in  iso-  Jl 

lirter  Ausscheidung  vorhanden  ist,  wie  wir  ,  S  J      "■ 

ihn  beim  Menschen  haben;  man  findet  nur 
einfache,  blasse  Fasern,  welche  Stannius 
geradezu  als  nackte  Asencytinder  ange-  G 
sprochen  hat.  Abgesehen  davon,  dass  sie 
zum  Theil  einen  colossalen  Durchmesser 
haben,  so  findet  man  bei  genauerer  Unter- 
suchung, wie  bei  den  gelatinösen,  grauen 
Fasern  des  Menschen,  eine  auf  Querschnit- 
ten, besonders  nach  Färbung  mit  Carmin 
sehr  deutliche  Membran  und  im  Centnim 
eine  feinkörnige  Substanz,  ähnlich  einem 
Axencylinder,  so  dass  man  versucht  wird, 


Fift'  102.  Blasse  Fiueru  aas  dem  Itilckenmarke  des  Pclromjzoa  fluviitilis. 
A  Breite ,  Bchmale  und  Teinsle  Fasern.  B  QiierschniMe  lon  breiten  Fagero  mit 
deutlicher  Uembraa  und  kürnig^cm  Ceulniii].    Ve:^.  300. 


316  Vierzehntes  Capitel. 

sie  mit  gewöhnlichen  weissen  Nervenfasern  zn  vergleichen.  Reiss- 
ner  hat  neuerlich  eine  ähnliche  Ansicht  vertreten.  — 

Gewinnt  man  so  eine  allgemeine  Uebersicht  über  die  Ein- 
richtung eines  centralen  Nervenapparates,  so  darf  man  doch  nicht 
vergessen,  dass  dies  nur  die  eigentlich  nervösen  Theile  desselben 
sind.  Will  man  das  Nervensystem  in  seinem  wirklichen  Verhalten 
im  Körper,  die  nervösen  Elemente  in  ihrem  Znsammenhalte  sta- 
diren,  so  ist  es  unumgänglich  nöthig,  auch  diejenige  Masse  zu 
kennen,  welche  zwischen  den  Nerventheilen  vorhanden  ist, 
welche  diese  Theile  umfasst  und  den  ganzen  Organen  Festigkeit 
und  Gestalt  gibt:  das  Interstitialgewebe  des  Gehirns  und 
Kückenmarks*). 

Es  ist  gar  nicht  so  lange  her,  dass  man  das  Vorhandensein 
einer  solchen  Zwischenmasse  eigentlich  nur  bei  den  peripherischen 
Nerven  zuliess  und  sich  begnügte,  das  Neurilem  bis  auf  die  Häute 
des  Rückenmarkes  und  Gehirnes  zurück  zu  verfolgen,  höchstens 
dass  man  noch  innerhalb  der  Ganglien  und  im  Sympathicus  ein 
besonderes  Umhüllungsgewebe  anerkannte.  Allerdings  hatte  schon 
1810  Ken f fei  die  Existenz  eines  „fibrösen  Gewebes"  im  Rücken- 
marke vertheidigt,  aber  bis  auf  wenige  Ausnahmen  (Fr.  Arnold) 
hatten  alle  Anatomen  sich  gegen  diese  Auffassung  erklärt.  Na- 
mentlich  im  Gehirne  deutete  man  die  Zwischensubstanz  gerade  als 
eine  wesentlich  nervöse  Masse.  Eine  solche  erschien  in  der  That 
so  lange  als  ein  natürliches  Desiderat,  als  man  eine  directe  Ueber- 
tragung  der  Erregungen  von  Faser  zu  Faser  zuliess,  als  man 
also  die  Nothwendigkeit  einer  wirklichen  Continuität  der  Leitung 
innerhalb  der  Nerven  selbst  nicht  anerkannte.  So  sprach  man 
beim  Gehirne  von  einer  feinkörnigen,  zwischen  die  Fasern  einge- 
schobenen Masse,  welche  freilich  keine  vollständige  Verbindung 
zwischen  den  Fasern  herstelle,  indem  sie  eine  gewisse  Schwierig- 
keit in  der  üebertragung  der  Erregungen  von  einer  Faser  zur 
anderen  bedinge,  welche  aber  doch  eine  Leitung  zwischen  denselben 
ermögliche,  indem  bei  einer  beträchtlichen  Höhe  der  Erregung 
eben  auch  eine  direkte  (seitliche)  üebertragung  von  Faser  zu 
Faser  stattfinden  könne.  Diese  Masse  ist  jedoch  unzweifelhaft  nicht 
nervöser  Natur,  und  wenn  man  ihre  Beziehung  zu  den  bekannten 


•\  i"i 


)  Ge:>cbwülöte  IL     125  ff. 


Ependym.  317 

Grappen  der  physiologischen  Gewebe  aufsucht,  so  kann  man  dar- 
über nicht  im  Unsicheren  bleiben,  dass  es  sich  um  eine  Art  des 
Bindegewebes  handelt,  also  um  ein  Aequivalent  desjenigen  Ge- 
webes, welches  wir  bei  den  Nerven  als  Perineurium  kennen  ge- 
lernt haben  (S.  273).  Allein  der  Habitus  dieser  Substanz  ist  aller- 
dings sehr  weit  verschieden  von  dem,  was  wir  Perineurium  oder 
Neurilem  nennen.  Letztere  sind  verhältnissmässig  derbe,  zum 
Theil  sogar  harte  und  zähe  Gewebe,  während  das  Interstitialge- 
webe  der  Centren  ausserordentlich  weich  und  gebrechlich  ist,  so 
dass  man  nur  mit  grosser  Schwierigkeit  überhaupt  dahin  kommt, 
seinen  Bau  kennen  zu  lernen. 

Ich  wurde  zuerst  auf  seine  Eigenthümlichkeit  aufmerksam 
bei  Untersuchungen,  die  ich  vor  25  Jahren  über  die  sogenannte 
innere  Haut  der  Hirnventrikel  (Ependyma)  anstellte*).  Da- 
mals bestand  die  Ansicht,  welche  zuerst  durch  Purkinje  und 
Valentin,  später  namentlich  durch  Heule  geltend  geworden 
war,  dass  eine  eigentliche  Haut  in  den  Hirnventrikeln  gar  nicht 
existire,  sondern  nur  ein  Epithelial-Ueberzug,  indem  die  Epithelial- 
Zellen  unmittelbar  auf  der  Fläche  horizontal  gelagerter  Nerven- 
fasern auf  sässen.  Diese  Epithelialschicbt  war  es,  welche  Purkinje 
Ependyma  ventriculorum  nannte.  Seine  Annahme  ist  freilich  von 
den  Pathologen  nie  getheilt  worden.  Die  pathologische  Anschauung 
ging  ziemlich  unbekümmert  neben  den  histologischen  Angaben  ein- 
her. Indess  erschien  es  doch  wünschenswerth,  eine  Verständigung 
zu  gewinnen,  da  in  einem  bloss  epithelialen  Ependyma  nicht  wohl 
eine  Entzündung  vorkommen  konnte,  wie  man  sie  einer  serösen 
Haut  zuzuschreiben  pflegt.  Bei  meinen  Untersuchungen  ergab  sich 
nun,  dass  allerdings  unter  dem  Epithel  der  Ventrikel  eine  Schicht 
vorhanden  ist,  welche  an  mtmchen  Stellen  ganz  den  Habitus  von 
Bindegewebe,  an  anderen  jedoch  eine  so  weiche  Beschaffenheit 
besitzt,  dass  es  überaus  schwierig  ist,  eine  Beschreibung  von 
ihrem  Aussehen  zu  liefert  Jede  kleinste  Zerrung  ändert  ihre 
Erscheinung:  man  sieht  bald  körnige,  bald  streifige,  bald  netzför- 
mige oder  wie  sonst  geartete  Substanz.  Anfangs  glaubte  ich  mich 
beruhigen  zu  dürfen  bei  dem  Nachweise,  dass  hier  überhaupt  ein 
dem  Bindegewebe  analoges  Gewebe  existire   und  eine  Haut  zu 


•>  Zeitschrift  für  Psychiatrie.     184G.    Heft  2.     242.    Gesammelte  Abhand- 
luDgen  S85. 


318  Vienehntes  CapiteL 

coQBtatiren  sei.  AUeio,  je  mehr  ich  mich  mit  der  ÜDterBncbaog 
derselben  beschäftigte,  um  so  mehr  Überzeogte  ich  mich,  dus 
keine  eigenüiche  Grenze  zwischen  dieser  Haut  uad  den  tieferen 
GewebsLagen  bestehe,  and  dass  man  nur  in  nneigentlicbem  Sinne 
Ton  einer  Haat  sprechen  kßnne,  da  man  doch  bei  einer  Haut  vor- 
aassetzt,  dass  sie  von  der  Unterlage  mehr  oder  weniger  verschie- 
den ond  trennbar  sei.  Im  Groben  Usst  sich  freilich  nicht  selten 
eine  solche  Trennung  ancfa  hier  vomehiuen,  aber  im  Feineren  ist 
es  durchaus  nicht  mßglich.  Man  sieht,  wenn  man  die  Oberfläche 
irgend  eines  Durchschnittes  der  Ventrikelwand  bei  stärkerer  Ter- 
grössenuig  einstellt,  zunächst  an  der  Oberfläche  ein  bald  mehr, 
bald  weniger  gnt  erhaltenes  Epithel  (Fig.  103,  E).   Im  günstigsten 


Falle  trifit  man  Cyllnder-Epithel  mit  Gilien,  welches  sich  wenig- 
stens nrsprünglich  durch  die  ganze  Ausdehnung  der  Hohle  des 


Fiff.  103.  Epcndjms  «entrirnlorum  und  Neuro(r)i>  <om  Bodfo  des  Tierten 
nirnTeiilrikeh.  E  Epithel ,  A'  Nervenfasern.  DmKiKrbrn  der  freie  Tbeil  der 
Neuroglia  mit  lablreichea  Bindegewebszellen  und  Kernen,  hei  b  ein  Qefäs«,  im 
Uebri([en  zahlreicbe  Corpon  amjlacca,  welche  bei  i-ii  noch  iM>1irl  d&rgcstelll  sind. 
Vercr.  ?m. 


Ependyma  ventriculorum.  319 

Rückenmarkes  (Centralkanal)  und  des  Hirnes  (Ventrikel)  erstreckt. 
Unter  dieser  Lage  folgt  eine  bald  mehr,  bald  weniger  reine  Schicht 
von  bindegewebsartiger  Structnr,  welche  auf  den  ersten  Blick 
gegen  die  Tiefe  hin  allerdings  scharf  abgesetzt  erscheint,  denn 
schon  mit  blossem  Auge,  namentlich  nach  Behandlung  mit  Essig- 
säure, erkennt  man  sehr  deutlich  eine  äussere,  graue  und  durch- 
scheinende Lage,  während  die  tiefere  Schicht  weiss  aussieht. 
Dieses  weisse  Aussehen  rührt  daher,  dass  hier  markhaltige  Ner- 
venfasern liegen,  zunächst  der  Oberfläche  einzelne,  dann  immer 
mehrere  und  dichter  gedrängte,  in  der  Regel  der  Oberfläche  pa- 
rallel (Fig.  103,  N),  So  kann  es  allerdings  scheinen,  als  sei  hier 
eine  besondere  Haut,  die  man  von  den  letzten  Nervenfasern  ab- 
trennen könnte.  Vergleicht  man  nun  aber  damit  die  Masse,  welche 
zwischen  den  Nervenfasern  selbst  liegt,  so  zeigt  sich  keine  we- 
sentliche Verschiedenheit;  es  ergibt  sich  vielmehr,  dass  die  ober- 
flächliche Schicht  weiter  nichts  ist,  als  der  über  die  Nervenele- 
mente hinaus  zu  Tage  gehende  Theil  des  Zwischengewebes,  wel- 
ches überall  zwischen  den  Elementen  vorhanden  ist,  und  welches 
nur  hier  in  seiner  Reinheit  zur  Erscheinung  kommt*).  Es  ist 
also  das  Verhältniss  ein  continuirliches. 

Es  erhellt  aus  dieser  Darstellung, ,  dass  es  ein  ganz  müssiger 
Streit  war,  wenn  man  Jahre  lang  darüber  discutirte,  ob  die  Haut, 
welche  die  Ventrikel  auskleide,  eine  Fortsetzung  der  Arachnoides 
oder  der  Pia  mater  oder  ob  sie  eine  eigene  Haut  sei.  Es  ist, 
streng  genommen,  gar  keine  Haut  vorhanden,  sondern  es  ist  die 
Oberfläche  des  Organs  selbst,  welche  unmittelbar  zu  Tage  geht. 
Auch  an  dem  Gelenkknorpel  müssen  wir  es  als  einen  müssigen 
Streit  bezeichnen,  welche  Art  von  Haut  den  Knorpel  überzieht, 
da  der  Knorpel  selbst  bis  an  die  Oberfläche  des  Gelenkes  heran- 
tritt. In  gleicher  Weise  geht  auch  nichts  von  der  Arachnoides, 
nichts  von  der  Pia  mater  auf  die  Oberfläche  der  Ventrikel:  die 
letzte  Ausbreitung,  welche  diese  Häute  nach  innen  aussenden,  ist 
die  Tela  (Velum)  chorioides  mit  den  Plexus  chorioides.  üeber 
diese  hinaus  findet  sich  kein  seröser  Ueberzug  mehr,  welcher  die 
innere  Fläche  der  Himhöhlen  auskleidet.  Aus  diesem  Grunde 
kann  man  die  Zustände  der  Himhöhlen  nicht  vollkommen  verglei- 
chen mit  den  Zuständen  der  gewöhnlichen  serösen  Säcke.  Es  kann 


•)  Archiv    1854.    VI.     138. 


320  Vierzehntes  Capitel. 

allerdings  an  der  Tela  chorioides  oder  den  Plexns  eine  Reihe  von 
Erscheinungen  auftreten,  welche  parallel  stehen  den  Störungen 
anderer  seröser  Häute,  aber  nie  findet  dies  ganz  in  derselben  Art 
an  der  Ventrikeloberfläche  des  Gehirns  selbst  statt. 

Das  interstitielle  Gewebe  der  Centralorgane  des  Nervensystems 
bildet  demnach  an  der  Oberfläche  der  Himhöhlen,  und,  wie  ich  so- 
fort hinzufuge,  auch  des  Centralkanals  des  Rückenmarks  eine 
hautartige  Schicht,  welche  continuirlich  in  die  Zwischenmasse,  den 
eigentlichen  Kitt,  welcher  die  Nervenmasse  zusammenhält,  über- 
geht. Obwohl  zu  der  grossen  Klasse  der  Gewebe  der  Bindesub- 
stanz gehörig  (S.  40),  zeigt  es  doch  so  wesentliche  Eigenthüm- 
lichkeiten,  dass  ich  mich  veranlasst  sah,  ihm  den  neuen  Namen 
der  Neuroglia  (Nervenkitt)  beizulegen*).  Die  Ansicht,  dass  es 
sich  um  ein  Aequivalent  des  Bindegewebes  handele,  ist  in  der 
neueren  Zeit  fast  von  allen  Seiten  recipirt  worden,  allein  über 
die  Art  seiner  Zusammensetzung  und  über  die  Ausdehnung,  in 
welcher  man  die  einzelnen  im  Gehirn  und  Rückenmark  vorkom- 
menden Elemente  dieser  Substanz  zuzurechnen  hat,  sind  die  Mei* 
nungen  noch  getheilt.  Schon  als  ich  meine  ersten  weitergehenden 
Untersuchungen  über  diese  Theile  anstellte,  ergab  es  sich,  dass 
gewisse  sternförmige  Elemente,  welche  in  der  Mitte  des  Rücken- 
marks, im  Umfange  des  nachher  genauer  constatirten  Centralkanals, 
in  dem  von  mir  so  genannten  centralen  Ependymfaden**)  vor- 
kommen, und  welche  bis  dabin  als  Nervenzellen  betrachtet  worden 
waren,  unzweifelhaft  der  Neuroglia  angehörten.  Es  ist  späterhin, 
namentlich  durch  die  Dorpater  Schule  unter  Bidder,  eine  Reih& 
von  Untersuchungen  publicirt  worden,  in  denen  man  die  Mehrzahl 
aller  Zellen  des  Rückenmarks  diesem  Bindegewebe  zugerechnet 
hat.  Bidder  selbst  fasstc  zuletzt  alle  Zellen,  welche  in  der  hin- 
teren Hälfte  des  Rückenmarkes  vorkommen,  also  auch  wirkliehe 
Ganglienzellen,  als  Bindegewebskörper  auf.  Auf  der  anderen  Seite 
leugnete  Jacubowitsch  früher,  dass  überhaupt  im  Hirn  oder 
Rückenmark  irgendwo  zellige  Theile  des  Bindegewebes  vorkom- 
men; das  freilich  auch  von  ihm  als  Bindesubstanz  anfgefasste 
Zwischengewebe  schilderte  er  als  eine  ganz  amorphe,  fein  granu- 
lirte    oder   netzartige  Masse,   welche  durchaus  nirgend  geformte 


•)  Gesammelte  Ahham».  890. 
••)  Archiv  VI,     137. 


Neuroglia.  321 

Theile  mit  sich  führe.  Zwischen  diesen  Extremen,  so  glaube  ich, 
ist  es  empirisch  vollkommen  gerechtfertigt,  die  Mitte  zu  halten. 
Es  kann  meiner  Ueberzengnng  nach  nicht  bezweifelt  werden,  dass 
die  grossen  Elemente,  welche  in  den  hinteren  Hörnern  des  Rücken- 
marks enthalten  sind,  Nervenzellen  sind,  allein  auf  der  anderen 
Seite  mnss  ebenso  bestimmt  behauptet ^ werden,  dass,  wo  Neuroglia 
vorkommt,  dieselbe  stets  eine  gewisse  Zahl  von  zelligen,  ihr  ge- 
hörigen Elementen  enthält.  An  der  Oberfläche  der  Hirnventrikel 
kommen  gewöhnlich  der  Oberfläche  parallel  liegende  Spindelzellen 
vor,  ähnlich,  wie  man  sie  in  anderen  Bindegewebsarten  findet, 
bald  kleinere,  bald  grössere;  macht  man  schräge  Schritte,  so 
geben  sie  sich  oft  als  sternförmige  Elemente  zu  erkennen 
(Fig.  103). 

Ein  ganz  ähnlicher  Bau,  wie  wir  ihn  früher  vom  Bindegewebe 
kennen  gelernt  haben,  insbesondere  ähnliche  Elemente  mit  einer 
weichen,  feinfaserigen  oder  netzförmigen  Intercellularsubstanz  finden 
sich    auch    zwischen    den    Nervenfasern    des 
Hirns  und  Bückenmarks  vor,  aber  sie  sind  so  fi«.  io4. 

weich  und  gebrechlich,   dass  man  meist  nur       *^     *  ^ 

Kerne  wahrnimmt,  die  in  gewissen  Abständen  ^  ^.^'  ^  ^ 
in  der  Masse  zerstreut  sind.   Wenn  man  aber  ^5y 

genau  sucht,  so  kann  man  selbst  an  frischen 
Objecten  regelmässig  einzelne  weiche,  zellige  Körper  erkennen, 
welche  einen  feinkörnigen  Leib  und  grosse,  granulirte  Kerne  mit 
Kernkörperchen  besitzen  und  als  rundliche  oder  linsenförmige, 
häufig  mit  feinen  Fortsätzen  versehene  Gebilde  in  einer  allerdings 
nicht  sehr  beträchtlichen  Menge  zwischen  den  Nervenelementen 
liegen.  An  gewissen  Stellen  ist  es  freilich  bis  jetzt  unmöglich 
gewesen,  eine  scharfe  Grenze  zu  ziehen  zwischen  beiden  Geweben, 
80  namentlich  an  der  Oberfläche  des  *  kleinen  Gehirns  zwischen 
den  Kömern,  welche  ich  vorher  (S.  313)  schilderte,  und  welche 
mit  grossen  Ganglienzellen  zusammenhängen,  einerseits  und  den 
Elementen  dos  Bindegewebes  andererseits.  Namentlich  wenn  man 
die  Theile  aus  dem  Zusammenhange  gerissen  sieht,  so  kann  man 
nicht  leicht  einen  Unterschied  machen;    eine  bestimmte  Deutung 


Fig.  104.  Elemente  der  Neuroglia  aus  der  weissen  Substanz  der  Gross- 
birnhemispbäre  des  Menschen,  a  freie  Kerne  mit  Kernkürperrhen,  h  Kerne  mit 
körnigen  Resten  des  bei  der  Präparation  zertrümmerten  ZellenparencbymS)  r  yoII- 
standige  Zellen.     Vergr.  ;i00. 

Virrhuw,  Ollular  l'athul.     4.  AuA.  21 


322  Vierzehntes  Gapitel. 

ist  nur  so  lange  möglich,  als  man  sie  in  ihrer  naturlichen  Lage 
übersieht. 

Wie  in  allen  Geweben  der  Bindesnbstanz,  so  liegen  auch  hier 
die  Elemente  (Glia  -  Zellen)  in  einer  Intercellnlarsnbstanz ,  welche 
je  nach  den  einzelnen  Orten  in  sehr  verschiedener  Mächtigkeit 
auftritt.  Im  Allgemeinen  ist  die  gliöse  Intercellularsubstanz  weich, 
aber,  wie  wir  schon  bei  der  Betrachtung  des  Ependyms  sahen 
(S.  317),  sie  bietet  sehr  verschiedene  Grade  der  Festigkeit  und 
der  inneren  Zusammensetzung  dar.  Obwohl  sie  frisch  fast  überall 
eine  mehr  gleichmässige ,  mit  feinen  Pünktchen  oder  Körnchen 
versehene,  weiche  und  gebrechliche  Masse  darstellt,  die  deshalb 
von  Einigen  geradezu  als  eine  Art  von  Protoplasma  angesprochen 
wird,  so  zeigt  sie  doch  auch  ohne  besondere  Vorbereitung  an 
manchen  Stellen  eine  faserige,  mehr  oder  weniger  der  Intercellu- 
larsubstanz des  Bindegewebes  analoge  Beschaffenheit.  Erhärtet 
man  sie  vorsichtig  durch  chemische  Mittel,  so  tritt  überall  eine 
feinfaserige  Einrichtung  hervor.  Diese  Fäserchen  sind  von  ausser- 
ster  Zartheit,  so  dass  es  in  der  grauen  Substanz  noch  nicht  ge- 
lungen ist,  sie  überall  von  den  reiserförmigen  Fortsätzen  der 
Ganglienzellen  (S.  307)  zu  unterscheiden,  ja  dass  Einzelne  sogar 
einen  Zusammenhang  zwischen  beiden  angenommen  haben.  Diese 
Schwierigkeit  ist  namentlich  dadurch  bedingt,  dass  die  gliösen 
Fäserchen  an  zahlreichen  Stellen  ein  feines  Netzwerk  bilden,  wel- 
ches sich  den  Hirnzellen  so  eng  anschliesst,  dass  man  Mühe  hat, 
die  Ausläufer  dieser  Zellen,  welche  gleichfalls  fibrillär  sind,  von 
den  intercellularen  Fibrillen  zu  trennen.  Verhältnissmässig  am 
nächsten  unter  den  Geweben  der  Bindesubstanz  steht  das  Schleim- 
gewebe. 

Gewiss  ist  es  von  erheblicher  Wichtigkeit  zu  wissen,  dass 
in  allen  nervösen  Theilen,  sowohl  den  centralen,  als  den  periphe- 
rischen, ausser  den  eigentlichen  Nervenelementen  noch  ein  zweites 
Gewebe  vorhanden  ist,  welches  sich  anschliesst  an  die  grosse 
Gruppe  von  Bildungen,  welche  den  ganzen  Körper  durchziehen, 
und  welche  wir  in  den  früheren  Capiteln  als  Gewebe  der  Binde- 
substanz kennen  gelernt  haben.  Spricht  man  von  pathologischen 
oder  physiologischen  Zuständen  des  Hirns  oder  Rückenmarks,  so 
handelt  es  sich  zunächst  immer  darum,  zu  erkennen,  in  wieweit 
dasjenige  Gewebe,  welches  getroffen  ist,  welches  leidet  oder  err^ 
ist,  nervöser  (parenchymatöser,   specifischer)  oder  gliöser  (inter- 


Neuroglia.  323 

stitieller)  Art  ist.  Für  die  Deutung  krankhafter  Processe  gewinnen 
wir  80  von  vornherein  die  wichtige  Scheidung  der  Affectionen  der 
Nerven,  des  Hirns  und  Rückenmarks  in  interstitielle  und  paren- 
chymatöse [nervöse]*),  und  die  Erfahrung  lehrt,  dass  gerade  das 
interstitielle  Gewebe  einer  der  häufigsten  Sitze  krankhafter  Ver- 
änderung, z.  B.  fettiger  Degeneration,  Induration,  Proliferation  ist. 
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  die  Erkrankungen  dieses  inter- 
stitiellen Gewebes  ganz  denen  anderer  Bindcgewebsmassen  glei- 
chen, dass  also  auch  Gehirn,  Rückenmark  und  Nerven  dieselben 
Arten  von  Yeränderang  erfahren  können,  die  an  der  Haut,  der 
Cornea,  dem  interstitiellen  Gewebe  der  Leber  oder  Nieren  vor- 
kommen. 

Innerhalb  der  Neuroglia  verlaufen  die  Gefässe,  welche  daher 
von  der  Nervenmasse  fast  überall  ausser  ihrer  Adventitia  (Lymph- 
scheide) noch  durch  ein  leichtes  Zwischenlager  getrennt  sind  und 
nicht  in  unmittelbarem  Gontact  mit  derselben  sich  befinden.  Die 
Neuroglia  erstreckt  sich  in  der  besonders  weichen  Form,  welche 
sie  an  den  Central- Organen,  besonders  am  Gehirne  hat,  nur  noch 
auf  diejenigen  Theile,  welche  als  direkte  Verlängerungen  der 
Hirnsubstanz  betrachtet  werden  müssen,  nehmlieh  auf  einige  hö- 
here Sinnesnerven.  Der  Olfactorius  und  Acusticus  zeigen  noch 
dieselbe  Beschaffenheit  der  Zwischenmasse,  während  in  den  übri- 
gen Theilen,  selbst  schon  im  Opticus,  eine  zunehmende  Masse 
eines  derberen  Gewebes  auftritt,  welches  den  Charakter  des  Peri- 
neuriums anninunt 

Perineurium  und  Neuroglia  sind  also  äquivalente  Theile,  nur 
dass  die  letztere  eine  weiche,  markige,  gebrechliche,  fast  schlei- 
mige Beschaffenheit  hat,  während  das  erstere  sich  den  fibrösen 
Theilen  anscUiesst.  Das  Neurilem  aber  verhält  sich  zum  Peri- 
neurium, wie  die  Hirn-  und  Rückenmarkshäute  zu  der  Neuroglia. 

Ueberall,  wo  Neuroglia  vorhanden  ist,  zeigt  sich  noch  enie 
ganz  besondere  Eigenthümlichkeit,  welche  sich  bis  jetzt  weder 
chemisch  noch  physikalisch  deuten  lässt;  überall  da  können  nehm- 
lich  jene  eigenthümlichen  Körper  vorkommen,  welche  schon  durch 
ihren  Bau  an  die  Körner  der  Pflanzenstärke  erinnern  und  deshalb 
von  ihrem  Entdecker,  Purkinje,  den  Namen  der  Corpora 
amylacea  (Fig.  103,  a)  erhielten.  Durch  ihre  chemische  Reaction 


*)  Entwickelung  des  Schädel grundes  96,  100. 

21 


324  Vierzehntes  Capitel. 

stellen  sie  sich  den  pflanzUchen  vollständig  an  die  Seite.  Am 
meisten  ausgedehnt  and  am  mächtigsten  liegen  sie  im  Ependyma 
der  Himventrikel  und  des  Spinalkanals,  und  zwar  am  so  reich- 
licher, je  grosser  die  Dicke  der  Ependymaschicht  ist.  Man  findet 
sie  gewöhnlich  an  manchen  Stellen  nar  vereinzelt,  an  anderen 
dagegen  nimmt  ihre  Zahl  so  sehr  za,  dass  die  ganze  Dicke  des 
Ependyms  davon  in  einer  solchen  Weise  eingenommen  ist,  dass 
es  aussieht,  als  wenn  man  ein  Pflaster  vor  sich  hätte.  Die  Cor- 
pora amylacea  treten  aber  merkwürdiger  Weise  auch  unter  pa- 
thologischen Verhältnissen  häufig  in  grosser  Menge  auf,  wenn 
durch  eine  krankhafte  Störung  die  Hasse  der  Neuroglia  im  Ver- 
hältnisse zur  Nenensubstanz  zunimmt,  z.  B.  nach  Processen'  der 
Atrophie  (S.  278).  Bei  der  Tabes  dorsualis,  wie  man  früher 
sagte,  der  gelatinösen  oder  grauen  Atrophie  einzelner  Rücken- 
marksstränge, wie  ich  den  Zustand  genannt  habe*),  findet  man 
in  dem  Maasse,  als  die  Atrophie  fortschreitet,  als  die  Nerven  un- 
tergehen, in  gewissen  Richtungen,  z.  B.  in  den  hinteren  Strängen, 
meist  zunächst  an  der  hinteren  Spalte  keilförmige  Züge,  in  wel- 
chen die  bis  dahin  weisse  Substanz  von  aussen  her  grau  und 
durchscheinend  wird.  Es  sieht  dann  aus,  als  entstände  neue  graue 


Fig.  105. 


Substanz.  Diese  Umwandlung  kann  fortschreiten  und  geht  gewöhn- 
lich in  der  Weise  fort,  dass  der  Keil  immer  höher  und  höher 
steigt  und  zugleich  an  Breite  zunimmt.  In  seinen  Grenzen  schwin- 
det nun  allmählich  die  ganze  markhaltige  Substanz;  man  findet 
keine  deutlichen  Nerven  an  diesen  Stellen  mehr;  dagegen  durch- 


Fip.  105.  Durchschnitt  des  Rückenmarkes  bei  partieller  (lobularer)  erauer 
oder  frelatinöser  Atrophie  (De<reneration).  /  Fissur«  longitudfnalis  posterior, 
9y  8  hintere,  m,  m  vordere  Nervenwuncln,  in  Verbindung  mit  der  grauen  Sub* 
stanz  der  Qr>mer.  In  A  geringere,  in  B  ausgedehnte  Atrophie,  die  sich  in  den 
Hintersträngen  um  die  Mittelspalte  /,  und  bei  /  in  den  Seitenaträngen  teigt. 
Natürliche  Grüsne. 

•)  Archiv  VUI.  143,  540.    X.  192.     XLVUI.  520. 


Corpora  amylacea.  325 

setzt  sich  die  Nenroglia  sehr  Mafig  mit  einer  massenbaften  An- 
bäofang  von  Corpora  amylacea. 

Trotz  dieser  Massenhaftigkeit  ist  es  für  die  Betrachtung  mit 
dem  blossen  Ange  ganz  unmöglich,  irgend  etwas  von  der  Anwe- 
senheit der  Corpora  amylacea  wahrzunehmen.  Man  sieht  weder 
die  einzelnen  Körper,  welche  niemals  zu  einer  makroskopischen 
Grösse  anwachsen,  noch  ihre  Haufen.  Denn  die  Körper  sind  so 
wenig  lichtbrechend,  dass  ihre  Anwesenheit  sich  durch  keiae  grö- 
bere Eigenschaft  oder  Wirkung  bemerkbar  macht.  Sie  lassen  sich 
daher  nur  durch  das  Mikroskop  diagnosticiren. 

Nirgends  im  Körper  hat  man  bis  jetzt  ein  vollständiges  Ana- 
logen dieser  Art  von  Bildungen  gefunden.  Nur  in  denjenigen 
Theilen,  welche  bei  der  embryonalen  Entwickelung  als  direkte 
Ausstülpungen  aus  der  Himsubstanz  hervorgehen,  nehmlich  in 
den  höheren  Sinnesorganen,  wo  ursprünglich  eine  gewisse  Quan- 
tität von  Centralnervenmasse  in  Sinneskapseln  eintrat,  namentlich 
in  dem  Acusticus,  Olfactorius,  Opticus,  in  der  Cochlea  und  Re- 
tina kommen  zuweilen  Corpora  amylacea  vor,  doch  ist  bis  jetzt 
die  chemische  Reaction  an  denen  der  Retina  nicht  gelungen. 
Auch  bei  Thieren  fehlt  es  bis  jetzt  fast  ganz  an  analogen  Beob- 
achtungen, und  erst  in  der  letzten  Zeit  hat  Bütschli  bei  der 
Gregarine,  einer  entozoischen  Monere,  ähnliche  Körper  aufge- 
funden. Sehr  bemerkenswerth  ist  der  Umstand,  dass  auch  der 
Neugeborne  noch  nirgends  Corpora  amylacea  besitzt,  ja  dass  sie 
selbst  bei  der  so  häufigen  congenitalen  grauen  Atrophie  der 
Rückenmarksstränge  fehlen.  Ihre  Entwickelung  beginnt  erst  in 
einer  späteren  Zeit  des  Lebens,  und  man  wird  daher  um  so  eher 
geneigt,  sie  für  ein  pathologisches  Produkt  zu  halten,  als  ihre 
Zahl  und  selbst  ihr  zeitliches  Erscheinen  sehr  wesentlich  durch 
das  Auftreten  pathologischer  Prozesse  bestimmt  wird.  Nichts- 
destoweniger sind  sie  bei  Erwachsenen  so  constant,  dass  man  sie 
als  einen  typischen  Bestandtheil  der  Nenroglia  betrachten  muss. 

Isolirt  man  solche  Körper,  so  zeigen  sie  in  jeder  Beziehung 
eine  so  vollständige  Analogie  mit  pflanzlicher  Stärke,  dass  schon 
lange,  bevor  es  mir  gelang*),  die  Analogie  der  chemischen 
Reaction  zu  finden,  wegen  der  morphologischen  Aehnlichkeit  die 
Bezeichnung  der  Corpora  amylacea  eingeführt  war.    Freilich  hat 


•)  ArchiY  VI.  135,  416.    VIII.  143. 


326  Vierzehntes  Capilel. 

man  von  manchen  Seiten  die  chemische  Uebereinstimmang  der 
thierischen  nnd  pflanzlichen  Ämyloidkörper  bezweifelt;  namentlich 
hatte  Heinrich  Meckel  grosse  Bedenken  dagegen,  indem  er 
vielmehr  eine  Beziehung  der  ersteren  zu  Cholestearin  annahm. 
In  der  neueren  Zeit  ist  aber  selbst  von  Botanikern  vom  Fach  die 
Sache  untersucht  worden,  und  jeder,  der  sich  genauer  damit  be- 
schäftigte, hat  bis  jetzt  dieselbe  Ueberzeugung  gewonnen,  welche 
ich  aussprach.  Nägeli  erklärt  die  Körper  des  Grehirns  für  ganz 
veritable  Stärke. 

Morphologisch  erscheinen  sie  entweder  als  ganz  runde,  regel- 
mässig geschichtete  Körper,  oder  das  Centrum  sitzt  etwas  seitlich, 
oder  es  sind  Zwillingskörper;  meist  sehen  sie  mehr  homogen, 
blass,  mattglänzend,  wie  fettartig  aus.  Behandelt  man  sie  mit 
Jod,  so  färben  sie  sich  blassbläulich  oder  graublau,  wobei  freilich 
die  richtige  Concentration  des  Reagens  sehr  viel  ausmacht.  Setzt 
man  hinterher  Schwefelsäure  zu,  so  bekommt  man  bei  regelrech- 
ter Einwirkung,  am  besten  bei  sehr  langsamer  Einwirkung  des 
Reagens  ein  schönes  Blau.  Wirkt  Schwefelsäure  stark  ein,  so  er- 
hält man  eine  violette,  schnell  braunroth  oder  schwärzlich  wer- 
dende Färbung,  welche  von  der  Färbung  der  Nachbartheile  sich 
auf  das  Entschiedenste  absetzt,  denn  diese  werden  gelb  oder 
höchstens  gelbbraun. 

Mit  den  Corpora  amylacea  darf  eine  in  ihrer  Nachbarschaft 
häufig  vorkommende  und  in  morphologischer  Beziehung  ihnen  sehr 
nahe  stehende  Art  von  Bildungen  nicht  verwechselt  werden,  nehm- 
lich  die  Körner  des  Gehirnsandes.  Am  längsten  kennt  man 
dieselben  aus  der  Basis  der  Zirbel  (Conarium,  Glandula  pinealis), 
wo  sie  in  einem  grösseren  Häufchen,  dem  von  den  Gebrüdern 
Wenzel  sogenannten  Accrvulus  zu  liegen  pflegen.  Jedoch  sind 
sie  manchmal  durch  einen  grossen  Theil  der  Substanz  der  Zirbel 
zerstreut.  Xächstdem  fand  man  sie  in  den  Plexus  choroides,  na- 
mentlich in  dem  sogenannten  Glomus,  wo  sie  pathologisch  zu- 
weilen gleichfalls  grosse  Haufen  bilden.  Ich  habe  indess  gezeigt, 
dass  sie  auch  an  zahlreichen  anderen  Stellen  der  Hirnhäute,  und 
zwar  sow^ohl  der  Pia,  als  der  Dura  mater,  unter  pathologischen 
Verhältnissen  in  Lymphdrüsen  und  an  serösen  Häuten  vorkom- 
men*).   Jedenfalls  finden  sie  sich  physiologisch  niemals  im  Innern 


•)  Würzburger  Verhandl.  I.  144.    II.  53.     VII.  228.     Geschwülste  II.  107. 


Sandkörper  der  Hirnhäute.  327 

der  nervösen  Theile;  ihr  Vorkommen  ist  streng  gebunden  an  die 
Hänte.  Diese  Sandkörper  (Corpora  arenacea)  bestehen,  wie  die 
Corpora  amylacea,  ans  concentrischen  Schichten,  aber  sie  werden 
sehr  schnell  der  Sitz  einer  Ealkablagerung,  welche  sie  allmählich 
|];anz  nnd  gar  durchdringt.  Löst  man  die  Ealksalze  durch  Säuren, 
so  bleibt  ein  streifiges  Gerüst  einer  lamellären  organischen  Sub- 
stanz, welche  niemals  Jod-  oder  Jod-Schwefelsäure-Keaction  gibt. 
Auch  ihre  beträchtliche  Grösse,  welche  schnell  makroskopisch 
wird,  gestattet  leicht  ihre  Unterscheidung  von  den  Corpora  amy- 
lacea. Dagegen  kommen  sie  darin  mit  den  letzteren  überein, 
dass  sie  beim  Neugebomen  noch  nicht  vorhanden  sind,  sondern 
sich  erst  im  Laufe  des  extrauterinen  Lebens  entwickeln. 


Fünfeelmtes  Capitel. 

Leben  der  Elemente.    Thätigkeit  nnd  Betzbarkelt. 


Dat  L«bea  der  eioulnea  Theile.  Die  Einheit  der  Neuristeo.  Einw&nde  dr^e^en.  Uythologiscbe 
Natur  der  n«uristi»<<hen  Lehren.  Aniaiiemne:  Arrhaeim,  Z«llenseeie.  Das  BewoMtaein.  Die 
Th&tigkeit  der  einzelnen  Theile.  Begriff  der  Reiiuui;:  raasion  und  Action.  Die  Erregbarkeit 
(Reitbarkeit)  alt  allgemeines  Kriterinm  des  Lebeni.  Partieller  Tod:  Nekrobloa«  und  Nekroae. 
Nlobterregbarkeit  der  IntereellularsnbstanB. 

Verrichtung,  Ernährung  and  Bildung  als  allgemeine  Formen  der  Lebensthatigkeit.  Verecbiedenbeit 
der  Reiibarkelt  Je  nach  diesen  Formen. 

Fnnrtionelle  Reiabarkelt.  NerT,  lluakei,  Flimmerepithel,  Drüsen.  Ermndnng  und  fanctlovell« 
Restitation.  Reiamlttel.  8peeifisehe  Beilehung  derselben.  Mu^kelirritabilitit.  Geringer  prak* 
tiseher  Werth  derselben. 

NerTcnirritabilltaL  Grosse  Bedeutung  derselben.  Palsehe  Deutung  derselben  als  Empfindllcbkeit 
oder  als  Coutrac  tili  tat.  Innervation.  Bewusste  und  unbewusste  Empfindungen.  NerTenkraft 
(SerTcnsrele,  NeurilitatV  Hperifische  Unterschiede  der  constituireaden  Theile  des  Nerve»- 
Systems.  Die  Leitung  der  Electricit&t  als  Zubehftr  der  Nervenfasern ,  die  Sammiong  (Hen» 
mnng,  Verstärkung)  und  Lenkung  als  ZabehSr  der  Ganglionaellen.  Iloderatlons •  Einrich- 
tungen. Itistinctivcs  und  intellectucUes  Leben.  Bewasstsein.  Nothvendigkeit  einer  histolo- 
gischen Localisatlon  der  nerTosen  Functionen.  Erregung  der  Ganglienseilen :  rerscbiedeoe 
Energie  und  verschiedene  Combination  (Sjnergie)  derselben.  Spannung  und  Entladung  voo 
Ganglienzellen.  Ps>chologi.sehe  Auffassung  der  Affecte  nnd  Triebe.  Die  patholoKische  Nervea- 
function:  quantitative  Abvreichung  (Krampf,  Lähmung)  und  comblnatorische  Abvreicbaag 
^Epilepsie). 

Drusen-Irritabilitat.    Verschiedene  Gruppen  von  Drüsen  Je  nach   dem  Typus  der  Serretioa.     Die 
Drüsen  mit  persistenten  Zellen:  Leber,  Nieren.     Glyko^reuie. 

Automatische  Elemente.  Geschichtliches.  Sarkode,  I'rottiplasma.  AmSboide  Er^ebeinuagen.  Bo- 
wegliche  Zellen.  Verwechielungen  des  Automatismus  mit  den  Wirkungen'  physikalischer  Os- 
mose (Kchrunpfung  nnd  Schwelinng).  Aeussere  (icstalt Veränderungen  mit  Aussenden  and 
Einsiehen  von  Fortsitsen  (Polymorphismus);  innere  Molerularbewe:;ung,  Vacuolenbilduag, 
Abschnürong  von  Theilen  des  Zollkorpers.  Bef««ti^te  (fixe)  und  bewegliche  «mobile)  Zeilen. 
Wanderung  und  llobilislrnng  der  Zellen.  Vnracilät:  Biutkorperchenhaltige  Zellen.  Ileduai- 
•ches  Eindringen  von  fremden  Korpern  in  Zellen.  Der  Automatismu!»  als  Merkmal  der  Iiri* 
tabilität. 

Die  pathologischen  Abvreichongea  der  Function:  Mangel  (De(ect\  Schwächung  und  Btcigemag. 
Absolute  Zurückweisung  der  Annahme  qualitativer  Ueterolo({ie. 


Einheit  der  Nearisten.  329 


Wenn  man,  wie  es  in  den  vorhergehenden  Capiteln  versucht 
worden  ist,  die  gesammte  histologische  Einrichtung  des  Körpers 
überblickt,  so  scheint  es  mir,  man  müsse  mit  Nothwendigkeit  zu 
demjenigen  Schlüsse  geführt  werden,  der,  meiner  Ansicht  nach, 
als  Ausgangspunkt  für  alle  weiteren  Betrachtungen  zu  dienen 
hat,  welche  über  Leben  und  Lebensthätigkeit  angestellt  werden, 
zu  dem  Schlüsse  nehmlich,  dass  jeder  Theil  des  Körpers  eine 
Hehrheit  von  kleineu  wirkungsfähigen  Centren  oder  Elementen 
darstellt,  und  dass  nirgends,  soweit  unsere  Erfahrung  reicht,  ein 
einfacher  anatomischer  Mittelpunkt  existirt,  von  dem  aus  die 
Thätigkeiten  des  Körpers  in  einer  erkennbaren  Weise  geleitet 
werden*).  Schon  nach  den  Erfahrungen  des  täglichen  Lebens,  die 
einem  Jeden  fast  von  selbst  zufliessen,  ist  dies  die  einzige  Deu- 
tung, welche  zugleich  ein  Leben  der  einzelnen  Theile  und  ein 
Leben  der  Pflanze  anzunehmen  gestattet.  Sie  allein  setzt  uns  in 
den  Stand,  eine  Vergleichung  anzustellen  sowohl  zwischen  dem 
Gesammtleben  des  entwickelten  Thieres  und  dem  Einzelleben 
seiner  kleinsten  Theile,  als  auch  zwischen  dem  Ganzen  des  Pflan- 
zenlebens und  dem  Leben  der  einzelnen  Pflanzentheile.  Sie  macht 
es  endlich  möglich,  die  Entwickelimgsgcschichte  des  Eies  und 
des  Fötus  auf  dieselben  Grundgesetze  zurückzuführen,  welche 
für  das  spätere  Leben  und  die  krankhafte  Störung  Gültigkeit  ha- 
ben. Und  das  ist  das  Hauptkriterium,  nach  welchem 
wir  den  Werth  einer  biologischen  Theorie  beurtheilen 
müssen. 

Die  entgegenstehende  Auffassung,  welche  noch  vor  Kurzem 
mit  einer  gewissen  Energie  heraustrat,  diejenige,  welche  im  Ner- 
vensystem den  eigentlichen  Mittelpunkt  des  Lebens  sieht,  hat  die 
überaus  grosse  Schwierigkeit  vor  sich,  dass  sie  in  demselben  Ap- 
parate, in  welchen  sie  die  Einheit  verlegt,  die  gleiche  Zerspaltung 
in  unzählige,  einzelne  Centren  wiederfindet,  welche  der  übrige  Kör- 
per darbietet,  und  dass  sie  an  keinem  Punkte  des  Nervensystems 
den  wirklichen  Mittelpunkt  aufzuweisen  vermag,  von  welchem,  als 
von  einem  bestimmenden,  alle  Theile  derselben  beherrscht  würden. 

Man  hat  gut  reden,  dass  das  Nervensystem  die  Einheit  des 

*)  Archiv  IV.  376.    VIU.  15.    IX.  34.    Gesammelte  Abhandl.  50. 


38ü  Fünfzehntes  Capitel. 

Körpers  bewirke,  insofern  allerdings  kein  anderes  System  vorban- 
den ist,  welches  sich  einer  so  vollkommenen  Verbreitung  dnrch 
die  verschiedensten  peripherischen  nnd  inneren  Organe  erfreat. 
Allein  selbst  diese  weite  Verbreitung,  selbst  die  vielfachen  Ver- 
bindungen, die  zwischen  den  einzelnen  Theilen  des  Nervenappa- 
rates bestehen,  sind  keinesweges  geeignet,  um  ihn  als  einfaches 
Gentrum  aller  organischen  Thätigkeiten  erscheinen  zu  lassen.  Wir 
haben  im  Nervenapparate  bestimmte  kleine,  zellige  Elemente  ge- 
funden, welche  als  Mittelpunkte  der  Bewegung  dienen,  aber  wir 
finden  nicht  Eine  einzelne  Ganglienzelle,  von  welcher  alle  Bewe- 
gung in  letzter  Instanz  ausginge;  die  verschiedensten  einzelnen 
motorischen  Apparate  stehen  auch  mit  den  verschiedensten  ein- 
zelnen motorischen  Ganglienzellen  in  Beziehung.  Allerdings  sam- 
meln sich  die  Empfindungen  an  bestimmten  Ganglienzellen,  allein 
auch  hier  finden  wir  keine  einzelne  Zelle,  welche  etwa  als  Cen- 
trum aller  Empfindung  bezeichnet  werden  könnte,  sondern  wieder 
sehr  viele  kleinste  Centren. 

Die  Neuristen  (ich  wähle  diese  Bezeichnung  der  Kurze  we- 
gen für  die  Anhänger  der,  am  meisten  in  gewissen  neuropatholo- 
gischen  Werken  niedergelegten  Ansicht  von  der  dominirenden  Be- 
deutung des  Nervensystems)  haben  sich  ihre  Sache  dadurch  leicht 
gemacht,  dass  sie  nachzuweisen  versuchten,  wie  alle  Lebensthätig- 
keit  vom  Nervensystem  aus  angeregt,  alle  einzelnen  Lebensver- 
ricbtungen  durch Nerveneinfluss (Innervation) hervorgerufen  wür- 
den. Dass  von  diesem  Standpunkte  aus  die  Geschichte  der  EizeUe 
und  aller  ihrer  Tochterelemente  bis  zu  dem  Zeitpunkte  hin,  wo 
Nerven  existiren,  einfach  bei  Seite  geschoben  werden  muss,  liegt 
auf  der  Hand.  Dass  auch  im  entwickelten  Individuum  die  Lebens- 
vorgänge aller  derjenigen  Theile,  in  denen  wir  bis  jetzt  noch 
keine  Nerven  kennen,  —  ich  erwähne  nur  die  Knorpel,  die  Linse, 
den  Glaskörper,  —  als  nicht  vorhanden  betrachtet  werden  müssen, 
bedarf  keines  Beweises.  Aber  wenn  man  auch  annehmen  wollte, 
wozu  die  ungeahnten  Entdeckungen  der  letzten  Jahre  im  Gebiete 
der  feinsten  Anatomie  der  Nerven  einen  scheinbaren  Grund  dar- 
bieten, dass  es  bei  weiterer  Forschung  gelingen  werde,  in  allen 
Theilen  des  ausgewachsenen  Körpers  Nerven  aufzufinden,  so  sind 
wir  doch  noch  fern  davon,  beweisen  zu  können,  dass  jeder  ein- 
zelne Theil  von  diesen  Nerven  beeinflusst  wird.  Die  blosse  Exi- 
stenz eines  Nerven  beweist  doch  noch  nicht,  dass  er  eine  Ein- 


Mythologischer  Charakter  des  Neurismus.  331 

Wirkung  auf  seine  Nachbarschaft  ausübt.  Die  Enden  des  Geruchs- 
nerven  treten,  wie  wir  sahen  (S.  289),  bis  zwischen  die  Epithel- 
zellen der  Regio  olfactoria,  aber  sie  „riechen^  eben,  und  es  wäre 
kühn,  wenn  man  sofort  annehmen  wollte,  dass  sie  ausserdem  das 
benachbarte  Epithel  innerviren. 

Wir  können  aber  noch  mehr  zugestehen.  Selbst  wenn  dar- 
gethan  würde,  dass  jeder  einzelne,  noch  so  kleine  Theil  des  Kör- 
pers innervirt  wird,  so  folgt  daraus  noch  keineswegs,  dass  in 
dieser  Innervation  das  ganze  Leben  der  Theile  enthalten  ist.  Die 
Blutkörperchen  sind  gewiss  ohne  irgend  eine  direkte  Verbindung 
mit  Nervenfasern,  sowohl  die  rothen,  als  die  farblosen;  nichts- 
destoweniger kann  man  sich  vorstellen,  dass  von  den  Nerven  aus 
auf  sie  eine  Einwirkung,  etwa  eine  elektrische,  ausgeübt  werde. 
Allein  hören  die  Blutkörperchen  auf  zu  leben,  wenn  wir  sie  diesen 
Emwirkungen  entziehen?  Kespiriren  nicht  die  rothen  Blutkörper- 
ehen auch  ausserhalb  des  Körpers?  Fahren  die  farblosen  nicht 
unter  dem  Mikroskope  fort  sich  zu  bewegen?  Der  Gedanken- 
gang der  Neuristen  ist  ein  vollständig  mythologischer. 
Wie  sie  heute  die  Gewebe  des  Körpers  im  Verhältnisse  zu  dem  Ner- 
vensystem betrachten,  so  betrachteten  die  Naturvölker  die  lebenden 
Individuen  im  Verhältnisse  zu  der  Sonne,  und  gewiss  mit  eben  so 
viel  Recht.  Wärme  und  Licht  sind  die  „belebenden*'  Faktoren  der 
Welt.  Leben  ist  ohne  Licht  und  Wärme  unmöglich.  Das  Calidum 
innatum  der  altgriechischen  Philosophen  führte  ganz  consequent 
zu  der  Sonne  hin.  Sollen  wir  nun  aber  dabei  stehen  bleiben, 
dass  jede  unserer  Lebensverrichtungen  von  der  Sonne  abhängig 
sei?  Dass,  weil  die  Sonne  eine  nothwendige  Vorbedingung  alles 
Lebens  ist,  auch  das  ganze  Leben  nichts  als  Sonnenwirkung  sei? 
Ein  solcher  Sonnendienst  wäre  jedebfalls  dem  Nervendienste  noch 
vorzuziehen,  denn  wir  gewinnen  hier  wenigstens  eine  andere  Ein- 
heit, als  in  dem  Nervensystem. 

Denn  das  Nervensystem  ist  eben  ein  System,  d.  h.  ein  aus 
vielen  wirkenden  Theilen  zusammengesetztes  Ganzes.  Wenn  wir 
zunächst  aus  ihm  das  Rückenmark  als  den  für  die  gewöhnlichen 
Lebensvorgänge  des  Wirbelthierkörpers  am  meisten  bestimmen- 
den Theil  auslösen,  so  wird  niemand  leugnen  können,  dass  wir 
hier  eine  Art  von  Mittelpunkt  (genauer  Mittelglied)  finden,  zu 
dem  zahllose  Ströme  hingehen  und  von  dem  eben  so  zahllose 
Ströme  ausgehen.  Aber  sicherlich  ist  dieser  Mittelpunkt  kein  ein- 


332  Fünfzehutes  Capitel. 

heitlicher  im  philosophischen  Sinne,  und  unsere  Neuristen  fiber- 
sehen nur  zu  leicht,  dass  selbst  materiell  hier  jene  Einheit  nicht 
zu  finden  ist,  welche  sie  suchen.  Man  kann  das  Rückenmark  in 
eine  gewisse  Zahl  von  Abschnitten  zerlegen,  von  denen  jeder  ein- 
zelne gewisse  peripherische  Theile  innervirt  und  auch  noch  nach 
der  Zerlegung  zu  innerviren  fortfährt.  Aber  mit  jedem  Schnitte 
durch  das  Rückenmark  schaffen  wir  uns  ein  getrenntes  „System^, 
eine  immer  grössere  Zahl  gesonderter  „Mittelpunkte^. 

Mit  dem  Gehirn  ist  es  nicht  anders.  Die  Anatomie  „zerlegt*^ 
es  in  eine  grosse  Zahl  besonderer  Provinzen  mit  specifischer 
Tbätigkeit,  von  denen  jede  ihr  eigenes  Leben  lebt,  und  in  diesen 
Provinzen  kommen  wir  endlich  auf  jene  Milliarde  kleinster 
Ileerde  oder  Elemente,  welche  wir  vor  Kurzem  zum  Gregenstande 
unserer  Betrachtung  gemacht  haben.  Nirgends  in  der  körperlichen 
Einrichtung  ist  hier  eine  wirkliche  Einheit,  und  selbst  der  Le- 
bensknoten  (noeud  vital)  von  Flourens  hilft  uns  nicht  über  die 
materielle  Schwierigkeit  hinweg.  Denn  er  beweist  nur,  dass  ge- 
wisse, für  das  Collectivleben  des  Körpers  unentbehrliche  Functio- 
nen, namentlich  die  Thätigkeit  des  Vagus,  auf  eine  gewisse 
Gruppe  von  Ganglienzellen  zurückgeführt  werden  kann. 

Der  Neurismus  führt  daher  zu  dem  ersehnten  Ziele  nicht. 
Man  muss  alsdann  über  das  Körperliche  hinaus  gehen  und  mit 
dem  alten  Georg  Ernst  Stahl  in  den  Hafen  des  Animismus 
einlaufen.  Nur  die  immaterielle  Seele  bietet  die  Möglichkeit  einer 
wirklichen  Einheit.  Aber  diese  Wirklichkeit  ist  nur  eine  gedachte. 
Sie  ist  nicht  mehr  Gegenstand  der  naturwissenschafdicheu  Beob- 
achtung, der  Messung,  des  Experiments.  Auch  genügt  die  Eine 
Seele  nicht  zur  Erklärung  des  Lebens  der  einzelnen  Theile.  Man 
muss  dann  noch  einen  Schritt  weiter  rückwärts  machen  und  mit 
Paracelsus  und  van  Helmont  jedem  einzelnen  Theile  seine  be- 
sondere Seele,  seinen  Archaeus  sichern.  Wie  man  von  der  Ge- 
hirnsecle  zu  der  Rückenmarksseele  gelangt  ist,  so  konunt  man 
bei  der  heutigen  Kenntniss  der  Dinge  nothwendig  zu  einer  oder 
eigentlich  zu  zahllosen  Zellenseelen.  Die  Eizelle  nimmt  diese 
Seele  von  der  Mutter  mit  und  überträgt  sie  auf  die  unendliche 
Brut  von  neuen  Zellen,  welche  sie  ihrerseits  hervorbringt,  bis  die- 
selbe sich  in  den  Ganglienzellen  des  neuen  Gehirns  wieder  zu 
einer  Gehirnseele  entfaltet. 

Man  bewegt  sich  hier  in  einem  Kreise.    Wie  man  es  auch 


Leben  der  einzelnen  Theile.  333 

anfängt,  um  zur  Einheit  zn  gelangen,  immer  langt  man  wieder 
bei  der  Vielheit  an.  Sind  das  Lebensprineip  und  die  Seele  iden- 
tisch, so  ist  auch  die  Seele  in  jedem  einzelnen  Theile.  Die  Er- 
fahrungen des  Nervenlebens  gestatten  es  am  allerwenigsten,  das 
Lebensprineip  auf  eine  einzelne  Stelle  zu  localisiren.  Alle  Thä- 
tigkeiten,  welche  vom  Nervensystem  ausgehen,  und  gewiss  sind 
es  sehr  viele,  lassen  uns  nirgends  anders  eine  Einheit  erkennen, 
als  in  unserem  eigenen  Bewusstsein  *} ;  eine  anatomische  oder 
physiologische  Einheit  ist  wenigstens  bis  jetzt  nirgends  nachweis- 
bar. Und,  wie  gesagt,  könnte  man  wirklich  in  dem  Nervensystem 
mit  seinen  zahlreichen  einzelnen  Centren  den  Mittelpunkt  aller 
organischen  Thätigkeit  nachweisen,  so  würde  man  damit  nicht 
gewonnen  haben,  was  man  sucht,  die  einfache  Einheit.  Macht 
man  sich  die  Gründe  klar,  die  uns  zu  dem  Aufsuchen  einer  sol- 
chen Einheit  veranlassen,  so  kann  es  nicht  zweifelhaft  sein,  dass 
wir  durch  die  geistigen  Phänomene  unseres  Ichs  immerfort  irre 
geführt  werden  in  der  Deutung  der  organischen  Vorgänge.  Da 
wir  uns  selbst  als  etwas  Einfaches  und  Einheitliches  fühlen,  so 
folgern  wir,  dass  von  diesem  selben  Einheitlichen  alles  Andere 
bestimmt  werden  müsse. 

Man  verfolge  aber  doch  einmal  die  Entwickelung  einer  be- 
stimmten Pflanze  von  ihrem  ersten  Keime  bis  zu  ihrer  höchsten 
Entfaltung;  hier  trifft  man  eine  ganz  analoge  Reihe  von  organi- 
schen Vorgängen,  wie  bei  der  Entwickelung  eines  Thieres,  ohne 
dass  man  auch  nur  vermutben  könnte,  es  bestände  eine  solche 
Einheit,  wie  wir  sie  unserem  Bewusstsein  nach  in  uns  voraus- 
setzen. Niemand  ist  im  Staude  gewesen,  ein  Nervensystem  bei 
den  Pflanzen  zu  zeigen;  nirgend  hat  man  gefunden,  dass  von 
einem  einzigen  Punkte  aus  die  ganze  entwickelte  Pflanze  be- 
herrscht werde.     Alle  heutige  Pflanzenphysiologie  beruht  auf  der 

« 

Erforschung  der  Zellenthätigkeit,  und  wenn  man  sich  immer  noch 
sträubt,  dasselbe  Princip  auch  in  die  thierische  Oekonomie  einzu- 
führen, so  ist,  wie  ich  glaube,  gar  keine  andere  Schwierigkeit  da, 
als  die,  dass  man  die  ästhetischen  und  moralischen  Bedenken 
nicht  zu  überwinden  vermag. 

Es  kann  natürlich  an  diesem  Orte  unsere  Sache  nicht  sein, 
diese  Bedenken  zu  widerlegen  oder  zu  zeigen,  wie  sie  sich  ver- 


•)  Gesammelte  Abhandl.  14,  IG.     Archiv  VII.  18. 


334  Fünfzehntes  Gapitel. 

mitteln  Hessen;  icb  hatte  nur  zu  zeigen,  wie  sowohl  die  Physio- 
logie, als  die  Pathologie,  die  uns  zunächst  interessirt,  überall  anf 
dasselbe  cellalare  Princip  zurückführt,  und  wie  dieses  Princip 
überall  den  einheitlichen  Auffassungen  widerstreitet,  welche  man 
vom  neuristischen  Standpunkte  ans  behauptet.  Es  ist  dies  im 
Grunde  kein  neuer  und  ungewöhnlicher  Gedanke.  Wenn  man  seit 
Jahrtausenden  von  einem  Leben  der  einzelnen  Theile  spricht, 
wenn  man  den  Satz  zulässt,  dass  unter  krankhaften  Verhältnissen 
ein  Absterben  einzelner  Theile,  eine  Nekrose,  ein  Brand  eintreten 
kann,  während  das  Ganze  noch  fortexistirt,  so  geht  daraus  her- 
vor, dass  etwas  von  imserer  Art  zu  denken  in  der  allgemeinen 
Auffassung  längst  gegeben  war.  Nur  ist  man  sich  darüber  nicht 
vollkommen  klar  geworden.  Spricht  man  von  einem  Leben  und 
Sterben  der  einzelnen  Theile,  so  muss  man  auch  wissen,  worin 
das  Leben  und  Sterben  sich  äussert,  wodurch  sie  wesentlich  cha- 
rakterisirt  sind. 

Das  Gharakteristicum  des  Lebens  finden  wir  in  der  T  bat  ig- 
keit,  und  zwar  einer  Thätigkeit,  zu  der  jeder  einzelne  Theil  je 
nach  seiner  Eigenthümlichkeit  etwas  Besonderes  beiträgt,  inner- 
halb deren  er  aber  auch  immer  etwas  besitzen  muss,  welches  mit 
dem  Leben  der  übrigen  Theile  übereinstimmt.  Wäre  dies  nicht 
der  Fall,  so  würden  wir  keine  Berechtigung  haben,  das  Leben  als 
etwas  Gleichartiges,  als  eine  gemeinsame  Eigenschaft  alles  Orga- 
nischen zu  betrachten. 

Diese  Thätigkeit  (Action)  des  Lebens  geht,  so  viel  wir  we- 
nigstens beurtheilen  kOnnen,  nirgends,  an  keinem  einzigen  Theile 
durch  eine  ihm  etwa  von  Anfang  an  zukommende  und  ganz  in 
ihm  abgeschlossene  Ursache  vor  sich,  sondern  überall  sehen  wir, 
dass  eine  gewisse  Erregung  dazu  nothwendig  ist.  Jede  Lebens- 
thätigkeit  setzt  eite  Erregung,  wenn  man  will,  eine  Reizung 
voraus.  Diese  besteht  in  einer  passiven  Veränderung  (passio, 
pathos),  welche  das  lebende  Element  durch  eine  äussere  Einwir- 
kung erfährt,  welche  aber  nicht  so  gross  ist,  dass  die  wesentliche 
Einrichtung  des  Elementes  dadurch  gestört  wird.  Auf  diese  pas- 
sive Veränderung  (Irritamentum)  folgt  ein  activer  Vorgang, 
eine  positive  Leistung  des  Elementes  selbst,  von  der  wir  an- 
nehmen, dass  sie  aus  den  lebendigen  Eigenschaften  des  Elementes 
als  ein  selbständiges  Ereigniss  folge.    Daher  erscheint  uns   die 


Nekrobiose  nnd  Nekrose.  335 

Erregbarkeit  der  einzelnen  Theile  als  das  Eriterinm,  wonach 
wir  beurtheilen,  ob  der  Theil  lebe  oder  nicht  lebe*). 

Ein  abgestorbener  Theil  zeigt  allerdings  auch  anatomisch 
häufig  grosse  Veränderungen.  Ich  habe  in  dieser  Beziehung  zwei 
grössere  Gruppen  unterschieden.  In  der  einen  Gruppe,  welche  die 
Nekrobiose**)  umfasst,  gehen  dem  Absterben  schon  gewisse 
Veränderungen  der  organischen  Einrichtung  voraus,  welche  zu 
einer  Zerstörung,  häufig  zu  einer  wirklichen  Zertrümmerung 
(Detritus)  der  Elemente  führen.  Am  Schlüsse  des  Processes 
findet  sich  der  organische  Theil  gar  nicht  mehr  vor:  es  ist  ein 
Defect  vorhanden.  In  der  anderen  Gruppe,  welche  die  eigentliche 
Nekrose  liefert,  stirbt  der  Theil  ab,  ohne  dass  seine  äussere 
Erscheinung  eingreifende  Veränderungen  erfährt ;  relative  Integrität 
der  Form  ist  das  unterscheidende  Merkmal.  Freilich  kann  der 
nekrotische  Theil  nachher  wesentliche  Veränderungen  erfahren, 
aber  dieses  sind  cadaveröse  Veränderungen,  und  ihr  Eintritt 
kann  sich  verhältnissmässig  sehr  lange  verzögern.  An  Hartgebil- 
den, namentlich  Knochen,  ist  dies  hinreichend  bekannt;  dasselbe  gilt 
aber  auch  für  Weichgebilde  und  selbst  für  ganz  zarte,  mindestens 
für  die  erste  Zeit  nach  ihrem  Absterben.  Ob  ein  Nerv  lebe  oder 
todt  sei,  das  können  wir  unmittelbar,  durch  seine  anatomische 
Betrachtung,  keineswegs  mit  Sicherheit  erkennen,  wir  mögen  ihn 
nun  mikroskopisch  oder  makroskopisch  untersuchen.  In  der  äusse- 
ren Erscheinung,  in  den  gröberen  Einrichtungen,  die  wir  mit  un- 
seren Hülfsmitteln  entziffern  können,  ist,  wenn  wir  frisch  abge- 
storbene Nerven  in  Betracht  ziehen,  keine  Möglichkeit  gegeben, 
eine  solche  Unterscheidung  zu  machen.  Ob  ein  Muskel  lebt  oder 
abgertorben  ist,  können  wir  anatomisch  kaum  beurtheilen,  da  wir 
die  Muskelstructur  noch  erhalten  finden  an  Theilen,  welche  schon 
seit  Jahren  abgestorben  sind.  Ich  habe  in  einem  Kinde,  welches 
bei  einer  Extrauterinschwangerschaft  30  Jahre  im  Leibe  seiner 
Mutter  gelegen  hatte,  die  Structur  der  Muskeln  so  intact  gefun- 
den, wie  wenn  das  Kind  eben  erst  ausgetragen  gewesen  wäre  ***). 
Czermak  hat  Theile  von  Mumien  untersucht  und  an  ihnen  eine 
Reihe   von   Geweben   gefanden,   welche   so   vollständig   erhalten 


♦)  ArchiY  IV.  285.    VIII.  37.    IX.  51.    XIV.  1. 
••)  Handb.  der  spec.  Pathologie  und  Ther.  I.  273,  279,  306. 
♦♦♦)  Würzb.  Verhandl.  I.  104.    Gesammelte  Abhandl.  791. 


336  Fünfzehntes  Capiiel. 

waren,  dass  man  sehr  wohl  hätte  anf  den  SchlusB  kommen  kön- 
nen, diese  Theile  wären  ans  einem  lebenden  Körper  hergenommen. 
Der  Begriff  des  Todten,  des  Abgestorbenen,  Nekrotischen  beruht 
ja  eben  darauf,  dass  wir  bei  und  trotz  der  Erhaltung  der  Form 
nicht  mehr  die  Erregbarkeit  finden*).  Am  deutlichsten  hat  sieh 
diese  Erfahrung  gerade  in  der  neueren  Zeit  bei  den  Untersuchun- 
gen über  die  feineren  Eigenschaften  der  Nerven  gezeigt.  Er^t 
nachdem  man  auch  am  sogenannten  ruhenden  Nerven  durch  die 
Untersuchungen  du  Bois-Reymond's  eine  Thätigkeit  kennen 
gelernt,  nachdem  mau  eingesehen  hat,  dass  auch  in  dem  ruhen-  . 
den  Nerven  fortwährend  elektrische  Vorgänge  stattfinden,  dass  er 
fortwährend  eine  Wirkung  auf  die  Magnetnadel  ausübt,  kann  man 
mit  Sicherheit  durch  das  physikalische  Experiment  beurtheilen, 
wann  der  Nerv  todt  ist.  Denn  sowie  der  Tod  eingetreten  ist, 
hören  jene  Eigenschaften  auf,  welche  untrennbar  mit  dem  Leben 
des  Nerven  verbunden  sind. 

Diese  Eigenschaft  der  Erregbarkeit,  welche  wir  an  einzelnen 
Theilen  in  einer  so  ausgesprochenen  und  so  evident  nachweisbaren 
Weise  finden,  tritt  immer  mehr  zurück,  je  niedriger  organisirt  der 
Theil  ist,  und  am  wenigsten  sicher  sind  unsere  Kriterien  an  den 
Geweben,  welche  die  Bindegewebsformation  umfasst.  Hier  sind 
wir  in  der  That  häufig  in  grosser  Verlegenheit,  zu  entscheiden, 
ob  ein  Theil  lebt  oder  ob  er  schon  abgestorben  ist.  Es  erklärt 
sich  diese  Schwierigkeit  aus  dem  Umstände,  dass  diese  Gewebe  in 
der  Regel  ihrer  Hauptmasse  nach  aus  Intercellularsubstanz  bestehen, 
und  dass,  wenn  wir  sie  auf  ihre  Erregbarkeit  prüfen  wollen,  nur 
die  verhältnissmässig  kleinen  und  spärlichen  Zellen  in  Betracht 
kommen.  Nirgends  ist  Intercellularsubstanz  erregbar. 
Es  ist  dies  eine  überaus  wichtige  Erfahrung,  welche  sowohl 
für  die  physiologische  Deutung  der  Gewebe,  als  auch  für  die 
Lehre  von  dem  Leben  der  einzelnen  Theile  als  einer 
ausschliesslich  cellularen  Eigenschaft  von  grösster  Bedeu- 
tung ist.  Früher  hat  man  immer  mit  dem  ganzen  Gewebe  expe- 
rimentirt;  erst  in  der  neuesten  Zeit  hat  man  angefangen,  auch 
die  experimentelle  Forschung  auf  die  mikroskopischen  Elemente 
zu  richten,  und  es  hat  sich  auch  bei  den  Geweben  der  Binde- 

♦)  Spec.  Pathologie  und  Therapie.     1.    279 


Function,  Nutrition,  Formation.  337 

Substanz  ergeben,  dass  ihre  Zellen,  z.  B.  auf  elektrische  Keizang 
erregbar  sind. 

Wena  man  nun  weiter  analysirt,  was  man  unter  Erregbarkeit 
verstehen  soll,  so  ergibt  sich  alsbald,  dass  damit  die  Eigenschaft 
der  lebenden  Thetle  gemeint  ist,  vermöge  welcher  sie  auf  äussere 
Einwirkung  in  Thätigkeit  gerathen.  Es  sind  aber  die  verschiede- 
nen Thätigkeiten,  welche  auf  irgend  eine  äussere  Einwirkung  her- 
vorgerufen werden  können,  wesentlich  dreierlei  Art*);  und  ich 
halte  es  für  sehr  wichtig,  dass  man  diesen  Punkt  für  die  Grup- 
pirung  physiologischer  und  pathologischer  Vorgänge  bestimmt  ins 
Auge  fasse,  um  so  mehr,  als  er  gewöhnlich  nicht  mit  besonderer 
Deutlichkeit  hervorgehoben  zu  werden  pflegt. 

Entweder  nehmlich  handelt  es  sich  bei  dem  Hervorrufen  einer 
bestimmten  Thätigkeit  um  die  Verrichtung,  oder  um  die  Erhal- 
tung, oder  um  die  Bildung  eines  Theiles:  Function,  Nutrition, 
Formation.  Damach  lassen  sich  sämmtliche  physiologischen  und 
pathologischen  Elementar -Vorgänge  in  drei  grosse  Gruppen  zer- 
legen :  functionelle,  nutritive  (trophische)  und  formative  (plastische). 
Allerdings  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  an  gewissen  Punkten  die 
Grenzen  zwischen  diesen  verschiedenen  Vorgängen  verschwinden, 
dass  insbesondere  zwischen  den  nutritiven  und  den  formativen 
Vorgängen,  und  ebenso  zwischen  den  fanctionellen  und  den  nu- 
tritiven Uebergänge  bestehen,  allein  in  dem  eigentlichen  Akt  un- 
terscheiden sie  sich  doch  ganz  wesentlich,  und  die  inneren  Ver- 
änderungen, welche  der  einzelne  erregte  Theil  erleidet,  je  nach- 
dem er  nur  fungirt,  oder  sich  ernährt,  oder  der  Sitz  besonderer 
Bildungsvorgänge  wird,  sind  erheblich  verschieden*^).  Das  Resultat 
der  Erregung,  oder  wenn  man  will,  der  Reizung  eines  lebenden 
Theiles  kann  also  je  nach  Umstanden  ein  bloss  functioneller  Vor- 
gang sein,  oder  es  kann  eine  mehr  oder  weniger  starke  Ernäh- 
rung des  Theiles  eingeleitet  werden,  ohne  dass  nothwendig  die 
Function  gleichzeitig  erregt  wird,  oder  es  kann  endlich  ein  Bil- 
dungsvorgang einsetzen,  welcher  mehr  oder  weniger  viele  neue 
Elemente  schaut.  Diese  Verschiedenheiten  werden  in  dem  Maasse 
deutlicher,  als  die  einzelnen  Gewebe  des  Körpers  mehr  geeignet 


♦)  ArchiT  XIV.    13. 
•♦)  Spec.  Pathol.  und  Tber.    I.     272.     Archiv  VIII.     27. 

Virebo«,  CelluUr  Paihol.     4.  Anf).  2*2 


338  Fimfzehiitos  Capitel. 

Bind,   dem  einen  oder  dem  anderen  Erregungszustände  zm  ent- 
sprechen. 

Wenn  wir  von  Verrichtungen  der  Thefle  sprechen,  so  re- 
dacirt  sich  bei  einer  gnten  Zahl  von  Geweben  die  wahre  Function 
anf  ein  Minimum.  Wir  wissen  im  Ganzen  sehr  wenig  zu  sagen 
▼on  der  eigentlichen  Function  (im  höheren  Sinne  des  Wortes)  bei 
fast  allen  Geweben  der  Bindesubstanz,  bei  der  grössten  Zahl  der 
Epithelial  -  Elemente.  Wir  können  wohl  sagen,  was  sie  fBr  einen 
Nutzen  haben,  aber  sie  erschienen  bis  vor  Kurzem  iomier  mehr 
als  relativ  träge  Hassen,  welche  weniger  der  eigentlichen  Function 
dienen,  sondern  vielmehr  als  Stutzen  für  den  Körper,  als  Ded^en 
für  die  Oberflächen,  unter  Umständen  verbindend  oder  vermittehid 
oder  trennend,  aber  wesentlich  passiv  wirkend.  Anders  dagegen 
verhält  es  sich  mit  denjenigen  Theilen,  welche  durch  die  Eigen- 
thümUchkeit  ihrer  inneren  Einrichtung  einer  schnelleren  Verände- 
rung zugänglich  sind:  den  Nerven,  den  Muskeln  und  einzelnen 
anderen  Gebilden,  z.  B.  unter  den  epithelialen  den  Drüsenzellen, 
dem  Flimmer- Epithel.  Am  frühesten  hat  begreiflicherweise  die 
Erregbarkeit  der  Nerven  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen, 
und  60  ist  es  gekommen,  dass  viele  Jahre  hindurch  der  Begriff 
der  Irritabilität  sich  ausschliesslich  an  die  Nerven  knfipfte,  ein 
umstand,  der  das  Aufkommen  des  Neurismus  in  hohem  Maasse 
begünstigt  hat. 

Bei  allen  Geweben,  welche  erheblichen  Functionen  Mienstbar 
sind,  finden  wir  die  Function  hauptsächlich  begründet  in  der  fei- 
neren ümordnung,  oder,  wenn  man  es  schärfer  ausdrückt,  in  feinen 
räumlichen  Veränderungen  der  inneren  Masse,  des  Zelleninhaltes 
oder  des  Protoplasma.  Es  ist  also  hier  der  eigentliche  Zellkörper 
in  seiner  specifischen,  inneren  Ausstattung,  welcher  entscheidet; 
es  handelt  sich  dabei  wenig  um  die  Membran  und,  wenigstens  in 
den  meisten  Fällen,  wohl  wenig  um  den  Kern.  Das  Protoplasma 
verändert  sich  unter  gewissen  Einwirkungen  verhältnissmässig 
schnell,  ohne  dass  wir  jedoch  jedesmal  von  der  ümordnung  der 
einzelnen  Inbaltspartikeln  morphologisch  etwas  wahrnehmen  könn- 
ten. Höchstens  sehen  wir  als  grobes  Resultat  eine  wirkliche  Lo- 
comotion  einzelner  Theile,  aber  der  Hergang  lässt  sich  nicht  so 
weit  für  das  Verständniss  auflösen,  dass  man  daraus  einfach  be- 
urtheilen  könnte,  in  welcher  Weise  diese  Locomotion  durch  die 
kleinsten  Partikelcfaen ,   welche  den  Zelleninhalt  zusammensetzen. 


Innerer  Hergang  der  Function.  339 

bedingt  wird.  Wenn  in  einem  Nerven  eine  Erregung  stattfindet, 
80  wissen  wir  jetzt,  dass  damit  eine  Yeränderong  seines  elektri- 
schen Zustandes  verbünden  ist,  eine  Veränderung,  welche  nach 
AUem,  was  uns  über  die  Erregung  der  Elektricität  in  anderen 
Körpern  bekannt  ist,  mit  Noth wendigkeit  bezogen  werden  muss 
auf  eine  veränderte  Stellung,  welche  die  ein- 
zelnen Holekeln  zu  einander  annehmen.  Den-  "*  ^^^' 
ken  wir  uns  den  Axencylinder  aus  elektrischen 


Molekeln  zusanmiengesetzt,  so  können  wir  uns 
vorstellen,  dass  je  zwei  dieser  Molekeln  in  dem  ]|^S^,^i^^£ 
Momente  der  Erregung  eine  veränderte  Stellung 
zu  einander  einnehmen.  Von  diesen  Stellungen  der  Molekeln  sehen 
wir  jedoch  nichts,  denn  Molekeln  sind  überhaupt  nicht  sichtbar.  Der 
Axencylinder  sieht  während  der  Function  nicht  anders  aus,  als  sonst. 
Wenn  wir  einen  Muskel  während  der  Action  betrachten,  so  be- 
merken wir  allerdings,  dass  die  Zwischenräume,  welche  zwischen 
den  einzelnen  sogenannten  Scheiben  liegen  (S.  56),  kürzer  wer- 
den, und  da  wir  nun  wissen,  dass  die  Substanz  des  Muskels  aus 
einer  Reibe  von  kleinen  Fibrillen  besteht,  welche  ihrerseits  von 
Strecke  zu  Strecke,  entsprechend  diesen  Scheiben,  kleinste  Körn- 
chen enthalten,  so  schliessen  wir  daraus  mit  einer  gewissen  Sicher- 
heit, dass  wirkliche  örtliche  Verscliiebungen  der  Kömchen  gegen 
einander  stattfinden.  Aber  diese  Verschiebungen  können  nicht  mehr 
zurückgeführt  werden  auf  einen  sichtbaren  oder  unmittelbar  er- 
kennbaren Grund.  Wir  können  keine  bestimmte  chemische  Ver- 
änderung, keine  Umwandlung  der  Ernährungszustände  der  Tbeile 
wahrnehmen;  wir  sehen  nur  eine  Verrückung,  eine  Dislocation 
der  Partikeln,  von  der  es  freilich  wahrscheinlich  ist,  dass  sie  auf 
einer  geringen  chemischen  Vei-änderung  der  Molekeln  beruht. 

Bei  dem  Flimmer -Epithel  sitzen  feine  Cilien  an  der  Ober- 
fläche der  Zellen;  diese  bewegen  sich  in  einer  gewissen  Richtung 
und  üben  in  dieser  Richtung  auf  kleine  Theile,  welche  ihnen  nahe 
kommen,  einen  locomotorischen  Effect  aus.  Isoliren  wir  die  ein- 
zelnen Zellen,  so  zeigt  sich,  dass  eine  jede  oben  einen  Saum 
(Deckel)  von  einer  gewissen  Dicke  hat,  an  welchem  kleine  haar- 


Fig.  106.  Bildliches  Schema  des  Zustandes  der  Nerven-Molekeln  im  ruhen- 
den (peripolaren,  Ä)  und  im  elektrotonischen  (dipolaren  li)  Zustande  des  Nerven. 
Nach  Ludwig  Pbysiol    I.  103. 

22* 


340  Fünfzehntes  Capitel. 

fönnige  Yerlängeningen  hervortreten.  Diese  bewegen  sich  alle  in 
der  Art,  dass  eine  Cilie,  welche  im  ruhigen  Zustande  ganz  gerade 
steht,  sich  einbiegt  und  wieder  znrück|chlägt.  Aber  wir  sind 
ausser  Stande,  innerhalb  der  einzelnen  Cilien  weitere  Verändenm- 
gen  wahrzunehmen,  durch  welche  die  Bewegung  vermittelt  würde. 

Gerade  so  verhält  es  sich  mit  den  Drüsenzellen,  von  welchen 
wir  gar  nicht  zweifelhaft  sein  können,  dass  sie  einen  bestimmten 
locomotorischen  EiTect  haben.  Denn  nachdem  Ludwig  durch  die 
Untersuchung  der  Speicheldrüsen  gezeigt  hat,  dass  der  Druck  des 
ausströmenden  Speichels  grösser  ist,  als  der  Druck  des  zuströ- 
menden Blutes,  so  bleibt  nichts  anderes  übrig,  als  zu  schliessen, 
dass  die  Drüsenzellen  einen  bestimmten  motorischen  Effect  auf 
die  Flüssigkeit  ausüben;  die  Secret -Masse  wird  mit  einer  be- 
stimmten Gewalt  hervorgetrieben,  welche  nicht  von  dem  Blutdruck 
oder  einer  besonderen  Muskel- Action,  sondern  von  der  specifischen 
Energie  der  Zellen  als  solcher  ausgeht.  Engelmann  glaubt 
neuerlich  sogar  an  den  Hautdrüsen  des  Frosches  eine  selbständige, 
von  den  Muskeln  unabhängige  Zusammenziehung  beobachtet  zu 
haben.  Allein  an  einer  Drüsenzelle,  während  sie  fnngirt,  können 
wir  eben  so  wenig  einen  eigenthümlichen ,  materiellen  Vorgang 
innerhalb  der  constituirenden  Theilchen  wahrnehmen,  wie  an  den 
Nerven,  den  Muskeln  oder  dem  Flimmer-Epithel. 

Diese  Thatsachen  werden  wesentlich  verstärkt  dadurch,  dass 
wir  wahrnehmen,  wie  gerade  die  functionellen  Fähigkeiten  der 
einzelnen  Theile  eine  gewisse  Störung  erfahren  durch  eine  längere 
Dauer  der  Verrichtung.  An  allen  Theilen  treten  gewisse  Zustände 
der  Ermüdung  auf.  Zustände,  wo  der  Theil  nicht  mehr  im 
Stande  ist,  dasjenige  Maass  von  Bewegung  von  sich  ausgehen  zn 
lassen,  welches  bis  dahin  an  ihm  zn  bemerken  war.  Allein  um 
wiederum  in  den  leistungsfähigen  Zustand  zu  kommen,  bedürfen 
diese  Theile  keineswegs  immer  einer  Ernährung,  einer  Aufnahme 
von  Nahrungsstoff;  die  blosse  Ruhe  reicht  aus,  um  innerhalb  einer 
gewissen  Zeit  die  Möglichkeit  einer  neuen  Thätigkeit  herbeizu- 
führen. Ein  Nerv,  den  wir  aus  dem  Körper  herausgeschnitten  haben 
und  zum  Experiment  verwenden,  wird  nach  einer  gewissen  Zeit 
leistungsunfahig;  wenn  man  ihn  unter  günstigen  Verhältnissen, 
welche  seine  Austrocknung  hindern,  liegen  lässt,  so  wird  er  all- 
mählich wieder  leistungsfähig.  Diese  functionelle  Restitution, 
welche  ohne  eigentliche  Ernährung  stattfindet  und   aller  Wahr- 


Flimmerbewegung.  341 

sebeiDlicbkeit  nach  daranf  beruht,  dass  die  Molekehi,  welche  aus 
ihrer  gewöhnlichen  Lagerung  herausgetreten  sind,  allmählich  wie- 
der in  dieselbe  zurückkehren,  können  wir  an  verschiedenen  Theilen 
hervorrufen  durch  gewisse  Reizmittel.  Nach  der  Auffassung  der 
Neuristen  würden  diese  Mittel  nur  auf  die  Nerven  und  erst  ver- 
mittelst der  Nerven  auf  die  anderen  Theile  einwirken;  allein  ge- 
rade hier  haben  wir  einige  Thatsacben,  welche  sich  nicht  wohl 
anders  deuten  lassen,  als  dass  in  der  That  eine  Wirkung  auf  die 
Theile  selbst  stattfindet. 

Wenn  wir  eine  einzelne  Flimmerzelle  nehmen,  sie,  ganz  vom 
Körper  isolirt,  frei  schwimmen  lassen  und  abwarten,  bis  vollkom- 
mene Ruhe  eingetreten  ist,  so  können  wir  die  eigenthümliche  Be- 
wegung ihrer  Cilien  wieder  hervorrufen,  wenn  wir  eine  kleine 
Quantität  von  Eali  oder  Natron  der  Flüssigkeit  zufügen,  eine 
Quantität,  welche  nicht  so  gross  ist,  dass  ätzende  Eifecte  auf  die 
Zelle  hervorgebracht  werden,  welche  aber  genügt,  um,  indem  ein 
Theil  davon  in  die  Zelle  eindringt,  eine  gewisse  Veränderung  an 
ihr  zu  erzeugen.  Es  ist  aber  besonders  interessant,  dass  die  Zahl 
der  fixen  Substanzen,  durch  welche  wir  das  Flimmer-Epithel  reizen 
können,  sich  auf  diese  beiden  beschränkt.  Daraus  erklärt  es 
sich,  dass  Purkinje  und  Valentin,  welche  zuerst  und  zwar 
sogleich  in  sehr  ausgedehnter  Weise  Experimente  über  die  Flim- 
merbewegung anstellten,  nachdem  sie  mit  einer  sehr  grossen  Zahl 
von  Substanzen  experimentirt  und,  wer  weiss  was  Alles  versucht 
hatten,  mechanische,  chemische  und  elektrische  Reize,  zuletzt  zu 
dem  Schlüsse  kamen,  es  gebe  überhaupt  kein  Reizmittel  für  die 
Flimmerbewegung.  Ich  hatte  das  Glück,  zufällig  auf  die  eigen- 
thümliche Thatsache  zu  stossen,  dass  Eali  und  Natron  solche 
Reizmittel  seien*).  Neuerlich  hat  W.  Kühne  entdeckt,  dass  unter 
den  gasförmigen  Substanzen  sich  noch  ein  mächtiger  Erreger  der 
Flimmerbewegung  findet,  nehmlich  der  Sauerstoff,  während  Koh- 
lensäure und  Wasserstoff  dieselbe  hemmen.  Gewiss  können  wir 
hier  keinen  Nerveneinfluss  mehr  zu  Hülfe  rufen;  derselbe  er- 
scheint um  so  weniger  zulässig,  als  nach  bekannten  Erfahrungen 
die  Flimmerbewegung  im  todten  Körper  sich  noch  zu  einer  Zeit 
erhält,  wo  andere  Theile  schon  zu  faulen  angefangen  haben.  Ich 
sah  die  Flimmer- Epithelien  der  Stirnhöhlen  und  der  Trachea  in 


•\ 


)  Archiv  VI.     13:{. 


342  Fünfzehntes  Capitel. 

menschlichen  Leichen  noch  36  bis  48  Stnnden  post  mortem  in 
vollständiger  Thätigkeit,  zu  einer  Zeit,  wo  jede  Spnr  von  Erreg- 
barkeit in  den  übrigen  Theilen  längst  verschwunden  war. 

Aehnlich  verhält  es  sich  mit  den  übrigen  erregbaren  Theilen, 
insbesondere  mit  den  Muskeln,  an  denen  W.  Kühne  diese  Ver- 
hältnisse mit  80  grosser  Umsicht  untersucht  hat.  Fast  überall 
zeigt  sich,  dass  gewisse  £rregungsmittel  leichter  als  andere  wir- 
ken, und  dass  manche  gar  nicht  im  Stande  sind,  einen  erhebli- 
chen Effect  hervorzubringen.  Fast  überall  ergeben  sich  spe ei- 
nsehe Beziehungen.  Wenn  wir  die  Drüsen  ins  Auge  fassen, 
so  ist  es  eine  bekannte  Thatsache,  dass  es  specifische  Substanzen 
gibt,  wodurch  wir  im  Stande  sindj  auf  die  eine  Drüse  zu  wirken, 
nicht  auf  die  anderen,  die  specifische  Energie  einer  Drüse  zu 
treffen,  während  die  übrigen  unbetheiligt  bleiben.  Bei  den  Drüsen 
lässt  sich  freilich  ungleich  schwieriger  die  Wirkung  der  Nerven 
ausschliessen,  als  beim  Flimmer-Epithel,  allein  wir  haben  gewisse 
Versuche,  wo  man  nach  Durchschneidung  aller  Nerven,  z.  B.  an 
der  Leber,  durch  Injection  reizender  Substanzen  in  das  Blut  im 
Stande  gewesen  ist,  eine  vermehrte  Absonderung  des  Organes  her- 
vorzurufen, indem  man  Stoffe  anwandte,  welche  erfahrungsmässig 
zu  dem  Organe  eine  nähere  Beziehung  haben. 

Am  meisten  bat  sich,  wie  bekannt,  diese  Discussion  in  neuerer 
Zeit  concentrirt  auf  die  Frage  von  der  Muskel -Irritabilität,  eine 
Frage,  welche  gerade  deshalb  so  schwierig  gewesen  ist,  weil  sie 
von  Hall  er  mit  einer  grossen  Exclusion  eben  auf  dieses  einzelne 
Gebiet  beschränkt  wurde.  Haller  kämpfte  aufs  Aeusserste  da- 
gegen, dass  irgend  ein  anderer  Theil  ausser  den  Muskeln  irritabel 
sei;  sonderbarer  Weise  kämpfte  er  sogar  gegen  die  Irritabilität 
von  solchen  Theilen,  welche,  wie  die  feinere  Untersuchung  der 
Späteren  gezeigt  hat,  Muskel-Elemente  enthalten,  z.  B.  die  mitt- 
lere Haut  der  Gefässe.  Ja,  er  gebrauchte  ziemlich  energische 
Ausdrücke,  wo  er  die  von  Anderen  schon  damals  behauptete  Er- 
regbarkeit der  Gefässe  zurückwies.  Ich  habe  schon  angeführt 
(S.  129),  dass  wir  gerade  in  dem  Gefäss -Apparate  grosse  Ab- 
schnitte finden,  z.  B.  am  meisten  ausgesucht  an  den  Nabelge- 
fässen  des  Neugebornen,  in  denen  massenhafte  Anhäufungen  von 
Musculatur,  aber  keine  Spur  von  Nerven  erkennbar  sind.  Trotz- 
dem besteht  daran  Irritabilität  in  einem  hohen  Maasse;  wir  können 
Zusammenziehungen    der  Muscularis   mechanisch,   chemisch   und 


MuskeMrriUbilitat.  343 

elektrisch  herbeiführen.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  vielen  anderen 
kleinen  Gefässen,  welche  keineswegs  in  der  Weise,  wie  dies  die 
Neoropathologen  annehmen  müssen,  in  allen  Abschnitten  Nerven- 
fasern zeigen.  Aach  hier  können  wir  an  jedem  einzelnen  Pnnkte, 
wo  Muskeln  existiren,  unmittelbar  die  Contraction  hervorrufen. 

Die  Erledigung  der  Frage  von  der  Muskel-Irritabilität  ist  in 
der  neueren  Zeit  besonders  dadurch  gefördert  worden,  dass  man 
durch  die  Anwendung  bestimmter  Gifte,  namentlich  des  Worara- 
(Curare-)  Giftes  dahhi  gelangt  ist,  die  Nerven  bis  in  ihre  letzten, 
dem  Versuche  zugänglichen  Endigungen  zu  lähmen,  und  zwar  so, 
dass  nicht  wohl  noch  der  Einwand  erhoben  werden  kann,  dass 
die  Erregbarkeit  der  letzten  Endigungen  der  Nerven  in  dem  Mus- 
kel erhalten  sei.  Die  Lähmung  des  Worara-Giftes  beschränkt  sich 
vollständig  auf  die  Nerven,  während  die  Muskeln  ebenso  voll- 
ständig reizbar  bleiben.  Während  man  die  stärksten  elektrischen 
Ströme  i^uf  den  Nerven  vergebens  einwirken  lässt,  ohne  irgend 
etwas  von  Bewegung  hervorzubringen,  so  genügen  die  kleinsten 
mechanischen,  chemischen  oder  elektrischen  Reize,  um  den  be- 
treffenden Muskel  in  Erregung  zu  versetzen. 

Wenn  daher  die  so  lange  streitige  Frage  dahin  entschieden 
ist,  dass  es  wirklich  eine  eigenthümliche  Muskel-Irritabilität  gibt, 
welche  an  der  Muskelsubstanz  als  solcher  haftet,  so  ist  das  Er- 
gebniss  doch  praktisch  nicht  von  so  grosser  Bedeutung,  wie  man 
hätte  erwarten  können.  Denn  thatsächlich  sind  fast  alle  Muskel- 
bewegungen, welche  die  Physiologie  und  die  Pathologie  kennen, 
durch  Nerveneinwirkung  hervorgerufen:  eine  wirkliche  Selbst- 
bewegung der  Muskeln  findet  nur  in  ganz  anomalen  Fällen  statt. 
Nichtsdestoweniger  ist  es  für  das  Urtheil  von  höchster  Wichtigkeit 
zu  wissen,  dass  die  Bewegung  als  solche  eine  Function  des  Muskels 
ist,  und  dass  der  Nerv  nichts  anderes  thut,  als  den  Anstoss  zu 
dem  in  der  Muskelsubstanz  schon  vorbereiteten  Vorgange  zu  geben. 
Die  Natur  dieses  Vorganges  ist  nicht  abhängig  von  der  Eigen- 
thümlichkeit  der  Nerveneinwirkung,  sondern  einzig  und  allein  von 
der  Eigenthümlichkeit  der  Muskelsubstanz. 

Die  Neuristen  haben  jedoch  ans  derartigen  Thatsachen,  wie 
sie  auch  in  der  Reihe  der  secretorischen  Vorgänge  in  ähnlicher 
Weise  vorkommen,  weitgehende  Schlüsse  in  Beziehung  auf  die 
absolute  Abhängigkeit  der  vitalen  Vorgänge  von  Innervation  ge- 
zogen.   Dies  ist  in  keiner  Weise  anzuerkennen.    Man  kann  die 


344  Ffmfzehntes  Capitel. 

Nerven  eines  Mnskels  oder  einer  Drnse  zerschneiden  nnd  den 
Zusammenhang  der  Organe  mit  den  Gentren  aufheben,  ohne  dass 
deshalb  die  Fähigkeit  des  Muskels  zur  Gontraction  oder  die  der 
Drüse  zur  Secretion  aufhört.  Ja  man  kann  den  Muskel  oder  die 
Druse  aus  dem  Körper  herausschneiden,  sie  definitiv  dem  Organis- 
mus entfremden,  ohne]  dass  zunächst  die  Eigenschaften  der  Gon- 
traction oder  Secretion  dadurch  geändert  werden.  Wollte  man 
sich  hier  selbst  darauf  beziehen,  dass  in  den  ausgeschnittenen 
Muskeln  oder  Drüsen  noch  Nerven -Enden  vorhanden  seien,  so 
hat  dieses  an  sich  hinfällige  Argument  schon  deshalb  keine  Be- 
deutung, weil  die  neuristiscbe  Doctrin  nur  dann  einen  theoreti- 
schen Werth  besitzt,  wenn  sie  den  Nervenapparat  in  seinem  Zn- 
sammenhange,  in  seiner  sogenannten  Einheit  in  Rechnung  stellen 
kann,  keineswegs  aber,  wenn  sie  mit  einzelnen  peripherischen  Ab- 
schnitten von  Nerven  arbeitet.  Denn  diese  letzteren  sind  vielmehr 
als  vorzügliche  Beispiele  für  das  Leben  der  einzelnen  Theile,  also 
für  die  cellulare  Anschauung  zu  betrachten. 

Ich  gestehe  demnach  die  hohe  Dignität  des  Nervenapparates 
und  der  an  ihm  geschehenden  Vorgänge  vollständig  zn;  ja  ich 
gehe  so  weit,  zu  sagen,  dass  in  dem  gewöhnlichen  Gange  des 
menschlichen  Lebens  die  Mehrzahl  der  Einzelvorgänge  im  Körper 
durch  Nerveneinwirkung  hervorgerufen  oder  geleitet  wird.  Wenn 
daraus  jedoch  in  keiner  Weise  gefolgert  werden  darf,  dass  diese 
Einzelvorgänge  selbst  bloss  passive  Veränderungen  der  innervirten 
Theile  sind,  so  darf  noch  weniger  die  Meinung  zugelassen  werden, 
als  sei  die  Nerventbätigkeit  keine  cellulare,  nnd  als  müsse  die 
Nerven-Irritabilität  als  das  eigentliche  Wesen  des  Lebens 
angesehen  werden.  Betrachten  wir  diese  viel  besprochene  Eigen- 
schaft daher  etwas  näher: 

Die  Lehre  von  der  Irritabilität  der  Nerven  beruht  zunächst 
auf  der  Erfahrung,  dass  irgend  eine  Verletzung  oder  Reizung  der- 
selben Schmerz  erzeugt  oder  wenigstens  empfindlich  ist.  Genan 
genommen  ist  diese  Empfindlichkeit  eben  das,  was  man  die 
Irritabilität  genannt  hat;  man  reizte  die  verschiedensten  Gewebe, 
um  zu  sehen,  ob  sie  irritabel  seien,  und  beurtheilte  ihre  Irrita- 
bilität wesentlich  danach,  ob  auf  die  Reizung  Schmerzempfindung 
eintrete  oder  nicht.  In  diesem  beschränkten  Sinne  würde  N'^rven- 
Irritabilität  die  Eigenschaft  bedeuten,  zu  den  Centralorganen  ge- 
hende und  dort  zum  Bcwusstsein  kommende,  durch  äussere  Reize 


Nerven -Irritabilitiit.  345 

hervorgeriifene  Vorgänge  zu  bewirken.  Allein  diese  Vorgänge 
stellen  nur  die  eine,  nehmlich  die  recipirende  Seite  der  Nerven- 
thätigkeit  dar;  die  andere,  die  im  gewöhnlichen  Sinne  active  oder 
motorische  Seite,  wird  dabei  gar  nicht  berührt.  Die  Anhänger 
der  Nerven -Irritabilität  haben  daher  nicht  gezOgert,  anch  diese 
Seite  mit  in  ihre  Betrachtungen  hineinzuziehen;  ja,  es  hat  nicht 
lange  gedauert,  bis  man  daraus  geradezu  die  Hauptsache  gemacht 
hat.  So  kam  es,  dass  schon  Hai  1er  Irritabilität  und  Contracti- 
lität  verwechselte,  und  dass  er  die  Irritabilität  gewisser  Theile 
leugnete,  weil  sie  sich  auf  Reize  nicbt  contrahlren  wollten. 

Der  Grundfehler  in  dieser  Betrachtungsweise  liegt  darin,  dass 
man  von  ganz  falschen  Einheiten  ausging.  Man  hatte  keine  ein- 
heitlichen Elemente  und  demgemäss  auch  keine  einheitlichen  Vor- 
gänge. Man  verwechselte  zuerst  Nerventhätigkeit  und  Inner- 
vation. Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  Innervation  nur  diejenige 
Nerventhätigkeit  bezeichnen  kann,  welche  auf  andere,  nicht  ner- 
vöse Theile  gerichtet  ist,  also  z.  B.  die  Erregung  der  Muskel- 
oder Drfisenelemente  zur  Thätigkeit  Nun  ist  es  freilich  möglich, 
dass  diese  Thätigkeit  ihrem  Wesen  nach  identisch  ist  mit  der- 
jenigen, welche  im  Nerven  selbst  stattfindet,  also  etwa  elektrisch 
ist,  und  man  kann  sich  vorstellen,  dass  von  den  Nervenenden  die 
elektrische  Bewegung  sich  wirklich  direkt  auf  die  Muskel-  oder 
Drfisensubstanz  überträgt.  Aber  selbst  wenn  dies  allgemein  rich- 
tig wäre,  was  erst  zu  beweisen  ist,  so  würde  daraus  doch  nicht 
hervorgehen,  dass  die  Thätigkeit  des  Nerven,  insofern  sie  Elektri- 
cität  hervorbringt,  in  irgend  einer  Weise  gebunden  ist  an  die 
Möglichkeit,  dieselbe  an  bestimmte  andere  Theile  des  Körpers 
abzugeben  und  in  diesen  besondere  Thätigkeitsäusserungen  her- 
vorzurufen. Ein  ganz  isolirter  und  aus  dem  Körper  entfernter 
Nerv  kann  gereizt  und  in  Thätigkeit  gesetzt  werden.  Ueberdiess 
passt  die  Formel  der  Innervation  nur  für  diejenigen  Nerven, 
welche  ich  (S.  294)  Arbeitsnerven  genannt  habe;  sie  ist  ganz  un- 
brauchbar für  die  Empfindnngsnerven,  welche  zu  Ganglienzellen 
gehen  und  gerade  in  der  Erregung  dieser  letzteren  ihre  haupt- 
sächliche „Thätigkeit*^  entfalteti. 

Hier  stossen  wir  auf  ein  neues  Hinderniss.  Die  Neuristen 
knüpften  die  (wenn  ich  so  sagen  darf,  rückläufige)  Irritabilität 
an  bewusste  Empfindungen,  namentlich  an  Schmerzäusserungen. 
Allein  wir  wissen,  dass  das  Bewusstsein  nur  einem  Theile  der- 


346  Fönfzebütes  Gapitel. 

jenigen  Empfindungen  zukommt,  welche  dem  Gehirn  zuströmen, 
dass  es  dagegen  an  sich  gänzlich  fremd  ist  allen  demjenigen  Em- 
pfindungen, welche  dem  Bückenmark  und  dem  spinalen  Abschniite 
des  Gehirns  angehören,  und  noch  mehr  jenen  Perceptionen ,  um 
nicht  zu  sagen,  Empfindungen,  welche  nur  die  Ganglien  des  Sym- 
pathicus  berühren.  Erst  seitdem  das  Gebiet  der  Reflexvorgftnge 
genauer  studirt  ist,  hat  man  begriffen,  dass  nicht  alle  Bewegungs* 
erscheinungen,  welche  auf  Reizung  von  Empfindungsnerven  ein- 
treten, Schmerzäusserungen  sind,  man  müsste  denn  auch  einen 
unbewussten  Schmerz  annehmen.  Wollte  man  dies  aber  thun,  was 
in  einer  gewissen  Weise  berechtigt  wäre,  so  würde  man  doch  so- 
fort in  einen  Wirbel  gerathen,  der  schliesslich  zur  Aufstellung  eines 
unbewussten  Bewusstseins  führen  müsste.  Ein  solches  ist 
freilich  in  der  sogenannten  Rückenmarksseele  gleichsam  personi- 
ficirt  schon  geschaffen  worden;  indess  müssto  man  noch  einen 
Schritt  weiter  gehen,  und  eine  besondere  Nervenseele  wählen, 
wenn  man  einmal  für  alle  Theile  sich  die  spiritualistische  Erklä- 
rungsform sichern  wollte. 

Diese  Nervenseele  oder,  wie  die  mehr  naturphilosophischen 
Neuristen  sagten,  diese  Nervenkraft  (Neurilität  Lowes)  müsste 
nothwendigerweise  jedem  nervösen  Theile  oder  Elemente  zuge- 
schrieben werden,  und  Irritabilität  würde  alsdann  bedeuten  cUe 
Fähigkeit  des  Theiles  oder  Elementes,  diese  Seele  oder  Kraft  in 
Thätigkeit  zu  setzen.  Aber  gewiss  ist  es  ein  gewagter  und  nichts 
weniger  als  berechtigter  Schritt,  allen  nervösen  Theilen  die  gleiche 
Kraft  zuzuschreiben.  In  der  That  ist  noch  niemand  so  weit  ge- 
gangen, neben  der  Gehirnseele  und  der  Rückenmarksseele  auch 
noch  besondere  Ganglien-  und  Nervenseelen  aufzustellen.  Das  all- 
gemeine Zugeständniss,  dass  es  nervöse  Theile  gibt,  die  nicht  ein- 
mal das  „unbewusste  Bewusstsein^  besitzen,  dass  also  innerhalb 
des  Nervensystems  specifische  Unterschiede  zwischen 
den  constituirenden  Elementen  vorhanden  sind,  reicht 
aus,  um  es  verständlich  zu  machen,  warum  man  mit  der  Annahme 
einer  einfachen  Nervenkraft  nicht  ausreicht.  Man  mag  dieselbe 
nun  spiritualistisch  oder  materialistisch  constmiren,  man  mag  sie 
Anima  oder  Elektricität  nennen,  man  ist  ausser  Stande,  nach 
dem  Stande  unserer  Kenntnisse  damit  alle  functionellen  Erschei- 
nungen zu  erklären.  Daher  muss  man  sich  dazu  verstehen,  die 
Nervenfasern  und  die  Nervenzellen  nicht  einfach  zu  identificiren. 


Nerven-Thatigkeit  347 

Alles,  vas  vir  über  elektrische  Vorgänge  an  Nerven  wissen, 
bezieht  sich  auf  Nervenfiasem  und  zwar  wesentlich  auf  Leitnng 
(Condnction)  der  Elektricität  in  denselben.  Indess  darf  man  deshalb 
nicht  so  weit  gehen,  die  Nervenfasern  nnr  als  Condnktoren  der 
Elektricität  aufzufassen,  denn  es  ist  leicht  ersichtlich,  dass,  wenn 
von  dem  peripherischen  Ende  eines  durchschnittenen  Nerven  ans 
durch  direkte  Reizung  Bewegungen  inducirt  werden  können,  dies 
nur  geschieht,  indem  der  gereizte  Nerv  in  sich  Elektricität  her- 
vorbringt Auch  die  Nervenfasern  sind  also  functionell  reizbar. 
Aber  ich  gestehe  hier,  wie  bei  der  Muskel -Irritabilität  zu,  dass 
dies  ein  anomaler  Fall  ist,  der  im  gewöhnlichen  Leben  selten 
vorkommt,  und  dass  man  daher  als  die  eigentlichen  Erreger 
der  elektrischen  Strömungen  die  Ganglienzellen  anzusehen  hat. 
Ob  jedoch  die  Vorgänge  im  Innern  dieser  Zellen  selbst  elektrische 
sind,  das  ist  bis  jetzt  nicht  bekannt.  Gewiss  liegt  es  nahe,  zu 
vermuthen,  dass  auch  in  den  Ganglienzellen  selbst  elektrische 
Vorgänge  stattfinden,  ja  Manches  spricht  dafür,  dass  diese  Zellen 
die  Fähigkeit  besitzen,  diese  Vorgänge  zu  modificiren,  d.  h.  ab- 
zulenken, zu  verstärken  und  zu  schwächen.  Die  empfindenden 
Nervenfasern  sind  fest  durchgehende  an  ihren  peripherischen  En- 
den mit  Nervenzellen  in  Verbindung,  so  dass  jede  von  aussen 
eintretende  Veränderung  (Reizung)  erst  die  Nervenzelle  passiren 
muss,  ehe  sie  in  die  eigentliche  Nervenfaser  übergeht  und  zu 
den  centralen  Ganglienzellen  geleitet  wird.  Auch  die  motorischen 
Nervenfasern  laufen  kurz  vor  ihrem  Ende  vielfach  in  besondere 
gangliöse  Apparate  aus,  gleichwie  sie  an  ihrem  Ursprünge  aus 
Ganglienzellen  hervorgehen.  Welche  andere  Bedeutung  können 
diese  Zellen  haben,  als  die  einer  Sammlung  der  in  den  Nerven 
geschehenden  Bewegung,  welche  einerseits  die  Möglichkeit  einer  ver- 
schiedenen Ablenkung  des  Nervenstromes (Direction,  Derivation), 
andererseits  die  Möglichkeit  einer  zdtweisen  Abschwächung 
und  Hemmung  desselben  und  dann  einer  nachfolgenden  Ver- 
stärkung mit  vielleicht  explosiver  Wirkung  gewährt?  Gleichwie 
früher  das  Studium  der  Reflexvorgänge,  so  führt  gegenwärtig 
die  sich  immer  mehr  ausdehnende  Eenntniss  der  von  mir  so  ge- 
nannten Moderations -Einrichtungen  im  Nervensystem*), 
wofür   zuerst  der  Vagus,    dann    der   Splanchnicus ,    schliesslich 


*)  Handb.  der  spec.  Patbol.  u.  Ther.    1854.    I.     19. 


348  Fünfzehntes  Capitel. 

selbst  das  Gehirn  so  ausgezeichnete  experimentelle  Beispiele  ge- 
liefert haben,  mit  Nothwendigkeit  anf  Ganglienzellen  nnd  nicht 
auf  Nervenfasern  zurück.  Erscheinungen,  wie  die  des  Elektroto- 
nus,  sind  im  lebenden  Organismus  nicht  bekannt.  Trotzdem 
lassen  die  Vorgänge  der  Reflexion  und  Derivation,  der  Hemmung 
und  Verstärkung  eine  Interpretation  im  Sinne  der  elektrischen 
Theorie  zu. 

Aber  eine  solche  Interpretation  ist  nicht  mehr  möglich  bei 
jenen  verwickelten  Vorgängen  des  instinktiven  und  intellek- 
tuellen Lebens,  welche  überhaupt  die  höchste  Entwickelung  der 
thierischen  Function  darstellen.  Wer  ist  im  Stande,  den  Instinkt 
oder  gar  den  Verstand  elektrisch  zu  construiren?  oder  gar  das 
Bewnsstsein  als  ein  Analogen  eines  mechanischen  Vorganges  nach- 
zuweisen? Wie  so  oft,  hat  man  sich  auch  in  diesem  Falle  über 
die  Schwierigkeiten  des  Einzelnen  hinwegzusetzen  gesucht,  indem 
man  die  Einzelerfahrung  verallgemeinerte.  So  hat  noch  neuerlich 
E.  Hering  das  Gedächtniss  als  eine  allgemeine  Function  der 
organisirten  Materie  dargestellt,  und  Wallace  hat  den  noch  wei- 
teren Schritt  gethan,  das  Bewnsstsein  als  eine  allgemeine  Eigen- 
schaft der  Substanz  anzusprechen.  Er  ist  auf  diese  Weise,  ohne  es 
zu  ahnen,  nahezu  auf  denselben  Standpunkt  der  Naturanschauuog 
gelangt,  den  vor  fast  zweihundert  Jahren  sein  grosser  Landsmann 
Glisson,  der  Erfinder  des  Wortes  Irritabilität,  einnahm,  indem 
er  der  Substanz  überhaupt  drei  Functionen  beilegte,  welche  er 
als  perceptiva,  appetitiva  und  motiva  bezeichnete.  Leider  ist  es 
mit  der  Generalisation  allein  nicht  gethan;  man  muss  auch  Be- 
weise beibringen.  Sonst  bedeutet  die  Generalisation  nichts  als  das 
Bestreben,  eine  Schwierigkeit  möglich  weit  von  sich  zu  entfernen 
und  dadurch  unmerklich  zu  machen. 

Eine  Erklärung  der  organischen  Vorgänge  lässt  sich  am  we- 
nigsten auf  dem  Wege  der  speculativen  Verallgemeinerung  ge- 
winnen. Jeder  Schritt  auf  diesem  Wege  fQhrt  von  der  Forschung 
ab.  Was  uns  in  der  organischen  Welt  noththut,  ist  nicht  die  Gene- 
ralisation, sondern  vielmehr  die  Localisation.  Das  Bewnsstsein, 
das  Gedächtniss,  das  Denken  und  Vorstellen  überhaupt  smd  nicht 
einmal  allgemeine  Functionen  aller  Theile  des  Körpers.  Wie  soll- 
ten wir  zu  der  Vermuthung  kommen,  dass  auch  die  unorganische 
Substanz  daran  Antheil  hat?  Im  Laufe  von  Jahrtausenden  ist 
man  allmählich  dabin  gekommen,  den  Nervenapparat  als  Träger 


Errefjrung  der  Ganglienzellen.  349 

dieser  Functionen  zu  bestimmen.  Nachdem  sich  zuletzt  mehr  und 
mehr  die  Aufmerksamkeit  auf  das  Gehirn  concentrirt  bat,  ist  ganz 
folgerichtig  die  Frage  aufgeworfen  worden,  welche  Theile  des  Ge- 
hirns der  „Sitz^  der  psychischen  Functionen  seien,  und  nachdem 
auch  diese  Frage  zunächst  nur  im  groben  Sinne  behandelt  war, 
ist  man  endlich  im  Wege  der  Histologie  zu  den  Ganglienzellen 
gelangt.  Hier  freilich  lassen  uns  sowohl  die  Histologie  als  das 
Experiment  und  die  pathologische  Beobachtung  im  Stiche.  Wir 
können  noch  nicht  sagen,  welche  Ganglienzellen  es  sind,  die  so 
merkwürdige  Functionen  haben,  und  in  welchen  ihrer  Bestandtheile 
dieselben  ihre  Erklärung  finden.  Aber  dass  an  gewisse  Gruppen 
von  Himelementen  die  psychische  Thätigkeit  geknüpft  ist,  dass 
innerhalb  dieser  Gruppen  Ganglienzellen  die  eigentlich  wirksamen 
Elemente  sind,  und  dass  diese  Ganglienzellen  gewisse  specifische 
Eigenthümlichkeiten  haben  müssen,  wodurch  sie  sich  von  anderen 
unterscheiden,  daran  können  wir  nicht  wohl  zweifeln.  Jedoch  nur 
die  immer  mehr  localisirende  Untersuchung  wird  uns  dahin 
führen,  diese  Eigenthümlichkeiten  wirklich  zu  ergründen. 

Sprechen  wir  nun  von  Nerven-Irritabilität  im  Sinne  der  Gen* 
traleinrichtungen,  so  ist  damit  offenbar  etwas  anderes  gemeint,  als 
wenn  wir  nur  an  die  Nervenfasern  denken.  Es  ist  die  Erregung 
der  Ganglienzellen,  um  welche  es  sich  handelt  Diese  Erre- 
gung kann  eine  willkürliche  oder  unwillkürliche,  eine  bewusste 
oder  unbewusste,  eine  perceptive  (sensitive)  oder  motorische  sein, 
je  nachdem  diese  oder  jene  Art  von  Ganglienzellen  dabei  bethei- 
ligt ist.  Manche  Verschiedenheiten  der  eintretenden  Tbätigkeiten 
erklären  sich  offenbar  durch  die  verschiedene  Energie  der 
einzelnen  Ganglienzellen:  wie  wir  Bewegungs-  und  Empfindungs- 
zellen unterscheiden,  so  können  wir  auch  innerhalb  der  Bewe- 
gungszellen die  den  einzelnen  muskulösen  Apparaten  zugehörigen 
von  einander  trennen,  und  ebenso  innerhalb  der  Empfindungszellen 
die  gewöhnlichen  spinalen  Ganglienzellen  von  den  Riech-,  Sch- 
und Hörzellen  u.  s.  w.  des  Gehirns  sondern.  Andere  Verschieden- 
heiten dagegen  resultiren  aus  der  combinirten  Erregung  und  Zu- 
sanmienwirkung  (Synergie)  mehrerer,  in  sich  verschiedener  Gang- 
lienzellen oder  Ganglienzellen-Gruppen.  Jede  Reflex-Erregung,  jede 
bewusste  und  willkürliche  Erregung  setzt  die  gleichzeitige  oder 
doch  innerhalb  kurzer  Zeiträume  auf  einander  folgende  Thätigkeit 
verschiedener  Ganglienzellen  voraus.   Für  viele  Fälle  sind  wir  im 


350  Fänfzebot68  Capitel. 

Stande,  durch  eine  genaue  Analyse  des  Vorganges  diejenigen 
Gruppen  zu  bezeichnen,  welche  in  Wirlcsamkeit  treten.  Aber  das 
eigentliche  Wesen  der  Erregung  der  einzehien  Zellen  selbst  zu 
erklären,  sind  wir  bis  jetzt  nicht  befähigt. 

Bei  einer  früheren  Gelegenheit^  habe  ich  darauf  aufimerksam 
gemacht,  dass  allerdings  auch  bei  den  Erregungsvorgftngen  der 
Gentren  sich  Zustände  der  Spannung  und  der  Entladung  un- 
terscheiden lassen.  „Man  schliesst  sich^,  sagte  ich  damals,  „mit 
diesem  bildlichen  Ausdrucke  sowohl  an  die  Terminologie  der 
Psychologen,  als  auch  an  die  der  Physiker  und  Praktiker  an,  und 
man  gewinnt  wenigstens  einen,  die  Thatsachen  kurz  bezeichnenden 
Ausdruck,  welcher  die  Möglichkeit  zulässt,  ohne  sie  jedoch  noth- 
wendig  zu  machen,  dass  auch  die  Zustände  der  Ganglien  sich 
den  bekannten  Zuständen  elektrischer  Theile  unterordnen^.  Die 
kleinste  peripherische  oder  centrale  Erregung  setzt  zunächst  eine 
gewisse  Störung  oder  Veränderung  in  dem  inneren  Zustande  einer 
Ganglienzelle.  Diese  kann  sich  fast  unmittelbar  auf  die  Fortsätze 
derselben  fortsetzen  und  damit  abgeleitet  werden.  Es  kann  aber 
auch  eine  Hemmung  in  der  Fortleitung  des  Stromes  eintreten 
und  die  Störung  für  eine  gewisse  Zeit  innerhalb  der  Zelle  be- 
schränkt bleiben,  indem  die  in  ihrer  Anordnung  oder  ihrem  che- 
mischen Verhalten  veränderten  Theilchen  der  weiteren  Fortsetzung 
der  Bewegung  Hindemisse  entgegenstellen.  Kommt  endlich  die 
Ableitung,  vielleicht  in  stürmischer  Weise,  zu  Stande,  so  er- 
scheint die  dadurch  hervorgebrachte  Leistung  als  befreiende 
That,  welche  das  leidende  Organ  entlastet,  Erleichterung  und 
Ausgleichung  bringt.  Im  psychologischen  Sinne  entspricht  die 
Störung  dem  Affect,  der,  indem  er  zur  Hotion  drängt,  zum 
Triebe  wird,  und  der  in  der  zur  Befriedigung  des  Triebes  füh- 
renden Handlung  seine  Lösung  findet. 

Diese  Erfahrungen  gelten  in  gleicher  Weise  für  das  gewöhn- 
liche Nervenleben,  wie  für  das  Geistesleben,  für  die  Physiologie, 
wie  für  die  Pathologie.  Allerdings  nehmen  die  Erscheinungen  der 
Erregung,  der  Spannung  und  der  Entladung  unter  krankhaften 
Verhältnissen  nicht  selten  überaus  seltsame  und  selbst  wunder- 
bare Formen  an.  Aber  als  Regel  muss  überall  festgehalten  wer- 
den,  dass   auch   die   Erscheinungen   des   kranken  Nervenlebens 


*)  Handb.  der  spec.  Pafholo^ne  und  Therapie.     1854.    I.    17. 


Stönmgen  der  Nerrenthätigkeit.  351 

nicht  qualitativ  verschieden  sind  von  denen  des  gesnnden. 
Kein  Nerv,  keine  Ganglienzelle  kann,  soviel  wir  wissen,  anter 
pathologischen  Bedingongen  etwas  Anderes  thnn  oder  leisten,  als 
sie  nach  ihren,  ein  für  allemal  gegebenen  Einrichtungen  überhaupt 
zu  thnn  oder  zu  leisten  im  Stande  sind.  Ein  Tastnerv  kann  nicht 
sehen,  ein  Sehnerv  nicht  hören,  eine  Empfindungszelle  nicht  be- 
wegen. Zuweilen  macht  sich  freilich  eine  starke  Neigung  der 
Menschen  geltend,  den  Nerven  qualitativ  verschiedene  Leistungen 
zuzuschreiben.  Der  Hesmerismus  hat  Manchem  den  Glauben  bei- 
gebracht, man  könne  mit  den  Hautnerven,  z.  B.  der  Oberbauch- 
gegend, lesen.  Die  Tischrücker  meinten,  mit  Empfindungsnerven 
Holz  bewegen  zu  können.  Alles  das  sind  entweder  Betrügereien, 
oder  Selbsttäuschungen.  Die  pathologische  Nervenfonction  ist  von 
der  physiologischen  nur  dadurch  verschieden,  dass  sie  entweder 
quantitative  Abweichungen,  oder  ungewöhnliche  Com- 
binationen  erfährt. 

Die  quantitativen  Abweichungen  ergeben  ein  Mehr  oder  We- 
niger an  Leistung:  Krampf  oder  Lähmung.  Die  combinatori- 
schen  (synergischen)  Abweichungen  zeigen  eine  Verbindung  von 
nervösen,  sei  es  an  sich  physiologischen,  sei  es  quantitativ  von 
den  physiologischen  verschiedenen  Erscheinungen  mit  einander. 
Solcher  Art  ist  die  Epilepsie,  bei  welcher  starke  unwillkürliche 
Gontractionen  von  willkürlichen  Muskeln  (Krämpfe)  mit  Lähmung 
des  Bewusstseins  sich  combiniren.  Diese  Gombination  ist  so  auf- 
fülig,  dass  man  sich  in  früheren  Zeiten  nicht  anders  zu  helfen 
wusste,  als  dass  man  die  Epileptiker  Besessene  nannte  und  irgend 
einen  bösen  Geist  in  sie  hineinfahren  liess,  der  mit  ihren  Gliedern 
arbeitete.  Eine  solche  Heterologie  der  Kräfte  existirt  nicht.  Was 
im  Epileptiker  arbeitet,  sind  seine  eigenen  Nerven,  und  trotz 
aller  Absonderlichkeit  der  Leistung  ist  dieselbe  doch  in  jedem 
ihrer  Theile  eine  vorgezeichnete  und  in  diesem  Sinne  eine  phy- 
siologische. — 

Wenn  sowohl  bei  den  Muskeln,  als  bei  den  Nerven  die  Irri- 
tabilität eine  so  sehr  in  die  Augen  springende  Eigenschaft  ist, 
däss  sie  seit  langen  Jahren  ein  Gegenstand  anhaltender  Untersu- 
chungen gewesen  ist,  so  verhält  es  sich  wesentlich  anders  mit 
der  Drüsen-Irritabilität.  Begreiflicherweise  kann  es  sich  hier 
nur  um  die  Erregbarkeit  der  Drüsenzellen,  des  specifischen  Par- 


352  Fünfzehntes  Capitel. 

enchyms,  und  nicht  am  die  an  sich  unzweifelhafte  und  gewiss 
in  vielen  Fällen  sehr  wirksame  Erregbarkeit  der  Hnsknlatar  der 
Geftsse  und  Ausführongsgänge  der  Drüsen  handeln.  Aber  gerade 
deshalb  ist  die  Frage  eine  sehr  complicirte,  die  nur  unter  grossen 
Schwierigkeiten  gelöst  werden  kann.  Es  konunt  hinzu,  dass  man 
die  Drusenfunction  noch  weniger  unter  einheiüicben  Gesichts- 
punkten behandeln  kann,  wie  die  Muskel-  und  Nervenfunction. 
Denn  der  Typus  der  Drusenfunction  ist  in  sich  ganz  verschieden. 
Eine  Reihe  sehr  wichtiger  Drfisen,  insbesondere  alle  dem  Gene- 
rationssysteme angehörigen,  arbeiten  mehr  nach  dem  nutritiven 
oder  formativen  Typus;  sie  müssen  bei  der  gegenwärtigen  Be- 
trachtung ausgeschieden  werden.  Wir  können  hier  nur  diejenigen 
Drüsen  besprechen,  deren  Elemente  eine  grössere  Dauer  haben 
und  demgemäss  den  Act  der  Function  überleben.  Dahin  gehören, 
soweit  sich  bis  jetzt  erkennen  lässt,  die  beiden  wichtigsten  Drü- 
sen: die  Leber  und  die  Nieren.  Aber  auch  an  ihnen  ist  es 
schwer,  die  Function  von  der  Nutrition  zu  scheiden,  insofern  ihre 
Function  auf  Stoffwechsel  beruht.  Es  werden  Stoffe  in  die  Drfi- 
senzellen  aufgenommen,  in  denselben  verändert  und  von  denselben 
in  diesem  veränderten  Zustande  ausgeschieden.  Nichts  ist  in  dieser 
Beziehung  so  charakteristisch,  wie  die  Glykogenie  in  der  Le- 
ber. Aus  differenten  Stoffen,  wie  aus  den  Arbeiten  Bernard's 
hervorgeht,  selbst  aus  stickstoffhaltigen,  entsteht  in  den  Leber- 
zellen eine  stickstofflose  Substanz,  das  Glykogen;  dieses  wird  in 
Zucker  übergeführt  und  letzterer  in  die  Blutgefässe  ausgeschieden 
und  durch  die  Lebervenen  dem  allgemeinen  Kreislaufe  zugeleitet 
Mannichfache  Reize,  mögen  sie  nun  durch  Innervation  oder  durch 
den  Contact  scharfer,  durch  das  Blut  zugefuhrter  Stoffe  hergestellt 
werden,  erregen  diese  Thätigkeit  der  Leberzellen  und  steigern  die 
Zuckerzufuhr  zum  Blute. 

Auch  in  dieser  Form  hat  die  Drüsenthätigkeit  Manches  an 
sich,  wodurch  sie  den  Emährungsvorgängen  nahe  tritt,  und  es 
lässt  sich  begreifen,  dass  die  Lehre  von  der  functionellen  Reiz- 
barkeit nach  dieser  Seite  hin  wenig  ausgebildet  ist.  Wahrschein- 
lich würde  sie  auch  jetzt  noch  wesentlich  auf  muskulöse  und  ner- 
vöse Theile  beschränkt  geblieben  sein,  wenn  nicht  in  ziemlich  u!ki- 
erwarteter  Weise  ihr  aus  dem  Gebiete  der  scheinbar  trägen  Ein- 
zelzellen eine  jsehr  reiche  Verstärkung  an  positiven  Erfahrungen 
zugeflossen  wäre.    Diese  war  von  um  so  grösserer  Bedeutung,  als 


Automatische  Bewegungen.  353 

hier  znerst  automatische  Vorgänge  bekanntwurden,  welche  in 
der  augenfälligsten  Weise  von  allem  Nerveneinflusse  frei  sind. 

Die  Reihe  dieser  Entdeckungen  wurde  eingeleitet  durch  eine 
schnell  steigende  Zahl  von  Beobachtungen  auf  dem  Felde  der  Bo- 
tanik und  der  Zoologie,  welche  zum  Theil  jenes  Grenzgebiet  be- 
trafen, welches  Hacke  1  seitdem  unter  der  Bezeichnung  des  Pro- 
tistenreiches  abgeschieden  hat.  Indess  lieferten  auch  unzweifel- 
haft einzellige  Pflanzen,  zumal  Algen,  welche  frei  im  Wasser  le- 
ben, und  isolirte  Pflanzentheile ,  wie  die  Sporen,  sehr  wichtige 
Anhaltspunkte.  Daran  schlössen  sich  neue  Erfahrungen  über  die 
automatische  Substanz  niederer  Wasserthiere,  namentlich  über  die 
sogenannte  Sarkode  der  Süsswasserpolypen  durch  Ecker,  sowie 
über  die  contractile  Substanz  der  Polythalamien  durch  M.  Schnitze 
und  der  Radiolarien  durch  Häckel.  Seit  diesen  Autoren  ist  all- 
mählich der  Name  Protoplasma  in  einer  solchen  Ausdehnung 
für  diese  Substanzen  gebräuchlich  geworden,  dass  man  sich  des 
Bedenkens  allerdings  nicht  entschlagen  kann,  dass  derselbe  weit 
über  das  Maass  eines  wissenschaftlichen  Verständnisses  hinaus  in 
Anwendung  gebracht  wird.  Immerhin  kann  man  zugestehen,  dass 
er  bei  diesen  niederen  Organismen  eine  höhere  Berechtigung  hat. 
Wenn  bei  den  durch  de  Bary  und  W.  Kühne  genauer  bekannt 
gewordenen  Myxomyceten  diese  Substanz  nicht  bloss  der  Bewe- 
wegung  dient,  sondern  auch  in  sich  neue  Gewebselemente  erzeugt, 
so  trifft  die  Bezeichnung  gewiss  in  hohem  Maasse  zu.  Noch  mehr 
würde  dies  der  Fall  sein,  wenn  jener  neu  entdeckte  Organismus, 
welcher  den  Boden  des  atlantischen  Oceans  überzieht,  der  Bathy- 
bius,  in  der  That  keine  zellige  Organisation  erreichte,  sondern, 
wie  Huxley  beschreibt,  auf  einer  niederen  Stufe  der  Differenzi- 
rung  stehen  bliebe.  Für  die  vergleichende  Physiologie  ist  jedoch 
am  meisten  entscheidend  gewesen  die  Kenntniss  eines  bis  in  die 
neueste  Zeit  hinein  den  Infusorien  zugerechneten  Wesens,  der 
Amoebe,  deren  sehr  einfache  Organisation  und  eben  so  einfache 
Lebensthätigkeit  sie  gewissermaassen  als  den  Prototyp  des  Auto- 
matismus erscheinen  Hess.  So  ist  es  gekommen,  dass  die  Ge- 
sammtheit  der  hier  in  Betracht  kommenden  Erscheinungen  den 
Namen  der  amöboiden  erhalten  hat. 

Auch  die  eigentlich  cellulare  Erforschung  der  automatischen 
Vorgänge  begann  bei  niederen  Thieren.    In  immer  steigender  Zahl 

Vlrchow,  C«llal«r  Pathol.    4.  Aufl.  23 


364  Fünfzehntes  Capitel. 

wurden  bewegliche  Elemente  im  Innern  des  Körpers  bei 
Cepbalopoden,  Cmstaceen,  Würmern  n.  s.  f.  anfgefbnden.  Bei  den 
Wirbeltbieren  begannen,  wie  ich  schon  früher  (S.  64,  189)  er- 
wähnt habe,  die  Beobachtungen  mit  dem  Studinm  der  Flimmer- 
Zellen,  der  Pigmentzellen  und  der  farblosen  Blutkörperchen,  denen 
sich  endlich  durch  die  Entdeckung  von  Recklinghausen 's  die, 
trotz  aller  meiner  Anstrengungen  bis  dahin  von  Vielen  kaum  noch 
als  Elemente  anerkannten  Bindegewebskörperchen,  sowie  die  Eiter- 
körperchen  anschlössen. 

Manche  der  hier  in  Frage  kommenden  Erscheinungen  waren 
allerdings  schon  länger  bekannt,  aber  anderen  Reihen  von  Vor- 
gängen angeschlossen.  Ich  selbst  hatte  sie  in  höchst  charakteri- 
stischer Weise  an  zwei  verschiedenen  Arten  von  Elementen  ge- 
sehen und  gezeichnet,   nehmlich  an  Exsudatzellen  und  an  Enor- 

pelkörperchen*).   Indess  war  damals  die  Nei- 
pig.  107, 1.  gung  ^    alle    Veränderungen    der    Zellen    auf 

Jfa  %^  A0  Exosmose    und    Endosmose    zurückzufuhren, 

JB  V^  so   vorherrschend,    dass  ich   im  Zweifel   ge- 

Jj^/m^  ^^K^       blieben  war,  ob  ich  nicht  Erscheinungen  der 
"  "^Ä^  ^^         Schwellung   und  Schrumpfung   vor  mir 
'\  hätte,  welche  durch  bloss  medianische  Ein- 

wirkung von  Flüssigkeiten  verschiedener  Con- 
centration  herbeigeführt  wurden.  Die  zum  Theil  sehr  auffälligen 
osmotischen  Veränderungen**)  der  Zellen  entsprechen  zum  Theil 
dem,  was  ich  au  einer  anderen  Stelle  (S.  174,  Fig.  61  e — A)  von  den 
rothen  Blutkörperchen  beschrieben  habe,  gehen  jedoch  noch  darüber 
hinaus  und  sie  konnten  wohl  als  Grund  der  grössten  Formverände- 
rungen angesehen  werden.  Die  neueren  Beobachter  sind  gerade  im 
Gegentheil  so  sehr  von  der  Allgegenwart  und  Allwirkung  des  Pro- 
toplasma überzeugt,  dass  manche  von  ihnen  auch  alle  diese,  der 
wahren  Osmose  angehörigen  Erscheinungen  mit  zu  den  Wirkungen 
des  Protoplasma  rechnen.     Wie  mir  scheint,  wird  noch  manche 


Figf.  107,  I.  Automatische  Zellen  aus  Hydrocele  lymphatica.  durch  Function 
entleert.  Man  sieht  theil s  einzelne  haarfürmige,  theil s  gedräng:te  büschelige  Fort- 
sätze. Der  Zelleninbalt  (Protoplasma)  feinkörnig;  in  einzelnen  Zellen  kleine 
(schwärzliche)  Fettkömchen,  in  zweien  Vacuolen.     Vergr.  300. 

♦)  Archiv  18G3.     Bd.  XXVIII.    S.  237. 

*^)  Zeitschrift  för  rationelle  Uedicin  1846.  Bd.  IV.  S.  278.  Gesammelte 
Abhandl.  S.  86.    Archiv  1847.    I.     105.    III.   237. 


Automatische  Gestaltverändening  der  Zellen.  355 

Arbeit  dazu  gehören,  diese  zwei  Beihen,  die  active  und  die  pas- 
sive, auseiDanderzülösen. 

unter  den  automatischen  Veränderungen  der  Zellen  sind  fol- 
gende vier  zu  nennen: 

1)  Die  äussere  Gestaltveränderung,  insbesondere  das 
Aussenden  und  Einziehen  von  Fortsätzen.  Nirgends  habe 

Fig.  107,  H. 


ich  dies  in  so  grosser,  ja,  ich  kann  wohl  sagen,  ungeheurer  Aus- 
dehnung gesehen,  wie  an  jungen  Enorpelzellen,  namentlich  an 
Enchondromzellen.  Grohe  hat  es  in  gleicher  Weise  constatirt. 
Hier  sah  ich  (Fig.  107,  IL)  von  Zellen,  welche,  so  lange  sie  in 
ihren  Capseln  enthalten  waren,  eine  rundlich-kugelige  Gestalt  be- 
sassen,  allmählich  Fortsätze  ausgehen,  die  als  ganz  feine  Reiser- 
chen  begannen.  Nach  und  nach  verlängerten  sie  sich,  sendeten 
neue  Reiser  und  Aeste  aus,  schoben  sich  immer  weiter  und  wei- 
ter hinaus  und  wurden  so  lang,  dass  man  sie  nicht  auf  einmal 
im  Gesichtsfelde  des  Mikroskopes  übersehen  konnte.  Aus  einer 
kugeligen  oder  linsenförmigen  Zelle  wurde  so  ein  Gebilde,  welches 
einer  vielstrahligen  Ganglienzelle  glich.  Auch  darin  zeigt  sich 
eine  gewisse  Uebereinstimmung  mit  den  Bewegungen  niederster 
Organismen,  dass  die  ausstrahlende  Substanz  anfangs  homogen. 


Fip^.  107,  II.  Automatische  Zellen  aus  frisch  exstirpirtem  Enchondrom:  kör- 
niger Zellkörper,  grosser  Kern  mit  je  zwei  Nucleoli.  a  Zelle  mit  homogenen 
verzweigten  Ausläufern  nach  zwei  Richtungen,  6  mehrfache  feine  Reiser  neben 
den  grossen,  zum  Theil  körnigen  Ausläufern.     Vergr.  300. 

23* 


356 


Fänf zehntes  Capitel. 


sp&ter  in  dem  Maasse,  als  der  Zellkörper  sich  mehr  in  die  Fort- 
sätze hineinschiebt y  Icörnig  ist.  An  kleineren  Randzellen  (Fig. 
107,  I.)  treten  die  Ansl&ufer  bald  in  feinen  Bfischeln,  bald  in 
Form  einzelner  Haare  oder  Cilien  zn  Tage.  Bei  weiterer  Beob- 
achtong  habe  ich  an  pathologischen  Knorpelzellen  auch  wahrge- 


nommen, wie  der  Zellkörper  mehr  und  mehr  in  Fortsätze  sich 
auflöste  und  dem  entsprechend  sich,  fast  bis  zur  Unkenntlichkeit, 
verschmächtigte  (Fig.  107,  III.  a  u.  c).  Ja,  ich  sah  schliesslich 
die  einzelnen  Fortsätze  sich  einander  nähern,  in*  einander  fliessen 
und  sich  gleichsam  organisch  mit  einander  verbinden,  wie  es  ganz 
ähnlich  an  den  sogenannten  Pseudopodien  der  Polythalamien  und 
Badiolarien  beobachtet  wird. 

In  ähnlicher  Weise,  wie  dieses  Ausstrahlen  der  Fortsätze 
geschieht,  erfolgt  auch  das  Einziehen  derselben.  Einer  nach  dem 
andern  verkürzt  sich,  zieht  sich  allmählich  in  den  Zellkörper  zu- 
rück und  verschwindet.  Die  Zelle  nimmt  schliesslich  wieder  ihre 
rundliche  Form  an,  ja  nicht  selten  wird  diese  so  auffällig  kugelig 
und  zugleich  die  Dichtigkeit  des  Gebildes  so  gross,  dass  schon 
daran  der  ,)C!ontractions^-Zustand  erkannt  werden  kann. 

So  auffällig  diese  Vorgänge  sind,  so  muss  ich  doch  betonen, 
dass  ganz  ähnliche  durch  abwechselnde  Einwirkung  concentrirter 
und  diluirter  Flfissigkeiten  hervorgebracht  werden  können,  zumal 
wenn  ungleich  dichte  Mischungen  auf  die  Zellen  einwirken.  Durch 
concentrirte  Salz-  oder  Zuckerlösungen  kann  man  das  Zurück- 
gehen der  Fortsätze  leicht  bewirken,  wie  man  umgekehrt  durdi 


Fi|B^.  107,  in.  Au8  derselben  Geschwulst,  wie  Fi^.  107,  II.  Die  automatischen 
Zellen  noch  mehr  in  Fortsätze  aufgelöst,  letztere  viel  mehr  Terüstelt.  Der  Zell* 
körper  fast  verschwunden.     Vergr.  300. 


Molecularbewegung  und  Vacuolen  in  Zellen. 


357 


verdünnte  alkalische  Lösungen  zaweilen  recht  ausgezeichnete  Fort- 
satzbildungen hervorrufen  kann. 

2)  Das  Auftreten  von  Molecularbewegung  im  Innern 
des  Zellkörpers  (Protoplasma's).  Diese  Erscheinung  ist  zuerst 
(1845)  von  Reinhardt  an  Eiter  körperchen,  sodann  von  Remak 
an  Scbleimkörperchen  gesehen  und  von  mir  genauer  beschrieben 
worden*).  Sie  lässt  sich  durch  einen  Wechsel  in  den  Concen- 
trationszuständen  mit  Leichtigkeit  herbeiführen.  Erst  sehr  viel 
später  ist  die  allgemeine  Aufmerksamkeit  für  dieses  Phänomen 
durch  Brücke  erregt  worden,  der  darin  einen  besonderen  vitalen 
Act  sieht.  Es  lässt  sich  dies  nicht  ganz  in  Abrede  stellen,  inso- 
fern manche  automatischen  Vorgänge,  z.  B.  die  Aussendung  von 
Fortsätzen  mit  einer  moleculären  Vibration  beginnen,  indess  darf 
man  doch  nicht  so  weit  gehen,  jede  Art  der  intracellularen  Mole- 
cularbewegung als  vital  anzusehen. 

3)  Die  Bildung  von  Vacuolen  im  Protoplasma.  Schon 
seit  langer  Zeit  sind  aus  Pflanzenzellen  und  aus  niederen  Thieren 


Flg.  107,  IV. 


inmitten  der  kömigen  Substanz  ihres  Körpers  helle,  blasenfürmige 
Räume  bekannt.     Aehnliche  kommen  auch  in  Zellen  der  höheren 


Fi  (f.  107,  IV.  Eiterkorperchen  des  Frosches  im  Humor  aqueus  nach 
V.  Recklinghausen.  (Mein  Archiv  1863.  Hd.  XXVIII.  Taf.  II.  V'ig,  1.). 
Vcrf^r.  350.  Fig.  1 — 7.  Formen,  welche  dasselbe  Korpcrchen  der  Reihe  nach 
innerhalb  fünf  Minuten  annahm.  Fi^.  17—18.  Dasselbe  Kurperchcn,  mit  Vacuolen 
besetzt. 

•)  Zeithchrift  für  rationelle  Medicin  1846.    IV.    278.    (Jos.  Abh.  S.  8G. 


358  Fünfzehntes  Capitel. 

Thiere  and  des  Menschen  vor.  Jedoch  scheide  ich  diejenigen, 
welche  von  einer  besonderen  Hant  umkleidet  sind  (Physaliden), 
ausdrücklich  aus.  Die  genauere  Beobachtung  Yacuolen  tragender 
Rundzellen  (Fig.  107,  I.  Fig.  107,  IV.  17  u.  18)  ergibt,  dass  die 
hellen  Räume  manchmal  einfach  leere  oder  eigentlich  von  Wasser 
eingenommene  Stellen,  Wassertropfen  innerhalb  des  sogenannten 
Protoplasmas  sind,  andermal  dagegen  von  einer  zähen,  in  Wasser 
schwerer  löslichen  und  zuweilen  in  Form  hyaliner  Tropfen  aus 
den  Zellen  austretenden  Substanz  erfüllt  sind.  In  beiden  Fällen 
wird  durch  concentrirtere  Medien,  namentlich  Salzlösungen  die 
Erscheinung  aufgehoben.  Ebenso  kann  man  sie  jedoch  auch  durch 
Maceration  der  Zellen  in  verdünnten  alkalischen  Salzlösungen 
künstlich  erzeugen.  Auch  hier  muss  man  daher  sehr  vorsichtig 
sein  in  der  Deutung. 

4)  Die  Abschnürung  einzelner  Theite  des  Zellkör- 
pers. Es  ist  dies  eine  ähnliche  Erscheinung,  wie  wir  sie  bei  den 
rothen  Blutkörperchen  besprochen  haben  (S.  193,  266).  Im  Zusam- 
menhange mit  automatischen  Bewegungen  hat  sie  schon  Bon  er*) 
beobachtet;  später  ist  sie  von  Beale,  Stricker  und  Anderen 
als  ein  häufigeres  Phänomen  nachgewiesen  worden. 

Diese  verschiedenen  Erscheinungen,  welche  nicht  selten  neben, 
sehr  oft  kurz  nach  einander  an  einer  und  derselben  Zelle  auftre- 
ten, verändern  das  Ausseben  derselben  so  auffällig,  dass  es  häufig 
unmöglich  ist,  ohne  unmittelbare  Beobachtung  des  Vorganges  sich 
von  der  Identität  der  Zellindividuen  zu  überzeugen.  Es  sind  in 
der  That  proteusartige  Metamorphosen.  Allerdings  kann  man  sie 
sämmtlich,  wie  es  jetzt  gewöhnlich  geschieht,  auf  Contraction  be- 
zieben. Indess  haben  sie  doch  fast  durchweg  gewisse  Eigenthüm- 
lichkeiten,  welche  ihre  Veränderungen  von  den  eigentlichen  Gon- 
tractionsveränderungen  unterscheiden:  diese  Veränderungen  er- 
folgen nehmUch  mit  groser  Langsamkeit,  man  kann  fast  sa- 
gen, Trägheit,  aber  zugleich  nicht  in  einer  vorgezeichneten  Form 
oder  Ordnung,  wie  die  Bewegung  muskulöser  oder  flimmernder 
Elemente,  sondern  mit  dem  Anscheine  der  Freiheit  und 
Willkür  und  daher  zuweilen  auch  der  Absichtlichkeit. 

Erwägt  man  andererseits,  dass  in  nicht  wenigen  Fällen  es 
überaus  schwer  ist,  die  Grenzen  zwischen  den  automatischen  und 

*)  J.  H.  Boner  Die  Stase.    Inaug.  Diss.  Wärzburg  1856.    S.  7. 


Fixe  und  mobile  Zellen.  359 

den  osmotischen  Veränderungen  za  ziehen,  so  wird  man  begreifen, 
mit  welchen  Schwierigkeiten  das  Studium  dieser  Phänomene  um- 
geben ist.  Auch  eine  blosse  Schrumpfung  durch  Exosmose 
oder  Schwellung  durch  Endosmose,  also  ganz  physikalische 
Acte  ohne  alle  Beziehung  zum  Leben,  kann  unter  Umst|lnden 
vorkommen,  wo  sie  den  Eindruck  der  Freiwilligkeit  und  selbst 
der  Absichtlichkeit  macht.  Umgekehrt  wieder  sind  wir  bei  vielen 
automatischen  Acten  in  der  That  ganz  ausser  Stande,  zu  erken- 
nen, ob  eine  Absicht  bestand,  ob  der  Vorgang  auf  einer  Erregung 
beruhte,  ob  demnach  das  Element  selbst  ein  reizbares  ist  und  ob 
der  automatische  Vorgang  als  ein  Beweis  der  Irritabilität  der 
Zelle  angesehen  werden  darf.  In  dieser  Beziehung  haben  wir 
jedoch  zwei  bestimmte  Anhaltspunkte:  zunächst  den  Nachweis, 
der  zuerst  bei  den  automatischen  Pigmentzellen  der  Froschhaut 
geführt  wurde,  dass  die  Veränderungen  unter  dem  Nerveneinflusse 
stehen ;  sodann  die  Thatsache,  dass  wir  durch  stärkere  Reizmittel, 
wie  Elektricität ,  Wärme,  Licht,  chemische  Substanzen  automati- 
sche Vorgänge  hervorzurufen  vermögen.  So  hat  noch  kürzlich 
wieder  Roll  et  t  die  Beobachtung  W.  Kühne's  bestätigt,  dass 
die  Homhautkörperchen  sich  auf  elektrische  Schläge  zusammen- 
ziehen. 

Handelte  es  sich  bei  diesen  Vorgängen  nur  um  befestigte 
(fixe)  Elemente  der  Gewebe,  so  könnte  man  vielleicht  glauben,  es  . 
werde  bei  weiterer  Forschung  gelingen,  überall  einen  Zusanmien- 
hang  derselben  mit  Nerven  aufzufinden.  Aber  das  Vorhandensein 
automatischer  Eigenschaften  an  losen  und  in  Flüssigkeiten  be- 
findlichen (infusoriellen)  Zellen  überhebt  uns  in  dieser  Beziehung 
einer  jeden  Sorge.  Wie  schon  erwähnt  (S.  189),  hat  Wharton 
Jones  zuerst  an  den  farblosen  Blutkörperchen  solche  Vorgänge 
beobachtet.  Damit  war  für  Jedermann,  der  lernen  wollte,  der 
Beweis  geliefert,  dass  es  sich  um  einfache  Zellen -Eigenschaften 
handelte.  Später  hat  dann  v.  Recklinghausen  in  der  Horn- 
haut und  im  Bindegewebe  neben  den  fixen  Elementen  auch  be- 
wegliche wahrgenommen  und  zuerst  festgestellt,  dass  dieselben 
wirkliche  Orts  Veränderungen  vornehmen,  also  wahre  Wander- 
z eilen  sind. 

Die  von  Waller  und  Cohnheim  gefundene  (S.  189)  That- 
sache, dass  die  farblosen  Blutkörperchen  nicht  bloss  ihre  Gestalt 
verändern,  sondern  auch  die  Fähigkeit  der  Orts  Veränderung  be- 


3()0  FünfzcliQtes  Capitel. 

sitzen,  so  dass  sie  selbst  die  Gefasse  verlassen  ond  anf  Oberflächen 
and  in  Gewebe  des  Körpers  aaswandern,  hat  es  in  hohem  Maasse 
erschwert  zu  erkennen,  ob  gewisse  mobile  Elemente,  welche  sich 
im  Inneren  von  Geweben  finden,  in  dieselben  eingedrangene  farb- 
lose Blatkörperchen  oder  mobilisirte  Elemente  des  Gewebes 
selbst  sind.  So  ist  eine  grosse  Verwirrung  in  der  Interpretation 
der  Thatsachen  entstanden,  und  es  ist  in  der  That  in  vielen 
Fällen  noch  jetzt  ganz  unmöglich,  genau  festzustellen,  wofür  man 
sich  entscheiden  soll.  Jeder  Einzelne  urtheilt  unter  solchen  Ver- 
hältnissen mehr  nach  der  von  ihm  angenommenen  Formel,  als 
nach  der  wirklichen  Beobachtung.  Meiner  Erfahrung  nach  ist  es 
irrig,  eine  einzige  Formel  als  richtig  anzunehmen.  Sowohl  im 
Bindegewebe,  als  in  jungen  Epitheliallagen  können  vorher  befe- 
stigte Zellen  mobilisirt  und  ebenso  vorher  mobile  Zellen  fiurt 
werden.  Die  Mobilisirung  geschieht  in  Folge  von  Reizung,  und 
insofern  hat  man  ein  Recht,  auch  diesen  Act  als  eine  Wirkung 
der  Reizbarkeit  der  Zellen  anzusehen. 

Die  Gewebsolemente  des  menschlichen  Körpers,  welche  einer 
Mobilisirung  unterliegen,  gehören,  abgesehen  von  den  lymphatischen 
und  Blutzellen,  ausschliesslich  der  Gruppe  der  bindegewebigen  und 
epithelialen  Formationen  an.  Für  viele  dieser  Elemente  ist  mit 
dieser  Erkenntniss  erst  die  Möglichkeit  gegeben,  ihnen  überhaupt 
eine  Function  in  dem  strengen  Sinne  des  Wortes  zuzuschreiben. 
Xach  ihrer  Mobilisirung  verhalten  sie  sich,  wie  die  Amoebe  und 
andere  ähnliche  Sonderorganismen,  die  Hack el  in  der  Klasse  der 
Moneren  vereinigt  hat.  Sie  erscheinen  als  vollständig  individu- 
alisirte,  wenigstens  zeitweise  gänzlich  freie  und  abgesonderte  Kör- 
per, welche  den  Gedanken  der  Zellen -Individualität  im  höchsten 
Maasse  veranschaulichen. 

Es  ist  endlich  noch  eine  besondere  Eigenschaft  zu  besprechen, 
welche  aus  dem  bisher  mitgetheilten  als  eine  einfache  Consequenz 
folgt;  das  ist  die  Voracität  dieser  Elemente  (S.  101,  189).  Sie 
„fressen^  allerlei  Dinge,  auch  vollständig  unverdauliche  und  nicht  as- 
similirbare.  Auch  in  dieser  Beziehung  gleichen  sie  vielen  niederen 
Organismen.  Namentlich  durch  Ehren berg  waren  die  sogenann- 
ten Färbungen  der  Infusorien  mit  FarbstoiFtheilchen,  namentlich 
mit  Indigo  und  Carmin  in  Gebrauch  gekommen;  es  sollte  damit 
gezeigt  werden,  dass  diese  „Thiere^  Mund,  Magen  und  Ader  be- 
sässen,    also   eine  vollkommene  Organisation   hätten.     Genauere 


Blutkurpercheuhalligo  Zellen.  361 

Beobachtungen  haben  auch  für  die  Infasorien  gelehrt ,  dass  diese 
Argumentation  falsch  war;  sie  haben  im  Gegentheil  gezeigt,  dass 
manche  Wesen  an  jeder  beliebigen  Stelle  ihrer  Oberfläche  andere 
Körper  aofinehmen,  in  ihr  Inneres  pressen  und,  in  verschiedener 
Weise  verändert,  wieder  aaswerfen  können,  ohne  dass  sie  Mund, 
Magen  oder  After  besitzen.  * 

Für  die  Lehre  vom  Menschen  trat  diese  Frage  zuerst  in  einer 
entscheidenden  Weise  in  den  Vordergrund  bei  Gelegenheit  der  so- 
genannten blutkörperchenhaltigen  Zellen.  Schon  als  ich 
meine  ersten  Beobachtungen  über  die  Entstehung  der  pathologi- 
schen Pigmente  veröffentlichte*),  musste  ich  mich  gegen  die  da- 
mals von  Eölliker  und  Ecker  vectheidigte Hypothese  erklären, 
welche  dahin  ging,  dass  unter  gewissen  Verhältnissen  Haufen  von 
Blutkörperchen  sich  zusammenballten  und  daraus  Zellen  entstän- 
den. Andererseits  hatten  Rokitansky  und  Engel  für  patholo- 
gische, Ger  lach  und  Schaffner  für  physiologische  Verhältnisse 
die  Möglichkeit  aufgestellt,  dass  in  gewöhnlichen  Zellen  nachträg- 
lich eine  Neubildung  von  rothen  Blutkörperchen  stattfinde,  dass 
also  diese  Zellen  Mutterzellen  für  Blut  darstellten.  Ich  wies  nach**), 
dass  es  sich  hier  um  das  Eindringen  präexistirender  Blutkörper- 
chen in  präexistirende  Zellen,  also  um  keinerlei  Art  von  Neubil- 
dung, sondern  nur  um  die  Incorporirung  von  Blutkörperchen  in 
andere  Zellen  handle,  und  da  diese  Zellen,  wenigstens  zum  Theil, 
persisCiren  und  aus  den  Blutkörperchen  Pigment  hervorgeht,  um 
eine  secundäre  Pigmentbildung  in  Gewebselementen.  Obwohl  ich 
schon  damals  auf  die  Analogie  dieser  Vorgänge  mit  dem  „Fres- 
sen^ der  mundlosen  Infusorien  hinwies,  so  hielt  ich  doch  das 
Eindringen  der  Blutkörperchen  in  die  Zellen  für  einen  mechani- 
schen Act,  welcher  durch  die  Gewalt  des  extravasirenden  Blutes 
hervorgebracht  werde.  Ich  dachte  mir,  dass  das  aus  Gefassru- 
pturen  austretende  Blut  durch  Rupturen  der  Wand  in  Zellen  ein- 
dringe und  hier  liegen  bleibe. 

Erst  Preyer  hat  bei  direkter  Beobachtung  unter  dem  Mikroskop 
gefunden,  dass  manche  bewegliche  Zellen,  z.  B.  farblose  Blutkör- 
perchen, unter  Umständen  rothe  Blutkörperchen  umfassen,  in 
ihr  Inneres  hineinpressen  und  in  sich  aufnehmen.    In  besonders 


•)  ArHiiv   1847.     I.     381,  451. 
♦*j  Archiv  lö.Vi.     IV.    515.     1853     V.     405. 


362  Fünfzehntes  Capitel. 

ausgezeichneter  Weise  ist  später  dargethan  worden,  dass  dieselben 
Farbstoff körner,  welche  die  Infusorien,  ^fressen^,  von  farblosen 
Blntkörperchen  and  anderen  Zellen  gleichfalls  anfgenommen  wer- 
den: Indigo,  Carmin,  Zinnober  werden  auf  diese  Weise  incorporirt, 
und  manche  Zellen  zeigen  eine  ungemein  grosse  Gefrässigkeit  für 
derartige  fremde,  glefchviel  ob  verdauliche  und  veränderliche  oder 
unverdauliche  und  unveränderliche  Körper.  Eohlenstückchen  wer- 
den auf  diese  Weise  von  Schleimkörperchen  der  Luftwege  mit 
grosser  Leichtigkeit  aufgenommen  (S.  15,  Fig.  8,  ß  b). 

Dass  es  sich  bei  diesem  „Fressen^  nicht  einfach  um  Er- 
nährung handelt,  habe  ich  schon  früher  bemerkt  (S.  101).  Aber 
"ich  muss  auch  davor  warnen,  jedes  Eindringen  von  fremden  Kör- 
pern in  das  Innere  von  Zellen  als  das  Resultat  automatischer  Be- 
wegungen anzusehen.  Unzweifelhaft  gibt  es  auch  Incorporirungen 
fremder  Körper,  wobei  das  incorporirende  Element  sich  ganz  passiv 
verhält.  Ein  mikroskopisches  Kohlensplitterchen  kann  vermöge 
der  Schärfe  und  Spitzigkeit  seiner  Ecken  gewiss  ebenso  gut  in 
eine  Zelle  hineindringen,  wie  ein  scharfes  Instrument  in  den  Kör- 
per. Kleine  Entozoen  und  Pilze  dringen  vermöge  ihrer  eigenen 
Tbätigkeit,  mag  diese  nun  in  selbständigen  Bewegungen,  oder  in 
fortschreitendem  Wachsthum  und  Absorption  entgegenstehender 
Widerstände  beruhen,  in  das  Innere  von  Grewebselementen  ein; 
ja  sie  können  dieselben  gänzlich  erffillen  und  die  specifische  Sub- 
stanz verdrängen  oder  aufzehren.  Wir  wissen  dies  nicht  nur  von 
den  Trichinen,  welche  in  Muskelfasern  einwandern,  sondern  auch 
von  Pilzen  und  Vibrionen,  die  in  pflanzliche  und  thierische  Zellen 
eindringen  und  sich  darin  vermehren. 

Diese  Anfäbrungen  werden  genügen,  um  zur  Vorsicht  in  der 
Deutung  der  Beobachtungen  aufzufordern.  Veränderungen,  welche 
dem  Anscheine  nach  vollständig  unter  einander  übereinstimmen, 
kommen  auf  ganz  verschiedene  Weise  zu  Stande.  Trotzdem  kann 
kein  Zweifel  darüber  bleiben,  dass  die  Voracität  der  Elemente, 
gleich  der  Migration  und  dem  Polymorphismus  derselben,  als  Er- 
gebniss  ihrer  Tbätigkeit  und  als  Merkmal  ihrer  Irritabilität  wirk- 
lich existirt.  Alle  diese  Erscheinungen  gehören  demselben  Gebiete 
an,  —  einem  Gebiete,  welches  ich  mit  dem  Namen  des  Anto- 
matismus  bezeichne,  und  dessen  Kenntniss  vielleicht  als  das 
wichtigste  Ergebniss  der  auf  das  Einzelleben  bezüglichen  For- 
schungen 'der  Neuzeit  bezeichnet  werden  darf.   Die  Zahl  der  func- 


Pathologische  Störung  der  Zellen.  363 

tioDell  activen  £leineBte  des  Körpers  ist  dadurch  auf  das  Aeusserste 
vermehrt  worden. 

Auch  auf  diesem  Gebiete,  wie  auf  dem  aller  anderen  fnnctio- 
uellen  Theile,  beschränkt  sich  die  pathologische  Störung  auf  das 
Quantitative.  Nirgends  gibt  es  qualitative  Abweichungen.  Die 
Function  ist  da  oder  sie  ist  nicht  da;  ist  sie  da,  so  ist  sie  ent- 
weder verstärkt  oder  geschwächt.  Das  gibt  die  drei  Grundformen 
der  Störung:  Mangel  (Defect),  Schwächung  und  Verstär- 
kung der  Function.  Eine  andere  Function,  als  die  physiolo- 
gische, wohnt  auch  unter  den  grössten  pathologischen  Störungen^ 
keinem  Elemente  des  Körpers  bei.  Der  Muskel  empfindet  nicht, 
der  Nerv  bewegt  keinen  Knochen,  der  Knorpel  denkt  nicht.  Auch 
hier  ist  es  nur  die  oft  höchst  sonderbare  und  complicirte  Synergie 
verschiedener  Theile  oder  gar  die  Combination  activer  und  passi- 
ver Zustände,  welche  eine  scheinbar  quantitative  Abweichung  er- 
geben. Aber  eine  wissenschaftliche  Analyse  wird  und  muss  jedes- 
mal ergeben,  dass  auch  die  ungewöhnlichste  Krankheit  keine  neue 
Form,  keine  eigentliche  Heterologie  der  Function  mit  sich  bringt. 


Sechzehntes  Capitel. 

Notritiye^and  formatire  Reizung.    Neubildong  und 

Entzandung. 


Natritive  Eeisbarkeit.  Genaaere  Definition  der  Brn&hraDg.  Hyp«rtrophi«  und  HypcrplMi«. 
Atrophie,  ApiMle  und  Nokroblote  alt  Fornen  de«  Schwunde«  (PhthiiU):  r«gre««ive  Pro- 
ce««e.  Weeen  der  Ernihrnng:  Anfnahm«  und  Aneiffnong  der  Stoffe  dnreh  eigene  ThitigheiL 
Croditit  und  Aesimilellon.  Fizirnng  der  Stoffe:  Gegenteti  sn  todten  und  «chleclit  emihrten 
Theilen;  Beeorption  und  Kachexie.  Gate  Ernihrnng.  Strletum  et  laxam,  Tonne  und  Atonie, 
Kraft  und  Schwäche.  Torgor  vlulie.  Motritlve  Reise:  trophtaehe  Nerven.  Krankhafte  Hy- 
pertrophie: parenchjmatSee  Entafinditng;  trnbe  Schwellnng.  Niere,  Knorpel,  Haot,  Homhant 
Die  nenropathologlsche  und  die  humoralpathologieche  Doetrin.  ParenchjaiatAee  Sdivellung. 
NutrltiTc  Beetitntion  and  Nekrobiote.  Stadien  der  parenchjmatAeen  Entsnndnag.  Active 
Natur  dieses  Proceetet. 

Porroatlve  Reisbarkeit  Theilnng  der  KernkÖrperchen  and  Kerne  (Nueleation) :  vielkemlge  £!•• 
mente,  Rieeensellen  (Knochenmark,  Mjeloidgetehwulet,  lymphatische  Neabildnngen).  For- 
mative  Muskelreisang  im  Ver^ieich  snm  Moskelvaehsthnm.  Nenbiidnng  der  Zellen  durch 
Theilung  (fisslpare  Cellulation) :  Knorpel,  epitheliale  und  bindegewebige  Nenbiidnng.  Wn- 
chernng  (Proiiferation).  Anawanderung  der  farblosen  BlutkSrperehen  und  ans  ihnen  hetver- 
gehende  Organisation.  Die  plastischen  (histogenetischen)  Stoffe;  der  Bildungatrlcb.  Negation 
der  estracellularen  Neubildung  und  der  Bildnngsstoffe.  Die  Ncnblldung  als  Thitigkeit  der 
Zellen.    Pormative  Reise.    Die  humoral  pathologische  und  nenropathologlsche  Doctrin. 

EntsÜDdlirhe  Beicung,  Entsnndnng.  Nenroparalytlsche  Bnta&ndung  (Vagus,  Trigeainns);  Lnpra 
anaesthetiea.    Pridlsposition  und  neurotische  Atrophie.    Die  EntsAndnng  als  CoUeetiv Vorgang. 


Während  die  fanetioaelle  Reizbarkeit,  deren  Wirkungen  wir  im 
vorigen  Capitel  besprochen  haben,  den  Liebiingsgegenstand  der 
Stadien  unserer  Physiologen  darstellt  und  daher  im  Lanfe  der 
letzten  Jahrzehnte  fast  ausschliesslich  von  ihnen  verfolgt  worden 
ist,  80  ist  das  Gebiet  der  nutritiven  Reizbarkeit  noch  ge- 
genwärtig vielmehr  der  pathologischen  Untersuchung  vorbehalten 
geblieben,  und  manche  sehr  wichtige  Seite  der  Betrachtung  hat 
sich  deshalb  lange  der  allgemeinen  Aufmerksamkeit  entzogen.  Es 
war  dies  der  Grund,  weshalb  ich  schon  früher,  im  fünften  und 
sechsten  Capitel,  die  Ernährung  zum  Gegenstande  einer  besonderen 


Nutritive  Reizbarkeit.  365 

Erörterang  gemacht  habe.  Auf  diese  Erörterung  kann  ich  mich 
hier  beziehen.  Man  wird  danach  leicht  ersehen,  dass  ich  nnter 
der  Bezeichnung  der  nutritiven  Reizbarkeit  die  Fähigkeit  der  ein- 
zelnen Theile  verstehe,  auf  bestimmte  Erregungen  mehr  oder  we- 
niger viel  Stoff  in  sich  aufzunehmen  und  festzuhalten.  Ich  kann 
sogleich  hinzusetzen,  dass  mit  einer  solchen  vermehrten  Aufnahme 
in  das  Innere  der  Elemente  die  wichtigsten  jener  Prozesse  be- 
ginnen, welche  das  Gebiet  der  pathologischen  Anatomie  ausmacheo. 

Ein  Theil,  der  sich  ernährt,  kann  sich  dabei  entweder  be- 
schränken auf  die  einfache  Erhaltung  seiner  Masse,  oder  er  kann, 
wie  wir  besonders  in  pathologischen  Fällen  sehen,  eine  grössere  oder 
geringere  Masse  von  Material  in  sich  auihehmen,  als  im  gewöhnlichen 
Laufe  der  Dinge  geschehen  wäre.  In  welcher  Weise  oder  in  welcher 
Masse  aber  auch  die  Aufnahme  erfolgen  mag,  so  bleibt  doch  die 
Zahl  der  histologischen  Elemente  vor  und  nach  einer  bloss  nutriti- 
ven Erregung  sich  gleich.  Dadurch  unterscheidet  sich  die  einfache 
Hypertrophie  von  der  Hyperplasie  (numerischen  oder  adjunctiven 
Hypertrophie),  mit  welcher  sie  im  äusseren  Effect  oft  eine  so 
grosse  Aehnlichkeit  hat  (S.  90,  Fig.  29,  B).  Solche  einfache 
Hypertrophien  beobachten  wir  an  den  Muskeln,  den  Nerven  (S. 
275),  den  Epithelien,  insbesondere  den  Drusenzellen,  den  Zellen 
des  Bindegewebes,  am  häufigsten  des  Fettgewebes.  Eine  Steigerung 
der  naturlichen,  adäquaten  Reize  bedingt  sehr  leicht  eine  der- 
artige Ycrgrösserung  der  Elemente.  Ein  Muskel,  der  gegen  grössere 
Widerstände  zu  arbeiten  hat,  bekommt  dickere  Primitivbundel ; 
das  Epithel  einer  Niere,  welche  mehr  Harnstoff  abzusondern  hat, 
vergrössert  sich.  Daher  haben  diese  Hypertrophien  häufig  eine 
compensatorische  Bedeutung.  Das  Herz  wird  hypertrophisch, 
wenn  die  arterielle  Blutbahn  kleiner  wird;  die  eine  Niere  wird 
hypertrophisch,  wenn  die  andere  schrumpft. 

Ebenso  unterscheidet  sich  die  einfache  Atrophie  sowohl  von 
der  Aplasie,  der  ursprünglichen  Mangelhaftigkeit  in  der  Bildung 
einzelner  Theile,  als  auch  von  der  Nekrobiose  (numerischen  oder 
degenerativen  Atrophie),  welche  eine  wirkliche  Zerstörung  und 
Detritusbildung  bedingt  (S.  335).  Seit  alter  Zeit  hat  man  diese 
drei,  in  sich  verschiedenen  Zustände  ganz  gewöhnlich  unter  dem- 
selben Namen  zusammengefasst:  die  Bezeichnung  des  Schwun- 
des oder  der  Schwindsucht  (Phthisis,  Phthoe,  Tabes),  obwohl 
häufiger  in  dem  Sinne  eines  allgemeinen,  den  ganzen  Körper  be- 


366  Sechzehntes  Capitel. 

treffenden  Prozesses  angewendet,  bat  doch  bis  in  die  neueste  Zeit 
auch  als  Ausdrack  für  locale  Prozesse  gedient,  z.  B.  Phthisis  bnlbi, 
testicnli.  Will  man  sich  jedoch  das  Verständniss  der  krankhaften 
Vorgänge  sichern,  so  muss  man  nothwendig  die  drei  Vorgänge 
ans  einander  halten*).  Denn  es  liegt  auf  der  Hand,  dass  me 
mangelhafte  Bildung  und  Entwickelnng  ganz  andere  Bedingungen 
und  ein  ganz  anderes  Wesen  hat,  als  eine  mangelhafte  Erbaltong 
eines  im  Uebrigen  regelmässig  gebildeten  und  entwickelten  Thei- 
les.  Letztere  stellt  immer  einen  Rückgang  (regressiven  Prozess) 
dar.  Insofern  stimmt  sie  überein  mit  der  Nekrobiose,  welche  den 
Rückgang  in  seiner  schlinmisten  Form  ausdrückt.  Aber  die  Nekro- 
biose  ist  eine  Art  des  örtlichen  Sterbens;  der  davon  befallene 
Theil  stirbt  definitiv  ab,  und  er  kann  nur  wieder  ersetzt  werden 
durch  einen  regenerativen  Prozess  der  Neubildung,  während  der 
atrophische  Theil  trotz  seines  verschlechterten  Zustandes  persisürt, 
sich  erhält  und  bei  Verbesserung  dieses  Zustandes  im  Wege  der 
einfachen  Ernährung  reparirt  oder  restaurirt  wird.  Derselbe 
Theil,  oder  sagen  wir  noch  genauer,  dasselbe  Element  kann  im 
Laufe  der  Zeit  in  immer  wechselnder  Weise  bald  normal  ernährt 
werden,  bald  atrophisch  und  hypertrophisch  werden,  wie  das  Bei- 
spiel der  Muskeln  vortrefflich  lehrt.  Grundbedingung  ist  jedoch, 
dass  das  Element  überhaupt  vorhanden  ist  und  dass  trotz  alles 
Wechsels  die  erhaltende  Thätigkeit  nicht  aufhört. 

Die  wahre  Ernährung  ist  also  unter  allen  Verhältnissen  auf 
die  Erhaltung  des  Theils  gerichtet,  und  begreiflicherweise  kann 
sie  nur  ein  Mehr  oder  Weniger  normaler  Vorgänge  darstellen. 
Sie  besteht  nicht  etwa  in  einer  blossen  Aufnahme,  auch  nicht  in 
einem  blossen  Stoffwechsel,  der  sich  aus  Aufnahme  und  Abgabe 
zusammensetzt,  sondern  ganz  wesentlich  in  der  Aneignung  der 
Stoffe.  Bei  letzterer  ist  wiederum  zweierlei  zu  unterscheiden. 
Zunächst  die  Umwandlung  der  aufgenommenen  Stoffe  in  die  be- 
sondere Substanz  des  Parenchyms,  die  sogenannte  Assimilation. 
Wenn  wir  in  der  Nahrung  auch  die  mannichfaltigsten  Stoffe,  selbst 
Parenchymsubstanz  gemessen,  so  gelangen  doch  höchstens  das 
Wasser  und  einige  Stoffe  von  mehr  indifferenter  Art,  niemals  die 
specifische  Parenchymsubstanz  als  solche  vollständig  präparirt  vom 


*)  Handb.  der  spec.  Pathologie  und  Ther.    I.    304. 


Assimilirung  und  Fixining  der  Nährstoffe.  367 

Magen  oder  vom  Blute  aus  in  die  Gewebe*).  Es  genügt  nicht, 
Blutwurst  zu  essen,  um  Blutkörperchen  zu  erzeugen,  oder  Hühner- 
eier, um  Harkstoff  in  die  Nerven  absetzen  zu  lassen;  ehe  aus 
Fleisch  wieder  Fleisch,  aus  genossener  Leber  wieder  Leber  wird, 
müssen  die  daraus  entstandenen  Verdauungsstoife  (Peptone)  erst 
wieder  einer  chemischen  Umsetzung  unterliegen,  und  die  Emäh- 
rungs-Thätigkeit  besteht  gerade  zu  einem  wesentlichen  Theile 
darin,  dass  die  in  noch  er u dem  Zustande  aufgenommene  Sub- 
stanz in  wirkliche  Gewebssubstanz  umgewandelt  wird.  Dies  kann 
ganz  und  gar  innerhalb  der  Zellen  geschehen;  sehr  häufig,  ins- 
besondere bei  allen  mit  Intercellularsubstanz  versehenen  Geweben, 
ist  die  Assimilation  erst  vollendet,  wenn  die  neu  entstandene 
Substanz  in  die  Umgebung  der  Zellen  abgesondert  ist.  Binde- 
gewebe (leimgebendes  Gewebe)  kann  nicht  einfach  dadurch  re- 
staurirt  werden,  dass  wir  Leim,  etwa  in  Form  einer  Brühe,  ge- 
niessen.  Dieser  Leim  geht,  wie  das  genossene  Eiweiss,  zum 
grösseren  Theile  in  Harnstoff  über,  ohne  wieder  zu  eigent- 
lichem Gewebsmaterial  verwendet  zu  sein.  Die  Ernährung  der 
Bindegewebs -Intercellularsubstanz  haben  wir  uns  vielmehr  so  zu 
denken,  dass  aus  einem  Theile  der  Peptone  neues  Bluteiweiss  ge- 
bildet wird,  dass  sodann  von  diesem  ein  Theil  in  die  Bindege- 
webskörperchen  aufgenommen  und  umgesetzt  wird,  und  dass  end- 
lich dieser  umgesetzte,  leimartige  Stoff  aus  den  Körperchen  in  die 
Intercellularsubstanz  ausgeschieden  wird.  Die  assimilirende  Thä- 
tigkeit  ist  daher  keineswegs  eine  so  einfache,  wie  man  sie  sich 
häufig  denkt. 

Zweitens  gehört  jedoch  zu  der  Ernährung  die  Fixirung  der 
aufgenommenen  und  assimilirten  Stoffe.  Ich  verstehe  darunter  die 
Fähigkeit,  diese  Stoffe  an  dem  Orte,  wohin  sie  zur  Bewahrung 
des  Status  quo  gehören,  auch  festzuhalten,  sie  dem  Spiele  des 
Stoffwechsels,  insbesondere  der  Exosmose  zu  entziehen.  Hämo- 
globin ist  eine  in  Wasser  lösliche  Substanz.  Es  genügt,  Blutkör- 
perchen in  e